"Hochsommer, in Friendship ist alles still. Die Männer bestellen die flimmernden Felder. Kinder streifen durch die Wälder, waten in den Bächen, planschen in den kühlen Teichen. In der Stadt verweilen die Frauen in der Schwüle des Hutgeschäfts, beugen sich über Stoffballen oder Fässer voll klumpigem Mehl."

Stewart O'Nans Roman, "Das Glück der Anderen", beginnt verhalten, beinahe gemächlich und der Autor ist so klug, dieses Tempo beizubehalten und seine Ruhe der heraufziehenden Apokalypse als Kontrapunkt entgegenzusetzen. Nicht schnelle Schnitte, rasante Szenen oder krachende Sprache sollen den Leser fangen, sondern das stille und angesichts der Heimsuchung beinahe kühl und rational geführte innere Zwiegespräch des Protagonisten Jacob Hansen.

Wählte O'Nan in "Snow Angels" einen multiperspektivischen Ansatz und schlüpfte gerade sprachlich tief in die Charaktere hinein, nimmt er sich hier zurück, bewahrt Schlichtheit und folgt der natürlichen Chronologie. Keine zeitlichen Sprünge, keine Verschränkung der Handlungen, sondern ein Einpersonenstück.

Aus dem sich drehenden, bald windenden inneren Monolog des Protagonisten Jacob Hansen gelingt die Projektion seiner Gedanken und Gefühle - soweit Literatur dies zu vermitteln vermag - hinüber auf den angesprochenen Leser. Zwar wird der Rezipient nicht Hansens Weltsicht in jedem Detail zustimmen; doch die Entscheidungen, die jenem als Sheriff und Prediger abverlangt werden, sind allgemein und die Reaktion des menschlichen Gemüts darauf sind es ebenfalls - gleich mit welcher Religion oder Philosophie sich der Leser durchs Leben bewegt.

"Über die Krankheit weißt du nicht viel. Sie ist tödlich, das reicht."

Die Handlung, verlegt in den Ort "Friendship" kurz nach Beendigung des Amerikanischen Bürgerkriegs, kommt rasch in Gang und treibt sich alsbald selbst voran. Ein toter Soldat wird am Stadtrand gefunden. Zufällig scheint er dort gestorben und auch ohne sichtbare Gewalteinwirkung. Jacob Hansen, der Sheriff, lädt ihn auf seinen Karren und fährt den Toten in die Stadt, um dem Fall nachzugehen. Die kranke Frau, die er dabei auf der Wiese findet, nimmt er gleichfalls mit - als der Prediger und Gottesmann handelt er christlich und staatstragend zugleich. Bald wird jene scheinbar harmonische Einheit jedoch auf die Probe gestellt und sich unter dem entfachten Druck aufzulösen beginnen.

Denn der fürsorglichen Pflicht entspringt der Tod. Wo Nächstenliebe als Wert genommen und gelebt wird, bringt ihre Nähe Krankheit und Verderbnis und verwandelt in eine Vorhölle, wo eben noch das Leben sich der Sommersonne entgegenreckte. Der Tod folgt Jacob Hansen von nun an auf Schritt und Tritt. Als Abraham, als geschlagener Hiob streift er durch seine Stadt und wird, da er sie vor dem Untergang bewahren will, zum Midas der Diphterie und Todesengel von "Friendship".

Wie das geschieht hebt sich wohltuend von gängigen Katastrophenszenarien ab. Keine Affen, keine orangefarbenen Schutzanzüge und kein chargierender Dustin Hoffman! O'Nans "Outbreak" findet nicht im afrikanischen Dschungel statt oder in den Häuserschluchten einer zementierten Großstadt. Zwar vermochte auch Stephen King in "The Stand" eine Epidemie wirkungsvoll und tatsächlich unaufdringlich zu inszenieren. Doch während dort der Tod am Anfang eines eschatologischen Plots stand und lediglich als Auslöser für Folgendes eingebunden war, beschränkt O'Nan sich an dieser Stelle. Er braucht nicht die Welt, ihm reicht der Rahmen einer Kleinstadt in den 1870ern, um sein Todesspiel aufzuführen.

Weder sind es Ebola noch Milzbrand oder eine andere gehypte Seuche. Der Autor vereinfacht, wo er kann und so entsteht ein schlichter und überschaubarerer Mirokosmos, in dem das Elend sich personifiziert und nicht in Statistiken rationalisiert werden kann. Nicht die medizinisch technische Seite interessiert, sondern der auf sich selbst zurückgeworfene Mensch.

Der menschliche Konflikt, den O'Nan in den drei Bezirken Liebe, Glaube und bürgerliche Pflicht auflöst, findet seinen Brennpunkt in der Figur des Erzählers: Jacob Hansen, der dem kleinen Ort als Sheriff, Prediger und Leichenbestatter dient. Auf den ersten Blick mag dies konstruiert wirken, doch O'Nans Erzählkunst federt ab und macht gefügig, wo Bezüge holprig oder gar moralisch werden könnten.

"... doch in der Tür bleibst du stehen, um deine beiden Liebsten anzublicken, sie auf dem Sofa zu bewundern, und du bist froh, ja geradezu glückselig, denn fast hättest du sie verloren."

"A Prayer for the Dying" ist keine Gebrauchsanweisung, sondern eine Aufforderung, weiterzudenken und Schwierigkeiten zu übersehen, die im Rahmen des Menschseins nicht gelöst werden können, ohne eben jenen Menschen zu verleugnen und in Momenten der Tragik zu verletzen. Der Titel des Originals ist wohl gewählt. Zum einen umfasst er die einzige Option, die dem Prediger Hansen nicht genommen wird. Beten kann er selbst noch, wenn alle anderen Möglichkeiten untauglich geworden sind. Ob er jedoch noch an diesen Gott zu glauben vermag, an dessen tauben Ohren die Gebete abprallen, sei offen gelassen. Zugleich umgreift "the Dying" nicht allein die an der Physis Getroffenen, die sieche Gewordenen und ohne Aussicht auf Heilung rasch Sterbenden. Er zielt genauso auf die Lebenden, denn auch Hansen, obwohl seine Gesundheit nicht betroffen wird, stirbt einen langsamen Tod. Zwar am Körper immun gegen die Seuche, betreten Seele und Verstand einen abschüssigen Pfad. Das Sterben derer, die er liebt, denen nicht allein seine Aufmerksamkeit, sondern deren Glück seine gesamte Arbeitskraft galt, lässt ihn hinabsteigen in eine seelische Unterwelt, die ihn dem Todsein näher bringt als es jeder Virus vermocht hätte.

Weshalb O'Nan seine Hauptfigur jedoch zu einem Leichenschänder werden lässt, bleibt fragwürdig. Jener Akt der Verzweiflung mag aus dem Charakter der Figur möglicherweise zwingend notwendig sein. Aus ihrem abgebildeten und hervorragend dramaturgisierten Monolog ableiten lässt sich jene plötzliche Wandlung jedoch nicht. Auch die gegen Ende angestrebte Erweiterung Hansens Charakter durch die nachträglich eingeschobene Erklärung, er habe während des Bürgerkriegs zum Kannibalismus Zuflucht nehmen müssen, um sein Leben zu retten, wirkt fremd und seltsam unnötig in diesem sonst so durchdachten Roman. Hansens Figur ist klar und deutlich genug, als dass sie derlei bedürfte und O'Nan auf Splatter-Elemente zurückgreifen müsste, um die Seelenpein dieses Mannes zu zeigen. Manchmal ist weniger mehr. Nicht jeder Gedanke bedarf eines Bildes.

Doch sind dies zwei Nebensächlichkeiten, die angesichts der ansonsten gewahrten und fühlbar ausgelebten Meisterschaft des Autors nicht schwer ins Gewicht zu fallen vermögen. Ein in sich geschlossener Text. Ein Juwel auf 220 Seiten.

"Nicht weil du Angst hast. Sondern weil du dich nicht in einen anderen Menschen verwandeln kannst."

 

kirstaetter, 10.11.2001

 

Stewart O'Nan: "A Prayer for the Dying/Das Glück der Anderen", 220 Seiten, Roman, Zitierungen sind der Übersetzung von Thomas Gunkel entnommen.

 

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Stewart O'Nan

"Das Glück der Anderen"

"A Prayer for the Dying"

Milzbrand im Briefkasten und die Ebola im Kühlschrank? Vergessen sie das! Stewart O'Nan hat nicht die globale Apokalypse im Sinn, sondern beschränkt den Blick auf den Menschen in der Katastrophe. Dabei gelingt ihm ein Roman von wahrhaft griechischer Tragik.

"Eine Woche mindestens. Die Inkubationszeit beträgt fünf Tage. Bei Kindern etwas weniger."

"Gestern hast du ein Haus abgebrannt, in dem sich noch jemand aufhielt. Doc hat dich darum gebeten."
"Du bist zu lange voller Hoffnung gewesen. Sieh dir an, wohin das geführt hat. Doc. Martha, alle, die du liebst."