Um ihr einen Antrag zu machen, sie danach heiraten und leibhaftig studieren zu dürfen, sie in die Regale des eigenen Leben einzuordnen, wie man dies zuvor nur mit ihren Romanen zu tun gewohnt war, und sich selbst einem wissenschaftlich anerkannten Schaffensprozess einzufügen, hoffend, in noch entstehenden Werken einen bedeutsamen Abdruck zu hinterlassen.
„Mir schien, selbst während ich es brach, als hätte ich ein neues, die Menschheit beherrschendes Tabu entdeckt, ein Tabu, das von Urbeginn an existiert haben muss, ohne dass man davon wusste, bis ich gestern Abend darüber gestolpert bin – ein Tabu gegen den Geschlechtsverkehr mit Autoren, über die man Vorlesungen hält.“
Ein
absurdes, gleichwohl verlockendes Gedankenspiel, welches sich auf jede Autorin
und jeden Autor ausdehnen und mit Spaß durchspielen lässt –
lässt man Michael Moore, Rosamunde Pilcher und Martin Walser einmal
außen vor.
Denkt man als Leser doch, dank der Lektüre einiger Texte einen verlässlichen
Eindruck von Geist und Seele eines Schriftstellers zu besitzen. Man glaubte
sich vorbereitet, viel zu wissen, wenn nicht gar alles. Wie prosaisch und
ungefähr erscheint dagegen das schüchterne Ansprechen im Supermarkt,
zwischen Regalen, gefüllt mit Dosenerbsen und Apfelmus. Und wie gewöhnlich
der Blickkontakt über gefrorenen Puter und Würzspinat hinweg.
Um eine solche Affäre nicht in schwerlastigem Diskurs ersticken zu lassen, noch ihr mit enzyklopädischem Bodenturnen sämtliche Glieder auszurenken, bedarf es eines scharfen Verstandes, die Fähigkeit schweigen zu können und viel Humor - zudem die Bereitschaft, der beginnenden Apotheose mit Gelassenheit, Sympathie wie Ironie zusehen zu wollen.
Michael Frayn vermag dies.
Der namenlose Protagonist in seinem 1992 erschienenem „Wie macht sie’s bloß? / The Trick of it“ ist Lehrstuhlinhaber an einer englischen Universität, liest über das Werk einer imaginären Autorin und schreibt sich so über die Fußnoten der Sekundärliteratur an die Schriftstellerin heran. Während ihres Besuchs auf dem Campus füllt er die toten Buchstaben mit Leben, kauft ein Päckchen Fromm’s und übt mit dem Objekt seines wissenschaftlichen Arbeitens, JL, engagierten Beischlaf.
„Ich versuchte, es mir andersherum vorzustellen. Was würde ich denken, wenn ich eines Morgens von meinen pochierten Eiern aufblicken würde und – ich weiß nicht, mir fallen keine Parallelen ein – Gravin Lecky von der Fakultät für Landwirtschaft und Tierzucht mit einem seiner Schweine hereinkäme … nein, nein, nein.“
Bald heiratet man und bezieht ein Haus.
Während sie ihren neuesten Roman schreibt, hält er Vorlesungen über ihr Gesamtwerk. Das mag nicht gut gehen. Und dies tut es auch nicht. Aber doch lange genug, damit der Protagonist einem Freund in Australien in Briefen von seinem Leben und Treiben berichten vermag.
Und das wiederum ist Literatur in der Literatur.
Als
arbeitete man den Nachlass eines Verwandten durch und entdeckte dabei Teile
dessen Korrespondenz. Frayns spielt souverän mit der Form. Sie gestattet
es einerseits, den Blick auf die Perspektive einer Figur zu bündeln,
andererseits also auch die Entwicklung ihres Charakters zu studieren.
Da eine zweite Figur fehlt und Antworten auf die Briefe im Roman nicht enthalten
sind, zwingt die Form den Leser dazu, den Blick unentwegt auf die brieflich
dokumentierte Außendarstellung des Protagonisten zu werfen. Da der
Angeschriebene sich in Australien befindet und keinerlei Einsicht in die
tatsächlichen Verhältnisse besitzt – wie der Leser –
ermöglicht es dies dem Briefeschreiber, seine Bühne nach eigenem
Gutdünken auszustatten und um Requisiten zu erweitern, welche ihm und
seiner Selbstdarstellung am ehesten zu schmeicheln scheinen.
So wird es Aufgabe des Lesers, ein Gegengewicht zu den Texten zu finden
und Antworten im Geiste selbst zu formulieren. Dabei die Brüchigkeit
zu entdecken, welche sich allmählich auftut und die Risse herauszuarbeiten,
welche der Ich-Erzähler immer mühsamer literarisch zu verputzen
vermag.
Wie immer bei Michael Frayn müssen die Sätze gegen den Strich gebürstet werden, die zur Veröffentlichung bestimmten Selbsterkenntnisse des Protagonisten mit Vorsicht genossen, jedoch stets im Kopf behalten werden, da jene durch literarisches wie soziales Handeln konterkariert und umgewertet zu werden verlangen.
Tatsächlich gelingt es dem Protagonisten gewissen literarischen Ruhm zu erhaschen. Nicht, da er selbst Gegenstand ihrer Literatur wird, sondern allerorten mit den Charakteren des jeweils neuesten Romans abgeglichen und dort als literarisiertes Destillat entdeckt wird. Was zunehmend als störend empfunden wird, da die Auflagenstärke die 100.000er Hürde locker überspringt.
„Oder wie kämest du dir vor, wenn Deine Frau plötzlich auf dem Dach stünde und durch ein Megaphon ganz Melbourne lauthals über bizarre Schrecken und Nöte informieren würde, von denen sie Sir privat kein Wort angedeutet hat? Andererseits weiß ich ja, dass die im Buch auftauchende Frau mittleren Alters, die in einen Hexensabbat gerät, [nicht] meine liebe [Frau ist]. Aber werden es die anderen wissen? Ich weiß, dass es sich bei dem etwas schwächlichen jungen Mann, den sie kidnappt, fesselt, auszieht und bei einer Art feministischer schwarzer Messe vergewaltigt, weder um mich noch um irgendeine symbolische Verkörperung meiner selbst handelt. Aber wird es der Durchschnittsleser wissen? Und meine Kollegen?“
Frayn spielt mit der ihm eigenen Virtuosität mit Literatur. Er eignet sie sich als Stoff an, den er karikiert und in die ihm angemessene Form bringt. Die Form – der monologisierende Briefroman wiederum – wird zum literarisierten Ausdruck.
Der Autor treibt seinen Spaß mit der Literatur und die Freude daran ist ihm in jeder Zeile anzumerken. Hier wird nicht prätentiös ein Metatext verfasst, sondern mit Fabulierfreude eine Idee dramaturgisch klug gebündelt, sodass ein auf mehreren Ebenen interpretierbarer Roman entsteht, der dennoch vor allem eines macht: Spaß.
Hatte Virginia Woolf hereingeführt, soll ein Anderer hinausführen und den Leser auffordern, sich auf jenes Spiel einzulassen. Mit einer Autorin oder einem Autor seiner Wahl zumindest eine Tasse Kaffee trinken zu gehen, oder in die Disco oder …
Nicht vielleicht gerade mit Hellmuth Karasek oder Roger Willemsen.
Aber mit James Joyce im Park sitzen und ihn zwingen, Finnegans Wake zu erklären, dabei jeden Moment das übervolle eigene sekundärwissenschaftliche Wissen dem überrascht Stammelnden anbieten und Hinweise auf mögliche Verbesserungen geben zu können.
Wäre das nichts?
„Das war er also, mein offizieller Musenbesuch, mein flüchtiger Kontakt mit dem göttlichen Feuer. Ein kurzer Händedruck vor ihrer Tür, noch einmal das Lächeln, und dann ging ich in meine Räume zurück.“
Michael Frayn: "Wie macht sie's bloß?", Roman. Aus dem Englischen von Sabine Hübner.
kirstaetter,
18.01.04
Michael Frayn
Wie macht sie's bloß?

"Offizieller Musenbesuch "
Stellen Sie sich vor, Sie würden Virginia Woolf zu einer Lesung einladen. Sie sprächen mit ihr über Mrs. Dalloway, wechselten bei einer Flasche Merlot hinüber zur Motivik des Leuchtturms und fänden sich, getragen von den plätschernden Wellen nicht eigentlich interessanten Plauderns plötzlich zwischen den Laken eines Hotelbettes wieder.
„Wahrscheinlich wird meine Anstellung verlängert, aber es müsste schon der Fall eintreten, dass bei irgendeiner Anglisten-Jahrestagung Botulismus ausbricht, damit ich in diesem Land realistische Beförderungsaussichten hätte.“
„Eine flüchtige Phantasie hatte aus irgendeinem Grund in meinem Kopf ihren Dateinamen verloren und war unter Erinnerungen an wirkliche Begebenheiten abgespeichert worden.“
„Aber Blumen und Kühe scheinen sie vollkommen glücklich zu machen. Sie ist die halbe Zeit im Garten, wo sie die grüne Blattlaus ausrottet und das Gurkenbeet mulcht.“