Copyright © 2001

Alle Rechte vorbehalten.

mail@e-salon.de Geschäftsbedingungen

Er ist der einzige, der lächelt. Zur Unterhaltung der Zuschauer trägt er wenig bei. Die müssen selbst sehen wo sie bleiben. Da-für hat Peter keine Zeit. Er ist angestrengt damit beschäftigt, die Kunstfigur zu kultivieren, die ihm Wohlstand, Ansehen und im Alter ein gewisses Maß an Zuneigung eingebracht hat. Man schätzt ihn. Vom Gelsenkirchener Barock bis zum Feuilleton der überregionalen Intelligenzblätter.

"Kosmopolit und Komödiant".

Die Rolle seines Lebens. Dabei liegt der Witz im Auge des Be-trachters. Lustig oder pfiffig ist das nämlich alles nicht.

Die abschweifenden Reden ermüden. Sein affektiertes Mundwin-kelverziehen verströmt Langeweile. Das blasierte Augenrollen strapaziert die Geduld. Dennoch kann man kaum entkommen. Peter ist allgegenwärtig und immer schon da. Steuert unpointiert durch einen schier unermesslichen Schatz an immergleichen Alt-herrenwitzen und schippert unverdrossen durch die Untiefen seichter Anekdoten und Aphorismen. Ein Colonel Kurtz, der aus-zog, von Witz und Noblesse zu leben. Der reichlich Talent und Stil besaß. Es im Dschungel seiner Eitelkeit sich aber bald zu gemüt-lich werden ließ.

Man kann ihm das nicht vorhalten. Jeder hätte gehandelt wie er. Wer könnte einem Eingeborenenstamm widerstehen, der bereit ist, einem zu huldigen, jede Zote als veredelte Kunstfertigkeit zu verehren und - mit dem Vorwurf teutonischer Humorlosigkeit ge-brandmarkt - es niemals wagen würde, gegen die Seichtheit eines betagten Schaumschlägers aufzubegehren? Seitdem sitzt er sich alle sechs Monate durch eine "Wetten dass ..."-Sendung, parliert in schöngeistigen Talkshows und geht inzwischen eigentlich auf allen Kanälen ziemlich auf die Nerven.

Gerade mimt er Manfred Krug für die SEB. Die haben sich den Tattergreis engagiert, um auf ihre umbenannte Bank aufmerksam zu machen. Früher hieß man mal BfG. Aber SEB ist natürlich schicker. Gut für Peter. Schlecht für uns. Peter redet. Man war-tet auf die Pointe. Es zieht sich hin. Mittendrin in der Langeweile ertappt man sich dabei, auf das Erscheinen von Paulchen Panther zu hoffen. Der macht inzwischen Werbung für "Aktiv Plus." Aber das ist ja Telekom. Peter brabbelt noch immer vor sich hin, ist im-merhin unter den Tisch gefallen und krabbelt dort unten herum. Dann ist plötzlich alles zu Ende. Der Spot aus und man selbst er-staunt.

Das soll Ironie sein. Ein echter Ustinov eben.

Zu seinen Vorfahren zählen mütterlicherseits Italiener und Äthio-pier. In London ist er geboren. Wächst viersprachig auf. Die Mut-ter ist eine französische Bühnenbildnerin, der Vater ein russisch-stämmiger deutscher Journalist. Das haben wir den Salat! Denn das beeindruckt die Deutschen. Ein Weltbürger, der mit ihnen spricht. Das noch in gebrochenem Deutsch. Es heimelt, wenn man Peter auf der Couch sitzen, das dicke Bäuchlein unter dem Jackett verstecken und sich radebrechend um Kopf und Verstand reden sieht. Man möchte ihn herzen und knuddeln.

Ein Teddybär für die Schröder-Republik.

Ein richtige "Sir" sogar! Nicht ein falscher wie "Sir Erich". Die Queen hat ihm die Hand gegeben. Die "Frau im Spiegel"-Fraktion hat er auf seiner Seite. Er beginnt an den späten Heinz Rühmann zu erinnern. Alt und von ehrwürdigem Aussehen. Keiner weiß eigentlich mehr so recht, weshalb man ihm huldigt. Man steht auf und gibt sich tränseligen Ovationen hin. Das macht Spaß. Katharsis pur. Ein richtig Großer eben!

Einen Oscar hat er gewonnen. "Spartacus". Kirk Douglas hat ihm natürlich die Show gestohlen und so wurde nur "Bester Neben-darsteller" daraus. Das hat geprägt. Denn zu mehr als Hercule Poirot-Improvisationen in vier anspruchslosen Agatha-Christie-Verfilmungen hat es danach nicht mehr gereicht. Der Detektiv mit Spürsinn. Für die Vermarkter der Fixstern, an dem die Zuschauer die Serie wiedererkennen sollten. Haben sie auch. Tolle Filme. Ei-ne Freak Show abgetakelter Altstars. Verhärmte 40jährige, die ihren glamourösen Zeiten nachtrauerten. Diana Rigg, Jane Birkin und Mia Farrow. Peter mittendrin als naseweiser Ermittler. Klug-scheißerisch jeden Whodunit lösend. Natürlich weiß er mehr als der Zuschauer. Hat ja das Drehbuch auch vorher gelesen. Das das gefällt den Deutschen der 80er besonders gut. Das verges-sen sie nicht. So möchte man sein. Endlich mal kein Tappert oder Lowitz. Auch kein Reynolds oder Connery. Um Gottes Willen! Niemand, der einem die Frau mit seinem Sex-Appeal weg-schnappt. Weltläufig - ein Gentleman und überaus intelligent. Tolle Filme. Man genießt sie gern an Weihnachten und Ostern. Inzwischen auch auf rtl2.

Man überlegt, weswegen man den Mann so gern haben muss. Weshalb die Allgegenwärtigkeit. Einen Grund dafür muss es ge-ben. Sympathisch? Peter Ustinov ist vielleicht einfach nur nett und sympathisch. Aber mein Nachbar ist das auch. Er hat mir gestern die Tür aufgehalten, als ich den Abfall runterbrachte. Aber eine eigene Gala zum 47sten kriegt er vom ZDF dafür nicht. Unesco-Botschafter ist der Peter. Das kann es sein. Aber Roger Moore und Alfred Biolek sind das auch. Für die Unicef macht er was nebenbei. Steffi Graf inzwischen auch.

Nero!

Ja, ja - den Nero hat er gespielt. Man kann es nicht mehr hören! Immer, wenn man was gegen den Kosmopoliten Ustinov einwen-det, rauscht die Nero-Keule aufs Argument. 41 Jahre ist das jetzt her - der Nero. Hat er auch wirklich toll gemacht. Schon einmal geübt die Rolle des selbstgefälligen Schwaflers. Das mit dem farbigen Brillenglas war schon Extraklasse. Miserable Gedichte ge-heult und sich mit der Harfe selbst begleitet. Nur ein augenver-drehender Irrer kann immerhin Rom anzünden. Spielte den Dep-pen, den die Leute sehen wollten. Hat aber trotzdem Pech ge-habt. War seiner Zeit voraus. Seit den 70ern nennt man das Method-Acting. Seit den 80ern bekommt man Oscars dafür.

Wäre der Seemann Joseph Conrad ihm in seinem Dschungel-königtum begegnet, hätte er wohl gelacht. Der polnische Brite - somit auch ein Kosmopolit - hätte die an Pfählen aufgespießten Peinlichkeiten betrachtet und gemeint:

"Nero hat wenigstens Rom angezündet!"

Die gemarterte Selbstgefälligkeit im Tigerkäfig besehen und angefügt:

"Du nicht einmal das."

Nun ja - müssen wir dich wohl noch ein paar Jahre ertragen, Peter Ustinov. Bis du hundert wirst - Herzlichen Glückwunsch -, endlich den Rand hältst und unsere Kinder Beifall klatschen, da du immer schon da warst und längst keiner mehr eigentlich weiß, warum. Ganze Banken verschwinden, erzählst du uns in deinem Werbespot für die BfG, und dein Korkenzieher auch. Das haben wir inzwischen gelernt, Peter.

Aber wann, wann endlich verschwindest du?

kirstaetter, 14.4.01

mail the author

the e-salon MESSAGE BOARD

Peter Ustinov

"Das Herz

der Seichtheit"

"Das Herz der Seichtheit"

Vorzugsweise treibt er sich auf den deut-schen Bildschirmen herum. Lümmelt sich durch die Couchs von Gottschalk bis Kerner und hat zum 80sten von Dieter Stolte auch eine eigene Gala spendiert bekommen. Peter Ustinov genießt und lächelt süffisant.

Was die Welt vorwärts treibt, ist nicht die Lie-be, sondern der Zweifel.
Fernsehen ist die Rache des Theaters an der Filmindustrie.
Ein Jubiläum ist ein Datum, an dem eine Null für eine Null von meh-reren Nullen geehrt wird.
Der graduelle Verfall des bewohnten Körpers stra-paziert im normalen Ver-lauf der Dinge kaum den Geist.