Die Fakten: Viva2 wird nach längerem Dahinsiechen nun endgültig abgeschaltet. In den letzten Tagen des alten Jahres konnte man noch einmal die besten Sendungen an eigens den einzelnen Formate gewidmeten Tagen verfolgen. Seit dem 1.1. laufen nun nur noch Musikvideos und ab dem 7.1.2002 geht der Nachfolger Viva plus an den Start.

Bei Viva plus muss man wohl mit dem schlimmsten rechnen: so verheißt uns das Fernsehfachblatt "TV Movie" einen Sender, der "international, informativ und interactiv (sic)" sei und schließt das Paradoxon an: "Die globale Programmausrichtung bestimmt auch die Musikfarbe des Senders: Rock, HipHop, Soul, R´n´B und Black Music." In diesen Satz hat der PR-Praktikant des neuen Senders bzw. der Quotenlegastheniker besagter Zeitschrift soviel Blöd-, Dumpf- und Ahnungslosigkeit gepackt, dass einem der Dampf aus den Ohren schießt. Folgende Schlüsse deuten das Zitierte an:

1.) Im Sender hat man eine komische Vorstellung vom Globus.
2.) Die erwähnte Musikfarbe des Senders wäre bei Mischung der angegebenen Musikstile kackbraun.
3.) Das Ganze wird vermutlich so abwechslungsreich wie das Frühprogramm von Radio Regenbogen und so global wie ein Freitagabend in einer Odenwälder Dorfdiskothek.
4.) Der Sender unterscheidet sich nach dieser Ankündigung keinen Deut von anderen Musiksendern, sondern scheint allenfalls eine Mischung aus MTV2 und NBC-Giga zu werden.

Es steht jedenfalls zu befürchten, dass das toll alliterierenden Begriffstrio mit den "In"-Präfixen glatt gelogen ist und "insignifikant, inhaltsleer und indifferent" den Sender eher beschreibt. Da kann man nur schadenfroh hoffen, dass sich möglichst rasch der Begriff "insolvent" dazugesellt.
Harte Worte, doch spätestens seit Richard von Weizsäcker weiß man ja, dass Wut und Trauer zusammengehören, und so hat sich in die Trauer über den Tod des putzigen Zwobot und seines Senders auch ein bisschen Wut auf den Nachkömmling gemischt.

Natürlich war auch bei Viva2 nicht alles so wie man es idealiter gerne hätte. Wie oft sah man Markus Kavka mit einer Mischung aus Neid und Verachtung seine, unsere Lieblingsbands interviewen. Meist in seinem "Ich-war-in-der-11ten-ein-Jahr-in-den-Staaten"-Englisch, keine falsche Scham kennend und bisweilen dem eigenen Gespräch nicht folgen könnend. Unvergessen die Szene, in der Damon Albarn von Blur ihn ermahnte, er möge doch bitte das übersetzen, was er, Damon, da gerade gesagt habe und nicht die Bedeutung seiner Worte verändern. Irgendwann war Kavka dann fort, doch wie so oft wuchsen dem abgeschlagenen Drachenkopf drei neue nach.

Markus Meske, eine Art Niels Ruf-Imitator, der jung genug ist, um nun bei Viva eins die Neuigkeiten moderieren zu dürfen. Tanja Mairhofer, die ein echter Fan ist und überdies einen erstaunlich guten Geschmack hat. Für ihre 2Rock-Sendung mit Benelux-Bands, die sie so großartigen Gruppen wie dEUS, Soulwax und K´s Choice widmete, gebührt ihr ewiger Dank. Dafür kann man ihr auch so manch flaches Interview nachsehen. Schließlich das dritte Haupt, eine blonde Oberpfeife, deren Name mir entfallen ist, die optisch jedoch das Vorbild für die Seattle-Jörg-Puppe aus Zwobot gewesen sein muss. Was von ihm auch in Erinnerung bleibt, ist sein "ich-war-in-der-11ten-nicht-in-den-Staaten,sondern-habe-Englisch-in-der-Oberstufe-abgewählt"-Englisch. Warum ausgerechnet er auf dem Southside-Festival auf Weezer losgelassen wurde, weiß der Himmel.

Diese fragte er jedenfalls allen Ernstes, wohl in Ermangelung von englischem Grundwortschatz, "What do you like about Germany?" und "What do you hate about Germany?" und, als wär´s nicht schlimm genug, gleich auch noch "What do you like about the USA?" sowie "What do you hate about the USA?". Die wortkargen Antworten der Band deutete Seattle-Jörg dann als schlechte Laune, was Rivers Cuomo jedoch vehement bestritt. Dabei hätte man ihm in dieser Situation jeden Anflug von schlechter Laune verziehen.

Doch selbst diese drei, ja man muss es schon sagen, wie es ist, Knalltüten, verklären sich im verzerrten Blick der Erinnerung. Ebenso verhält es sich mit Niels Ruf, dem Harald-Schmidt-Imitator, der den Sender allerdings bereits einige Zeit vor dessen Verscheiden aus ähnlichen Gründen verlassen musste wie weiland sein eigentlicher Seelenverwandter Elmar Hörig den SWR. Gern erinnert man sich an Rufs Sternstunde, Kochen mit Oliver Kalkofe, eine Sendung während der u.a. ein Kartoffelauflauf aus Erdnussflips und Scheibletten hergestellt wurde. Hier lief der ehemalige ZDF-Mitarbeiter Ruf, angespornt von seinem Gast, zu Hochform auf, so dass man all seine übrigen quälend pubertären und ermüden provokativen Beiträge fast vergessen könnte. Fast!

Ins Mutterschiff gerettet hat man in einem lichten Moment offensichtlich den unverbesserlichen, aber nichtsdestotrotz sympathischen Selbstdarsteller Ill-Young Kim mit den "Electronic Beats" und die unumstrittene und unbestreitbare Charlotte Roche mit ihrer Personality Show "Fast Forward". Diese beiden haben immerhin Nischen im knallbuten Teeniekanal gefunden. Andere hatten weniger Glück. Ein echter Verlust ist das Verschwinden der Viva-Muppets um das misanthropische Mikrophon Zwobot. Dieses Format konnte man wohl ohne Übertreibung als eine der letzten originellen Sendungen des deutschen Fernsehens bezeichnen. Eingesetzt wie die Mainzelmännchen, also quasi als Füllsel zwischen Musikclips, stellte die Puppen-Show einen Cocktail aus Muppets, Monty Python und hausinternen Scherzen mit erhöhter Bosheitsstufe dar.

Ein Klassiker die Sendung, in der sich nach dem Weggang Markus Kavkas eine Markus-Kavka-Puppe, unterlegt mit original Kavka-Verbalschnipseln, von Zwobot und Kumpanen demütigen lassen musste. Auch feste Bestandteile der Sendung wie das stets dem gleichen Schema folgende "Schiessen sie auf den Pianisten vom Planet der Affen" (ein Plüschäffchen spielt auf einem Casio-Honky-Tonk-Klavier ein Stück Popmusik nach und wird dabei erschossen) oder der weinerliche Grunge-Veteran Seattle-Jörg, der stets von seinem eigenen Tagebuch zusammengestaucht wurde, sind ein echter Verlust für die deutsche Fernseh-Humor-Kultur. Es bleibt zu hoffen, dass sie in fünf bis zehn Jahren in ihrer Innovativität und Einzigartigkeit erkannt werden und von einem geschmackssicheren Format, wie beispielsweise der hr3-"Late Lounge", entsprechend gewürdigt werden.

Mindestens ebenso schade ist es um den sicherlich talentiertesten, kompetentesten und einfach besten Moderator des Senders, ja vermutlich sogar des gesamten Musikfernsehens ever. Rocco Klein (später auch Clein), Präsentator der Viva2-Neuigkeiten. Seine Mischung aus Kompetenz und Ironie ist bislang unübertroffen. An Kleins Moderationen stimmte einfach alles. Stets wohlformulierte Texte, keine peinlichen "jagut"s (Kavka), keine flauen Selbstdarstellerwitzchen (Meske), keine feuchten Höschen - oder wenn doch zumindest nicht zur Schau getragen - angesichts der Konfrontation mit Popstars (Mairhofer). Sein eigentümlicher, an alternde USA-Korrespondenten erinnernder Vortragsstil fügte seiner Aura von Kompetenz, Professionalität und Unaufgeregtheit noch eine Prise Ironie und Selbstironie hinzu, weshalb man bei der Beschreibung Rocco Kleins nicht an Superlativen sparen sollte.

Dass er dabei nur eine Rolle spielte, die er zur Perfektion entwickelt hatte, wurde einem klar, als er in diesem Jahr das Bonner Rheinkultur-Festival moderierte. Unvergessen bleibt hier das wohl schon unter dem Einfluss diverser Rauschmittel entstandene, gut gelaunte Interview mit Fun Lovin Criminal Huey, das einen wehmütig fragen ließ, warum man denn an seiner statt das Stooges-Trio Maierhofer, Meske & Seattle-Jörg zum Southside-Festival geschickt hatte. Rocco Klein wäre zu wünschen, dass er nicht mit einer goldenen Uhr und einem warmen Händedruck verabschiedet wurde und auf Nimmerwiedersehen hinter der Kamera oder dem Schreibtisch verschwindet. Vielmehr sollte er bald seine eigene große Samstag-Abend-Show moderieren. Oder zur Not auch die Tagesschau.

Wenn bisher nur der Blick auf Personen und Formate gerichtet und bisweilen etwas stark ins Anekdotische abgedriftet wurde, so muss zum Schluss jedoch das wirklich Fatale am Ende von Viva2 hervorgehoben werden. So bedauerlich das Verschwinden von Rocco Klein und Zwobot und ja eigentlich auch von Reibungsflächen (nicht sexistisch gemeint) wie Tanja Mairhofer sein mag, so ist das eigentlich Schlimme jedoch das Verschwinden einer Plattform für ausgefallenere, weniger kommerzielle und - es ist nun mal so - einfach bessere Musik.

Auf keinem anderen Sender laufen innerhalb einer Stunde Clips von The (International) Noise Conspiracy, Briskeby, Bran Van 3000 und Plaid. Auf sie kann man im globalbunten Viva plus lange warten, wenn die eingangs zitierten Drohungen wahr gemacht werden. Stattdessen wird es noch mehr R´n´B-Geschleime mit synchronhüpfenden Fitness-Studio-Klonen geben und noch mehr US-amerikanischen Tattoo-Spiesser-Rock. Die gehobene Elektronik und den mehr oder weniger intelligenten Indiepop hingegen wird man suchen müssen. Gute Musik wird man auch weiterhin finden - die gab es ja auch schon vor Viva2 - aber eben nicht mehr so leicht und so bequem. Statt zur Fernbedienung greife ich daher zum aktuellen "Intro" und singe leise vor mich hin "Ding Dong, Zwobot ist tot; ding dong, Zwobot ist tot..."

 

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Klaus Koenig

Zwobot ist tot

"Zwobot ist tot"

Ein nicht gerade unkritischer Fan nimmt Abschied von seinem Lieblingssender Viva2.

"Das Ganze wird vermutlich so abwechslungsreich wie das Frühprogramm von Radio Regenbogen und so global wie ein Freitagabend in einer Odenwälder Dorfdiskothek."
"Noch mehr R´n´B-Geschleime mit synchronhüpfenden Fitness-Studio-Klonen und noch mehr US-amerikanischen Tattoo-Spiesser-Rock."
"What do you like about Germany?"
"Irgendwann war Kavka dann fort, doch wie so oft wuchsen dem abgeschlagenen Drachenkopf drei neue nach."
"Ding Dong, Zwobot ist tot; ding dong, Zwobot ist tot..."
"Kartoffelauflauf aus Erdnussflips und Scheibletten."