Das sprachliche Instrument des Sekundenstils wird zelebriert, dazu ins Trans-zendente gesteigert. Die Story umfasst genau 39 Kapitel. Jedes steht für eine Sekunde im Leben des ca. 50jährigen Protagonisten Christian Rauch. Präziser formuliert handelt es sich dabei um die letzten Sekunden in dessen Leben. Christian hat sich von einer ihn nach Italien begleitenden Hure (Gucia) einen Kopfschuss verpassen lassen. Die erzählte Zeit umfasst also realiter nur diese 39 Sekunden, für die ca. zwei Stunden Lesezeit aufzuwenden sind.

Bis man den Hintergrund der Novelle erfasst hat, muss man allerdings zu-nächst recht weit in das Gedankengeflecht des Sterbenden vordringen. Man wird mitgenommen auf eine mystische Reise in eine Stadt, in der sich Christian fortbewegt. Begleitet wird er dabei von einer nicht näher definierten männ-lichen Gestalt, die ihn durch diese Stadt zwischen Leben und Tod führt. Dieser schwarze Geselle scheint so etwas wie das Falkenmotiv der Novelle zu sein. Er symbolisiert das schwarze Geheimnis des ja offensichtlich geschei-terten Lebens des Protagonisten, gleichzeitig übernimmt er die Rolle des Führers durch und in das Totenreich, ein allerdings insgesamt äußerst blass bleibender moderner Hermes. Ohne sich selbst zu äußern, leitet er Christian durch die städtische Landschaft, eine Sphäre des Übergangs zwischen Leben und Tod, eine Stadt, die Christians Erinnerungen und Lebensbeichte beheimatet und die es zu entdecken gilt.

Sprachlich verlangt Lehr dem Leser dabei einiges ab. Sehr bemüht (um nicht zu sagen: zu bemüht) will er uns über den stream of consciousness (oder hier besser: unconsciousness) näher bringen, dass es sich um die Gedanken eines Sterbenden handelt, nahe dem unendlichen Geisterreich. Wie organisiert man das sprachlich (Man muss ja die eigene intellektuelle Originalität in einer scheinbaren Dekonstruktion der Sprache beweisen) ? Ganz einfach: man verzichte auf reguläre Satzzeichen bzw. setze sie vollkommen willkürlich. Beispiel gefällig: "Ich war einmal. Sehr genau mit allem aber jetzt ist das hier wie völlig gut gegangen und ich brauche. Nichts: Luft: Was ist das Ende. Der Stadt?" Nun ja, man kann es übersehen bzw. als gewolltes Stilmittel noch durchgehen lassen.

Man muss diese Novelle zu Ende lesen, da die durchaus geschickt konstruierte Geschichte eine zentrale Frage aufwirft, die den Leser nicht mehr verlässt: warum hat sich der Sterbende, den man auf seinem letzten Gang begleitet, seinem Leben frühzeitig ein Ende gesetzt? Im Verlauf seiner Reise durch die private Vorhalle zur Unendlichkeit wird der Leser nach und nach mit Informationen versorgt.

Ein Sommertag des damals 11jährigen Christian ist Kristallisationspunkt der privaten Vergangenheitsbewältigung. An diesem Tag ist Christian mit seinem drei Jahre älteren Bruder Robert Fischen. Bei der Rückkehr zum elterlichen Haus passiert etwas Merkwürdiges. Christians Vater, ein anscheinend angese-hener Arzt, wird von einem Fremden besucht. Die vom Fischen zurückkeh-renden Jungen treffen die beiden Männer vor dem Haus. Sie empfinden eine Spannung zwischen den beiden Männern, ohne sich aber die Hintergründe erschließen zu können. Der Besucher scheint nicht gerade willkommen, lässt sich aber auch nicht abwimmeln. Zu guter Letzt zieht er sich bis auf die Unterhosen aus und bleibt vor dem Elternhaus Christians stehen (dem Vater begegnet er mit den Ausruf: "Appell, Herr Doktor, Appell"). Erst die Polizei beseitigt den Störenfried der familiären Scheinidylle. Weiteres wird über dieses Ereignis zunächst nicht verlautbart, der Leser hat aber bereits eine ungute Vorahnung, die sich im Folgenden bestätigt.

Robert lässt dieses Ereignis keine Ruhe, er spricht mit dem Fremden (ohne Christian über den Inhalt des Gesprochenen zu informieren), beginnt zu re-cherchieren und scheint dabei auf unangenehme Wahrheit über seinen Vater zu stoßen. Als Folge dieser Erkenntnisse wirft er sich im Alter von 17 Jahren vor einen Zug. Der Suizid Christians viele Jahre später scheint eine späte Nachfolge des älteren Bruders.

Der Leser hat die Fährte aufgenommen und wird im Verlauf der letzten Sekun-den der Novelle gänzlich aufgeklärt: Christians Vater war KZ-Arzt, der merkwürdige Besucher ein ehemaliges Opfer, das den ehemaligen Täter seiner Verbrechen anklagen will. Robert deckt mit seinen Nachforschungen die wahre Identität des Vaters auf und zerbricht daran. Auch Christians ganzes Leben wird von der für ihn nicht zu verkraftenden Tatsache überschattet, dass sich sein Vater als Menschenquäler der NS-Vergangenheit entpuppt hat. So wird er selbst auch nicht Arzt, sondern nur Apotheker, da er es nicht fertig bringt, Menschen zu berühren oder anzufassen. Dabei bewegt ihn aber immer der Wunsch, Menschen zu heilen, er verkörpert also das schlechte Gewissen und den Wunsch nach Wiedergutmachung für die Verbrechen seines Vaters. Auch Christians Ehe mit seiner Frau Angelika (penetrant oft in der Erinnerungsphase ins Spiel gebracht) scheitert daran, auch Christians Sohn Konstantin leidet darunter, dass Christian seine Schuldgefühle auf seine Familie projiziert.

"Wie originell!!", entfährt es dem enttäuschten Leser. Manchmal hat man, politisch ganz unkorrekt, das Gefühl, das Martin Walser nicht ganz unrecht hatte. Nun gut, Auschwitz wird hier nicht als Moralkeule eingesetzt, aber doch als literarisches Keulchen, mit dem er unnötigerweise um sich schlägt und den interessierten Leser von der Chaussee einer originellen Idee auf einen ausgetretenen Trampelpfad des immer Wiederkehrenden, aber in unserer Betroffenheitskultur immer Funktionierenden führt. So wird aus der an sich faszinierenden Reise durch die letzten Hirnströme eines Suizidalen am Ende ein Roman über deutsche Vergangenheitsbewältigung.

Warum greift ein 44jähriger Autor auf dieses Thema zurück? Muss sich jede Geschichte, die ein Deutscher schreibt, mit der fatalen Zeit von 33-45 paaren, um Beachtung zu erflehen von einem politisch korrekten Feuilleton, dass das Raunen von der deutschen Schuld anscheinend schon per se mit literarischer Qualität gleichsetzt? Nicht ganz aus dem Kopf kommt einem hier die Nähe zu Schlinks "Vorleser", den Lehr vielleicht auch mit reflektiert. Auch hier kann ja nicht die Geschichte der Liebe einer alternden Straßenbahn-schaffnerin zu einem wesentlich jüngeren Mann Grundlage des plots sein, die Entdeckung einer braun verseuchten Vergangenheit scheint immer zwingend als Gehalt mitschwingen zu müssen. Amerikanische Schauspieler versuchen, durch eine sensible oder geschichtsträchtige Rolle oscarreif zu werden, bei Lehr hat man das Gefühl, das es der literarische Olymp ist, den er anpeilt.
Der Mix von willkürlicher Zeichensetzung und Holocaust-Geraune trägt aber eher dazu bei, die eigentlich intelligente Idee der Novelle zu entwerten.

 

martin schnarr, 10. Juni 01

 

Thomas Lehr: "Frühling", Novelle,142 Seiten, Aufbau-Verlag, Berlin 2001.

 

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"Frühling"

"39 Sekunden"

Thomas Lehrs Novelle "Frühling"

Nicht besonders voluminös fällt er aus, der Nachfolger des hoch gerühmten Romans "Nabokovs Katze". Ist ja schließlich auch nur eine Novelle. Allerdings eine mit einer durchaus originellen Idee.

Man muss diese Novelle zu Ende lesen, da die durch-aus geschickt kon-struierte Geschichte eine zentrale Frage aufwirft, die den Leser nicht mehr verlässt
Zu guter Letzt zieht er sich bis auf die Unterhosen aus und bleibt vor dem Eltern-haus Christians ste-hen (dem Vater be-gegnet er mit den Ausruf: "Appell, Herr Doktor, Appell").
Amerikanische Schau-spieler versuchen, durch eine sensible oder geschichtsträch-tige Rolle oscarreif zu werden, bei Lehr hat man das Gefühl, dass es der literarische Olymp ist, den er anpeilt.
Auschwitz wird hier nicht als Moralkeule eingesetzt, aber doch als literarisches Keul-chen, mit dem er unnötigerweise um sich schlägt und den interessierten Leser von der Chaussee einer originellen Idee auf einen ausgetre-tenen Trampelpfad des immer Wieder-kehrenden führt.