Copyright © 2001

Alle Rechte vorbehalten.

mail@e-salon.de Geschäftsbedingungen

Klaus Koenig

"Sympathy for the Devil "

"Sympathy for the Devil "

Mit dem Director´s Cut des "Exorzisten" hat ein Klas-siker des Horrorfilmgenres noch einmal den Weg ins Kino gefunden. Zeit für die Rückschau auf den Klas-siker, einen Epigonen und das Gefolge.

So ist "Der Exorzist" mehr als nur ein Horror-film. Er ist ein Abgesang auf jegliche Art von Op-timismus, Rationali-tät und Love & Peace, ein Ausdruck der Katerstim-mung der frühen 70er-Jahre nach vielen ent-täuschten Hoffnungen und Erwartungen der 68er-Zeit.

Es scheint in den 70ern einen gehörigen Mangel an ordentlichen Darstel-lern gegeben zu haben.

Der "Director´s Cut" ist natürlich überflüssig.

Linda Blair, die auf allen vieren mit verdrehten Gelenken - im Turnun-terricht nannte man es "Brücke" - die Treppe hinunterkrabbelt, und dann erst mal ordentlich Blut spuckt.
Man dämmert schon langsam weg, als sich das Kindermädchen er-hängt, und zwar indem sie vom obersten Stock des Familienanwesens springt und herzhaft in die Terrassentür ein Stockwerk tiefer don-nert. Das weckt einen dann doch wieder auf.

10 Jahre zu alt für die Rolle, in offensichtlich viel zu engen Hosen, wankt Gergory Peck durch die Szenerie und sagt seinen Text auf, als sei das Adjektiv hölzern für ihn erfunden worden.

Er war alt und brauchte das Geld, aber wenigs-tens routiniert hätte er sein können.

"Der Exorzist". Ein Film, der einen ziemlich beeindruckt, besonders wenn man kurz zuvor einen Film ähnlichen Kalibers, nämlich "Das Omen", ge-sehen hat. Denn anders als "Das Omen" ist "Der Exorzist" ist ein wirklich gruseliger Film. Das liegt weniger an den berüchtigten Szenen, in denen Linda Blair Erbsensuppe kotzt und ihr Bett hoppeln bzw. schweben lässt.

Regisseur Friedkin hat gut daran getan, sich nicht auf derlei Geister-bahn-Effekte zu verlassen, denn sonst würde der Film heute, nach Splatterexzessen von "Dawn of the Dead" bis "From Dusk Till Dawn", reichlich antiquiert wirken. Gleiches gilt für die wüsten Kraftausdrücke, die die 12jährige Blair von sich gibt. Diese haben einem Publikum in den 70ern sicher noch kräftig in den Ohren geklingelt, heute jedoch nimmt man sie nur noch müde lächelnd zur Kenntnis. Es sind eher die subtileren Szenen, die ihre Wirkung auch weiterhin nicht verfehlen. So z.B. die Szenen mit der Mutter des jungen Pfarrers, der später den Dämonen austreiben soll. Diese landet, als sie alleine nicht mehr zurecht kommt, in einer Mischung aus Altenheim und psychatrischer Anstalt. Als der Soh-nemann sie dort besucht, kommen all die anderen verwirrten Menschen auf ihn zugestürmt, gucken bedrohlich und zerren an seinen Kleidern. Gruselig.

Zweites Beispiel: Max von Sydow, Pfarrer No.2 und der eigentliche Exor-zist, wird zu Beginn des Films im Irak fast von einer Kutsche überrollt. In der Kutsche sitzt eine alte Frau, ganz in Schwarz, die eigentlich nichts macht, außer finster zu gucken. Ebenso gruselig. Besonders gelungen ist in dieser Beziehung auch das nur für Bruchteile von Sekunden eingeblen-dete Dämonengesicht. Dieses erscheint zum ersten Mal, als Blair beim Arzt untersucht wird. An sich eine völlig harmlose Szene: das Mädchen bekommt Blut abgenommen, einige Tests werden durchgeführt. Alles passiert beiläufig und unaufgeregt. Plötzlich erscheint kommentarlos die Dämonenfratze. Ohne Musikeffekt, ohne dass die Handlung darauf ein-geht. Nur das Gesicht, knapp eine Sekunde lang. Danach taucht die Fratze immer mal wieder blitzartig auf. Da man sie aus der Szene zuvor schon kennt (es sei denn man hat da gerade in den Popcorneimer gestarrt), reicht dies aber völlig aus, um eine beunruhigende Wirkung zu erzielen. Im Gegenteil: genau genommen sind diese kurzen Einblendun-gen sogar ziemlich clever. Denn würde man den Dämon mal länger se-hen, würde sich der Schauer vermutlich nicht einstellen, da man dann realisieren könnte: ist eh nur ein Schauspieler mit viel Make Up, der fies guckt. Dieses Problem hat z.B. der in den 80ern Jahren verbotene und mythenumrankte Film "Tanz der Teufel", der zwar keine Scheußlichkeit auslässt, dem man dabei jedoch das knapp bemessene Budget in jeder Szene ansieht, so dass sich hier kein Grusel, ja noch nicht mal Ekel, son-dern eher Belustigung einstellt, und man sich fragt, warum ausgerechnet dieses Trashfilmchen jahrelang im Giftschrank verschlossen blieb.

Beim "Exorzisten" allerdings überzeugt nicht nur der Grusel, sondern auch der Aufbau der Geschichte. Diese entwickelt sich gemächlich. In der Normalität der 70er Jahre reagiert Mama Blair zunächst einmal auch normal auf das immer befremdlicher werdende Verhalten der pubertieren-den Tochter: sie geht mit dem Kind zum Arzt, und dieser versucht, eine medizinische Erklärung zu finden. Dem einen Arzt folgen weitere, die Er-klärungsversuche werden immer hilfloser, und schließlich sind es die Me-diziner selbst, die den Exorzismus empfehlen. Ähnlich entwickelt sich ein weiterer Handlungsstrang. Parallel zu Blairs Metamorphose ermittelt ein Klischee-Bulle, eine Figur, wie man sie aus den einschlägigen Krimiserien der Zeit kennt: ein Verschnitt aus Columbo und Donut mampfendem Cop, der bereits alles gesehen hat.

Doch auch dessen Versuche, den Mord an einem Freund von Mama Blair aufzuklären, dem die besessene Kleine erst den Kopf verdreht (im wahr-sten Sinne des Wortes, nämlich um 180 Grad) und ihn dann 180 Stufen hinuntergeschubst hat, scheitern. Erneut haben wir es mit einem ratio-nalen Erklärungsversuch zu tun, doch auch dieser Erklärungsversuch versagt. Der Polizist kommt erst, als es zu spät ist. Der Showdown fin-det ohne ihn statt, und er muss sich damit abfindenden, dass der Fall auf seine Art nicht gelöst werden kann.

Unter diesem Gesichtpunkt ist der Film sicherlich auch ein gutes Zeit-dokument für die Stimmung in den frühen 70ern. Autor Blatty, so kann man es zum Beispiel in Peter Biskinds vorzüglichem Opus magnus über die Hollywood-Regisseure der 70er "Easy Rider, Raging Bulls", nachlesen, verfasste die Geschichte wohl nicht zuletzt unter dem Eindruck der Mor-de der Manson-Family. So ist "Der Exorzist" mehr als nur ein Horrorfilm. Er ist ein Abgesang auf jegliche Art von Optimismus, Rationalität und Love & Peace, ein Ausdruck der Katerstimmung der frühen 70er-Jahre nach vielen enttäuschten Hoffnungen und Erwartungen der 68er-Zeit.

Dennoch gibt es natürlich auch bei diesem Film etwas zu meckern: zum ersten die Schauspieler. Die spielen teilweise ordentlich (Sydow), z.T. aber haarsträubend schlecht (allen voran Blair-Mutter Ellen Burstyn, die unbegreiflicherweise zu dieser Zeit so etwas wie ein Star war, und einige Jahre später sogar einen Oscar erhielt). Es scheint in den 70ern einen gehörigen Mangel an ordentlichen Darstellern gegeben zu haben (s.u. "Das Omen"). Zudem ist der Director´s Cut natürlich überflüssig. In der Zeitschrift "Filmdienst" hat man sich dankenswerterweise die Mühe ge-macht, die hinzugefügten Szenen im einzelnen in einem Artikel vorzu-stellen (fd 5/2001). Einzig eine Schockszene erscheint hierbei als Berei-cherung: Linda Blair, die auf allen vieren mit verdrehten Gelenken (im Turnunterricht nannte man es "Brücke") die Treppe hinunterkrabbelt, und dann erst mal ordentlich Blut spuckt. Ist einer der weniger subtilen Ef-fekte, aber einer der sitzt. Ansonsten sind es im wesentlichen belanglose Dialogszenen und ein 3minütiger Epilog zwischen dem Cop und einem dritten Pfarrer, eine Szene, die Blatty laut Filmdienst wohl schon 1973 im Film haben wollte, um diesen auf einer positiven Note enden zu lassen.

Hier kommt die Absurdität des ganzen Unterfangens "Director´s Cut" zum Vorschein, denn der eigentliche Director´s Cut war wohl eher die Origi-nalversion des Films, in der sich Regisseur Friedkin in den meisten Punk-ten gegen Autor Blatty durchgesetzt hat. Die neue Version hingegen ist offensichtlich im gegenseitigen Einvernehmen entstanden. Braucht also eigentlich kein Mensch, zumal gerade der Epilog eine ziemlich zähe und gekünstelte Angelegenheit ist. Man kennt das aus amerikanischen Krimi-serien: Fall gelöst, es folgt ein Geplänkel mit netten Wortspielen, alle lachen, Abspann. Schadet dem Film daher eher, als es ihm nützt. Fazit: dennoch ein Klassiker, der sich auf der großen Leinwand lohnt. Gerade in einer Zeit, in der sich das Horrorgenre (mal wieder) auf Teenie-Slasher-Filmchen reduziert hat, eine willkommene Rückbesinnung.

Beim "Omen" kann man sich wesentlich kürzer fassen.

Selbst wer sich hier auf ein nettes kleines Trashfilmchen einstellt, kann immer noch enttäuscht werden. Denn der Film ist noch um einiges trashiger, als man denken mag. Wie es da zu zwei Fortsetzungen kom-men konnte, bleibt völlig rätselhaft. Der Film schwimmt eindeutig im Fahrwasser des "Exorzisten", was an sich ja noch nicht schlecht sein muss. Doch schon die Geschichte ist unglaublich zäh. Wir wissen von Anfang an, dass Damien ein Kind des Teufels ist, und daher wissen wir auch, was passieren wird. Genau das passiert dann auch alles. Geradlinig und überraschungsfrei. Schnarch.

Einzig gelungen sind die originellen Tode, die Damien herbeiführt. Man dämmert schon langsam weg, als sich das Kindermädchen erhängt, und zwar indem sie vom obersten Stock des Familienanwesens springt und herzhaft in die Terrassentür ein Stockwerk tiefer donnert. Das weckt einen dann doch wieder auf. Ebenso beeindruckend die Enthauptung ei-nes Reporters, der dem Satansbraten auf die Spur kommt. Das war´s aber auch schon. Alles andere ist konventionell, bis auf die Schauspieler, die allesamt scheiße sind. Kann man nicht anders ausdrücken.

Gut allein ist der kleine Damien, der es immer wieder schafft sekunden-schnell sein Gesicht von süßer Fratz auf fiese Fratze umzuknipsen. Aber ansonsten? In den Nebenrollen tummeln sich all die typischen 70s-Schauspieler ohne Gesicht und besonderes Talent, und in den Haupt-rollen sieht es noch schlimmer aus. Lee Remick ist schlichtweg katastro-phal, und man dankt es Damien, dass er seine Mutti schon recht früh im Film über die Reling der Galerie des noblen Zuhauses wirft.

Ganz schlimm auch Hollywood-Veteran Gregory Peck. 10 Jahre zu alt für die Rolle, in offensichtlich viel zu engen Hosen, wankt er durch die Sze-nerie und sagt seinen Text auf, als sei das Adjektiv "hölzern" allein für ihn erfunden worden. Schön und gut: er war alt und brauchte das Geld, aber wenigstens routiniert hätte er sein können. Doch Peck wirkt nicht abwesend, sondern vielmehr völlig überfordert mit seiner Rolle. Allein Lee Remick an seiner Seite lässt ihn noch halbwegs gut dastehen, aber ins-gesamt wäre eine Besetzung mit Klausjürgen Wussow und Uschi Glas nicht wesentlich schlechter gewesen. Zumal Peck sich in diesem Films mehrfach der an sich für Wussow typischen unpassend-unheilsschwan-geren Kunstpause bedient.

Nein, den Film braucht wirklich kein Mensch, und der Hollywood-Pro-duzent, der hier mit dem Gedanken an einen "Director´s Cut" spielt, muss wahrhaft vom Teufel geritten sein.

So zeigt sich, wenn man die beiden Filme heute 26 bzw. 28 Jahre nach ihrer Entstehung sieht, dass einige Zeit verstreichen muss, bevor man sagen kann, welcher Film das Zeug zum Klassiker hat. Kassenschlager waren sie zu ihrer Zeit beide, doch gerade ein Film wie "Das Omen" unterstreicht, wie herausragend "Der Exorzist" ist. Nur im "Exorzisten" spürt man auch heute noch die große inszenatorische Leistung eines inspirierten Regisseurs und verlässt das Kino mit dem Gefühl gerade einen Meilenstein des Genres gesehen zu haben.

 

koenig hd, 16.4.01

mail the author

the e-salon MESSAGE BOARD