Ausgerechnet die ansonsten für ihre Lockerheit und Entspanntheit gerühmten Brasilianer drohen der erfolgreichsten Zeichentrickserie der Welt jetzt mit Anwälten.

Lionel Hutz: "If there's one thing America needs, it's more lawyers.
Can you imagine a world without lawyers?
"

Da in einer Folge der 13. Staffel, die am 4. November 2001 in den USA startete, Rio de Janeiro als eine von Affen bevölkerte Dschungelstadt dargestellt wurde, in der die Geiselnahme von Touristen durch "hostage cars" zum guten Ton gehört, fühlte sich die Verwaltung vom Zuckerhut auf die Palme gebracht und auf ihre Füße getreten. Da wenige Wochen vor der WM jene Füße zudem kräftige Probleme haben, den Ball zu treffen und so kunstvoll wie damals in den 60ern ins Tor zu zirkeln, warum es also der Selecao nicht nachmachen und Artistik durch kräftiges Zutreten ersetzen? Dass die durch die Simpsons-Satire unterlaufene Werbekampagne der Tourismusbehörde dadurch konterkariert wird: wen stört's.

"D'oh!"

Für die Simpsons wird der Angriff aus dem Süden wohl kaum Folgen haben; die Fans werden sich noch enger um ihre gelben Lieblinge scharen und die "indizierte" Folge zu Tausenden entweder in einer DVD-Compilation erstehen oder aus dem Netz laden.

Was macht diese Sendung mit mittlerweile über 300 Episoden so erfolgreich? Kreiert 1987 von Matt Groening und im Rahmen der Tracy Ullman Show des Fernsehsenders Fox erstmals ausgestrahlt, erhielten die Comicfiguren aus Springfield dann im Dezember 1989 ihre eigene Show und werden in diesem Format nun bereits im 13. Jahr ausgestrahlt.

Ist es das fettleibige Familienoberhaupt Homer Simpson, der nah an der Grenze zur Debilität steht und als Personifizierung des Murphy'schen Gesetzes gilt? Oder sein zehnjähriger Sohn, Bart, der stolz darauf ist, ein Versager zu sein, sich um die Erwartungen der amerikanischen Mittelstandsgesellschaft nicht schert und stattdessen jene mit einsichtsvollem kindlichem Terror überzieht?

Dies mögen die vordergründigen Gründe eines Erfolgs sein, der sich daraus speist, dass täglich Millionen erwachsener Menschen sich für eine Zeichentrickserie begeistern und auf der Ebene einer scheinbar für das traditionelle Kinderprogramm gefertigten Serie regredieren.

Als Kinderserie galten die Simpsons vielleicht in Deutschland, wo zuerst die Mainzelmännchen auf dem Lerchenberg, dann Pro 7 in München die Folgen lange zu nachmittäglicher Zeit verbriet. Die gesellschaftssatirischen Züge, die politische Kritik, die sich oft gegen den in Form eines strammen Republikanismus geronnenen amerikanischen Prüderismus richtet, wurde im Heimatland von Till Eulenspiegel lange Zeit von den Älteren nicht wahr genommen. Den Kindern der Bundesrepublik wurde dabei, ohne dass es die Eltern ahnten, Widerborstigkeit, Kritizismus und eine gesalzene Prise Anarchismus injiziert. Nicht umsonst saß einer der bekanntesten und schlagkräftigsten amerikanischen Late Night-Talker, Conan O'Brien, lange Zeit als federführender Kopf auf dem Produzentenstuhl.

Jetzt - da Pro 7 die Ausstrahlung der neuen Folgen auf 21.15 Uhr verlegt hat und es damit FOX gleichtut, haben die Simpsons auch in Deutschland die breitenwirksame Aufmerksamkeit erhalten, die ihnen auf Grund ihres Inhaltes zukommt. Und unsere Kinder bleiben einfach länger wach ;)

Bereits in der ersten Folge "Es weihnachtet schwer" (im Englischen spielt der Titel "Simpsons roasted on an open fire" auf das gleichnamige romantisch Weihnachtslied "Chestnuts roasted ..." an) schlugen Zeichner, Texter und Produzenten diese Richtung ein. Und wenn sie hier auf humorvolle Weise die Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes entlarvten, ohne dabei moralinsauer zu werden wie beispielsweise die frühstücksdeutsche Spaßrakete Cherno Jobatey und westdeutsche Comicfigur Didi Hallervordern, so kam auch in der weiteren Abfolge kein Hype der postmodernen Konsum- und Wegguck-Gesellschaft ungeschoren davon.

Die Zwangsjugendlichen von MTV, Merchandise-Produkte wie Star Wars und Jurassic Park, selbst Independent-Filme wie Pulp Fiction wurden gelb eingefärbt und entfremdet im Parallel-Universum von Springfield zurück auf die Mattscheibe der Wirklichkeit gespiegelt. Talkshows und auch die gewalttätigen Kindersendungen der 50er und 60er Jahre wurden genusvoll in die Serie integriert und erhielten ihren festen Platz - abstrahiert und nahezu 1:1 wiedergegeben in den Figuren Itchy & Scratchy, die dekonstruierten Nachfahren der gleichfalls nicht unschuldigen Tex Avery-Cartoons.

Auch die political-correctness der 90er wird von der gelben Familie ins Anarchische hinüber korrigiert. In "King Size Homer" beschließt der Familienpatriarch absichtlich zuzunehmen, um seinem Ziel, der gesetzlich vorgeschriebenen Traummarke von 300 Pfund nahe zu kommen. Dann gälte er nach Bundesrecht als behindert und dürfte als "körperlich Herausgeforderter" von Zuhause aus arbeiten. Nicht nur ein Traum für Homer: Chips, Bier und ein Sofa als Unterlage - die Sport- und Wrestling-Shows der Kabelkanäle als unterhaltende Begleitmusik zum Nebenjob.

Auch Im schönen Titel "Homer's Phobia" verbirgt sich bereits die Programmatik einer weiteren Folge: Homosexuelle werden zwar mit allen denkbaren Klischees belegt und Homer darf sich wie wiedergeborener suburbaner Jesse Helms gerieren, bis er - und die Zuschauer - feststellen, dass bei seinem Versuch, Bart vor dem Kontakt mit gleichgeschlechtlichen Mitbürgern (Männern) zu schützen, doch einiges ganz anders ist, als es von vornherein zu sein scheint.

Die Episoden sind somit eine Gratwanderung. Die schwarz-weiße Trennungslinie zwischen good guys und bad guys wird aufgehoben und der Wirklichkeit oftmals näher angepasst, als es Shows tun, in denen "reale" Schauspieler spielen.

Subtil gemein, aber niemals verletzend. Derb, aber nie zotig. Es ist jenes Wechselbad aus Schenkelbrecher und intellektuellem Humor, dass jenen äffischen, zur Ironie befähigten Teil der Menschheit allabendlich vor den Bildschirm zieht und dem anderen dabei oft zum schmerzhaften Stahlbad und gelben Fallbeil gerät. Auch an der Copa Cobana.

 

maik hausmann, 13.04.02

 

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Schon der alte George W. Bush wetterte 1990 gern gegen die Simpsons und ordnete sich mit seinem Ausspruch "The Americans should be more like the Waltons and less than the Simpsons", brav in die Reihen der Christian Coalition ein. Sein Sohn hat zwar bisher noch nicht gegen die gelbe Gefahr aus Springfield geschossen, dafür droht nun von anderer äffischer Seite Ungemach.

Lionel Hutz: "If there's one thing America needs, it's more lawyers.
Can you imagine a world without lawyers?
"
"Aaah, beer. The answer to and cause of all our problems."
"Donuts...is there anything they can't do?"
Homer: Alright brain, I don't like you, and you don't like me, but let's work on this together and then I can go back to killing you with alcohol."