Leerstelle als kommunikativer Gestaltraum
Den zahlreichen überkommenen Schulgrundstücken in Deutschland droht
im Zuge des Geburtenrückganges der Verlust ihrer besonderen Funktion als Orte der Manifestation
öffentlicher Wertsetzungen und somit generell ihre Funktion als öffentlicher Raum.
Sie verwaisen zunehmend und sind in die individualistisch und pluralistisch gewandelten städtischen
Wertgefüge neu einzubinden. Mit Kunst Aufmerksamkeitszeichen für diese Schulgebäude,
ihren Erhalt oder ihre Umnutzung zu setzen, insbesondere beim sog. 'Rückbau' ganzer Stadtviertel
im Osten Deutschlands, ist mittlerweile eine von Künstlern und Bürgergruppen häufig geübte Praxis.
Ausgehend von einer Übereinkunft, in der die Organisation von ortspezifischen Werken und Übergangszeit,
die Kommunikation mit dem Publikum und die Kommunikation mit und in nicht-musealen Räumen als Ansatzpunkte
der künstlerischen Intervention begriffen werden, wird die Frage nach unserer Art des Erinnerns sowie unserem
Raumverständnis unter den jeweiligen Bedingungen der Kunstprojekte zu beantworten sein. In derartigen Projekten
wird der genius loci zur Folie für die intellektuelle und räumliche Auseinandersetzung mit ihm, die sich
daraus ergebenden Gestalträume können als das Produkt der im Moment stattfindenden Aushandlungsprozesse
zwischen Publikum und Akteuren bzw. ihren Installationen wahrgenommen werden. Leerstelle bot eine Fülle subtil
inszenierter Höhepunkte, weniger gestützt durch eine Erzählkonvention (obwohl reichlich Schulgeschichte
und Schülergeschichten zu sehen waren) als vielmehr durch eine Geisteshaltung: Hintergründigkeit.
Manches Einzelprojekt war zu gut, um wahr zu sein, zuweilen aber auch zu smart, um blöd zu sein, weil
es pfiffig Konventionen verkehrte und erinnerten Schulalltag frech ironisierte, etwa die Maßnahme am Normalnull Berlins
von Ulrike Mohr und Katinka Bock, das Prager Alphabet von Kai Schiemenz, Das Gedächtnis der Klasse von Peter Müller,
die Freiwillige Feuerwehr von Stefan Rummel / Paul Zoller, Hurra Vakanz von Friederike Klotz oder die Dummen Hühner
von Inge Mahn. Sich an Schule als einen Ort "vorsätzlicher Geistesabwesenheit" (Via Lewandowsky), zu erinnern,
den ausgebrannte Lehrer heimsuchen und aus dem geplagte Schüler ständig zu flüchten versuchen,
blieb Künstlern wie Emilie Satre (Vorbereitung zur Flucht) und Alex Majewski (Fluchtweg 3) vorbehalten,
die dementsprechende Fluchtvarianten ausheckten. Die Künstlergruppe FEHLSTELLE (Barbara Hilski, Jürgen Staack,
Thyra Schmidt, Thomas Woll, Veronika Peddinghaus, Thomas Neumann) konfrontierte die Besucher auf verschiedenen Ebenen
des Schulgebäudes mit stichelnden Bösartigkeiten, etwa einer im Keller verdrahteten, täuschend echt
aussehenden Vorbereitung zur Sprengung des Schulgebäudes, um Prüfungsangst und Anpassungsdruck für immer zu entkommen.
Noch gibt es hohen Unterrichtsausfall an deutschen Schulen und viel zu große Klassen, Unterricht im 45 - Minuten - Takt
und Frontalstil. 60% der Schüler benötigen Nachhilfe, um mit dem Unterrichtsstoff mitzukommen; in vielen Fällen
sind die Mütter die Nachhilfelehrerinnen der Nation. In der Schule interessiert in der Regel nicht, wie Schülern
geholfen werden kann, besser zu lernen und Gelerntes besser zu behalten und Behaltenes gekonnt anzuwenden, sondern die Einteilung
in die Schlauen und in die Deppen, in die Aufsteiger und die Absteiger, in die Ergebnisstarken und die Ergebnisschwachen,
auch wenn die Starken nicht selten mit Spickzettel und SMS ihren Vorteil erlangt haben. Nicht nur der Zustand der Gebäude
ist jämmerlich, auch die Vorbereitung der Lehrer auf eine ganz andere Schüler- und Klassensituation ist mangelhaft.
Von der Begleitung der Lehrer ganz abgesehen. Und dazu kommt: Es interessiert nicht, wie man etwas lernt und kann, sondern
nur was man weiß - und das meistens nur für kurze Zeit. Alles eine Folge einer wenig ambitionierten Bildungspolitik
seit zwei Jahrzehnten? Leerstelle als Ebene der kleinen Revolten und Spielplatz unerwachsener Aufständischer hielt
auch hier mannigfaltige Anregungen bereit - an ungewohntem Ort und unter Zuhilfenahme des Irritations- und Entgrenzungspotentials
der Kunst. Die Raumfrage als politische, gesellschaftliche und ästhetische Frage war und ist in der Kunst eine wesentliche.
Aber das Bewußtsein darüber ist heute ein anderes als etwa in den 60er Jahren oder den Jahren der Hausbesetzungen
und es hat in der Gegenwart eine andere Virulenz. Das hängt mit den Veränderungen des Begriffs des Territoriums zusammen
und des zunehmenden Mangels von kollektiven Aushandlungsräumen unter den Bedingungen der Privatisierung öffentlicher
Räume. Wo existieren faszinierende Orte, an denen viele Menschen gleichzeitig anwesend sind, in gewisser Weise eine geteilte Zeit
existiert und kollektiv Bedeutung produziert wird? Wo gibt es die neuen Orte, die zu Aushandlungsräumen werden, sagen wir,
zu kollektiven Räumen neuer bürgerschaftlicher Übereinkünfte? Seit Ende der 80er Jahre betätigt sich der
Künstler Wolfgang Krause im Prenzlauer Berg als unabhängiger Raumforscher und Aktivist für temporäre Diskursräume.
Krause ist im Sinne von Henri Lefevre ein Raumproduzent, er generiert und 'sammelt' Räume. Begegnungsräume existieren nicht
per se. Was materielle Komponenten hat, etwa Krauses Laden (seit Jahren bereits der Projektraum o zwei) oder z. B. das geschlossene
Stadtbad in der Oderberger Straße, wurde für Krause zu einem Medium, das sozial ausgehandelt und einer neuen kommunikativen Bestimmung
erfolgreich zugeführt werden konnte.
Wobei immer Kunst und Künstler im Spiel waren. Auf das verblockte links-chauvinistische Denken der alten Besetzer-Cliquen mit
Vorstellungen, die nicht weiter reichen als bis an die überholten sozio-kulturellen Horizonte der 70er Jahre, konnte er nach
gewonnenen Kulturkämpfen getrost verzichten. In Krauses Projekten gehen philosophische, planerische, administrative, architektonische,
politische, ästhetische und schließlich künstlerische Praxen, die den Raum verhandeln (d. h. seine Organisation,
Definition, Konstitution, Produktion und Verwertung), ineinander über. Im Zuge der Kontroverse um Leerstelle ließ es
sich Krause nicht nehmen, mit ausgebuffter Übertreibung und unter Ausnutzung der Autoritätsgläubigkeit einiger
Besucher sogar noch den 'Schuldirektor' und 'Polizeiführer' zu spielen. Ein Hoch auf die Taktiken der Spaßguerilla als
gestaltendem performativen Einsatz im Kunstraum wie im öffentlichen Raum der Stadt Berlin! Was man erst seit den letzten Jahren
genauer zu reflektieren gewohnt ist, ist die rezeptionsästhetisch gewonnene Erkenntnis, daß man Kunst nicht nur von Außen
beobachtet, sondern - implizit - mit ihr betrachtend handelt, indem man auf die Formen ihrer Kreationen, Markierungen, Entgrenzungen,
Störungen usw. reagiert - also allgemein formuliert: Formen des Betrachtens im Kunstkontext beobachtend zur Darstellung bringt.
Daß Kunst wie alle Formen außerhalb des Kunstkontextes präsentiert werden, bedeutet nicht, daß sie ihren Ort
und ihren Sinn durch fortgesetztes Entgrenzen verloren hat, sondern, daß sie an zusätzlicher innerer Autonomie gewonnen hat,
indem sie sich selbst und ihre erweiterten Funktionen innerhalb der Gesellschaft (bzw. des Kunstdiskurses) trennschärfer als
bisher zu definieren gezwungen ist. Kunst bestimmt sich heute weniger durch Erweiterung als durch die Bestimmung ihrer materiellen
Grenzen, in deren Bereichen sie sich zu profilieren hat. Werke realisieren sich in medialen Umgebungen, innerhalb bestimmter Modi
werkorientierter Präsentation und Betrachtung, die Beziehungen zu historischer und gegenwärtiger Kunst formulieren und
als solche in ihre äußeren Darstellungsformen einschließen. Kunst ist, wie vor allem die Rezeptionsästhetik
der letzten Jahre gezeigt hat, eine Kunst der Ein- und Ausschließung (1), indem die (ausgeschlossenen) Betrachter ihren Anteil
an der Werkentstehung erkennen, reflektieren sie die Form, in und mit der sie sich der Grenze dessen annähern, wie 'Kunst'
bestimmt, d. h. bildlich markiert wird. Das Projekt Leerstelle lebte deutlich aus diesen Akzentsetzungen der Grenzüberschreitung
(natürlich auch des Ghettos des guten Geschmacks) und eines kontextbezogenen Bürgerinteresses, sich in Konflikte verwickeln
zu lassen.
Neben jungen Leuten traf man in der Leerstelle auf erstaunlich viele ältere, oft ehemalige Schüler der Gustave - Eiffel - Oberschule,
eine Generation, die dem Rentenalter rasant entgegenstrebt, wenn sie es nicht schon erreicht hat. Im Kreis der Themen Schule, Schulschließung,
Umzug, Leere wurde unterschwellig der nie ganz voraussehbare Wandlungsprozeß der Bevölkerungsstruktur und deren Folgen mit angesprochen.
Statt die Meinungsbildung hier einem elitären Zirkel zu überlassen, konnte ein relativ breites Spektrum der Bevölkerung
in die Diskussion einbezogen werden. So wurde 'Leerstelle' mitsamt ihren ausgiebigen Vor- und Nachspielen auch zum Anschauungsmaterial
für praktizierte Graswurzeldemokratie.
Anmerkungen:
(1) "Die Gesellschaft possibilisiert ihre Welt, um das als Selektion zu begreifen und rationalisieren zu können, was dadurch geschieht,
daß geschieht, was als Gesellschaft geschieht.
Was aber geschieht ist das ständige Ein- und Ausschließen ..." zit[iert] nach Niklas Luhmann, Peter Fuchs; Reden und Schweigen.
Frankfurt/Main 1997 (3. Aufl.), S. 16.
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