"Blackmail: Die Live-Bombe aus Groove satt und wasserdichten Songs gibt sich nach ihrer ellenlangen Clubtour die Ehre"
koenig hd: Die Stinkbombe aus Kopfschmerz satt und wasserabweisenden Haupthaar schafft es nach ellenlanger Konzerttour am Vortag nicht rechtzeitig vom Campingplatz vor die Hauptbühne. Schade.

 

"Welcome to Planet Motherfucker"

Bis zu Goldfinger habe ich es geschafft. Die haben mal bei den Sex Pistols im Vorprogramm gespielt. Und wären gerne Offspring. Also weiter ins Zelt, wo statt Earthtone 9 die in diesem Forum schon einmal besprochenen Grand Theft Audio spielen. Die Beats haben sie aber leider zu Hause gelassen. Stattdessen spielen sie ein Gitarren-Rock-Brett mit ordentlich Rumms und chhhhuuuaaaaah!! Ein Blick ins Programm droht für den weiteren Tagesverlauf mit Incubus und Queens of the Stone Age, es scheint der Tag der Bretter zu werden. Der Triumph des Schwanzrock über die Schwulenmusik vom Vortag. Die Hosen-Fans kommen aus ihren Zelten gekrochen, T-Shirt-Aufdrucke von Manowar, Metallica, Angry Samoa und Rage tauchen vermehrt auf. Nashville Pussy bringen es auf den Punkt. Mit einem Sänger, der wie eine Kreuzung aus Lemmy und Guildo Horn daherkommt und zwei Nashville Pussies, will sagen recht obszönen jungen Damen, stehen sie für Schwanzrock wie er klischeeträchtiger nicht sein könnte. Der Visions-Festivalguide macht uns zudem den Mund mit einer zwei Meter großen, Feuer spuckenden Bassistin wässrig, doch die hat die Band leider verlassen. Und sich wahrscheinlich einem anderen Zirkus angeschlossen. Musikalisch ist das ganze auch verblüffend. Sind das Motörhead-Covers? Oder Songs, die Lemmy in die Tonne getreten hat, da sie ihm allzu simpel waren? Erneut Musikkabarett, das aber, anders als die Hives am Vortag, über einen längeren Zeitraum ermüdet.

 

"We don´t look the same as you, we don´t do the things you do, but we live round here too"

Die Schwuletten schleichen defensiv übers Gelände und blättern im Festivalplaner. Kommt noch was, oder gehen wir besser gleich nach Hause? Nein, nein. Kommt schon noch was. Man muss allerdings fast den ganzen Tag vor der Zeltbühne verbringen, was bei strahlendem Sonnenschein und sommerlicher Wärme mit gewissen Unannehmlichkeiten einhergeht.
Phoenix waren diese Unannehmlichkeiten leider nur zum Teil wert. Wer ab und zu in der alternativen Musikpresse blättert, kann der Band kaum entgehen. Sie sind ein Hype. Musikalisch gesehen ist das völlig berechtigt, denn sie sind auf der Höhe der Zeit. 80s Pop trifft 70s Funk meint der Drum Festivalplaner. Na ja, eher 70s Disco, denn etwas funkiger hätte es schon sein dürfen. Und offensichtlich wollte die Band dies auch sein. So animiert einen der Sänger ständig zum Abgehen - aber wenn die Musik nun mal nicht danach ist? "Come on!" - Muss ich? Es ist so stickig hier. Besser mal nur zuhören. Und das Zuhören lohnt durchaus. Vertraut erscheinende Versatzstücke aus 80s Pop von Kajagoogoo bis Real Life werden gekonnt mit 70s Disco à la Supermax durch den Mixer gedreht. Ironisch, wissend, unaufdringlich. Sehr sympathisch. Allein als Phoenix Airs "Playground Love", den Titelsong aus "The Virgins Suicides", als Unplugged-Version covern, schwinden die Sympathien etwas. Da wird dann doch zu deutlich mit dem Zaunpfahl gewunken. Okay, ihr seid Franzosen, Franzosen sind gerade hip, und Air kennt ihr auch noch. Wäre das Cover origineller gewesen, wäre es einem nicht so sauer aufgestoßen, aber nur mit einer Akustikgitarre und Gesang erinnert es doch eher an Fußgängerzone als an Popkonzert. Immerhin: nach all den trommelfellpeitschenden Gitarren zuvor mal wieder etwas für Leute, die Musik nicht nur hören, um ihre Frustrationen abzubauen.


Nach etwas frischer Luft in der prallen Sonne geht es erneut ins Zelt. Hier bauen Fink auf, die in letzter Sekunde für Madrugada eingesprungen sind. Für mich ein Grund zur Freude, habe ich Fink doch schon zwei Mal auf kleineren Clubbühnen gesehen und war beide Male hellauf begeistert vom musikalischen Können, den melancholisch-ironischen Texten und der freundlichen Ausstrahlung dieser Hamburger Bohemiens. Nur leider ist Finks Musik eher etwas für die kalte Jahreszeit und für kleinere Bühnen. Also eigentlich für den völlig entgegengesetzten Rahmen. Die Befürchtungen bewahrheiten sich dann auch. Die breiige Soundmischung, die wohl allein der alten Twisted-Sister-Maxime "Play it loud, Mutha!" folgt, lässt die Texte fast völlig untergehen. Wer den Song nicht schon einmal gehört hat, braucht bisweilen sogar einige Zeit, um mitzubekommen, dass hier auf deutsch gesungen wird. Dies ist übrigens bemerkenswert. Denn Fink singen deutsch und machen weder Funpunk noch HipHop! Dass es dies noch gibt in Zeiten, in denen nur Tocotronic und Blumfeld das Aussterben deutschsprachigen Indiepops zu überleben scheinen (Jawohl, Aussterben! Bernd Begemann tritt vor 25 Leuten auf, Lotte Ohm hat seinen Plattenvertrag mit WEA verloren und die Sterne spielen inzwischen auf dem Frankfurter Unifest.), ist besonders erfreulich. So sind Fink sicherlich die am unglücklichsten platzierte Band des Festivals. Großen Respekt verdient daher, dass sie unbeeindruckt und spielfreudig ihr Programm absolvieren. Keine Konzessionen an hormongeplagte Stagediver, stattdessen differenziertes Songwriting. Die Entspanntheit der Band wird an Holger, dem diplomierten Würstchengriller aus St. Pauli, am deutlichsten. Dieser sitzt während des gesamten Konzerts Zeitung lesend auf der Bühne und brät verschiedenste Würstchensorten. Pünktlich zum letzten Song sind die Würste durch und werden an die Zuschauer in der ersten Reihe verteilt. Wer durchgehalten hat, behält Fink als enorm sympathische Band im Gedächtnis. Und erinnert sich hoffentlich an sie, wenn es wieder kälter wird und sie durch kleine Clubs touren.

 

"Halds Maul, bleib logga, hier komm-m die Scheffrogga"

JJ72 werden auf der Insel als the next big thing gehandelt. So etwas merkt man immer beim Durchblättern des NME. Wenn ein Name, den man noch nicht kennt, über das Heft verteilt fünf bis sechs mal auftaucht und man ihn einen Monat später in Intro oder WOM-Journal erblickt, weiß man, da kommt was auf uns zu. Oder da soll zumindest was kommen. JJ72 machen sich gut auf der Zeltbühne. Die Musik klingt britisch, die Band liefert einen britischen Auftritt ab. Was heißt: die Jungs stehen rum, gucken desinteressiert und kommunizieren nicht mit dem Publikum. Schön und gut. Aber nach Phoenix und Fink müsste es jetzt mal wieder abgehen. Ich erinnere mich an die Donots und an Slut und bin gerade in Donots-Stimmung. Nach all dem blasierten Herziehen über hormongeplagte Stagediver gebe ich dies nur mit leicht schlechtem Gewissen zu. Zudem hätte ich nun die einmalige Gelegenheit, die neuen Indiehelden zu sehen, bevor sie groß rauskommen. Wie vor zwei Jahren auf dem Hurricane Open Air Soulwax und Muse. Die kannte damals noch keiner. Was für einen unglaublichen Konversationsvorsprung für hippe Partys könnte ich mir jetzt verschaffen! Unaufgeregt würde ich im Dezember, wenn alle über die Band reden, in Gesprächen einwerfen können "Ach ja JJ72, die habe ich ja im Juni auf diesem Open Air gesehen. Waren echt nicht schlecht. Dachte damals schon, von denen wird man noch was hören." Aber sind wir mal realistisch: über JJ72 werden im Dezember nicht alle reden, ebenso wenig wie alle über Muse und Soulwax sprechen. Zudem lässt einen zuviel Wissen über dubiose Indiebands ohnehin nicht cool, sondern nur autistisch wirken, und gerade Frauen verlassen ein Partygrüppchen in der Regel schneller, als man schauen kann, wenn sich ein Gespräch über Musik anbahnt.

Daher lasse ich JJ72 das next big thing und alle fünfe gerade sein und gehe zu 5 Sterne Deluxe, deren Konzert gerade auf der Hauptbühne anhebt. Die Hamburger verlieren keine Zeit. Schon nach dem ersten Stück wird das Publikum eingeteilt: wer vor der Bühne steht, verpflichtet sich zum Mitmachen, die anderen müssen ins Zelt, eine Runde schlafen. Recht so. Was folgt sind fette Beats und derbe Rhymes. Jawoll, es hat mich gepackt. Anders als im zur unfreiwilligen Komik tendierenden HipHopper-Jargon kann man es nicht sagen. Die Musik zwingt zum Mitmachen, wir kriegen den Bass, wir kriegen alle Hits von "Jaja Deine Mudder" bis zu Bo´s Sommerhit 2000 "´Türlich, ´türlich". Dazwischen gibt es trockenen nordischen Humor und flotte Kalauer. Politisch unkorrekt werden wir zum Saufen aufgefordert und bekommen Dosenbier ins Publikum geworfen, was noch unkorrekter ist, da die ängstlichen Organisatoren ja an sich an den Eingängen alle Bierdosen konfiszieren lassen.
Auch textlich sind die 5 Sterne eine Wohltat. An sich kennen sie nur ein Thema: sich selbst und ihre Brillanz. Das mag einigen sauer aufstoßen, aber wenn man mal genau hinschaut, geht es im deutschen HipHop zu 90% darum, dass nur der gerade Vortragende den Rap retten kann und er, im Gegensatz zu allen anderen, total unkorrumpiert und mit echter street cred ausgestattet ist. Das ewige Dissen ist es, was HipHop zu einer nur bedingt vergnüglichen Angelegenheit macht. Bei den 5 Sternen ist das nicht so. Die kennen nämlich die Wörter Humor und Selbstironie, und so pendeln ihre Eigenlobexzesse geschickt zwischen durchaus ernstgemeint und augenzwinkerndem "Wir machen bloß Spaß". Wie Brian Molko am Vortag schon sagte: "Wir machen Spaß, ja?" Genau. Pure Unadulturated Fun!

 

"Excuse me folks while I kiss the sky"

Am anderen Ende der deutschen HipHop-Skala scheint sich momentan Thomas D. zu bewegen. "Thomas D. is getting things done"? Wohl eher: "This is the sound of someone losing the plot, making out that they´re are okay when they´re not". Der ehemalige Friseur und HipHop-Held aus Stuttgart ist erwachsener und nachdenklicher geworden, hat sich weiterentwickelt und zieht Bilanz. Leider lässt er uns daran teilhaben. Dass in Thomas D. ein esoterischer Grübler wohnt, konnte man schon beim Fanta 4-Song "Krieger" erahnen, dessen gewollt mythischer, ja mystischer Text einem bisweilen peinlich berührte Blicke zum Boden abverlangte. Bei einem Fanta 4-Auftritt fiel das aber nicht weiter ins Gewicht, weil auf solch schwerstbesinnlichen Unfug meist eine erfrischend sinnfreie Selbstbeweihräucherung Smudos folgte. Doch eine Stunde Thomas D. allein? Schon zu Beginn macht Herr D. uns klar, dass ihm nicht zum Scherzen zumute ist. Uns steht keine unbeschwerte Partyzeit mit fröhlichen Grooves, fließenden Lyrics und peacigem Gemeinschaftsgefühl bevor. Düster und unheilschwanger betritt Herr D. zum Klang von Brachialgitarren die Bühne. Zu Verstehen ist wie bei Fink nicht viel. Aber man erkennt das zweite Lied, die neue Single, in der sich der von Gewissensbissen geplagte Herr D. bei all den Menschen entschuldigt, die er mal schlecht behandelt hat. So wird das Konzert zur Gruppentherapie. Applaus und Jubel wertet der in anderen Stratosphären schwebende Topstar als positive Energie, als unsere emotionalen Schwingungen, die bei ihm sind. Oh süße Demens! In einem klaren Moment sollte Herr D. sich mal überlegen, dass wir uns hier im tiefsten Schwaben befinden. Da kommt Herr D. auch her und ist daher schon mal mit lokalpatriotischen Vorschußlorbeeren ausgestattet wie kein anderer auf dem Festival. Dazu kommt der Bandhintergrund der Fanta 4 und der Erfolg seines Solosongs "Rückenwind". Deshalb sind die Leute hier, deshalb sind sie gut drauf. Nicht weil sie gerührt sind, dass ein egomanischer Superstar beim Ausleben seines "Mach dein eigenes Ding, sei dein eigener Held"-Individualismus einige Frauenherzen gebrochen und einige Freundschaften geschrottet hat und dies nun endlich mal merkt. Musikalisch ist das ganze auch nix. Wie es begonnen hat, geht es auch weiter: harte Gitarren statt sommerlichem Flow, als hätte Herr D. auf dem Flohmarkt CDs von Rage und Cypress Hill erstanden und sich gedacht: "Das mache ich jetzt auch, so fühle ich mich gerade".
Ich fühle mich am zweiten Festivaltag bei allmählich untergehender Sonne leicht erschöpft. Als Herr D. zum dritten Stück anhebt, verlasse ich vorsorglich das Zelt. Immerhin sollen noch die Stereo MCs spielen, da spare ich mir meine Energie lieber auf.

 

"Schlaf ist nur ein Irrtum, und die Musik tut nicht mehr weh"

Wie kommt der Schlamm ins Zelt? Zwei Tage lang hatten wir bestes Sommerwetter. Strahlenden Sonnenschein und kein bisschen Regen. Dennoch ist der Boden vor der Zeltbühne schlammig. Drohten am Vorabend beim Schweinerock von Paradise Lost die Leute zu ersticken und wurden deshalb mit Gratiswasser abgekühlt? Oder ist es etwa der Schweiß der Festivalcrowd? Besser nicht darüber nachdenken. Einfach reinstellen.
Der Umbau dauert. Ich bin rechtschaffen müde. Aber ins eigene Zelt legen gilt nicht, zumal auf der großen Bühne gerade noch The Offspring ihren uninspirierten Partypunk krachen lassen und dann die headlinenden Hosen mit ihren Melodien für Millionen anstehen. Also lieber warten. Die Band, die uns "Connected" beschert hat, wird trotz neunjähriger Abstinenz schon nicht völlig danebenliegen. Zudem haben sich zum letzten Act im Zelt auffallend schöne Menschen versammelt, Männer wie Frauen. Bei Blickkontakten wird freundlich gelächelt, und eine kollektive Vorfreude scheint den Raum zu durchschweben.
Irgendwann sind sie da. Und kommen gleich zur Sache. Die Band ist ein Phänomen. Rob Birch sieht aus als käme er frisch aus dem Rehabilitationsprogramm, ein alter Sauf- und Noch-schlimmeres-Kumpan von Shaun Ryder. Umso überraschter ist man, wenn man sieht, wie behänd, locker und eigenwillig er die Bühne betanzt. Die Hälfte der Bühne gehört ihm, die andere den drei aparten schwarzen (Background)sängerinnen. Da ist für jeden was zum gucken dabei. Schöne Frauen und ein hüpfender Rumpelstilz im Anorak. Den legt er allerdings recht bald ab, denn es ist warm. Sehr warm. Die Musik fließt. Entspannte und doch treibende Beats, mal geht's etwas mehr zur Sache, dann wird gerade im richtigen Moment das Tempo gedrosselt. Das Publikum ist dankbar. Um mich herum glückliche Gesichter. Woher am Abend des zweiten Festivalstages noch die Energie kommt, bei jedem Lied zu tanzen, zu hüpfen und die Arme in die Höhe zu strecken, weiß ich nicht. Auch Rob gibt sich verwundert. "After two days on a festival you must be tired." Nein, sind wir nicht. Also weiter bitte. Auch die Songauswahl ist gekonnt. "Connected" fügt sich nahtlos in das Set ein, kein herausragender Hit auf den die Menge gewartet hat, wofür sie das neue Material höflich zur Kenntnis nimmt. Auch zu "Deep, Down & Dirty" geht es ab. Und so bescheren uns die Stereo MCs am Ende des zweiten Tages noch einmal einen Festivalhöhepunkt. 75 Minuten pure Energie und Party ohne Längen. Ich bin so begeistert, dass ich mir mein erstes Tourshirt seit fünf Jahren kaufe. Und bin immer noch so begeistert, dass ich mich nicht scheue, dass hier zuzugeben.

 

"Campino comme le bonbon de fruit ?"

Die Toten Hosen nach den Stereo MCs anzuschauen kommt einem Kulturschock gleich. Da knödelt die unveränderte Drei-Akkord-Mucke aus den Boxen als hätten die 90er nie stattgefunden. "Wir werden nie zum FC Bayern gehen" skandieren die Berufsrebellen, als ich mich der Hauptbühne nähere. "Wir würden nie zu den Scheiß-Hosen gehen" halte ich leise summend mit den Yeti Girls dagegen. Jetzt heißt es das durchzustehen, denn die mich begleitenden Party Chicks sind mitten in der Menge. Noch mindestens eine halbe Stunde. Vor meinem geistigen Auge laufen gehässige Sätze ab, die meinen e-salon-Artikel schmücken könnten. Z.B.: "Die Toten Hosen sind der musikalische Brückenschlag zwischen Wolfgang Petry und den Bösen Onkelz." Die meisten verwerfe ich aber wieder, denn für den realexistierenden Campino und seine Peinlichkeit gibt es keine Worte. Humorlos hangelt er sich von Ansage zu Ansage ("das nächste Lied geht um Frankreich, das Land der Kultur, haha, das (sic) Louvre, ähem, Baguette, die Jungfrau von Orleans. Um die geht es im nächsten Lied" - es folgt übrigens eine Version des englischen Abschiedslieds "For auld lang synge". Über den Zusammenhang mit Johanna rätsle ich noch immer). Nicht mal die Hardcorefans lachen, wie Campino irgendwann einmal beleidigt feststellt ("Ihr seid noch nicht reif dafür"). Campino. Der legitime Erbe von Wolfgang Niedecken und Heinz-Rudolf Kunze, ein halbgebildeter, politisch-korrekter Klugscheißer mit Oberstudienratsgebaren ("Bitte werf´ die Bierdosen nicht so weit in die Menge. Wenn da einer nicht aufpasst bekommt er so ein Ding an den Kopf und ist dann sofort weg.").

Und die Musik ist auch nicht besser. Was da so läuft in dieser halben Stunde: Guantanamera, frech-schlüpfrig umgedichtete in "Cunt in a mirror" (weshalb Campino seine Fans auch noch mal ausdrücklich darauf hinweist, das dies ein schottisches Lied sei. Wortspiel, du verstehen, ja?), For Auld Lang Synge. Wie wäre es mit dem Anton aus Tirol? Bisschen rockiger spielen, dann wird's schon Punk. Den Fans würde es gefallen, dann müssten sie das Lied schon nicht mehr heimlich hören. Nein, was ich im ersten Teil an den Donots lobte, haben die Hosen nicht zu bieten. Humor. Nix mit Funpunk. Nur Punk, und zwar Bausparerpunk.
Und jetzt? All der positive Flow der Stereo MCs schon wieder im Arsch? Beileibe nicht. Am Ende gelingt es den Hosen mich mit der Masse zu vereinen. Denn da spielen sie "Opelgang" und ihr Trinkerlied "Und die Jahre ziehen ins Land", und da passiert das, was einem auch bei der Lektüre eines Florian Illies passiert. Man ist plötzlich wieder 15. 1987. Landschulheim in St. Peter Ording. Ein Koffer voller Büchsenbier. Tote Hosen auf Kassette. Daraufhin Kauf der Hosen LP "Unter falscher Flagge" im Plattenladen "Discover" in Karlsruhe. Plötzlich schmilzt der Zynismus dahin, Rührung stellt sich ein. Am Ende klatsche auch ich. Wenn auch eher für meine ganz persönlichen Erinnerungen, als für die Toten Hosen.

Total unwissenschaftliche Schlussbemerkung

Allmählich wird es kalt vor dem Zelt. Das tiefste Schwaben ist nicht die Oberrheinische Tiefebene. Der Himmel ist sternenklar, um ein Uhr ist die Musik im Partyzelt verstummt, und die Hälfte der Festivalcrowd ist schon auf dem Heimweg. Abgesehen von ein paar unverdrossenen Marodierern und das Zelt suchenden Alkoholzombies ist fast so etwas wie Stille eingekehrt, doch die Musik wirkt noch nach. Deep Down & Dirty, Scooby Snacks, Taste in Men. "Music won´t take you higher unless you´re a moron" singt Edwyn Collins auf dem unbetitelten Bonustrack seines Albums "Gorgeous George". Von Edwyn Collins lasse ich mich gerne auch mal als Trottel bezeichnen.

 

koenig hd, 7.07.01

 

Die Zwischenüberschriften stammen diese Mal aus Stücken von White Zombie, Pulp, Fünf Sterne Deluxe, Edwyn Collins, Element of Crime und Max Goldt

 

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Southside Open Air 2001

Part II

 

"Mein schönstes Festivalerlebnis"

Des immer noch total subjektiven Reports vom Southside-Festival zweiter Teil. Es ist Sonntag."After two days on a festival you must be tired." Nein, sind wir nicht.

"Die Hosen-Fans kommen aus ihren Zelten gekrochen, T-Shirt-Aufdrucke von Manowar, Metallica, Angry Samoa und Rage tauchen vermehrt auf. Nashville Pussy bringen es auf den Punkt."
"Vertraut erscheinende Versatzstücke aus 80s Pop von Kajagoogoo bis Real Life werden gekonnt mit 70s Disco à la Supermax durch den Mixer gedreht."
"Bernd Begemann tritt vor 25 Leuten auf, Lotte Ohm hat seinen Plattenvertrag mit WEA verloren und die Sterne spielen inzwischen auf dem Frankfurter Unifest."
"Zudem lässt einen zuviel Wissen über dubiose Indiebands ohnehin nicht cool, sondern nur autistisch wirken."
"Der ehemalige Friseur und HipHop-Held aus Stuttgart ist erwachsener und nachdenklicher geworden, hat sich weiterentwickelt und zieht Bilanz. Leider lässt er uns daran teilhaben."
"Da ist für jeden was zum gucken dabei. Schöne Frauen und ein hüpfender Rumpelstilz im Anorak."
"Wir würden nie zu den Scheiß-Hosen gehen" halte ich leise summend mit den Yeti Girls dagegen.
"Campino. Der legitime Erbe von Wolfgang Niedecken und Heinz-Rudolf Kunze, ein halbgebildeter, politisch-korrekter Klugscheißer mit Oberstudienratsgebaren."