Das Phänomen ist altbekannt. Bands lösen sich auf. Sei es, weil nix mehr läuft, weil man alles erreicht hat, weil man sich nicht mehr sehen kann (was dann als "künstlerische Differenzen" umschrieben wird) oder - der schlimmste Fall - weil man sich weiterentwickeln will. Gerade das geht dann meistens zünftig in die Hose.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Robbie Williams konnte nichts besseres machen, als Take That hinter sich zu lassen. Solo gelingen ihm in-zwischen mit Songs wie "Supreme" echte Popperlen von bleibendem Wert.

Doch in der Regel machen Soloalben sich nach dem Bandsplitt selbst-verwirklichender Künstler niemanden wirklich glücklich. Die Fans der Band nicht, weil sie eigentlich ein weiteres Bandalbum erwarten, den Künstler nicht, da er fälschlicherweise meint, er könne alle Fans der Band in seine Solokarriere rüberretten, und auch die Plattenfirma nicht, die denkt, der geniale Kopf könne ihr allein ebensoviel Kohle einbringen wie mit der Band. In diesem Irrglauben potenziert die Plattenfirma das Unglück dann oft noch, indem sie auf der CD des sich selbstverwirk-lichenden Künstlers einen Aufkleber anbringen lässt, der diesen dem potentiellen Käufer noch mal ausdrücklich als Ex-Sänger/-Frontmann/-whatever der duften Combo Soundso mit diesem einen No.1-Hit an-preist. Das schürt die entsprechenden Erwartungen, und die werden dann in der Regel enttäuscht, denn der Künstler wollte ja gerade die dufte Combo mit dem No.1-Hit hinter sich lassen, vielleicht gerade weil er auf seinen Konzerten nicht zum millionsten Mal eben diesen No.1-Hit spielen wollte. Was mögen z.B. New Model Army empfinden, wenn ein geschmackserstarrtes Publikum auf ihren Konzerten immer nur "51st State" fordert und den Rest des Konzerts dafür mehr oder weniger ge-langweilt über sich ergehen lässt? Eine solche Solokarriere ist in jedem Fall vorbelastet.

Ein Paradebeispiel sind die 80er-Jahre Alternative-Helden The Pixies, die sich in den frühen 90er-Jahren auf dem Höhepunkt ihres (kommerziellen) Erfolgs trennten. Bassfrau Kelly Deal verwirklichte sich fortan bei den Breeders und den Amps. Gerade mit den Breeders gelangen ihr dabei durchaus noch Achtungserfolge, ohne dass sie jedoch an die Glanz-zeiten der Pixies hätte anknüpfen können - in musikalischer und kom-merzieller Hinsicht. Dabei hatte sie es sicherlich leichter, als Sänger Black Francis, der im Gegensatz zu ihr keine neue Band um sich scharte, sondern als Frank Black eine echte Solokarriere begann. Diese dümpelt seitdem mit schwindendem Erfolg vor sich hin. Inzwischen hat er sechs Studio-Soloalben und ein Livealbum vorgelegt, und immer noch beginnen die Plattenkritiken zu seinem jeweils neusten Opus mit dem Verweis auf die Pixies, die eben noch wirklich innovativ und sowieso viel besser ge-wesen seien. Die Unerschütterlichkeit mit der Frank Black dennoch die Platten macht, die er offensichtlich machen will, verdient Respekt.

Wenn man sich Nash Katos erstes Soloalbum anhört, drängen sich Pa-rallelen zu Frank Black auf. Da ist zunächst einmal eine ähnliche Band-vergangenheit. Der Name Nash Kato führt nicht unbedingt zu spontaner Erkenntnis, erst die Nennung Urge Overkill lässt einige aufhorchen, und wenn man dann noch die Stichworte "Pulp Fiction", "Girl You´ll Be A Woman Soon", "Uma Thurman tanzt durch´s Zimmer und zieht aus Ver-sehen eine Line Heroin" anfügt, wissen die meisten wieder worum´s geht.

Nash Katos erstes Soloalbum heißt "Debutante". Dafür möchte man ihm mit wohlwollenden Lächeln anerkennend auf die Schulter klopfen. Spaß muss sein. Denn Kato ist alles andere als ein junger Hüpfer in der Mu-sikszene. Mit Urge Overkill mischte er in den frühen Neunzigern schon mal gewaltig im Musikgeschäft mit. Die Ursprünge der Band ähneln de-nen der Pixies, auch wenn ihre Karriere ungleich ungünstiger verlief.

Besonders zwei Alben waren es, die in den 90ern die Musikpresse unisono jubeln ließen, vom Publikum jedoch ignoriert wurden. Was bei "Saturation" noch nachvollziehbar war, eine bejubelte Platte einer an-sonsten aber relativ unbekannten Band, bleibt beim Nachfolger "Exit The Dragon" unverständlich. 1995 auf den Markt gebracht, hoffte man beim Label Geffen offensichtlich auf den Synergieeffekt des "Hits aus Pulp Fiction", den die Band übrigens nicht eigens für den Film aufnahm, son-dern bereits zuvor veröffentlicht hatte, und warf die Platte im großen Stil auf den Markt. Wo sie dann bleischwer in den Regalen liegen blieb. Und das völlig zu Unrecht.

Beide Platten sind echte Meisterwerke. Beide Male gelang der Band die gelungene Mischung aus eingängigem, aber keineswegs anbiederndem Songwriting und geschmackssicherer Umsetzung. Nebenbei zitierte man unverkrampft die Rockgeschichte, besonders die 70er, und integrierte so manches vertraut klingende Riff, so manche bekannt erscheinende Harmonie. Zudem ließ man sich auf höchstem Niveau produzieren (von den Butcher Brothers), und auf "Exit The Dragon" gelangen der Band zur feinen Musik sogar noch geschliffene Texte voll bitterer Melancholie und wacher Erkenntnis. Schien auf "Saturation" bisweilen noch experimen-tiert zu werden, was besonders einige auf der Platte verewigte Song-schnipsel belegen, war "Exit The Dragon" ein Album aus einem Guss, nicht eintönig und doch von perfekter Geschlossenheit. Und nicht zu-letzt eine Bandplatte, im wesentlichen reduziert auf Gitarre, Bass und Schlagzeug, sporadisch und wohldosiert ergänzt durch einige Key-boards.

Genau diese Qualität der Geschlossenheit vermisst man auf "Debu-tante". Da wird geklotzt und nicht gekleckert. Als hätten ihn seine Band-kollegen immer am Experimentieren gehindert, probiert Kato jetzt all das aus, was er bei Urge Overkill offensichtlich nicht durfte. Aus gu-tem Grund nicht durfte. Bei "Debutante" wurde viel getüftelt, das Song-writing darüber aber sträflich vernachlässigt. Da wurden Instrumente integriert, auf die man besser verzichtet hätte (eine Hammondorgel und einmal gar ein Akkordeon). Da trällert ein Backgroundchor von Feel-Good-Chanteusen, der sich so gar nicht mit Katos melancholischem Ge-sang in Einklang bringen lässt. Dieser Punkt ist besonders gravierend, denn gerade Katos unverkennbarer Gesang, der immer noch zwischen Langeweile und Melancholie oszilliert, wirkt in diesem Umfeld seltsam fehl am Platz. Wenn es auf "Exit The Dragon" gelang, an sich schon exzellenten Songs wie "Somebody Else´s Body" oder "View Of The Rain" durch diesen Gesang ein besonderes Gepräge zu verleihen, so stehen hier die poppig trällernden Mädels neben einem verloren wirkenden Kato. Es ist, als hätte sich Nick Cave mit den Atomic Kittens eingelassen.

Oder ist das nun genau das alte Soloalbum-Problem?

Die enttäuschte Hoffnung, eine neue Urge Overkill-CD in Händen zu halten? Denn auch hier hat man es nicht lassen können, Kato auf der Hülle als Ex-Urge-Overkill-Sänger auszuweisen. Aber selbst wenn: ist die Enttäuschung nicht berechtigt? Ja und Nein. Bei aller Urge-Overkill-Nostalgie kommt hier nun endlich die zweite Parallele zu Frank Black ins Spiel. Denn musikalisch erinnert "Debutante" an dessen erste Soloalben.

Wie Kato schien auch Frank Black nach den Pixies erst mal experimen-tieren zu wollen. So überlud er sein erstes Soloalbum mit grenzwertigen Keyboards, einer übertriebenen Produktion und eher befremdlich wirken-den Beach-Boys-Hommagen. Auf dem zweiten, "Teenager of the Year", standen dann Gitarrenkrach und poppige Eingängigkeit bisweilen etwas uneinheitlich nebeneinander. Inzwischen scheint Frank Black seine Ni-sche gefunden zu haben. Als "Bryan Adams mit Bierbauch" hat er in den letzten Jahren drei Alben mit reduziertem, leicht angeschrägten Rock´n´Roll abgeliefert. Das mag nicht jedermanns Sache sein und ge-rade die Pixies-Fraktion enttäuschen, doch Frank Black wirkt, als habe er nach seinen ersten verspielten Soloalben inzwischen zu der Musik gefunden, die er wirklich machen will.

Insofern kann man "Debutante" als Lebenszeichen des "Ex-Urge-Overkill-Sängers" zur Kenntnis nehmen, und hoffen dass Kato irgend-wann den Spaß am Experimentieren verliert und sich wieder auf alte Werte besinnt. Oder eben eine neue Nische findet. Weder die Pixies noch Urge Overkill gibt es noch, und Kato, der "Debutante", steht am Anfang des Weges. Wer ihn auf seinem Weg (vorerst) nicht begleiten möchte, kann ja stattdessen jetzt das nachholen, was er 1995 ver-säumt hat: Urge Overkills "Exit The Dragon" kaufen. Und eine Offenba-rung erleben.

koenig hd, 10.5.01

 

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Klaus Koenig

Das Elend der Soloalben

"Das Elend der Soloalben"

Nach jahrelangem Schweigen meldet sich Ex-Urge Overkill Frontmann Nash Kato mit seinem Solo-album "Debutante" zurück. Und scheitert. Aber war etwas anderes zu erwarten?

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