Publikation

Schulschluss

ein Prozess am Standort Kastanienallee 82/ 2002 - 2005

Christoph Tannert

Leerstelle als kommunikativer Gestaltraum

Den zahlreichen überkommenen Schulgrundstücken in Deutschland droht im Zuge des Geburtenrückganges der Verlust ihrer besonderen Funktion als Orte der Manifestation öffentlicher Wertsetzungen und somit generell ihre Funktion als öffentlicher Raum. Sie verwaisen zunehmend und sind in die individualistisch und pluralistisch gewandelten städtischen Wertgefüge neu einzubinden. Mit Kunst Aufmerksamkeitszeichen für diese Schulgebäude, ihren Erhalt oder ihre Umnutzung zu setzen, insbesondere beim sog. 'Rückbau' ganzer Stadtviertel im Osten Deutschlands, ist mittlerweile eine von Künstlern und Bürgergruppen häufig geübte Praxis.

Ausgehend von einer Übereinkunft, in der die Organisation von ortspezifischen Werken und Übergangszeit, die Kommunikation mit dem Publikum und die Kommunikation mit und in nicht-musealen Räumen als Ansatzpunkte der künstlerischen Intervention begriffen werden, wird die Frage nach unserer Art des Erinnerns sowie unserem Raumverständnis unter den jeweiligen Bedingungen der Kunstprojekte zu beantworten sein. In derartigen Projekten wird der genius loci zur Folie für die intellektuelle und räumliche Auseinandersetzung mit ihm, die sich daraus ergebenden Gestalträume können als das Produkt der im Moment stattfindenden Aushandlungsprozesse zwischen Publikum und Akteuren bzw. ihren Installationen wahrgenommen werden. Leerstelle bot eine Fülle subtil inszenierter Höhepunkte, weniger gestützt durch eine Erzählkonvention (obwohl reichlich Schulgeschichte und Schülergeschichten zu sehen waren) als vielmehr durch eine Geisteshaltung: Hintergründigkeit. Manches Einzelprojekt war zu gut, um wahr zu sein, zuweilen aber auch zu smart, um blöd zu sein, weil es pfiffig Konventionen verkehrte und erinnerten Schulalltag frech ironisierte, etwa die Maßnahme am Normalnull Berlins von Ulrike Mohr und Katinka Bock, das Prager Alphabet von Kai Schiemenz, Das Gedächtnis der Klasse von Peter Müller, die Freiwillige Feuerwehr von Stefan Rummel / Paul Zoller, Hurra Vakanz von Friederike Klotz oder die Dummen Hühner von Inge Mahn. Sich an Schule als einen Ort "vorsätzlicher Geistesabwesenheit" (Via Lewandowsky), zu erinnern, den ausgebrannte Lehrer heimsuchen und aus dem geplagte Schüler ständig zu flüchten versuchen, blieb Künstlern wie Emilie Satre (Vorbereitung zur Flucht) und Alex Majewski (Fluchtweg 3) vorbehalten, die dementsprechende Fluchtvarianten ausheckten. Die Künstlergruppe FEHLSTELLE (Barbara Hilski, Jürgen Staack, Thyra Schmidt, Thomas Woll, Veronika Peddinghaus, Thomas Neumann) konfrontierte die Besucher auf verschiedenen Ebenen des Schulgebäudes mit stichelnden Bösartigkeiten, etwa einer im Keller verdrahteten, täuschend echt aussehenden Vorbereitung zur Sprengung des Schulgebäudes, um Prüfungsangst und Anpassungsdruck für immer zu entkommen.

Noch gibt es hohen Unterrichtsausfall an deutschen Schulen und viel zu große Klassen, Unterricht im 45 - Minuten - Takt und Frontalstil. 60% der Schüler benötigen Nachhilfe, um mit dem Unterrichtsstoff mitzukommen; in vielen Fällen sind die Mütter die Nachhilfelehrerinnen der Nation. In der Schule interessiert in der Regel nicht, wie Schülern geholfen werden kann, besser zu lernen und Gelerntes besser zu behalten und Behaltenes gekonnt anzuwenden, sondern die Einteilung in die Schlauen und in die Deppen, in die Aufsteiger und die Absteiger, in die Ergebnisstarken und die Ergebnisschwachen, auch wenn die Starken nicht selten mit Spickzettel und SMS ihren Vorteil erlangt haben. Nicht nur der Zustand der Gebäude ist jämmerlich, auch die Vorbereitung der Lehrer auf eine ganz andere Schüler- und Klassensituation ist mangelhaft. Von der Begleitung der Lehrer ganz abgesehen. Und dazu kommt: Es interessiert nicht, wie man etwas lernt und kann, sondern nur was man weiß - und das meistens nur für kurze Zeit. Alles eine Folge einer wenig ambitionierten Bildungspolitik seit zwei Jahrzehnten? Leerstelle als Ebene der kleinen Revolten und Spielplatz unerwachsener Aufständischer hielt auch hier mannigfaltige Anregungen bereit - an ungewohntem Ort und unter Zuhilfenahme des Irritations- und Entgrenzungspotentials der Kunst. Die Raumfrage als politische, gesellschaftliche und ästhetische Frage war und ist in der Kunst eine wesentliche. Aber das Bewußtsein darüber ist heute ein anderes als etwa in den 60er Jahren oder den Jahren der Hausbesetzungen und es hat in der Gegenwart eine andere Virulenz. Das hängt mit den Veränderungen des Begriffs des Territoriums zusammen und des zunehmenden Mangels von kollektiven Aushandlungsräumen unter den Bedingungen der Privatisierung öffentlicher Räume. Wo existieren faszinierende Orte, an denen viele Menschen gleichzeitig anwesend sind, in gewisser Weise eine geteilte Zeit existiert und kollektiv Bedeutung produziert wird? Wo gibt es die neuen Orte, die zu Aushandlungsräumen werden, sagen wir, zu kollektiven Räumen neuer bürgerschaftlicher Übereinkünfte? Seit Ende der 80er Jahre betätigt sich der Künstler Wolfgang Krause im Prenzlauer Berg als unabhängiger Raumforscher und Aktivist für temporäre Diskursräume. Krause ist im Sinne von Henri Lefevre ein Raumproduzent, er generiert und 'sammelt' Räume. Begegnungsräume existieren nicht per se. Was materielle Komponenten hat, etwa Krauses Laden (seit Jahren bereits der Projektraum o zwei) oder z. B. das geschlossene Stadtbad in der Oderberger Straße, wurde für Krause zu einem Medium, das sozial ausgehandelt und einer neuen kommunikativen Bestimmung erfolgreich zugeführt werden konnte.

Wobei immer Kunst und Künstler im Spiel waren. Auf das verblockte links-chauvinistische Denken der alten Besetzer-Cliquen mit Vorstellungen, die nicht weiter reichen als bis an die überholten sozio-kulturellen Horizonte der 70er Jahre, konnte er nach gewonnenen Kulturkämpfen getrost verzichten. In Krauses Projekten gehen philosophische, planerische, administrative, architektonische, politische, ästhetische und schließlich künstlerische Praxen, die den Raum verhandeln (d. h. seine Organisation, Definition, Konstitution, Produktion und Verwertung), ineinander über. Im Zuge der Kontroverse um Leerstelle ließ es sich Krause nicht nehmen, mit ausgebuffter Übertreibung und unter Ausnutzung der Autoritätsgläubigkeit einiger Besucher sogar noch den 'Schuldirektor' und 'Polizeiführer' zu spielen. Ein Hoch auf die Taktiken der Spaßguerilla als gestaltendem performativen Einsatz im Kunstraum wie im öffentlichen Raum der Stadt Berlin! Was man erst seit den letzten Jahren genauer zu reflektieren gewohnt ist, ist die rezeptionsästhetisch gewonnene Erkenntnis, daß man Kunst nicht nur von Außen beobachtet, sondern - implizit - mit ihr betrachtend handelt, indem man auf die Formen ihrer Kreationen, Markierungen, Entgrenzungen, Störungen usw. reagiert - also allgemein formuliert: Formen des Betrachtens im Kunstkontext beobachtend zur Darstellung bringt. Daß Kunst wie alle Formen außerhalb des Kunstkontextes präsentiert werden, bedeutet nicht, daß sie ihren Ort und ihren Sinn durch fortgesetztes Entgrenzen verloren hat, sondern, daß sie an zusätzlicher innerer Autonomie gewonnen hat, indem sie sich selbst und ihre erweiterten Funktionen innerhalb der Gesellschaft (bzw. des Kunstdiskurses) trennschärfer als bisher zu definieren gezwungen ist. Kunst bestimmt sich heute weniger durch Erweiterung als durch die Bestimmung ihrer materiellen Grenzen, in deren Bereichen sie sich zu profilieren hat. Werke realisieren sich in medialen Umgebungen, innerhalb bestimmter Modi werkorientierter Präsentation und Betrachtung, die Beziehungen zu historischer und gegenwärtiger Kunst formulieren und als solche in ihre äußeren Darstellungsformen einschließen. Kunst ist, wie vor allem die Rezeptionsästhetik der letzten Jahre gezeigt hat, eine Kunst der Ein- und Ausschließung (1), indem die (ausgeschlossenen) Betrachter ihren Anteil an der Werkentstehung erkennen, reflektieren sie die Form, in und mit der sie sich der Grenze dessen annähern, wie 'Kunst' bestimmt, d. h. bildlich markiert wird. Das Projekt Leerstelle lebte deutlich aus diesen Akzentsetzungen der Grenzüberschreitung (natürlich auch des Ghettos des guten Geschmacks) und eines kontextbezogenen Bürgerinteresses, sich in Konflikte verwickeln zu lassen.

Neben jungen Leuten traf man in der Leerstelle auf erstaunlich viele ältere, oft ehemalige Schüler der Gustave - Eiffel - Oberschule, eine Generation, die dem Rentenalter rasant entgegenstrebt, wenn sie es nicht schon erreicht hat. Im Kreis der Themen Schule, Schulschließung, Umzug, Leere wurde unterschwellig der nie ganz voraussehbare Wandlungsprozeß der Bevölkerungsstruktur und deren Folgen mit angesprochen. Statt die Meinungsbildung hier einem elitären Zirkel zu überlassen, konnte ein relativ breites Spektrum der Bevölkerung in die Diskussion einbezogen werden. So wurde 'Leerstelle' mitsamt ihren ausgiebigen Vor- und Nachspielen auch zum Anschauungsmaterial für praktizierte Graswurzeldemokratie.

Anmerkungen: (1) "Die Gesellschaft possibilisiert ihre Welt, um das als Selektion zu begreifen und rationalisieren zu können, was dadurch geschieht, daß geschieht, was als Gesellschaft geschieht. Was aber geschieht ist das ständige Ein- und Ausschließen ..." zit[iert] nach Niklas Luhmann, Peter Fuchs; Reden und Schweigen. Frankfurt/Main 1997 (3. Aufl.), S. 16.

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