Dem Sommerschlussverkauf der offiziellen Vergabe des "burn-out Syndroms“ kann Abhilfe geschaffen werden.
Marcus Orths, seines Zeichens Lehrer, schrieb mit "Lehrerzimmer“ einen ähnlichen Skandalroman wie "Frédéric Beigbeders 39.90“. Hat der Autor sich etwa zum Ziel gesetzt "das geltende Schulsystem“ mit seinem Buch "zu unterminieren“? "Nicht wirklich, wie man sogleich einschränkte, da man den eigenen Arbeitsplatz keinesfalls ernsthaft würde auf´s Spiel setzen wollen, sondern lediglich, wie man sagte, verbal.“
Der pinke Einband lässt schon auf den schrillen Charakter des Buches schließen; und für welches Buch könnte kein anderer als der traditionelle Kult-Lehrerkalender der Sparkasse werben. Was sich hinter geschlossenen Türen abspielt, wird mit diesem Roman so treffend persifliert, dass man es nur mit einem weinenden und einem lachenden Auge zu lesen vermag.
Der
Handlung geht ein Prolog voran, in welchem Studienassessor Martin Kranich
auf den telephonischen Bescheid des Oberschulamtskoordinators wartet, der
ihn einer Schule zuweist. So skurril erwartungsfreudig das Buch auch beginnt,
hat diese eine Woche geschilderten Schulalltages jedoch wenig Erbauliches.
Schnell lernt der Leser, auf welche vier Säulen sich das ganze Schulsystem
stützt: Angst, Jammer Schein und Lüge.
Das Druckmittel – die Leistungsbeurteilung, welche dem Junglehrer
von seinem Direktor Höllinger ausgestellt wird. Martin tritt von einem
Fettnäpfchen in´s andere: "falscher Wohnort, Alkoholexzesse,
Vornotenignoranz".
So muss er sich auf diesem Fundament also behaupten und erfährt dabei sogleich, dass Schlüsselkompetenzen wahrlich nicht metaphorisch aufzufassen sind. Um die eingebüßte Berufsqualifikation in den Augen des Vorgesetzten wieder gut machen zu können, übernimmt Martin das Amt des GSB ("Geheimer Sicherheitsbeamter"). Nun ist es an ihm mit unbeaufsichtigt erbeuteten Schlüsselbunden von Kollegen seine verbuchten Minuspunkte zu stornieren….
Eine bittere Parodie auf das Leidwesen des Lehrerdasein, deren Figuren prägnant karikiert werden. Das Augenmerk konzentriert sich gleichwohl mehr auf die Umstände des Schulbetrieb als auf Stereotypen.
Das Überlegenheitsgefühl der Geschichtslehrerin beispielsweise, welches von ihrem Lehrerintellekt ausgelöst wird, gleicht beim Überprüfen auf deren angeeigneten Fachkompetenz hin einem Orgasmus ("Weiter, Kranich, machen Sie weiter, hören Sie nicht auf."). Wen verwundern da noch die Einschaltquoten, welche Quizsendungen verzeichnen können; wir finden eine ganz neue Art der Triebbefriedigung vor.
Ebenso kein Klischee die Person des Religionslehrers, welcher aufgrund des Diktats der Kirche die 45 min. Unterrichtsbesuch ganz nach dem Motto Beruf = Berufung gestaltet und gezwungenermaßen der Missionsdidaktik frönt:
Vorher:
"Es klingelte. Neben Pascal stand ein Korb mit weinroten Schulbibeln.
Pascal hob den Korb hoch, es war, als nähme er ein Kreuz auf seine
Schultern….
Nacher:
"Dann hörte ich einen lauten Knall und sah endlich Pascal,
der soeben eine Flasche Sekt geöffnet hatte… Er habe eine Eins
bekommen, strahlte Pascal. …Als Einstieg, begann er, habe er die Kinder
vorbeten lassen, zehn Minuten lang, sämtliche Gebete, an die er, Pascal,
sich noch vage habe erinnern können,…Nach dieser Einstiegsphase
habe er die Bibeln ausgepackt und die Kinder abwechselnd Bibelstellen vorlesen
lassen. Dreißig Minuten lang. .. Am Ende habe er noch ein Abschlussgebet
gesprochen und den Domkapitular um seinen Segen gebeten, den er, Pascal,
und die gesamte Klasse kniend entgegengenommen hätten.“
Neben
Marcus Werners "Zündels Abgang“ ist dieses Buch ebenfalls
ein artikulierter Ausdruck der Frustration.
Hier wird ein erbitterter Kampf geführt und die Bürokratie regiert.
Was die meisten Lehrer im Umgang mit Schülern bemängeln, ist der
schleichende Verlust des Konjunktiv, geradezu passend ist dieser Roman fast
ausschließlich in indirekter Rede geschrieben.
Zudem wird der Leser in das Mysterium der Kreisdiskussionsführung eingeweiht,
die Art der Rhetorik, welche Politiker und Lehrer gemeinsam haben.
Der Apparat Schule wird in jedem Winkel, vom Schulkopierer bis auf die Lehrertoilette ausgeleuchtet. Jedes Zahnrad und sein Zuständigkeitsbereich fließt in diese verzerrte Satire mit ein und ufert zu einer einzigen absurden Hyperbel aus. Hinter solch einer Komik verbirgt sich ein tragisches Element.
Dieses Buch ist ein Plädoyer für das Beamtentum, welches die Stresskomponente
der Berufssparte berücksichtigt und nicht etwa a là <<Pfeiffer
mit drei f>> auf das Unwesen, welches die Schüler treiben zurückführt,
sondern, auf willkürliche Klassenzuteilung und Deputatsänderungen
("denn Versprechen gibt es nicht“), oder auf Kleinigkeiten wie
belegte Klassenräume und die Warteschlange am Kopiergerät.
Natürlich wird auch der Pädagoge selbst kritisiert, Konkurrenz,
Schwellendidaktik, Krankheitsausfall…..
Zu Recht kommentiert der Focus
»Eine urkomische Satire auf den Schulbetrieb, die drastisch vor Augen
führt, was Pisa nur theoretisch umschreibt.«
.
Dieses Buch hätte schon zum 30-jährigen Lehrerwechsel-Turnus veröffentlicht
werden sollen, aber, liebes Kultusministerium, vielleicht findet es ja noch
Platz in den schon ausgearbeiteten neuen Lehrplänen. Jedem Sonntag
folgt ein Montag, laut Oberstudienrat Krämer noch sechs Wochen und
drei Tage. "Zwei Tage, sagte ich. Wieso? Fragte er. Sie vergessen den
dritten Oktober, sagte ich, und Krämer nickte anerkennend.
maria
krause, 09.09.2003
Marcus Orths
"Lehrerzimmer“

"25. Deputatsstunde meets literarischen Kartharsiseffekt“
Die
Zeit der Reformation bricht an ! Welches Buch nimmt man sich in keiner anderen
Zeit, als die der unterrichtsfreien Sommerferien zur Hand, während der
Schavanismus um sich greift, um das marode Bildungssystem zu retten?
