"Oh mein Gott, was hat er denn da schon wieder für eine 80s Band ausgegraben!"

Das ist wohl die bezeichnendste Reaktion auf die Musik von Zoot Woman, von der ich bisher hörte, und in der Tat, es soll Leute geben, die das aktuelle Achtziger-Revival zu nerven beginnt. Um es gleich vorwegzunehmen: Ich gehöre nicht dazu!

Wenn man es nicht wüsste, könnte man glauben, dass die Songs des Albums "Living in a magazine" tatsächlich aus dieser Zeit stammen und nur digital remastered sind. Erfährt man aber, dass es aus dem Jahre 2001 datiert, dann ist das Urteil schnell gefällt: Wieder mal eine Band aus der Retorte, die auf einen fahrenden Zug aufspringen will, diesmal eben die 80s - um viel Geld zu verdienen. Drei gutaussehende junge Männer, schnell von der Plattenfirma in die passenden Klamotten gesteckt, in Rekordzeit ein Album produziert, die passende Promotion, ein cooles Image und fertig. Austauschbar eben.....

Dieses Urteil käme einem Standgericht gleich.

Zoot Woman, das sind die beiden Brüder Johnny (21) und Adam Blake (24),die sich für Vocals und Keyboard verantwortlich zeichnen und vor allem der ebenfalls 24-jährige Stuart Price, der Bassist der Band.
Bereits im Jahr 1995 unterschrieb Price mit 17 Jahren, damals noch mit Einwilligung seiner Eltern, seinen ersten Plattenvertrag und tat sich mit den Blake Brüdern, die er aus der Schule kannte, zusammen. Aber statt sich um seine neu formierte Rock-Band zu kümmern, zog er es vor, unter dem Namen Jacques Lu Cont sein Solo-Projekt "Les Rythmes Digitales" im Club/Dance-Bereich zu gründen und allen vorzugaukeln, er sei Franzose, um sich im Glanz der damaligen ElektroPop-Welle à la Air oder Daft Punk zu sonnen.
Dem 1996 fertig gestellten, triphop- und Detroit Techno-lastigen Album "Liberation" folgte drei Jahre später mit "Darkdancer" ein bemerkenswertes Album, in dem es Price aka Jacques Lu Cont schon gelang, eine einmalige Verbindung von BigBeats und 80s Elementen herzustellen. Bei Songs wie "Music makes you lose control" oder besonders bei "Sometimes", für den er mit Nik Kershaw eine wahre Achtziger-Ikone als Sänger gewinnen konnte, wird dies besonders deutlich. Nicht zu vergessen seien dabei jedoch seine hervorragenden Arbeiten als Remixer für Placebo, Cornershop, und auch für House-Artists wie Cassius oder den Dirty Beatnicks.

Schließlich wurde es 1999 seiner Plattenfirma Wall of Sound zu bunt und so widmete sich Price fortan seiner "vocal led rock group", wie er Zoot Woman selbst bezeichnet. Nach über 2 Jahren intensiver Arbeit haben wir nun ein perfekt produziertes Album vor uns, das einem bei jedem Akkord den Glamour und Glitter der 80s nur so um die Ohren haut. Dabei beschränken sie sich nicht nur darauf, alte Klischees aufzuwärmen, sondern fügen den Tracks das hinzu, was sie aus der Retrospektive des neuen Jahrtausends musikalisch zu sagen haben und so entsteht etwas völlig Neues, von ihnen selbst "Retro-Future-Pop" genannt.

Kein Zweifel, für diese Band gehört das perfekt gestylte Outfit, eine vollkommene Bühnenshow und ein avantgardistischer Video-Clip genauso zu ihrem Gesamt-Kunstwerk Zoot Woman wie die Songs. Dabei beweisen sie ganz nebenbei, dass Jungs mit Lipgloss und Lidstrich nicht unbedingt so katastrophal und lächerlich aussehen müssen, wie Duran Duran in ihrer (optisch) schlimmsten Phase.

Nach den ersten Takten des Albums fühlt man sich unweigerlich in die Tage zurück versetzt, als New Order, Human League, Spandau Ballet, Pixies und The Stranglers die Charts stürmten und das sind auch genau die Bands, welche die Mitglieder von Zoot Woman schon zu Kinderzeiten beeinflusst haben. Der aktuellen Hall&Oates a-like Single-Auskopplung "It´s automatic" folgt der absolute Ohrwurm der Platte "Living in a magazine", ein gitarren-getriebener, härterer Song, der sich mit der allgegenwärtigen Modewelt beschäftigt, von der die Band einerseits absolut fasziniert ist, aber auch die negativen Einflüsse und Zwänge auf das tägliche Leben erkennt und diese raffiniert kritisiert. In "Information First" und "Jessie" schlagen Zoot Woman sanftere und verträumte Töne an, schießen aber bei der Ballade "Losing sight" deutlich über das Ziel hinaus.
Gelungen kommt auch das Cover des Kraftwerk-Klassiker "The Model" daher, das es bestimmt noch in zahlreichen Clubs rocken lassen wird. Empfohlen sei zudem das sehr eingängige "You and I", das gerade in UK als Single ausgekoppelt wurde.

Das Album selbst gibt ein in sich sehr stimmiges Bild ab und folgt konsequent dem einmal begonnenen Handlungsstrang, es führt in eine Welt der Models, Designer, Jet Set Partys, des Champagners aber auch der unerfüllten Träume und Wünsche. Eine Plastikwelt, die so steril ist wie das Album und die Band. Dennoch macht es Spaß einmal hineintauchen zu können und das Modell in einem selbst zu spüren. Ob man sich an dieses Album in ein paar Jahren noch erinnern wird, weiß ich nicht, aber für den Moment ist es zur richtigen Zeit am richtigen Ort, wenn dies auch wegen des langjährigen Songwritings und der Produktion so gar nicht beabsichtigt gewesen war. Die Songs heben sich deutlich positiv von den peinlichen Comeback-Versuchen mancher 80s Künstler (ausgenommen seien hier ausdrücklich New Order und Human League) und den hastig auf den Markt geworfenen Revival-Platten ab.

Die Qualität der Produktion und die Kreativität von Price, der eine Ausbildung zum klassischen Pianisten genossen hat, scheint jedenfalls auch Madonna beeindruckt zu haben, denn nachdem er anfangs nur Keyboarder ihrer World-Tour war, ist er nun bereits Musical-Director und es gibt nicht wenige, die ihn bereits als den Producer ihres neuen Albums sehen.
Man darf also gespannt sein, wie es weiter geht.....

 

Marcel Kress, 15. September 01

Zoot Woman: "Living in a Magazine"

 

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"'cos tonight we're gonna party like it's 1981"

Bucks Fizz und Stars On 45? Nein! In Zoot Womans "Living in a Magazine" scheint eher der Glitter von Duran Duran hindurch.

"Oh mein Gott, was hat er denn da schon wieder für eine 80s Band ausgegraben!"
"Die Songs heben sich deutlich positiv von den peinlichen Comeback-Versuchen mancher 80s Künstler ab."
"Statt sich um seine neu formierte Rock-Band zu kümmern, zog er es vor, allen vorzugaukeln, er sei Franzose, um sich im Glanz der damaligen ElektroPop-Welle à la Air oder Daft Punk zu sonnen."