Und es gibt andere - wie meine Freundin Beate - die aus lauter Langeweile ein Musikquiz ausfüllen, ohne genau zu wissen, was es da eigentlich zu gewinnen gibt. Böse, ungerechte Welt! Ein bisschen Aufregung machte sich dann aber trotzdem breit, als der Gewinnerbrief durch den Briefschlitz flatterte. Schließlich blieben gerade mal sechs Tage, um über existentielle Fragen nachzusinnen, die sich der weiblichen Seele angesichts eines solchen Ereignisses aufdrängen ("Was ziehe ich an?" - "Was tue ich, wenn mir Robbie Williams über den Weg läuft?" - "Werde ich die Uni abbrechen, wenn mir eine Rolle in einer Soap angeboten wird?").
Schon bald stöckeln wir in unseren Miniröcken in glühender Hitze eine staubige Straße in irgendeinem Kölner Industriegebiet lang. Natürlich um das Geld für ein Taxi zu sparen. Allerdings ist das wohl kein gebührender Auftritt für einen VIP. Das dachten auch die Herren mit den Walkie-Talkies, die uns höflich aber bestimmt darauf hinwiesen, dass in dieser "Area" Normalsterbliche nichts zu suchen hätten. Genauso höflich aber bestimmt bahnten wir uns trotzdem unseren Weg zum Tor, an dem uns eine Frau mit wichtigem Laptop und Messehostessen-Lächeln begrüßte. Beate mit bedeutungsschwangerem Blick: "Wir stehen auf der Gästeliste!" Nein, stehen wir nicht. Einer von diesen höflichen Walkie-Talkie-Herren wird herbeizitiert und geht mit unserem Gewinnerbrief weg, ohne uns eines Blickes zu würdigen. Latente Panik breitet sich aus: "Das war unser einziger Beweis. Wir haben keine Kopie. Und wenn er ihn einfach verbrennt?" Qualvolle Minuten verstreichen. Endlich werden wir weiter zum Pressestand geschickt. Da hat man dann unsere Namen, und wir bekommen ein VIP-Bändchen. Ziemlich läppisch aus neongelbem Plastik - da war das Band vom letzten Festival eindrucksvoller. Na ja, egal. Hauptsache wir sind drin, und es gibt irgendwo was zu trinken.
Es bleibt noch Zeit bis die Show anfängt, und wir "checken schon mal die Location". Wir wollen ja nicht auffallen und üben gleich den VIVA-Slang. Was wir sehen, verschlägt uns aber tatsächlich die Sprache: ein überdachter Innenhof mit tropischen Gewächsen, einem meterlangen Buffet und zahlreichen Bars. Und das wichtigste: Alles für umme! Innen geht es noch weiter mit einer riesigen überdachten Tanzfläche und diversen Chillout-Räumen. So also feiern die Reichen, Berühmten und Schönen - und wir. PROST! Da hatte man sich gerade bei einem Schlückchen Sekt von den ersten Aufregungen erholt, schon folgte der nächste Adrenalinstoß: der erste Star!! Michi Beck alias Hausmarke von den Fantastischen Vier bzw. Turntablerockern schlendert vorbei, um sich einen Hamburger vom Grill zu holen. Er genießt sichtlich seinen Auftritt. Deswegen hat man schon gar keine Lust mehr, ihn zu bemerken. Mit seinem weißen Trainingsanzug macht er außerdem auch eher eine durchschnittliche Figur.
Die Show
Jetzt ist es aber auch schon Zeit, sich auf die VIP-Tribüne zu begeben. Die Halle ist überraschend klein und der Zuschauerraum noch nicht mal ganz voll. Wir sitzen aber über dem Geschehen, zusammen mit den Stars der Stars. Na ja. Es war zu befürchten: Die gesamte Riege von "Verbotene Liebe" und "Marienhof" ist versammelt. (Wen's interessiert, Isabell, die Ex-Nonne, sitzt neben mir.) Und außerdem ist sie da: Margarethe Schreinemakers. Outfitmäßig hatte sie sich perfekt auf das VIVA-Publikum eingestellt: knallgelbes, bauchfreies Neontop und Schlaghose. Dazu zwei junge Lover an ihrer Seite (oder sind es ihre Söhne?).
Ein VIVA-Moderator betritt die Bühne, sozusagen als Anheizer. Findet sich selbst unglaublich witzig, ist es aber nicht. Nachdem er das Publikum ein bisschen beleidigt hat, erklärt er, dass sie jetzt drei Arten von Applaus aufzeichnen wollen: einen relativ verhaltenen, einen mittelstarken und einen tosenden. Na gut, klatschen wir mal etwas, wenn's dann endlich losgeht. Der Pausenclown ist zufrieden und gibt die Bühne frei für die beiden eigentlichen Moderatoren des Abends: Sasha und Jessica Schwartz. Sagen wir's mal so: Sie passen perfekt zum Publikum: farblos und langweilig. Ein Teleprompter ist zwar nirgendwo zu entdecken, ich bin mir aber sicher, dass sie ihre Sätze irgendwo ablesen. Zumindest hört es sich so an.
Die ganze Show als solches entspricht in etwa meinen Erwartungen: drei Viertel der "Showacts" singen schlechtes Playback, tanzen in schrecklichen Kostümen ungelenk über die Bühne und wagen es dann auch noch, besonders ihrer Schneiderin zu danken, wenn sie einen COMET gewinnen. Nix Madonna oder Robbie, stattdessen Westlife, DJ Bobo, No Angels und Scooter. Aber wir wollen uns nicht beschweren. Schließlich gibt es auch einige wenige Lichtblicke: Die sympathischen Jungs von Travis und Wheatus singen selbstverständlich live. Im Zuschauerraum merkt das von den 12 bis 15jährigen zahnbespangten Westlife-Fans zwar niemand, und würden sie es tun, wäre ist ihnen wohl auch egal. Viele "Teenage Dirtbags" gibt es unter ihnen nicht und selbst die acht Leute, die Wheatus auf die Bühne holen, sind ziemlich unbeeindruckt. Wie müssen sich Wheatus nach dem Southside-Festival zurücksehnen, wo jede Menge junge Menschen mit gutem Musikgeschmack schwitzend im Zelt zu ihrem Superhit hüpften (siehe koenig hds Artikel, Teil 1).
Auch unsere VIP-Kollegen haben besseres zu tun, als dem Geschehen auf der Bühne zu folgen: rauchen, ins Handy schreien, gut aussehen. Nur Margarethe schunkelt und klatscht begeistert mit, als sei sie im Musikantenstadl. Dann tritt jedoch eine Frau auf, die es unglaublich cool schafft, alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen: Missy Elliot. Singt selbstverständlich live und hat als Verstärkung Nelly Furtado mitgebracht. Die kleine Nelly verblasst allerdings etwas neben der energiegeladenen Missy, die nur so über die Bühne fegt und nebenbei auch noch einen COMET abräumt.
Auch die Brothers Keepers mit ihren "Beats gegen Rechts" und dem Hit "Adriano - letzte Warnung" sind nicht zu verachten. Okay, es wird ein bisschen langatmig, wenn zehn zusammengewürfelte Rapper alle nacheinander ihre Styles zum besten geben. Aber sie schaffen es tatsächlich, die ersten fünf Reihen zum Hüpfen zu bewegen. Und das ist bei dem Publikum schon eine echte Leistung. Auch wenn man ihn nicht wirklich ernst nimmt, Xavier Naidoos melodischer Refrain bildet gekonnt einen Gegenpol zum manchmal etwas monotonen Sprechgesang.
Spätestens bei den Auftritten der sogenannten Laudatoren begreift man dann, warum dieses Trockenklatschen am Anfang nötig war. Sabrina Setlur und Michi Beck betreten die Bühne: Stille - nach ein paar Sekunden klatschen fünf mitleidige Leute. Michi trägt das linke Hosenbein seiner Trainingshose immer noch hochgekrempelt. Wahrscheinlich ein missglückter Versuch, einen modischen Trend zu setzen. Während er ob des ausbleibenden Applauses nur gequält lächelt, reagiert die Setlur zickig. Schnell Gejohle aus der Konserve wie bei einer Sitcom drübergespielt und der Fernsehzuschauer glaubt, die beiden sind immer noch angesagte Stars.
Die Aufgabe eines Laudators ist nicht sehr anspruchsvoll: kurz sagen, um was für eine Kategorie es sich handelt, die Einspielung mit den Nominierten abwarten, Kuvert aufreißen, Gewinner vorlesen und begeistert tun. Aber nicht mal das schafft Verona Feldbusch. Stöckelt auf das Rednerpult zu und liest einen völlig missratenen Witz ab. Sie ist vom apathischen Publikum so irritiert, dass sie quäkt: "Äh ja, so, dann reiß ich mal das Kuvert auf!" Bevor sie aber den Namen des Gewinners rausplärren kann, spielt der geistesgegenwärtige Aufnahmeleiter das Video mit den Nominierungen ab. Die Feldbusch grinst nur blöd. Na ja, das kennt man ja von ihr. Nach dieser Einspielung hat wohl jeder im Saal außer ihr geblickt, dass es sich hier ausschließlich um deutsche Interpreten handelte. Sie piepst aber ins Mikro: "Das war die Kategorie Bester Internationaler Newcomer." Wäre das nun alles vorher abgesprochen gewesen, hätte man's ja halbwegs amüsant finden können, aber soviel schauspielerisches Talent traue ich Verona nun echt nicht zu.
Über die COMET-Gewinner will ich gar nicht viel Worte verlieren: Neben Leuten wie Westlife, Geri Halliwell und den No Angels bekamen teilweise sogar vernünftige Bands wie Depeche Mode, die leider nicht persönlich kamen, und Travis einen Preis. Ich bin aber sowieso kein Freund von diesen Preisverleihungen und zugehörigen Danksagungen nebst Krokodilstränen: "Ich danke meinem Manager (dem geldgierigen Geier), meiner Plattenfirma (Scheißvertrag), meinen Eltern (mit denen ich schon seit Jahren keinen Kontakt mehr habe), meinen treuen Fans (die so blöd sind, meine CDs zu kaufen) und VIVA (hoffentlich gibt's gleich anständig was zu saufen). Ich liebe Euch alle!!!"
After-Show-Party
Nach drei unendlichen Stunden auf nicht VIP-gerechten Holzstühlen ist der Pflichtteil der Veranstaltung endlich vorbei. Jetzt geht die Party los!! Gleich mal das Buffet stürmen. Diese Gedankengänge gehen wohl in den meisten Köpfen vor. Die "VIP-Area" ist plötzlich gerammelt voll. Schulter an Schulter reiben sich die Prominenten mit Sektgläschen in der einen und Hors d'oeuvre in der anderen Hand. Blitzschnell gucken wir uns ab, wie man sich als Star bewegt: Wildfremden Leuten zunicken und zuprosten, die freundlich zurückgrüßen und sich fragen, ob sie uns eher privat oder geschäftlich kennen. Mal gucken, ob auf der Tanzfläche schon was los ist: Ja, Megastimmung. Allerdings nur für die Presse. Natürlich die Schreinemakers wieder ganz vorne dabei, daneben die No Angels in die Kamera: "Das ist der schönste Tag in unserem Leben!" Mola Adebisi übt alberne Breakdance-Schritte für seine brandheiße Reportage über die tolle After-Show-Party.
Wir schlendern herum, nehmen uns einen weiteren Nachschlag von der üppigen Dessertauswahl und gucken zu, wie Wheatus, Michael Mittermaier und die Feldbusch, umringt von zwei Bodyguards, Interviews geben. Nach und nach füllt sich die Tanzfläche dann wirklich. Ein DJ legt ziemlich gekonnt vorwiegend Black Music auf. Und so sind es auch hauptsächlich die Anhänger des Dancefloor, Hip Hop und Rap, die ihre Hüften schwingen. Als dann aber plötzlich Missy Elliot, Xzibit und Nelly Furtado ein Podest besteigen und die Crowd zu den eigenen Beats anheizen, gibt es für niemanden ein Halten mehr. Der absolute Höhepunkt des Abends!
Doch wie es mit Höhepunkten nun mal so ist, können sie nicht ewig dauern. So langsam verabschieden sich die wahren Stars; einige brauchen ihren Schönheitsschlaf, andere gehen auf noch angesagtere Partys. Bald sind wir nur noch von VIVA-Mitarbeitern umringt, die wahrscheinlich dazu verdonnert wurden, bis mindestens 3.00 Uhr morgens auszuharren. Wir lehnen draußen an einer Bar. "War das gerade nicht Smudo?" Leider sind die Reaktionen schon ziemlich verlangsamt. Man gewöhnt sich außerdem erstaunlich schnell daran, überall bekannte Gesichter zu sehen. So ist es auch gar nichts besonderes mehr, wenn Michael Mittermaier nebendran auf dem Barhocker sitzt.
Fazit: Ein gelungener Ausflug in die Welt der Promis. Auch wenn die Glitzerwelt der Stars bei näherem Hingucken erstaunlich normal ist. Beenden möchte ich diesen Kommentar wie ich ihn bereits begonnen habe, mit der gelungensten Danksagung des Abends von , dem Sänger der Bloodhound Gang: "Thanks to VIVA for getting me drunk."
nicole
juling, 1. September 2001
Nicole Juling
Die VIVA-Comet Verleihung

"Thanks to VIVA for getting me drunk"
Es gibt vermutlich Teenager, die ein Verbrechen begehen würden, um an VIP-Tickets für die VIVA-Comet-Verleihung mit dazugehöriger After-Show-Party zu kommen.
