Seit November feiert die Fernsehfamilie ihr heiter inzestuöses Christfest ab und spätestens nach einer Woche Beschuss durch die 24er hängt das Hirn bereitwillig ein weißes Bettlaken aus dem Ohr heraus. Nicht um zu kapitulieren, sondern um sich abzuseilen.
Viele glauben, es blieben nur zwei Möglichkeiten. Entweder die Lebensfunktionen herunterzufahren und die Feiertage damit zu verbringen, starr wie ein schockgefrosteter Frosch in der Wohnung herumzuliegen, oder sich zu entschließen, dem Ereignis fatalistisch entgegenzutreten und persönliche Freude daraus zu entwickeln, sich des Elends bewusst zu werden. Das sind die Thomas Bernhard-Leser. Andere suchen ihr Heil in der Flucht.
Unsere kleine Videoliste bietet die preiswerte Alternative zu Hawaii-Eskapismus und Suizidgrübelei und dazu wesentlich mehr Unterhaltung als fatalistisches Sich-tot-stellen.
Die ersten beiden Streiche führen leicht verdaulich in die Institution des Weihnachtsfests ein. Nach absolviertem Pensum ist entweder das Weihnachtstrauma überwunden und zaghaftes Interesse aufgekeimt, oder die Aversion findet sich bestätigt und blanke destruktive Wut auf den Heiligabend macht sich breit.
Der Einstieg in die Materie des ambitionierten Weihnachtsfilms gelingt mit Chevy Chase's Weihnachtsfeier. Leichthändig verknüpft der Autorenfilmer gängige Sujets mit avantgardistischen Spitzen gegen die Festtagshysterie amerikanischer Familienväter. Ein Hund mit Flatulenz im Endstadium kommt hinzu und eine noch kurz vor ihrer unbeabsichtigten Einäscherung überaus vitale Katze runden das Schreckensszenario ab.
Nach der infernalischen Einstimmung des "National Lampoon's" sollte am 23sten Tim Burton's "Nightmare before Christmas" in den Videorecorder geschoben weren. Der unter dem Label von Disney entstandene Puppenfilm folgt nur vordergründig der üblichen Firmenstrategie. Sind erst die obligatorischen Lieder abgesungen und die gleichfalls obligatorische Lovestory ausgeblendet, wird die bizarre Anarchie der Halloween-Welt auf die zivilisierte Gesellschaft übergeblendet.
"Schnappt euch den Nicki Graus, steckt ihn in den Sarg!" singen des Kürbiskönigs drei kleine Gehilfen, da sie den Weihnachtsmann kidnappen und Jack Skellington, die bleichen Knochen unter dem roten Kostüm verborgen, in den Schlitten steigt, um in der Nacht zum 24sten die Kinder der Welt mit Geschenken zu beglücken. Es sind liebevoll hergestellte Geschenke. Mit viel Herz von Schlittschuh laufenden Vampiren, Werwölfen und Axtmördern verfertigt. Die Monstren der Halloween-Stadt haben sich Mühe gegeben und bertreffen die einfallslosen Metallbaukästen, Zuckerkringel und Puppen um ein Vielfaches. Abgetrennte Schrumpfköpfe bereiten Kindern immerhin genauso viel Freude wie die bewährte Eisenbahn.
"Hier spricht die Polizei. Weihnachtsgeschenke greifen an?"
Aggressive Killerenten, Springkürbisse und Riesenschlangen bereiten ein Weihnachtsfest, auf das man lange hat warten müssen. Selbstverständlich zeigen sich die Menschen der humorlos und sind entsetzt. Bevor sie Jack mit Kanonen vom Himmel holen, winkt der ihnen, glücklich so viel Freude bereitet zu haben, noch einmal zu. "Bitte sehr, gern geschehen!"
Vom weihnachtlichem Krippen- und Harfenspiel nun narkotisiert, möchte man im Wunderland der rot-grünen Gefühlsorgie harmonisch weiterschweben. Folgende Filme tragen watteweich noch tiefer ins Weihnachtswunderland.
In Frank Capra's "It's a wonderful life/Ist das Leben nicht schön?" von 1946 spielt James Stewart einen Kleinstadt-Altruisten, der die eigenen Wünsche dem Wohl der Gemeinde und der eigenen Familie unterordnet. Als dem ewig Übergangenen endlich der Geduldsfaden reißt, beschließt er, mit einem Sprung von der Brücke dem ereignislosen Leben ein Ende zu setzen. Doch da Heiligabend ist, schickt der Himmel, der stets ein waches Auge für die guten Buben hat, einen rettenden Engel. Henry Travers, der den reichlich exzentrischen Himmelsboten gibt, führt Jamie durch dessen Heimatstadt und zeigt, wie es in jener aussähe, wäre er, der verhinderte Selbstmörder, niemals geboren worden.
Wenn dieser Plot zu moralisch und James Stewart zu unerotisch wirkt, kann alternativ bei Henry Koster's "The Bishop's Wife/Engel sind überall" von 1947 dem Engel Cary Grant bei dessen himmlischer Arbeit über die Flügelspitzen geschaut werden. Loretta Young, David Niven und Monty Wooley runden das Ensemble ab, das den Film zu einem Klassiker der Weihnachtskomödien werden ließ.
Ehe man sich vom Xmas-Overkill niedergestreckt wiederfindet, ist es Zeit, die Kurve zu kratzen und weg vom weihnachtlichen Schmus hin zum tatsächlichen Leben zu führen. Bevor am 27sten der graue und langweilige Alltag kalt und humorlos um die Ecke hüpft, sollte gegen Ende der Festtage mit realistischen Filmen rechtzeitig aus der harmonischen Wundergläubigkeit herausgeführt werden.
"Die
Hard 1+2" bieten den Stoff, das gelungene Weihnachtsfest behutsam ausklingen
zu lassen. Zwei Filme für die ganze Familie. Die Kinder können
sehen, wie Papa ist, wenn ihm keiner zuschaut, die Frau sieht, wie der Mann
nie ist, wenn ihm mal einer zuschaut, und Papa meint, sich auch schon das
eine oder andere Male in ähnlich gefährlicher Situation befunden
zu haben.
Die subtile und sichere Regie bringt zwei schöne Weihnachtsgeschichten
auf den Gabentisch. Bruce Willis gibt mit seit Bogart nicht mehr gesehenem
Understatement den Durchschnittstypen John McClane.
"Die Hard 1+2" beziehen ihren Reiz nicht daraus, dass ein 34stöckiges Hochhaus gesprengt wird oder eine Boeing 747 mit 230 Passagieren als Feuerball auf der unbeleuchteten Landebahn niedergeht. Es ist die Integration christlicher Werte, die das Drama unter die Haut gehen lässt. Da ein Tannenbäumchen, dort ein Geschenkkarton. Unaufdringlich aber stets am Rande präsent wird der weihnachtliche Gedanke mit seinen Idealen in die Handlung eingebettet, die gerade hieraus ihren Charme zu entwickeln vermag. Niemals rührte die Erzählung der Weihnachtsgeschichte mehr, nie führte sie tiefer. Befriedigt wird zur Kenntnis genommen, dass Bruce Willis keinen göttlichen Beistand und keine Engel benötigt, um über Bösewichte triumphieren zu können. John McClane als Personifikation des Normalsterblichen, dem bei seinen Schwierigkeiten schließlich auch keine Götter zur Seite stehen, sondern der selbst sehen muss, wo er bleibt. "Die Hard 1+2" können gerade in diesen Passagen getrost als aufrüttelnde Dokumente eines aufklärerischen Neorealismus gelten.
Der Kreis schließt sich und das Heldentum wird im Zuschauer fortge-schrieben. Denn sind jene nicht auch Helden? Haben sie nicht auch überlebt? Mit Blessuren zwar, aber man ist noch da. Es war der scheinbar übermächtiger Gegner zwar kein Gentlemanterrorist, sondern nur das Weihnachtsfest mit seinen zuckrigen Begleiterscheinungen. Aber es hat scharf geschossen und mehr Fallen bereitgehalten als erwartet. Doch nach den Feiertagen ist man immer noch da.
Zerkratzt und zerschunden wie Bruce Willis steigen wir in die schwarze Limousine und lassen uns zurückfahren in die harte, graue und ereignislose Wirklichkeit zwischen den Jahren.
Merry Xmas!
kirstaetter,
22.12.01

"Xmas Crackers"
Keinen Bock auf Weihnachten? Pech gehabt! Nikoläuse grinsen feist von Plakatwänden herab, jede TV-Werbepause bringt die 47teilige festliche Besteckgarnitur der freundlichen Kaffeerösterei ins Wohnzimmer und das Fernsehprogramm selbst bietet lange schon kein Entrinnen mehr.

