Während Tarantino einen Meilenstein (Rerservoir Dogs/Pulp Fiction ) setzte und eine ganze Generation von Regisseuren, aber auch Zuschauern prägte, dann aber vor dem Ruhm kapitulierte und sich lieber in die Staffage von Society-Events einreihen und in mediokren Komödien besetzen ließ, statt hinter der Kamera selbst die Fäden zu ziehen, blieb Anderson ein solider Arbeiter. Einer, dem der plötzliche Erfolg nicht zu Kopf stieg, einer, der auch im Habitus des Genies solides Arbeiten der exaltierten Selbstinszenierung vorzog.

Das ist erst einmal sympathisch und verlangt Respekt. Zu vielen jungen Talenten wurde das Orson Welles-Etikett unmgehängt. Zu vielen kostete das den Hals und die künstlerische Eigenständigkeit. Anfangs stets stolz als Strahlenkranz am Hals getragen, wird jener Adel schnell zu einem Mühlstein, dessen Gravität hinabzieht und die Leichtigkeit des Schreibens, Inszenierens und Schneidens beschwert, mit welcher der Beginner noch unbefreit Ordnungen aufbrechen, neu zusammensetzen und ironisieren konnte. Manchen bricht die frühe Vollendung das Genick, andere legen sich starke Nackenmuskeln zu, verlieren darüber aber ihre Lockerheit und passen sich den Erwartungen an.

Paul Thomas Anderson hat Kunst geschaffen. Ätherisch, surreal und grotesk. Punch-Drunk Art.

Man gewinnt schnell den Eindruck, ein Film, dessen Skript schon recht artistisch daherkommt, wurde nachträglich im Schneideraum nochmals allen handlungstragenden Ballasts entledigt. Seichte Dialoge wurden gekürzt, erklärende Zwischenschritte übergangen und mit mehreren Tonspuren unterlegt, welche den Zuseher mehr nervös im Sitz wippen, als den Bildern folgen lassen.

Punch-Drunk Love ist kein schlechter Film. Die Photographie ist grandios, die Besetzung klug gewählt und die Story verspricht viel. Doch an allen Ecken und Enden schreit es grell von der Leinwand herab: Kunst!

Muss beispielsweise, als Barry Egan (Adam Sandler) vor der Frau (sehr gut Emily Watson) flieht, die ihn liebt, sein Weg ein weiß getünchtes klaustrophobisches Wohnhaus-Labyrinth sein? Man mag sagen, hier werde die Anonymität und Einsamkeit der modernen Gesellschaft ins Bild gesetzt. Aber hatten wir das nicht schon einmal? Und muss über jedem Durchgang fett der Aufdruck EXIT prangen? Ist das nicht etwas zuviel des Guten?

"Arbeit, Fernsehen, Schlafen gehen, so macht das Leben keinen Sinn." (Blumfeld)

Solche Beispiele finden sich zuhauf. Was nicht ärgerlich wäre, würde die Story nicht unter dem unsicheren Adam Sandler, der sich Anderson als Vehikel bedient, ins Charakterfach zu wechseln, vollends zusammenstürzen. Weshalb der ihn in einen schreiend blauen Anzug steckt und ihn wie einen Looney Toon durch die Gänge hoppeln heißt, als leider er an Hämorrhoiden.

Bedauerlich, dass geniale Darsteller wie der leider immer wieder unterschätzte und übersehene Philip Seymour Hoffman – Kevin Spacey/Russell Crowe minus Eitelkeit und Selbstverliebtheit – und auch Luis Guzmán zu Statisten degradiert werden. Ihre Figuren, zu Stichwortgebern reduziert, lassen jedoch das Potential der Story erahnen, welches sich über dieses Personal hätte entfalten lassen können.

Lebte Boogie Nights von Voyeurismus und Burt Reynolds, Magnolia vom Plot und Schnitt, vertrocknet Punch-Drunk Love sehr früh an zuviel gewollter Artistik.

Da tritt Barry Egan, ein Sanitärverkäufer, eines Morgens vor sein Garagenbüro. Schon fliegt furios ein Truck vorüber (Barrys missglückter Lebensentwurf?) und ein Unbekannter stellt vor seiner Nase ein Zwergen-Piano (Rettung durch Poesie/Liebe?) ab. Schön! Das weckt Interesse, lässt das Hirn anlaufen und das Herz warm werden. Ein brillanter Beginn!

Was wird Barry wohl damit anfangen? Eine Figur, die in ihrem neuen Anzug mit der blauen Farbe ihres Büros verschwimmt. Ein Charakter, der dahinlebt, der nichts hat und nichts ist. Allein das Gesicht bleibt übrig, der Rest ist schon aufgelöst im Blau des Himmels und der Werkstatt.

"Andersons Film bietet an Stelle von Moores gesellschaftsanalytischem Rundumschlag das Psychogramm eines Vereinzelten, der wie ein Fisch im Netz des Systems zappelt - und doch schließlich eine Masche aufzureißen vermag. Indem er sich verliebt - und geliebt wird." (Tom Tykwer)

Neugierig verfolgt man die weitere Handlung, stellt aber schon nach 20 Minuten fest, dass jene nicht eigentlich existiert. Wäre die Entwicklung und Charakterisierung der Figuren interessant, könnte darüber hinweggesehen werden. Doch Barry Egan ist und bleibt ein Langweiler. Er tritt Fenster ein und zerschlägt in einem Restaurant das Badezimmer.

Und?

Aggressivität der Mittelklasse? Liebeswunsch? Selbstblockade? Da nicht mehr über ihn bekannt wird, bleiben jene Szenen Episoden, die sich nicht in den Charakter einordnen lassen.

Barry ruft eine Sex-Hotline an und zum ersten Mal entwickelt sich so etwas wie eine geglückte Idee. Die Dame ruft zurück und beginnt ihn zu erpressen. Da sie ihn auch bei der Arbeit erwischt und ein Schlägerkommando vorbeischickt, könnte an dieser Stelle die Story Fahrt aufnehmen und schwungvoll kafkaesk endlich in die Gänge kommen. Doch auch dieser Zweig des Films bleibt unverbunden mit dem Hauptstamm, der da heißt: Barry Egan/Adam Sandler. Getrost könnte man ihn abzwicken. Nichts würde das am Verlauf der Geschichte ändern. Auch das zu Beginn ins Bild gereichte Piano darf hin und wieder ein paar Töne quietschen, folgt aber ansonsten dem Schicksal von Guzmán, Hoffman und der Sex-Hotline.

Mochte man sich bei Mulholland Dr noch den Kopf zerbrechen und schließlich die harte Nuss auch knacken – wer es nicht schaffte, hatte immerhin einen grandiosen psychotischen Trip hinter sich - , so lohnt bei Punch-Drunk Love die Mühe nicht, unter die bonbonfarbene glatte Oberfläche dringen zu wollen. Konstruierte Entwicklungen, abgestandene Secondhand-Dialoge, die man auch schon mal besser gehört hat und eine Symbolik, deren Offensichtlichkeit sich jeden Reiz auf Verhüllung und Entdeckung selbst entzieht.

"Punch-Drunk Love" ist weniger eine Erzählung als vielmehr ein Gedicht; oder ein Tanz; oder eine Melodie; oder vielleicht gar ein Gemälde - ein abstraktes, das sich 24-mal in der Sekunde verändert. Ein Film, der narrativ so schlüssig ist wie ein Bild von Jackson Pollock (und ähnlich emotional mitreißend) - oder wie eins von Jeremy Blake." (Tom Tykwer)

Wer vor zwei Jahren Spaß hat an weltenbummelnden Gartenzwergen hatte und nichts gegen ein vorhersehbares Happy-End aus Plastik hat, ist in diesem Film gut aufgehoben. Auch wer ins Kino geht, um anschließend sagen zu können: reine Poesie, dieser Film, dem kann Andersons Punch ans Herz gelegt werden.

Allen anderen sei empfohlen: no healthy choice.

kirstaetter, 13.04.03

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Paul Thomas Anderson

Punch-Drunk Love

"Pudding in the Harmonium"

Paul Thomas Anderson hallt ein Ruf voraus, wie das zuletzt bei Quentin Tarantino in den späten 90ern der Fall war. Ein junger Regisseur, der bereits in frühren Jahren Filme schreibt, dreht und schneidet, wie man das so eigentlich erst späten Meistern zutraut.

"You are so beautiful. I love you so much I want to smash your face in with a sledgehammer."

"I didn't ask for a shrink - that must've been somebody else. Also, that pudding isn't mine. Also, I'm wearing this suit today because I had a very important meeting this morning and I don't have a crying problem."
"I love you so much I want to scoop your eyeballs out of their sockets and chew and suck on them."