So mag es auf den ersten Blick abgenutzt erscheinen, wenn ein Autor sein Buch schlicht „Die große Liebe“ nennt. Hanns-Josef Ortheil wagte jenen Titel für seinen neuesten Roman, einem Roman, der sich von jeglichem Klischee löst und das Zweisame sensibel und metaphorisch verbrämt ins Zentrum rückt. Nicht die Unwegsamkeiten und Stolpersteine der Liebe schildert Ortheil, es geht ums pure Fühlen, das Lieben und Geliebtwerden, das Aufgehen im Du.

Zwei Menschen treffen an der italienischen Adriaküste in dem Hafenstädtchen San Benedetto aufeinander. Er, ein Journalist, der für einen Film über das Meer mit der Digitalkamera im Gepäck zur Vorrecherche und Bildsuche den Ort erkundet und sie, die Doktorin des meeresbiologischen Instituts, fühlen sich schon bei der ersten Begegnung zueinander hingezogen. Schnell nähern sich die beiden an und erkennen im Laufe einer Woche im anderen eben jene große Liebe. Einzig der Verlobte der Dottoressa steht dem Glück scheinbar im Weg, durch die Entschlossenheit der Liebenden, ihre Beziehung zu leben, wird er jedoch zum Statist.

„...das Wort 'Liebe‘ ist zwischen uns noch nicht gefallen, aber es muß nicht ausgesprochen werden, das ganze Brimborium der Annäherung mit all seinen Umwegen und oft kindischen Komplikationen haben wir uns einfach erspart. Wenn das aber so ist und sie es auch so empfindet, gibt es im Blick auf die Zukunft im Grunde nichts mehr zu überlegen, die Zukunft ist vorgezeichnet...“

Mit den Augen des männlichen Liebenden als Ich-Erzähler zeichnet Ortheil das Zusammenfinden zweier scheinbar füreinander bestimmter Menschen nach. Nach einer Trilogie historischer und vor allem fiktiver Romane lässt Ortheil nun die Frage offen, inwieweit sein jetziges Buch eigen Erlebtes verarbeitet. Mit „Das Element des Elephanten“ und „Lo und Lu“ veröffentlichte der Autor und Professor für Kreatives Schreiben bereits zwei autobiographische Romane. Nun kokettiert er in „Die große Liebe“ ganz ungeniert mit dem Leser, der am Ende darüber im Unklaren bleiben soll. Der Ich-Erzähler berichtet in der Vergangenheit, immer wieder fließen jedoch tagebuchartige Einträge aus seinem Notizheft ein. Am Ende überlegt er: „Eher in metaphorischem Überschwang hatte ich Gianni Alberti gegenüber erklärt, daß Franca und ich an einem Roman schrieben, was aber wäre, wenn ich eine solche Wendung wörtlich nehmen und mit dem wirklichen Schreiben beginnen würde? 'Plötzlich das Meer, ganz nah‘, dachte ich, so müßte dieser Roman anfangen...“ Tatsächlich beginnt „Die große Liebe“ mit diesen Worten. Zugegeben ein Kunstgriff, der in der Geschichte der Literatur nicht ganz neu ist.

Das Paar ist fasziniert vom Meer. Ortheil nutzt jene urwüchsige Naturgewalt als Spiegelfläche, als Ausdrucksmittel, um die tiefen Gefühle, deren Einzigartig- und Sinnlichkeit zu transportieren.

„Ich versuchte, immer länger unter Wasser zu bleiben, die Welt dort unten hatte etwas Geheimes, Abgeschlossenes, das sich jedem Zugriff entzog und einem nur noch die Rolle des Beobachters ließ. So war die Wahrnehmung auf das Visuelle beschränkt, schon die Lautlosigkeit sorgte dafür aber auch die Distanz zur Umgebung, keine Berührung, lediglich ein Schweben, wie eine unendliche Schwerelosigkeit...“

Alle sprechen von der Liebe, doch jeder empfindet sie anders. In „Die große Liebe“ hat der Leser teil an den Empfindungen und dem Innenleben des Ichs. Wie durch seine Kamera sieht der namenlose Redakteur seine Umgebung in Bildausschnitten, Momentaufnahmen. Mit präziser Genauigkeit gibt er seine Beobachtungen wieder. Häufig treibt ihn seine Sucht nach der Dotoressa Franca in ihre Nähe, er wird zum heimlichen Beobachter, zum Voyeur – und mit ihm der Leser. Da sich die Geschichte ganz auf das Erleben der Liebe konzentriert, erinnert die Spannungskurve des Romans eher an die Horizontlinie des Meeres, als an eine geometrische Parabel. Doch hier widerlegt Ortheil die These, dass ein Liebesroman das Paar erst einige Hindernisse überwinden lassen muss, bevor es sich am Ende in die Arme fallen darf. Der Roman ist ein einziges, nicht enden wollendes Happy End – und trotzdem weder kitschig, noch profan oder beliebig. Vielmehr entfaltet der Text eine ganz eigene Ästhetik, eine Bilderflut, die während des Lesens stets die Phantasie beflügelt. Ein Fluss stimmiger Stilmittel und Spiegelungen ergießt sich über den gesamten Roman.

„Ich stellte mir vor, wie ich von einem Meerbild langsam auf dieses Rot überblenden würde, so könnte man zeigen, daß diese Suppe ein Konzentrat all dieser Blau-, Gelb- und Grüntöne war, ihr heimliches, unterirdisches Feuer, ihr Magma.“

Die Wahrnehmung des Journalisten konzentriert sich anfangs ganz auf die ihn faszinierenden Eindrücke in der Hafenstadt. Schillernd, farbenreich, berauschend saugt er alle Tableaus und Stimmungen in sich auf. Je mehr er sich auf seine Liebe einlässt, desto blasser nimmt er auch seine Umwelt wahr, sondern berauscht sich einzig am Gefühl. Je intensiver das Gefühl, desto höher führt es das Paar auch räumlich, bis sie schließlich auf dem Gipfel eines Berges, abgeschirmt von allem, in einer Art Vakuum sich ganz ihren Emotionen hingeben. Die Handlung ergießt sich in einem Strom, fast atemlos gibt der Erzähler in langen Sätzen Zeugnis seiner Empfindungen. Anführungszeichen, die eine wörtliche Rede kennzeichnen, fehlen, Gedanken und Worte von Ich und Du verschmelzen und gehen ineinander über. Die Sätze bilden lange Strudel, die den Lesenden in die Tiefen menschlichen Fühlens herab ziehen und kaum noch loslassen.

„Die große Liebe“ rückt das Sujet schlechthin in den Mittelpunkt, vernachlässigt dabei jegliche Irrungen und Wirrungen. Kein Roman für Unterhaltungssüchtige oder Herz-Schmerz-Fetischisten, doch ein Roman für alle Sinne, ein mutiger Roman, der sich ganz dem Gefühl und der Kraft der Bilder verschrieben hat – ein Roman, komponiert wie ein Gemälde, ein Bilder-Buch.

 

katharina meder, 1. Februar 2004.

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Hanns-Josef Ortheil

Die große Liebe

"Bilder-Buch der Emotionen"

Ob in Schmachtfilmen oder Dreigroschenromanen, die Liebe ist der Verkaufsschlager schlechthin. Intrigen, Eifersüchteleien oder Dreiecksbeziehungen sind häufig der Stoff, aus dem die Bestseller sind.

„...das Wort 'Liebe‘ ist zwischen uns noch nicht gefallen, aber es muß nicht ausgesprochen werden..."
" ...das ganze Brimborium der Annäherung mit all seinen Umwegen und oft kindischen Komplikationen haben wir uns einfach erspart..."
„Ich versuchte, immer länger unter Wasser zu bleiben, die Welt dort unten hatte etwas Geheimes, Abgeschlossenes, das sich jedem Zugriff entzog und einem nur noch die Rolle des Beobachters ließ."