Nun ist das eigentlich nichts Neues. Seit jeher bot der Bezirk „Zombie“ genug Raum, um neben einer Action gesättigten Handlung kritische Töne anklingen zu lassen. Bereits George A. Romeros „Dawn of the Dead“ (1978) bediente sich der Kulisse – eine Mall (so hieß die deutsche Version damals auch recht einfallsreich „Zombies im Kaufhaus“) – als Resonanzboden, um nicht nur die Konsumgewohnheiten der zivilisierten Welt zu karikieren, sondern auch dem damals im politischen Diskurs noch vorhandenen Nord-Süd-Konflikt Raum zu geben.
Die Lebenden retten sich in ein Kaufhaus. Wohin sonst. Auf dem Dach stehend blicken sie hinunter auf die Untoten, die gleichfalls in die Mall wollen. Zurück zu den Rolltreppen und vollautomatischen Schiebetüren.
"What
are they doing? Why do they come here?"
"Some kind of instinct. Memory, of what they used to do. This was an
important place in their lives."
Eine Kritik nicht des Konsumverhaltens, sondern der leeren Lebensentwürfe. Wie sie ihm Leben ihre Zeit mit Shoppen vertan haben, so tun sie das selbst noch im Tod. Die Sünde wiederholt sich bis in die Ewigkeit und bestraft den Sünder mit sich selbst. Dante hätte seine Freude gehabt. Im vierten Kreis der Hölle ein Kaufhaus ... immerhin gibt es Fast Food.
Aber nicht nur eine Kritik am Einzelnen, auch an der Gesellschaft als solcher. Der Wohlstand einiger weniger schließt sich ein und damit ab von der Masse derer, die nichts haben. Die privilegierte Erste gegen die aufbegehrende Dritte Welt. Neben diesen politisch aufgeladenen Metaphern faschistoides Herumgeballere, in dem die Lebenden – wie auch die jenes Gemetzel goutierenden Zuschauer – ein weiteres Stück ihrer Menschlichkeit verlieren.
Romero, zwar nicht Erfinder des Zombie-Genres, doch der Regisseur, welcher die obskure Spielart des 30er Jahre Horrorfilms wiederbelebte, es mit dem Mainstream verband und damit das Grundgerüst des typischen Zombie-Plots zimmerte, wird verstärkt in den vergangenen Jahren zitiert.
Resident Evil, eine eher einfallslose Umsetzung des gleichnamigen Konsolenspiels, konzentriert sich auf die Shoot-and-run-Elemente – die Kritik an Gentechnik und multinationalen Konzernen wirkt aufgesetzt und dient lediglich der Beruhigung eines inzwischen politisch korrekt geschulten Zuschauerbewusstseins -, wie auch 28 Day Later brachten das Genre wieder zurück auf die Leinwände der Multiplexe. Die Apokalypse ist da und der verbliebene Teil der noch lebenden Menschheit rennt und schießt was das Zeug hält. Praktischerweise benennt Eichinger den Resident Evil Nachfolger der Einfachheit halber auch gleich „Apocalypse“.
Das Remake von „Dawn of the Dead“ bastelte ein wenig am Plot herum, beließ aber anstandshalber sonst alles wie man es bei Romero vorgefunden hatte. Das kurze Revival der Zombie-Filme schien bereits beendet, bevor es noch begonnen hatte. Nun kommen Simon Pegg und Edgar Wright und persiflieren das Genre mit "Shaun of the Dead". Und geben ihm neuen Schwung. Romero himself schien so beeindruckt gewesen zu sein, dass er die beiden als Zombies für den vierten Teil seiner „Saga“ „Land of the Dead“ (2005) engagierte...
"Shaun of the Dead" beginnt da, wo "Dawn of the Dead" endet. Im Supermarkt. Die ihrem Konsumverhalten nicht mehr aus freiem Willen folgenden Städter erscheinen bereits im Vorspann des Films als die eigentlichen Untoten. Instinkt ist alles, was ihnen geblieben ist. Vernunft, Emotion und Lachen sind in ihrer grauen, leblosen Welt verschwunden.
Und Shaun steckt fest. Seine dreijährige Beziehung zu Liz kriselt, da auch er nichts anderes mit seinem Leben anzufangen weiß, als sie in lebloser Routine jeden Abend in seine Stammkneipe „The Winchester“ zu schleppen, wo er gemeinsam mit seinem besten Freund Ed einen Pint nach dem dem anderen trinkt und die trostlose Atmosphäre mit Salzgebäck wegzuknabbern versucht.
Während ihre Beziehung sich auflöst, löst sich auch die Welt um sie herum auf. Die große Plage beginnt. Erst vereinzelt, dann die Stadt, schließlich das gesamte Land erfassend. Die Toten sind auferstanden und wandeln auf der Erde.
Aber weder Shaun noch Ed bekommen etwas davon mit. Und als sie es schließlich tun, flüchten sie sich ausgerechnet an den einzigen Ort, an dem sie sich zurecht finden. In die Kneipe. Ins „Winchester“.
"What
are they doing? Why do they come here?"
"Some kind of instinct. Memory, of what they used to do. This was an
important place in their lives."
Wie in "Dawn of the Dead" die Lebenden über die zur Mall wankenden Zombies reden, könnten jene hier über Shaun, Ed und ihre kleine Gruppe sprechen. Was zum Teufel wollen sie am Tag der Apokalypse ausgerechnet in einer Kneipe! Wenn es einen Gott gibt, dann spielt er hier Komödie.
"Any zombies out there?"
"Don't say that!"
"What?"
"That!"
"What?"
"The 'zed' word, don't say it!"
"Why not?"
"Because it's ridiculous!"
"Shaun of the Dead" ist eine brillante, eine rabenschwarze Komödie.
Dabei nehmen sich Simon Pegg (Shaun) und Edgar Wright (Regie) des Genres mit Sorgfalt und Achtung an. Sie liefern kein Scary Movie, keine Schenkelklopfer und billigen Silikonwitze. Nicht die Zombies sind es, die zum Lachen bringen, sondern die Menschen. Ihre Talk Shows nehmen sich der Zombies an, Musiker rufen ein Charity-Projekt ("Zombaid") ins Leben und das Dienstleistungsgewerbe findet neue Arbeitskräfte. Wenn ein Untoter schon in der Gegend herumschwanken muss, wieso ihm dann nicht einen Einkaufswagen als Stütze geben und ihn als Wagenschieber beschäftigen? Die menschliche Zivilisation ist ewig. Ob tot oder lebendig. Der Unterschied zwischen beiden ist nur noch schwer auszumachen.
Gleichwohl bleibt "Shaun of the Dead" ein Thriller. Das butige Element wird lediglich angedeutet und wenn in seltenen Fällen ausgespielt, dann als 1:1 Zitat.
"Ohh, for God's sake!"
Unterstützt werden die Bilder von einem klug zusammengestellten Soundtrack. Keine der sonst üblichen NuMetalEinerleiGitarren, sondern Reminiszenzen der 70er und 80er. Queen, Grandmaster Flash, The Smiths. Nicht der Soundtrack des Popcornkinos, keine Pubertätshymnen, sondern die Musik des Mittdreißigers Shaun. Der Soundtrack seines Lebens.
„You've got red on you“
Schon zu Anfang beginnt Shauns weißes Hemd rote Flecken zu bekommen. Aber es ist kein Blut. Es ist die Tinte seines ausgelaufenen Kugelschreibers.
kirstaetter, 3. Oktober 2004
Copyright © 2001-2004
"Though no one official is prepared to comment, religious groups are calling it Judgement Day. There's ...
... Panic on the streets of London."
Alle Rechte vorbehalten.
"Wir
laufen durch die Strassen wir sehen unmöglich aus, tragen
unser Innerstes nach außen und laufen rum wie ohne Haupt, unser
Fleisch löst sich vom Knochen, man
kann die Nerven einzeln Zählen, unsere
Stimmen sind wie Schreie, wir
sind ein Wrack im untergehen oder ähneln den Skeletten von Häusern
im entstehen, es
ist als trügen wir etwas in uns, das der Zukunft entsprungen ist."

„You've got red on you“
Das Jüngste Gericht bricht an, die Welt liegt in Trümmern, die Toten erheben sich aus ihren Gräbern und Sie merken nichts davon? Weil sich gar nicht soviel in Ihrem Leben verändert hat? Edgar Wrights „Shaun of the Dead“ nimmt sich der Idee an und spielt sie auf der Klaviatur des Zombie-Schockers.

"Wir
sind ein unheilbarer Virus, eine
Krise, eine Krankheit,
wir sind Leichen, die noch atmen -
Wir
sind ein reichlich schlechter Scherz und unser Schmerz und unsere Wunden sind
unser größtes Kapital, es ist als trügen wir etwas in uns,
dass einer anderen Welt entsprungen ist." (Kante)