Mit dieser kurzen Notiz wirbt der Goldmann-Verlag für den Roman der Jungautorin Jenny. Jede Aussage, die den Zweck verfolgt, möglichst viele Konsumenten zu werben, sollte auf ihren Wahrheitsgehalt untersucht werden, zumal bei einem so plakativen Urteil. In der Tat, ein "Erstlingsroman" ist "Das Blütenstaubzimmer" allerdings. Die Autorin, gerade 24 Jahre alt, geboren und auch heute wieder wohnhaft in Basel, hat mit ihrem ersten Werk außerdem eine größere Anzahl von Preisen und Huldigungen (z.B. den aspekte-Literaturpreis, das 3sat-Stipendium des alt ehrwürdigen Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs in Klagenfurt) einstecken dürfen.
Und in der Tat, "Das Blütenstaubzimmer" erzählt in gewisser Weise eine "Kindheitsgeschichte", genauer wäre allerdings Jugendgeschichte. Protagonistin ist eine 18-jährige junge Frau. Jo, so der Name der Heldin, hat in ihrem Leben ein zentrales Problem: Ihre Eltern. Im Alter von 6 Jahren trennen sich die beiden, die Mutter (im Verlauf der Geschichte bezeichnenderweise nur mit ihrem Vornamen Lucy benannt) geht mit ihrem neuen Liebhaber ins südliche Ausland, wobei nie klar wird, um welches Land es sich dabei genau handelt. Nach ihrem Abitur entscheidet sich Jo, zu ihrer Mutter zu reisen. Nach 12 Jahren der Trennung fällt ihnen die Annäherung sichtlich schwer. Letztendlich bleibt Jo dann zwei Jahre bei ihrer Mutter in dem Haus von Alois, dem neuen Liebhaber der Mutter, einem melancholischen Maler. Dieser stirbt bei einem Autounfall, und Jo sieht sich gezwungen, ihre Mutter in Trauer und Depression beizustehen. Diese schließt sich in einem Zimmer des Hauses ein, bestreut den Boden mit Blütenstaub und weigert sich, den Raum jemals wieder zu verlassen. Mit viel Mühe gelingt es Jo, ihre Mutter aus ihrer verzweifelten Lage zu befreien. Die Mutter geht zum Psychiater, erholt sich zumindest vordergründig und beginnt wieder eine neue Beziehung.
Dabei wird vor allem eines deutlich: Die völlige emotionale Distanz zwischen Mutter und Tochter. Lucy ist eigentlich überhaupt nicht an ihrem Kind interessiert. Gegenseitige Nähe oder eine zu erwartende Liebe zwischen Mutter und Tochter lässt sich kaum feststellen. Wie das oben genannte Zitat richtig feststellt: "gerichtet an die 68er Eltern"! Diese haben anscheinend über ihre eigene individuelle Selbstverwirklichung (denn um nichts anderes geht es der Mutter, dafür ist sie bereit, ihren Mann, ihre Tochter scheinbar emotionslos aufzugeben) die Bedürfnisse und Wünsche anderer Menschen übersehen. Der Vater von Jo, in der deutschen Heimat verblieben, scheint für seine Tochter auch keine allzu große Bedeutung zu besitzen, zwar schreibt er Jo jede Woche einen Brief, ein wirklich vertrauensvolles Verhältnis besteht zwischen den beiden aber auch nicht. Jo scheint an einem weiteren Kontakt mit ihrem Vater auch von sich aus nicht interessiert. Erst als Lucy, ohne Jo davon in Kenntnis zu setzen, mit ihrem neuen Liebhaber von einem Tag auf den anderen auf eine längere Urlaubsreise geht, entscheidet sich Jo, wieder in ihre alte Heimat zurückzukehren. Dort wendet sie sich zunächst an ihren Vater und dessen neue Geliebte, doch schon nach wenigen Tagen muss sie feststellen, dass sie auch dort eigentlich ungewollt und fehl am Platze ist. Am Ende des Romans bleibt Jo völlig unentschieden, wie eigentlich eigene Perspektiven für das kommende Leben aussehen könnten. So bleibt von ihr als Romanfigur eigentlich nur die gestörte und kalte Beziehung zu beiden Elternteilen, wirklich aktiv wird sie während des ganzen Romans nicht.
Trotz einiger schöner Momente und großem Jubel der Kritiker: Dieser Roman hat doch einige Schwächen. Um zum Anfangszitat zurückzukehren: Von "fulminant", also expressiv und beschwingt vorwärts drängend, kann eigentlich keine Rede sein. Die Autorin ergeht sich in einer sehr bildreichen, betont klassisch anmutenden Sprache und Stilistik, wobei man den Eindruck nicht los wird, dass hier bewusst zitiert wird, um den Bildungshintergrund der Autorin zu unterstreichen. Peinlich, wenn es so leicht zu durchschauen ist. Auch die eingestreuten Rückblenden in die jüngste Kindheit der Protagonistin (hier sehr gekonnt aus der Perspektive eines Kleinkindes erzählt) vermitteln eher eine melancholische, kontemplative Naivität, von Fulminanz also keine Spur.
Die Aussage, es handle sich um einen der "ersten und radikalsten Romane der Technogeneration", ist allerdings nicht nur eine dreifache Unwahrheit, sondern eine Frechheit. Seit den 80er Jahren, seit der Geburt und der Ausweitung der Techno-Szene sind eine Vielzahl literarischer Begleiter erschienen, die dieser jugendlichen Subkultur wesentlich besser gerecht werden als der Roman von Zoe Jenny (genannt sei hier nur ein Beispiel: Rainald Goetz: Rave. 1994!). Bei Jenny hat man das Gefühl, dass gewisse Accessoires und Termini der Jugendkultur vor allem zitiert werden, um von den Rezensenten als möglichst "hip" und "radikal" eingestuft zu werden (Wie alt sind die Rezensenten und Preisverleiher eigentlich, die dies nicht bemerken? Ein beispielhafter Satz aus dem Roman: "Gehen wir, diese Musik bringt mich um, ohne Ecstasy kann ich nicht tanzen". Platter geht es nicht mehr.) An einem wirklich progressiven oder originellen Versuch, die Jugend in und mit ihrer Szene adäquat zu beschreiben, ist Jenny entweder nicht interessiert oder nicht dazu in der Lage, eventuell auch wegen ihrer Fixierung auf die von ihr als Zeichen vorhandener Bildung verwendeten poetisch-lyrischen Ausdrucksweise.
Zentraler Schwachpunkt ist aber ein anderer: Die Heldin selbst bleibt zu sehr im Dunkeln, zu wenig ist ihr zweijähriger Aufenthalt bei der Mutter und ihr immer passives Halten motiviert. Was sie eigentlich diese zwei Jahre nach dem Abitur bei ihrer Mutter wirklich tut, wird nur in Ansätzen angedeutet (sie liest nicht, hört keine Musik, geht nicht aus, hat keine Bekannte, hat keine Arbeit, macht keine Ausbildung, interessiert sich für nichts, ist noch nicht mal Globalisierungsgegnerin oder Krawalltouristin oder Nihilistin oder was auch immer). Ein bisschen mehr Psychologie und Realismus wäre schon schön gewesen. So aber bleibt die Heldin des Romans immer auf ihre Beziehung zu der Mutter und ihre darum kreisenden Gedanken beschränkt. Enttäuschenderweise ist die Autorin allerdings auch hier nicht in der Lage, zumindest einen aufbrechenden Konflikt zwischen den beiden Frauen zu gestalten, alle Probleme werden verinnerlicht und mit poetischem Glitter in den Gedanken der Heldin umworben.
Einen, wenn auch nicht originellen, den Leser interessierenden Aspekt kann man aber doch erkennen: Jo hat am Ende der zwei Jahre eine Freundin (Rea) gefunden. Sie ist die etwas radikalere Ausgabe von Jo, auch sie und ihre Eltern haben sich gar nichts zu sagen, sie hat keinen Job, braucht diesen aber auch nicht, da ihre Eltern steinreich sind (die Frage der finanziellen Gestaltung des Lebens wird ja bei Jo ausgeblendet). Rea lebt ziellos in den Tag hinein, gesegnet mit allen materiellen Reichtümern, ganz dem Spaß und der Freizeit hingegeben, immer auf der Suche nach einem härteren und schnelleren Kick, z.B. beim Besuch einer Techno-Party. Dabei wird aber eines klar: Rea ist dabei noch unglücklicher als Jo. So fragt sie Jo: "Warum lassen wir uns nicht gleich auf den Mond schießen?" und sinniert über den Planeten Erde, den sowieso "niemand mehr haben will".
Mit Jos überspitzter, völlig gefühlskalter und aggressiver Freundin Rea kann zumindest ansatzweise adäquat und treffend ein unguter Gemütszustand unserer Gesellschaft, beileibe nicht nur der Jugend, festgemacht werden: Wir haben immer mehr, werden aber immer unglücklicher. Wir haben die Rechte des Individuums radikal verabsolutiert und müssen nun enttäuscht feststellen, dass dies keineswegs, wie man früher dachte, die Eintrittskarte für das Leben im Paradies ist. Letztendlich bleibt aber auch bei dieser Figur festzustellen: die Muster, Charakteristika und Sprache der Protagonisten befinden sich auf einem immer trivialen und gänzlich unoriginellen Niveau.
Leider ist der Roman überhaupt nicht in der Lage, die Brisanz des Themas entsprechend umzusetzen. Man hat den Eindruck, langweilige, anachronistische, zudem handwerklich schlechte Anfängerprosa zu lesen.
martin schnarr, 23. August 2001
Zoe Jenny: "Das Blütenstaubzimmer", 121 Seiten.
...und hier gehts weiter zu koenig hds Meinung über
"Das Blütenstaubzimmer"

"Absolute Beginner: Schreiben für Anfänger 1. Stunde, 0 Punkte"
"Ein fulminanter Erstlingsroman. Das Blütenstaubzimmer wird schnell mehr als eine Kindheitsgeschichte - es ist eine der ersten und radikalsten Romane der Technogeneration, adressiert in aller Härte an die 68er Eltern".