Bei ihrem ersten Versuch, in die Fußstapfen von M. R.-R. zu treten, war der Debutroman des Siebzehnjährigen jedenfalls als absolut empfehlenswert gepriesen worden. Auch andere Organe, die uns vorgeben, was wir in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten zu lesen haben, konnten sich für das Erstlingswerk begeistern.
Nach der Lektüre allerdings scheint es so, als ob alle bei einer ersten positiven Rezension abgeschrieben hätten, aber wieder einmal nicht die Lust und die Zeit hatten, einen eigenen Blick auf den Roman zu werfen. Bei Schmidt hatte man das vage Gefühl, dass hier einer jugendlicher sein will, als er es eigentlich ist. Wie schön kann man wieder zeigen, wie freigeistig doch ein Gespräch über Ficken, Drogen, New York, College, Verdorbenheit (vor allem, und Gott sei Dank, die bösen und verderbten Amerikaner) usw. sein kann. An diesen Themen kann man beweisen, wie sehr man mit beiden Beinen im Leben steht. Wo allerdings die literarische Sensation zu sehen sein soll, ist mir nicht aufgegangen (Vielleicht kennen sich die selbst ernannten Fachleute und die, die ihnen hinter den Kulissen zuarbeiten, doch nicht ganz so gut mit der Materie aus).
Der „Spiegel“ titelte: „American Psychos“ als Anspielung auf den Roman von B.E. Ellis. Dann ist „Zwölf“ aber die Kindergartenvariante. Sprachlich, so weit man das an der Übersetzung sehen kann, aber auch handwerklich literarisch. Was bei Ellis neu war, wie zum Beispiel die penetrante Aufzählung von Markennamen, die hyperbelhafte Vergötzung des Äußeren, die Sinnentleerung alles Zwischenmenschlichen, die damals schockierende Verknüpfung der Apathie der Hauptfigur mit sinnloser, völlig absurd überbordender Gewalt ist bei McDonell auch da, aber eben immer noch, immer wieder, hervorgekruschtelt und neu verwurstelt. Der gute Nick kennt wahrscheinlich, das muss man ihm zugute halten, die deutschen Romane von Sybille Berg oder von Christian Kracht nicht. Sonst müsste man seinen Roman als sehr billiges Plagiat bezeichnen. Alles, was er erzählt, hat man schon hunderte Male gehört (gelesen), sogar in Deutschland.
Die Hauptfigur der Handlung ist White Mike, ein juveniler Drogendealer, der selbst aber jede Art Konsum von Rauschmitteln ablehnt. Statt nach seinem Highschool-Abschluss aufs College zu gehen, bleibt er in New York und geht seiner gewinnbringenden Beschäftigung nach. Der Roman spielt in den letzten drei Tagen vor der Jahrtausendwende und kulminiert in einer Silvesterparty, die auf ihrem Höhepunkt durch einen der nicht mehr zu kontrollierenden Teenager-Gewaltfreaks mit einem Amoklauf gekrönt wird. Die Jugendlichen, gleich ob Collegestudenten oder noch Highschoolschüler, sind alle Kinder sehr sehr reicher Eltern, die nie zu Hause sind. Sie alle werfen mit dem Geld um sich, nehmen regelmäßig Drogen, warten auf den nächsten Fick.
Ich will gar nicht behaupten, dass dies nicht ein interessantes Sujet für eine Romanhandlung sein kann. Im Fall von „Zwölf“ kann ich aber einfach nicht erkennen, was nun das so faszinierende Neue sein soll. Alles war genau so schon einmal da, man hat es mittlerweile einfach über, zumindest als Lesender in Deutschland. Man ist dankbar für Literaten wie Annette Pehnt („Ich muss los“), die durchaus ähnliche existentielle Probleme aufwerfen können wie McDonell, dabei aber über die sattsam bekannten Motivketten und mittlerweile langweilen Effekte auskommen.
Es macht eben mittlerweile nur noch wenig her, wenn am Ende (dramatisch, dramatisch) in möglichst sachlicher, ruhiger Sprache des größeren Effekts wegen geschildert wird, wie der Hobbykiller einem der Partygäste das Gehirn rausschießt und darin rumläuft. Der Autor wollte damit ein schockierendes Ende kreieren. Die Leser wissen es jetzt: So weit ist es gekommen, so weit haben wir es kommen lassen, so ist unsere Gesellschaft, unsere Kinder, wir selbst. Oh Gott, wird uns hier der Spiegel vorgehalten! Natürlich, in einer dermaßen sinnentleerten und von wirklichen Emotionen leeren Welt MÜSSEN die armen Kinder ja irgendwann ihr Heil und Tod und Zerstörung suchen, in Drogen und Sex.
Das Ganze natürlich vollkommen nüchtern, neutral und ohne Wertung präsentiert (auf keinen Fall das Moralisieren anfangen, das würde nicht mehr als „literarisch sensationell“ durchgehen, da zu „intolerant“). Mittlerweile würde ich es fast schon wieder begrüßen, wenn mal ein Roman nicht so offensichtlich gleichgültig die Katastrophe des Lebens und der Existenz des modernen Menschen zelebrierte (natürlich immer mit der wirklichen Botschaft hinter der Fassade), sondern mal wieder altmodisch moralischen Erzählduktus annehmen würde. Vor dem nächsten McDonell würde ich dann doch einen Debütanten im Stile Fontanes begrüßen.
Was bleibt noch zu sagen: Auch die Erzähltechnik bietet keine Überraschung (ja, ich weiß, viele andere 17-Jährige können keinen einzigen geraden Satz sprechen geschweige denn schreiben, aber das kann hier einfach nicht der Maßstab sein). Der Erzähler verfolgt als roten Faden den Weg von White Mike von einem Drogendeal zum nächsten, in den einzelnen Kapiteln werden die Schicksale verschiedener Freunde und Verwandten dann miteinander verknüpft, wobei Szene und Szene die Beziehungen der einzelnen Figuren deutlicher werden. Der harte Schnitt nach fast jeder Szene führt in eine andere Wohnung, zu einer anderen zunächst unbekannten Person, deren Beziehung zu den bereits in die Erzählung eingeführten Figuren meist gegen Ende des Kapitels angedeutet oder erklärt wird. Rückblenden in White Mikes Vergangenheit sind kursiv gedruckt. Insgesamt gar nicht schlecht gemacht, hat man aber mittlerweile auch schon so oft im Kino gesehen, dass der Aha-Effekt ausbleibt. Außerdem ist diese Methode immer sehr angenehm, wenn man sich um die Knüpfung eines klassischen Plots herumdrücken will.
Was
festzustellen bleibt, ist ein netter Roman, der vor allem deswegen Aufsehen
erregt, weil sein Autor ein Teenager ist. Themen und Handwerk des Textes
sind allerdings sattsam bekannt, können aber interessanterweise durch
ihre Reizwirkung immer noch die gleiche Begeisterung auslösen wie bei
vergleichbaren Werken in den 80ern und 90ern. Nette Unterhaltung für
einen Nachmittag, aber mit Sicherheit keine „weltliterarische Sensation“,
liebe KiWi´s!
Was macht eigentlich Benjamin Lebert? Er erfreut uns demnächst mit
seinem zweiten Roman. Wäre es nicht manchmal ein größeres
Zeichen von Reife zu schweigen, wenn man eigentlich nichts Neues zu sagen
hat? Die Minderjährigkeit kann allenfalls im ersten Versuch als Entschuldigung
gelten.
martin
schnarr, 15. 06. 2003
Nick McDonell
„Zwölf“

"Lebert on Speed"
Was war es, wüsste ich gerne, das Elke Heidenreich und Harald Schmidt anlässlich ihrer Besprechung von „Zwölf“ zu einem zutiefst erfreuten Kennerblick verführte?
