Die Thematik findet sich immer wieder in den Bestsellerlisten, so auch derzeitig in "Freizeichen“ von Ildiko von Kürthy. Bei Martin Suter handelt es sich hingegen, jedoch nicht um die klischeehafte Persönlichkeitswandlung aufgrund der Midlife-Crisis, sondern um die unfreiwillige Identitätskrise des 33Jährigen Fabio Rossi, der nach einer Kopfverletzung im Krankenhaus erwacht und feststellen muss, dass zwischen ihm und seiner Erinnerung die Kündigung seiner Anstellung als Journalist einer Sonntagszeitung, eine PR-Blondine, die schon seit ein paar Wochen seine Freundin sein soll und die Tatsache, dass sein Kollege und bester Freund und seine Lebensgefährtin ein Paar sind, stehen.
" … Die folgenden vierundzwanzig Stunden war er damit beschäftigt,
seinen Kater zu verkraften. Und die Berichte anderer Gäste über
Einzelheiten seines Exzesses. Die Panik kam erst, als er feststellte, dass
etwa vierzehn Stunden seines Lebens ausgelöscht waren. Sosehr er sich
anstrengte, er konnte sie lernen, er konnte sie recherchieren wie eine Geschichte,
die ein anderer erlebt hat. Aber seine eigene Version, seine persönliche
Erfahrung war unwiederbringlich weg. Wie früher der Milchzahn auf dem
Fenstersims am nächsten Morgen.
Diese Erfahrung hatte Fabio so erschreckt, dass er danach zwei Jahre lang
überhaupt keinen Alkohol mehr angerührt hatte und bis heute nie
mehr betrunken war. Diesmal waren fünfzig Tage weg. …“
Mit dem Gegenteil seiner selbst konfrontiert, versucht er die nahe Vergangenheit aufzuarbeiten. Den Zeitraum seines black out zu rekonstruieren erweist sich jedoch als mühselig und erschwerlich; zum einen, da er nach seiner radikalen 180 ° Wende nicht mehr die Sympathien seines Umfeldes und die der Redaktion besitzt, zum anderen wurden auf seinem Handhold und seinem Powerbook entscheidende Daten manipuliert.
Geradezu gelungen ist dabei die erzähltechnische Koppelung, welche das Puzzle seiner selbst und die Recherchen an seiner letzten Story einer "ganz großen Sache“ verflicht, sodass der Plot sich auf zwei Ebenen abspielt.
Hinter
einer Reportage über Lokführer, vor deren Zügen Menschen
Selbstmord verübten verbirgt sich der Suizid eines Lebensmittelkontrolleurs,
welcher an einem Verfahren zum Beweis von Prionen in Lebensmitteln experimentierte.
Die Aufzeichnungen, Interviews Unterlagen zu dem Skandal der mit BSE verseuchten
Schokoriegel, welche das Creutzfeld-Jakob Syndroms auslösen, sind unauffindbar.
Bedenkt man Ministerin Künast und den Anbau von Gen-Mais, so wohnt der erschreckenden Lebensmittelherstellung des Romans eine beängstigende Aktualität inne, der sich der Verbraucher auch in der Realität hilflos ausgeliefert sieht.
Patrick Süßkind des 21. Jahrhunderts, Gerüche, Impulse, Bilder sind die Parameter, die gegen den Gedächtnisverlust wirken und Schritt für Schritt, Seite für Seite das Problem der technisch erzeugte Funktion Food Produkten an´s Tageslicht befördern und zugleich die dunkle Seite des Charakters von Fabio Rossi erhellen:
"…fast jeder kommt in seinem Leben einmal an einen Punkt, an dem er ausprobiert, ob es sich dabei nicht vielleicht um sein wahres Selbst handelt."?
Das Buch ist ein Spiegel seiner Gesellschaft, und uns Lesern fällt
es sicherlich genau so schwer sich wiederzuerkennen wie dem Protagonisten
selbst. Ein unablässiges Streben nach Entgrenzung und Veränderung,
um dann, wie das Buch bei der Tai Chi Rehabilitation der posttraumatischen
Gedächtnislücke schreibt, mit exotischen Trend-Sportarten seine
Mitte zu finden.
Geld und die damit verbundene Korruption. Ist Verrat heute tatsächlich
ein obligatorischer Tagesordnungspunkt? Ob Martin Suters „Ein perfekter
Freund“ um Striplokale, Prostitution oder um die Nichtveröffentlichung
eines Zeitungsartikels kreist, die Frage nach Käuflichkeit ist von
moralischer Natur, und fließt gesellschaftskritisch in den Handlungsstrang
mit ein.
Der
Erzählmodus bedient sich dennoch keines Zeigefingergestus, sondern
einer nüchternen Sprache, welche durch eine ungeheuere Präzision
in der Beschreibung der Krankengeschichte beeindruckt.
Dies ist viel mehr die Besonderheit des Buches, das nicht mit kopflastigen
Satzkonstrukten aufwartet, sondern durch die subtile Wortwahl Glaubwürdigkeit
vermittelt.
Martin Suters Prosa ist darüber hinaus versetzt mit ironisch sarkastischen
Einschüben. Hinter dem `Schleier des Nichtwissen` ist der Protagonist
darauf angewiesen Eselsbrücken zur Memorierbarkeit zu bilden. Ein :
Yvonne Faniente -Dolcefarniente- ein mentales Bild, Yvonne räkelt sich
nackt am Pool und leckt an einem Himbeereis.
Will
man das Buch jedoch zwingend in ein Genre pressen, so enttäuscht es
als Thriller mit der Erwartung an puren Nervenkitzel oder als Krimi mit
dem fehlenden Motiv des Selbstmordes.
"Ein perfekter Freund“ ist letztlich eine fulminante Komposition
eines Kriminalromans, eines Thrillers und eines psychologischen Porträts.
Das
Selbstbild; bei dem Sartre in seinen philosophischen Schriften betont, dass
unser eigener Entwurf abhängig von Bezugspersonen sei. Nun tritt aber
der ungünstige Umstand ein, dass in Martin Suters Psychothriller Fabios
bester Freund Lucas Jäger mit seiner Ex-Freundin Norina liiert ist.
Und eben diese geht Fabio nach seiner Gehirnwäsche nicht aus dem Kopf,
da er sich bewusst darüber wird, dass er sie wirklich liebt.
Eine Anhäufung von existentiellen Zerwürfnissen.
Rossis Realität ist somit stark von der eigenen ausradierten Wahrnehmung
abhängig, weil die Störfaktoren Eifersucht und der Verdacht, Lucas
habe Aufzeichnungen geklaut das gegenseitige Vertrauen beeinträchtigen.
Ebenso ambivalente Figuren fanden die Kinoanhänger 2002 in der chronologisch szenisch einzigartigen Verfilmung von Christopher Nolans "Memento“, in dem Guy Pearce wegen eines gestörten Kurzzeitgedächtnisses dazu gezwungen ist, seine Handlungsweisen über Hilfsmittel nachzuvollziehen. Die wesentliche Gemeinsamkeit der beiden Werke besteht darin, dass der Zuschauer als auch der Leser in die Reflexionen über die vielseitigen Varianten des Erinnerns aktiv mit einbezogen werden.
Mit
Martin Suters Buch liegt die schriftliche Fassung vor, die keineswegs weniger
packend und verblüffend mit dem Surprise Effekt endet.
Die Spannungskurve, obwohl durch zahlreiche Nebenschauplätze nicht
stetig steigend, schafft im Verlauf des Plots zunehmend eine bedrückende
Atmosphäre, wobei dem eigentlichen Ziel des Erinnern sich der Vorzug,
des Vergessen herauskristallisiert.
Wie viele Menschen erhalten das Glück einen Fehler wiedergutmachen zu können und wann haben Sie das letzte Mal einen Schokoriegel gegessen?
27. Juli 2003,
maria krause
Martin Suter
Ein perfekter Freund

Werbetexter,
Creative Director, Songtexter, Theaterautor, Fernsehautor, Kolumnist,…
Das spot(-sun-)light der Spielwiese für Literatur fällt auf den
schweizerischen Schriftsteller, Martin Suter. Er versteht sich darauf, ähnlich
wie in "Small World“ oder "Die dunkle Seite des Mondes“,
seinem Protagonisten nach der Amputation und Selbstverstümmelung seiner
Persönlichkeit die Tür zu dieser durch eine Amnesie wieder zu öffnen.