Und so sei es noch einmal erwähnt: durch das entnervende und erbärmliche Gezeter um die Fatwa gegen Salman Rushdie blieb es den meisten Literatur-, Kultur- und Globalkritikern erspart, sich mit dem voluminösen, zugegebenermaßen nicht ganz ohne Mühen lesbaren Werk, detaillierter zu beschäftigen. Einfacher, wenn auch für das literarische Werk wenig Gewinn bringend, war es, sich mit dem Autor und seinem Schicksal auseinandersetzen, die Ursache der ganzen Aufregung war nur noch eine Randnote im Epos journalistischer Aufgeregtheiten. Leider gingen die vielen interessanten Denkansätze und die gewagte Struktur der Erzählung dabei im scheinpolitischen Geraune unter. Eine intensive Auseinandersetzung mit den "Satanischen Versen" selbst ist, wie schon gesagt, mühselig, erfüllt aber die alte Forderung von Horaz an Literatur: prodesse et delectare.

Der Roman ist in mehrerer Hinsicht kontrapunktisch angelegt. Zwei zentrale Protagonisten stehen sich gegenüber, ohne dabei zu trivialen Gegenspielern zu verkommen. Gibril Farishta, Superstar des indischen theologischen Films (angesichts seines Ruhmes steht er kurz vor der kommerziellen Apotheose), und Saladin Chamcha, Exil-Inder in London, ebenfalls in der Medienbranche tätig und als Stimmenimitator in Fernsehshows und Werbung überaus erfolgreich.

Der Roman beginnt mit einer besonderen Merkwürdigkeit: die oben Genannten stürzen aus einem Linienflugzeug, das gerade durch Attentäter gesprengt worden ist, direkt auf die Erde zu. Folge ist aber nicht der unweigerliche Tod der beiden, sondern ihre Metamorphose in den Erzengel Gabriel (Gibril) und in ein satyrhaftes, mit Hörnern und Bocksfüßen ausgestattetes teufelsähnliches Wesen (Saladin). Ihr Sturz endet, da die beiden, als potentielle morituri, nun durch überirdische Mächte bewahrt, nicht mit dem sicheren Tod auf englischem Boden, sondern mit dem Beginn einer merkwürdigen neuen Existenz. Im London am Ende der 80er Jahre müssen nun beide, ob sie wollen oder nicht, ihrer neuen, mythologisch aufgeladenen Rolle gerecht werden. Dabei gehen sie zumeist getrennt ihren Weg, mutieren aber von Zeit zu Zeit zu Antipoden, Gegenspielern oder Freunden, erst am Ende des Romans werden die großen Leitlinien der Geschichte wieder zusammengeführt, natürlich am Ausgangspunkt für Rushdie (der in Bombay geboren wurde) und seine Protagonisten, in Indien. Eine dem Roman auch nur annähernd gerecht werdende ausführliche Inhaltsangabe ist angesichts der Vielfalt an dieser Stelle zu vernachlässigen.

Die zahlreichen Geschichten, die sich um die Erlebnisse dieser sich ungewollt in Figuren der Mythologie verwandelnden Charaktere ranken, die Histörchen, Märchen und Legenden, die Rushdie dann auch im Stile eines geübten Märchenerzählers, aber auch eines wahren Epikers im Sinne Homers, genussvoll und intensiv auskostet, haben (beinahe) alle ihren ganz eigenen Reiz. Nicht nur an die Bibel erinnert die Erzählweise, auch an das Decamerone als europäischer Urquell der Novelle. Meist schöpft Rushdie aus dem Geschichtenschatz des Orients, beruft sich auf hinduistisches und islamisches Legendenmaterial, v.a. die Geschichten um den Erzengel Gibril sowie zwei längere und jeweils ein eigenes Kapitel füllende Erzählungen zur Geschichte Mohammeds, dem großen Propheten des Islam.

Hier entsteht Spannung, die in der Anlage der Erzählung ihre Grundlage hat. Es bleibt nicht bei einer chronologischen Einsträngigkeit der Geschichte, die Erlebnisse Mohammeds (im Roman Mahound genannt, eine seit dem Mittelalter übliche Verballhornung des Namens. Mohammed kommt in der Tat nicht gerade gut weg: als Nymphoman, Diktator und Bürokrat) mit dem Erzengel kontrastieren geschickt das Geschehen im modernen London. Der "moderne" Gibril bzw. der in den Erzengel verwandeltet Ex-Filmstar erträumt sich so Fragmente der Geschichte seines neuen Egos. Zugegeben, teilweise fällt es dem Leser dabei schwer, den Handlungsrahmen im Blickfeld zu behalten, die eigentliche Handlung droht teilweise zu stark von dem Ballast der sie umrankenden Geschichten erdrückt zu werden. Hier liegt auch die Gefahr, den Roman nach mehreren Lesepausen nicht wieder in die Hand zu nehmen, da man zu viele offene Gedankenfäden und ihre anstrengende Wiederaufnahme fürchtet. Ein zügiges Lesen wird empfohlen.

Salman Rushdie versteht es nicht nur, spannend und unterhaltsam zu erzählen. Es besteht das Vorurteil, die "Satanischen Verse" seien schwer verständlich. Dies gilt eigentlich nur für die tiefere Einsicht in die Komplexität der Verknüpfung der einzelnen Handlungsteile. Die kleineren Mosaiksteine sind für jeden, der Tonfall und Gestus des biblischen Erzählens gewohnt ist, ohne größere Anstrengung zu konsumieren.

Dies bedeutet aber nicht im Umkehrschluss, dass hier einfach nur nachgeahmt, imitiert, eventuell sogar der Trivialität Tür und Tor geöffnet würde. Rushdie bezieht sich zwar auf vielfältige literarische Vorbilder, dies aber ohne jede Koketterie. Ob es Melville, H. Christian Andersen, Strindberg, Goethe (Faust! Man bemerke die große thematische Nähe zum größten deutschen Drama bezüglich Konflikt Realität/Mystik) oder weitläufigere, weniger bekannte literarische Spiegelfiguren sind, sie werden nicht um des Zitats willen mit dickem Ausrufezeichen ins Gerüst hineingezwängt, sondern geschickt und sinnvoll montiert. Als sich mehrfach wiederholendes Thema kann dabei Shakespeares Othello, hier vor allem der die Rolle des Bösen spielende Jago, gelten, deren Antagonismus Rushdie immer wieder als Spielgel, aber auch Zerrspiegel für Elemente seiner eigenen Geschichte dient.

An vielen Stellen erinnert die Erzählweise des Romans an Werke, die sich gleichfalls mit mythologischen Stoffen beschäftigten. Die Josephsromane von Thomas Mann zum Beispiel bieten Parallelen. Mann hatte, ganz nach goetheschem Vorbild, die gesamte Geschichte des biblischen Joseph in einen monumentalen Vierteiler verpackt, und dort die in mehreren Kulturen parallel verlaufende Entwicklung der Gottesvorstellung von der Vielgötterei zum Glauben an den einen, einzigen und wahren Gott thematisiert, hierbei auch ein wenig historisch "geschwindelt", indem der sog. Ketzerpharao Echnaton anachronistisch in die Zeit Josephs bugsiert wurde.

Rushdies Roman hat in meinen Augen den Nachteil, dass er nicht das ganz große Netz der Mythen spannen kann, das er die westliche Tradition außen vor lässt. Dabei fallen aber nicht nur die zu beachtende christologische, sondern auch die antike, v.a. griechische Mythologie unter den Teppich, sondern auch die Traditionen Ägyptens, die für die Gedankenwelt der "Satanischen Verse" nutzvolle Impulse hätten geben können. Denn zentraler Begriff für Rushdie ist die "Avatara", die indische Bezeichnung für die Inkarnation eines Gottes. Immer wieder wird dabei von der Metamorphose, der Veränderung, verschiedenen Erscheinungsbildern der Gottheiten gesprochen.

Gibril selbst stellt als Superstar des indischen Films in so genannten Theologicals, religiöser Filme, die jeweils die Wandlungsfähigkeit einer Gottheit vorstellen. Die beiden Protagonisten wandeln sich selbst zu Engeln, zu Boten und Werkzeugen überirdischer Kräfte (auch der Herr persönlich, mit Brille und Bart, tritt an einer Stelle auf, an anderer Stelle verdeckt, ohne sich aber, typisch Gott halt, wirklich in die Karten schauen zu lassen.). Nichtsdestotrotz: eine Aufrechnung oder eine Liste, die nach Vollständigkeit der mythisch-religiösen Metamorphosen dieser Welt abgehakt wird, würde dem Roman nun wirklich nicht gerecht. Wie Thomas Mann ist Rushdie aber darum bemüht, den offensichtlichen Sinn von Eklektizismus und Synkretismus spielerisch zu vermitteln und auf diese Weise megalomanischen religiösen Fanatismus bloßzustellen. Wohl eines der wahren Ärgernisse für die Mullahs!

Auf einfache Botschaften lässt sich dieser Roman denn aber nicht herunterzwingen. Auf dem Buchrücken wird, wie so oft, zumeist wegen der Ratlosigkeit, wenn es gilt, Vielschichtiges in wenige Worte zu fassen, von einem "Pandämonium" gesprochen. Hier scheint es wohl einmal wirklich zutreffend zu sein. Ob es Erscheinungen der Legende, der Halb- oder Heiligenlegende sind, indische Kleinbauern oder Rechtsanwälte und Geschäftsleute in London, Filmemacher und Liftboys in der Londoner U-Bahn, alles wird bewegt oder bewegt sich eigentümlich in zwei Sphären, der oberflächlich existierenden und der dahinter sich offenbarenden mystischen Welt. Viele existentielle, die Menschen bewegende Themen werden in die Geschichten eingeflochten, sei es die Frage nach dem Konsistenz oder Ziellosigkeit der eigenen Existenz, dem Konflikt verschiedener Kulturen (ohne dabei in irgendeiner Weise Platitüden von "Multikulti" verkünden zu wollen), der Frage nach Möglichkeit von Liebe und Hass, und dies in verschiedenen Facetten, zuletzt auch eine Episode über Hingabe im allgemeinen und den Tod im besonderen. Man findet seine Themen, und auch dies ist eine Stärke des Buches, ohne dabei das Gefühl zu haben, der Dichter wolle sich intellektuell anbiedern.

Die durch die zwei Protagonisten ausgelöste zeitweilige Aufhebung der Grenzen der realen und der mystischen Welt und die daraus entstehenden Situationen beweist außerdem Rushdies Gespür für humoristische und groteske Effekte. Die Begegnung der ernsten und erhabenen Welt der Mythen mit der realen und banalen Alltagsrealität bieten dafür ein weites Feld. So z.B. sei ein Konflikt des sich physisch in einen Satyr verwandelten Saladin mit der Londoner Polizei genannt, wobei die Ordnungshüter in ihm anscheinend vor allem den ungeliebten "Ausländer" entdecken, und sich mühsam die Hörner, die Hufe und den riesigen, erigierten Phallus des Verhafteten erklären müssen. Auch die spätere Bekundung von Sympathie für Saladin durch die schwarze und indische Mittel- und Unterschicht Londons hat ihre Reize.

Saladins neues Ego des teuflischen Satyrs wird als Aufbegehren gegen die weiße Mittel- und Oberschicht verstanden, man hält ihn für einen Vorkämpfer für die Gleichberechtigung der indischen Immigranten. Da ihm rätselhafterweise in den Träumen der Exil-Inder dauernde Gastauftritte gewährt werden, wird er automatisch Teil deren kollektiven Bewusstseins und zur Kultfigur des Widerstands. Um die eigentlich gar nicht komische Verwandlung Saladins entwickelt sich sogar ein Underground-Marketing, kleine Teufelshörner werden verteilt und dienen den Immigranten als Erkennungssignal (später auch der Heiligenschein Gibrils, wobei die Konkurrenz bzw. symbiotische Existenz der beiden auch in diesem liebevoll konstruierten Detail zum Ausdruck gebracht wird). Komische Szenen lassen sich reichlich finden, wobei man angenehm berührt feststellt, dass mit Sensibilität für wahren Humor tatsächlich Lachen erzeugt werden kann, das nicht längst durch Banalität, Trivialität und Wiederholung zur Grimasse erstarrt ist.

Thema ist außerdem immer die große Unsicherheit indischer und pakistanischer Auswanderer in England, die Frage nach der eigenen Identität, die Ablehnung in der Fremde. Saladin selbst, in Indien aufgewachsen, sehnt sich sein ganzes Leben nach Großbritannien, seine indischen Wurzeln verabscheut er (deswegen ändert er auch seinen Namen, auch hier also eine Metamorphose), dafür wird er von einer indischen Freundin streng getadelt. Erst am Ende des Romans scheint eine Versöhnung mit den eigenen Wurzeln möglich. Alle Figuren der Geschichte diskutieren früher oder später die Frage, wie man als Mensch, der an eine Kultur gebunden und in sie eingebunden ist, in gänzlich anderen Verhältnissen existieren kann. Geschickt (und dies ist nicht nur eine Rezensionsplatitüde) lässt Rushdie dieses Motiv wie ein hintergründiges Thema immer wieder anklingen, es wird moduliert und variiert und geschickt ins Hauptthema integriert. Denn auch der Erzengel und der Satyr müssen sich die Frage nach Integration stellen, sie werden sozusagen zweifach zu Außenstehenden, als Einwanderer und Mutanten. Die ganze Spannweite von Integration bis zur plumpen Anbiederung wird durchgespielt, dies alles vor der Folie eines kalt und hart wirkenden Englands, das vom Thatcherismus geprägt ist (in einer Episode wird eine Wachsfigur von Maggie in der Disco Hot Wax unter lauten Gejohle der Besucher zerschmolzen, begleitet vom Rap des indischen DJ´s, der ein Albino ist: Fehlende Skurrilität kann man dem Roman nun wirklich nicht vorwerfen).

Als Letzes sei noch erwähnt, dass sich Rushdies Roman eindeutigen Zuweisungen entzieht, dass nach einer "Moral von der Geschicht" Gott sei Dank lange gesucht werden muss und kann. Keine eindeutige Botschaft, kein moralischer Zeigefinger, keine Platitüden. Dialektisch, nicht antithetisch entwickelt sich der vielschichtige Plot und die Charakterstruktur der Figuren (übrigens eine weitere wesentliche Stärke des Romans, der hier noch erwähnt werden soll: die zahlreich auftretenden Charaktere gewinnen Farbe und Leben, erscheinen liebens- und hassenswert, da menschlich-realisitisch in ihrer Schilderung. Viele bewusst dekonstruierend schreibende "Moderne" haben damit bekannterweise große Probleme).

Nichtsdestotrotz gab es und gibt es genug Kritiker, die meinen, eindeutige Wahrheiten erkannt zu haben: so z.B. Dr. Hartmut Kuhlmann: Seiner Meinung nach "markiert das dramatische Gerüst des Buches" eine "Gegenbewegung": "Ein Teufel wird zum Engel, ein Engel zu einem Teufel." Gerade diese oberflächlich so einleuchtende, da alles erklärende consecutio causarum verleugnet die eigentliche Qualität von Rushdies Roman.

Gibril ist nicht der Gute, der vom bösen Menschen zum guten Engel mutiert, umgekehrt gilt das gleiche nicht für Saladin. Gerade die Dialektik der Bewegung ist das Reizvolle! Beide Seiten sind keineswegs eindeutig einzuordnen: Gibril zum Beispiel wird, verwirrt von seiner neuen Aufgabe, nicht nur Filmstar, sondern auch noch Gottesbote zu sein, immer schizophrener, rennt wie ein Besessener mit dem Horn Asraels in London herum, um das Jüngste Gericht auszurufen, tritt dabei auch, gerade zum Überengel herangewachsen, wütend mit seinem überdimensionalen Fuß mitten auf eine Autobahn, ohne den gewünschten Effekt zu erzielen, seine Bekehrungs- sowie seine Vernichtungsversuche scheitern kläglich, von den Menschen wird er nicht gehört und nicht verstanden, gegenüber seiner Geliebten verhält er sich wie ein arroganter Pascha usw. usw. Die oberflächliche These Kuhlmanns zeigt, dass sich viele selbst ernannte Rezensenten gar nicht mit dem Roman beschäftigt haben bzw. ihn nie zu Ende gelesen haben, evtl. weil ihnen die moraltriefende Thematisierung der fatwa wichtiger oder die zeitraubende Lektüre des Romans zu anstrengend war. Die These eines Buchhändlers hat vielleicht doch ihre Berechtigung: viele haben darüber geredet, zu Ende gelesen hat es kaum einer.

Ein Grund mehr, sich selbst zu informieren und dabei befruchten zu lassen.

 

 

 

martin schnarr, 18. 08.01.

Salman Rushdie: "Die Satanischen Verse/The Satanic Verses", 1988, 715 Seiten.

 

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Salman Rushdies "Satanische Verse" - ein guter und besonderer Roman. Leider wollte darüber keiner mehr reden, als der Roman 1988 erschienen und 1989 durch die "Verurteilung" des Autors ins Rampenlicht gerückt wurde.

"Gibril, immer schi-zophrener, rennt wie ein Besessener mit dem Horn Asraels in London herum, um das Jüngste Gericht aus-zurufen, tritt dabei, gerade zum Über-engel herangewach-sen, wütend mit seinem überdimen-sionalen Fuß mitten auf eine Autobahn, ohne den gewün-schten Effekt zu er-zielen."

"Zwei zentrale Pro-tagonisten stehen sich gegenüber: Gibril Farishta, Superstar des in-dischen theologi-schen Films und Saladin Chamcha, Exil-Inder in London und als Stimmenimi-tator in Fernseh-shows erfolgreich."

"Auch der Herr persönlich, mit Brille und Bart, tritt auf, ohne sich aber, ty-pisch Gott halt, wirklich in die Kar-ten schauen zu las-sen."

"Nicht nur an die Bibel erinnert die Erzählweise, auch an das Decamerone als europäischer Ur-quell der Novelle."
"Die durch die zwei Protagonisten aus-gelöste zeitweilige Aufhebung der Grenzen der realen und der mystischen Welt und die daraus entstehenden Si-tuationen beweist außerdem Rushdies Gespür für humoris-tische und groteske Effekte."