interne Dokumentation: zeitschrift für befreiende pädagogik 17 - 18 / 1998
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Theologische Kontexte der Befreiung, Befreiungstheologie in Deutschland.

IMPRESSUM: zeitschrift für befreiende pädagogik 17 - 18 / 1998
Herausgeber: Paulo-Freire-Gesellschaft e.V. Krüner Str. 51 Aufg. II, 81373 München Tel. 089 / 74 37 27 87  Fax 089 / 74 37 27 89 paulo-freire-ges@link-m.de http://tel.de/0894481297/paulo-fr.htm
Redaktion dieser Ausgabe:
Schwerpunkt: Thorsten Knauth   Service: Heinz Schulze  Layout: Fritz Letsch, mit Materialien aus lat-am. Publikationen
Titel: Hamburger Hungertuch, (Ausschnitt) Medienpaket 64 S. mit Tuch und Farb-Folie im Theologisch-Pädagogischen Institut, Teilfeld 1, 20459 Hamburg, 040-360019-0, DM 50.-
Druck: Ulenspiegel Andechs
, Einzelpreis DM 10.- Jahresabo: DM 40.-für Mitglieder der PFG und Studierende: DM 30.-
Alle Beiträge sind urheberrechtlich geschützt. Die Rechte bleiben bei den AutorInnen.
Die Produktion dieses Heftes wurde freundlicherweise durch den Ausschuß für Bildung und Publizistik der Arbeitsgemeinschaft Kirchlicher Entwicklungsdienst (ABP-AG KED) unterstützt.


INHALT
Einleitung: Theologische Kontexte der Befreiung
Patricia Baquero / Thorsten Knauth / Joachim Schroeder: Befreiungstheologie in Deutschland. Thesen zum Überblick
Esteban Rojas: Die Zukunft der Befreiungstheologie in Lateinamerika
Rebeca Montemayor, Mexico: A Eva, la del principio : Für Eva, die am Anfang war
Dorothee Sölle: Eine Theologie der Befreiung für Europa
Serafin Ajhuacho: "Die kalten Winde des Nordens bringen den Frost, der die Ernten zerstört." Indigene Religionen und der Dialog der Kulturen
Sixta Dorotea Yucra, Perú: El grito de la flor color tierra: Der Schrei der erdfarbenen Blume
Bärbel Fünfsinn: Töchter der Sonne: Feministische Befreiungstheologie in Lateinamerika
Wolfram Weiße: Der Kampf um eine gerechte Gesellschaft. Die Vision des Reiches Gottes in südafrikanischer Befreiungstheologie.
Mariano Delgado: Befreiung durch Erziehung? Gespräch zwischen Paulo Freires Pädagogik und der Theologie
Enrique Dussel: "Den Opfern das Wort geben" 1
Thorsten Knauth/ Joachim Schroeder: Befreiungstheologie an der Hochschule:
Über Anfänge, Konzeption und Verlauf eines "befreienden" Seminarprojektes
Übersetzungen: Befreiungstheologie zwischen Lateinamerika und Deutschland  Neuere Bücher zur Befreiungstheologie
Autoren und Autorinnen dieses Heftes    Rezensionen    Neuerscheinungen   Hinweise, Berichte und Briefe   Seminare
Grupo TENAL: Dialogisch orientierter Bildungstransfer Leon - Hamburg   Fragen über Gott von Atahualpa Yupanqi (Argentinien)  
Wieviel Theologie braucht die Inlandsarbeit in einer säkularen Gesellschaft?   Zeitschriftenschau   
Schlußstein: Albert Einstein: Mein Glaubensbekenntnis

Einleitung: Theologische Kontexte der Befreiung

Die "Theologie der Befreiung" ist ein Sammelbegriff für eine neue Bestimmung der Theologie. In ihr wird das epochale Thema sozialer Ausgrenzung zum Bezugspunkt theologischen Handelns und Denkens gewählt. Gemeint ist eine Theologie, die von der sozialen Wirklichkeit der Menschen ausgeht und soziale Gerechtigkeit in ihr Zentrum stellt.
Ungefähr vor dreißig Jahren hatte erstmals eine theologische Position aus der Dritten Welt weltweite Bedeutsamkeit erlangt und zum Entstehen wichtiger Reformbewegungen innerhalb der Kirche, an den Universitäten, in Gemeinden und sozialen Bewegungen beigetragen. Von Anfang an hat sich die Theologie der Befreiung als eine kontextuelle Theologie verstanden.
Das bedeutet: Sie entsteht in der Auseinandersetzung mit der Realität der lateinamerikanischen Gesellschaften, sie entwickelte sich als theologische Reflexion und Praxis der Befreiung aus verschiedenen Formen von Abhängigkeit. Sie erarbeitet eine eigene Methodologie, durch die christlicher Glaube auf die sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und religiösen Problemlagen der Gesellschaften hin ausgelegt und christliche Praxis an der Perspektive der Ausgegrenzten orientiert wird.
Trotz ihres bewußt vertretenen kontextuellen Charakters ist die Befreiungstheologie zum Lernmodell auch für die europäische Theologie geworden. Erstmals in der neuzeitlichen Theologiegeschichte hat sich das Lerngefälle zu Gunsten der Länder des Südens umgedreht: die neue Art, Theologie zu treiben galt auch nordamerikanischen und europäischen Christen und Christinnen als beispielhaft für eine zeitgemäße Theologie, die die soziale und politische Dimension des Glaubens akzentuiert und die Verbindung mit emanzipatorischen Prozessen sucht.
Befreiung ist ein universelles Projekt, das in sich Zeiten, Regionen kontextualisiert und durch soziale, religiöse, kulturelle, generationelle und geschlechtsspezifische Lagen von Abhängigkeit vielfach gebrochen ist. Befreiung muß für jeden Kontext neu buchstabiert werden.

Es wäre ein Mißverständnis, die Theologie der Befreiung allein mit Lateinamerika zu verbinden. Genauso falsch wäre es, Befreiungstheologie lediglich mit der Vätergeneration von Gustavo Gútierrez über Juan Luis Segundo bis Leonardo Boff zu verbinden. Neue Generationen sind hinzugekommen, der Blick hat sich auf Theologien geweitet, die auf andere Kontexte von Unterdrückung reflektieren.
Die Befreiungstheologie hat in den letzten zehn Jahren eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen. Schon während der 70er Jahre wird im Gespräch den Theologien der Dritten Welt anläßlich der sogenannten EATWOT-Konferenzen deutlich, daß es nicht ausreicht, Unterdrückung als rein ökonomisch bestimmtes Faktum zu begreifen. Bereits in dieser Phase treten hinter abstrakten Kategorien konkrete Gesichter hervor, und es wird offensichtlich, daß die Formen von Unterdrückung auch kultureller, religiöser und geschlechtsspezifischer Natur sind.
Es entsteht die Notwendigkeit, den Diskurs über die Unterdrückten zu differenzieren und die Rede von der Befreiung mit Bezug auf die verschiedenen Kontexte von Unterdrückung zu differenzieren.

Aus der Perspektive der sich in den 70er Jahren entwickelnden feministischen Befreiungstheologie wird zum Beispiel auf die Rolle der Frau in ihrer "doppelten Unterdrückung" reflektiert, und das Wort von der "Feminisierung der Armut" (Gebara 1987, Tamez 1997) setzt sich durch.
Die feministische Befreiungstheologie hat sich inzwischen zu einer lebendigen und starken Bewegung entwickelt, von der innerhalb der Befreiungstheologie starke Impulse auch mit Blick auf die Ökologiedebatte ausgehen, die seit jüngster Zeit in der Befreiungstheologie verstärkt Beachtung findet (Aquino 1997; Boff 1997). Gleiches gilt für die "schwarzen" und die "indianischen" Theologien des Kontinents (Girardi 1997; Wagua 1997).

Für das Selbstbewußtsein dieser Bewegungen bedeutet der 500. Jahrestag der Eroberung des Kontinents eine Initialzündung. Er wird für viele indianischen Völker Anlaß, eine Kampagne der indigenen und afroamerikanischen Bevölkerung ins Leben zu rufen, die auf die besondere Lage dieser seit Jahrhunderten unterdrückten Völker aufmerksam macht. Seit dieser Zeit ist die Thematik der indigenen Völker stärker ins Bewußtsein gerückt.
Es wird erkannt, daß sich in diesem Kontext vielfältige Theologien ausprägen, die die vorchristlichen Traditionen aufnehmen und den Kontext christlicher Theologie zum Teil bewußt verlassen haben. Gemeinsam ist den feministischen, den afroamerikanischen und den indianischen Theologien ihr Ziel, als Subjekt von Theologie anerkannt zu werden und innerhalb des sich pluralisierenden theologischen Diskurses mit ihrer Stimme gehört zu werden.

In dem Maße, in dem Menschen stärker auf ihre eigene Unterdrückungssituation reflektieren und zu Subjekten einer theologischen Reflexion werden, entsteht an der Basis, im Volk, ein religiöses Bewußtsein, das die konfessionellen Grenzen überschreitet. In der Befreiungstheologie ist in den letzten Jahren eine ökumenische Theologie von unten herangewachsen, die nicht mehr katholisch oder evangelisch genannt werden kann, und die sich teilweise auch außerhalb des Christlichen ansiedelt.
Diese Entwicklung wird in der befreiungstheologischen Reflexion unter dem Stichwort des "Makroökumenismus" reflektiert (Maier 1997:34; Girardi 1997: 83ff.), der auf die Anerkennung der vielgesichtigen Subjekte der Befreiung zielt, sie auch als Subjekt ihrer eigenen Theologie anerkennt und im Dialog von ihnen lernen will. Der befreiungstheologische Grundsatz vom "Hören auf das Volk" wird in dieser Phase der Pluralisierung dadurch lebendig gehalten, daß die in der Volkskultur aufbewahrte (und jahrhundertelang verdeckt gehaltene) Weisheit und Religiosität in ihrem Reichtum erkannt, bejaht und gefördert wird.

Die Befreiungstheologie gibt es nur im Plural. Die Unterdrückung hat viele Gesichter und die Befreiung kennt viele Geschichten, und sie spricht viele Sprachen. Dies ist der Weg, den die Befreiungstheologie gehen muß, um zukunftsfähig zu bleiben: Befreiung in der Wahrnehmung ihrer verschiedenen Kontexte. Es muß darum gehen, das Bewußtsein einer "Pluralität des Menschlichen" entstehen zu lassen, das "Bedingung von Kommunikation zwischen den verschiedenen kulturellen Identitäten wird" (Betancourt 1989: 16).

Das vorliegende Heft versucht, die Pluralität der theologischen Reflexion über Befreiung anzudeuten. Es will eine Einführung in Ansatz, Geschichte und den Diskussionsstand der Befreiungstheologie geben. Zugleich werden mit Südafrika, Lateinamerika und Europa regionale Kontexte der Befreiungstheologie vorgestellt; systematisch wird die Pluralität des Befreiungsparadigmas am Beispiel der feministischen, indigenen und schwarzen Theologie der Befreiung vorgeführt.

Esteban Riojas Artikel über die Zukunft der Befreiungstheologie in Lateinamerika straft die zynischen und pessimistischen Geister Lügen, die in einer `selfulfilling prophecy´ den Tod der Befreiungstheologie meinen proklamieren zu müssen. Er zeichnet zugleich die Entwicklung der Befreiungstheologie nach, indem er die lateinamerikanischen Bischofskonferenzen gleichsam als Kristallisationspunkt für den jeweiligen Entwicklungsstand der Befreiungstheologie betrachtet.

Patricia Baquero, Joachim Schroeder und Thorsten Knauth geben einen in Thesen zusammengefaßten Überblick über den Weg, den das Befreiungsparadigma in der deutschsprachigen theologischen Diskussion genommen hat.
Dorothee Sölle legt mit der ihr eigenen prophetischen Klarheit ein Stück angewandte Befreiungstheologie im Kontext der Ersten Welt vor, bei dem deutlich wird, daß politische und theologische Radikalität sich von einer tiefen Leidenschaft für die Schönheit des Lebens nähren, wie sie in der Mystik erfahren werden kann.

Serafin Ajhuachos Artikel zeigt, daß Befreiung zur eigenen kulturellen und religiösen Identität manchmal auch gegen die Befreiungstheologie durchgesetzt werden muß. Seine Anmerkungen über Grundzüge einer indigenen Theologie sind ein Lehrstück dafür, welchen Nachholbedarf im Hinblick auf einen authentischen und gleichberechtigten interkulturellen Dialog auch die Befreiungstheologie noch hat.

Einen Einblick in Entwicklung und die lebendige Gegenwart feministischer Befreiungstheologie in Lateinamerika gibt der Aufsatz von Bärbel Fünfsinn. Die von ihr zitierten poetischen und liturgischen Texte einer befreienden weiblichen Spiritualität verdeutlichen auch, daß Befreiung zu einer Sprache drängt, die mehr will, als sich in Begriffen aussagen läßt.

Die Bedeutung einer Poesie der Befreiung für den Ausdruck unserer großen Wünsche an das Leben, für die Entwicklung von Visionen kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Um diese wichtige Dimension einer befreienden Theologie deutlich werden zu lassen, drucken wir einige lyrische Zeugnisse einer befreienden weiblichen Spiritualität ab, die sich neben vielen anderen Dokumenten in einem von Bärbel Fünfsinn, L.C. Hoch und Christine Rösener herausgegebenen Band zur feministischen Befreiungstheologie finden.

Auch Wolfram Weiße präsentiert in seinem Aufsatz über befreiungstheologische Ansätze in Südafrika authentische Dokumente einer befreienden Spiritualität. Vor allem aber wird mit dem Reich-Gottes-Begriff eine zentrale Hoffnungsperspektive für Christen im Kampf gegen Unterdrückung vorgestellt und gezeigt, wie wichtig es selbst bei jenen befreiungstheologischen Zentralsymbolen ist, den Kontext ihrer Inanspruchnahme genau zu beachten.

Das Befreiungsparadigma auf der Schnittfläche von Befreiungspädagogik, Befreiungstheologie und Religionspädagogik kommt in dem Aufsatz von Mariano Delgado in den Blick. Seine kritischen Anmerkungen warnen vor einer zu "schwärmerischen" Auslegung des Befreiungsparadigmas, der im utopischen Überschwang schnell der Blick für die Ambivalenzen unserer Wirklichkeit verloren gehen kann. Hier werden wichtige Anstöße für eine "theologisch und ethisch geerdete" Befreiungstheologie gegeben.

Ein Grenzgänger der Befreiung ist Enrique Dussel. Das Interview mit dem weltbekannten Befreiungstheologen und Befreiungsphilosophen, das wir mit freundlicher Genehmigung von Wolfgang Schweiger aus der österreichischen Zeitschrift für Entwicklungspolitik "Südwind" in Auszügen abdrücken dürfen, gibt einen guten Einblick in den Zusammenhang von biographischem Kontext und Werk dieses leidenschaftlichen Denkers im Dienst der Befreiung.

Wie man den Befreiungsansatz mit seinen eigenen Mitteln an Schule und Hochschule vermitteln kann, zeigt der kurze Bericht von Joachim Schroeder und Thorsten Knauth, die zusammen mit Studierenden die befreiungstheologische Tradition des Hungertuches aufgegriffen haben und ein Hungertuch zum Thema "Armut von Kindern und Jugendlichen" konzipiert haben. Dieses Hamburger Hungertuch steht im Zusammenhang einer Reihe von Veranstaltungen zur Befreiungstheologie, Befreiungspädagogik und Befreiungsphilsophie, anläßlich derer auch die meisten der hier veröffentlichten Texte geschrieben wurden.

Es hat sicherlich etwas Naives, ausgerechnet den Befreiungsbegriff zur theologischen und sozialwissenschaftlichen Theoriebildung zu wählen. Die befreiungstheologische Option für die Armen zu teilen ist ein Akt persönlicher Entscheidung und genährt von nicht wenigen Allmachts- und Vollendungsphantasien; es ist aber auch erforderlich, soll theologisches Nachdenken nicht in blankem Zynismus münden oder weltfremd bzw. gesellschaftsvergessen werden. Befreiung in der Pluralität theologischer Kontexte zu buchstabieren, heißt zur kritischen Aneignung der Widersprüche sozialer Realität beizutragen. Befreiungstheologie sollte dies im Verbund mit den anderen um Befreiung zentrierten Disziplinen wie Pädagogik und Philosophie tun. Sie kann in diese Koalition ein eigenes Potential einbringen, wenn sie das, worauf sie setzt und womit sie zu tun hat, glaubwürdig für andere und überzeugend in der Übereinstimmung von Reden und Tun ins Spiel bringt. Sie kann dies nur in einer nachhaltigen Parteilichkeit für diejenigen tun, die aus den herrschenden Diskursen und Praxen ausgegrenzt und ausgeschlossen sind. Befreiungstheologisches Reden und Handeln setzt auf Hoffnung gegen Hoffnungslosigkeit, sie legt Religion als Quelle von Hoffnung und Solidarität aus. Sie verspricht damit, daß der Mensch mehr ist, als eine ökonomische und auf Herrschaft zielende Vernunft jemals auszusagen vermag.                      Hamburg, im Februar 1998, Thorsten Knauth

Patricia Baquero / Thorsten Knauth / Joachim Schroeder

Befreiungstheologie in Deutschland. Thesen zum Überblick

Die Befreiungstheologien der Dritten Welt brachten mit der Frage nach weltweiter Gerechtigkeit und Solidarität ein Thema auf die Tagesordnung, das auch Theologie und Kirche in Europa beschäftigen mußte. Besonders die Nachkriegsgeneration von Theologinnen und Theologen, die bereits ihr Unbehagen an den bestehenden Ansätzen ihrer theologischen Lehrer zu formulieren begonnen hatte, suchte nach einer Theologie, die sich an gesellschaftliche Fragen anschließen konnte und den Zusammenhang von Glaube/ Religion und Handeln betonte.

Diese Theologen und Theologinnen fühlten sich durch den Aufbruch in Lateinamerika und anderen Ländern der Dritten Welt in ihren eigenen Versuchen ermutigt, die sich zu der Zeit unter dem Stichwort "Politische Theologie" eher locker zu einer neuen theologischen Strömung zusammenfassen ließen. Auch in den westeuropäischen Gesellschaften herrschte Ende der 60er Jahre eine politische und kulturelle Aufbruchstimmung. Es war die Zeit der "Politischen Nachtgebete" (vgl. Seidel/ Zils 1971), in denen Gottesdienste zu Protestveranstaltungen gegen den Vietnamkrieg und zu Solidaritätsveranstaltungen mit dem Versuch wurde, eine sozialistische Reform in der CSSR einzuleiten.

Es war die Zeit, in der Ernst Bloch mit seinem "Prinzip Hoffnung" Sprache und Denken jener Christen und Christinnen prägte, die eine Verbindung von Marxismus und Christentum suchten (Sölle/ Schmidt 1975); in dieser Zeit hatte auch Jürgen Moltmann seine "Theologie der Hoffnung" vorgelegt (1964).
Es war die Zeit, in der auf katholischer Seite Karl Rahner mit seiner These der Einheit von Heils- und Weltgeschichte (1962) einen geschichtstheologischen Entwurf vorlegte, in dem geschichtliches Handeln als Ort offenbarenden Handeln Gottes gedacht werden konnte und der "Daseinsvollzug des Subjektes" -wie es in der Sprache des Existenzialismus hieß- stärkere Berücksichtigung im theologischen Denken fand.
Helmut Gollwitzer legte 1974 mit seinem Band "Die kapitalistische Revolution" "eines der besten Stücke europäischer Befreiungstheologie vor" (Kern 1992, 361), in dem er anhand einer radikalen Kritik an der kapitalistischen Wachstumslogik zugleich aufzeigt, wie die Steigerung eines auf Verwertung konzentrierten Handelns fatale Auswirkungen auf die Subjektivität und die psychischen Dispositionen von Menschen hat.

In der Begegnung mit der Befreiungstheologie wurde in aller Schärfe deutlich, wo die eigenen blinden Flecken lagen. Ohne Übertreibung kann man sagen, daß sich in dieser Situation das Lerngefälle im Verhältnis zwischen Dritter und Erster Welt umzudrehen begann.

Die Befreiungstheologie löste in Europa zwar ein starkes Echo aus, sie traf aber nicht allerorts auf ungeteilte Zustimmung. Vor allem auf lehramtlicher Ebene wurden scharfe Angriffe gegen sie geführt. Die Kampagne gegen die Befreiungstheologie wurde dabei auch publizistisch unterstützt. Maßgeblich daran beteiligt waren deutsche Theologen und Kardinäle.
Den Auftakt der publizistischen Denunziation bildete ein im Rheinischen Merkur veröffentlichter Artikel, der dem bereits weltweit bekannt gewordenen Befreiungstheologen Helder Cámara vorwarf, ein nützlicher Idiot des Kommunismus zu sein. Dieses Argument einer kommunistischen und marxistischen Unterwanderung der Theologie und der Kirche, die von Seiten der Befreiungstheologie drohe, taucht auch später immer wieder auf.
Es ist zum Beispiel Grundlage der Schriften des in den 70er Jahren gegründeten Studienkreis "Kirche und Befreiung". Hier wird der Theologie der Befreiung vorgeworfen, sie integriere marxistisches Gedankengut in einer Weise in die Theologie, daß eine neue Form der Theologie entstehe, die den Glauben zerstöre. Hier werde Klassenkampf in der Kirche gepredigt, der die Kirche in zwei Lager spalte und ihre Einheit bedrohe.
Der Studienkreis "Kirche und Befreiung" wurde von dem deutschen Theologieprofessor Joseph Hengsbach initiiert, der über gute Kontakte zu der sich dem antikommunistischen Kampf verpflichtet fühlenden Organisation OPUS DEI hatte.
Die Argumente der aus diesem Studienkreis entstehenden Schriftenreihe machte sich später Kardinal Ratzinger als Vorsitzender der römischen Glaubenskongregation in seiner Kritik über die Abweichungen in der Theologie der Befreiung zunutze.
Das Schweigegebot für den brasilianischen Theologen Leonardo Boff war die spätere Konsequenz der Veröffentlichungen der Glaubenskongregation( vgl. Venetz/ Vorgrimler 1985; Greinacher1985 und 1986).

Abgesehen von diesen Konflikten, die die inhaltliche und methodische Rezeption bisweilen in den Hintergrund drängte (Collet 1997, 164), hat es vor allem zwischen der sich in Westeuropa Ende der 6oer Jahre entwickelnden "Politischen Theologie" und der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung schon sehr frühzeitig - Anfang der 70er Jahre - einen wechselseitigen Austausch und eine gegenseitige Einflußnahme gegeben.
Dieser Dialog verlief nicht ohne Konflikte (vgl. Dussel 1984; Moltmann 1975; Segundo 1974; Sobrino 1977). In der auch mit polemischen Argumenten geführten Diskussion über die Bedeutung und die Reichweite dieser theologischen Entwürfe wurde immerhin deutlich, daß die gesellschaftlichen Voraussetzungen des Verstehens offensichtlich ganz unterschiedliche sind.
Die Entwürfe einer Politischen Theologie sowohl auf katholischer (Metz 1968; Peukert 1969) als auch auf evangelischer Seite (Moltmann 1972, Sölle 1971) wurden als Gegenbewegung zu einer Nachkriegstheologie entwickelt, die Verstehen ganz auf den individuellen und ungeschichtlich gedachten Vollzug der Existenz als Seinsvollzug abstellte.
Damit geriet die Theologie, die von der klassischen Hermeneutik das Erbe der geschichtlichen Bedingtheit allen Verstehens mitgebracht hatte, in einen folgenschweren Widerspruch. Die Politische Theologie wies auf die Gefahr hin, daß der Ausgang von existenzphilosophischen Verstehensanalysen einem "Ausstieg aus der Sozialisation in den Bereich transzendierender eigentlicher Existenz" (Peukert 1969: VIII) gleichkomme.
Vor allem aber wurde der existenzialen Interpretation vorgeworfen, daß sie sich in einen kritikfreien Raum zurückziehe und sich der seit der Aufklärung formulierten Ambivalenz von Christentum und Religion nicht mehr stelle. Politische Theologie entsteht also als Kritik an einer gesellschaftlich und geschichtlich zu wenig geerdeten Theologie, für die Geschichte nur eine Kulisse für metaphysisch-ontologische Kategorien bedeutete. Die mit der politischen Entwicklung gegebenen Probleme konnten auf diese Weise jedenfalls kaum mit einbezogen werden.

Demgegenüber betonte die Politische Theologie mit einem dialektischen Begriff von Gesellschaft und gesellschaftlicher Praxis das Subjekt und sein Werden in seiner gesellschaftlichen Vermitteltheit. Ihre Methode war kritisch, weil sie sowohl nach den Voraussetzungen des Verstehens fragt als auch nach den Voraussetzungen eines "aneignenden, verändernden Verhaltens" (Peukert 1969: X).
Das Projekt einer Politischen Theologie bezog sich damit auf die Tradition der europäischen Aufklärungsphilosophie. Auch ihre zentrale Frage war eine andere als die der Befreiungstheologie: Sie wollte den den christlichen Glauben unter den Bedingungen einer säkularen Vernunft und in der Reflexion auf die Grenzfragen dieser Vernunft als vernünftig erweisen und begründen.
Der Adressat dieser Theologie war das skeptische, durch die aufklärerische Religionskritik hindurchgegangene bürgerliche Subjekt. Vor allem diese Unterschiede wurden in der ersten Phase der Auseinandersetzung von der Theologie der Befreiung betont ( Sobrino 1977, Gutiérrez 1984).
Die gemäßigten Stimmen innerhalb der Befreiungstheologie gestehen der Politischen Theologie aber zu, den Glauben auch unter Berücksichtigung der dringendsten ethischen Probleme in seiner politischen Dimension durchdacht zu haben (vgl. Gutierrez 1973: 214).
Letztlich fehlt diesem Denken aber die Nähe zu den wirklichen Situationen von Abhängigkeit, Ungerechtigkeit und Ausbeutung und die Erfahrung der existenziellen Notwendigkeit von Befreiung. Die radikale lateinamerikanische Kritik geht sogar so weit, der Politischen Theologie vorzuwerfen, weiterhin eurozentische Herrschaftstheologie zu sein, weil sie die Unterdrückten aus ihrem Denkhorizont heraushalte und sich gleichsam nicht die Finger schmutzig machen wolle (vgl. Dussel 1989, 25).

Die europäische Theologie wurde in einen wichtigen und notwendigen Lernprozeß geschickt. Es ging um die Frage nach einer Theologie, die die Opfer der gesellschaftlichen und geschichtlichen Prozesse in das Zentrum stellt; und es ging um die Frage, auf welche Handlungskontexte und in Bezug auf welche Subjekte und Themen sich eine europäische Befreiungstheologie entwirft. Sowohl für die akademische als auch für die praktisch-theologische Rezeption gab die Befreiungstheologie wichtige Impulse, die vollständig zu rekonstruieren an dieser Stelle nicht möglich ist.

Raúl Fornet-Betancourt hat in einer jüngst von ihm herausgegebenen dreibändigen Bilanz der Befreiungstheologie (1997) einen Band der Rezeption im deutschsprachigen Raum gewidmet, der die Rezeption in verschiedenen theologischen Handlungsfeldern ( Praktische Theologie, Christliche Sozialethik, konziliarer Prozeß, kirchliche Hilfswerke, kirchenkritische Bewegungen, akademische Theologie) aufarbeitet.
Dieser Band vermittelt ein eindrucksvolles Bild von der sehr komplexen Rezeptionslage und bietet in den Aufsätzen von Michael Ramminger und Giancarlo Collet auch Ansätze zu einer Typologie der Rezeptionsformen. Hilfreich ist die Unterscheidung von Ramminger (1997: 113-128) zwischen einer "harten" Rezeption, die das kapitalismuskritische und politische Anliegen der Befreiungstheologie aufnimmt und einer "weichen Rezeption", die sich von der Authentizität und der Integrität des befreiungspolitischen Anliegens beeindruckt zeigt und die Befreiungstheologie eher aus einer subjektiven Perspektive moralischer Betroffenheit rezipiert.

Die folgenden Thesen zu den Kontexten und den Subjekten einer europäischen Befreiungstheologie können lediglich Schneisen in ein unübersichtliches Gebiet schlagen und wollen -ohne den Anspruch auf Vollständigkeit- Rezeptionslinien andeuten.

1. Die vom Befreiungsbegriff inspirierte Theologie in Deutschland knüpft den Glauben an das politische Handeln und sieht in den sozialen Bewegungen das Subjekt einer verändernden Praxis.

Das wichtige erneuernde Moment der Politischen Theologie liegt in der Entdeckung des gesellschaftlichen Handlungsbezuges der Theologie. Glaube wird nicht mehr nur vor dem Hintergrund einer privaten Praxis in zwischenmenschlichen Bezügen ausgelegt, sondern erhält eine praktisch-politische Dimension in der Öffnung auf fundamentale Fragen der Gesellschaft, auch in der internationalen Perspektive. So versteht Dorothee Sölle z.B. Befreiungstheologie in Deutschland bzw. Europa als eine Theologie des Widerstandes gegen Rüstungsindustrie und Atomtechnologie als Beispiele "menschenverachtender Technologien" (vgl. Sölle 1971).

In dieser Zeit erstarkender sozialer Bewegungen sind die Christen und Christinnen, Theologinnen und Theologen bei Blockaden vor Atomwaffenlagern, an der Startbahn West oder vor den Toren der Atomkraftwerke zu finden ( Orth 1983; Sölle/ Steffensky 1983). Das Subjekt einer verändernden christlichen Praxis wird in diesen gewaltfreien sozialen Bewegungen gesehen, die auch auf internationaler Ebene praktische Solidarität mit den Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt, im Süden z.B. mit den Antiapartheidsbewegungen in Südafrika üben. In diesem politischen Diskurs hatten Theologinnen und Theologen - man mag es heutzutage kaum noch glauben - eine Stimme, auf die gehört wurde.

Dorothee Sölle, Heinrich Albertz, Helmut Gollwitzer und andere waren in der Öffentlichkeit bekannt wie heutzutage vielleicht Eugen Drewermann. Die evangelischen Akademien waren Orte, an denen die gesellschaftlich relevanten Auseinandersetzungen öffentlich wurden; auch die Studentengemeinden wollten Theologie mit Politik und kritischem Bewußtsein zusammenbringen. Überhaupt wurde nach dem sozialen Ort von Theologie gefragt.

Es entstanden neue Formen von Gemeinden, die sich stärker mit den Alltagsproblemen von Menschen im Stadtteil beschäftigten oder gezielt auf gesellschaftliche Randgruppen zugingen. Da gab es auf einmal die Ladenkirche (Lange), man hörte von Clochard-Gemeinden, Gemeinden der Beatniks und der Fernfahrer (vgl. Hollenweger 1971). Es entstand eine Theologie aus der Situation, die aus konkreten Fragen und konkreten gesellschaftlichen Problemen entstand und ihr Subjekt in den Laien sah, die sich in den sozialen Bewegungen engagierten und dieses Engagement vor dem Hintergrund ihres Glaubens auslegten, formulierten und in vielfältigen Gestalten einer "politischen Spiritualität" (Steffensky) inszenierten.

Diese Theologie wurde explizt mit dem Anspruch formuliert, eine Befreiungstheologie im Kontext der ersten Welt zu sein: "Befreiungstheologie entsteht dort, wo Christen und Christinnen am Widerstand gegen den Götzen teilnehmen, vor den Zäunen der Raketenlager, bei den Gesprächen über blutige Apfelsinen aus Südafrika in Gemüsegeschäften. Wir müssen hier darum kämpfen, daß der Krieg der reichen Länder gegen die Freiheit der dritten Welt, der längst geführt wird, nicht verschärft, sondern als Krieg erkannt, geächtet und beendet wird." (L. Schottroff/ W. Schottroff 1986, 8)

2. Der erste namhafte Entwurf einer befreienden kontextuellen Theologie in Westeuropa ist die Feministische Theologie

Ein wichtiger Teil dieser sozialen Bewegungen war die Frauenbewegung, die Ende der 60er Jahre zum Bewußtsein über die gesellschaftliche Benachteiligung von Frauen beitrug. Die Feministische Theologie sieht viele Gemeinsamkeiten mit der lateinamerikanischen Befreiungstheologie. Sie nimmt darum auch methodisch und theologisch bewußt Anleihen (vgl. Schaumberger 1991:19). Feministische Theologie geht von der Glaubenserfahrung und der sozialen Situation der Frauen aus.

Damit entwirft sie sich bewußt als kontextuelle Theologie, die im Rahmen bestehender Unterdrückungsverhältnisse die Unterdrückung von Frauen in einer patriarchalisch strukturierten Kirche und Gesellschaft thematisiert und zu überwinden versucht. Der Subjektwechsel, den die Feministische Theologie vornimmt, besteht darin, "den persönlichen, historischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Zusammenhang wahr- und ernstzunehmen, von dem aus feministische Theologie betrieben wird: als Frau in einer vom jahrtausendelangen Patriarchat geprägten Gesellschaft und in einer Kirche, die eben diese Herrschaft der Männer weithin als gottgewollt legitimierte und dadurch ihrerseits noch einmal verfestigte" (Voß-Goldstein 1988:47).

Von daher bezieht sich Feministische Theologie zwar primär auf die Widerstands- und Befreiungskämpfe von Frauen, sie beschränkt sich aber nicht allein auf die "etablierten Orte und Strukturen theologischer Theorie und Praxis" (Schaumberger 1991:17). Der in der Feministischen Theologie vorgenommene Standort- und Perspektivenwechsel führt daher dazu, Bibel, Tradition und Gegenwart mit "weiblichen Augen" zu lesen und für die Erfahrungen von Frauen eine adäquate Sprache zu finden.

Ihre Themen sind eine feministische Hermeneutik (Schüssler-Fiorenza 1988), die ihre Aufmerksamkeit in besonderer Weise auf die Frauengestalten in der Bibel und in der Tradition legt oder diese aus Frauenperspektive liest. Sie versucht, die Vielfalt des biblischen Gottesbildes zu rekonstruieren, die durch eine dominant patriarchale Theologie verdeckt wurde; sie sucht nach einer frauengerechten Sprache in der Liturgie und insgesamt nach einer weiblichen Spiritualität, die die männlichen Dualismen zu überwinden vermag.

Feministischer Theologie geht es um den Aufbau einer geschwisterlichen Kirche, um den Abbau geschlechtsspezifischer Verteilungen von Macht und Ohnmacht wie um den Abbau von hierarchischen Strukturen insgesamt. Mit den unterschiedlichen sozialen und religiösen Kontexten von Frauen und den damit verbundenen unterschiedlichen Erfahrungen hängt zusammen, daß die Rede von der Feministischen Theologie im Grunde eine unzulässige Verallgemeinerung ist. In dem Maße, in dem sich die Feministische Theologie als Teil der ökumenischen Bewegung begreift, wird deutlich, daß es zwischen befreiungstheologisch orientierten Theologinnen Unterschiede gibt, die auch mit den Differenzen zwischen reichen und armen Ländern und mit kulturellen bzw. ethnischen Unterschieden zusammenhängen.

Als eine wesentliche Aufgabe wird deshalb gefordert, die Pluralität der Kontexte auch in feministisch-theologischer Rede sichtbar werden zu lassen. Es soll deutlich werden, was in den jeweiligen Ausarbeitungen berücksichtigt und was ausgeblendet bleibt. Besonders die Feministische Theologie der Ersten Welt hat diese kontextuellen Faktoren gerade mit Blick auf verdeckt wirksamen Dominanzen im Verhältnis zu den Frauen in der Dritten Welt zu bedenken: "Für die Analyse eines derartig definierten Kontextes ist das Konzept von Patriarchat weiterführend, das Elisabeth Schüssler Fiorenza vorgeschlagen hat. Sie unterscheidet in der patriarchalen Ordnung Sexismus, Rassismus, Klassenherrschaft, Imperialismus, Militarismus usw. als strukturelle Stützen, die sich gegenseitig bedingen und verstärken, und den Androzentrismus als ein Wahrnehmungsmuster, das die Unterdrückung von Frauen und die Wirksamkeit von Frauen ausblendet. Dieses Konzept macht es möglich, die unterschiedlichen Formen der Unterdrückung nicht gegeneinander auszuspielen, sondern ihr strukturelles Zusammenwirken und die Verstrickung und Benachteiligung von Frauen in diesem Unterdrückungszusammenhang in den Blick zu nehmen." (Schaumberger 1991:21)

"Befreiung hat viele Farben"- es ist wichtig, auf die Unterschiedlichkeit der Kontexte und Erfahrungen von Frauen hinzuweisen, sie vor dem Hintergrund des Differenzbegriffes theologisch und pädagogisch zu reflektieren (vgl. Pithan 1995), vor allem aber auch verschiedene Befreiungserfahrungen, Geschichten, Gebete und Lieder immer wieder in authentischer Gestalt zu Gehör und in ein Gespräch miteinander zu bringen- so wie dies z.B. in dem von B. Fünfsinn/ L.C. Hoch und C. Rösener 1996 herausgegebenen Band "Töchter der Sonne. Unterwegs zu einer feministischen Befreiungstheologie in Lateinamerika" geschehen ist.

Die Diskussion um die geschlechtsspezifische Differenzthese ist -mit einiger Verspätung- auch in der Religionspädagogik angekommen. Ähnlich wie in der feministischen Theologie wird durch die Entlarvung der Androzentrik in der Religionspädagogik der Blick auf ein umfangreiches und komplexes Aufgabenfeld freigelegt (vgl. Pissarek-Hudelist 1990). Da wird nach Geschlechterstereotypen im Religionsbuch gefragt, unterrichtliche Interaktion wird geschlechtsrollenkritisch unterssucht, feministisch orientierte Unterrichtsentwürfe werden geschrieben und vereinzelt werden feministische Inhalte und Perspektiven auch in Lehrplänen verankert. Aber auch die historische Dimension wird beachtet, so zum Beispiel in dem Vorhaben, in der vorwiegend mit Männern bevölkerten Geschichte der Religionspädagogik die Religionspädagoginnen aufzuspüren und dabei zu lernen, daß ihr Beitrag zum pädagogisch-theologischen Denken ein zum Teil sehr erheblicher gewesen ist (vgl. Pithan 1997).

Insgesamt ist aber - wie Annabelle Pithan zusammenfassend feststellt - die Diskussion über Differenz in der feministisch orientierten Religionspädagogik jenseits männlich dominierter Diskurse zu führen. Es gilt dabei, die Vielfalt innerhalb weiblicher Lebenszusammenhänge aufzuspüren und zu reflektieren im Bewußtsein, daß jene Differenz zu überwinden sei, die durch Herrschaft bedingt ist (vgl. Pithan 1995, 100f.)

3. Neue Schubkraft erhält die Befreiungstheologie in Europa durch den konziliaren Prozeß für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.

Der konziliare Prozeß ging aus einer Phase hervor, in der die anläßlich der NATO-Aufrüstung wiederbelebte Friedensbewegung ihren Höhepunkt schon wieder überschritten zu haben schien. Eingeleitet wurde er durch den Beschluß der 6. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Vancouver 1983. Hier wurde ein entschiedenes Aufstehen gegen Ungerechtigkeit, Krieg und Ausplünderung der Ressurcen dieser Erde verlangt, das sich auf allen Ebenen des Handelns von Christen und Christinnen niederschlagen müsse (vgl. Müller- Rönheld 1983).

So entwickelte sich die Idee eines auf Dauer gestellten Diskussions- und Aktionsprozeß über Frieden, Fragen weltweiter Gerechtigkeit und der Bewahrung der Umwelt. Die Ökumene als ein Forum, auf dem die Erfahrung von Christen und Christinnen aus aller Welt, vor allem aber aus jenen Regionen der Welt, die die Auswirkungen von Ungerechtigkeit, Krieg und Zerstörung der Umwelt am stärksten zu spüren bekamen, konnte da die geeignete Plattform sein. Der konziliare Prozeß bündelt dieses neue sozialethische Bewußtsein und zeigt die Bereitschaft der Kirchen des Nordens, Fragen der Gerechtigkeit, des Friedens und der Bewahrung der Umwelt als die wesentliche Herausforderung des Glaubens zu betrachten.

Die Forderung nach einer europäischen Befreiungstheologie wurde stärker (vgl. Girardi 1983; Zulehner 1984, Greinacher 1986). Sie bekam im Zusammenhang der ökumenischen Dialoge einen neuen Impuls. Ein Ausdruck von Befreiungstheologie ist der konziliare Prozeß deshalb, weil er sich durch das aktive Eingreifen und die aktive Mitsprache von Laien und Basisbewegungen entwickelt.

Innerhalb dieses Prozesses ist ein weites Netzwerk an Initiativen entstanden. Vor allem die Basisbewegungen machen sich zu Anwälten der Unterdrückten. Sie erarbeiteten in Initiativen und ökumenischen Versammlungen konsequent eine Theologie von unten (vgl. Bundesmanifest der Basisbewegung 1986), die ihre Spuren in der Stuttgarter Erklärung zum konziliaren Prozeß von 1988 hinterlassen hat, aber auch zu zahlreichen Vorschlägen im Hinblick auf eine Friedens-und Umwelterziehung führte. Nach dem Modell des israelischen Stammesbundes entstanden überall in der ökumenischen Bewegung sogenannte Bundesschlüsse, also Gemeinschaften, die aus den Zusagen des Gottes der Gerechtigkeit und des Friedens Kraft und Perspektiven für den Kampf gegen Gewalt und Armut finden.

Ein Beispiel für ein solches Netzwerk von Basisgruppen ist das sogenannte "Kairos Europa", das im Geiste der Option für die Armen mit befreiungspädagogischer Methode Fallstudien zur Situation von Menschen "am Rande" Europas erstellt. Im Jahr der Erinnerung an Kolonialismus und Widerstand in Lateinamerika wurde 1992 ein "Europa-Parlament von unten" aus der Taufe gehoben mit dem Ziel, den Stimmen der Armen Gehör zu verleihen (vgl. Duchrow 1992).

Was in Vancouver begann, auf dem Düsseldorfer Kirchentag 1985 aufgenommen und gestärkt, über verschiedene ökumenische Versammlungen in Stuttgart, Dresden, Basel, Seoul diskutiert und verbreitet wurde, hat in den 80er Jahren mit Sicherheit das Bewußtsein gestärkt, Teil einer großen Lerngemeinschaft Weltkirche zu sein (vgl. Piepel 1993). Auf der anderen Seite war der konziliare Prozeß aber auch vehementer Kritik ausgesetzt, stand die geforderte konziliare Theologie doch unter dem Verdacht, mit der Friedensthematik ein in erster Linie europäisches Thema auf die Tagesordnung zu stellen. So hatten sich im Vorfeld der Weltversammlung des konziliaren Prozesses 1990 in Seoul auf verschiedenen Treffen in Lateinamerika, Indien und Afrika Theologinnen und Theologen vor allem mit der Überwindung ungerechter wirtschaflicher Strukturen befaßt.

Die Theologen der Dritten Welt klagten ein, die Frage nach Gerechtigkeit der Friedensfrage überzuordnen. Es müsse mit der Option für die Armen ernstgemacht werden, und daher könne eine Befreiungstheologie im europäischen Kontext nur mit dem Thema der Armut in der Ersten und der Dritten Welt beginnen. Hier zeigte sich eine wichtige Konfliktlinie innerhalb einer konziliaren Theologie der Befreiung, die den interkulturellen und ökumenischen Dialog ernst nimmt. Sie darf in ihrem legitimen Bemühen um die Übertragung befreiungstheologischer Anliegen in die eigenen Kontexte, in der Suche nach den eigenen Subjekten und eigenen Orten befreiender Theologie nicht die Anfragen verlieren, die sich aus der Perspektive des Süden an die eigene Theologie richten. Dies hieße unter anderem auch diese Anfragen als Herausforderung für den eigenen Lebensstil und die eigene Spiritualität zu verstehen.

Das Thema von Herrschaft und Befreiung erhält im Kontext der Ersten Welt einen stärkeren Akzent im Hinblick auf eine Ethik der Selbstbeschränkung, in dem der "Imperativ des technischen Zeitalters, nach dem der Mensch alles tun soll, was er tun kann" (Huber 1987, 65) zu beenden sei. Befreiungstheologie in der Dritten und in der Ersten Welt setzen unterschiedlich an, sie bilden aber einen untrennbaren sachlichen Zusammenhang. Der schwedische Theologe Per Frostin (1988) hat unter dem Stichwort "Umkehr in der Metropole" die Krise der metropolitanen kapitalistischen Gesellschaften scharfsinnig als Krise analysiert, die bis in die psychischen Dispositionen der Individuen durchgreift und sie zusehends unfähig macht, eine Identität aufzubauen, die sich aus gelingenden mitmenschlichen Beziehungen und aus einem reichen inneren, spirituellen Leben speist.

Das sich in den westlichen Gesellschaften durchsetzende Prinzip des homo öconomicus, das auf Steigerungsprozesse in allen Dimensionen zielt, bestimmt sämtliche Lebensäußerungen der Individuen und entfremdet sie zunehmend von sich selbst und den Mitmenschen. Angesichts dieser Krise in der kapitalistischen Gefangenschaft kann die Suche nach einer neuen wirtschaftlichen Ordnung der Welt nur im Interesse der Menschen sein, die in wirtschaftlicher Hinsicht noch von ihr profitieren. Die Armen eröffnen den Menschen in der Ersten Welt eine neue Sicht der Wirklichkeit- die Umkehr in der Metropole ist eigentlich eine Rückkehr in die Wirklichkeit: Die Suche nach Frieden und Gerechtigkeit in einem weltweiten Horizont ist ein unteilbares Anliegen aller Christen und Christinnen.

4. Die Befreiungstheologie findet ihren Niederschlag in Ansätzen entwicklungsbezogenen, ökumenischen und problemorientierten Lernens

Der konziliare Prozeß und das mit ihm verbundene Anliegen eines "ökumenischen und entwicklungsbezogenen Lernens" ist auch von der Religionspädagogik aufgenommen worden (vgl. die kommentierte Literaturdokumentation von G. Orth 1994). Hier sollte es darum gehen, die Dritte Welt in die Schule und in die Gemeinde zu holen und in projektbezogener Weise unsere hiesigen Verhältnisse im Spiegel der Probleme der Dritten Welt zu betrachten.

Angestoßen wurde die Diskussion um "ökumenisches Lernen" durch eine von der EKD-Kammer für Erziehung und Bildung 1985 herausgegebenen Arbeitshilfe. Hier wurden wesentliche Merkmale, Arbeits-und Erfahrungsfelder des ökumenischen Lernverständnisses entfaltet und an praktischen Beispielen erläutert. Konstitutiv für das Konzept ökumenischen Lernens ist seine ethische Ausrichtung: es ist der praktischen und erfahrungsorientierten Bearbeitung von Problemen verpflichtet, die sich in den unterschiedlichen Kontexten im Zusammenhang mit den Themen des konziliaren Prozesses stellen. Der ökumenische Lernprozeß kann als "Lernbewegung von unten" begriffen werden. Er setzt an den Lebenswelten und den Erfahrungszusammenhängen der Beteiligten an, versucht die Strukturen des alltäglichen Lebens in einen partizipatorischen Lernprozeß einzubinden und mit globalen, ökumenischen Deuteperspektiven zu verknüpfen (vgl. Koerrenz 1994; Goßmann/ Pithan/ Schreiner 1995).

Viele Ideen, Bücher und Unterrichtsmaterialien sind aus der Ersten in die Dritte Welt gewandert. Noch zu selten kommen Texte, Erfahrungen, Dokumente zu uns. Eine von bislang noch zu wenigen schönen Ausnahmen bildet ein von peruanischen Bauern geschriebener befreiungstheologischer und befreiungspädagogischer "Katechismus" aus der Andenprovinz Cajamarca: Vamos Caminando erzählt vom Leben, Hoffen, Glauben und vom Kampf dieser campesinos. Er gibt ein erfahrungssattes Lehrstück der Befreiung mit Lektionen über das mühsame Leben in den Anden, berichtet in bildhaften Codierungen von Schlüsselthemen des Alltags, von Erfolgen und Mißerfolgen der Menschen und zeigt, wie sie ihre Lebenserfahrungen auf dem Hintergrund von biblischen Texten lesen, singen und beten. Es sind einfache, aber existenzielle Fragen, über die hier gesprochen wird: warum haben wir Hunger? Warum leiden wir unter der Armut und Gewalt? Was können wir dagegen tun? Vamos Caminando zeigt auch, wie wichtig es ist, dieses einfache Fragen zu lernen.

In diesem Zusammenhang sind auch die von Misereor herausgegebenen Hungertücher zu nennen: Die Hungertücher können als ein handgreifliches und bildhaftes Medium eines befreiungstheologischen Ansatzes gelesen werden: Sie versuchen ein ungeschminktes Bild der Einen Welt zu geben, die Verflechtung des Elends der Dritten mit dem Reichtum der Ersten Welten zu verdeutlichen. Die Bilder kennzeichnet eine klare Parteilichkeit für die Unterdrückten, Ausgegrenzten und Bedrängten, sie enthalten eine eindeutige Option für die Armen. In Hungertüchern wird Theologie getrieben, sie sind so etwas wie Predigten für das Auge. Es handelt sich jedoch weniger um eine "Expertentheologie", die von einzelnen vorgedacht und volksnah bebildert wird, sondern (wie am peruanischen Hungertuch am deutlichsten) in ihnen sind Laientheologien enthalten, die in Basisgemeinden erarbeitet wurden.

Misereor hat den alten Brauch des Hungertuchs (der in einigen Gegenden Deutschlands immer noch gepflegt wird) wieder aufgegriffen und 1976 das erste Tuch malen lassen. Seitdem werden alle zwei Jahre neue Hungertücher herausgegeben. Einen besonderen Akzent erhalten die Misereor-Hungertücher dadurch, daß sie aus den verschiedenen Kulturkreisen der Welt die Botschaft des Glaubens auslegen und neu erschließen. Bisher sind entstanden: zwei indische Hungertücher, ein äthiopisches, ein haitianisches, ein peruanisches, je eines aus Kamerun, aus Brasilien und aus Südafrika.

Vor allem die kirchlichen Hilfswerke wie z.B. Kindernothilfe, Misereor, terre des hommes und Brot für die Welt haben die Herausgabe von entwicklungsbezogenen Materialien für Schule und Gemeinde professionell organisiert und produzieren eine Vielzahl von Materialien sehr unterschiedlicher Qualität, über die sie in dicken bebilderten Verkaufskatalogen verbrauchernah informieren. Aber auch projektbezogene Arbeitskreise tun sich mit der Produktion von schulnahen Materialien hervor: Einen Schwerpunkt heben zum Beispiel die Unterrichtseinheiten und Materialien des "Arbeitskreises Grundschule hervor (z.B. Dritte Welt in der Grundschule 1987).

Es sei allerdings gesagt, daß diese Ansätze eines befreienden ökumenischen und interkulturellen Lernens in der allgemeinen Religionspädagogik eher ein Schattendasein führen. Die Religionspädagogik läßt sich in ihrem Selbstverständnis (noch) nicht von der befreiungstheologischen Option für die Armen zentral betreffen. Diese These muß auch im Hinblick auf die siebziger Jahre aufgestellt werden, als in der Hochphase des sogenannten problemorientierten Religionsunterrichts zwar unter der Leitkategorie Emanzipation die Aufnahme gesellschaftsrelevanter und gesellschaftsverändernder Inhalte und ihre Verbindung mit der Tradition diskutiert wurde, die befreiungstheologischen und befreiungspädagogischen Diskurse insgesamt aber zu wenig zur Kenntnis genommen wurden: die "Armen" sind in der Religionspädagogik bislang vernachlässigt worden (vgl. auch Mette / Steinkamp 1997).

5. In den neunziger Jahren befindet sich die Theologie auf dem Weg zu einer interkulturellen und interreligiösen Perspektive

Was kann nun vor diesem Hintergrund als Aufgabe und Perspektive einer künftigen europäischen Befreiungstheologie gelten? In den neunziger Jahren wächst das Bewußtsein, Theologie künftig nur in interkultureller Aufmerksamkeit für die jeweils besonderen Kontexte und Anliegen betrieben werden kann (vgl. Arens 1994). In der bisherigen Diskussion wurde deutlich, daß das generelle Anliegen von Befreiung in verschiedenen Kontexten, Sprachen und Lebensformen inkulturiert ist und vielfältige Theologien der Befreiung hervorgebracht hat. Die Rede von den Subjekten der Befreiung ist differenzierter geworden; die Armen haben viele und vielfältige Gesichter.

Vor dem Hintergrund dieser wichtigen hermeneutischen Verschiebung im Diskurs der Befreiungstheologie tritt auf der Suche nach einer interkulturellen Theologie der Terminus "Option für die Armen" neben "Option für den Anderen". Es soll ausgedrückt werden, daß der ökonomische Aspekt von Unterdrückung ein Merkmal in einer Reihe von mehreren auch ethnisch, kulturell, geschlechtsspezifisch bestimmten Unterdrückungsformen ist. Auf dieser Linie einer interkulturellen Theologie wird es auch weiterhin notwendig sein, den nach wie vor vorhandenen Hegemonieanspruch einer sich universalistisch gerierenden, letztlich aber eurozentrisch bleibenden Theologie aufzubrechen, um die Perspektive eines -wie Johann Baptist Metz es nennt- "polyzentrischen Christentums" freizulegen, das die verschiedenen kontextuellen Gesichter von Theologie und Glauben sichtbar werden läßt und zu ihrer Anerkennung verhilft (vgl. Metz 1988).

Eine interkulturell dimensionierte befreiende Theologie ist ein Prozeß, der sich der Möglichkeit tiefgreifender interkultureller Konflikte bewußt bleiben muß. Dieser Hinweis wird immer wieder von Theologen aus der Dritten Welt gemacht:

Als Beispiel sei hier nur die von Theologen aus Südafrika, Namibia, Guatemala, El Salvador, Nicaragua, den Philippinen und Südkorea erstellte Studie "Der Weg nach Damaskus. Kairos und Bekehrung" genannt, die das Verhältnis von Nord und Süd als Ausdruck eines fundamentalen interkulturellen Konflikts begreifen. Fundamental deshalb, weil sie auf eine umfassende gesellschaftliche Transformation ausgerichtet seien und alle Lebensbezüge umgreifen (vgl. Kamphausen 1995:63) Eine interkulturelle Theologie hätte demnach diese Konfliktpotentiale wahrzunehmen, um nicht in einen realitätsfernen harmonisierenden Jargon von Einheit, Partnerschaft und gemeinsamem Teilen zu verfallen. Kamphausen verdeutlicht dabei, daß sich die interkulturellen Konflikte einerseits mit Notwendigkeit aus den Emanzipationsprozessen von Christen aus der Dritten Welt ergäben und andererseits auf Seiten westeuropäischer Theologie zu einer Wahrnehmung und Annahme des gewalttätigen Erbes, das sie in den interkulturellen Dialogen vertritt, führen muß. Dies alles bedeute eine schmerzhafte Revision westeuropäischer Theologie nach Inhalt, Form und Methode, von der man aber im ganzen noch weit entfernt sei.

Das "polyzentrische Christentum" ist allerdings der noch auf die christliche Ökumene bezogene Horizont einer befreienden Theologie. In den letzten Jahren zeichnen sich jedoch auf lokaler und auf globaler Ebene Versuche ab, im Blick auf das Thema der Befreiung auch im Verhältnis zwischen den Religionen Übereinstimmungen zu suchen (vgl. Knitter 1991). Somit bleibt für Theologien und die Kirchen zu hoffen, daß mit der Perspektive eines befreienden Dialogs zwischen den Religionen ein neues Kapitel in der Geschichte der Theologie der Befreiung aufgeschlagen werden kann.

Gefordert ist eine in diesem Sinne ökumenische Befreiungstheologie, die sich gleichsam "von unten" in der Weise einer Bildung alternativer, nicht-hierarchischer Gemeinschaften aufbaut. Diese Theologie ist kommunikativ und egalitär von Anfang an; sie hat ein politisches und diakonisches Handeln zum Ziel, in dem Menschen sich lernen einzumischen und dabei verwickelt werden in einen widersprüchlichen weltgesellschaftlichen Zusammenhang. Diese Form eines Handelns, das im Kontakt mit den Marginalisierten und Ausgeschlossenen aufgebaut wird, ist in einer Zeit sich verschärfender sozialer Widersprüche mit ihren sozialen und psychischen Folgen notwendig. Es gibt viele Situationen, die nach Befreiung schreien, aber zu selten kommen in diesen Situationen auch Befreiungsprozesse in Gang. Sich auf die Initiierung solcher Prozesse der gemeinsamen Bewußtseinsbildung und gemeinsamen solidarischen Handelns zu konzentrieren- ihre Voraussetzungen und Verläufe zu beschreiben und zu begleiten, ist bislang kaum als Aufgabe Praktischer Theologie betrachtet worden. Dabei könnte die Beachtung dieser methodischen Seite von Befreiungstheologie die gegenwärtige Perspektiv-und Ideenlosigkeit einer sich als praktisch verstehenden Theologie überwinden helfen.

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Esteban Rojas

Die Zukunft der Befreiungstheologie in Lateinamerika

Martyrium als Alltag und Realität

Die gesellschaftlichen Veränderungen und die pastorale Praxis in Lateinamerika haben eine Theologie und Methodologie nötig gemacht, die einerseits die Offenbarung mit Handeln verbindet, und andererseits auch ein Nachdenken über Glauben und Nächstenliebe erfordert. Deshalb entstand und entsteht dort - ausgehend vom Leben und von der Basis - ein neues Kirchenmodell (Marins 1977, S.469). Möglicherweise ist die Zukunft der Befreiungstheologie im einundzwanzigsten Jahrhundert noch anregender und spannender, als es ihre Vergangenheit gewesen ist. Die Länder des Ostens haben einen neuen Weg eingeschlagen, die Konfrontation zwischen den Großmächten ist verschwunden, die Macht konzentriert sich nunmehr bei einer einzigen. Wer aber wird die Verantwortung für die Verteidigung der Armen in einer Gesellschaft übernehmen, die nach Konsum und schnellem Geld strebt, die Egoismus und den funktionalen Ge- und Mißbrauch des Nächsten kennzeichnet, und die vor allem nach Profit giert?

Für die Kritiker der Befreiungstheologie bedeutet der Fall der Berliner Mauer auch, daß die vor mehr als fünfundzwanzig Jahren in Lateinamerika entstandene theologische Richtung an Bedeutung verliert. Die Kritiker meinen, daß die Befreiungstheologie, weil sie die marxistische Theorie in ihrer Gesellschaftsanalyse berücksichtigt und eine sozialistische Gesellschaft als utopischen Horizont der Befreiung sieht, derart ideologisiert sei, daß das Scheitern des Sozialismus in Osteuropa ihr jegliche Legitimation als einem Zeichen der Hoffnung für die Armen entzogen habe. Das Scheitern des Ostens fällt mehr oder weniger mit dem Entstehen der sogenannten "’Vierten Welt’", mit massiven und unaufhaltsamen Migrationsphänomenen und mit steigender Arbeitslosigkeit zusammen.

Die Befreiungstheologie strebt jedoch den Fall jener Mauer an, die den Norden vom Süden trennt. Das Charakteristische der Befreiungstheologie ist weniger ihre kritische Analyse der kapitalistischen Gesellschaft oder die Betonung gewisser gesellschaftlicher Errungenschaften sozialistischer Länder. Ihre Besonderheit besteht in ihrer Methode: Eine religiöse Reflexion, die von den Armen ausgeht und diese als historische Subjekte und christlichen Bezugspunkt schlechthin ansieht.

Wenn von Lateinamerika gesprochen wird, muß die Komplexität sehr unterschiedlicher Situationen berücksichtigt werden. Dennoch gibt es gemeinsame, christliche, gesellschaftliche und kulturelle Ursprünge. Betrachtet man diese zusammen mit der politischen Geschichte und der aktuellen Situation, so zeigen sich deutlich gemeinsame Hauptlinien und in einem gemeinsamen Schicksal zusammenlaufende Perspektiven. Gerade aus dem Schoß der Kirche kommt in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts der größte Anstoß für die Annäherung all dieser Völker.

Für den spanischen Theologen Juan José Tamayo (1994) ist die Befreiungstheologie der wichtigste Beitrag der lateinamerikanischen Kirche für die Entwicklung der Weltkirche. Die Befreiungstheologie ist eine der bedeutendsten theologischen Bewegungen in der Geschichte des Christentums. In ihr hört man von neuem den Schrei der Armen, die zwei Drittel der Menschheit ausmachen, die nach Befreiung verlangen und die mit derselben Kraft dafür kämpfen, wie zur Zeit des Auszugs aus Ägypten. In ihr fühlt man wieder die Gegenwart Gottes als Befreier in der Geschichte (Ex 3,7-8).

Gerade in der geschichtlichen Entwicklung erscheint die Sünde als radikaler Bruch zwischen dem Projekt des Menschen und dem Vorhaben Gottes, der den Menschen ganz erlösen will. Der vom Wort der Bibel erhellte christliche Glaube entdeckt in der Menschheitsgeschichte die Gegenwart eines transzendentalen Vorhabens Gottes, das in den Lauf selbst des menschlichen Werdens eingeschrieben ist. Es ist dies eben jene Erfahrung, die das Volk Israel gemacht hat. Die Befreiung ist eine fundamentale Kategorie in der Heilsgeschichte.

Die Sorge um Freiheit und Befreiung sind schon im zweiten Vatikanischen Konzil geäußert worden. In Medellín gewinnt eine umfassendere Entwicklung der Befreiungsreflexion an Kraft (Olivera Delgadillo 1993, S.70). In den Jahren zwischen Medellín und Puebla war ‘Befreiung’ ein Schlüsselbegriff in der Erfahrung des lateinamerikanischen Volkes. "Mit ihm wurde ein Bruch auf wirtschaftlicher und politischer Ebene mit reformistischen Vermittlungsversuchen ausgedrückt" (Puebla 30, S.1260). Doch der Begriff ‘Befreiung’ bedeutete auf theologischer Ebene auch eine Anstrengung, die Wurzel der herrschenden sozialen Ungerechtigkeit zu finden, und unter den gegenwärtigen historischen Bedingungen zu einem Verständnis des Begriffs ‘Erlösung’ als freier Gabe Gottes zu gelangen" (Gutiérrez 1979, S.37)

Die Befreiungstheologie ist in weiten Kreisen von Gesellschaft, Politik und Intellektuellen auf große Resonanz gestoßen, auch bei vielen, die vor dem Erscheinen der Befreiungstheologie der theologischen Welt nicht nur fremd und gleichgültig gegenüberstanden, sondern sogar eine strikt ablehnende Haltung ihr gegenüber einnahmen. Die Auswirkungen der Befreiungstheologie waren um so größer, solange viele Christen ihre theologische Reflexion im Martyrium verwirklichen mußten. Das Martyrium ist in Lateinamerika - anders als in Europa - keine abseitige, unwichtige oder ungewöhnliche Erscheinung, sondern eine Realität des Alltags, die das Leben der Armen und derer zerstört, die sich für sie einsetzen; ein Martyrium, das eine unermeßliche menschliche und theologische Dimension hat. Dieses Martyrium zeigt einerseits die Gewalttätigkeit und Unmenschlichkeit des Systems, andererseits aber auch die befreiende Lebenskraft des christlichen Glaubens.

Medellín (1968)

Das Thema Befreiung beherrschte in seiner ganzen Breite die Konferenzen von Medellín und Puebla, und dies in einer Weise, daß es auf dem Kontinent zur Ausarbeitung eines Befreiungsparadigmas führte. In der Konferenz von Medellín 1968 treffen sich die beiden grundlegenden historischen Entwicklungen der sechziger Jahre: Einerseits die tiefgreifenden Veränderungen in der Hierarchie der Weltkirche und der lateinamerikanischen Kirche, und auf der anderen Seite die aus den christlichen Basisgemeinden entstandene "christliche Bewegung" (Richard 1982, S.49) Die Jahre von 1965 bis 1968 sind für Lateinamerika von entscheidender Bedeutung für die Suche nach einer Theologie, die der Realität von Abhängigkeit und Ausbeutung angemessen ist. "Es gibt eine neue Gegenwart Gottes auf unserem Kontinent, der aus der Tiefe des Elends ein Bewußtsein seiner Mission und seiner Werte erlangt und versucht, sich völlig zu befreien" (Medellín 1968, S.105). Da die Lage der Armen strukturelle Ursachen hat, muß auch ihre Befreiung durch eine Änderung jener gesellschaftlichen Strukturen kommen, die es ihnen verwehren, zu wachsen und Subjekte ihrer Geschichte zu werden. Ein Großteil der lateinamerikanischen Kirche gibt Zeugnis des Vertrauens in den einzig wahren Gott. Es gibt keine Pakte mit anderen Götzen, und deshalb sagt sich die Befreiungskirche von den Unterdrückern los.

Der Ausdruck "Befreiung" kann in drei Bedeutungen gebraucht werden: Befreiung bedeutet zunächst eine neue Art, die Dinge ausgehend vom Glauben und von der Identifikation der Kirche mit der Lage der Armen zu betrachten (Option für die Armen). Zweitens ist Befreiung eine Art der Reflexion und bezieht sich auf die Befreiungstheologie. Drittens bedeutet Befreiung - was das Handeln angeht - eine pastorale Befreiung (kirchliche Basisgemeinden), das heißt das historische Handeln einer Kirche, die versucht, ihre Mission zu erfüllen, indem sie die arme Mehrheit des Volkes als Akteur ihrer eigenen Befreiung bevorzugt (Puebla 1979, S.62f).

Die Option für die Armen

Die skandalöse Verelendung, in der Millionen von Lateinamerikanern leben (Medellín 1968, S.1), war der Anstoß, der die ‘Befreiungstheologen’ sensibilisierte; ebenso die biblische Gewißheit, daß diese Situation nicht von Gott gewollt sein kann. Angesichts dieser Situation ergab sich folgende Frage: Was sagt uns die ‘Bibel’ bezüglich der Armut und der Armen? Die Lage von Gesellschaft und Kirche in Lateinamerika bot einen besonderen Kontext für die Gotteserfahrung, die in das Leben des Christen im Inneren der Kirche hereinbrach, in diesem vom Schrei der Armen erfüllten historisch-sozialen Moment (vgl. Medellín 1968, S.2).

Die Option für die Armen wird von vielen, die nicht in Bedürftigkeit und Unterdrückung geboren sind, unter Verzicht auf viele Vorteile ihrer privilegierten Situation angenommen, um sich besser mit den Armen solidarisieren zu können. Armut als Solidarität und Protest (Medellín 1968, S.4-7) ist Bedingung für einen realistischeren Dienst von der armen Basis aus; ebenso ist sie prophetisches Zeichen der christlichen Gemeinschaft, die den individuellen und kollektiven Egoismus sowie den Egoismus von Gruppen oder gesellschaftlichen Klassen in Frage stellt (Molina 1982, S.17). Das Thema Kultur wird als eng mit der Gerechtigkeit verbunden betrachtet. Deshalb bringt die Befreiung der Armen eine neue Solidaritätskultur mit sich.

Ein klares Ziel der Befreiungstheologie ist es, die Kirche auf dem Weg weiterzubringen, der zur Befreiung führt von dem, was Macht, Prestige und Ausbeutung des Menschen durch den Menschen bedeutet. "Der Traum der Kirche der Armen kann nicht der einer reichen Überflußgesellschaft sein, sondern nur der Traum von einer menschlichen und brüderlichen Gesellschaft, in der die materielle Entwicklung nur die notwendige (und immer unzureichende) Bedingung einer ganzheitlichen Entwicklung ist. Dieser Glaube war die große Lehre Pauls des VI. in Populorum progressio: nicht das Streben nach Haben, sondern nach Sein, das Streben nach Haben nur in Abhängigkeit vom Sein" (Pixley/ Boff 1988, S.180).

Medellín spricht von Christus mit dem Begriff der Befreiung: dies ist etwas völlig Neues. Christus wird als fähig angesehen, von den verschiedensten Unterdrückungen zu befreien, unter denen die Armen des Kontinents leiden, dieser Befreiung eine Richtung zu geben und die Gläubigen zu ermutigen, aktive Subjekte der Befreiung zu werden. Der lateinamerikanische Befreiungstheologe Jon Sobrino schreibt dazu: "Das neue Bild von Christus als Befreier ist nicht nur von unerwarteter und willkommener Neuheit, sondern auch Demaskierung und Überwindung der un- oder antichristlichen Elemente der vorherigen Christusbilder, und so ist auch verständlich, warum das neue Bild auf unserem Kontinent so umstritten ist" (Sobrino 1991, S.33; vgl. Boff 1974, S.375)

Die größere Integration vieler Geistlicher in das Volk und ihre aktive Teilnahme am österlichen Befreiungsprozeß des Kontinents hat sie das Angesicht Gottes neu entdecken lassen und eine neue Erfahrung seiner Gegenwart ermöglicht. Auf ganz besondere Weise befindet sich der Herr unter den ärmsten und einfachsten Brüdern; er wird nicht so sehr im Gebet für sie erfahren, sondern im Gebet mit ihnen.

Die Kirche, Instrument der Heilsgemeinschaft, ist von Natur aus Zeichen und Ursache völliger Befreiung. "Mit diesem Verständnis von Erlösung als ‘integraler Befreiung’ haben die Bischöfe in Puebla das zentrale Anliegen der Vertreter einer Theologie der Befreiung aufgenommen, der es im Anschluß an Dietrich Bonhoeffer um die Welthaftigkeit des Glaubens geht, um die Überwindung des Dualismus zwischen Kirche und Welt, um Verwirklichung von Nachfolge als ‘Mensch für andere’" (Prien 1981, S.198f). Die theologische Reflexion über die Praxis ist beabsichtigt. Historische oder politische Neutralität zu behaupten bedeutet Selbstbetrug und Betrug. Diese Reflexion fördert die Erlösung, die sich in der Praxis für den Armen konkretisiert, sie steht im Dienst der Befreiung des Armen (Gutiérrez 1990, S.67). In Lateinamerika beinhaltet Erlösung, die Verwirklichung des Reiches Gottes ist, Befreiung des ganzen Menschen: "Sie ist der Schritt für jeden einzelnen und für alle weg von weniger humanen Lebensbedingungen hin zu humaneren Lebensbedingungen" (Medellín 1968, S.6).

"Die Befreiungskirche zeigt, wie Kirche heute sein kann und muß, worin ihre Identität besteht; aber sie zeigt auch, wie man heute Mensch sein kann und muß, und was der Weg zur Utopie einer geeinten Menschheit ist: zu den Armen zurückzukehren und ihre Armut auf sich zu nehmen. Eine solche Kirche hat automatisch die Isolierung der Kirchen untereinander überwunden und dazu beigetragen, die Trennung zwischen der Welt der Armen und derjenigen, die im Überfluß leben, aufzuheben" (Sobrino 1992, S.221).

Die theologische Grundlage

Medellín hat die Bedingungen für das Erscheinen dieser neuen theologischen Reflexion geschaffen. Die großen Linien der Befreiungstheologie öffnen internationale, nationale und regionale Perspektiven, besonders in der Ausarbeitung des Befreiungsengagements an der Basis. Vor Medellín war in Einklang mit dem Geist des Konzils und der "Populorum progressio" daran gearbeitet worden, eine Entwicklungstheologie auszuarbeiten. Doch die Kritik an jenen ‘Entwicklungsmodellen’, die lediglich beabsichtigten, die Industrialisierungsprozesse der entwickelten Ländern zu kopieren, wurde immer deutlicher formuliert. In der Tat war die Kopie - an sich - außer der Tatsache, daß sie ökonomisch gesehen unrealisierbar war, auch in ethischer Hinsicht fragwürdig: Wirklich nirgends tauchte die Notwendigkeit eines revolutionären Wandels der internationalen Strukturen auf (Muñoz 1972, S.735-746).

Das Charakteristische dieses neuen Denkens war seine zugleich soziale, kritische und prophetische Natur, deren Zentrum das Ostergeheimnis Christi ist: Erfüllung der Heilsgeschichte und Befreiung von Sünde, Gesetz und Tod, Abschaffung aller Arten von Sklaverei, sowie die Schaffung von Bedingungen, die es dem lateinamerikanischen Menschen möglich machen, aktives Subjekt seiner eigenen Geschichte zu werden.

Medellín hat hoffnungsvoll den Weg bestätigt, den das theologische Denken Lateinamerikas gewiesen hat und den es mit einigen Pionieren gegangen ist. Seit Medellín vertieft G. Gutiérrez (einer der Väter der Befreiungstheologie) den Ansatz der Arbeit, die er im Juli 1968 in Chimbote in Peru bezüglich der theologischen Methode vorgestellt hatte. Im Oktober 1968 veröffentlicht er seinen ersten Essay über die Pastorale der lateinamerikanischen Kirche (Gutiérrez 1968). Diese Arbeit zeigt erneut die Sorge des Autors über den Sinn von Existenz und Mission des Christen und der Kirche in der Welt. Am 6. und 7. März 1970 findet in Bogotá in Kolumbien der erste Kongreß über Befreiungstheologie statt, ein Jahr später erscheint das Buch "Unterdrückung und Befreiung" von Hugo Assmann (1971). Im ersten Teil des Buches schreibt Assmann, daß die europäische Theologie, ohne es zu wollen, eine Theologie ist, die in Ruhe läßt, die Frieden schließt mit der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung und die so auf gewisse Weise zur politischen Verbündeten der Macht wird. Er betont, daß Theologie und Pastorale nie apolitisch gewesen sind (Assmann 1971, S.57f.). Im Dezember desselben Jahres wird mit der Veröffentlichung von Gutiérrez’ Buch "Theologie der Befreiung" die erste theoretische Formulierung der Befreiungstheologie vorgelegt. Einige Monate später, im Juli 1972, hält Gutiérrez auf dem Treffen im Madrider Escorial einen Vortrag mit dem Titel "Evangelium und Befreiungspraxis". Er unterstreicht, daß der Arme eine evangelische Bekehrung notwendig macht, und daß dieser Bekehrungsbruch sich in der "Option für den Armen" verwirklicht, die heute der zentrale Punkt des Christseins in Lateinamerika ist. So wurde der Weg frei für eine Theologie, die von der Peripherie erarbeitet und durch sie artikuliert wird, und die gestern wie heute eine große Herausforderung für die Evangelisationsmission der Kirche darstellt.

Zunächst machten sich einige Theologen durch eine Horizonterweiterung dieser neuen Art, Theologie zu betreiben, verdient: Juan Luis Segundo, Hugo Assman, Lucio Gera, Eduardo Pironio, Helder Cámara, Pedro Casaldáliga, die außer mit ihren Werken auch durch Vorträge die Reflexion bereichert haben; außerdem Segundo Galilea, Raimundo Caramuru und Héctor Borrat. Auf protestantischer Seite haben sich unter anderem folgende Autoren ausgezeichnet: Emilio Castro, Julio de Santa Ana, Ruben Alves. Daraufhin folgte eine Aufbauphase, in der sich schon das erste Bestreben zeigt, Lehrinhalte bezüglich der Befreiung zu erarbeiten. Zu nennen sind: Dussel, Croato y Büntig (Argentinien); Libanio, Mesters, Comblin, Hoornaert, L. Boff (Brasilien); Muñoz, Torres, Richard (Chile); Ellacuría, Sobrino, Pico y Molina (Mittelamerika) - neben vielen anderen. In einer dritten Ausbauphase erscheinen immer mehr Theologen, die gleichzeitig Pastoren, Kämpfer und Aktivisten im Leben der kirchlichen und gesellschaftlichen Basis sind, zu ihnen zählen: Boff (Brasilien), Antoncich (Peru), Codina (Bolivien) und andere.

Doch der Kampf gegen die Befreiungstheologie seitens des Vatikans und konservativer Kreise Lateinamerikas war (und ist) sehr hart. So wird die Befreiungstheologie beispielsweise 1984 in einer Veröffentlichung mit dem Titel "Belehrung über einige Aspekte der Befreiungstheologie" von der Heiligen Kongregation für Dogma und Glauben verurteilt, was sich dann in der Kontrolle, Zurechtweisung und in Sanktionen des Vatikans gegen die lateinamerikanischen Befreiungstheologen konkretisiert. Die genannte Kongregation beschuldigt die Befreiungstheologie, auf eine "vom Rationalismus dominierte Bibelhermeneutik" zurückzugreifen (VI,S.10) und "zu unkritisch aus verschiedenen Strömungen des marxistischen Denkens entlehnte Konzepte" zu übernehmen (Einleitung; VI, S.10). Sie versucht zu zeigen, daß die Befreiungstheologie den Glauben an Christus auf ein lediglich immanentes Projekt und die christliche Erlösung auf ihre rein irdische Dimension reduzieren will (VI, S.5).

Santo Domingo (1992)

Vom 12. bis 28. Oktober 1992 findet die vierte Generalversammlung des lateinamerikanischen Episkopats anläßlich der 500-Jahr-Feiern der Entdeckung Amerikas in Santo Domingo unter dem Thema "Neue Evangelisierung, Förderung des Menschen, christliche Kultur" statt. Der Befreiungstheologie wird aus dem Inneren der lateinamerikanischen Kirche heraus ein schwerer Schlag versetzt. Und das nicht etwa, weil damals die Befreiungstheologie direkt kritisiert worden wäre (sie wurde dort nicht ein einziges Mal erwähnt), sondern weil ihre Methode, ihr Inhalt und ihre Fähigkeit, die lateinamerikanische Wirklichkeit vom Glauben her zu erhellen, ignoriert wurde.

Das zeigt, daß der Kampf weitergeht. Puebla hatte Medellín begraben sollen, doch dieser Versuch scheiterte. In Santo Domingo gab es eine massive Einflußnahme des Vatikans, dennoch blieb die Option für die Armen unverändert.

Santo Domingo verzichtet bewußt auf die in der lateinamerikanischen Theologie und Gemeindearbeit schon klassische Methode des "Sehen-Urteilen-Handeln", welche die Befreiungstheologie charakterisiert und die in der Mehrzahl der Veröffentlichungen der lateinamerikanischen Bischöfe präsent ist, besonders in den Dokumenten von Medellín und Puebla. Santo Domingo entscheidet sich für eine deduktive Methode, die eine Lehre hervorbringt, die manchmal doktrinär ist und wenig Bezug zur Realität hat.

Die theologisch-pastorale Methode

Puebla übernimmt die für das lateinamerikanische Denken charakteristische theologisch-pastorale Methode und setzt sie damit endgültig durch: den Glauben ausgehend von der sozialen Realität denken und leben, analytisch sehen, theologisch urteilen und pastoral handeln.

Für die lateinamerikanische Befreiungstheologie geht es primär - das ist der erste Schritt - um die Option für den Armen und Unterdrückten. Eben diese Option ist Grundlage für die Reflexion, sie ist die Bedingung der Möglichkeit eines neuen Verstehens oder einer neuen Interpretation des Wortes, sie ist der Quell, aus dem eine befreiende Theologie entspringt. Deshalb ist die Theologie selbst der zweite Schritt: Sie kommt nach der Option; doch bedeutet dies nicht, daß der Theologe erst im zweiten Schritt erscheinen darf. Die von den Humanwissenschaften organisch, kohärent und verständlich vorgestellte historische Wirklichkeit ist das erste Wort im theologischen Handeln. Der Theologe reflektiert im Licht des Glaubens über die historische Praxis und ausgehend von ihr (Assmann 1971, S.61). "Das Riskante der Befreiungstheologie ist nicht die Theologie, sondern der Schrei der Armen, den die Kirche nicht erträgt. Wenn das Evangelium von den Armen gelebt und in die Geschichte projiziert wird, dann wird es sich gegen jedermann als subversiv erweisen" (Schlegelberger 1988, S.76).

Diese methodologische Option bringt auch eine theologische Option mit sich: Die Frage, woher man Theologie macht, bedingt auch schon die Inhalte der Theologie. Besonders wenn dieser "Ort" sich in der Wirklichkeit des Engagements in einer ergreifenden Situation von Armut und Ungerechtigkeit befindet. Die großartige Erkenntnis der theologischen Methode der lateinamerikanischen Theologie besteht in der Perspektive des Armen. "Der Arme ist der unbestreitbare Protagonist der aktuellen Befreiungsprozesse, und jeder Versuch - bewußt oder unbewußt - ihm diese Rolle zu nehmen, verdammt die Theologie zu Unfruchtbarkeit und neuem Akademismus" (Espeja 1985, S.370).

Es handelt sich nicht um eine neue Theologie, sondern um eine neue Art, Theologie zu machen. Die Praxis ist hier nicht nur ein theologisches Thema, sondern Perspektive und hermeneutischer Schlüssel aller theologischen Reflexion (Ellacuría 1975, S.348). Die theologisch-pastorale Methode strebt die schwierige Verbindung von Theorie und Praxis an. Die Theologie der Befreiung sucht einen Weg, Realität und Glauben in Einklang zu bringen. Es geht um die Verbindung von Realität und Glauben und nicht, wie weitgehend in der europäischen Theologie, um die Verbindung von Vernunft und Glauben.

Die Befreiungstheologie will im Licht des Wortes Gottes eine Reflexion der Glaubenserfahrung in der Befreiungspraxis bieten und läßt sich vom Wort des Volkes selbst ansprechen. Indem die Theologen das Volk begleiten, geben sie dem, was die Menschen erkennen, eine präzisere Form (Castillo Mattasoglio 1992, S.55). Die Grundlage der Option für die Armen ist nicht die Soziologie, das heißt die Konsequenzen der Analyse der sozio-ökonomischen Ungleichheit des Kontinents, sondern die Theologie. Die Armen sind Kinder Gottes, in dem ihr Bild Fleisch wird, und die Nachfolge Christi erfordert für die Fortführung der Mission Christi die Übernahme eben seiner Haltung. "Die Liebe Gottes wird konkret und historisch in seiner unbestreitbaren Vorliebe für die Armen: ‘Wahrlich ich sage Euch, daß das, was ihr einem der Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan’ (Mt 25, 45)" (Velez 1979, S.304).

Die bevorzugte Option für die Armen ist also eine Option Gottes (Gutiérrez 1980, S.258; ders. 1989, S.228). Angesichts der besonderen Beziehung zwischen Gott und dem Armen ist die soziale und historische Verarmung eine wirkliche "soziale und strukturelle Sünde" und deshalb "politisch". Das Engagement für die Ausrottung der entmenschlichenden Armut wird in solidarischer Verarmung realisiert und ist so Öffnung zu Gott (Puebla 1979, S.914). "Darin erkennt man außerdem jenseits der Frage nach Opportunität einen christologischen und theologischen Imperativ: Jesus Christus wurde - historisch und sozial gesehen - ‘arm geboren, und lebte unter Armen’, er identifizierte sich mit den Ausgegrenzten seines Volkes, nahm den Konflikt mit den Mächtigen an und starb als Opfer extremer Repression. Sein Leben und sein Tod stimmten mit seiner Botschaft überein: Die Verkündung der frohen Botschaft des Reiches Gottes für die Armen und Unterdrückten der Erde" (Muñoz 1983, S.54).

Die Basisgemeinde als Ort der Befreiungstheologie

Die christlichen Basisgemeinden stellen einen der fruchtbarsten und bedeutendsten Faktoren des Lebens der lateinamerikanischen Kirche in der Gegenwart dar. Ihre Entwicklung auf dem ganzen Kontinent hat dazu beigetragen, die Hoffnung der Armen und Unterdrückten aufzurichten. Sie sind außerdem bevorzugter Treffpunkt eines Volkes, das seine Situation des Elends und der Ausbeutung erkennen, gegen diese Umstände kämpfen und Zeugnis von seinem Glauben an den befreienden Gott ablegen will. "In den Kirchlichen Basisgemeinden bricht das Volk aus der Anonymität und der Marginalisierung aus. Es öffnet sich für die Probleme der Gemeinschaft. (...) Und in irgendeiner Form sind sie auch der Anfang einer neuen sozio-politisch-ökonomischen Ordnung" (Exeler/ Lorscheider 1984, S.24f).

Die Kirchlichen Basisgemeinden (KBG) sind ein Aufruf zur Verantwortung. Der Lernprozeß der Basisgemeinden ist ein doppelter: Er betrifft die Übernahme von Verantwortung und Mitsprache sowohl in der Kirche als auch in der Gesellschaft. Nach Aloisio Lorscheider und Karl Rahner liegt die Zukunft der Kirche in der Schaffung und Entwicklung dieser kirchlichen Basisgemeinden. "Kirchliche Basisgemeinschaften garantieren die Zukunft der Kirche, sind Bindeglied zwischen Familie und Pfarrei, sind Ausgangspunkt zum Aufbau einer neuen Gesellschaft, einer ‘neuen Zivilisation der Liebe’" (Schwarz 1979, S.440). In der Entwicklung dieser KBG, "in denen alle untereinander in Kontakt stehen und gemeinsam am Aufbau des Reiches Gottes mitten unter uns teilhaben, liegt auch die Zukunft der Menschheit" (Exeler/ Lorscheider 1984, S.144).

Die Basisgemeinden sind brüderliche Gemeinschaft, Entdeckung des Dienstes als historische Berufung, bedeutsamer Ausdruck der Auferstehung des Herrn. "Man kann feststellen, daß die kleinen Gemeinschaften die zwischenmenschlichen Beziehungen intensivieren, die Akzeptanz von Gottes Wort vergrößern, eine Neubetrachtung des Lebens und eine Reflexion über die Wirklichkeit im Lichte des Evangeliums fördern; sie betonen das Engagement für Familie, Arbeit, Wohnviertel und lokale Gemeinde" (Puebla 1979, S.629). Damit leisten sie einen großen Beitrag für die Schaffung einer neuen Gesellschaft. "Die KBG antworten auf die dringende Notwendigkeit, daß die im sozialen, wirtschaftlichen und politischen Leben marginalisierten großen Mehrheiten nicht nur ein Betätigungsfeld der Kirche, sondern authentischer Ausdruck der Kirche selbst werden, die von Jesus ‘mit’ den Armen ‘für’ die Armen gegründet wurde" (Iriarte 1991, S.72f). Der Arme erscheint als Schlüsselkriterium für das gesamte politische Handeln in der Gesellschaft (Puebla 1979, S.525, 792; vgl. Pixley/ Boff 1988, S.271).

Schluß

Trotz der vielfältigen Hindernisse, die der Befreiungstheologie in den Weg gelegt worden sind, erfreut sie sich guter Gesundheit und besitzt eine starke Dynamik. Ihre Vitalität entfaltet sich auf vielen Gebieten. Innerhalb der Kirche fördert, ermuntert und stärkt sie eine neue Art des Christseins in Gemeinschaft, nämlich die Kirche der Armen, die aus einem weiten Netz von Basisgemeinden gebildet wird, die in ganz Lateinamerika existieren. Auf speziell theologischer Ebene äußert sich ihre Vitalität in methodologischer Vertiefung, in thematischer Weiterentwicklung und in der Öffnung für neue Themen in universeller und ökumenischer Perspektive, indem sie sich den Beiträgen der Theologien der Dritten Welt, der Ersten Welt und anderer Religionen öffnet und ihrerseits ihre eigene Art beisteuert, Theologie zu betreiben. Doch außer einem religiösen, kirchlichen und theologischen Phänomen ist sie gleichzeitig ein kulturelles, politisches und soziales, das eine große Fähigkeit besitzt, in anderen Denk- und Wirkungsbereichen Einfluß auszuüben.

Die Befreiungstheologie berücksichtigt heute nicht mehr generell alle Unterdrückungsprobleme, sondern beschäftigt sich besonders mit dem Problem der Indios und der Afroamerikaner. Es bleibt noch viel zu tun, um eine Verbindung zu erreichen von Armentheologie und Indiotheologie, von Sozialem und Kulturellem, von Befreiung und Anerkennung aller Kulturen. Es geht nicht nur darum, diese Fragen nebeneinander zu stellen, sie müssen miteinander verbunden werden. Auf dem Gebiet der Ausgrenzung bleibt der klassische Diskurs der Befreiungstheologie gültig, da die größte Armut und die größten Kommunikationsprobleme von der kapitalistischen Wirtschaftsordnung verursacht werden. Die Befreiungstheologie ist dabei, ausgehend von den Schwachen, einen Ökologie-Diskurs zu erarbeiten. Außerdem engagiert sie sich in der Sorge um die Befreiung der Frau. Sie entwickelt eine Spiritualität der Barmherzigkeit, der Hoffnung und der Freude, ohne dabei die im Glauben begründete Siegesgewißheit zu verlieren.

Zwischen den Theologien der Ersten Welt und der Befreiungstheologie müssen neue Brücken des Dialogs gespannt werden. Denn obwohl sie sich in verschiedenen Kontexten entwickeln, führen sie in den Augen des protestantischen Tübinger Theologen Jürgen Moltmann denselben Kampf "für das Leben und gegen den Tod, für Befreiung und gegen Unterdrückung". Die Einheit aller Völker und Nationen muß im Rahmen von prinzipieller Gerechtigkeit und Gleichberechtigung erreicht werden. Der Kampf gegen die Armut wird weltweit geführt, das heißt in Hinblick auf die ganze Welt, denn alle Menschen und Völker sind heute mehr denn je voneinander abhängig (Medellín 1968, S.94).

Literatur
Assmann, H.: Opresión y Liberación. Desafío a los cristianos. Edit. Tierra nueva, Montevideo 1971
Boff, L.: Salvación en Jesucristo y proceso de Liberación. In: Concilium 96 (1974)
Castillo Mattasoglio, C.: Los efectos de Medellín en la pastoral latinoamericana 1968-1990. CELAM, Santa Fe de Bogotá 1992
Ellacuría, I.: Tesis sobre posibilidad, necesidad y sentido de una teología latinoamericana, in: Teología y mundo contemporáneo (Homenaje a K. Rahner), Cristiandad, Madrid 1975
Espeja, J.: Teología y Comunidad. En diálogo con la teología de la liberación, in: Ciencia Tomista, 112 (1985)
Exeler, A./ Lorscheider, A.: Parteinahme für die Armen. München 1984
Gutiérrez, G.: La pastoral de la Iglesia en América Latina. Ed. Miec-Jeci, Montevideo 1968
Gutiérrez, G.: Los pobres y la liberación en Puebla. Bogotá 1979
Gutiérrez, G.: Teología desde el reverso de la historia. In: Fuerza histórica de los pobres, 1980
Gutiérrez, G.: El Dios de la vida. Lima 1989
Gutiérrez, G.: Teología de la liberación. Perspectivas. Salamanca 1990 (14.Aufl.)
Iriarte, G.: ¿Qué es una Comunidad Eclesial de Base? Paulinas, Bogotá 1991
Marins,J.: Fenomenología y pastoral. In: Medellín, Reflexiones en el CELAM. BAC, Madrid 1977
Medellín I. Ponencias a la II Conferencia General del Episcopado Latinoamericano, CELAM, Bogotá 1968
Molina, U. u.a.: Fe, Evangelización y Cultura. Opción preferencial por los pobres. Centro Nazaret, Buenos Aires 1982
Muñoz,R.: La Teología de la Liberación en el último sínodo, in: Mensaje 215 (1972), S. 735-746
Muñoz,R.: La Iglesia en el pueblo. Lima 1983
Olivera Delgadillo, J.: La Cristología del Documento de Puebla. Roma 1993
Pixley, J./ Boff, C.: Opción por los pobres. Madrid 1988
Prien,H.-J.: Puebla. In: ders. (Hg.), Lateinamerika: Gesellschaft - Kirche - Theologie II. Göttingen 1981
Puebla, Tercera Conferencia General del Episcopado Latinoamericano. Puebla 1979
Richard, P.: La Iglesia Latinoamericana entre el temor y la esperanza. San José 1982
Schlegelberger,B. u.a.: Von Medellín nach Puebla. Düsseldorf 1980
Schwarz,L.: Von Medellín nach Puebla. In: Ordenskorrespondenz, 20. Jahrgang 1979, Heft 4
Sobrino, J.: Jesucristo Liberador. Madrid 1991
Sobrino,J.: El Principio Misericordia. Santander 1992
Tamayo,J.: Presente y futuro de la Teología de la Liberación. Madrid 1994
Velez,N.: Puebla: La Opción por los Pobres. In: Análisis de Puebla, Theologica Xaberiana, Bogotá 1979


aus einem frankfurter flugblatt:  Rebeca Montemayor, Mexico
     
A Eva, la del principio Für Eva, die am Anfang war
Descifrando
el vuelo de tu nombre
me doy cuenta
que se hace necesario
destejerme
entre los hilos de tu mito,
aguijón de parto,
espada, dolor,
al que cada mujer
se le ha envuelto
para callar
el grito de sus alas.
Noch während ich
den Flug Deines Namens entschlüssele,
begreife ich,
daß ich mich entwirren muß
aus den Fäden Deines Mythos,

Stachel bei der Geburt,
Schwert, Schmerz,
in jeder Frau,

der den Schrei ihrer Flügel
zum Schweigen bringt.
Empiezo a recobrar
mi voz y la memoria
dispersas en el agua.
Ich beginne,
meine Stimme und mein Gedächtnis,
vom Wasser auseinandergerissen,
zurückzugewinnen.
Me palpo,
ahora- soy yo- la que camina
entre la arena,
ya no ella,
la inventada.
La que nunca existió
en la Palabra.
Ich betaste mich:
Jetzt bin ich es,
die über den Sand geht,
nicht mehr sie,
die Erfundene,
die es nie gegeben hat
im Wort Gottes.
Me veo de frente
galopando,
a veces lento,
a veces recio;
con la risa y el miedo,
con la lucha y los suenos.
Ich sehe mir in die Augen:
Mal renne,
mal schleiche ich,
mal bin ich stark
mit Lachen und Angst,
mit Träumen und Kampf.
En fin, cada día crezco
y a la vez,
me pertenezco.
Und doch:
Ich wachse mir entgegen
und bin mir täglich selber Segen.
Rebeca Montemayor, Mexico,  Übersetzung: Christine Rösener


Dorothee Sölle

Eine Theologie der Befreiung für Europa

Was ist "Theologie der Befreiung"? - Ich beginne mit einem kleinen Text aus meinem Buch "Gott im Müll. Eine andere Entdeckung Lateinamerikas" (1992), der auf die Andersheit der Anderen, denen wir die Theologie der Befreiung verdanken, hinweisen soll.

Eine Cholita (eine Frau vom Land in traditioneller indianischer Tracht) kommt mit ihrem kleinen Kind zum Spielplatz. Sie gehen zu den Schaukeln, wo gerade zwei andere, städtisch gekleidete Frauen ihre Kinder in die Metallschaukeln klettern lassen. Die Frauen mit der hellen Hautfarbe stellen sich hinter ihre Kinder und stoßen sie kräftig an, damit sie weit fliegen. Sie ermuntern sie, hoch und weit weg zu fliegen.

Die dunkelhäutige Frau steht vor ihrem Kind, sie zieht es nah zu sich und läßt es auf sich zu fliegen. Das Kind gewinnt den Schwung aus der Nähe zu ihr. Es kann die Mutter die ganze Zeit sehen. Es lernt das unendliche Spiel der Beziehung: nah und fern, "ich bin bei dir" und "ich komme nie wieder", je näher, desto weiter. Es lernt zu lächeln und mit dem Lächeln zu spielen. Es lernt zu flirten; es versteckt sich, indem es am höchsten Punkt die Augen zumacht, und es läßt sich finden.

Die beiden anderen Kinder, eins blond, eins braunhaarig, lernen etwas zu leisten. Sie werden gelobt, nicht gelockt. Sie fliegen auf die Welt zu, sie sollen sie ja erobern. Ihr "nochmal, nochmal" ist eine Forderung, nicht ein Betteln. Ihre Mütter können durch andere Personen ersetzt werden. Die Beziehung ist eine Nebensache, das Ich-Es triumphiert über das Ich-Du. Offenen Auges sausen sie durch die Luft. Der schüchterne Charme der Kinder der indianischen Kultur ist zu nichts nütze; die weißen Kinder werden allzu früh entwöhnt.

Dafür schaukeln sie tatsächlich höher.

Das Aufkommen der Theologie der Befreiung in Lateinamerika ist nach meiner Meinung das wichtigste Ereignis der Theologiegeschichte in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts. Falls jemand dies für eine allzu steile These hält, will ich mit meiner noch steileren Vermutung nicht hinter dem Berg halten: Was in der Dritten Welt heute religiös und theologisch geschieht, sollte mit der europäischen Reformation des 16. Jahrhunderts verglichen werden.

Das Christentum findet eine neue Gestalt: Es bricht mit den alten Loyalitäten und verliert zugleich den Schutz der alten Machteliten. Banken und Militär stehen nicht mehr hinter der neuen Gestalt des Glaubens. Gott (anders kann man es wirklich nicht ausdrücken!) zieht auf den schlammigen Straßen der Elendsviertel des Subkontinents herum; inmitten der Ausplünderung der Armen, der Folter der Subversiven, der raffgierigen Zerstörung der tropischen Regenwälder geschieht es, daß Männer und Frauen Zeugen Gottes werden wie nur selten in einer geschichtlichen Stunde, Zeugen der Liebe, Zeugen des Leidens um der Gerechtigkeit willen.

Es ist kein Zufall, daß ich mit diesem Hinweis auf die Basis beginne und den Kontext vor dem Text erwähne, die Fragen der Armen und der Gequälten vor den Antworten der Gelehrten und relativ Gesicherten nenne. Vielleicht ist es das Wichtigste, das wir aus der befreienden Theologie lernen sollten, diese neue Hermeneutik, die weder dem orthodox-traditionellen Paradigma folgt noch der historisch-kritischen Methode des liberalen Paradigmas: eine Hermeneutik, die darauf insistiert, Theologie als "den zweiten Schritt" anzusehen.

Der erste Schritt ist der Glaube, "wirksame Liebe, Aktion und Engagement im Dienst am Menschen". Theologie kommt erst danach und ist ein "zweiter Akt", wie Gustavo Gutierrez in seiner Theologie der Befreiung (1968, S.17) sagt. Glaube ist Orthopraxie und kann nur in einem tiefen compromiso (englisch: committment), einer absoluten Selbstverpflichtung "zu Liebe und Dienst" gelebt und dann theologisch reflektiert werden.

Wenn man die gegenwärtige deutsche Debatte reflektiert, etwa den Streit um den verwesten Leichnam Jesu, wie ihn Lüdemann betreibt, ein Streit zwischen Liberalismus und Orthodoxie, so läßt sich der Abstand akademischer Theologie von der Fragestellung befreiender Theologie, von dem leidenden Interesse an Orthopraxie ermessen!

Hier liegt ein hermeneutischer Bruch mit jeder Theologie; die, sei es spekulativ oder auch wissenschaftlich, von ihrer eigenen Praxis ablenkt, die sich grob-orthodox oder fein-wissenschaftlich von der Kirche und ihrer Praxis und ihrem Subjekt, dem Volk Gottes, verabschiedet hat. Ansatzweise ähnlich wie Karl Barth hat die Teología de liberación mit dem liberalen Gesäusel gebrochen, die wohldosierte Skepsis erübrigt und eine politische Hermeneutik des Evangeliums entwickelt, die die Vorliebe Gottes für die Armen ernst nimmt.

Diese "opción especial de Dios por los pobres" ist die Grundlage, sie beruft sich auf die Berufung des Mose am Berg Horeb, dem Gott sagt: "Ich habe das Elend meines Volkes gesehen, ich habe den Schrei des Volkes gehört" (Ex.3,7f.).

Diesen Schrei zu hören, gehört ins Herz der Befreiungstheologie. Sie beruft sich auf die lateinamerikanische Bischofskonferenz von Medellin, 1968, die ihrerseits an die große Tradition des Zweiten Vatikanischen Konzils mit Papst Johannes XXIII anknüpft.

Ohne die katholische Laienbewegungen, einerseits der Action catholique, die vor allem durch ihre Jugendarbeit Zehntausende von katholischen Laiinnen und Laien geprägt hat, andererseits der Methode des in Lateinamerika entwickelten Cursillo, einer anderen Art von religiösem Unterricht in Kursen, wären die neuen Entwicklungen an der Basis unmöglich gewesen. "Die Armen sind die Lehrer", heißt es, ganz im Sinne Paulo Freires.

Indessen hat sich ihre Situation weiterhin verschlechtert. Das Ziel heutiger Bemühungen ist weniger, die Armut abzuschaffen, als sich der Armen zu entledigen. Sie sind innerhalb der globalisierten Weltwirtschaft überflüssig, expendable, wie Franz Hinkelammert sagt. Die Vernichtung der Subsistenzwirtschaft im Interesse globaler Märkte schreitet voran. Dazu noch einmal eine kleine Geschichte aus "Gott im Müll".

Das mexikanische Landwirtschaftsministerium macht der indianischen Bevölkerung im Süden, an der Grenze zu Guatemala, interessante Vorschläge. Wollt ihr nicht zur Viehzucht übergehen? Und für den Export produzieren? Ihr bekommt das Vieh umsonst von der Regierung!

Die Gemeinde berät sich lange. Mais und Bohnen, die Grundnahrungsmittel, will sie behalten. Aber einige Kühe wären sehr schön. Die Leute kommen überein, daß sie fünfzig Stück Vieh brauchen könnten.

Der Berater erklärt: "Fünfzig Stück? Das wäre ja lächerlich. Ihr sollt fünfhundert haben!"
"Dafür haben wir kein Land."
"Ihr habt doch genug schönes Weideland für das Vieh."
"Wir brauchen das Land für Mais, Bohnen, Gemüse. Davon leben wir."
"Gebt das auf, ihr braucht es nicht mehr. Verkauft Rindfleisch und kauft euch den Mais, den ihr braucht."

Die Campesinos erinnern sich an das Nachbardorf, das sich vor zwölf Jahren zu einem ähnlichen Schritt entschlossen hat. Die Leute wurden zur Kaffeeproduktion überredet und verdienten eine Zeitlang nicht schlecht. Aber als der Kaffeepreis auf dem Weltmarkt sank, wurden sie ihren Kaffee nicht mehr los. Sie merkten, daß man Kaffeebohnen nicht essen kann.

Der Berater läßt sich nicht beeindrucken. "Fünfhundert Kühe oder nichts, mein letztes Angebot", erklärt er. Die Verhandlung scheitert.

Wo früher Mais und Bohnen angebaut wurden, wachsen heute Orchideen für die reichen Länder. Die Rolle der Elendsländer ist bestimmt durch die Schuldenfalle und die restriktiven Bedingungen, die die internationalen Finanzeliten, Weltbank und Währungsfonds, diktieren. Für die Menschen in der Dritten Welt bleibt übrig, sich am Organhandel und am Prostitutionstourismus zu beteiligen oder als Abfallgrube zu fungieren, wie Giaconda Belli das in dem Zukunftsroman Waslala am atomaren Abfall dargestellt hat.

*

Was bedeutet Befreiungstheologie im Europa der "global players"? - "Man sollte, so weit es nur irgend möglich ist, so leben, wie man in einer befreiten Welt glaubt leben zu sollen, gleichsam durch die Form der eigenen Existenz, mit all den unvermeidbaren Widersprüchen und Konflikten, die das nach sich zieht, versuchen, die Existenzform vorwegzunehmen, die die eigentlich richtige wäre. Dieses Bestreben ist notwendig, zum Scheitern und zum Widerspruch verurteilt, aber es bleibt nichts anderes übrig, als diesen Widerspruch bis zum bitteren Ende durchzumachen. Die wichtigste Form, die das heute hat, ist der Widerstand", schrieb Adorno einmal.

Ich versuche, unser Gefängnis der Ersten Welt am Ende des Jahrtausends zu beschreiben. Es scheint mir durch zwei Tendenzen bestimmt, die sich als "Globalisierung" und "Individualisierung" perfekt ergänzen. Wir leben seit 1989 in einer vereinheitlicht globalisierten Wirtschaftsordnung der Technokratie, die eine absolute Verfügung über Raum, Zeit und Schöpfung beansprucht und herstellt. Die Maschine, getrieben von dem Zwang, mehr zu produzieren, läuft - von technologischen Erfolgen unvorstellbaren Ausmaßes bestätigt. Sie ist auf ein "mehr" an Schnelligkeit, Produktivität, Verbrauch und Gewinn für etwa zwanzig Prozent der Menschheit hin programmiert.

Dieses Programm ist effektiver und gewalttätiger als alle historisch vergleichbaren Großreiche mit ihren babylonischen Türmen. Innerhalb der Großmaschine sind Menschen nicht nur, wie Marx es gesehen hat, "entfremdet" von dem, was sie werden könnten, sondern zugleich süchtig und abhängig wie nie zuvor.

Eine der spirituellen Schwierigkeiten in unserer Lage ist der innere Zusammenhang zwischen Globalisierung und Individualisierung. Je globaler die Weltwirtschaft sich organisiert, je desinteressierter sie sich allen sozialen und ökologischen Eingebundenheiten gegenüber gibt, desto mehr benötigt sie als Ansprechpartner das reine Individuum ohne jede Beziehung, den homo oeconomicus, jenes geschäfts- und genußfähige Einzelwesen, das - von Gott ganz zu schweigen - auch an den Tretminen, die sein Autohersteller produziert, oder am Wasser seiner Enkelkinder kein Interesse zeigt.

Während der alte nationale Staat als die Instanz des Rechtes und des Schutzes der Schwächeren "verschlankt", abgebaut und entmachtet wird, wird das Individuum als das grenzenlos konsum- und verbrauchsfähige Lebewesen aufgebaut. Kaufen, Auswählen, Präsentieren und Genießen haben indessen längst ihre eigenen Formen religiöser Inszenierung, des "Kultmarketing", gefunden. Die Religion des Konsumismus braucht die älteren und schwächeren Gestalten des Opiums des Volkes nicht mehr. Es gibt überall bessere Opiate zu kaufen.

Innerhalb der Großmaschine wohnend empfinde ich das Neue Testament und viele andere Stücke religiöser Menschheitstradition nicht mehr als mythologisch verschlüsselt, sondern geradezu als aufklärend und erhellend.

Das Neue Testament beschreibt die normale Befindlichkeit der Menschen unter dem römischen Imperium als ein Im-Tode-Sein. "Wir wissen, daß wir aus dem Tod ins Leben gekommen sind", heißt es im ersten Johannesbrief (1.Joh.3,14). Tod wird hier die Normalität der Unterwerfung unter die alles beherrschende Gewalt genannt.

Entfremdung, Sünde und Sucht sind verschiedene Namen des sich als Leben verkleidenden spirituellen Todes, von dem wir "umfangen" sind. Im gleichen Sinn spricht Paulus davon, daß wir "Feinde Gottes" waren (Röm 5,10).

Auch dieser Ausdruck enthält nichts, was wir als mythologische Projektion zurückweisen müßten. Die religiöse Tradition hilft vielmehr, unsere Rolle an der Spitze der Weltgesellschaft richtig zu benennen: wir sind Feinde der Erde, Feinde von mehr als zwei Dritteln aller Menschen, Feind dem Himmel über uns und Feindin auch uns selber.

Hildegard von Bingen spricht über den "Gestank" des Todes, der über unserer Erde liege. Wer sich ihm subjektiv entziehen zu können glaubt, hat sich schon mit der Großmaschine arrangiert. Er oder sie benutzt sie bewußtlos, profitiert von ihren "guten Seiten" und erfährt dabei den gestreckten Tod, den die Maschine für die Seele eingeplant hat.

Dieses Zusammenspiel von Weltherrschaft der Konzerne in der Globalisierung und einer neuartig inszenierten Individualisierung ohne Rest, ohne Bindung an die Geschwistergeschöpfe, erscheint hoffnungslos, ein Weiter-rasen auf den apokalyptischen Untergang hin wird von vielen Nachdenklichen als unaufhaltsames Fatum angenommen.

Können wir denn noch so leben, "wie man in einer befreiten Welt glaubt, leben zu sollen"? Das hieße doch zu insistieren auf einer anderen Vision vom gemeinsamen Leben, aus der das Widerstehen sich speist. Sind solche Visionen nicht längst aufgekauft und zu einer schädlichen Privatangelegenheit gemacht? Gibt es überhaupt noch Formen des Widerstands, lohnt es sich noch zu protestieren oder den zivilen Ungehorsam in neue Formen einzuüben und zu praktizieren?

Und ist nicht gerade die Spiritualität der Mystik, aus der Widerstand wachsen könnte, längst Teil des Marktes geworden, vor dem sie zu schützen versprach? Ich kämpfe mit meiner eigenen Weltangst und dem Gefühl, daß die Religion in einen geistlosen Materialismus hinein stirbt. Es ist kein Zufall, daß ich Hilfe suche gerade bei denen, die "die dunkle Nacht" der Geschichte und der Gottesfinsternis kannten.

Wenn wir nur "die Herren dieser Welt" anstarren und die Masse der unschädlich gemachten Einzelnen, dann sehen wir noch nicht mit den Augen des anderen Blicks. Die Weltangst umfängt uns dann und sperrt uns in das best eingerichtete Gefängnis, das es je gab. Das Neue Testament bietet eine andere Perspektive. Sein soziologisches Modell sind weder die Massen noch die einzelne Seele, sondern die Gruppen, die sich gemeinsam auf einen neuen Weg machen. Innerhalb der Geschichte christlicher Mystik beriefen sich die aufrührerisch-mystischen Bewegungen immer wieder auf die Urgemeinde und ihre Lage im antiken Imperium. Sie sprachen damit eine Zeit an, in der nicht eine geordnete patriarchale Hierarchie entschied, was Gottes und was des Kaisers sei, sondern die Gruppen selber sich auf Gottes Recht gegen das des Kaisers beriefen.

Ihr Verständnis von Religion war nicht das - in Rom wie in Washington als harmlos geltende - Praktizieren religiöser Rituale. Die liberale neuzeitliche Vorstellung, daß Religion Privatsache sei, ist ahnungslos gegenüber der mystischen Glut, die andere Verwirklichung, andere Lebensrealität immer gebraucht und gesucht hat.

Die Urgemeinde verweigerte sich bestimmten gesellschaftlichen Angeboten und Zwängen des Imperiums. Sie vermied Besuche von Theatern, öffentlichen Bädern oder Zirkusvorführungen.

Christen versuchten das - wegen der Abschreckung erwünschte - Zuschauen bei der öffentlichen Vollstreckung von Todesurteilen zu vermeiden. Alle Veranstaltungen, die mit Militär, Eidesleistung und Weihrauch für den Kaiser verbunden waren, hielten sie für Teufelszeug.

So vermieden sie das, was in der römischen Kultur als "circenses" galt, unterhaltsame Spiele zur Ablenkung der Massen von den realen Problemen. Abstinenz, Distanz, Dissenz, Widerspruch und Widerstand gingen in ihrer Minderheitskultur ineinander über. Genau an diesen Formen des Nein zur herrschenden Kultur orientierten sich auch die späteren Dissidenten.

Mystik macht auch dort, wo sie sich extrem individualistisch gibt, zur Gemeinschaft fähig. Sie muß und will heraus aus der Privatisierung der Freude, des Glücks, des Einsseins mit Gott. Der Tanz der Gottesliebe kann nicht allein getanzt werden. Er bringt Menschen zusammen. Die Gemeinschaftlichkeit Gottes, von der Ruybroeck spricht, bringt Menschen heraus aus der harmlos angesehenen "rein religiösen" Betätigung. Das Verständnis von menschlicher Würde, von Freiheit, von Gottfähigkeit oder von den Funken läßt sich nicht auf einen religiösen Spezialraum einschränken, in dem es erlaubt ist, der Gottheit zu dienen oder sie zu genießen, nicht aber sie mit den 80 Prozent der Überflüssigen zu teilen.

Die Hoffnungsträger im gegenwärtigen Szenario der "global players" auf der einen und der isoliert-amüsierten Individuen auf der anderen Seite sind Gruppen, die auf Freiwilligkeit, Kritikfähigkeit und eigene Initiative setzen.

Diese Nichtregierungsorganisationen, zu denen ich auch die lebendigen Teile der christlichen Kirchen rechne, sind politisch gesprochen die Trägerinnen von Widerstand. Spirituell gesprochen verkörpern sie ein anderes Subjekt als das im Gefängnis des Konsumismus eingeschlafene.

Was trägt sie, was hält sie wach, warum geben sie nicht auf? Ich denke, es sind Elemente von Mystik, die sich nicht auslöschen lassen. Sie treiben den Prozeß der Befreiung voran in den drei Zielen, die sich befreiungstheologisch als Gerechtigkeit (oder eine andere Wirtschaftsordnung), Frieden (anderer Umgang mit Konflikten) und Bewahrung der Schöpfung artikuliert haben.

Gott ist das Nichts, das alles werden will, sagt Jacob Boehme (1575-1624). Meine Angst sagt mir, daß sich dieses Nichts in der globalisierten Welt immer weniger wahrnehmen läßt, sein Glanz ist immer versteckter, das stille Geschrei immer mehr übertönt.

Aber das Nichts, das alles werden will, produziert seine eigene Unbeirrbarkeit, ja seinen eigenen mystischen Trotz. Boehme denkt das Göttliche als eine Bewegung, etwas Fließendes, Wachsendes, Treibendes, als einen Prozeß. Wenn wir den Prozeß nachvollziehen, werden wir ein Teil der Gottesbewegung und verbunden mit allen anderen.

Wenn wir an der Bewegung des Nichts teilhaben, so bedeutet das, daß auch wir mit unserm Nichts leben, uns unserm Nichts stellen oder, wie die Mystik es immer wieder gesagt hat, "zunichte werden". Ohne diese Entkleidung des Glaubens, der nackt und bloß wird, können wir nicht an dem Prozeß teilnehmen. Ego, Besitz und Gewalt gehören in den Bereich widerständischer Entkleidung. Ichlos, besitzlos, gewaltlos zu werden, es sind die Namen des Nichts, das auch unter uns Alles werden will.

Vor unseren Augen entstehen widerständige Gruppen, oft winzig, manchmal ratlos, meist unorganisiert. Um diese neuen Hoffnungsträger auszumachen, zu verstehen und zu stärken, und sich vor der eigenen Weltangst zu schützen, ist es gut, das Element eines mystischen Trotzes in ihnen wahrzunehmen.

Das vernetzte und sich verbindende Subjekt, das in den Widerstand hineinwächst, ist nicht zerstörbar. Es bleibt "member", Mitglied, auch wenn es das nicht immer weiß. Das Nichts, das alles werden will, bewegt sich auch bei uns und in uns.

 

"Mystik ist Widerstand", sagte mir vor Jahren ein Freund, von dem ich wissen wollte, wie denn das Verhältnis von Mystik und Widerstand zu denken sei. Die Erfahrungen der Einheit mitten im Getriebe, das Hören auf das "stille Geschrei" bringt uns notwendig in einen radikalen Widerspruch zu unserer als normal angesehenen Lebensweise.

 

Serafin Ajhuacho: "Die kalten Winde des Nordens bringen den Frost, der die Ernten zerstört."

Indigene Religionen und der Dialog der Kulturen

Vorbemerkung
Als Heinz Schulze 1992 aus Anlaß des 500. Jahrestages der "Kolonisierung und des Widerstandes indigener Völker Lateinamerikas" eine Rundreise von idigenen Delegierten nach Europa mitorganisierte, begegnete er dem methodistischen Pastor Serafin Ajhuacho aus Bolivien. Serafin Ajhuacho ist Präsident einer Vereinigung quechua-sprachiger Indios innerhalb der christlichen Kirchen.

In den Gesprächen ging es unter anderem um die Theologie der Befreiung und ihr Verhältnis gegenüber den indigenen Religionen. Es ist noch immer ein einschränkendes Verhältnis. Delegierte aus indigenen Völkern diskutieren mit den Befreiungstheologen und fordern zum Beispiel, daß die Befreiungstheologie die indigenen Religionen wahrnehme, akzeptiere und respektiere.

Es geht vor allem auch darum, daß die Indios des Hochlandes wie des Tieflandes nicht nur als "Arme" gesehen werden, sondern auch als "Andere". Erst unter dieser Voraussetzung wird ein gleichberechtigter Dialog möglich. Heinz Schulze bat Serafin Ajhuacho um einen Artikel zum Verhältnis von indigener Religion und Befreiung.

Einleitung
Für uns Indios ist es schwierig, in schriftlicher Form über unsere Vorstellungen vom Leben und über unsere Religion zu berichten. Das Wissen über unsere Religiosität ist wenig verbreitet, und die Begriffe, die wir verwenden, sind oft nicht genau in den Sprachgebrauch der anderen Religionen zu übersetzen. Wir gebrauchen natürlich Sprache und Begriffe im westlichen Stil, wenn es um Landrechte geht, um Ausbeutung, und wenn es darum geht, von der herrschenden Gesellschaft verstanden zu werden. Aber wir haben unsere eigene, "mystische" Sprache, in der unsere eigene Geschichte wiedergewonnen wird. Und diese Sprache wird mündlich weitergegeben.

Im Laufe der Zeit haben viele indigenas sich dem westlich-östlichem Wissen und den Religionen untergeordnet. Dies entsprach nicht der Absicht und dem Anliegen derjenigen, die die Religion gegründet hatten. Es war Resultat von Unterdrückung, Zwang und kultureller Invasion. Dies hat viele Menschenleben gekostet und die erzwungene Abgabe unserer Rohstoffe und Reichtümer. Ich möchte einige wichtige Aspekte unserer indigenen Religion(en) darstellen. Ich erwarte, daß die im pädagogischen Bereich Tätigen - zumal wenn sie die Konzeption Paulo Freires als Grundlage voraussetzen- ihre Schlußfolgerungen daraus ziehen können.

Indigene Religion ist mit den Instrumenten der kritischen Vernunft nicht zu messen, weil sie ein Ergebnis der Beziehungen zwischen Menschen, der Natur und des Kosmos ist. Sie zeigt sich im konkreten Leben mit all seinen Dimensionen. Sie zeigt sich in dem, was früher war, und sie zeigt sich in dem, was sein wird. Deshalb kann niemand sie als Besitz haben; sie kann nicht als Doktrin verkauft werden, denn sie hat die Funktion, das Gleichgewicht in unserer gesamten Wirklichkeit zu halten und auf diese Weise dem Leben Würde zu verleihen.

Die andine Religiosität: Menschen - Natur - Kosmos

In diesem Teil von Abya-yala (Amerika; in indigener Sprache: großes, fruchtbares Land), zu dem ich in Bolivien gehöre, ist andine Religiosität das Ergebnis einer tausendjährigen Beziehung zwischen den Menschen, der Natur und dem Kosmos. Ihre Hauptfunktion ist, das Gleichgewicht zu halten. Unterschiedliche rituelle Handlungen tragen dazu bei.

Die andine Religion ist nicht - wie das Christentum - zentral auf den Menschen hin orientiert. Weder privilegiert sie noch diskriminiert sie einen ihrer Teile. Jedes Teil hat seine Besonderheiten. Immer ist sie darauf ausgerichtet, die kosmische Dimension im Dorf, in der Gemeinschaft der Menschen wiederherzustellen. Diese Beziehungen zwischen Mensch, Natur und Kosmos sieht sie; und sie begrüßt die Unterschiede, die Verschiedenheiten als grundlegende Elemente für eine Gleichheit, die nicht gleichmachend sein will. Dabei ist die Herstellung des Gleichgewichts zwischen Mensch, Natur und Kosmos von elementarer Bedeutung, weil ohne dieses Gleichgewicht das Leben keine Bedeutung hat, eben aus dem Gleichgewicht fällt. Die Ähnlichkeit ist in der Verschiedenheit.

Zeit und Raum

Die Elemente Zeit und Raum begründen die Einheit: Die Einheit von Zeit und Raum (Kosmos) heißt PACHA. Sie setzt sich zusammen aus apajpacha (die Welt "oben"), manjapacha (die Welt "unten") und akapacha ("in dieser Welt"; die Welt der Menschen). Die Vergangenheit scheint auf die Gegenwart und auf die Zukunft. Naupa heißt für uns Vergangenheit und Zukunft. Und somit ist die Zukunft durch die Vergangenheit bestimmt. In den religiösen Zelebrationen werden in symbolischer Weise die kosmischen Elemente repräsentiert. Dies geschieht vor allen Dingen in Konfliktsituationen, die das Gleichgewicht, aber auch, um bei festlichen und religiösen Treffen die Teilnehmer und Teilnehmerinnen "in die Pflicht" zu nehmen. Die mama coca, unsere heiligen Cocablätter, spielen dabei oft eine Rolle.

Zeit verstehen wir nicht linear wie im Christentum, sondern in Form einer Spirale, in der die Erfahrungen der Vergangenheit die Gegenwart stärken und die Zukunft von der Vergangenheit abhängt. Eine dauernde Anfrage ist in diesem Zusammenhang das Christentum für uns. Wegen seines linearen Zeitverständnisses wird unsere Vergangenheit als Sünde, als "Götzendienst" gesehen. Aber auch die Ideologen der Modernisierung sehen unsere Vergangenheit als Grund für unseren sogenannten Entwicklungsrückstand an. Wir werden als Sünder, als Gefangene unserer Traditionen gesehen; und wir werden auf diese Weise zu Objekten für Evangelisierung und Modernisierungsvorhaben. Immer noch gibt es christliche Theologen (vor allem im Bereich evangelikaler Kirchen), die unsere Kultur, unsere Religion als Götzentum verurteilen. Daraus leiten sie das das angebliche Recht ab, unsere Religion umzuwandeln oder christliche Kapellen über den heiligen Plätzen indigener Völker zu bauen. Aus diesem Grund müssen uns auch unsere natürlichen Reichtümer genommen werden, weil wir damit nicht effektiv umgehen können. Was wird uns dagegen angeboten?

Es ist die Rede davon, daß wir gerettet werden sollen. Uns wird ein himmlisches Königreich angeboten, wobei uns gesagt wird, daß zuerst Leid und Elend auf Erden durchzumachen sind.

Warum akzeptieren diese Missionare nicht unsere Geschichte mit den ayllus, den Dorfgemeinschaften, die eine soziale Organisationsform erreicht haben, wie sie heute -auch in den sogenannten entwickelten Gesellschaften- nicht unbedingt erreicht wird. Wir sind auch vorsichtig, wenn heute von der Neuen Evangelisierung die Rede ist. Wir befürchten, daß damit endgültig unsere Kultur und unser Sein ausgelöscht werden soll.

Kulturelle Invasion

Ein Affe, der einen Fisch auf einen Zweig in einen Baum legte, wurde befragt, warum er diesen Blödsinn mache. Er antwortete: "Ich habe den Fisch aus dem Wasser geholt, damit er nicht ertrinkt."

Indigene Religionen kennen keine Dogmen

Wir verstehen unsere Religon nicht als Dogma, als Doktrin oder als akademische Angelegenheit. Deshalb ist es schwer, von einer indigenen Theologie zu sprechen. Auch die Zuordnung indigener Religion zu den sogenannten Naturreligionen ist nicht genau. In christlichen Religionen werden zum Beispiel die religiösen Kenntnisse (durch Spezialisten der Indoktrination) denen vermittelt, die `unwissend´ sind. Dies hat den Anstrich von Machtausübung von Seiten der `Wissenden´ den `Unwissenden´ gegenüber. In dieser Haltung hat sich das Christentum den indigenen Völkern genähert. Es sucht auch immer neue `Nachfolger´, `Mitglieder´ und eine Institutionalisierung mit `Gemeindemarkierungen´. Die andine Religion aber ist vor allem Teil des Lebens und keine Ansammlung von Dogmen am Rande des Lebens.

Das Gleichgewicht halten: Indigene Religion und der Dialog der Kulturen

Das Gleichgewicht ist die Einheit zwischen den Menschen, der Natur und dem Kosmos. Diese Elemente schaffen eine Identität in der Ergänzung und in der Vielfalt. Auf diese Weise wurde eine Gesellschaft geschaffen, die auf Vielfalt setzt. Dies steht im Gegensatz zu modernen westlichen und demokratischen Gesellschaften, in denen einige Wenige das Sagen haben und die anderen sich unterordnen. Im Dialog der Religionen ist auch zu bemerken, daß das augenblicklich praktizierte Christentum überhaupt nicht demokratisch ist. Im Verhältnis zu uns indigenen Völkern setzt es auf Druck und die Auslöschung unserer Kultur. Wir werden im besten Falle als Objekte behandelt, denen Gerechtigkeit zu geben ist. Auch die Theologie der Befreiung sieht uns noch zu sehr als `Arme´und `Unterdrückte´ und noch zu wenig als gleichberechtigte Partner für den Aufbau einer gerechten Gesellschaft, die bei uns ins Gleichgewicht kommen muß, die aus dem Einklang von Mensch, Natur und Kosmos entsteht.

Ungleichgewicht in der Natur bedeutet zum Beispiel die Zerstörung der Fruchtbarkeit der Mutter Erde durch westliche Marktvorstellungen, durch Vergiftung und Zerstörung der Erde durch Chemiegifte, Erdölproduktion und Goldabbau mit Cyanid.

Ungleichgewicht bei den Menschen entsteht auch durch den Verlust unserer Spiritualität: Ohne unsere Spiritualität sterben auch unsere eigenen Organisationen. Denn sie sind nicht lediglich Organisationen des Kampfes für Land usw.. In unseren Aufständen und unseren Märschen für Land und Würde zeigte sich vielmehr die Kraft unserer Spiritualität. Durch die westliche Kultur wurden Werte eingeführt, die die Frauen besonders benachteiligen. Es ist unbedingt notwendig, den Frauen nicht einfach `etwas zuzugestehen´, sondern sie weiterhin oder wieder als Beteiligte, als Subjekte der Kultur und damit ihres Kampfes für politische, wirtschaftliche und kulturelle Rechte zu sehen. Damit können die Frauen ihre protagonistische Rolle wieder einnehmen, die sie hatten oder die ihnen zusteht. Die indigene Frau ist Trägerin, Schöpferin und Erzieherin von Kultur, Religion, Traditionen, und sie ist Kämpferin in unseren Kämpfen und Aufständen. Frauen müssen sich aus der Herrschaftsumarmung westlicher Kultur wie aus der Unterdrückungsumarmung indigener Kulturen befreien. Unser Konzept gründet sich auf dem Prinzip der Paarbildung; männlich und weiblich ergänzen sich in allen Bereichen; Mann ist nicht ohne Frau denkbar. `Oben´ ist männlich, `unten´ ist weiblich. Wir haben den Vater Sonne und die Mutter Mond. Mensch und Natur sind eine Einheit. Deshalb können wir Menschen unser Tun nicht von dem trennen, was im Kosmos geschieht.

Kosmische Unordnung und Ausbeutung

Eine Störung im kosmischen Gleichgewicht und eine neue westliche Form der Ausbeutung sehen wir in der ESOTERIK. Ab 1990 bemerkten wir die Auswirkungen, als Weiße sogenannte Kraftplätze bei uns suchten und seltsame Sonnenriten auf den Gipfeln unserer Berge veranstalteten, wo unsere apus, unsere Schutzgötter, ihren Sitz haben. Und wir hören gleichzeitig von Indios, die in Europa mit `indianischen´ Riten und Tänzen usw. die emotionale und spirituelle Armut dort ausnutzen und befriedigen. Sie verdienen damit viel Geld und fügen den Teilnehmern und Teilnehmerinnen dieser Veranstaltungen und auch uns großen Schaden zu.

Indigene Spiritualität

Man kann sie schwer definieren, man muß sie leben. Es ist kein Haben von Wissen, sondern es ist das Leben von Wissen. Man kann die Spiritualität nicht abstrakt lehren; man erfährt sich als Energie und man lebt damit. Spiritualität gehört nicht zur `Antimaterie´; sondern sie ist bezogen auf das Leben; sie ist Körper und Seele; sie ist gobal. Unsere Weisen wissen um diese Grundlagen und helfen den Menschen, im Gleichgewicht mit dem Kosmos ( Gott) zu bleiben und der Natur zu bleiben.

Das große Problem innerhalb indigener Religionen heute besteht darin, daß sich viele Indios ins vorherrschende System integriert haben. Sie sind Individualisten geworden und sehen sich nicht mehr als Gemeinschaft, als Volk. Dies ist auch in den Gemeinden der Fall, deren Pastoralagenten sich zur Theologie der Befreiung bekennen. Da gibt es viele Herausforderungen. Ich bemühe mich als indigener Christ die Bibel aus meiner Realität heraus zu lesen, sie im Kontext unseres Glaubens zu verstehen. Dabei müssen wir gegenseitig die Beschränkungen unserer Sichtweisen, der westlichen und auch unserer, sehen und akzeptieren. Es geht nicht um einen Wettstreit, sondern um Ergänzungen- und dies auch im politischen Leben. Wir treten ein für multiethnische und plurikulturelle Gesellschaften.

Zu unserer Spiritualität gehören vier Aspekte:
Die Menschen setzen sich aus vier Elementen zusammen. Sie lassen sich durch ihre vier Farben darstellen:
Indigene Theologie

Wir unterscheiden, grob gesagt, drei Formen indigener Theologie. Da ist zunächst die christliche indigene Theologie, die von den Weißen und den Mestizen für die Indios ausgeübt wird, wenn sie zum Beispiel als Missionare unsere Musik und unsere Tänze in ihren christlichen Ritus einbauen. Dann gibt es die Form, die die getauften Indigenas, die indigenen Pastoralagenten ausüben, indem sie ihre eigenen Formen mit der christlichen Religion mischen. Schließlich haben wir die nicht-christliche indigene Theologie, die aus unserer eigenen Kosmovision entsteht.

Die Untersuchungen über unsere indigenen heiligen Traditionen sollen von uns gemacht werden und nicht von Außenstehenden. Diese können uns bei dieser Arbeit unterstützen. Internationale Organisationen und christliche Kirchen sollen diese Arbeit, aber auch Treffen zum Austausch über indigene Religionen finanziell unterstützen. Eine solche Unterstützung ist eine moralische Pflicht auf dem Weg zur Wiedergutmachung der angerichteten Zerstörung.

Gebet zum Gott des Lebens

Vom Osten kommt der Sonnenaufgang,
der Tag, die Hoffnung, die Stärke, die Wärme und das Wachstum

Der Westen erinnert uns an den Tod der Sonne,
das Eintreten der Nacht, die Ruhe, die Intimität, an Ruhe und Träume

Die kalten Winde des Nordens bringen den Frost, der die Ernten zerstört.
Vom Norden kommen die Gedanken der Eroberer
mit dem Netz des Todes, das uns unterdrückt und versklavt.

Der Wind des Südens bringt uns näher an die Schwelle der Hoffnung
unserer Völker, an die Stärke derjenigen, die leiden, an die Einheit der Kleinen,
an die Utopie derjenigen, die das Leben und die Freiheit lieben.

Das Schauen zur Mitte bringt uns das Bewußtsein unseres Selbst zurück.
Das Schauen auf unsere Brüder und Schwestern erneuert in uns die Liebe
und die Solidarität.

Wir sind nicht allein, wir sind Viele.
Gehen wir zusammen - hin zur Neuen Welt.

Wir wollen frei sein

Es ist mir wichtig zu betonen, daß wir frei sein wollen: Wir wollen den Dialog und keine Verhandlungen. Ich selbst bin Christ, aber ein indigener Christ mit meiner eigenen Spiritualität und einer Kosmovision. Ich kann und will mit unserem kulturellen Reichtum einen Beitrag in dieser Welt leisten. Ich bin kein leeres Gefäß, das von außen gefüllt werden muß.

Folgende Frage, die immer häufiger gestellt wird, ist gutgemeint, aber falsch:
Was können wir Indigenas für die christlichen Kirchen heute beitragen?
Dies ist die Frage eines Unterdrückers an die Unterdrückten.
Anders ist zu fragen: Was können die Christen für die Indios tun?
Und die Antworten sind sehr konkret:
Übersetzung: Heinz Schulze

  
Sixta Dorotea Yucra, Perú

El grito de la flor color tierra Der Schrei der erdfarbenen Blume
De dónde vienes y a dónde vas? Woher kommst Du und wohin gehst Du?
Agar, india americana, vuelve! Hagar, amerikanische India, komm zurück!
hija de aborigen, flor de la tierra
de dónde eres? No huyas mujer.
Tochter der Eingeborenen, Blume der Erde,
woher bist Du? Flieh nicht, Frau!
Tu ausencia es enfermedad,
tu silencio es muerte.
Dein Fehlen ist Krankheit,
Dein Schweigen der Tod.
Flor oscura de color tierra,
vuelve a nosotros, no huyas.
Dunkle, erdfarbene Blume,
komm zu uns zurück, flieh nicht!
Madre india, tu raiz era Mamapacha,
eras luz, eras vida, hija de dioses.
Hija del padre sol y Mamakilla.
Mutter India, Deine Wurzeln waren Mamapacha,
Du warst Licht, warst Leben, warst Tochter der Götter,
Tochter von Vater Sonne und Mamakilla.
Estás convertida a la sumisión? Bist Du zum Gehorsam gezwungen?
Te han convertido a la raza y a la ley blanca? Haben sie dich der weißen Rasse und dem weißen Gesetz unterworfen?
Te alimentaron del complejo, discriminación y odio? Haben sie Dich mit Komplexen, Diskriminierung und Haß ernährt?
Te culparon de hija de nadie? Haben Sie Dich als niemands Tochter beschimpft?
Hermana nuestra, ven! Komm, unsere Schwester!
Juntas busquemos la libertad. Laß uns zusammen die Freiheit suchen!
Con nuestras manos creemos la justicia,
construyamos la vida.
Mit unseren Händen laß uns Gerechtigkeit schaffen,
das Leben formen!
Chasca Lucero, de la aurora ven! Chasca Lucero, Strähne des Morgensternes, der Dämmerung, komm!
Saquemos a otras, del lagar de la opresión bestial. Gemeinsam holen wir noch andere aus den Kellern der
unmenschlichen Unterdrückung heraus!
Flor silvestre, levántate,
toma la bandera del amor y paz.
Wilde Blume, steh auf,
ergreife die Fahne der Liebe und des Friedens!
Hija del sol, ven! Tochter der Sonne, komm!
Juntos elaboremos pan de la vida
para los ninos pobres de América India y del mundo!
Zusammen wollen wir das Brot des Lebens backen,
für die armen Kinder des indianischen Amerikas und der Welt!


Sixta Dorotea Yucra, Perú Übersetzung: Christine Rösener






Bärbel Fünfsinn

Töchter der Sonne: Feministische Befreiungstheologie in Lateinamerika

Angeblich soll die Befreiungstheologie ja schon fast tot sein, so kann man immer wieder hören und lesen. Basisgemeinden gebe es kaum noch und die Befreiungstheologie habe sich schon so sehr von der Basis entfernt, daß sie keine Massen mehr berühre. Die Armen, für die in der Befreiungstheologie eine Option getroffen wurde, hätten sich nun ihrerseits für die Pfingstkirchen entschieden. Es stimmt: Die neuen religiösen Bewegungen verzeichnen ein rasantes Wachstum. Allerdings hat die Befreiungstheologie zu keiner Zeit Massen mitgerissen. Nichtsdestotrotz lebt die Befreiungstheologie! - besser gesagt: Es leben die verschiedenen Befreiungstheologien. Es gibt nämlich nicht die eine Befreiungstheologie, mit der viele von uns Ernesto Cardenal (Nicaragua), Leonardo Boff (Brasilien) und Gustavo Gutierrez (Peru) verbinden - die Vätergeneration.

Seit den 80er Jahren hat sich einiges bewegt und neue befreiungstheologische Ansätze haben sich entwickelt. Da sind besonders die indianischen und die feministischen Richtungen zu nennen. Mit dem wachsenden Selbstbewußtsein der indianischen Völker Lateinamerikas ist eine Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln einhergegangen und die Erkenntnis, wie wichtig es ist, die alten indianischen Weisheiten wiederzuentdecken. So gibt es christliche Theologen und Theologinnen, die zugleich ihre indianischen Traditionen pflegen.

Wurde und wird in der Befreiungstheologie von der Option Gottes für die Armen gesprochen, so betonen die indianischen Völker und die Frauen deutlich, daß nicht alle Armen einander gleich sind. Es ist ein Unterschied, ob ich ein armer Campesino (Landarbeiter) bin, eine Campesina (Landarbeiterin), die noch schlechteren Zugang zu Land und Krediten hat, oder ob ich eine Angehörige der Guaraní in Brasilien bin, die ganz elementar um ihre Existenzberechtigung kämpfen muß.

In diesem Artikel soll es im Weiteren um die feministische Befreiungstheologie gehen, die in ihrer Entstehung eng mit der aktiven Rolle der Frauen in den Volksbewegungen der 60er und 70er Jahre gegen die ungerechten Regierungssysteme zusammenhängt.

Die Frauen begannen, sich in dieser Zeit selbst als Subjekte der Geschichte zu begreifen, nicht zuletzt auch als geschichtliche Subjekte der Befreiung. Dieser Schritt war grundlegend für die Entstehung eines feministischen Bewußtseins. Damit einher ging jedoch auch die Analyse der frauen-unterdrückenden Strukturen, die in der Kritik an der ausbeuterischen Wirtschaft und der politischen Repression höchstens am Rande Thema war. Die Frauen erkannten, daß sie "doppelt" oder "dreifach" Ausgebeutete waren - als Arme, als Frau und als Indianerin oder Schwarze. Trotz Revolutionen litten sie weiterhin unter festgefahrenen Mustern in den Gesellschaften, die dafür sorgten, daß Frauen im Hintergrund oder unsichtbar blieben.

Das folgende Gedicht von Mijele Najlis (Nicaragua) zeugt von der Kraft des Aufbruchs, die Frauen zu Beginn der Frauenbewegung - und auch heute vielfalls - zu eigen war:

Töchter der Sonne

Wir, die Töchter der Sonne,
die wir in die Schatten der Dämmerung schreiben,
die wir die Nacht entlang wandern
und im Lichte des Morgens wieder auftauchen,
Barfüßige im Schoße der Erde
säen wir auf den Feldern
und backen das tägliche Brot,
die wir die Sprache des Windes kennen
und gelernt haben, mit den Flügeln der Vögel zu fliegen,
die wir Lagunen im Blut haben
und unseren Körper mit Vulkanen bedeckt,
die wir es regnen sehen haben
auf die trockene Erde
und die müden Gesichter,
die wir die Intensität eines Blickes gesehen haben,
die wir die Falten der Alten gezogen haben
die wir das Brot mit unserem eigenen Blut geweiht haben
Wir zerreißen die Ketten
und machen uns auf den Weg

Für die feministische Theologie hieß das: Gottes Parteinahme für die Armen ist immer eine Option für die armen Frauen. Dona Nilda, eine Campesina aus Nordostbrasilien, hat das (1984) so formuliert: "Seit dem Tag, an dem ich verstanden habe, daß Gott auf uns setzt, auch auf mich, eine schwarze, schwache und unterdrückte Frau, gibt es nichts, was mich aufhalten könnte im Kampf um Befreiung. Denn ich weiß, daß Gott und sein Volk die Pharaonen von ihrem Thron stürzt."

Feministische Befreiungstheologie in Lateinamerika zielt auf die Befreiung der "excluídos" und "excluídas" - derjenigen, die aufgrund von materieller Armut, ihres Geschlechtes und / oder ihrer Hautfarbe und kulturellen Tradition nicht als vollwertige und gleichberechtigte Mitglieder in den jeweiligen Gesellschaften integriert und respektiert sind. Dabei betont die feministische Theologie ihre Frauen-Perspektive und wendet sich gegen jeglichen Androzentrismus, der immer noch die verschiedensten gesellschaftlichen Bereiche - eben auch die Kirche und die (Befreiungs-) Theologie - durchdringt.

In jüngster Zeit sind feministisch theologische Entwürfe - der "ganzheitliche Ökofeminismus" - entstanden, die den Rahmen des Christlichen überschreiten, die auf den Menschen zentrierte Theologie überwinden und zu einer Verbundenheit mit der Natur und dem Kosmos gelangen wollen.

Kennzeichen der feministischen Befreiungstheologie

Folgende Kennzeichen beschreiben die feministisch theologische Arbeit der Frauengruppen, die in den Städten und auf dem Land betrieben wurde und wird und die sich nie nur auf rein akademische Zirkel beschränkt. (Immerhin gab es 1994 schon 30 Theologiedozentinnen, von denen zwei einen Lehrstuhl in feministischer Theologie innehatten - einen Lehrstuhl, den frau an deutschen Universitäten mit Mühe finden kann.)

1. Vom Alltag für den Alltag

Feministische Befreiungstheologie wird immer von den eigenen alltäglichen Erfahrungen aus betrieben und soll in den Alltag hinein sprechen: "Frauen erzählen ihre Geschichten. Sie breiten ihr Leben aus.... So viele Geschichten...! Im Alltag immer wieder von der Geschichte ignoriert, auch von der Theologie. Wir machen Geschichte! Wir machen Theologie im nicht selten brutalen Alltag... Wir rennen vom Schreibtisch zum Herd, von den Töpfen zu den Kindern, von der Bibel zur dreckigen Windel, vom Besuch eines Sterbenden zum Bett des Ausruhens und der Lust. Theologie mitten in unserem zerstückelten, fragmentierten Leben, aber dennoch voll von Augenblicken."

Abstrakte Reden von "dem Leben" oder abstrakte theologische Konzepte, die mit der Realität in scheinbar keiner Verbindung stehen, sollen vermieden werden. Theologie soll zu den zentralen Bereichen des Lebens verständlich sprechen. Dafür genügt es nicht, eine rationale, theo-logische Sprache anzuwenden. Um von dem Geheimnis des Lebens, von dem Geheimnis Gottes, angemessen zu reden, ist die Sprache der Poesie nötig, müssen in Feiern Symbole und Riten benutzt werden, die aus dem Leben der Frauen heraus entwickelt werden.

2. Die Norm ist das Heute

Frauen, die sich als feministische Theologinnen verstehen, bleiben nicht allein deshalb in der christlichen Tradition, weil sie mit ihr aufgewachsen sind. Sie gehen davon aus, daß diese Tradition für ihre Gegenwart Wichtiges zu sagen hat; gleichermaßen setzen sie auch voraus, daß Gott Befreiung für Männer und Frauen will und einen absoluten Respekt vor dem Leben hat. Letzteres heißt für sie, daß der Gott der Jüdinnen und Christinnen ein Leben in Würde für alle Menschen will sowie für die gesamte Schöpfung.

Die Traditon wird auf ihre Bedeutung für das Heute hin befragt und wird je nach der aktuellen Situation umgestaltet - verändert und erneuert -, so daß sie das Engagement der Frauen heute für eine gerechte Welt fördert.

3. Offenheit für die Vielfalt und Widersprüchlichkeit des Lebens

Es gibt im Leben nicht nur schwarz und weiß oder richtig und falsch, auch nicht in der Theologie. Feministische Theologie bemüht sich um Offenheit in ihrer Wahrnehmung dessen, was das Leben ausmacht. Solange diese Offenheit gewahrt bleibt, besteht nicht die "Gefahr", neue Dogmen zu errichten, die noch dazu oft einen exklusiven Charakter annehmen.

Ivone Gebara, brasilianische Theologin, vertritt ganz vehement diese Haltung. Sie weiß, wovon sie redet, denn die katholische Hierarchie hat ihr 1995 für ein Jahr einen "Maulkorb" verordnet - wie seinerzeit Leonardo Boff - als sie es öffentlich wagte, Abtreibung unter bestimmten Umständen als gerechtfertigt zu betrachten.

Phasen in der Entwicklung der feministischen Befreiungstheologie

Die Entwicklung der feministischen Befreiungstheologie läßt sich grob in drei Phasen gliedern, "die aufeinander aufbauen, parallel zueinander laufen, einander ergänzen und erweitern. Sie sind nicht klar chronologisch voneinander abzugrenzen, aber sie markieren wichtige Meilensteinen und Schritte auf dem Weg der lateinamerikanischen Theologinnen."

1. Entdeckung des Subjektseins

Es ist die aufregende Zeit der Volksbewegungen. In ihnen organisieren sich Bauern und Bäuerinnen, ArbeiterInnen, die Initiativen, linke Parteien und Solidaritätsgruppen aller Art organisieren. Sie leisten weiterhin Widerstand, der schon in den sechziger Jahren begonnen hat. Die von neuem an die Macht gelangten Militärs gehen repressiv und mit viel Gewalt gegen sie vor. Frauen und Männer verschwinden und werden gefoltert. Durch ihre Beteiligung an den revolutionären Kämpfen beginnen die Frauen ihren eigenen Raum in den Volksbewegungen und innerhalb der Gesellschaften einzufordern. Sie erkennen zunehmend, daß die Strukturen, die die Gesellschaft in allen Bereichen bestimmen - auch in der Kirche und der Theologie - von Männern geprägt und dominiert sind.

Eine kritischere und veränderte Bibellektüre trägt wesentlich dazu bei, Vergessene(s) in der christlichen Tradition wieder ans Licht zu holen. Frauen wie Debora und Jael im Ersten Testament (Richter) oder auch Judith (Judith), die wie viele Lateinamerikanerinnen sogar mit Gewalt für die Befreiung ihres unterdrückten Volkes kämpften, gewinnen an Bedeutung. Die Geschichte der ägyptischen Sklavin Sarahs, Hagar (Genesis 16 und 22), eine mehrfach unterdrückte Frau, wird wichtig. Hagar erfährt Gottes Unterstützung und verläßt die Sklaverei. Die Prophetin Miriam (Exodus), die ihrem Bruder Mose zur Seite steht bei dem Auszug des Volkes Israel aus Ägypten, wird neu beachtet und einige Frauen mehr im Ersten und Zweiten Testament. Besonderes Interesse liegt nach wie vor auf Maria, der Mutter Jesu, die nun als arme Campesina begriffen wurde. Maria, die Jesus im Sinne ihres revolutionären Glaubens erzogen hat - "Gott stößt die Gewaltigen vom Thron und erhöht die Niedrigen" (Lukas 1,52) -, wird zu einer Mit-Befreierin der Menschen.

Durch das Hervorholen der Frauengestalten in der Bibel erfährt die Welt der Frauen, ihre Erfahrungen, ihre Sorgen und Freuden eine neue Wertschätzung. Frauen sind nicht länger die Anhängsel der Männer, sondern sie betrachten sich als die "Subjekte" ihrer Geschichte und die ihrer Völker. Die Bibellektüre in dieser Zeit ist volksnah und militant. Sie "muß befreiend sein und die Wirklichkeit verändern.(...) Es werden nur die Texte gelesen, die über Befreiung sprechen und dann auf die Situation von doppelt unterdrückten Frauen angewendet werden können."

In einem "credo historico", einem historischen Glaubensbekenntnis, das 1992 anläßlich des 500 Jahrestages der Eroberung Lateinamerikas in einem Gottesdienst gesprochen wurde, heißt es dazu: "Wir glauben an die Frauen, die anfangen, die Bibel mit den Augen und dem Herzen von Frauen zu lesen, indem sie die ganze machistische und patriarchale Last, die die christliche Tradition der Bibel auferlegt hat, beiseiteräumen."

Die ganze patriarchale Last bzw. den patriarchalen Charakter der Bibel kann niemand wegräumen, dann müßte man oder frau schon die Bibel beseitigen, die nun mal von Männern geschrieben wurde. Vielleicht standen jedoch die VerfasserInnen dieses Credo so unter dem Eindruck der wiederentdeckten Frauengeschichten in der Bibel, daß sie auf eine patriarchatsfreie Bibel hofften.

Mit den Frauen der Bibel, besonders mit denen, denen Leid zugefügt wurde, können sich viele Lateinamerikanerinnen leicht identifizieren. Die "starken" Frauen der Bibel verkörpern darüberhinaus ihre Hoffnungen auf ein Leben als "Aufgerichtete" (vgl. Lk 8), ein Leben in Würde. Allerdings werden die patriarchalen Stukturen, in denen sich die biblischen Frauen bewegten und die lateinamerikanischen Frauen selbst auch, nicht grundsätzlich hinterfragt. Das geschieht erst in der nächsten Phase.

2. Feminisierung der theologischen Entwürfe

Neue Arten des theologischen Redens werden von Frauen gefordert. Eine Theologie von Frauen - das Wort feministisch wird erst langsam akzeptiert - muß anders sein als die der Männer, "weil Frauen aus mehreren Gründen andere Erfahrungen machen und eine andere Weltsicht haben: aus kulturellen, biologischen und geschichtlichen Gründen... [Die Frauen] versuchen, die weiblichen Elemente des Redens von Gott wiederzuentdecken. Sie stellen den klassischen theologischen Diskurs in Frage, der nur analytisch, streng rational und logozentrisch ist ".

Frauen möchten sich auch angesprochen und vertreten fühlen, wenn von Gott, Jesus, dem heiligen Geist etc. die Rede ist. Die weibliche Dimension der theologischen Inhalte soll in Zukunft nicht mehr ausgeklammert werden.

Es sind die 80er Jahre, in denen Mittelamerika zum "Zentrum des Kontinents" wird. Die SandinistInnen waren in Nicaragua an der Macht. In Guatemala und El Salvador wurde weiterhin Krieg geführt, während die Diktaturen im Süden an Einfluß verloren. Die USA setzte ihre Repressionen mit Hilfe der Strategie des Low Intensity War (Kriegsführung mit niedrigerer Intensität, d.h. weniger offensichtliche Gewalt). Frauen haben sich in diesem Jahrzehnt höhere Plätze in den Volksbewegungen und den Kirchen erkämpfen können. Ebenso erheben andere Gruppen wie die Schwarzen und die Indígenas (IndianerInnen) ihre Stimme.

"Frauen drängen darauf, daß wir nicht nur eine Praxis der Gerechtigkeit, sondern auch eine Zärtlichkeit brauchen, um die Gefolterten und die Mütter der Verschwundenen zu trösten und die leidenden Frauen mit solidarischer Liebe zu begleiten."

In dem Bemühen um ein verändertes Reden von Gott entstand in einem kolumbianischen Frauenkollektiv folgendes Glaubensbekenntnis:

"Ich glaube an Gott,
Schöpferin des Himmels und der Erde.

Ich glaube an Gott als Vater und Mutter,
Trägerin der Zärtlichkeit und des Verzeihens,
der Kraft und der Hoffnung für alle Armen der Welt.

Ich glaube an das Wort und die Kraft des Lebens,
das in Gott seit Beginn des Lebens existiert,
eines Lebens, das Gott erfüllt und schön sehen will.

Ich glaube, daß es Gottes eigentliche Identität ist,
ein Gott der Armen zu sein, Beschützer der Schwachen,
der Herr und die Kraft des Volkes zu sein.

Wir glauben an Gottvater und Gottmutter,
Geist des Lebens, Spenderin der Zärtlichkeit
und des Widerstandes, des Mutes und der Solidarität."

Die Geschichte Jesu und sein Leiden wird in engem Zusammenhang mit den eigenen Leidenserfahrungen gesehen. Er hat das durchlitten, was vielen Menschen in Lateinamerika vertraut ist. Es entstehen Holzkreuze oder Bilder von Kreuzen, auf denen Frauen im Zentrum abgebildet sind.

Sie symbolisieren das Leiden der Frauen und machen damit deutlich, daß die Passion Jesu nicht einzigartig war. Gleichzeitig fallen diese Kreuzdarstellungen durch ihre Farbenpracht auf und ihre lebensbejahenden Bilder: Frauen, die auf dem Land arbeiten, die Kinder stillen und Unterricht erteilen - "befreite" Frauen in ihrem Alltag.

In der Bibellektüre beginnen die Frauen, sich mit den patriarchalen und frauendiskriminierenden Texten auseinanderzusetzen. Sie "kämpfen dabei auch gegen bisherige Textauslegungen, die in der Regel patriarchaler sind als die Texte selber."

Bei Texten, die keine Chance bieten, neu gelesen werden zu können und nach wie vor frauenfeindlich sind, nehmen sich die Frauen die Freiheit, sie nicht länger als normativ für ihr Leben zu betrachten.Kriterium für den Umgang mit Texten der Bibel ist die Frage, inwieweit sie Frauen im Engagement für ein befreites Leben fördern oder nicht.

In dieser zweiten Phase macht die Entwicklung der feministischen Befreiungstheologie einen großen Sprung und gewinnt Profil. Es hängt von dem eigenen Standpunkt ab, ob frau die kritische Anmerkung teilt, daß diese Phase dennoch nicht den dualistischen und patriarchalen Rahmen der Theologie sprengt.

Es wird weiter von einem Gottvater oder einer Gottmutter gesprochen, der/die sich oberhalb der Menschen befindet - sicher auch in ihnen -, der/die allwissend und vielleicht auch allmächtig ist. Die Trennungen zwischen oben und unten, Mensch und Natur werden nicht aufgehoben.

3. Ganzheitlichkeit

Diese Phase ist noch sehr jung und hängt mit der Krise unserer Zeit zusammen. Absolute Wahrheiten scheint es nicht mehr zu geben. Alte "Welterklärungen" kommen an ihre Grenzen angesichts der wachsenden Probleme, die die ganze Welt bedrohen, wie z.B. die ansteigende Armut und die damit einhergehende Verelendung von immer mehr Menschen sowie die voranschreitende Zerstörung der Lebensgrundlagen für alle.

Feministische Theologinnen kritisieren, daß ihre Theologie die patriarchale und dualistische Denkweise nicht hinter sich gelassen hat, die mitverantwortlich ist für die Zerstörung der Natur und das Leiden so vieler Menschen - vornehmlich der Frauen und Kinder auf der südlichen Erdhalbkugel.

Politisch ist mit dem "Fall der Mauer" 1989 eine veränderte Situation eingetreten. Der Kapitalismus kann sich in seiner "vollen Kraft" entfalten und muß sich keine Schranken mehr auferlegen, "er kann definitiv von sich behaupten, die einzige Lösung zu sein und sich als solche durchsetzen.

So entsteht ein totalitärer Kapitalismus, der ungezügelt und brutal ist... Die Dritte Welt hat keine andere Alternative als sich zu unterwerfen oder unterzugehen." Die Ideologie des Marktes wird alles bestimmend und fordert in Form von sogenannten Strukturanpassungsprogrammen große Opfer von den armen Ländern.

Die Theologin Ivone Gebara fordert eine komplette Rekonstruktion der Theologie und nennt diese Phase "ganzheitlichen Ökofeminismus". Durch einen ganzheitlichen Ökofeminismus, in dem die "normalen" Dualismen und Hierarchien überwunden sind und demgegenüber die Verbundenheit alles Lebendigen betont wird, können Wege gefunden werden, die den Menschen helfen, ihre "Mission" heute zu erfüllen: alles dafür zu tun, daß Leben auf unserem Planeten lebenswert ist und bleibt.

Im Ökofeminismus rücken die Beziehungen, die zwischen allem, was lebt, existieren ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Alle sind mit allem verbunden und können nicht ohne einander sein. Das heißt für die Menschen, daß sie Teil der Natur und des Kosmos sind und nicht deren BeherrscherInnen.

Niemand ist minderwertig, sondern "der andere bin auch ich, der Körper der anderen ist auch mein Körper". Die Verwandtschaft zwischen allem Lebendigen wird hervorgehoben, durch die neue Formen der Beziehungen entstehen können, Formen, die nicht hierarchisch sind und die zum Überleben beitragen.

"Wir sollten anfangen, unsere Straßen als unsere Körper zu empfinden, das Wasser, das wir trinken und die Luft, die wir atmen wie unsere eigenen Körper spüren, unsere Nahrung. Wir sollten den Hunger von anderen stärker als eigenen Hunger empfinden, die Arbeitslosigkeit von anderen als unsere Arbeitslosigkeit. Verstehe, daß all dies verknüpft ist mit einem neuen kollektiven Verständnis von sozialer Gerechtigkeit."

Ivone Gebara als exponierteste Vertreterin des Ökofeminismus lehnt alte theologische Denkschemata ab. Sie möchte den Anthropozentrismus hinter sich lassen und von der "tiefen Relationalität des Menschen in Gemeinschaft mit allem, was existiert" ausgehen.

In diesem Denkansatz leben Menschen, Tiere und Pflanzen durch und mit derselben göttlichen Energie, die in allen fließt und sie erhält. Gott ist nicht länger ein omnipotenter Herrscher oder ein von der Schöpfung losgelöstes Wesen, das unabhängig für sich existiert. Gott ist die Macht von unten, die mitten unter den Menschen und in allem Lebendigen wohnt und deshalb nicht zu trennen ist, von dem, was Menschen erfahren, fühlen und tun.

"Wir alle müssen die Kühnheit aufbringen Gott bzw. die Göttin auf andere Weise zu ‘spüren’ und ‘zum Ausdruck zu bringen’, die Intuitionen, die in uns wohnen, einander mitzuteilen, das andere rings um uns herum zu begrüßen und unsere größten Hoffnungen gemeinsam mit Tausenden und Abertausenden von Menschen zu pflegen."

Und dennoch geht das Göttliche nicht im Menschlichen allein auf, weist immer auch darüber hinaus. Das Geheimnis, in dem alles lebt, das Wunder des Lebens, ist nicht vollständig erklärbar, und es ist wichtig, darüber zu staunen und sich dem "göttlichen" Geheimnis anzuvertrauen.

In Bezug auf Jesus und Maria, die beide - zumindest für die katholischen ChristInnen - ErlöserInnen darstellen, erläutert Ivone Gebara, daß sie Ausdruck tiefster menschlicher Wünsche sind. "Jesus, der Christus, Maria, die Erlöserin, sind unser Siegeslied, sind die Hoffnung, die immer wieder neu geboren wird, sind der unsterbliche Wunsch nach Gerechtigkeit, sind Symbole der unauslöschbaren Leidenschaft für die L i e b e."

Der christliche Glaube wird im ökofeministischen Denken, dem zur Zeit im wesentlichen akademische Theologinnen anhängen, als ein möglicher Schlüssel zu einem erfüllten Leben angesehen. Daneben gibt es auch andere.

Trotz der Unzufriedenheit mit dem androzentrischen Charakter der Bibel bleibt diese ein wichtiges Buch. In ihm sind Erfahrungen von Menschen gesammelt, die sich genauso wie Menschen heute, nach einem Leben in Gerechtigkeit und Würde sehnten.

Die Texte werden deutlicher als vorher auf Geschlechterbeziehungen hin analysiert und darauf hin befragt, ob sie für das Leben sprechen. Themen wie Alltag oder Körperlichkeit werden selbstverständlicher und ganz selbstbewußt in die theologische Arbeit mit einbezogen. Bisher weniger beachtete Bibeltexte finden neue Beachtung, wie z.B. das Hohelied, in dem es um die Schönheit der körperlichen Liebe geht.

Dazu zitiere ich Nancy Cardoso Pereira, eine brasilianische Alttestamentlerin,
die in ansprechender, sinnlicher und freier Weise das Hohelied ausgelegt hat:

"Die christliche Tradition, wie sie uns in Lateinamerika geprägt hat, ist immer ein effizientes Werkzeug der Unterdrückung von Sexualität und den Ausdrucksformen der Liebe gewesen. Dies ist nicht nur ein Privileg der konservativsten Kreise unserer Kirchen, sondern eine moralische Scham, die auch von den fortschrittlichsten Gruppen geteilt wird (...).

Als wenn in der Liebe und in dem Kuß, in der Sexualität und in der Sehnsucht, in der Eifersucht und im Hand-in-Hand-Gehen nicht auch Inspiration und Grund für Gebete und Danksagungen, Sündenbekenntnisse und Reue, Fasten und Nachtwachen, Nachdenken und Segen lägen. Auch in der Bibelarbeit kommen Liebe und Sexualität nicht vor. Als wenn die Texte der Bibel nicht vom Schweiß vieler Liebenden getränkt wären!

Gerade weil die Bibel die Erinnerung der Armen ist, eingebrannt in die hoffnungsvollen und kämpfenden Körper von Männern und Frauen, eingebrannt auch in ihre Beziehungen, gerade deswegen lebt die Heilige Schrift von den Erfahrungen und Gesprächen der Liebenden.

Aber die Bibelinterpretation ist lange Zeit von den mächtigen Männern der Kirche und der Welt des Wissens kontrolliert worden. Deswegen ist aus der Bibel ein Lehrinstrument der Unterdrückung und der Moral geworden, ein Kanon von verpflichtenden Tugenden, der Schweigen und Gleichgültigkeit gegenüber dem Gedächtnis der Armen und den subversiven Texten fordert, die doch eigentlich in allen Bereichen des Lebens befreiend sind - auch in der Liebe."

Am Ende ihrer Einleitung zum Hohenlied fragt sie provokativ:

"Vielleicht sind ja auch die Methoden der Exegese und der Hermeneutik zum Orgasmus fähig? Oder müssen wir uns mit der wissenschaftlichen Frigidität zufrieden geben, die sich auf die bloße Forschung beschränkt?"

Zum Schluß

In der Beschäftigung mit feministischen theologischen Arbeiten aus Lateinamerika spürt mensch, daß es eine lebendige Theologie ist. Lebendig, weil der Alltag selbstverständlich einbezogen wird, die unterschiedlichen Lebensbereiche nicht ausgespart sind und auf dem Hintergrund der gesammelten Erfahrungen wieder in die eigenen Wirklichkeit hineingesprochen wird.

Es geht weniger darum, richtige intellektuelle Wahrheiten zu erarbeiten als vielmehr darum, die konkrete Realität von lateinamerikanischen Frauen, aber auch Männern und Kindern natürlich, kritisch wahrzunehmen und sie zu verändern.

Die Leidenschaft in den Texten, die Liebe zum Leben und zu den eigenen Leuten, das Ringen um frauengerechte Gesellschaften rührt an und wirkt ansteckend. Theologie muß und darf nicht abstrakt, objektiv und somit trocken, lebensfern und systemerhaltend sein. Befreiungstheologie bedeutet, Partei zu ergreifen und das nicht zu verheimlichen, sondern es laut und deutlich werden zu lassen.

Deutsche feministische Theologinnen, aber auch alle diejenigen, die in Verbindung mit christlicher Theologie stehen, können sich von den Schwestern in Lateinamerika dazu inspirieren lassen, mehr Poesie, Kunst und Kreatives in ihr theologisches Arbeiten aufzunehmen und diese als wichtige Elemente einer lebendigen Theologie, neben Wissenschaftlichem und Logischem, zu begreifen. Das hätte und hat schon sehr belebende Auswirkungen auf die Gestaltung von Gottesdiensten, Seminaren und Unterrichtsstunden.

Genauso ermutigen die Lateinamerikanerinnen dazu, die eigene Körperlichkeit nicht zu vergessen. Die geschlagenen und die geschundenen Körper sowie die tanzenden und die Körper voller Lust gehören mitten hinein in die Theologie und weisen darauf hin, daß Gerechtigkeit auf der eigenen Haut spürbar sein muß.

In ihrer deutlichen Suche nach frauenbefreienden Strängen in der christlichen Tradition benennen sie klar, was sie als unterdrückend und nicht weiter beachtenswert für ihren Kampf und ein Leben in Würde betrachten. Der Austausch darüber kann für Frauen in Lateinamerika und hier sehr fruchtbar sein, weil sie neben ähnlichen Bewertungen auch zu unterschiedlichen Erkenntnissen kommen, abhängig von ihren Kontexten.

Spannend ist die Weiterentwicklung einer ökofeministischen Theologie, die auch in Deutschland noch in ihren Anfängen steht. Sie weist m.E. in eine Richtung, die für eine überlebensfähige und "nachhaltige" Theologie maßgeblich ist. Die Vernetzung derjenigen Frauen und Männer dort und hier, die daran arbeiten, ist sicherlich sehr bereichernd. In den verschiedenen Begegnungen mit lateinamerikanischen Frauen beeindruckt mich immer wieder ihre Fähigkeit, an der Hoffnung auf eine bessere Zukunft festzuhalten - trotz allem - und ihr Wille, das Leben zu feiern, mitten im Dreck. In all den Schwierigkeiten, die Frauen in Lateinamerika in ihrem Alltag zu überwinden haben, versuchen sie, die Freude am Leben, an der Gemeinschaft und den kleinen Schönheiten nicht zu verlieren, sondern sie auszudrücken. In einem brasilianischen Lied heißt es dazu:

"Wer diese Fähigkeiten auf seiner Haut trägt, besitzt die seltsame Manie, in das Leben zu vertrauen." Das können wir hier gut gebrauchen.

 

Wolfram Weiße

Der Kampf um eine gerechte Gesellschaft.

Die Vision des Reiches Gottes in südafrikanischer Befreiungstheologie.

"Zum Schluß möchte ich die schwarze Geistlichkeit wie auch alle Schwarzen daran erinnern, daß es nicht Gottes Art entspricht, vom Himmel herabzusteigen, um die Probleme der Menschen auf Erden zu lösen." Kein Geringerer als Steve Biko, der in Südafrika eine Schlüsselstellung für die auf Befreiung gerichtete Black-Consciousness-Bewegung einnahm, hat als junger Mann diese Worte an das Ende einer Rede gesetzt, in der er vor einem Publikum von Theologen scharf mit der Ideologie einer auf Individualisierung und Unterwürfigkeit gerichteten kirchlichen Praxis ins Gericht ging.1

Steve Biko, der seinen konsequenten Einsatz gegen die Apartheid 1977 mit dem Leben bezahlte, rührte mit seiner Kritik an die Diskrepanz, die sich zwischen grundlegenden, auf Befreiung gerichteten Impulsen des Ursprungs im Christentum und seinen institutionalisierten Formen im Zusammenhang mit sozio-politischer Unterdrückung ergeben können.

So unmißverständlich seine Kritik an den deformierten Formen von Kirchen, die den Rassismus in seinem Land stützten, war, so entschieden arbeitete er mit Christen und christlichen Institutionen zusammen, die wie er für eine Überwindung der Apartheid eintraten. Steve Biko wurde damit zum Anwalt von Hoffnung auf Befreiung, der die politische Dimensionen des Kampfes gegen Unrecht mit dem Potential einer Hoffnung gegen täglich erfahrene Hoffnungslosigkeit zusammenhielt.

Der folgende Beitrag nimmt den zentralen christlichen Terminus für eine solche auf Befreiung gerichtete Hoffnung auf: Reich Gottes. Im einleitenden Teil wird eine Vorklärung des Symbols zu geben versucht. Im Hauptteil werde ich auf Ansätze im Verständnis von Reich Gottes in Südafrika eingehen und dabei auch die Ambivalenzen des Spannungsfeldes von Befreiung und Unterdrückung berücksichtigen, denen sich dieser Begriff dort ausgesetzt sieht.

Im Schlußteil werde ich eine kurze Auswertung zu geben versuchen, die einige der von den Herausgebern dieses Buches angesprochenen Kernprobleme aufnimmt, nämlich die nach der Dialektik von Herrschaft und Befreiung, nach der Korrelation von Engagement und Theologie und der Frage nach der "Option für die Armen" oder der "Option für den Anderen".

I. Die Vision des Reiches Gottes: Hoffnung gegen Hoffnungslosigkeit2

a) Hoffnung ist nicht Ersatz für die aktive Bekämpfung von Unterdrückung. Hoffnung und Engagement gehören vielmehr zusammen. Dies wußte Steve Biko, dies brachten Bauern bei einem gewaltfreien Protest in Gorleben mit dem Transparent "Wer nicht zu träumen wagt, hat keine Kraft zu kämpfen" zum Ausdruck, und dies vermittelt uns auch Paulo Freire in dem folgenden Satz: "Der Versuch, im Kampf um die Verbesserung der Welt ohne Hoffnung auskommen zu wollen, als ob dieser Kampf allein auf geplante Handlungen oder auf eine rein wissenschaftliche Herangehensweise reduziert werden könnte, ist eine frivole Illusion." Im Christentum bildet die Verbindung von Hoffnung und Gerechtigkeit einen grundlegenden Impuls, der sich in der Bibel an vielen Stellen findet.

Die Visionen des Alten Testaments und die Zusagen des Neuen Testaments drängen auf befreiende Alternativen: "Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen..." (Jes. 11,6) und: "Er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, daß sie frei sein sollen..." (Jes. 61,1 und Lukas 4,18), oder: "Selig sind die Armen, denn ihrer ist das ‘Reich Gottes’" (Mt. 5,3). Und im Magnifikat heißt es: "Gewaltige hat Gott vom Thron gestürzt und Niedrige erhöht. Hungrige hat Gott erfüllt mit Gütern und Reiche leer davongeschickt" (Lk. 1,52 f.). Kern der Verkündigung von Jesus, die auf eine Verbindung von Hoffnung und Gerechtigkeit zielte, war das Symbol des Reiches Gottes: "Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werden. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles zufallen." (Mt. 6, 25+33).

Gegenwärtig begegnen wir einer merkwürdigen Spannung: In christlicher Tradition ist die Fülle des Hoffnungspotentials im Terminus "Reich Gottes" ausgedrückt. Er ist aber für Kirchen wie für evangelische und katholische Theologie bei uns immer mehr in den Hintergrund getreten. Die Sprache der Hoffnung ist für viele nicht mehr Muttersprache, sie erscheint fremd. Die Vision des Reiches Gottes ist für uns schwierig geworden, und doch brauchen wir sie.

Der Begriff des Reiches Gottes ist schwierig und komplex: Sehen wir zunächst auf die Schwierigkeiten: Der Begriff des "Reiches" erscheint als antiquiert und nichtssagend. Er taucht im heutigen Sprachgebrauch kaum mehr auf, wirkt gedrechselt ("dies ist mein Reich") oder verstaubt ("Reichspost", "Reichsbahn"). Er ist mit vordemokratischen Strukturen verbunden ("Königreich") oder mit oberflächlichen Illusionen (Disney-Land als "Magic Kingdom").

Der Begriff "Reich Gottes" steht zunehmend einem Bewußtsein entgegen, daß - auch für Christen - die Näherung an das, was "Gott und sein Reich" heißen könnte, problematisch ist. "Reich Gottes" hat in der Kirchen- und Theologiegeschichte zudem eine nicht zu unterschlagende Schattenseite. Reich Gottes ist mißbraucht worden, um politisch aufgeladen die nationalsozialistische Ideologie und das "Dritte Reich" zu legitimieren und kirchlich zu stützen. "Reich Gottes" wird bis heute in kleinen religiösen Gruppierungen benutzt, um Einzelne zu entwerten und sie dem "übergeordneten" Ziel des Reiches Gottes zu opfern (z.B. bei den destruktiven "Davidianern" oder anderen religiösen Zwangsgemeinschaften).

Und doch muß auch die andere Seite zur Geltung kommen.
"Reich Gottes" paßt sich nicht in unsere moderne westliche Gesellschaft ein. "Reich Gottes" muß deswegen aber nicht als antiquiert gelten, sondern kann als Gegenbegriff verstanden werden: gegen ein Wirtschaftssystem, das mehr auf Konkurrenz denn auf Gerechtigkeit zielt, gegen weltweite Ausbeutungsstrukturen, gegen eine Fragmentierung des gesellschaftlichen Bewußtseins, das die zunehmende Spaltung in Reich und Arm überdeckt, gegen eine rückhaltlose Ausbeutung der Natur für kurzfristigen Profit. Reich Gottes ist bei genauerem Hinsehen kein in sich geschlossener, sondern ein hoch komplexer Begriff, der unterschiedliche Fragestellungen in sich birgt, der auf Hoffnungsperspektiven anderer Religionen und Weltanschauungen offen ist und der ein unterschiedliches Licht auf unsere ausdifferenzierten Lebenswirklichkeiten wirft.

Es gibt eine Spannung zwischen Vereinnahmung und Abschwächung der Vision des Reiches Gottes: Die Fülle des Begriffes von "Reich Gottes" ist zu wahren, damit er nicht willkürlich zurechtgestutzt und für bestimmte Zwecke instrumentalisiert wird. Hoffnung darf nicht in Jeans-Werbung aufgehen.3 Das Symbol des Reiches Gottes muß von Theologie und Kirche bei uns stärker beachtet werden, weil ansonsten die Gefahr besteht, daß es von anderer Seite annektiert, verkleinert und entwurzelt wird.

Wo die Innerlichkeit, Jenseitigkeit und passive Hoffnung auf das Reich Gottes verabsolutiert werden, wird daraus statt Hoffnung Lähmung und Rechtfertigung des status quo. Wo der soziale Bezug, die Diesseitigkeit und das Erschöpfen in menschlicher Aktivität vereinseitigt wird, wird aus Hoffnung Enttäuschung.

Es gilt deswegen, die Horizontale der Diesseitigkeit und die Vertikale der Jenseitigkeit zusammenzuhalten. Diese Dialektik des Reich-Gottes-Begriffes ist zu wahren angesichts einer Situation bei uns, die Kurt Marti4 zutreffend beschrieben hat. Sein Gedicht ist auf die Schweiz bezogen und trifft gleichermaßen auf uns zu:

reich gottes in der schweiz?

fragte der gast
aus bobrowskiland:

»...und wie steht es
mit dem reich gottes
bei euch
in der schweiz?«

bruder ach bruder

ragaz ist tot
karl barth ist tot
und auch uns
ist schon ganz elend

denn längst hat gott
seinen boden
unter unseren füssen
verloren
(an immobilienfirmen...)

bekümmert
tuscheln die kirchen
am grünen tisch
mit konzernen

inzwischen
verwerfen wir
beispielhaft demokratisch
ein mitbestimmungsrecht
nach dem andern

gleichzeitig
ruft immer mehr angst
nach immer mehr polizisten
und nach verschärfung
des strafrechts

(»zusammen mit IHM
wurden gekreuzigt
zwei räuber...«)

so ungefähr
bruder
und was das reich gottes betrifft?

ein glimmender docht
in den herzen den köpfen
von spinnern rebellen
und einiger stiller im lande

Mein Fazit lautet: Im Wissen um die Gefährdung und um die Mißbrauchsmöglichkeiten von "Reich Gottes" ist es notwendig, die Potentiale dieses Begriffes zu heben und die fordernden und verheißungsvollen Dimensionen des Reich-Gottes-Symbols in seiner Verbindung von Hoffnung und Gerechtigkeit erneut aufzudecken. In diesem Sinne ist Reich Gottes vor allem auf individuellem, kirchlichen, gesellschaftlichen und politischen Gebiet ein Kontrastbegriff gegen Selbstgenügsamkeit, Machtförmigkeit und Resignation.

    * Er setzt gegen scheinbar unüberwindbare Mechanismen des vordergründigen Eigennutzes die Perspektive notwendiger Veränderungen.

    * Er bietet gegen scheinbar nicht zu reduzierende soziale und ökonomische Gewalt den Kontrapunkt möglicher und notwendiger Alternativen (im kleinen: z.B. solidarische Lebens- und Wohnformen, im großen: Kirche als Kontrastgesellschaft).

    * Er zeigt eine Perspektive für Ansätze von Hoffnung gegen Hoffnungslosigkeit und widersetzt sich damit einer generellen Tendenz von Utopieverlust.

II. Im Spannungsfeld zwischen Unterdrückung und Befreiung

Ansätze zu "Reich Gottes" in Südafrika

In Südafrika hat der Begriff des Reiches Gottes im 20. Jahrhundert eine eminent wichtige Rolle gespielt. Besonders im Rückgriff auf Calvin bildete das Symbol des Reiches Gottes einen Focus sowohl für die Hoffnungen und aktiven Bestrebungen auf Befreiung gegen Unrecht als auch auf die Wahrung staatlicher Ordnung und struktureller Unterdrückung. Im folgenden soll dies entfaltet werden, indem zunächst die entsprechenden Ansätze der weißen Buren Südafrikas in ihren Hauptansätzen und Entwicklungstendenzen beleuchtet, dann die Positionen schwarzer (besonders auch reformierter) Christen in Zeiten der Apartheid dargelegt werden und schließlich nach der Bedeutung von "Reich Gottes" im gegenwärtigen Südafrika gefragt wird.

Die Bedeutung von "Reich Gottes" hat sich bei den Buren im Laufe des 20. Jahrhunderts drastisch verändert. Diese Veränderungen waren wesentlich gebunden an die öffentliche Position, die die Buren und "ihre" Kirche, die Nederduitse Gereformeerde Kerk (NG Kerk), in Südafrika einnahmen.

Zu Beginn dieses Jahrhunderts war das Selbstverständnis der Buren durch das Bewußtsein geprägt, ein auserwähltes und unterdrücktes Volk zu sein. Die Übermacht englischer Kolonisatoren hatte die Buren im 19. Jahrhundert dazu veranlaßt, sich ins Landesinnere zurückzuziehen. Mit einer groben, wirkungsmächtigen Bibelinterpretation sah man sich in Parallele zum Volk Israel auf dem Weg ins gelobte Land, betrachtete es als selbstverständliches Recht, Schwarze zu verdrängen (denen man technisch weit überlegen war) und hatte immer wieder damit zu tun, sich gegen die nachrückenden englischen Kolonialtruppen (denen man militärisch unterlegen war) zur Wehr zu setzen. In dieser - grob skizzierten - Situation waren die Buren geprägt von einem Erwählungsglauben, der die eigene Geschichte des "Exodus" und die Ziele auf Durchsetzung eines eigenen Staates auf biblischer Basis als heilig ansah. Dies leuchtete besonders deutlich im sogenannten Burenkrieg (1899-1902) auf, in dem die englischen Kolonialtruppen mit großer Übermacht und Grausamkeit die Buren in ihren Herrschaftsbereich einzuverleiben suchten und diese sich mit einer Guerillataktik lange erfolgreich wehrten.

Den moralischen Rückhalt dafür suchte man im christlichen Glauben, in der Annahme, daß Gott auf der Seite der Schwachen sei. So sagte Buren-Präsident Paul Krüger nach knapp einem Jahr Krieg vor seinem Volksrat in einer Ansprache: "Seht das Blut, das nun bereits geflossen ist. Wer trägt die Schuld daran? Wir wollen nichts als Frieden und unsere Freiheit ... Der Tag der Gnade ist nicht mehr fern von diesem Volke. Laßt uns nicht zweifeln, sondern Gottes Wort treu bleiben und in seinem Namen streiten! Wenn uns das Wasser bis an den Mund geht, dann ist, so wir uns ernstlich vor dem Herrn demütigen, der Tag der Gnade da. Möge dann jedermann erkennen, daß es Gottes Hand ist, die uns frei macht und niemand anders, auf daß der Mensch sich nicht rühme. ... Die Ueberwindung und das Schwert ist in seiner Hand, und er gibt es an diejenigen, die in seinem Namen kämpfen. Ist es nicht noch derselbe Gott, der Israel zur Zeit Pharaos unter Wunder und Zeichen aus dem Lande geführt hat?"5 Der Glaube an den Gott Israels führte Krüger zu einer Identifizierung des Kampfes der Buren mit der Exodus-Geschichte der Israeliten. Staatsführung und NG Kerk bildeten quasi eine Einheit im Glauben an die göttliche Unterstützung des eigenen Kampfes. Die Vision von "Reich Gottes" war identisch mit der Überwindung der englischen Unterdrückung und der Durchsetzung einer eigenen theokratischen Herrschaft.6

Die Annahme, trotz aller Schwierigkeiten und trotz der Niederlage gegen die Engländer nach göttlichem Plan ein von Gott geschaffenes Volk zu sein, blieb über Jahrzehnte dominant und bestimmte das Bewußtsein auch in der Zeit ab 1948, als die Buren mit der Nationalpartei im Staat und in ihrem Gefolge die NG Kerk auf dem Gebiet von öffentlicher Moral und Erziehung die Macht errungen hatten.7 Die Nationalparteiregierung, deren Mitglieder überwiegend bekennende Glieder der NG Kerk waren, zielte darauf ab, ihre Vorstellung von Gerechtigkeit durchzusetzen. Explizit war davon die Rede, das öffentliche Erziehungwesen so zu gestalten, daß damit das "Reich Gottes" befördert, ja aufgerichtet werden könne.8 Wie wir wissen, war diese öffentliche Ordnung, die die Nationalpartei auf allen Ebenen durchsetzte, die Apartheid. In etlichen Institutionen mußte die Rassentrennung in Zeiten der Apartheidsregierungen allerdings nicht erst durchgesetzt werden: In den reformierten Kirchen gab es so schon lange getrennte Organisationen für die Weißen, für Coloureds und für Schwarze.

Für die NG Kerk blieb das Symbol des "Reiches Gottes" eine zentrale theologische Kategorie. Wie man diese verstand, mögen drei Zitate aus einer Synodalerklärung von 1974 zeigen. "Reformierte Kirche und Theologie haben noch immer die wahre Gottesfurcht im Dienst an Gottes Königsherrschaft auf allen Gebieten gesucht. Man hat das Heil immer so interpretiert, daß es sich nicht nur auf das Ewige Leben jenseits des Grabes bezieht, sondern auch auf die Not der Menschen in der gegenwärtigen Welt. Und das mit guten biblischen Gründen."9 "Glaube ohne Werke ist tot. Kirchen und Christen sind aufgerufen, durch Werke der Liebe Zeichen der neuen Welt aufzurichten, dahin Gott mit uns unterwegs ist. Paulus kann darin sogar von den ‘Mitarbeitern Gottes’ sprechen (1. Kor 3,9)."10 "Eine Kirche aber, die aus dem Kreuz und der Auferstehung Jesu Christi lebt, kann das der Welt verheißene Heil und das Kommen der Gottesherrschaft nicht gänzlich mit der strukturellen Änderung der Gesellschaft noch die Gerechtigkeit Gottes mit ökonomischer und sozialer Neuordnung noch die Freiheit der Kinder Gottes mit der Demokratisierung des politischen Lebens identifizieren."11 Haben wir hier den theologisch ausgewogenen Standpunkt vorliegen, bei dem verschiedene Dimensionen des Reich-Gottes-Begriffes angemessen berücksichtigt sind? Diese Aussagen erscheinen alle als theologisch korrekt. Um ihre Bedeutung ermessen zu können, muß der öffentliche bzw. politische Kontext, in dem sie stehen, beachtet werden. Von den zitierten Grundannahmen aus konnte nämlich - bei vorsichtiger Kritik weniger Auswirkungen von Apartheid - insgesamt die Ideologie der Apartheid (die übrigens von einem Theologen, Eiselen, entwickelt worden ist und sich keineswegs auf den ersten Blick wie ein Manifest des Bösen liest) bestätigt werden. Im weiteren Textverlauf wird "Nachdruck auf die Identität der je besonderen Volksgruppe" gelegt und die "Anerkennung der Unterschiedlichkeit dieser Gruppen" für unabdingbar angesehen, um so "Ordnung und Frieden am besten" zu wahren.12 Die Tatsache, daß in Südafrika "Unterschiedlichkeit" der Volksgruppen mit Rassen- und Besitzgrenzen, mit Herrschenden und Unterdrückten identisch waren, fand im Synodalbericht keine Erwähnung. Mit frappierender Offenheit wurde in der Schlußbemerkung allerdings zugegeben, daß die Meinungsunterschiede zu anderen Kirchen nicht auf theologischem, sondern auf politischem Gebiet gesehen werden.13

Der Begriff "Reich Gottes" hatte sich unter der Hand im Laufe einiger Jahrzehnte von einer Hoffnungsvision aus einer Position der Schwäche zu einem Leitmotiv aus der Position der religiös und politisch Herrschenden gewandelt. Die Intensität der Annahme, kirchlich und politisch von Gott geleitet zu sein, hatte sich gehalten. Die Einbindung von "Reich Gottes" hatte sich indes drastisch geändert: Aus einem Begriff der Hoffnung "von unten" war ein Instrument öffentlicher Machtausübung "von oben" geworden. "Reich Gottes" wurde mit den vermeintlich guten Absichten der Leitungsorgane in Staat und NG Kerk in einer Perspektive gesehen. Demgegenüber bildeten Widerstand und Protest gegen den Staat unerlaubte Aktivitäten gegen die in Geschichte und Gegenwart als geheiligt angesehenen eigenen Ordnungen. Vielleicht versteht man von hier aus das Mißtrauen z. B. schwarzer Christen besser, wenn das Hauptbemühen mancher Theologen auf begrifflicher Schärfe und - beim Reich-Gottes-Begriff - auf Ausgewogenheit der vertikalen und horizontalen Dimension liegt. Sicherlich kann man aber den Zorn der Betroffenen nachvollziehen, wenn allgemein richtige Aussagen zum Reich Gottes faktisch mit einer Legitimation der Apartheidspolitik verbunden waren.

Gegen eine solche Vereinnahmung des Reich-Gottes-Begriffes entstand in den 70er und 80er Jahren aus den Kreisen farbiger und schwarzer reformierter Christen entschiedener Widerstand. An erster Stelle ist hier Allan A. Boesak zu nennen, der sich vehement gegen eine nach rassistischen Gesichtspunkten strukturierte reformierte Kirche wehrte und mit Rekurs auf die reformierte Tradition ein ganz anderes Verständnis von "Reich Gottes" herausstellte. In einem öffentlichen Brief an den südafrikanischen Justizminister im Jahr 1979 prangerte Boesak dessen Warnung gegen oppositionelle Christen an, sich aus der Politik herauszuhalten. Diese Forderung gälte doch offensichtlich nur bei Infragestellung der herrschenden Politik: "Grundsätzlich haben Sie gar nichts dagegen, daß Geistliche sich in der Politik engagieren - solange dadurch nur Ihre Ziele unterstützt werden. Ein solcher Standpunkt erscheint mir ebenso unvertretbar wie unehrlich. Außerdem: Verleugnen Sie damit nicht Ihre eigene Geschichte? Waren es nicht die burischen Geistlichen, die sich an die Spitze ihres Volkes stellten? Waren sie es nicht, die ihrem Volk in seinem Ringen immer von neuem Mut einflößten? Stand nicht die burische Kirche sogar im Burenkrieg mitten im Kampf? Warum legen Sie heute diese Art von politischem Pietismus an den Tag und lehnen ab, was Sie gestern und vorgestern dankbar aus Gottes Hand genommen haben?"14

An anderer Stelle nahm Boesak diesen Rekurs auf die Geschichte auf und unterstrich in eindrücklichen Worten, welcher Schaden durch eine Vereinnahmung der Reich-Gottes-Vision durch burische Interessen der reformierten Theologie entstanden sei:

"Reformierte haben den burischen Nationalismus entwickelt, haben ihn mit der reformierten Tradition gleichgesetzt, wie sie burische Ideale mit dem Reich Gottes gleichsetzten. Sie waren es auch, die eine Theologie der Apartheid entwickelten. Das Evangelium verdrehten sie dabei so lange, bis es zu ihren rassistischen Träumen paßte, um die Apartheidideologie als soteriologisch überfrachtetes Pseudo-Evangelium zur Erlösung aller Südafrikaner an den Mann bringen zu können. In dieser Einzigartigkeit erblicken wir die Schande der christlichen Kirche in diesem Land. Apartheid ist das Grab für Ansehen und Glaubwürdigkeit der reformierten Tradition. Heute sind wir so weit, daß viele Leute, ganz besonders Schwarze, anfangen zu glauben, Rassismus sei die unumgängliche Konsequenz aus der reformierten Tradition."15

Gegen einen theologischen Ansatz, der aus der aktiven Hoffnung auf das "Reich Gottes" ein stumpfes Sich-Einfügen in die vorgegebene soziale Ordnung machte, verwahrte sich Boesak mit den folgenden Worten:

"Viel eher ist es unsere Aufgabe, menschliche Geschichte herauszufordern, zu gestalten, wenn es sein muß, auf den Kopf zu stellen, damit sie ein menschlicheres Gesicht zeigt, damit sie am Ende den Normen des Reiches Gottes entspricht."16

Boesak wandte sich mit diesem Ansatz gegen eine - wie er sagte - "armselige Theologie Europas und seiner weißen Mittelklasse"17 , die sich in der Theologie der weißen Mittelklasse in Südafrika widerspiegele. Für diese sei "Reich Gottes" lediglich ein Begriff, der den Frieden des status quo nicht stören solle. Für schwarze Südafrikaner hingegen könne "Reich Gottes" nur seine Kraft entfalten, wenn damit eine Dimension konkreter Befreiung verbunden sei. Hierzu erzählte Boesak eine Geschichte, die seine generelle Aussage plastisch verdeutlicht:

"Ich erinnere mich an die Zeit, als ich in ein Umsiedlungsgebiet der Ciskei kam. Zusammen mit einer schwangeren jungen Frau beobachtete ich, wie Arbeiter des Bezirksrats Gräber aushoben. Mittlerweile heben sie die Gräber schon vorher aus, weil sie wissen, so wie die Situation ist, werden nächste Woche viele Kinder sterben müssen.

Und ich dachte: wenn man ein Kind zur Welt bringt, schenkt man Leben, sie aber wird nicht Leben schenken. Sie wird ein Kind zur Welt bringen, das wohl kaum das Alter von einem Jahr erreichen wird, sondern das aufgrund der Lage wohl schon lange vorher sterben wird. Was bedeutet es z. B. für diese Frau, mit mir über das Reich Gottes, über Frieden, Liebe und Gerechtigkeit zu sprechen, wenn ich nicht zu ihr sagen kann: Dein Kampf, daß dein Kind nach der Geburt auch am Leben bleibt - das ist auch Gottes Kampf; wenn ich ihr nicht sagen kann: Gott hat für dich Partei ergriffen; wenn ich ihr nicht sagen kann, daß diese Leute, die ihr das antun, Gottes Zorn erfahren werden und sein Gericht; daß Gott sich in diesem Sinne ihrer und ihres Kindes annehmen wird? Wenn ich ihr das nicht sagen kann, dann darf ich mit ihr nicht über das Reich Gottes sprechen."18

Generelle, erklärende und beispielhafte Aussagen von Boesak sind hier so stark berücksichtigt worden, um Raum zu geben für die Möglichkeit, eine Argumentation gegen eine herrschende Politik und Theologie nachvollziehen zu können; um zudem Facetten eines Ansatzes authentisch wahrnehmen zu können, der sich auf ein - damals in Südafrika - neues Verständnis von "Reich Gottes" richtete, in dem tägliche Erfahrungen von Unterdrückung den Ausgangspunkt von Theologie bildeten. Schließlich ist dieser Ansatz so stark zur Geltung gekommen, weil er zeigt, wie stark in der Gewichtung und in der Frage des Stellenwertes von "Reich Gottes" die Situationsanalyse und die theologischen Prioritäten zusammenwirken und zusammen gesehen werden müssen, wie stark Barrieren im Verständnis von "Reich Gottes" von einer Mißbrauchsgeschichte bestimmt sind.

Boesak hat mit einigen Formulierungen allerdings auch Illusionen geweckt. Die zitierte Forderung, menschliche Geschichte so umzugestalten, daß "sie am Ende den Normen des Reiches Gottes entspricht", impliziert ein Wachstum und eine vollständige Durchsetzung von Reich Gottes durch menschliche Anstrengungen. Diese Vorstellung ist theologisch problematisch, aber auch politisch nicht unbedenklich, weil damit Erwartungen geweckt werden, die unerfüllbar sind. Als Gegenpol gegen eine auf Entmutigung gerichtete Politik und Theologie war Boesaks Ansatz aber verständlich und vielleicht zeitweise notwendig.

Der Ansatz, "Reich Gottes" im Rahmen einer Theologie zu verstehen, die die Situation der Unterdrückung zum Ausgangspunkt nimmt und mit der Vision von Gottes Gerechtigkeit verbindet, fand sich auch bei etlichen schwarzen Theologen anderer Konfessionen. So formte der Lutheraner Zephanja Kameeta den 22. Psalm in die folgenden Worte um:

PSALM 22 von Zephanja Kameeta

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Mit deinen eigenen Worten, Herr, rufe ich dich an,
denn du allein verstehst mich wirklich und fühlst mit mir.

Du allein weißt, was es heißt,
wenn man verachtet und unterdrückt ist.

Ich bin ein Spott der Leute,
die alle Vorrechte im Lande genießen, verachten mich.

Es ekelt sie an, mich auf ihren Nebenstraßen zu sehen.
In ihren Zeitungen wird absichtlich einseitig von mir berichtet.

In ihren Zeitungsartikeln kennt man mich nur
als Dieb, Mörder, Räuber und Faulenzer....

In den Heimatländern, in den Blechhütten, diesen Brutkästen,
die sie in ihrem Radio und ihren Zeitungen
»Freundliche Altenwohnungen« nennen,
sitze ich unversorgt, verwahrlost, und meine Heimat ist weit.
Auf dich warte ich, eile doch, mich zu erlösen!

Ich ersticke im Staub ihrer Kontore,
denn mein ganzes Leben muß ich nichts als fegen
und Staub putzen.

meine Zeugnisse sind in ihren Augen nicht mehr wert
als naßgeregnetes Zeitungspapier.

tief in mir quält mich die Frage: Was ist der Sinn meines Lebens?
Auf dich warte ich, eile doch, mich zu erlösen! ...

Aber in dem allen werde ich nicht aufhören, von dir zu sprechen!
Ich will dich in unsern Gemeinden rühmen,
denn du hast die Leidenden nicht verachtet.

du wendest dich nicht stillschweigend ab.
Du offenbarst dich als der Erlöser aller Menschen.

Der Tag wird anbrechen, da aller Welt Enden deine Gerechtigkeit
sehen und schmecken werden!

Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Auch in diesem Land. Amen   19

In ähnlicher Form, wenn auch weniger häufig und intensiv als Boesak, verwendete der Anglikaner Desmond Tutu den Reich-Gottes-Begriff. Als er noch Generalsekretär des Südafrikanischen Kirchenrates war, formulierte er als Ziel dieses kirchlichen Zusammenschlusses, "Gott zu ehren und dafür zu sorgen, daß Sein Reich in Südafrika verwirklicht wird und daß die gespaltenen christlichen Kirchen in diesem Land wieder zusammengeführt werden"20 . Auch hier gilt eine ähnliche Einschätzung wie zu den zugespitzten Formulierungen von A. Boesak.

Als letztes von vielen weiteren möglichen Beispielen sei eine Formulierung des schwarzen Theologen und Politikers Frank Chikane berücksichtigt, der unterstrich, "daß es im Sinne der Botschaft der christlichen Kirche ist, daß sie sich auf die Seite der Gerechtigkeit stellt und daß sie sich deshalb bei den Opfern dieser Gesellschaft wiederfinden muß. Das freilich heißt auch, daß sie einen Gottes»dienst« an den Unterdrückern zu verrichten hat. Sie muß ihre Botschaft, die Gute Nachricht vom Reich Gottes, auch den Tätern verkündigen. Sie muß ihnen sagen, daß sie, wenn sie das Reich Gottes nicht anerkennen, wenn sie nicht ihre Gewalt gegen das Reich Gottes beenden, sie die Gnade Gottes verlieren werden, Gott sich von ihnen abwenden und sie richten wird." 21

Dieses befreiungstheologisch ausgerichtete Verständnis von "Reich Gottes" fand ein gemeinsames Forum in dem 1985 von Christen unterschiedlicher Konfession und Hautfarbe geschriebenen "Kairos-Papier". Die rund 150 Theologen, die dieses Papier zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung im September 1985 unterschrieben hatten, sahen in der damaligen Situation Südafrikas den Kairos bzw. die Stunde der Wahrheit "nicht nur für die Apartheid, sondern auch für die Kirche"22 .
Der Kairos wurde nicht nur als "Stunde der Gnade und der Möglichkeiten, die angenehme Zeit, in der Gott uns zu entschiedenem Handeln herausfordert" (ebd.) wahrgenommen, sondern auch als ein "gefährlicher Augenblick, denn wird diese Chance verpaßt und nehmen wir sie nicht wahr, wird der Verlust für die Kirche, für das Evangelium und für alle Menschen Südafrikas unschätzbar sein" (ebd.).
In dem Grundsatzpapier sahen sich südafrikanische Theologen aufgefordert, "die unterschiedlichen Theologien unserer Kirche zu analysieren und eindeutige und mutige Aussagen zur tatsächlichen Bedeutung dieser Theologien zu machen" (5).
Hierzu einige grobe Hinweise: Als erstes wurde die "Staatstheologie" analysiert, die "ganz einfach die theologische Rechtfertigung des status quo" (6) sei.
Damit war ohne Zweifel die Theologie der NG Kerk gemeint, die ohne Zurückhaltung kritisiert wurde, z. B. in ihrem Gottesbild: "Hier ist ein Gott, der die Hoffärtigen erhebt und die Armen erniedrigt - das genaue Gegenteil von dem Gott der Bibel" (11).
Mit der zweiten Kategorie, der "Kirchentheologie", wurden die englischsprachigen Kirchen analysiert, die als - in begrenztem Maße - apartheidkritisch gelten. Bischof Tutu gehört einer dieser Kirchen an. Auch mit dieser Theologie werde hart ins Gericht gegangen. Sie plädiere für einen Reformweg und für eine Versöhnung, wie sie in privaten Streitfällen in Form von Kompromissen angebracht sei.
Für Südafrika ging das Grundsatzpapier dagegen von einem Konflikt der sozialen Ungerechtigkeit aus, der als "Kampf zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, zwischen Gut und Böse, zwischen Gott und Teufel" bezeichnet werden müsse: "Diese beiden Seiten versöhnen zu wollen, ist nicht nur eine falsch verstandene Anwendung des christlichen Begriffs der Versöhnung, sondern ein völliger Verrat an dem, was der christliche Glaube überhaupt bedeutet" (13).

Gegen diese beiden Ansätze wurde eine prophetische Theologie gesetzt. Dieser Ansatz und die darin verankerte Auffassung von "Reich Gottes" kommt in der abschließenden "Botschaft der Hoffnung" zum Tragen. Hier heißt es:

"Jesus hat uns gelehrt, von dieser Hoffnung als dem Kommen des Reiches Gottes zu sprechen. Wir glauben, daß Gott in unserer Welt am Werk ist und hoffnungslose und vom Bösen gezeichnete Situationen zum Guten wenden kann, damit Sein Reich komme und Sein Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden. In dem Maße, wie sich die Krise tagtäglich zuspitzt, haben beide - Unterdrücker wie Unterdrückte - das Recht, von den Kirchen eine Botschaft der Hoffnung zu fordern.

Doch Hoffnung braucht Bestätigung. Hoffnung muß genährt und gestärkt werden. Hoffnung muß verbreitet werden. Den Menschen muß immer und immer wieder gesagt werden, daß Gott auf ihrer Seite ist. Es gibt Hoffnung. Es gibt Hoffnung für uns alle. Doch der Weg auf diese Hoffnung hin wird sehr schwer und sehr schmerzhaft sein. Auseinandersetzung und Kampf werden sich in den vor uns liegenden Monaten und Jahren verstärken, denn es gibt keine andere Möglichkeit, Ungerechtigkeit und Unterdrückung zu beseitigen. Doch Gott ist mit uns. Wir können nur lernen, Werkzeuge seines Friedens zu werden, selbst bis in den Tod. Wir müssen am Kreuzestod Christi teilhaben, wenn wir die Hoffnung auf die Teilhabe an seiner Auferstehung unser eigen nennen wollen" (28f.).

Als Beispiele für die als notwendig erachtete Teilnahme der Kirche am "Kampf für Befreiung und für eine gerechte Gesellschaft" wurden die Mittel des Verbraucherboykotts und der Arbeitsniederlegungen angegeben (31). Als wirksame Formen des Widerstandes wurde ziviler Ungehorsam genannt.

Das Kairos-Papier beinhaltete eine national und international stark beachtete theologische Grundsatzreflexion mit besonderer Betonung einer gesellschaftsrelevanten, auf Befreiung ausgerichteten Dimension. "Reich Gottes" wurde dabei nicht als situationsunabhängige Vision angesehen und die Zusage des Beistandes Gottes nicht als fester Besitz. In Absetzung von einer "Gott-mit-uns-Theologie", wie sie von den Buren in Südafrika (und von Kirchenführern in Europa z. B. während des Ersten Weltkrieges) vertreten worden ist, waren sich die Kairos-Theologen darüber im Klaren, daß diese Zusage nur insofern und solange gälte, als damit ein Bestreben auf Befreiung gestärkt werde, das nicht gleichzeitig oder im Laufe der Zeit auf Unterdrückung anderer gerichtet sei.23

Die befreiungstheologischen Ansätze haben in ihren theoretisch-analytischen wie praktisch-aktionsorientierten Elementen einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, daß das "christlich-nationale" Unrechtssystem Südafrikas unblutig abgelöst werden konnte.

III. Abschluß

Ich möchte drei Punkte resümierend und eher thetisch aufnehmen.

Zur Dialektik von Herrschaft und Befreiung: Das Beispiel Südafrika hat gezeigt, daß ein Umschlagen von Befreiung hin zu Unterdrückung bei unveränderter Terminologie möglich ist. In der Geschichte der Buren wurden die Verfechter der Befreiung bald zu Exponenten der Unterdrückung. Bestrebungen auf Befreiung sind aber durch den Hinweis auf diese Möglichkeit nicht zu diskreditieren, so als ob immer aus denen, die heute mit Erfolg um Befreiung kämpfen, die Unterdrücker von morgen werden. Es gilt vielmehr, auf die inneren Motive und die Ziele von Befreiung zu achten. Hierbei sind die Fragen zu stellen,
Zur Korrelation von Engagement und Theologie: Befreiungstheologie im Horizont von "Reich Gottes" birgt und verbindet von Anfang an theoretische und handlungsorientierte Elemente. Glaubenssätze und Lebenspraxis, die in Hoffnug gründen und hoffend auf befreiende Veränderung zielen, stehen in einem dialektischen Verhältnis zueinander.
Die Möglichkeit, daß in Verbindung zwischen Glauben und Handeln eine Legitimation perverser Strukturen, wie z.B. der Apartheid, erfolgen kann, spricht nicht gegen ein öffentlichkeitswirksames Handeln von Religion, sondern weist auf die Notwendigkeit der Überprüfung.
Diese Überprüfung ist am Kriterium zu orientieren, ob religiöse Hoffnungen aus der Perspektive der Armen, der Machtlosen, der Unterdrückten ("von unten") oder aus der Position der Reichen, der Mächtigen, der Unterdrücker ("von oben") in den öffentlichen Bereich einfließen.
In Südafrika war die Befreiungstheologie ein wichtiges Element der Opposition gegen die Apartheid und ihre Überwindung. Im Horizont von "Reich Gottes" ist nun dort der Weg von der Befreiung im formalen politischen Bereich hin zu einem Eintreten für individuelle und soziale Gerechtigkeit angezeigt.

"Option für die Armen" oder "Option für den Anderen": Hinsichtlich der "Option für die Armen" greift man zu kurz, wenn die Armen nur als die sozial Ausgegrenzten angesehen werden. Ungenügend wäre es, in dieser Option nur eine methodologische oder handlungsorientierte Perspektive zu sehen. Die Vorstellung einer von den Reichen ausgehenden "Option für die Armen" birgt die Gefahr eines wohlmeinenden Idealismus, der sein patriarchalisches Gewand nur mühsam verbergen kann. Demgegenüber ist der folgende Ansatz notwendig: In der Perspektive der vorrangigen Zusagen des Evangeliums für die Armen bleiben diese nicht weiter die Verachteten und Deklassierten. Sie werden durch die Zusage, vorrangige Adressaten des Reiches Gottes zu sein, vielmehr mit Würde ausgestattet, die Selbstbewußtsein und Kraft zur Überwindung von Elend sowie Kampf gegen Unterdrückung gibt. Die Reichen treten dabei an die zweite Stelle. Sie sind es gerade nicht, die den Armen diese veränderte Perspektive vermitteln können. Die vorrangige Option für die Armen bedeutet, daß diese nicht länger die Nehmenden sind, sondern vielmehr die Gebenden: Sie sind die Lehrer, wie Dorothee Sölle zu Recht sagt. Die Umkehrung der Zuschreibung von Armut zielt auf die Umkehrung von Herrschaftsdenken und die Überwindung ungerechter Strukturen.

Eine "Option für den Andern" sollte nicht als Alternative gegen eine "Option für die Armen" gesetzt werden. Eine alleinige Berücksichtigung und Verwendung des Ausdruckes "Option für den Anderen" könnte die sozialen Hintergründe von Armut und die religiösen Zusagen für die Armen ausblenden. Diese Gefahr sehe ich auch in einem Strom der Rezeption von Emmanuel Levinas, der von den jüdischen Wurzeln dieses Philosophen allerdings abstrahiert. "Der Andere" hat bei Levinas eine religiöse Konnotation; "autrui" kann bei ihm auch "sainteté" genannt werden. In dieser Perspektive gewinnt das folgende Zitat erst seine Tiefe:

"Dans la crise actuelle de la morale, seule reste la responsabilité pour autrui, responsabilité sans mesure, qui ne ressemble pas à une dette, que l’on pourrait toujours acquitter; car, avec autrui, on n’est jamais quitte." 24
Der Andere ist hier der, dem eine unteilbare Würde zukommt, dem gegenüber Verantwortung zu tragen ist. Dies ist - in christlicher Terminologie - der Nächste, dies sind auf dem Hintergrund jüdischer und christlicher Theologie die Armen, denen die Zusagen des Reiches Gottes in besonderem Maße gelten.


Mariano Delgado: Befreiung durch Erziehung?

Überlegungen zum Gespräch zwischen Paulo Freires Pädagogik und der Theologie

Der eigentliche Skandal Lateinamerikas wurde - nicht unbeeinflußt durch Freires Pädagogik - in der Bischofsversammlung von Medellín 1968 deutlich erkannt: daß Völker, deren kultureller Kern vor etwa fünfhundert Jahren evangelisiert wurde, in einer akuten Situation struktureller Ungerechtigkeit und Gewalt leben. Dieser Skandal hängt freilich mit dem Charakter des nach Lateinamerika verpflanzten Christentums zusammen, das vielfach Stütze eines kolonialen Projektes gewesen ist. Und dennoch verstummte das befreiende Christentum im Schatten des Kolonialismus nicht. Jeder kennt das imposante Lebenswerk des zum antikolonialen Mythos gewordenen Bartolomé de Las Casas; er war kein Einzelfall, sondern, wie Gustavo Gutiérrez bemerkt, ein »primus inter pares« (Gutiérrez 1992b: 43), der unermüdliche spiritus rector einer breiten advokatorischen Bewegung, die die Ehre des um des Menschen willen fleischgewordenen Gottes und zugleich auch die Ehre des durch diese Inkarnation »vergöttlichten« Menschen retten wollte. Seit den Anfängen des Christentums geht beides Hand in Hand, denn wie der Kirchenvater Irenäus von Lyon sagte: »Der lebendige Mensch ist das Sichtbarwerden der Herrlichkeit Gottes; aber die Bestimmung menschlichen Lebens besteht in der Anschauung Gottes«. Vieles in den Schriften des Las Casas mutet in der Tat an wie eine Befreiungstheologie und -pädagogik avant la lettre.

(1) Dies gilt zuerst für seine vorrangige Option für die Indios als die Unterdrückten und Bedrängten seiner Zeit. Weil er von einem Gott ausgeht, der angesichts der Leidensgeschichte der Unschuldigen »Tränen vergießt« (Las Casas 1996: 348) und »gerade an das Kleinste und Vergessenste eine ganz frische und sehr lebendige Erinnerung hegt« (ebd. 344), hält er sie für »die Lieblinge des göttlichen Gesetzes und der heiligen und universalen Kirche« (ebd. 441).

(2) Dies gilt weiters für den »utopischen Impuls«. Bereits 1516, also im selben Jahr, in dem die Utopia des Thomas Morus erschien, entwirft Las Casas Pläne für Mustersiedlungen, in denen Indios und einfaches spanisches Bauernvolk friedlich, gerecht und zum gegenseitigen Fromm und Nutzen miteineinander leben und die Handwerkskünste besonders pflegen sollten; in jeder Siedlung sollte für die kranken Indios ein Hospital in Kreuzform mit vier quadratischen Flügeln zu je fünfzig Betten gebaut und mit allem ausgestattet werden (Ärzten, Chirurgen, Apothekern, Vögeln und Hühnern, Matratzen, Decken und Leinentüchern), was zu einer guten Krankenpflege gehört (Las Casas 1996: 335-339). Aber das zentrale utopische Element im Werk des Las Casas ist, daß er mit vielen Bettelmönchen seiner Zeit immer wieder davon träumt, unter den einfachen Indios eine »wahre Kirche Christi in einer glücklichen Welt« aufzubauen, ohne die Habgier, die das Europa der Renaissance in ihren Augen zugrunde richtete.

(3) Eine weitere Gemeinsamkeit betrifft das Durchschauen ebendieser Habgier als der Wurzel aller Übel und der wahren Triebfeder des Kolonialismus. Las Casas hat uns einen eindrucksvollen Traktat über die Habgier hinterlassen, in dem er, in der Sprache Freires ausgedrückt, das »Haben« als »nekrophiles« Lebensprinzip im Widerspruch zum »biophilen« Seinsprinzip einer schonungslosen Kritik unterzieht. Darin schreibt er u.a., daß man die Regierungsverantwortung niemals »armen oder habgierigen Menschen« übertragen sollte, »die danach trachten und es für ihr Ziel halten, der Armut zu entkommen, und noch weniger denjenigen, die danach trachten, seufzen und es für ihr Ziel halten, reich zu werden, denn die Natur arbeitet und wirkt niemals umsonst«, will sagen, die Begierde und die Gier der Habgieriger wird immer danach trachten, »Reichtümer zu sammeln und die Börse zu füllen«, so daß sie unmöglich ruhen werden, »bis sie diesen Zweck erreicht haben« (Las Casas 1997: 105). Worte, die wie eine Vorankündigung der Korruption der politischen Klassen klingen, die Lateinamerika bis heute erfaßt.

(4) Desweiteren hat Las Casas wiederholt »die Freiheit der Menschen, nächst ihrem Leben« für »das kostbarste und wertvollste Gut« gehalten, den Menschen als ein von Natur »freies« Wesen und die Wiederherstellung dieser ursprünglich und natürlichen Freiheit als ein Gebot der Vernunft und der Gerechtigkeit bezeichnet (Las Casas 1996: 85, 47-52). Dementsprechend hat er die erzieherische Tätigkeit der Kirche als eine »Praxis der Freiheit« verstanden, wie eine köstliche Anekdote bezeugt, an der Freire, hätte er sie gekannt, seine Freude gehabt hätte. Die encomenderos, erzählt uns Las Casas im Vorfeld seines Kampfes um die »Neuen Gesetze« (1542), versuchten, den Bettelmönchen den Zugang zu den Indios mit der vielsagenden Begründung zu verwehren, daß diese, »nachdem sie im Glauben unterwiesen und Christen wurden, klug reden und mehr wissen als vorher, so daß man sich ihrer fortan nicht so gut wie früher bedienen kann« (Las Casas 1997: 88).

(5) Erwähnenswert ist auch das anthropologische Vermächtnis des Las Casas. Der Mensch ist für ihn im Prinzip ein mit Verstand und freiem Willen ausgestattetes Wesen, weshalb die Überzeugung des Verstandes mit Vernunftgründen und die sanfte Ermahnung und Anlockung des Willens die einzige ihm adäquate Erziehungs- und Evangelisierungsmethode ist. Demgemäß hat Las Casas folgendes anthropologisches Manifest verkündet: »So gibt es denn ein einziges Menschengeschlecht, und alle Menschen sind, was ihre Schöpfung und die natürlichen Bedingungen betrifft, einander ähnlich, und niemand wird bereits unterrichtet geboren; und daher haben wir alle es nötig, anfangs von anderen, die vor uns geboren wurden, geführt und unterstützt zu werden. [...] Alle Völker der Welt haben Verstand und Willen und das, was sich beim Menschen aus diesen beiden Vermögen ergibt, nämlich die Entscheidungsfreiheit, und demzufolge haben alle die innere Kraft und Befähigung oder Eignung und den natürlichen Hang zum Guten, um in Ordnung, Vernunft, Gesetzen, Tugend und allem Guten unterwiesen, für sie gewonnen und zu ihnen geführt zu werden« (Las Casas 1995: 377).

(6) Es darf auch nicht unerwähnt bleiben, daß Las Casas zwar »Umkehr und Sündenvergebung« für die zentrale Botschaft der Glaubenspredigt hält, zugleich aber bald erkennt, daß sein Eintreten für die Indios ein Ankämpfen gegen die strukturelle Sünde verlangte. Für ihn bleibt die Bekehrung der einzelnen Menschen »Pflicht und die karitative Tätigkeit eine Notwendigkeit«, und doch weiß er, daß beide angesichts der Ursachen der Sünde höchst unzureichend sind. Andererseits sieht er die gesellschaftlichen Zustände, »ohne allerdings über ihnen die Taten oder Unterlassungen der konkreten Menschen selbst zu übersehen. Da diese ihres Gewissens wegen nicht in einem ihnen völlig undurchsichtigen Zusammenhang stehen, sondern ‘wissen, was sie tun’, kann Las Casas gar nicht in die Einseitigkeit verfallen, sich lediglich für Strukturen zu verwenden und die Handelnden zu entschuldigen« (Brieskorn 1996: 14, 32).

(7) Und zuguterletzt muß gesagt werden, daß Las Casas »alle Verhältnisse umwerfen« will, in denen der Indio »ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches« (Marx: MEW I, 385) Dasein schuldlos führen mußte. So wird verständlich, daß ein Heinrich Böll den Bogen von Las Casas zu den heutigen Befreiungstheologen spannt, wenn er sagt: »Von Ausbeutung, Unterdrückung, Versklavung und Völkermord sprachen nicht die Marxisten zuerst, es sprach davon, dreihundert Jahre bevor Marx geboren wurde, ein gewisser Bartolomé de Las Casas, Bischof, Dominikaner, in seinen umfangreichen Berichten an Kaiser Karl V. Daß seine Berichte eine gewisse Ähnlichkeit haben mit denen, die dreihundert Jahre später Friedrich Engels über die englischen Industriearbeiter schrieb, macht Las Casas nicht zu einem Vorläufer des Marxismus, sondern den Marxismus zu einer Folge von Versäumnissen, die die Theologen der Befreiungstheologie erkannt haben. Sie stehen in der Tradition des Las Casas« (Böll 1986: 293f).

Ich habe mich in diesem einführenden Schritt bei Las Casas aufgehalten, um klarzumachen, daß die »nachidealistische« oder »leidempfindliche« Pädagogik und Theologie, die Freire und Gutiérrez in Lateinamerika und Johann Baptist Metz u.a. hierzulande verlangen, nicht erst mit ihnen beginnt, und wir gut daran täten, immer wieder »aus den eigenen Quellen« zu trinken, statt ekklektisch den kritischen Theorien der Zeit nachzulaufen.

Nun aber zu den Überlegungen zum heutigen »Gespräch zwischen Paulo Freires Pädagogik und der Theologie«, die ich anhand von drei Feldern erläutern möchte: zuerst soll grundsätzlich das Verhältnis von Pädagogik und Theologie zueinander erörtert werden, sodann das prophetisch-utopische Modell von Anklage und Ankündigung, das beiden gemeinsam ist, wenn sie emanzipatorisch wirken wollen; schließlich werde ich versuchen, die Relevanz von Freires Pädagogik des Dialogs für das ureigene Geschäft der Theologie, die mystagogische Rede von Gott, aufzuzeigen.

Pädagogik und Theologie

Pädagogik und Theologie sind seit den Anfängen des Christentums eng miteinander verknüpft. Es genüge daran zu erinnern, daß die Kirchenväter die griechische Paideia umformten und Christus als göttlichen Erzieher verstanden, womit die christliche Religion fortan als die »wahre Paideia« erscheint.

Kern der christlichen Paideia ist die Betrachtung des Menschen als ein Kind Gottes, das zur zunehmenden Gottebenbildlichkeit oder zum Subjektsein vor Gott berufen ist. In diesem Sinne gehört ein emanzipatorischer Impuls zum Wesen des Christentums. Denn überall dort, wo es Fuß faßt, keimt das theozentrische Bewußtsein der Würde des Menschen, die Erkenntnis, daß wir alle »Kinder Gottes und somit väterlicherseits jemand« sind, um es mit den Worten des spanischen Dichters Antonio Machado auszudrücken (Machado 1989: 2074). Aber zur christlichen Lehre gehört auch die Betrachtung des Menschen als eines »erlösungsbedürftigen Wesens«, das wegen der menschlichen Daseinsverfassung, zu der die Versuchung des Bösen, die Sünde und der Tod gehören, der emanzipatorischen Selbsterlösung unfähig und auf die göttliche Gnade angewiesen ist, wenn er wirklich ein »neuer Mensch« werden soll.

Naturpessimistische Theologen vom Typ eines Augustinus oder eines Luthers betonen besonders die Unzulänglichkeiten der menschlichen Natur (letzterer hob ja bekanntlich das sola gratia einseitig hervor); naturoptimistische vom Typ eines Pelagius oder eines Thomas von Aquin legen hingegen Wert darauf, daß die menschliche Natur trotz der Sünde des Guten fähig ist, so daß die Gnade die Natur nicht zerstört oder aufhebt, sondern zur Vollendung bringt. Pädagogisch ausgedrückt: die einen bezweifeln, daß der Mensch ohne den Glauben überhaupt »erziehbar« sei, weil er dem Mitmenschen eher ein Wolf ist; die anderen setzen auf die Perfektibilität des Menschen, die mit dem Glauben nicht erst beginnt, sondern nur besser wird (Las Casas lag wohl auf dieser Linie). Aber die naturpessimistischen wie die naturoptimistischen Theologen betonen stets gegenüber der philosophischen oder politischen Paideia den Primat der theozentrischen Soteriologie: daß Gott allein derjenige ist, der uns letztlich retten kann, vor allem wenn man unsere brüchige Daseinsverfassung in Betracht zieht! Dies ist auch der wesentliche Punkt, um den sich die Diskussion zwischen der Befreiungspädagogik und -theologie eines Freire und eines Gutiérrez (u.a.) einerseits und dem Hauptstrom christlicher Theologie andererseits dreht.

Freire geht als überzeugter Christ davon aus, daß der Mensch die ontologische Berufung hat, Subjekt ihrer (Befreiungs-)Geschichte und Abbild des Schöpfers zu sein (Freire 1971a: 341; Cunha 1978: 89). Er hat sich sogar die Aufhebung seiner Pädagogik in der Theologie der Befreiung gewünscht, von deren utopisch-prophetischem Charakter er sich »verzaubert« erklärt hat (Freire 1974a: 67; 1971b: 343). Aber als ein Pädagoge, dessen Hauptquelle weniger die christliche Paideia als vielmehr der emanzipatorisch-utopische, säkulare Diskurs der Neuzeit ist, hat er natürlich den Primat der theozentrischen Soteriologie nicht zum Thema seiner Arbeiten gemacht, sondern eher das Erwecken und Fördern jener Selbstbefreiungskräfte, die im unterdrückten Menschen schlummern. Dem sollte bekanntlich seine Methode der Bewußtseinsbildung dienen, die dialektisch verstanden werden will angesichts der realexistierenden und nach Veränderung schreienden Unterdrückungsmechanismen in Geschichte und Gesellschaft, und nicht bloß innerlich nach Art einer solipsistischen Psychotherapie für die Witwen von Altona oder Wilmersdorf.

Problematisch wird die Sache für die Theologie allerdings, wenn die sich auf Freire berufenden Befreiungstheologen voll auf seinen utopisch-emanzipatorischen Diskurs einspringen und dabei vergessen, den Primat der theozentrischen Soteriologie gebührend zu betonen. Gutiérrez etwa, der zu den besonnensten Befreiungstheologen gehört, hat in seinem Hauptwerk von drei Befreiungsebenen gesprochen, und die soteriologische Befreiung von Sünde und dem Bösen zwar nicht vergessen, sie aber auf die dritte Stelle verwiesen, hinter der sozial-wirtschaftlichen Befreiung der Unterdrückten und der kulturell-politischen Befreiung, die durch die »allmähliche Eroberung einer wirklichen und schöpferischen Freiheit [...] zu einer permanenten Kulturrevolution, zur Schaffung eines neuen Menschen und in Richtung einer qualitativ anderen Gesellschaft« (Gutiérrez 1992b: 104) führen soll, wie er mit dem Pathos der frühen siebziger Jahre sagt.

Selbst ein wohlwollender Kritiker der ersten Stunde bemerkte, daß »die Konturen des unterscheidend Christlichen nicht deutlich genug zur Geltung kamen« (Hünermann 1974: 141ff; Sievernich 1996: 42). Man hatte in der Tat vielfach den Eindruck, daß die christliche Befreiung als Sahnehäubchen erwähnt wurde, aber in der Theologie der Befreiung wie in Freires Pädagogik die Unterdrückten ansonsten die Rolle der »edlen Wilden« in den neuzeitlichen Utopien einnehmen, denen außer der Bewußtmachung der eigenen Unterdrückung nichts zu fehlen scheint, um glücklich und befreit zu werden.

Aber auch gegenüber dem utopischen Befreiungsdiskurs der Neuzeit muß die Theologie eine »apologetische« Haltung einnehmen. Denn das Bewußtsein des sich befreienden Unterdrückten ist zuerst einmal »strikt säkular«, und mit der Negation des entfremdeten und entfremdenden Gottes der Herren, »den ihm der Kolonialismus« aufgezwungen hat« (Cunha 1978: 116), geht im Befreiungsprozeß die Gefahr einher, Gott überhaupt zu leugnen oder die theozentrische Soteriologie für drittrangig zu erklären. Die Theologie muß stets zu verhindern versuchen, daß der befreiende Gott »des Exodus und des Reiches« letztlich bloß als »hypostasiertes Ideal des in seiner Wirklichkeit noch ungewordenen Menschenwesens« bzw. »als utopische Entelechie der Seele« (Bloch 1979: 1523) verstanden wird. Da ist die neue politische Theologie eines Johann Baptist Metz hierzulande viel wacher gewesen, weil sie auch in den utopiegeschwängerten siebziger Jahren darauf geachtet hat, »daß unsere eschatologische Hoffnung nicht umstandslos mit einer Utopie verwechselt wurde, zu der bekanntlich niemand betet und schreit« (Metz 1991: 43). Für die Auseinandersetzung mit dem utopischen Diskurs der Neuzeit - die Pädagogik Freires eingeschlossen - gilt nämlich, was Metz über Bloch geschrieben hat: »Christliche Theologen werden nur im Widerspruch zu ihm von ihm lernen können. So aber durchaus« (Metz 1977: 149).

So ist es nicht verwunderlich, wenn die römische Instruktion »über die christliche Freiheit und die Befreiung« vom 22. März 1986 betont, daß der erste und grundlegende Sinn von Befreiung »soteriologisch« ist und die Befreiung vom Bösen und der Sünde beinhaltet: »In dieser Erfahrung des Heils entdeckt der Mensch den wahren Sinn seiner Freiheit, da doch Befreiung die Wiederherstellung der Freiheit ist« (Libertatis conscientia 1986: Nr. 23; Ratzinger 1986). Die ethische Dimension einschließlich der Veränderung ungerechter Strukturen und des Kampfes um soziale Gerechtigkeit ist eine unverzichtbare Folge aus der soteriologischen Dimension, und nicht umgekehrt (ebd. 23, 71). Der persönlichen Freiheit und der Bekehrung der Herzen wird ein Vorrang zuerkannt, der jedoch in keiner Weise die Notwendigkeit aufhebt, ungerechte Strukturen zu verändern: »Man muß sich also zugleich um die Bekehrung der Herzen und um die Verbesserung der Strukturen bemühen« (ebd. 75).

Es fällt auch auf, daß die römische Instruktion - wie übrigens auch alle einschlägigen Dokumente des jüngsten Lehramtes - der Erziehung eine zentrale Bedeutung zumißt. Darin ist etwa davon die Rede, daß die vorrangige Aufgabe »erzieherischer Natur« (ebd. 99) und die Förderung und Verbreitung der Erziehung, beginnend mit der Bekämpfung des Analphabetismus, ein »unveräußerliches Recht« einer jeden Person sei (ebd. 93); gefordert wird »Erziehung zur Freiheit, das heißt zum richtigen Gebrauch der Freiheit« (ebd. 23, 76, 95), »Erziehung zur politischen Klugheit« (ebd. 80), »Erziehung zur Zivilisation der Arbeit, Erziehung zur Solidarität, Zugang aller zur Kultur« (ebd. 81, 95) usw.

Es mag vieles darin soteriologisch-personalistisch klingen und damit anders gemeint sein, als im befreiungspädagogischen oder befreiungstheologischen Diskurs. Aber ansonsten gibt die römische Instruktion, wenn sie unpolemisch gelesen wird, deutlich die Richtung an, auf die es künftig gemeinsam hinzuarbeiten gilt: die ethische Erdung der Utopie in der untrennbaren Einheit von Bekehrung der Herzen und Veränderung der Strukturen, von Gottes- und Nächstenliebe. Freilich geht die Instruktion davon aus, daß eine solche Erdung mithilfe der kirchlichen Soziallehre besser zu erreichen sei als mit Hilfe der utopisch-theologischen Befreiungsdiskurse (ebd. 71-80).

Anklage und Ankündigung

Haben Freires Pädagogik und Gutiérrez’ Befreiungstheologie diesen Schritt zur Ethik sinnvoll vollzogen? Gutiérrez wohl besser als Freire, aber auch nicht ganz befriedigend. Hier liegt, wie mir scheint, der schwächste Punkt ihrer Befreiungsdiskurse, auch wenn ich die radikale Kritik von Dimas Figueroa gar nicht teile, wonach Freire und z. T. auch Gutiérrez den Aporien der liberalen Aufklärung verhaftet bleiben, »den Erfordernissen eines historischen, konkret-utopischen Denkens« (Figueroa 1989a: 440) nicht gerecht werden, und bestenfalls zum blinden Aktionismus führen, will sagen, weil ihre gesellschaftlichen oder religionssoziologischen Analysen allzu abstrakt und nicht marxistisch genug sind (Figueroa 1989a: 280; 1989b 132f).

Freires Pädagogik will eine utopische sein, was nicht bedeutet, daß sie idealistisch oder undurchführbar sei, sondern daß sie aus der permanenten Anklage der entmenschlichten Zustände und der Ankündigung ihrer Veränderung bestehen will. Aber wo hat Freire die »Theorie einer Veränderungspraxis«, die er als unentbehrlichen Bestandteil der utopischen Ankündigung fordert, zu ethischen Handlungsschritten konkretisiert? (Freire 1975: 43-47). Gewiß, die utopische Ankündigung einer besseren Welt nährt die Flamme der Hoffnung, von der jeder Befreiungsprozeß letztlich lebt und die wir auch warm halten sollten. Aber zur ethischen Erdung der Utopie brauchen wir mehr, als die bloße Hoffnung auf eine Veränderung des status quo, die im Prozeß der Bewußtmachung aufleuchtet: Wir benötigen ein Handlungsprogramm, das anhand bestimmter Strukturveränderungen in Politik, Wirtschaft und Kultur konkret aufzeigt, wie es besser werden kann, Menschen zu einer größeren ethischen Verantwortung erzieht und im Bewußtsein ihrer Fehlbarkeit auch Kontrollmechanismen gegen den Mißbrauch des utopischen Diskurses selbst einbaut (das Fehlen solcher Kontrollmechanismen ist der »Sündenfall« aller geschlossenen Gesellschaften!). Der prometeischen Euphorie müssen, wie Hans Jonas getan hat, »ethische Zügel« angelegt werden (Jonas 1979; Sievernich 1996: 46). Die immer wiederkehrende Rhetorik, daß die angekündigte neue Wirklichkeit nach Art der negativen Dialektik durch Bekämpfung der in der Anklage bewußtgewordenen gegenwärtigen Unterdrückungsmechanismen entstehen wird, weil in diesem Prozeß, welch ein Wunder, sowieso ein »neuer Mensch« geboren sein wird (Freire 1975: 44; 1974a: 45), ist recht vage, zudem mehrfach widerlegt durch die historische Wirklichkeit, in der der erträumte »neue Mensch« eine avis rara geblieben ist.

Es ehrt Gutiérrez, daß er seinen Diskurs nicht gegen Kritik immunisiert und seinem Leser Rechte einräumt, »die ihm der Verfasser weder nehmen kann noch nehmen darf«; so hat er sich in seiner Antwort auf die römische Instruktion bereit erklärt, »frühere Formulierungen zu präzisieren, zu verbessern und gegebenenfalls auch zu korrigieren«. Er möchte nun »eine Sprache sprechen, die sowohl der christlichen Botschaft in ihrer Gesamtheit gerecht wird als auch für die Wirklichkeit«, in der Lateinamerika lebt, »verständlich ist« (Gutiérrez 1992b: 19). Unter Beibehaltung der drei Befreiungsebenen hat er nun den Primat der soteriologischen Befreiung (von der Sünde und dem Bösen) unmißverständlich betont und einen Schritt auf die ethische Erdung der Utopie hin vollzogen (Gutiérrez 1992b: 47ff; Sievernich 1996). Sein Projekt des »neuen Menschen« im politisch-philosophischen und geschichtlichen Sinn des Wortes beruht nicht nur auf gerechten Gesellschaftsstrukturen, »sondern auch auf Haltungen und Einstellungen, die eben nicht das mechanische Produkt dieser Strukturen sind«. Deshalb müsse man nun »die konkreten und schwierigen Fragen der Ethik« berücksichtigen und »unter Zuhilfenahme unumgänglicher ethischer Kategorien das rechte Verhältnis zwischen Politik und Religion« herstellen. Ethik ist dabei für ihn keine Synthese aus Politik und Religion, sondern »ein Scharnier zwischen beiden Realitäten« (Gutiérrez 1992b: 47, 50). Damit ist Gutiérrez gelungen, den utopischen Befreiungsdiskurs für den ethischen zu öffnen, in dem es nicht mehr »um die andere Gesellschaft« nach dem utopisch-revolutinären Prinzip des »alles oder nichts« geht, sondern um die »bessere Lösung« angesichts der gegebenen und ethisch abzuwägenden Gestaltungsmöglichkeiten. Der emanzipatorische Aspekt könnte dann darin bestehen, advokatorisch dafür einzutreten, daß die »Armen« gleichberechtigte Partner des gesellschaftlichen und ethischen Diskurses werden. Die Zukunft der Theologie der Befreiung wird davon abhängen, inwieweit ihre Vertreter auf die Probleme Lateinamerikas bessere Lösungsvorschläge zu bieten haben werden, als etwa die kirchliche Soziallehre. Diese versteht sich zwar als eine »Summe von Reflexionsprinzipien, von Urteilskriterien sowie von Richtlinien für das konkrete Handeln« (Libertatis conscientia 1986: 72; Sollicitudo rei socialis 1988: 41), läßt aber auch viel zu wünschen übrig, wenn es darum geht, »darüber zu befinden, welche Schritte zu tun und welche Maßnahmen zu ergreifen sind, um die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Reformen herbeizufühen, die sich als wirklich geboten erweisen und zudem oft unaufschiebbar sind« (Octogesima adveniens 1977: 4).

Pädagogik des Dialogs und mystagogische Religionspädagogik

Während vieles des bisher Gesagten zum déjà vu in der Diskussion der letzten drei Jahrzehnte gehört, scheint mir, daß ein Aspekt der Pädagogik Freires für die ureigene Aufgabe der Theologie, nämlich die Rede von Gott, höchst bedeutsam wäre. Ich meine seine Skizzen einer Pädagogik der Frage bzw. des Dialogs, um die Kultur des Schweigens, zu der die Unterdrückten durch die bürgerlichen kulturellen Eliten verurteilt sind, aufzubrechen. Eine solche Pädagogik geht davon aus, daß die Unterdrückten durchaus »Kultursubjekte« sind bzw. werden können und mitzureden haben, wenn es um eine befreiende Kultur geht. Man muß nur auf sie gut hören lernen, und das antidialogische indoktrienierende »Bankiers-Konzept« aufgeben, mit dem die pädagogischen Vertreter des Kulturestablishment arbeiten. Statt einer Praxis der Herrschaft wird dann zwischen Lehrer und Schüler eine gegenseitige dialogische Akkulturation als Praxis der Freiheit entstehen (Freire 1974b; 1977; 1980; 1985a; 1985b). In diesem Zusammenhang muß auch Gutiérrez’ Kennzeichnung der Theologie der Befreiung als »Ausdruck des Rechts der Armen, über ihren Glauben nachzudenken« (Gutiérrez 1992b: 23), gesehen werden.

Ich finde, daß die hierzulande so oft zitierte und so wenig verstandene mystagogische These von Karl Rahner über den Frommen (besonders den Christen) von morgen geradezu nach einer solchen Religionspädagogik der Frage oder des Dialogs verlangt: »Der Fromme von morgen«, so Rahner, »wird ein ‘Mystiker’ sein, einer, der etwas ‘erfahren’ hat, oder er wird nicht mehr sein, weil die Frömmigkeit von morgen nicht mehr durch die im voraus zu einer personalen Erfahrung und Entscheidung einstimmige, selbstverständliche öffentliche Überzeugung und religiöse Sitte aller mitgetragen wird, die bisher übliche religiöse Erziehung also nur eine sehr sekundäre Dressur für das religiös Institutionelle sein kann« (Rahner Frömmigkeit: 22f)

Diese These stellt so etwas wie eine »glaubensgeschichtliche Wende« dar, sofern die Glaubensbegründung, die natürlich immer durch die amtliche kirchliche Lehre in normativer Weise gelenkt wird, heute »notwendig Initiation und Erweckung innerer persönlicher Glaubenserfahrung sein« muß, einer Glaubenserfahrung, von der Rahner sogar meint, daß sie selbst bei dem vorhanden ist, »der zunächst behauptet, keine Glaubenserfahrung zu kennen und sich nicht für sie zu interessieren« (Rahner Glaubensbegründung 25; Biser 1987: 171-208). Unter »Mystik« versteht Rahner hier also jene ganz alltägliche - thematische oder unthematische - Gottes-, Geistes-, Gnaden- oder Glaubenserfahrung, jene »Mystik des Alltags«, derer ein jeder Mensch grundsätzlich fähig ist.

Rahner kennt natürlich die in ihren letzten Konsequenzen nicht ausgeschöpfte Lehre des Ersten Vatikanischen Konzils von der grundsätzlichen Möglichkeit einer natürlichen Gotteserkenntnis, wonach »Gott, aller Dinge Grund und Ziel, [...] mit dem natürlichen Licht der menschlichen Vernunft aus den geschaffenen Dingen mit Sicherheit erkannt werden« kann (Denzinger 1991: Nr. 3026). Das bedeutet, wie einer seiner Schüler sagt, eine Art Menschenrechtserklärung der Kirche in Sachen Gottes, und zwar als »das Recht aller vernunftbegabten und gutwilligen Menschen, bei der Gottesfrage gehört (und nicht nur belehrt) zu werden« (Metz 1994: 387), also das Ende der Bankiers-Erziehung auch in der Kirche! Wie ein weiterer Schüler betont, will das auch heißen, daß Gott zu erfahren im Nachdenken über unsere Alltagserfahrungen der erste, »nicht-elitär allen Menschen zugängliche Weg« ist (Vorgrimler 1984: 67). Darauf gründet letztlich Rahners Sicht des Menschen als »Hörer des Wortes«, die These von der gnadenhaften Selbstmitteilung Gottes als Ausdruck seines universalen Heilswillens, die von vornherein immer und überall gegeben ist: als eine transzendentale, nicht-elitäre oder nicht-exklusive »Basis-Offenbarung«, die der kategorialen, amtlichen oder inkarnatorischen Wort-Offenbarung vorangeht. Und darin wurzelt schließlich auch seine These von einer universalen »Mystik des Alltags« (Rahner 1978), die als »anonym christliche Mystik«, als »suchende Christologie« (Rahner 1989: 127), außerhalb des verbalisierten und institutionalisierten Christentums immer und überall - besonders in dem radikalen Akt der echten Nächstenliebe (Mt 25,40.45) - gegeben ist.

Der Ansatz Rahners ist im Grunde ein nachhaltiges Plädoyer für eine »missionarisch-mystagogische« Kirche in der Welt von heute. Die Botschaft, von deren Verkündigung sie sich nicht dispensieren darf (Mt 28,19f; Mk 16,15; Apg 1,8), sofern sie Kirche Christi bleiben will, ist unter die Menschen zu bringen. Aber bevor wir mit der ausdrücklichen Verkündigung anfangen, auf daß der transzendentale »Hörer des Wortes« ein bewußter »Hörer des inkarnierten Wortes« wird, haben wir demütig die Gotteserfahrung auszugraben und zu hören, die er immer schon macht. Diese Erfahrungs-Anamnese ist der erste Schritt der mystagogischen Theologie Rahners. Sie entspräche der Pädagogik der Frage bzw. des Dialogs Paulo Freires und könnte formalmethodisch von ihr befruchtet und so zu einer »mystagogischen Religionspädagogik« erweitert werden. Auch der Synodenbeschluß `Unsere Hoffnung´, der bekanntlich der guten Feder von Johann Baptist Metz entsprang, hält implizit eine Erfahrungs-Anamnese als Pastoralmethode für unumgänglich, wenn es darin heißt:

»Der Name Gottes ist tief eingegraben in die Hoffnungs- und Leidensgeschichte der Menschheit« (Unsere Hoffnung 1978: 87)

Demnach täten wir in der Religionspädagogik gut daran, Freires Methode der Bewußtmachung zu beherzigen, um die verschütteten Gotteserfahrungen eines jeden Menschen (Schülers) dialogisch auszugraben, damit die Alltagschristen bewußte Subjekte ihres religiösen Lebens werden. Der eingangs bereits zitierte spanische Dichter Antonio Machado hat, wie mir scheint, zu Beginn dieses Jahrhunderts die Quintessenz der Pädagogik Freires und der mystagogischen Theologie Rahners in folgenden drei Versen vorweggenommen: »Um einen Dialog zu führen, / fragt zuerst;/ und dann... hört gut zu« (Machado 1989: 426).

Wie viel würde sich wohl in der Kirche und der Religionspädagogik ändern, wenn wir wirklich das Recht aller Menschen, von Gott zu reden, respektierten und mutig förderten! Die einen geben vor, auf den Schrei des Volkes zu hören, aber in Wirklichkeit hören sie diesen Schrei immer nur gefiltert durch die emanzipatorischen Kopfhörer, die sie sich nach der Lektüre des neuzeitlichen Utopiediskurses aufgesetzt haben. Die anderen, etwa die oben zitierte römische Instruktion, führen den »Glaubenssinn der Armen« gegen den utopischen Diskurs an. Aber warum wird dieser »Glaubenssinn« immer im Sinne einer Marienfrömmigkeit interpretiert, der man den Stachel des »Magnificats« gezogen hat? (Libertatis conscientia 1986: 97ff). Las Casas wußte noch, daß die Gerichtsbotschaft, soll sie befreiend und nicht ideologisch wirken, an die richtige Adresse verkündet werden soll, nämlich, wie der Synodenbeschluß `Unsere Hoffnung´ sagt, vor allem »vor den Mächtigen dieser Erde«, »vor Statthaltern und Königen«: »Haben wir in der Kirche diesen befreienden Sinn der Botschaft vom endzeitlichen Gericht Gottes nicht selbst verdunkelt, weil wir diese Gerichtsbotschaft zwar laut und eindringlich vor den Kleinen und Wehrlosen, aber häufig zu leise und halbherzig vor den Mächtigen dieser Erde verkündet haben?« (Unsere Hoffnung 1978: 92f).

Ausblick

Betrachtet man das Riesenwerk eines Bartolomé de Las Casas, die Pädagogik Paulo Freires und die Befreiungstheologie eines Gustavo Gutiérrez, so versteht man, warum die »neue Rechte« heute vom »jüdisch-christlichen Obskurantismus« und dem »Gift des Magnificats« spricht, ihren Hauptfeind darin treffsicher erkennend. Im Wirkungsbereich des Christentums steht heute wie damals die Rückkehr zu der heidnischen Gesellschaft nietzschescher Prägung, die auf dem Sozialdarwinismus basiert, oder aber der Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung auf der Grundlage wahrhaft christlicher Werte auf dem Spiel. Die Ideologen der »neuen Rechten« werfen dem Christentum vor, daß es von einem einzigen Gott geredet, die Einheit und Gleichheit des Menschengeschlechts gepredigt, die ethnischen »Blut-und-Boden-Religionen« in Frage gestellt und das prophetische Gift der Unterordnung der Politik unter die Moral verkündigt hat, statt dem Machiavellismus des Willens zur Macht zu huldigen; daß es schließlich - wenn auch im säkularen Gewand und gegen den historischen Widerstand der Kirchen - die grundlegende Wurzel der Menschenrechte und der Emanzipationsbewegungen gewesen ist (Niewiadomski 1993: 24ff).

Und dennoch gehört auch zur Wirkungsgeschichte des Christentums, daß es leider nicht immer das war, was ihm die »neue Rechte« vorhält, sondern auch das, was diese selbst vertritt: eine Religion, die den ihr eigenen Universalismus wiederholt verraten hat und willige Geburtshelferin des Nationalismus und des Kolonialismus gewesen ist; eine Religion, die - jedenfalls bis ins 20. Jahrhundert hinein - nicht selten ein »ethnisches Christentum« verkündigt hat, indem alle als Kinder Gottes zwar im Prinzip gleich sind, aber die Weißen gleicher als die Indios oder die Schwarzen, und die Männer gleicher als die Frauen. Auch in Lateinamerika wurde dieser Weg sehr früh eingeschlagen: Kaum war Las Casas tot, vollzogen die Bettelmönche eine anti-indigene Wende und setzten das Verbot der Priesterweihe für Indios, Mulatten und Mestizen durch; und dies nicht nur aufgrund der diesen angeblich fremden zölibatären Lebensweise, sondern aus durchaus rassistischen Gründen und nicht zuletzt auch, weil die Weißen das sakrale Wissen und damit die religiöse Macht mit ihnen nicht teilen wollten (De la Rosa 1992; Kobayashi 1985).

Eine Rückgewinnung des echt christlichen, befreienden Universalismus ist heute angesichts des von der »neuen Rechten« verbreiteten und auf eine Zementierung des status quo weißer Vorherrschaft hinauslaufenden »Ethnopluralismus« unumgänglich; sie setzt aber, in der Sprache Freires ausgedrückt, eine »Bewußtmachung« voraus, eine kritische Durchleuchtung der ambivalenten Rolle des Christentums in der Geschichte. Die lateinamerikanischen Befreiungstheologen und -pädagogen haben - wenn auch für europäische Ohren mit vielfach unpräzisen Formulierungen, wie es sich bei Entwürfen gehört, die die Signatur der Zeit tragen, den Mut gehabt, das II. Vaticanum vor dem Hintergrund des besonderen Skandals Lateinamerikas zu rezipieren: daß Völker, deren kultureller Kern evangelisiert wurde, in einer akuten Situation struktureller Ungerechtigkeit und Gewalt leben. Waren wir auch zu einem vergleichbaren Mut in Europa fähig? Begnügen wir uns nicht allzuoft mit einem romantischen Blick auf die fernen Länder, wo der Glaube oder die pädagogische Phantasie »lebt«, statt den großen Skandal der europäischen Geschichte aufzuarbeiten, daß nämlich Völker, die seit mehr als einem Jahrtausend evangelisiert wurden, bis in die Gegenwart hinein dem menschenverachtenden Rassismus, dem Kolonialismus (heute, im Zeitalter der politischen Korrektheit, heißt er freilich nicht mehr so), dem Nationalismus und den Religionskriegen huldigen? Erst wenn wir auch vor der eigenen Haustür gründlich kehren, werden wir die befreienden Impulse eines Las Casas (eines Freire und eines Gutiérrez) wirklich verstanden und die Grundlage für eine halbwegs solidarische Weltgesellschaft unter den brüchigen Bedingungen der menschlichen Daseinsverfassung gelegt haben.

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Sievernich, Michael: Von der Utopie zur Ethik. Zur Theologie von Gustavo Gutiérrez. In: ThPh 71 (1996), S. 33-46.
Sollicitudo rei socialis: Enzyklika von Papst Johannes Paul II. 1987. (VAS 82), Bonn 1988.
Unsere Hoffnung: Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland. Beschlüsse der Vollversammlung. Offizielle Gesamtausgabe I, Freiburg 4. Auflage, 1978
Vorgrimler, Herbert: Gotteserfahrung im Alltag. Der Beitrag Karl Rahners zu Spiritualität und Mystik.
            In: Karl Lehmann (Hg.), Vor dem Geheimnis Gottes den Menschen verstehen. Karl Rahner zum 80. Geburtstag, München 1984, S. 62-79.



Enrique Dussel: "Den Opfern das Wort geben" 1

Sein Geburtstag scheint ein Zentralthema seines Lebens vorwegzunehmen:
die Religionswissenschaft und die Verantwortung des Christentums für eine Befreiung des Menschen von Elend und Unterdrückung.

Enrique Dussel kam am 24. Dezember 1934 als Sohn einer katholischen Arztfamilie in Mendoza in Argentinien zur Welt.
Sein Urgroßvater Johann Kaspar Dussel war 1870 von Schweinfurt in Deutschland nach Südamerika ausgewandert.
Schon früh hat er sich in christlicher Jugendarbeit engagiert, um zu einer Veränderung der Gesellschaft beizutragen.
Doch nicht nur der Kampf der Armen um mehr Gerechtigkeit rückte in den Mittelpunkt seines Denkens und Handelns, sondern eine neue wissenschaftlich fundierte Weltsicht von der Peripherie aus, die Dussel den bisherigen eurozentrischen Wissenschaftsmethoden entgegenstellt.
Nach der Machtergreifung der Militärs in seiner Heimat flüchtete der Philosoph nach Mexiko, wo er heute an der größten Universität der Welt, der UNAM, lehrt. Durch die zentrale Einbeziehung des "Anderen"- des Menschen, der exterior zum geistigen Horizont der definitionsmächtigen gesellschaftlichen Gruppe steht- in sein Denken schafft Dussel die Voraussetzung für eine interkulturelle wissenschaftliche Vorgehensweise.

Sie gelten als einer der hervorragendsten Denker Lateinamerikas und der Philosophie der Befreiung.
Was waren nun die entscheidenden Stationen Ihres Lebens, die Sie dahin geführt haben?

Dussel: Ich habe mit dem Philosophie- und dann mit dem Soziologiestudium begonnen, und später merkte ich, daß das bereits einem bestimmten Plan entsprach. Ich erinnere mich, daß ich für meine erste größere Arbeit in Soziologie, das war im zweiten Semester, mit dem Fahrrad in die Elendsviertel von Mendoza fuhr, meiner Geburtsstadt, und dort die Lebensumstände der Menschen aufzeichnete.
Heute frage ich mich, was mich dazu gebracht hat, mich derart zu engagieren. Es muß ja einen bestimmten Hintergrund gegeben haben, der mich zu dieser "Mystik" für die Armen, wie ich es nennen würde, geführt hat.

War diese Erfahrung der Armut also für Sie ein bleibendes Erlebnis?

Dussel: Ich erinnere mich auch, daß wir einmal ein Spital mit behinderten Kindern besuchten, und da lag ein völlig entstelltes Kind in seinem eigenen Dreck und stank fürchterlich- ich habe diesen Geruch heute noch in der Nase. Deshalb habe ich wohl mit der Philosophie begonnen, weil ich mich nach dem Warum von soviel Elend fragte. Und ich habe mich ständig mit Fragen der Ethik beschäftigt, eigentlich in den letzten 45 Jahren meines Lebens.

Und weitere einschneidende Erlebnisse?

Dussel: Ich verließ Argentinien und machte in Spanien mein Doktorat zum Thema "Gemeinwohl".
Das war 1959, ich war gerade 25 Jahre alt. Dann ging ich für zwei Jahre nach Israel, und das waren wohl die eindrucksvollsten Jahre meines Lebens.
Ich arbeitete als Tischler in Nazareth oder als Fischer im Tiberias-See und erlebte so eine sehr persönliche Vision des Alten und des Neuen Testaments. Ich kam mit Gauthier in Kontakt, einem großen Arbeiterpriester, der schon 1961 ein Buch mit dem Titel "Jesus, die Kirche und die Armen" schrieb. Dann war ich in einer Gruppe, die für den damaligen Kardinal von Bologna und späteren Papst Johannes XXIII das Projekt einer "Kirche der Armen" ausarbeitete. Auch der nachmalige brasilianische Kardinal Helder Camara war in dieser Gruppe.

Wurde also Ihr intellektueller Werdegang stark durch diese religiösen Erfahrungen geprägt?

Dussel: In Europa widmete ich mich auch noch anderen Studien, der Religionswissenschaft zum Beispiel, und machte noch ein weiteres Doktorat, diesmal über die Indianer. Ich blieb also meinem Thema der "Armen" treu. Aber erst gegen Ende der sechziger Jahre- ich war mittlerweile wieder nach Argentinien zurückgekehrt- gelang es mir, diese Studien vieler Jahre mit einem persönlichen Denken in Einklang zu bringen.
Theoretisch hatte ich schon seit langem von Heidegger, Scheler, Husserl, Levinas und allen diesen Leuten gesprochen, aber ich hatte sie nicht mit meiner persönlichen politischen Erfahrung in Verbindung gebracht, mit der Erfahrung des Elends. Und so schrieb ich mein erstes Werk über die Ethik.

Worin liegt für Sie der besondere Wert Ihres letzten Buches, der "Ethik der Befreiung"?

Dussel: Die Geschichte, meine Geschichte, ist weitergelaufen. Ich habe erlebt, wie gewisse Hoffnungen gescheitert sind, während die Armut zugenommen hat. Und ich sah, daß die Philosophie der Befreiung recht hatte: Es geht uns schlecht, und wir müssen aus dieser Situation herauskommen. Das war meine oberste Überzeugung, daß wir auf diesem Weg weitertun mußten. Aber auch die Diskussion mit vielen anderen zeitgenössischen Philosophen zeigte mir die Kraft unserer Argumente und die Möglichkeit, von Lateinamerika her etwas Neues zur Philosophie beizutragen.

Und was ist dieses Neue?

Dussel: Die Perspektive. Aus der Peripherie her wird jedes Postulat der Moderne oder Postmoderne anders. Ich sagte mir, Moment, diese moderne Vernunft hat soviel zerstört, und auf Grund meiner eigenen Erfahrung des Elends und des Hungers entstanden allmählich in mir eigene Argumente. Die Negativität verwandelte sich zu einer positiven Ausarbeitung einer viel entwickelteren Ethik als jener, die ich vor 25 Jahren verfaßt hatte.

Sie erwähnen in Ihrem zweiten Ethik-Buch immer wieder konkrete Personen, wie Rigoberta Menchú und die Zapatisten?
Was bezwecken Sie damit?


Dussel: In meinem ersten Buch traten die Armen als Zeugen auf, mit deren Hilfe Fragen aufgeworfen wurden. Später wurde mir dann klar, daß diese Menschen ja auch Namen und Geschichte hatten, und ich hörte Rigoberta und Domitila, diese wunderbare Frau aus den Minen Boliviens, die aufstand und sagte: Wenn man mit erlaubt zu sprechen, und sie erzählte von Dingen, die man schon oft gehört hat, aber in einer derartigen Klarheit und mit einer Kraft, die ihrer spezifischen Rolle als Opfer entspringt.
Ich sagte mir also: man muß den Opfern das Wort erteilen, und das habe ich in meiner zweiten Ethik getan, wo die Opfer das Wort haben und die Intellektuellen, die Philosophen, die Soziologen, die Wissenschaftler bis hin zu den Theologen darauf antworten, interpretieren, woraus sich eine interessante Spirale ergibt. Das hat mir viel Kritik eingetragen, unter anderem wurde ich als Populist verschrieen, aber wenn jemand etwas macht, so ist es auch kritisierbar, das finde ich nicht schlimm.

Und wie stehen Sie zu den Zapatisten?

Dussel: Sie haben zwei Philosophen zu nationalen Beratern ernannt, einen Mexikaner und mich, doch da ich Ausländer bin, habe ich diese Ehre doch nicht angenommen. Die Zapatisten vertreten keinen dogmatischen Marxismus, nicht einmal einen Standard-Kommunismus, sondern sie sind von der Realität ihres Landes ausgegangen, und in diesem Sinne haben sie wie eine enorme Schule des Realismus gewirkt.
Es ist eine außergewöhnliche Begegnung. Für mich ist Marcos auch ein Dichter, wie Neruda. Er erfaßt die Wirklichkeit auch auf ästhetische Weise und hat die Fähigkeit, sich den Menschen mitzuteilen. Ich nenne ihn den Übersetzer von einer Welt in die andere.

Sie mußten Ihre Heimat Argentinien auf Grund der Bedrohung durch die Militärdiktatur verlassen und flüchteten nach Mexiko.
Hat diese Tatsache Ihr Denken wesentlich beeinflußt?

Dussel: Ja, sie haben mir eine Bombe gelegt, die einen Teil meines Hauses zerstört hat, und das hat mir gezeigt, daß sie verstanden haben, was ich sagte (lacht). Das empfinde ich als eine Ehre. Aber natürlich war es eine dramatische Angelegenheit, und ich mußte flüchten.
Ich wollte unbedingt in Lateinamerika bleiben, aber nicht so weit weg von Argentinien, doch aus familiären Gründen wählte ich schließlich Mexiko als Exilland. Mexiko ist völlig anders als Argentinien, und ich habe viele Jahre gebraucht, um meinen Diskurs anzupassen.

In Ihrer Ethik der Befreiung taucht auch der Genderaspekt als Thema auf.
Was bedeutet das für einen Mann?


Dussel: Ich habe 1972 ein Buch mit dem Titel "La Erotica latinoamericana" verfaßt, das die Befreiung der Frau zum Thema hat. Heute sehe ich, daß etwa zehn Prozent vom Inhalt dieses Buches nicht stimmt, auf Grund der Umstände, unter denen ich aufwuchs, aber zu 90 Prozent stehe ich auch heute noch dazu.
Ich möchte aber noch tiefer in die Materie einsteigen, etwa bezüglich der Neudefinition der Funktion des Mannes in einer Gesellschaft, in der sich die Frau zu befreien beginnt.

Ist Ihrer Meinung nach die Befreiungstheologie am Ende angelangt?

Dussel: Sie wird weiterbestehen, aber es muß zu einer Umwandlung ihrer erkenntnistheoretischen Thesen kommen. Zu einer Transformation und nicht zu einem Bruch. Das ist das, was ich in meiner Ethik mache. Sie möchte eine Art erkenntnistheoretische Grundlage der Befreiungstheologie sein.
Sie muß das Gedankengut der neuen Philosophie verarbeiten, und ich empfinde es als meine Aufgabe, diese Aufarbeitung durchzuführen, denn schließlich ist ein Theologe ja kein Philosoph.
Jetzt im Juni werden wir in Matanzas in Kuba ein interessantes Treffen haben, wo acht bis zehn Befreiungstheologen der alten Schule, darunter auch ich, mit etwa 80 Jugendlichen zusammenkommen. Dabei werden wir ihnen sagen: Schaut, das ist der Weg, so wie wir ihn uns vorstellen. Was sagt ihr dazu?

Was sind Ihre nächsten Zukunftspläne als Philosoph?

Dussel: Nun, zuerst muß ich einmal meine "Ethik" publizieren, denn die ist noch nicht einmal auf Spanisch erschienen. Eine englische Übersetzung ist schon in Vorbereitung. Dieses Werk hat mich ziemlich erschöpft; in den letzten vier Jahren habe ich viele Wochenenden darauf verwendet. Aber ich arbeite bereits an einer "Politischen Philosophie", die auf derselben Linie wie die Ethik liegen wird.
Dann habe ich noch vor, eine "Ökonomische Philosophie" zu schreiben, des weiteren ein Werk zur Ökologie und eines zur Genderfrage. Diese vier Ebenen der Befreiung scheinen mir die vordringlichsten und wichtigsten zu sein. Deren Behandlung wird einige Jahre in Anspruch nehmen, weiter weiß ich noch nicht. Vielleicht werde ich mich dann zurückziehen und das Feld Jüngeren überlassen.

Bücher von Enrique Dussel
Herrschaft und Befreiung. Ansatz, Stationen und Themen einer lateinamerikanischen Theologie der Befreiung. Edition Exodus, Luzern 1985
Die Geschichte der Theologie in Lateinamerika. Matthias - Grünewald -Verlag, Mainz 1988
Philosophie der Befreiung, Argument Verlag, Hamburg 1989
Prophetie und Kritik. Entwurf der Geschichte einer Theologie in Lateinamerika, Edition Exodus, Luzern 1989
Von der Erfindung Amerikas zur Entdeckung des Anderen. Ein Projekt der Transmoderne, Patmos, Düsseldorf 1993

Über Enrique Dussel

Hans Schelkshorn: Ethik der Befreiung. Einführung in die Philosophie Enrique Dussels. Herder, Wien 1992
Raúl Fornet-Betancourt: Für Enrique Dussel. Aus Anlaß seines 60. Geburtstages, Augustinus-Buchhandlung, Aachen 1995
Anton Peter: Enrique Dussel. Offenbarung Gottes im Anderen, Matthias- Grünewald-Verlag, Mainz 1997


Thorsten Knauth/ Joachim Schroeder

Befreiungstheologie an der Hochschule
Über Anfänge, Konzeption und Verlauf eines "befreienden" Seminarprojektes

Ein Anfang an der Universität

"Hier beginnt die Theologie" stand als Überschrift auf einer Fotographie, die wir in der ersten Sitzung eines religionsdidaktischen Hauptseminars an der Universität präsentierten. Das Foto zeigt eine vom Erdbeben zerstörte Hausruine in Managua (Nicaragua), in der eine Familie auf einem provisorischen Herd das Essen zubereitet. Wir hatten das Bild so abgedeckt, daß nur der Satz zu lesen war: "Hier beginnt die Theologie". Wir baten die Studierenden darum, Vermutungen zu äußern, welche Bilder zu diesem Satz passen könnten. passen könnten. Die Vorschläge zeigten mehr als jede Vorstellungsrunde theologische Hintergründe und Bewußtseinsstände: Eine Kirche sollte auf´s Bild, eine Bibel, das Kreuz, betende Hände, die Universität, Pflanzen, Blumen auf einer grünen Wiese. Jemand sagt: Vielleicht ist auch gar nichts zu sehen, weil Theologie etwas mit Schöpfung zu tun hat, also mit allem, was ist und lebt. Eine andere denkt an den Tanz um das Goldene Kalb, in dem die Unterscheidung zwischen dem wahren Gott und den falschen Götzen thematisiert wird.

Das Erstaunen bei der "Ent-deckung" des Bildes ist groß: mit Theologie habe dieser Ausschnitt aus einem Armenviertel der Dritten Welt nicht viel zu tun, allenfalls als Aufruf zu den Menschen im zerstörten Haus zu gehen und sie zu bekehren. Wenn überhaupt, dann gehe es hier um ethisches Handeln und nicht um Theologie; Bild und Überschrift könnten als Spendenappell und Aufruf zur Hilfe verstanden werden.

Später, als wir den befreiungstheologischen Hintergrund des Bildes angedeutet haben, über die "Option für die Armen", die "Orthopraxie" statt der "Orthodoxie" und die Perspektive von unten diskutiert haben, entspinnt sich die erste Diskussion über die Orte der Armut in Hamburg (Mümmelmannsberg?, Steilshoop?, Blankenese?), über ihre Gesichter (Obdachlose oder Spielzeugberge, Alkoholflaschen oder Szenen vom Hauptbahnhof), das Verständnis von Armut (materiell arm?, emotional arm?, gefangen im Reichtum) und die Adressaten von Theologie (Sollen sich "die Reichen um ihren eigenen Kram kümmern"?).

Ein Anfang war gemacht: Ein Bild provoziert Fragen nach der Verknüpfung von Theologie und Pädagogik mit gesellschaftlicher Realität. Was ist Armut, und inwieweit betrifft sie mich; was hat die Religionspädagogik mit der Armut in einer Großstadt zu tun? Ein Bild irritiert und löst Diskussionen über die Frage aus, wie wir uns in die Gestaltung und in die Veränderung gesellschaftlicher Realität einmischen können.

Ein Sommer über Befreiung. Hintergründe des Hungertuch-Projektes

Über Befreiung wollten wir in diesem Sommersemester also wieder diskutieren. Genauer: Über eine wissenschaftstheoretische und eine sozialpolitische Perspektive, die konsequent aus dem Schlüsselproblem sozialer Ungleichheit entwickelt wird und die einen ethischen Anspruch der Parteilichkeit vertritt, der zusammengefaßt ist in der berühmten Formel der Option für die Armen. Über Befreiung zu diskutieren hieß für uns, einen bildungstheoretischen Diskurs und eine pädagogische und theologische Praxis, entwickelt in der Auseinandersetzung der Dritten mit der Ersten Welt und übertragen auf die Dritte in der Ersten Welt zu thematisieren, zu erinnern und zu aktualisieren- und dies möglichst facettenreich, mehrperspektivisch und mehrdimensional.

In der Semestervorbereitung hatten wir uns überlegt, wie wir den pädagogischen und theologischen Befreiungsansatz so vermitteln können, daß wir nicht nur über das Befreiungsparadigma lesen und reden. In einer Rekonstruktion der historischen Entwicklung des Befreiungsansatzes, seiner Grundthesen, Ziele, Orte und Subjekte hatten wir einige Kernstücke des Befreiungsparadigmas in Pädagogik, Philosophie und Theologie herausgeschält (vgl. Knauth/Schroeder 1998). Trotz der Verschiedenartigkeit der Disziplinen (z.B. Philosophie, Theologie und Pädagogik), der sozialen, kulturellen und politischen Kontexte (z.B. Lateinamerika und Europa) besteht die Gemeinsamkeit des Befreiungsansatzes in einer wissenschaftstheoretischen und einer sozialpolitischen Option, einer dialektischen Methodologie und einer Zielperspektive. Befreiungspädagogik und Befreiungstheologie (sowie die anderen um Befreiung zentrierten sozialwissenschaftlichen Disziplinen) lassen sich kennzeichnen durch eine entschiedene Parteilichkeit für die Armen, durch eine Erfahrungen produzierende und auf Praxis reflektierende Methodologie, der es um Bewußtseinsbildung und gemeinsame Aktion, Hilfe zur Subjektwerdung und Veränderung gesellschaftlicher Realität im Interesse der Armen geht.

Auch in dem religionsdidaktischen Seminarprojekt wollten wir die Religionspädagogik in die Schule der Befreiung schicken, also den Befreiungsansatz in bezug auf religionspädagogische Fragestellungen mit seinen eigenen Mitteln kennenlernen. Ziel mußte also sein, in einer dialektischen Verschränkung von Inhalt und Methode den Ansatz zu erarbeiten und anzuwenden.

Über Schlüsselthemen und Codierungen. Die Eckpfeiler des Hungertuch-Projektes

Aus diesen Überlegungen entstand die Idee, ein Unterrichtsmaterial zum Thema "Armut von Kindern und Jugendlichen in Hamburg" mit den Werkzeugen des Befreiungsansatzes zu erarbeiten. Die Studierenden sollten das "generative Thema" Armut in Hamburg erfahrungsnah und in der Perspektive "von unten" bearbeiten: In einer erkundenden Wahrnehmung und aufsuchenden Auseinandersetzung von Phänomenen und Orten der Armut in Hamburg sollten sie die "Schlüsselwörter der Armut" finden, um diese in bildhafter Veranschaulichung zu einer Collage sozialer Realität zusammenzusetzen. Es ging uns also um die Erarbeitung einer befreiungspädagogischen Codierung des Schlüsselthemas "soziale Gerechtigkeit" in einer aufeinander abgestimmten Folge von praktischen, erfahrungsorientierten und erfahrungsproduzierenden sowie reflektierenden und integrierenden Phasen. Auf diese Weise folgten wir dem befreiungstheologischen Grundschema "Sehen, Urteilen und Handeln".

Wir haben dabei die befreiungstheologische Tradition des sogenannten Hungertuches gewählt, weil sie uns gut geeignet zu sein schien, Formen und Inhalte des Befreiungsansatzes auf dialektische Weise miteinander zu verschränken und ein religionspädagogisch wichtiges Thema im Kontakt mit sozialer Realität anschaulich und bewußtseinsstiftend zu bebildern.

In Hungertüchern werden hoffnungsvolle Beispiele und Visionen ins Bild gesetzt, die aufzeigen, daß Armut und Ausbeutung immer auch einhergehen mit Hoffnung und Verheißung. Zeitgenössische Bilder von Leid und Tod, von Unterdrückung und Befreiung, von Angst und Hoffnung sind verwoben mit den Geschichten und Bildern der Hebräischen Bibel und des Neuen Testaments. Die Hungertücher stehen in der Tradition der "Biblia Pauperum", der "Armenbibel": Im Mittelalter wurden diese Tücher und Bilder als eine Art "Heilige Schrift in Bildern" für eine Bevölkerung verwendet, die damals mehrheitlich weder lesen noch schreiben konnte. Heute können sie verstanden werden als Möglichkeit, unser Analphabetentum gegenüber der Not in der Welt bewußt zu machen und weltgesellschaftliche Zusammenhänge ins Bild zu setzen.

Mit einem Hungertuch wird das Kreuz in der Fastenzeit umhüllt, um das gewohnte Bild durch ein neues Bild zu verfremden, neue Aufmerksamkeit darauf zu lenken, es aufzuschlüsseln und neue Deutungszugänge zu schaffen. Leid und Unterdrückung werden in unserer Gesellschaft am liebsten verdeckt gehalten. Hungertücher wollen dieses Leid aufdecken, der Stoff des Lebens gibt den Stoff ab für das Bild: Verschiedene Lebenstexte werden zu einem vielschichtigen Bildtext verarbeitet (vgl. Baumann 1992; Schlembach 1994).

Misereor hat den alten Brauch des Hungertuchs (der in einigen Gegenden Deutschlands immer noch gepflegt wird) wieder aufgegriffen und 1976 das erste Tuch malen lassen. Da die Idee eine große Resonanz gefunden hat, werden seitdem alle zwei Jahre neue Hungertücher herausgegeben. Einen besonderen Akzent erhalten die Misereor-Hungertücher dadurch, daß sie aus den verschiedenen Kulturkreisen der Welt die Botschaft des Glaubens auslegen und neu erschließen. Bisher sind entstanden: zwei indische Hungertücher, ein äthiopisches, ein haitianisches, ein peruanisches, je eines aus Kamerun, aus Brasilien und aus Südafrika.

Die Hungertücher können als ein handgreifliches und bildhaftes Medium eines befreiungstheologischen Ansatzes gelesen werden: Sie versuchen ein ungeschminktes Bild der Einen Welt zu geben, die Verflechtung des Elends der Dritten mit dem Reichtum der Ersten Welten zu verdeutlichen. Die Bilder kennzeichnet eine klare Parteilichkeit für die Unterdrückten, Ausgegrenzten und Bedrängten, sie enthalten eine eindeutige Option für die Armen. In Hungertüchern wird Theologie getrieben, sie sind so etwas wie Predigten für das Auge. Es handelt sich jedoch weniger um eine "Expertentheologie", die von einzelnen vorgedacht und volksnah bebildert wird, sondern (wie am peruanischen Hungertuch am deutlichsten) in ihnen sind Laientheologien enthalten, die in Basisgemeinden erarbeitet wurden: Hungertücher nehmen die Lehrautorität der Armen ernst. In Hungertüchern wird der theologische Begriff der Erlösung nicht nur - wie in der abendländisch-theologischen Tradition- als Befreiung aus individueller Schuld interpretiert, sondern in seiner die realen Verhältnisse betreffenden sozialen und gesellschaftspolitischen Dimension: Ziel ist also die Befreiung aus der strukturellen Sünde.

Die von Misereor herausgegebenen Hungertücher greifen, wie gesagt, eine mittelalterliche Tradition auf und verknüpfen sie mit der Perspektive der Peripherie: Die Hungertücher wurden bislang vor allem von Künstlerinnen und Künstlern aus der sogenannten Dritten Welt gemalt und gestaltet. Sie versuchen, ihre Glaubens- und Lebenserfahrungen in den Bildern darzustellen sowie eine "Botschaft von draußen" an die Christen und Christinnen in Europa zu übermitteln. Wir denken jedoch, daß es notwendig ist, nicht nur die christlichen Perspektiven der Dritten Welten erkennbar werden zu lassen, sondern auch die Dritte Welt hier in Hamburg aufzusuchen und diese in die weltgesellschaftlichen Zusammenhänge zu stellen.

Unser Vorgehen

Vor diesem Hintergrund legten wir fest, daß das Thema im Spannungsverhältnis von vier "Koordinaten" erabeitet werden sollte:

(1) Thematisieren wollten wir die Ausgrenzung und Armut von Kindern und Jugendlichen, und
(2) dies bezogen auf Hamburg als einem lokalen Beispiel für globale Zusammenhänge.
(3) Das Bild sollte aus einer lebensweltbezogenen Perspektive erarbeitet werden, also einen interkulturellen, interreligiösen und mehrperspektivischen Anspruch einlösen.
(4) Streng befreiungsorientiert sollte dies unter dem doppelten Ansatz der "Anklage und Prophetie" geschehen, es sollten die Probleme benannt und Lösungen aufgezeigt, es sollten die Orte der Armut wie auch die Orte der Hoffnung aufgesucht und dargestellt werden.

Es verstand sich von selbst, daß die künstlerische Ausführung dieses anspruchsvollen Projektes nicht durch pinselschwingende Laien wie uns übernommen werden konnte. Darum haben wir den Hamburger Künstler Sönke Nissen gebeten, die künstlerische Ausführung dieses Hungertuches zu übernehmen. Sönke Nissen ist über Hamburg hinaus durch seine zahlreichen Wandmal-Projekte bekannt geworden. Er gehört zu jenem deutsch-nicaraguanischen Künstler-Team, das im Rahmen der Städtepartnerschaft Hamburg-Leon je ein Wandbild in beiden Städten zur Geschichte Nicaraguas und der Beziehungen zwischen Europa und Lateinamerika angefertigt hat. Mit seiner Auffassung, Kunst als kollektiven, sozialen Prozeß zu verstehen, war er für unser Vorhaben die geeignete Person.

Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Seminars hatten die Aufgabe, Sönke Nissen Stoff für sein Bild zu liefern. In verschiedenen Erkundungsprojekten in Hamburg sollten sie "Orte der Armut" aufsuchen, Materialien, Informationen, Fotos etc. zum Thema sammeln und auf zwei ganztägigen Wochenendseminaren zusammen mit Sönke Nissen die Konzeption des Hungertuches planen.

Eingehend beschäftigten wir uns in einer einführenden Phase mit den Inhalten und Strukturprinzipien der bisher erschienenen Hungertücher, vollzogen an ihnen und anderen Beispielen den befreiungspädagogischen Codierungsbegriff nach, untersuchten das befreiungstheologische Verhältnis zwischen Texten des Lebens und Texten der Tradition, klärten die Beziehung zwischen Anklage und Prophetie und diskutierten die Botschaften der Tücher. Auf diese Weise entwickelten wir nach und nach die Strukturebenen und Gestaltungsprinzipien des eigenen Hungertuch-Projektes.

In mehreren Seminarsitzungen erarbeiteten wir Situationen, Aspekte und Orte der Ausgrenzung von Kindern und Jugendlichen in Hamburg und konstruierten damit einen vorläufigen Kontext von Situationen und bedeutungsvollen Themen des alltäglichen Lebens, den die Befreiungspädagogik das "thematische Universum" (Freire 1973: 79ff.) nennt und den es in eigenen "thematischen Untersuchungen" zu vertiefen galt:

Es bildeten sich Arbeitsgruppen zu den Themen: "Drogen"; "Dritte Welt und Hamburg"; "junge Flüchtlinge"; "Kinderbischöfe"; "St. Pauli"; "Aufwachsen in emotionaler Armut" sowie zum Thema "Umgang mit Minderheiten in der Hamburger Stadtgeschichte".

Jede Gruppe entwickelte ein eigenes Projektkonzept und "schwärmte" aus, um Personen und Betroffene zu befragen, zu interviewen, zu beobachten und zu fotografieren; um einschlägige Literatur, Statistiken, Projektbeschreibungen, Presseartikel zu sammeln; um für das Bild nach "abbildbaren" Symbolen, Gestalten, Objekten, Schildern, Gebäuden, Stadtansichten, Handzeichnungen, Skizzen, Plänen, Postkarten zu suchen; um Kurzdarstellungen aus prägnanten Interviewpassagen, Adressen, Auszügen aus Broschüren zu schreiben und Deutungen des ausgewählten Bildes oder Symbols aufzuzeigen.

Andere Arbeitsgruppen beschäftigten sich mit dem Armutsbegriff und mit neueren statistischen Materialien zur Situation von Kindern und Jugendlichen und zur Stadtgeographie der Armut in dieser Stadt. Zwei weitere Arbeitsgruppen fragten danach, inwieweit die religiösen Traditionen Deutungen und Perspektiven zur existenziellen, ethischen und politischen Orientierung enthalten.
Wir befragten Vertreter und Vertreterinnen wichtiger Hamburger Religionsgemeinschaften darüber, welche Perspektiven auf den Umgang mit und den Kampf gegen Armut und Unterdrückung die verschiedenen religiösen Traditionen haben; was Buddhisten, Juden, Muslime, Hindus und Christen aktuell gegen die Armut in Hamburg tun, an welchen Optionen und Perspektiven sie sich hierfür orientieren; wie Ethik religiös und theologisch begründet wird und welche Konzepte für eine interreligiöse Zusammenarbeit in sozialethischen Fragen sie entwickelt haben; welche "heiligen Texte", welche Symbole oder Vorbilder in Tradition und Geschichte wichtig sind.
Denn unser Ziel war es, auch die "Befreiungstheologien" der Religionsgemeinschaften kennenzulernen und in das Hungertuch aufzunehmen, die sich in Hamburg bereits seit vielen Jahren in einem kontinuierlichen Dialog befinden und nun auch gemeinsam daran arbeiten, den Religionsunterricht zu einem Ort dialogischen und interreligiösen Lernens zu entwickeln.

Die sehr vielschichtige Arbeit am Hungertuch-Projekt, das Gewinnen neuer Einsichten durch die eigenen "thematischen Untersuchungen", die begleitende Diskussion von Theorien und Konzepten, der Streit um individuelle und kollektive Handlungsstrategien zur Überwindung von Armut und sozialer Ungerechtigkeit, die Auswahl von Bildern, Motiven und Symbolen für das Gesamtbild, nicht zuletzt auch die Frage nach der Bedeutung und Relevanz von Religion und religiösen Traditionen; dies alles ist -so meinen wir- eine Form religiösen und ethischen Lernens mit sehr nachhaltiger Wirkung. Es war in den Diskussionen oft zu merken, daß es nicht länger nur um Seminarstoff ging, sondern daß im Medium der Arbeit an einem Produkt Allgemeines und Persönliches zugleich mit angesprochen war. Vermutlich deshalb mögen die Diskussionen im Seminar so engagiert gewesen sein. Daß unsere befreiungsorientierte Codierung schon im Zuge ihrer Erarbeitung bewußtseinsbildend sein möge, dieser Anspruch konnte unserer Beobachtung nach eingelöst werden.

Perspektiven

Als wir Anfang des Jahres 1997 mit der Planung des Hamburger Hungertuches begannen, ahnten wir nicht, daß aus einem Seminarprojekt ein Netz an Aktivitäten und Vorhaben wird, an dem inzwischen viele Personen mit Unterstützung von Institutionen knüpfen. Bereits während des Entstehungsprozesses des Ölgemäldes besuchten SchülerInnen einer 10. Realschulklasse den Künstler in seinem Atelier und beschäftigten sich in der Folgezeit mit dem Thema "Armut in Hamburg". Durch die Begegnung mit dem Künstler und die Auseinandersetzung mit dem Bild wuchs bei den SchülerInnen das Interesse, eigene Erfahrungen mit Armut, Gewalt und Ungerechtigkeit bildnerisch auszudrücken und zu interpretieren. Derzeit entsteht in Zusammenarbeit mit Sönke Nissen-Knaack ein Fassadengemälde zum Thema "Armut in unserem Stadtteil" an der Schule.

Von dem Ölgemälde werden Farbstoffdrucke hergestellt. Eine Arbeitsgruppe entwickelt didaktisches Begleitmaterial für die pädagogische Arbeit in Schulen und Gemeinden. Beides zusammen wird als Medienpaket Hamburger Hungertuch publiziert und den Schulen und Gemeinden für die pädagogische Arbeit angeboten. Das Hungertuch soll auf diese Weise einen Prozeß bewußtseinsbildender Beschäftigung mit dem Thema Armut in Hamburg einleiten, an dem viele Schulen und außerschulische Einrichtungen beteiligt sein sollen.

Schluß

Es war kurz vor der Fertigstellung des Bildes zum Hungertuch. An der Hamburger Universität streikten Studierende und Lehrende gegen die gravierenden Einschnitte im Bildungssystem und thematisierten auch den Zusammenhang von "Bildungsklau und Sozialabbau" in phantasievollen Aktionen, zu Diskussionsveranstaltungen umgewandelten Seminaren und großen Demonstrationen. In diesem "befreienden" Dezember wurde auch in einem religionspädagogischen Oberseminar über den Zusammenhang von Religionspädagogik und Gesellschaft diskutiert . An einer Pinwand rahmten Flugblätter des Streiks eine Kopie des fast vollendeten Hamburger Hungertuches. Zwei Studentinnen, die diese Diskussionsveranstaltung leiteten, hatten eine Überschrift dabei: "Hier beginnt die Religionspädagogik".

Literatur
Baumann, Rolf: Die Bilder der Misereor-Hungertücher als Botschaft für uns Christen in Europa. In: Arbeitsheft zum Hungertuch "Lateinamerika". Aachen 1992, S.2-4
Freire, Paulo: Pädagogik der Unterdrückten, Reinbek 1973
Freire, Paulo: Erziehung als Praxis der Freiheit, Reinbek 1974
Knauth, Thorsten/ Schroeder, Joachim (Hrsg.): Über Befreiung. Befreiungspädagogik, Befreiungsphilosophie und Befreiungstheologie im Dialog, Münster/Berlin/ New York/ München 1998
Schlembach, Anton: Die Misereor-Hungertücher: Zeugnisse des Lebens und Glaubens in der Einen Welt. In: Arbeitsheft zum Hungertuch "Gott begegnen im Fremden", Aachen 1994, S. 2-4

 

Übersetzungen

Befreiungstheologie zwischen Lateinamerika und Deutschland

Neuere Bücher zur Befreiungstheologie

Die Frage ist so neu nicht, aber sie stellt sich drängender denn je: Was kann christliche Praxis hierzulande von der Befreiungstheologie lernen? Was bedeutet also ein politisch verstandener Vorrang der Armen für Theologie und Kirche in Deutschland? Die Armut in Europa nimmt zu, die Dritte Welt ist längst in der Ersten Welt angekommen. Den christlichen Kirchen in Deutschland stehen einschneidende Änderungen bevor. Ihre Bedeutung im Leben vieler Menschen schwindet. Gleichzeitig wächst die Notwendigkeit einer Solidarität mit denjenigen, die aus dem Modernisierungsprozeß geschleudert worden sind. Es reicht nicht, Sonntag für Sonntag die Nasen zu zählen und den Mitgliederschwund in den Kirchen zu beklagen, die finanziellen Defizite mit modernen Managementmethoden zu verwalten, auf einen neuen Papst in der Katholischen Kirche oder fortschrittliche Kirchenleitungen in der Evangelischen Kirche zu warten. Viel hängt von Prozessen an der Basis ab: Gerade jetzt besteht die Herausforderung und die Chance für Theologie und Kirche darin, sich entschieden den Armen zuzuwenden, ein eigenes Selbstverständnis aus diesem Vorrang für die Armen zu entwickeln und von einer bürgerlich und mittelschichtig orientierten Volkskirche zu einer Kirche der Armen zu werden. Doch was eine an der Option für die Armen entwickelte Spiritualität für die Kirchen theologisch und soziologisch bedeutet, will durchdacht sein. Die befreiungstheologische Option für die Armen will rekonstruiert sein; theologische, politisch-soziale, zeitdiagnostische und kirchenpraktische Fragen müssen diskutiert werden.

Peter Schönhöffer: Befreiende Spiritualität. Die Option für die Armen zwischen Brasilien und Deutschland, Frankfurt a.M. (IKO-Verlag) 1997 (313 Seiten)

Peter Schönhöffer, katholischer Theologe und Mitglied der Nord-Süd-Kommission von Pax Christi, kennt beide Kontexte gut genug, um sich der Beantwortung dieser Frage mit Sorgfalt zu nähern. Die Suche nach einer befreienden Spiritualität erfordert eine Wanderung zwischen den Welten. Von Brasilien nach Deutschland ist ein langer Weg zurückzulegen. Er beginnt in den Basisgemeinden, dort, wo sinnlich erfahrbar ist, daß die Armen die Lehrer der Theologie sind. Hier entsteht die bodenständige Spiritualität, die in politische Dimensionen ausgreift. Diese Verbindung von Gebet und Widerstand ist die brasilianische Erfahrung, die Erfahrung der Kirche der Armen in Lateinamerika. Mit dieser Erfahrung kommt ein neues Kirchenmodell und ein neue Gestalt christlicher Praxis und theologischer Reflexion auf den Weg. Eine befreiende Spiritualität wächst an der Parteilichkeit für die Armen, resümiert Peter Schönhöfer am Ende des Ganges durch die brasilianische Erfahrung. Er widmet anschließend in einer fundamentalen Reflexion seine Anstrengung der historisch-systematischen und biblisch-theologischen Begründung. Die Brücke von Brasilien nach Europa wird auf diese Weise gebaut. Wichtige Fragen nach der Gestalt einer befreienden christlichen Spiritualität sind zu klären. Zu sehr wabert der Begriff Spiritualität in die undeutlichen Bereiche einer um sich selbst kreisenden, privaten esoterischen Religiosität. Es wird deutlich: Im Zentrum einer befreienden Spiritualität kann der Begriff des Reiches Gottes stehen, wenn er nicht zu einer Größe des Jenseits verflüchtigt wird, sondern an das gegenwärtige Handeln geknüpft wird. Das Gleiche gilt für das biblische Modell von Praxis: Seelsorge und materielle Heilssorge gehören zusammen, weil der Mensch Seele und Fleisch ist, ein untrennbares Ganzes. Eine befreiende politische Spiritualität ist die personale Erfahrung des Glutkerns des Evangeliums, der mit einem Einsatz für eine erneuerte Gesellschaft einher geht. Spätestens hier ist deutlich: Schönhoffer will eine mystische Erneuerung von Glauben und Theologie- eine Mystik, die von Politik nicht getrennt ist (Hier nähert er sich dem Ansatz von Dorothee Sölle). Dieses Verhältnis von Mystik und Politik formt sich in "Haltungen des engagierten Kampfes für alle Formen einer größeren Liebe" aus (S.63). Befreiende Spiritualität bleibt nicht beim Einzelnen stehen.

Schönhöffer versucht, Bedingungen, Beispiele und Spuren einer solchen befreienden Spiritualität in der bundesdeutschen Realität wiederzufinden. Die Bilanz fällt zwiespältig aus: Die Rede von einer Option für die Armen wird von den beiden großen Kirchen kooptiert, dann aber zu einem allgemeinen Appell an das sozialethische Gewissen verharmlost. So geschehen beim gemeinsamen Sozialwort der Kirchen. Die Option für die Armen wird auf diese Weise zu einer Mogelpackung, weil ihr sowohl die spirituelle Tiefe als auch die prophetische Spitze fehlt. Das ist keine Theologie von der Kehrseite der Gesellschaft. Auf der anderen Seite aber hat der konziliare Prozeß für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung gerade die Friedens-, Ökologie und Dritte Weltgruppen gestärkt, die Kirchenaufbau und christliche Praxis als einen partizipatorischen Lernprozeß von unten betrachten und damit zu einer basisgemeindlichen Sozialgestalt von Kirche beitragen. Gerade an diesen positiven Beispielen müssen aber auch die Grenzen und die Schwierigkeiten nüchtern gesehen und reflektiert werden. Der konziliare Prozeß ist Ende der 80er Jahre in´s Stocken geraten; Resignation machte sich bei den kritisch Engagierten breit. Schönhöffer hat Recht, wenn er betont, daß um der Langfristigkeit des Engagements willen die Phasen der einmischenden Arbeit in den Initiativgruppen sorgfältig beschrieben werden müssen. Auch die Dimension des Scheiterns und der Niederlage gehört zu diesem Prozeß, weil sich besonders dann die Frage stellt, was die Quelle einer Hoffnung gegen alle Resignation ist.

Hier liegt für Schönhöffer die besondere Bedeutung befreiender christlicher Spiritualität, denn er sieht einen Zusammenhang zwischen der wachsenden Resignation und eine unzureichenden Beachtung der spirituellen Dimension einer engagierten Praxis. Gerade dieser Aspekt ist bei den Übertragungsversuchen der brasilianischen Erfahrung sehr oft unterschlagen worden; besonders in der Modellierung einer widerstandsfähigen, in Bedeutungen verwurzelten und darum tragfähigen und langrfristigen Identität sieht Schönhöffer die besondere Herausforderung für ein zukunftsfähiges Christentum. Menschen zu stärken sowohl im individuellen als auch im gemeinschaftlich-kulturellen Bereich ist wichtiger Teil von Widerstandsarbeit. Dies aber ist so leicht nicht, wie die zeitdiagnostischen Beobachtungen zeigen, die er aus Theologie, Kultur-und Sozialphilosophie zusammenträgt.

Die ungehemmte Durchkapitalisierung aller Lebensbereiche greift menschliche Innen-und Außenräume an; den wachsenden Lernbehinderungen in Sachen Solidarität ist auch die Sonderschule der Befreiungstheologie nicht gewachsen, zumal dann, wenn sie lediglich am Randbereich des religiösen Spektrums ein bescheidenes Dasein fristet. Die gegenwärtige Bedeutung von Religion ist in der Tat prekär: sie changiert zwischen einer Abwehrreaktion der Gottesfrage, einem Stillen des vorhandenen religiösen Hungers mit den Appetithäppchen des Esoterik-Marktes und einem bürgerlichen Gebrauch von Religion in unseren Kirchen, der sich mit der ornamentalen religiösen Verzierung in den hohen Zeiten des privat gewordenen Lebens begnügt. Es bleiben die schwachen Opiate eine religiösen Surrogatkultur. Der Gott der Befreiung ist in der Agonie bürgerlicher Lebenswelten unsichtbar geworden.

Schönhöffers Buch ist detailgenau in seinen historischen, systematischen und zeitgeschichtlichen Rekonstruktionen, hellsichtig und scharf in seinen zeitkritischen Analysen und wegweisend in seinem Anliegen, die großen Hoffnungen und Visionen der Bibel in den Alltag des Lebens zurückzuholen. Es ist schon so: Christliche Identität und christliche Praxis muß sich an den Armen und an den Anderen entwickeln, christlicher Glaube muß ausgreifen auf das ganze Leben und auf diese Weise politisch werden. Die Verbindung von Spiritualität und Widerstand ist die zukunftsträchtige Form eines Glaubens, der an den Rändern in sein Zentrum vorstößt. Kirche insgesamt muß sich an diesen Rändern der Gesellschaft erneuern; und das bedeutet, daß eine politische Praxis der Spiritualität und eine spirituelle politische Praxis nicht allein kirchlichen Basisgruppen vorbehalten bleiben darf.

Andererseits: es ist bezeichnend für die gegenwärtige Lage in Kirchen und Gesellschaft, daß im Überschlag von Rekonstruktion und Analyse zur Umsetzung Schönhöffers Buch der Schwung ausgeht. Wer sich bis zum letzten Kapitel durch das inhaltlich bereichernde, sprachlich aber äußerst anstrengend zu lesende Buch durchgekämpft hat, wird feststellen: Es fehlt der praktische Ansatzpunkt für die programmatisch stichhaltige Argumentation. Dies ist nicht Schönhöffers Buch als Manko zuzuschreiben. Viel eher offenbart es das Dilemma aller derer, die Schönhöffers Optionen theologisch teilen. Wo, bitte schön, ist der gesamtgesellschaftliche Ausgang aus dem kleiner werdenden linkschristlichen Milieu ? Wie kann die befreiende Option für die Armen in den bürgerlichen Gemeinden der Volkskirche stärker verankert werden; wie kann sie für die wachsende Zahl derjenigen, die nur locker mit den religiösen Institutionen verbunden sind, ansteckend werden? Wie wird sie attraktiv für Heranwachsende, die das zweifelhafte Privileg hatten, anderthalb Jahrzehnten Regierung einer sich christlich nennenden Partei erleben zu dürfen, aber wohl eher kaum befreiungstheologischer Praxis begegnet sein dürften? Dies alles müßte kleingearbeitet werden. Klar ist: Eine Kirche, die sich von der Option für die Armen zentral betreffen läßt, müßte den Mut zur Randständigkeit haben, zur prophetischen Eindeutigkeit und zur spirituellen Tiefe. Sie müßte den Skandal der Armut weitaus schärfer anklagen, und sie müßte weistaus radikaler an den gesellschaftlichen Bedingungen von Gerechtigkeit arbeiten. Sie müßte viel stärker eine Kirche sein, die die großen Bilder der Tradition ins Leben und in den Alltag übersetzt: daß die Fremden aufgenommen werden, den Obdachlosen eine Herberge gegeben wird, die Traurigen getröstet werden und daß man mit den Hungrigen das Brot bricht. Bislang bleibt die Option für die Armen aber einer insgesamt in ihrer Bedeutung geringen Sozialgestalt kirchlicher Basisgruppen vorbehalten. In der Volkskirche spielt die Kirche der Armen eine untergeordnete Rolle; sie ist ausgelagert in die Verbandsstruktur professioneller Diakonie. Noch immer will sie viel zu sehr ihren Ort in der Mitte der Gesellschaft finden und offenbar solange Volkskirche sein, bis sie endgültig randständig geworden ist.

Hans Eder: Politische Dimensionen der Theologie der Befreiung. Impulse der Jesuiten und Indigenas für eine solidarische Gesellschaft der Anderen, Frankfurt/Berlin/Bern/ New York/Paris/Wien (Peter Lang) 1996, 471 Seiten

Die Jesuiten zählen mit ihren Reduktionen zu den wichtigsten Akteuren einer politischen Artikulation der Befreiungstheologie. Eders Buch widmet sich in einem wesentlichen Abschnitt der Rekonstruktion eines Projektes der Jesuiten in Bolivien. Ihm ist das CIPCA Modell- einem Versuch, zusammen mit den Bauern des andinen Hochlandes die Region zu entwickeln- deshalb wichtig, weil es einen befreiungstheologischen Anspruch verfolgt: Wissenschaft und Praxis laufen im historischen Projekt eines Volkes zusammen, Forschung und soziale Aktion in einem partizipativen Prozeß, in dem die campesinos selbständig die Bedingungen ihres Lebens verbessern. Ziel ist der Aufbau einer "campesino-Macht von unten". Auf der Folie dieses Modells verfolgt Eder darüber hinaus eine weitergehende Absicht: Er will durch die Rekonstruktion des Modells und anhand der Geschichte der Jesuiten auf dem Kontinent Kategorien befreiungstheologischer Arbeit entwickeln und überprüfen. Dabei geht es ihm vor allem um die politische Artikulation der Befreiungstheologie; ein sogenanntes Vermittlungsmodell soll erarbeitet werden, das eine analytische, eine hermeneutische und eine praktische Vermittlungsebene besitzt- ganz im Sinne der befreiungstheologischen Methodologie nach Clodovis Boff. Eders Arbeit ist damit primär methodologisch orientiert. Sie stellt einen komplexen und weitgespannt angelegten Beitrag zur wissenschaftstheoretischen Reflexion der Befreiungstheologie dar. Das stellt hohe Ansprüche an die Leser und Leserinnen des Buches. Denn die Arbeit besteht vorrangig in der systematischen Aufarbeitung und Überprüfung von zentralen analytischen Kategorien und Referenztheorien der Befreiungstheologie: Die Theorie der Abhängigkeit wird genauso gründlich rekonstruiert wie das befreiungstheologische Verhältnis zwischen Anklage und Ankündigung. Dabei macht Eder deutlich: Die Kategorie der Ankündigung ist nicht einfach die Verneinung des Vorhandenen. In diesem zentralen befreiungstheoretischen Begriff ist ein prophetisches "Mehr" enthalten, das sich für ein "Draußen" offenhält, für das ganz Andere und den ganz Anderen. Enrique Dussel, der für diese Denkfigur Pate steht, hat diese Bewegung als "analektischen Sprung" bezeichnet, der die Möglichkeit einer neuen Dimension und Qualität menschlicher Beziehungen, aber auch gesellschaftlicher Verfassungen in sich birgt (vgl. S.117). Dies ist auch für die politische Dimension der Befreiungstheologie wichtig. Denn das Systemfremde, das von außerhalb Kommende ist real erfahrbar und auch praxisrelevant, so daß sich daraus Perspektiven für gesellschaftliche Veränderungsprozesse ergeben, in denen die kulturelle Selbstdefinition der unterdrückten Ethnien zur Basis der Veränderung wird. Die politische Artikulation der Theologie der Befreiung ist dabei auf die Organisationen des Volkes und die christlichen Basisgemeinden angewiesen. Eder führt in einem letzten Schritt vor, wie die Kategorien des von ihm entwickelten Vermittlungsmodells auf die Arbeit hierzulande übertragen werden können. Er entwickelt mit den Werkzeugen seiner Analyse das detaillierte Organisationsmodell einer befreiungstheologisch ausgerichteten Nicht-Regierungsorganisation, in dem von der Grundsatzpolitik bis zur internen Organisation alle Kategorien seines entwickelten Vermittlungsmodells operationalisiert sind. Hintergrund dieser basisorientierten Arbeit ist ihre Verwurzelung und Unterstützung in sozialen Bewegungen, ein interdisziplinärer und auf Interkulturalität zielender Ansatz im Rahmen einer konsequenten Option für die Anderen und mit den Anderen, die die historische, sozioökonomische, institutionelle und gesellschaftliche Dimension von Herrschafts-und Gewaltverhältnissen im Blick behält. Es geht auch heutzutage wie am Anfang befreiender Theologie um die Ablösung des Begriffs Entwicklung durch den Begriff Befreiung-und zwar, wie Eder unterstreicht, hier wie dort. Das Modell soll -so Eder- Impulse für Inhalte und Strukturen solidarischer Beziehungen zwischen Lateinamerika und Europa vermitteln. Eder ist dies m.E. nach gelungen: In der immer aktuellen Übertragungsdiskussion liegt mit seiner Arbeit ein methodologisch reflektiertes Werk vor, das Kriterien für eine nicht-paternalistische, dialogische und befreiend ausgerichtete Entwicklungshilfearbeit zur Verfügung stellt, den Diskussionsstand zur Befreiungstheologie sorgfältig und umfassend rekonstruiert und auf diese Weise die Aktualität einer sich politisch artikulierenden Befreiungstheologie nachhaltig unter Beweis stellt.

Autoren und Autorinnen dieses Heftes

Serafin Ajhuacho, Methodistischer Pastor in einem Armenviertel in Cochabamba, Bolivien, Präsident der Vereinigung quechua -sprachiger Indigenas innerhalb der christlichen Kirchen, die die Bibel in die eigene Kultur und Sprache überträgt.

Patricia Baquero, Kolumbien. Studium der Philosophie in Bogotá und der Erziehungswissenschaft in Tübingen. Promoviert gegenwärtig über feministische Theorie der Geschlechterverhältnisse mit Schwerpunkt Lateinamerika an der Universität Hamburg.

Mariano Delgado, Dr. Dr., Professor für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit an der Universität Freiburg (Schweiz). Herausgeber der Bartolomé de Las Casas-Werkausgabe, zahlreiche Veröffentlichungen zur Geschichte und Gegenwart des Christentums in Lateinamerika.

Enrique Dussel, Mexico. Befreiungsphilosoph und Befreiungstheologe. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Geschichte der Kirche in Lateinamerika, Geschichte der Befreiungstheologie, Befreiungsphilsophie. Beteiligt sich seit Jahren interkontinentalen und interdisziplinären Gesprächen zum Befreiungsparadigma.

Bärbel Fünfsinn, Theologin und Lehrerin, Lateinamerika-Referentin im Nordelbischen Zentrum für Weltmission (NMZ). Studien-und Forschungsaufenthalte in Lateinamerika; Veröffentlichungen und Veranstaltungen zu sozialethischen und religiösen Themen Lateinamerikas. Arbeitsschwerpunkte. Interkulturelles Lernen, Feministische Befreiungstheologie hier und dort.

Thorsten Knauth, Dr. phil., Assistent am Fachbereich Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg, Arbeitsbereich Religionspädagogik. Langjährige Tätigkeit als Referent in der Jugend-und Erwachsenenbildung und in pädagogischen Projekten mit benachteiligten Kindern und Jugendlichen. Arbeitsschwerpunkte: Interkulturelles und interreligiöses Lernen, Befreiungspädagogik und Befreiungstheologie in Europa, dialogische Religionspädagogik.

Esteban Rojas, Kolumbien; Dr.phil., Dr. theol., Dipl-Päd. promovierte mit Arbeiten über die Beziehung zwischen Hegel und Marx aus der Sicht der Philosophie von Ernst Bloch sowie über die Option für die Armen auf der Grundlage der Dokumente der lateinamerikanischen Bischofskonferenzen. Sozialdiakon der Diözese Rottenburg, arbeitet mit Obdachlosen, Arbeitslosen, Jugendbanden und Flüchtlingen in Tübingen.

Joachim Schroeder, Dr. rer.soc., Dipl.-Päd. Assistent am Fachbereich Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg. Mehrjährige Arbeits- und Forschungsaufenthalte in Chile, Bolivien und México sowie Beratungstätigkeiten in Bildungsprojekten in Nicaragua und Perú. Arbeitsschwerpunkte: Befreiungspädagogik in Lateinamerika; Pädagogische Arbeit mit Benachteiligten; Didaktik des interkulturellen Lernens.

Dorothee Sölle, Prof. Dr., Befreiungstheologin und Dichterin. Von 1975-1987 Professorin am Union Theological Seminary in New York. Langjähriges Engagement in sozialen Bewegungen, zahlreiche Veröffentlichungen zur Politischen Theologie und zur Befreiungstheologie. Autorin mehrerer Lyrikbücher. Verheiratet, vier Kinder, lebt als freie Schriftstellerin in Hamburg.

Wolfram Weiße, Dr. theol., Professor für Religionspädagogik und Ökumenische Theologie an der Universität Hamburg. Langjährige Mitarbeit bei einer entwicklungspolitischen Zeitschrift. Leiter des interdisziplinären Forschungsprojektes "Jugend- Religion- Unterricht in einer von ökonomischen und sozialen Disparitäten geprägten multikulturellen Gesellschaft. Arbeitsschwerpunkte: Christentum in Südafrika, Reich Gottes und Praktisches Christentum, entwicklungsbezogenes und ökumenisches Lernen, dialogische Religionspädagogik.

Grupo TENAL: Dialogisch orientierter Bildungstransfer Leon - Hamburg

Seit Leon/Nicaragua und Hamburg / BRDeutschland 1989 mit offiziellem Vertrag ihre Städtepartnerschaft gründeten, hat es zwischen den Studierenden und Lehrenden der Universitäten beider Städte kontinuierliche Bemühungen gegeben, auf Hochschulebene Kooperationsformen zu etablieren. Mit Unterzeichnung des Kooperationsvertrags 1992 gelang es, auch die letzten Widerstände von offizieller Seite an der Zusammenarbeit zwischen den erziehungswissenschaftlichen Fakultäten der Autonomen Nationalen Universität von Nicaragua Leon (UNAN) und der Universität Hamburg abzutragen. Das TENAL-Projekt ist eines der fünf Kooperations- und Entwicklungsprojekte, die in diesen Vertrag aufgenommen wurden.

Die TENAL-Gruppe Hamburg, die sich aus Pädagoginnen und Pädagogen unterschiedlicher Fachrichtungen zusammensetzt, und die Leoner Partnergruppe, allesamt Dozentinnen der Biologie, arbeiten derzeit u.a. intensiv an der Umsetzung des 1996 konzipierten gemeinsamen Forschungsprojekts mit dem Titel: La otra historia de la botanica. Aportes de diferentes culturas al desarrollo de la botanica (Die andere Geschichte der Botanik. Beiträge verschiedener Kulturen zur Entwicklung der Botanik). Für den Erfolg dieses Vorhabens ist die Verstetigung der kommunikativen Beziehungen, nicht nur im schriftlichen Dialog, sondern vor allem durch persönliche Kontakte in Form regelmäßiger gegenseitiger Arbeitsbesuche eine unabdingbare Voraussetzung.

Die im Projekttitel angezeigte interkulturelle Thematik, zu deren Bearbeitung weniger biologisches Spezialwissen als vielmehr anthropologische und kulturgeschichtliche Zugangsweisen von beiden Gruppen erwartet werden, bildet dennoch eine Art "Fundament" des Faches Biologie: Die Frage nach der Art und Weise, Wissenschaftsgeschichte eines Faches in der Lehrerausbildung zu lehren, strukturiert und bestimmt im gesamten formalen Bildungssystem die Wahrnehmung und Interpretation des Faches und seiner Inhalte .

Ziel ist es, methodisch-didaktische Materialien auszuarbeiten, die in beiden UNI's einsetzbar sind, sowie in spanisch und deutscher Sprache verfassten Arbeitsmaterialien- und Begleitheften zu dokumentieren. Damit möchten die "Tenalisten" einen Beitrag zu der gegenwärtig an der UNAN stattfindenden und bereits vom sandinistischen Erziehungsministerium mit Ideen der Educacion Popular grundgelegten universitären Curriculumtransformation leisten.

Die neoliberalen Tendenzen dort und der wilde Kapitalismus hierzulande schaffen für die Projektarbeit zumindest insofern günstige Bedingungen, daß die durch okzidentale Rationalisierungsprozesse ausgelösten Probleme auf beiden Seiten den Blick schärfen können, ein Lernen zu entwickeln, daß für die beiderseitig spürbaren Auswirkungen dieser Prozesse auf die Lebenssituation und die Lebensführung als bedeutsam erfahren wird. Inwieweit die Befreiungspädagogik Paulo Freires für eine kritische Analyse der Subjekte dieser Prozesse

und der Entdeckung ihrer Fähigkeiten zu selbstbestimmten und organisiertem Handeln die Grundlage bilden wird, muß sich zeigen, in jedem Fall ist sie aber die gemeinsame Verständigungsbasis für die dialogische Projektkooperation zwischen beiden TENAL-Gruppen. Die Grundgedanken eines dialogischen Bildungstransfers kritisieren den mainstream neokolonialer Entwicklungsarbeit, der ausschließlich auf die Logik freier Märkte und die Verbreitung individueller Selbstinteressen setzt.

Da viele Mitglieder der hamburger TENAL-Gruppe bereits Mitglieder der PFG sind, wurde auf dem Arbeitstreffen im Oktober 1996 der Beschluß gefaßt, der Freire-Gesellschaft beizutreten und damit die PFG - Regionalgruppe-Hamburg zu gründen.

Rezensionen

Rafael Aragon und Eberhard Löschcke: Die Kirche der Armen in Nicaragua, Frankfurt, 1996

Der Dominikanerpater Rafael Aragon und der evangelische Theologe Eberhard Löschcke haben mehrere Jahre am Centro Antonio Valdivieso in Managua zusammengearbeitet. In ihrem Text beschreiben Aragon und Löschcke die wichtigsten Bewegungen innerhalb der Kirche von Nicaragua für den Zeitraum von 1966 bis 1990 - wichtig im Sinne von Aufbruch zu Erneuerung, sozialem Bewußtsein, Beteiligung an politischen Auseinandersetzungen und der Konfrontation mit Teilen der Amtskirche.

In der deutschen Ausgabe wurde das Kapitel über Perspektiven für eine zukünftige Arbeit im religiösen Bereich über die Kirche der Armen in der neuen politischen Situation 1990-1996 ergänzt. Die gesamte Darstellung wird geleitet zum einen von der Frage nach dem Ausmaß der Mitwirkung des christlichen Volkes am Entstehen des historischen Subjekts in den Jahren des Sandinismus, zum anderen von der Frage, "in welchem Maß es dabei selbst zum Subjekt des Glaubens, der Theologie und des kirchlichen Lebens geworden ist". ...

Damit verbunden sind Beobachtungen zum Umgang der Sandinisten mit den christlichen Basisgruppen, an denen deutlich wird, daß die Haltung der FSLN gegenüber dem religiösen Bereich in den Jahren der Zusammenarbeit vorrangig von taktischen Überlegungen bestimmt war.

Aragon und Löschcke stellen in diesem Zusammenhang besonders heraus:

* Das Modell der Kirche der Armen hat sich während der Beteiligung am revolutionären Projekt nicht gefestigt, weil es im Augenblick der Revolution noch nicht genügend Reife dafür besaß. Daraus resultierten ein Mangel an kritischer Reflexion und Koordination bei der Begleitung des politischen Projekts und die Unfähigkeit zu einer weiterführenden Volkspastoral, die die Basis der Kirche der Armen hätte verbreitern können.

* Während das Volkschristentum vor der Revolution sehr stark daran beteiligt war, daß das Volk eine Führungsrolle in der Gestaltung der eigenen Geschichte übernehmen konnte, hat es eben diese Rolle nach dem Sieg der Revolution - durch personelle Verluste und aufreibende Konflikte - eingebüßt.

* Die FSLN ihrerseits verhinderte in Unkenntnis der kirchlich-religiösen Situation und durch ihre vielfach kurzfristigen politischen Zielsetzungen die Herausbildung eines spezifisch christlichen Beitrags zur Entwicklung eines befreienden Gesellschaftsmodells. ...

1966, im Rückblick auf sechs Jahre Kirche der Armen unter der bürgerlichen Regierung zeichnen die Autoren, auch selbstkritisch die Bedenken bestätigend, folgendes Bild: Politiker und Theologen haben in der Vergangenheit der auf Anpassung an die jeweiligen Herrschenden ausgerichteten Verhaltensweisen der nicaraguanischen Bevölkerung (Güengüuense-Kultur) nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt und die christliche Volksbewegung mmit übermäßigen Erwartungen überfrachtet.

Jetzt befindet sich die Kirche der Armen ohne Orientierung in einem Zerfallsprozeß, aus dem sich die Ärmsten durch Flucht zu fundamentalistischen Gruppen retten.. Die noch vorhandenen Basisgemeinden organisieren sich in ihren Wohnvierteln um kleine Überlebensprojekte, auch im Sinn der Option für die Armen, aber ohne ideologische Auseinandersetzungen.

Auf dem Land übernimmt die traditionelle katholische Kirche die vom Staat vernachlässigten Aufgaben in der Erziehung, Gesundheitsversorgung, Frauenförderung und Kommunikationsentwicklung und beseitigt damit die zwischenzeitlich möglicherweise gewonnene Autonomie christlicher Laien. ...

Erika Stückrath (Mitglied der PFG e.V.- gekürzt aus ihrem Beitrag: "Die Krise des theologischen Befreiungsprojekts in Mittelamerika, epd-entwicklungspolitik, FFM, November 1997)

Von Fürstenberg, Gregor: Religion und Politik - Die Religionssoziologie Antonio Gramscis und ihre Rezeption in Lateinamerika.
Mathias Grünewald-Verlag Mainz 1997.

Paulo Freire hat die Gesellschaft und darüber hinaus die Situation der Beziehungen der Völker mit dialektischen Kategorien grundsätzlich analysiert. Nur durch diese tiefgehende Gesellschaftsanalyse war er in der Lage, praktische Instrumente zur verbesserten Daseinsbewältigung der strukturell Benachteiligten in seinem Heimatland zu schaffen.

Freire hatte einen persönlichen Weg gefunden, in der Spannung zwischen der Ablehnung vorläufiger Akzeptanz einer grundsätzlich inakzeptablen Gesellschaftsordnung und der Notwendigkeit, in eben dieser Gesellschaftsordnung Instrumente zur verbesserten Daseinsbewältigung zu verbreiten. Wesentlich für diese vor allem in intelektueller und emotionaler Einsicht teilweise schwierige Leistung war ein europäischer Denker, der eigentlich Politiker sein wollte und sein sollte:

Antonio Gramsci war zwischen den Weltkriegen Führer der kommunistischen Partei Italiens und verbrachte 11 Jahre seines Lebens (1925-1936) in faschistischen Gefängnissen. Dort legte er seine grundsätzlichen Überlegungen in den sogenannten Gefängnisbriefen nieder. Gregor von Fürstenberg hat beachtenswerte und beachtensnotwendige Untersuchungen über die Bedeutung dieses originellen marxistischen Denkers für die lateinamerikanische Befreiungstheologie vorgelegt.

Fürstenberg zeigt die gedankliche Verbundenheit auf, die zwischen Gramsci und den Befreiungstheologen in Lateinamerika besteht. Was jedoch für diese Zeitschrift für befreiende Pädagogik und ihre Leser wichtiger ist: Der Autor belegt, wie Paulo Freire der mehrfache Transfer gramscianischen Gedankenguts aus den faschistischen italienischen Gefängnissen gelang.

Zum Einen brachte Freire gramscianisches Gedankengut nach Lateinamerika, vor allem in den brasilianischen Sprach-und Kulturraum, und machte es dort populär. Dann übertrug der brasilianische Pädagoge die `Philosophie der Praxis`Gramscis in die Pädagogik und machte sie so für bildende Tätigkeiten fruchtbar. So schuf er drittens eine Grundlage, an die die Befreiungstheologien unserer Zeit anknüpfen konnten.

Schließlich entdeckte Freire an Gramsci genau den Denker, der zwischen der Notwendigkeit unmittelbaren und direkten, gewaltfreien oder gewaltsamen revolutionären Kampfes und der Notwendigkeit der behutsamen Bewußtmachung der gesellschaftlichen Verzerrung und der Aneignung der notwendigen Entschlüsselungsfähigkeiten für die Unterprivelegierten - eben der Alphabetisierung - vermittelte. Was Gramsci hierzu zur Analyse anbietet, soll mit dem Autor Fürstenberg im folgenden kurz gezeigt werden.

Hauptanknüpfungspunkt Fürstenbergs ist die differenzierte und teilweise widersprüchliche Religionsbetrachtung und -untersuchung durch den Marxisten Gramsci. Im Gefängnis formulierte der gesundheitlich strapazierte und von Stalin allein gelasssene Politiker eine Religionssoziologie, welche die simplen Slogans vom Opium des oder fürs Volk nicht nur ausdifferenzierte, sondern ihren geistigen Hintergrund überwand. Diese Religionssoziologie wurde mit einem heute allseits verwendeten Begriffsinstrumentarium erarbeitet: Der schwer zu übersetzende Begriff ´societa civile´- Zivilgesellschaft geht in seiner heutigen Bedeutung auf Gramsci zurück.

Fürstenberg bestimmt diesen - mitunter schillernden - Begriff genauer als den "Aktionsraum der nichtstaatlichen Öffentlichkeit". In der Zivilgesellschaft streiten die Intellektuellen und Künstler um die maßgebenden Wertvorstellungen. An diesem Ort müssen die `Subalternen´, die an der Gestaltung der Gesellschaft nicht partizipieren, die ´Gewinnung der Hegemomie`in einem ´Stellungskrieg`betreiben.

Die Zivilgesellschaft ist von der politischen Gesellschaft, dem Ort der Auseinandersetzung etwa der politischen Parteien, aber auch anderer formierter Kräfte zu unterscheiden. Die Macht in der politischen Gesellschaft wurde etwa in der russischen Oktoberrevolution durch einen ´Bewegungskrieg`gewonnen. Partner für die Hegemoniegewinnung der Subalternen sind die `organischen Intellektuellen´. Sie vervollständigen und überwinden den Álltagsverstand der Subalternen durch die ´Philosophie der Praxis´. So sind sie Lehrer neuer Ideen, fühlen sich aber geistig und intelektuell dem Volk verbunden.

Welche Bedeutung hat nun diese religionssoziologische Grundlegung für die an Freire orientierte pädagogische Arbeit?

Wer sich mit Gramsci befaßt, wird aus den Zwängen ökonomistischer Diskurse herausgeführt: Die Zivilgesellschaft ist der Ort, an dem um die Gestaltung der Gesellschaft gerungen wird. Dies bedeutet nicht, daß die ökonomische Basis im Zeitalter der Globalisierung für bedeutungslos gehalten wird. Für die pädagogischen Praktiker in Ost- wie in Westdeutschland eröffnet sich so eine neue Grundlegung zwischen jetzt erfolgender Ausgrenzung durch die eben nicht soziale Marktwirtschaft und früherer Schematisierung durch die politische Ökonomie des Marxismus-Leninismus.

Die Leistung der von Fürstenberg vorgelegten Arbeit besteht allerdings darin, daß die Verbindung zur Lehre der Kirchen hergestellt wird. War die evangelische Kirche die treibende Kraft der Beseitigung des SED-Regimes, so führt die Analyse hier über Freire zu den in ihrer Mehrheit katholischen Befreiungstheologen. Die hier zu besprechende Schrift erweist sich mithin als wesentlicher Beitrag zur allfälligen Debatte in und außerhalb der Kirchen um den Weg zur Gestaltung einer solidarischen Gesellschaft. Deshalb sollte sie JedeR zur Hand nehmen, der über die Grundlegung einer an Freire orientierten Arbeit nachdenkt. Dies gilt natürlich besonders für den Bereich der beiden Kirchen. Darüber hinaus ist die Arbeit von Fürstenberg für alle diejenigen eine Referenz, die sich mit etwas Muße die Grundlagen der Pädagogik Paulo Freires verdeutlichen wollen, den Blick auf die grundsätzliche Veränderungsbedürftigkeit der brasilianischen und der Weltgesellschaft mit der Arbeit an praktischen Bildungsinstrumenten zu verbinden. Anselm Meyer-Antz

Monika Treber, Wolfgang Burggraf, Nicola Neider (Hg.): Dialog Lernen - Konzepte und Reflexionen aus der Praxis von Nord-Süd-Begegnungen. IKO-Verlag FFM, 1997

Das Buch arbeitet die Erfahrungen, die Chancen und Probleme der Direktkontakte im Nord-Süd-Verhältnis des Projekts "Dialog Lernen" von 1992-1995 auf, dessen Träger die Missionszentrale der Franziskaner, das Franziskanische Bildungswerk sowie die Christliche Initiative für Internationales Lernen waren. Diese Direktkontakte werden als "Ordnungssuche von Menschen begriffen, mittels derer sie der Flut von Informationen und Nachrichten über die 3. Welt begegnen. Innerhalb des Bereichs der Nacharbeit von Nord-Süd-Begegnungen stellt das Buch eine wichtige Reflexionsgrundlage dar, die weit über sonstige Beschreibungen hinausgeht.

Im Einführungsartikel geht Annette Scheunpflug auf Fragen der "Orientierungs-und Handlungsfähigkeit in der Weltgesellschaft" ein. Sie beschreibt die "Globalisierung der Welt als Herausforderung für menschlichen Lernens" (Ressourcenverbrauch, Umweltbelastung-und zerstörung, die Risikogesellschaft ... Das verlangt von den Menschen, daß sie eine große Orientierungsleistung vollbringen, denn das, was bisher vertraut war, wird nun fremd, das früher Fremde wird vertraut. In diesem Sinne ist der Begriff "Entwicklung" ein komplexes Zusammenspiel vieler Faktoren und Subjekte, ist überwiegend nicht intentional steuerbar, auch der Maßstab zur Beurteilung von Entwicklung verschwindet ihrer Meinung nach zusehens.

Angesichts dieser Unsicherheiten sind die Fragestellungen: Wie lehrt man den Umgang mit Unbestimmtheit und Komplexität, wie kann das individuelle Bewußtsein an die komplexe Entwicklung zur Weltgesellschaft strukturell angekoppelt werden, nach welchen Kriterien sollte entwicklungsbezogene Bildung konstruiert sein, um diesen Herausforderungen zu genügen? (S. 41)

Sie macht deutlich, daß es keinen "Königsweg" gibt. Einige ihrer Thesen sollen hier kurz wiedergegeben werden, weil sich das Projekt "Dialog lernen" daran messen lassen will:

- Orientierung an Problemen statt an guten Gesinnungen
- Verbindung von handlungsorientierten Lernkonzepten mit abstraktem Lernen
- Einüben von Entscheidungsfreude und Methoden der Fragestellung
- Aushalten von Unsicherheiten
- Schonender Umgang mit der Ressource Mensch: Lernen ohne Überforderungen

In diesem Kontext steht natürlich auch das Lernen in Direktkontakten. Wie ein roter Faden zieht sich im Buch die Warnung vor Überforderungen durch: Die Partner sollen nicht "mythologisiert" (Schulze) werden, sie sind keine idealistischen Wesen und nicht nur arm, nicht nur voller kritischem Bewußtsein, etc.

Die Vielzahl der beschriebenen Erfahrungen ist interessant, aber es gibt viele Wiederholungen, die nebeneinanderstehen. Auch sind Abhandlungen mit einem Titel wie: "Die advokatorische Signatur jeder gestalteten Lernbewegung" nicht gerade lesefreundlich. Interessante Reflexionen wechseln sich mit der Beschreibung der TZI-Methode ab. In den Abschlußbetrachtungen wird nochmals deutlich: Nord-Süd-Begegnungen sind interessant und kompliziert. Wer als TeamerIn solche plant, erhält im vorliegenden Buch wichtige Anregungen, die man sich selbst "herausklauben" muß. Dafür, daß ziemlich oft von "Dialog" und "Schlüsselthemen" die Rede ist, ist die Angabe von nur einem Buch Freires etwas dürftig. Heinz Schulze

Shirley Steinberg/ Joe L. Kincheloe (Ed): Remembering Paulo Freire. Taboo. The Journal of Culture and Education. Vol. II. Fall 1997, Peter Lang Verlag, New York

Paulo Freire / James W. Fraser / Donaldo Macedo / Tanny McKinon/ William T. Stokes (Eds): Mentoring the Mentor. A Critical Dialogue with Paulo Freire. Studies in the Postmodern Theory of Education. Vol. 60. 1977 Peter Lang Verlag

Die Sammlung von - sehr persönlich formulierten - Erinnerungen an die Lehrer/ Schüler-Persölichkeit Paulo Freire erscheint wie der Versuch eines posthumen Dialogs, der sich über seinen plötzlichen Tod hinaus fortsetzt.

Freire war sich bewußt, daß die tiefgreifende Veränderung vorrangig im Norden vor sich gehen muß. Daher suchte er auch den Dialog mit Experten und Schülern in den USA. Wie inspirierend kontroversiell ein jahrelanger Dialog zwischen 16 Wisssenschaftllern aus den USA und dem Brasilianer Paulo Freire sein konnte, dokumentiert der Sammelband "Mentoring the Mentor" mit Beiträgen aus den Jahren 1961 bis 1996. James W. Fraser, einer von ihnen, zeigt ohne die Distanziertheit eines Intellektuellen die Offenheit für Freires liebevolle Provokation. Eine Konfliktebene liegt im unterschiedlichen Verständnis der Funktion von Theorien und Methoden. Für Freire - und auch seinen Freund Augusto Boal mit seinem "Theater der Unterdrückten" -. sind die Handlungsanweisungen nicht zu trennen von Einfühlungsvermögen und Liebe. Wenn der nötige gegenseitige Respekt zu distanziertem Respektieren degeneriert, werden die Unterdrückten auf Werkzeuge im Befreiungskampf reduziert. Daß Freires Praxis politischen Handelns auf Hoffnung und Liebe aufbaut, mag manchen seiner weißen, bürgerlichen Dialogpartnerinnen und - partner - darunter auch überzeugte Feministinnen - fremd und zu lateinamerikanisch erscheinen. Von deutlich anderen Erfahrungen sprechen Praktiker, die Freires Konzepte unter anderem in Slum-Schulen in New York City sowie in den Revolutionen von Guinea-Bissau, Kap Verde und Eritrea erprobt hatten. Weiterführende Ansätze werden daher vor allem aus diesen Regionen und Bevölkerungsgruppen kommen. Matthias Reichl (Begegnungszentrum für aktive Gewaltlosigkeit, Bad Ischl)

Karin Holm, Jürgen Dewes (Hg.)
Neue Methoden der Arbeit mit den Armen - Am Beispiel Straßenkinder und arbeitende Kinder, IKO Frankfurt 1996


Von den UN-Organisationen werden weltweit etwa 80 Millionen Straßenkinder und 100 bis 200 Millionen arbeitende Kinder gezählt. Obwohl noch immer v.a. die Länder Asiens, Afrikas und Lateinamerikas betroffen sind, läßt sich diese Entwicklung auch verstärkt in Ost- und Westeuropa beobachten. Auf die Soziale Arbeit in den Einwanderungsländern kommen weitere Aufgaben und Funktionen zu.

Im Zentrum des Sammelbands stehen zahlreiche soziale und pädagogische Projekte mit Straßenkindern mit ihren Konzepten und Methoden und curriculare Überlegungen für die Aus- und Fortbildung von Fachkräften. Dabei werden v.a. die in den Ländern Lateinamerikas erfolgreich eingeführten subjektorientierten Ansätze genutzt, die - richtungsweisend auch für die europäische Sozialpädagogik - auf Kompetenzstärkung abzielen und sich auf die Lebenszusammenhänge der Kinder einlassen.

Das Buch beinhaltet theoretische und praxisbezogene Beiträge aufs Mexiko, Nicaragua, Chile, Deutschland, Rumänien und Rußland. Es ist eine wichtige Lektüre für Fachkräfte, die Soziale Arbeit im internationalen Maßstab erkennen wollen, sowie die Hintergründe oder Alternativen der Migrationsbewegungen. Hinsichtlich der ökonomischen Entwicklungen werden hier auch weitere notwendige Perspektiven der Sozialen Arbeit aber auch ihr Qualifizierungsbedarf abschätzbar, die ihre Relevanz und Reichweite verändern: Ökonomische und konzeptionelle Beiträge zu einem gerechteren Wirtschaften und Empowerment v.a. auch durch ökonomische Projekte vor Ort. (Tilo Klöck)

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Pastoral der Zukunft

- Die Pfarrversammlung -

Bernd Kuhl stellt ein Arbeitsinstrument aus der Franziskus-Gemeinde in Koblenz vor, um tragfähige und partizipative Strukturen in den Gemeinden zu fördern und aufzubauen. Schön war auch, daß die Zurverfügungstellung der Zeichnungen aus dem Buch "Mit Phantasie und Spaß" - Original von ALFORJA - Mittelamerika - für die Aussagen des Buches wichtig wurden.

Aus dem Vorwort: "Eine Gemeinde oder Gruppe steht immer in der Versuchung, Vergangenes zu konservieren statt in die Zukunft zu schauen, sich in Sicherheiten zu verlieben statt Wagnisse einzugehen, Ewiggültiges im versteinerten Ritual zu suchen statt den Geist zu entdecken, der überraschende Zeichen des Aufbruchs setzt. Ich möchte mit dem Beispiel der "Pfarrversammlung" - und dem Prozeß, wie man dort hinlangt - einen kleinen Beitrag leisten, Pastoral partizipativer, beweglicher und so auch attraktiver mitzugestalten. ...

Wir haben in der Pfarrgemeinde gute Erfahrungen in dem Jahr der Vorbereitung und im Durchführen der Pfarrversammlung gemacht. Uns ist bewußt geworden, daß das, was wir in vielen kleinen Schritten getan haben, "Pastoral der Zukunft" ist und zum bewußteren Erleben von Gemeinde geführt hat. ... Versuchen wir gemeinsam mit den Gemeinden durch Planung, theologische Reflexion, bewußte Entscheidung und Zielbestimmung unseren Beitrag einzubringen, damit die Gemeinden immer mehr Subjekte ihrer eigenen Evangelisierung und der daraus folgenden Praxis werden.

Die dann folgenden Beispiele können nur einen kleinen Einblick in die sehr positive Arbeit geben.
Weitere Kontakte: Bernd Kuhl, Backhausgasse 6, 63222 Spay.

Monika Treber, Wolfgang Burggraf, Nicola Neider (Hg): Dialog Lernen - Konzepte und Reflexionen aus der Praxis von Nord-Süd-Bewegnungen. Iko-Verlag, FFM, 1997

Das Buch arbeitet die Erfahrungen des Projekts "Dialog Lernen" von 1992-1995 auf, dessen Träger die Missionszentrale der Franziskaner, das Franziskanische Bildungswerk wie die Christliche Initiative für Internationales Lernen sind.

Chancen und Probleme der Direktkontakte im Nord-Süd-Verhältnis werden als "Ordnungsversuche begriffen, mittels derer Menschen der Flut von Informationen und Nachrichten über die 3. Welt begegnen.

M. Liebel/B. Overwien/A. Recknagel (Hrsg.): Arbeitende Kinder stärken! Plädoyers für einen subjektorientierten Umgang mit Kinderarbeit. Verlag für interkulturelle Kommunikation, Frankfurt /M. 1998, ca. 370 Seiten, ca. 39.80 DM. Soeben erschienen.

Der Sammelband faßt erstmals im deutschsprachigen Raum Artikel und Untersuchungen von Autoren und Autorinnen aus Nord und Süd zusammen, die eine Position der ,kritischen Wertschätzung" von Kinderarbeit vertreten. Dabei beziehen sie sich auf die Forderungen der "Internationalen Bewegung arbeitender Kinder", deren zentrale Dokumente im Anhang erstmals vollständig auf deutsch veröffentlicht werden. Ein Buch, das nicht nur Arbeitsminister Blüm und die ILO-Experten herausfordert, sondern alle interessieren sollte, die sich Gedanken um die Zukunft der Kinder machen. email Auslieferung: iko@springer.de

EDUCACION . Volumen 57/58 . 1998, Instituto de Colaboración Científica, Tübingen, República Federal de Alemania, Olgastr. 8, D- 72074 Tuebingen, iwz@oe.uni-tuebingen.de

Vom Schwerpunktheft der Zeitschrift Education/Educación zum Thema "berufliche Bildung und informeller Sektor" liegt nun nach der englischen auch die spanischsprachige Ausgabe vor.

Ich könnte mir vorstellen, daß dieses Heft Ihre / Eure Partner im Süden interessieren könnte. Für diese ist das Heft kostenlos zu beziehen. Deutsche InteressentInnen zahlen ca. DM 80,-

SUMARIO - Introducción - Comentarios sobre el Tema Central por Oscar Corvalán V.

ContribucionesFormación profesional para el sector informal - una tipología por Volker Lenhart

El desarrollo diversificado de sistemas en la ayuda a laformación profesional - consecuencias curriculares por Ullrich Boehm

Sobre el significado de las competencias generales en el sectorinformal urbano, y condiciones para su adquisición por Wolfgang Karcher y Bernd Overwien

Sobre la necesidad de un enfoqueintegrado enla promoción de la ocupación de grupos pobres por Andreas König e Iris Allmendinger

Procesos de educación y formación en el contextode organizaciones locales de autoayuda en el sector informal por Madhu Singh

Factores de éxito económico para microempresas en el sector informal:consecuencias para la formación en administración de empresas por Gunnar Specht

Competencias y adquisición de competencias en el sector informal por Sigvor Bakke-Seeck

Adquisición de competencias por mujeres enel sector urbano-informal en Ruanda por Gisela Burckhardt

Formación y capacitación de microempresarios/as en Recife (Brasil) por Barbara Staib

Educación no-formal orientada hacia el empleopara los jóvenes en el sector informal de América Latina por Bernd Overwien

Documento para discusión presentado por la Comisión "Investigación Educativa en Cooperación con Países del Tercer Mundo" de la Sociedad Alemana de Ciencias de la Educación

Comentario a los conceptos sectoriales por Hans Bühler/Heinz-Peter Gerhardt/Wolfgang Karcher/Gottfried

Mergner Recensiones - Selección bibliográfica - Nota editorial Bernd Overwien

Hinweise, Berichte und Briefe:

* Prof. Manfred Peters, Vorstand der PFG e.V. wurde zum Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Notre-Dame de la Paix (Namur, Belgien) für die nächsten vier Jahre ernannt. Mit zahlreichen Veröffentlichungen in deutscher, französischer, englischer und japanischer Sprache hat der aus Nieder-Emmels stammende Hochschullehrer sich in den Bereichen Soziolinguistik und Geschichte der Sprachwissenschaft einen internationalen Ruf erworben. Neben seiner Lehrtätigkeit an der Jesuitenuniversität Namur ist er Gastprofessor in Paderborn und Leiter eines EU-Bildungsprojektes in Zentralafrika.

Der Walter Mertineit-Preis für Internationale Verständigung wird erstmals 1999 vergeben. Der Preis soll alle zwei Jahre von der Deutschen UNESCO-Kommission für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der internationalen Erziehung an Schulen, Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen in Deutschland auf Vorschlag vergeben werden. Einsendeschluß für Preisträger-Vorschläge ist der 30.9.98. Auskunft: Deutsche Unesco-Komission, Frau Brincks, Tel. 0228-6049715

Refererent/in für frauenbezogene Bildungsarbeit von MISEREOR in der Abteilung Bildungs-u. Pastoralarbeit zum Sommer 1998 gesucht. Auskunft: Bischöfliches Hilfswerk MISEREOR e.V., Personalabt. Mozartstr. 9, 52064 Aachen. Tel. 0241-442-173/171.

Alpha-Forum 98: L’àlphabétisacion, un outil de changement social: Manfred Peters (Vorstand der PFG. e.V.) teilt zur Übersendung dieser Materialien mit: Die Veranstaltung stand ganz im Zeichen von Paulo Freire. Das "Dossier préparatoire por les formateurs" (19 Seiten inkl. Porto ist für 5,-DM in Briefmarken) bei der PFG erhältlich, oder CIEP, rue de la Loi 143, B 1040 Bruxelles ( Station Schumann,)

Video zum Legislativen Theater in Vorbereitung: Eine Dokumentation der Internationalen Fachkonferenz mit Augusto Boal 23.-27. Okt. '97 soll in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung (angefragt)

1999 soll EU-Jahr gegen Gewalt an Frauen werden.

Dafür sprachen sich die EU-ParlamentarierInnen fraktionsübergreifend aus. Für dieses Anti-Gewalt-Jahr soll eine eigene Haushaltszeile bereitgestellt werden.

Interessierte sollen die Augen offenhalten, um rechtzeitig auch entsprechende Anträge stellen zu können.

Das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung - DIE

will mit dem neugeschaffenen Preis füpr Innovation den Beitrag für die Weiterbildung zur gesellschaftlichen Erneuerungsfähigkeit hervorheben. Kontakt: Päd. Arbeitsstelle des DVH, Hansaallee 150, 60320 Frankfurt. Fax: 069-95626174.

Neue Materialien der Deutschen Welthungerhilfe:

Unterrichtsmaterial "Guten Appetit - schlechten Hunger" - der didaktische Band zum "Handbuch der Welternährung" mit vielen Anregungen und Methodenbeispielen.

Wandzeitung/Materialheft "Küche, Kochen, Konservieren"

Broschüre "Was eigentlich ist Hunger" : DWH, Postfach 120509. 53847 Bonn

Straßenkinder in Deutschland - Gefährliche Freiheit

Sehr informatives Heft auch mit Selbstaussagen der "Straßenkids". Aus der Arbeit von und mit Straßenkindern im Süden gibt es wichtige Anregungen für die hiesige Arbeit. Ebenfalls, zum Schwerpunktthema dieser Zeitschrift für befreiende Pädagogik passend, wird das Engagement kirchlicher Einrichtungen in diesem Bereich dargestellt. Sehr hilfreich, für alle, die sich generell und im Beruf für diesen Bereich interessieren.

Kostenloser Bezug: Evang. Missionswerk, Normannenweg 17-21, 20537 Hamburg.

Terra - Fotoausstellung vom bekannten brasilianischen Fotografen Sebastiao Salgado über die Landlosen-Bewegung Brasilien. Unbedingt zu empfehlen! Die Bilder widerspiegeln die Landwirtschaft Brasiliens während der letzten 20 Jahre, sie zeigen Menschen auf ihrem Boden, dem land, das sie bewohnen und bewirtschaften... Auskunft und Verleih: GbR Amigos do MST. Tobias Leitmann. Geußnerstr. 3, 90409 Nürnberg. Tel. 0911-516994, Fax:9354359.

Das Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung (isw) bringt vierteljährlich ihre isw-reports heraus. Sie sind immer sehr gut aufbereitet. Der neueste Report nimmt das 150-jährige Jubiläum von Siemens zum Anlaß, um über diese Weltfirma zu berichten. Bezug: 44,-DM 6,-DM plus Porto. isw, J. von Werth-Str. 3, 80639 München.

Die Asociación de Nicaragüenses en Alemania e.V.

sucht für den Aufbau einer Bibliothek in Nicaragua spez. für RückkehrerInnen aus Deutschland. Besonders: Wissenschaftliche Literatur, Nachschlagewerke und Zeitschriften neueren Datums. Nähere Auskunft: E. Rivero, ANA, Im Heimbach 12, 71111 Waldenbuch.

Internationaler Essay-Wettbewerb: Die Zukunft von der Vergangenheit befreien? Die Vergangenheit von der Zukunft befreien?

Weimer 1999 - Kulturstadt Europas in Kooperation mit dem Goethe-Institut. 1. Preis 50.000 DM etc. Auskunft: International Essay Prize Contest. Rosenthaler Str. 13, 10119 Berlin.

Kinder in Bewegung. Dokumentation einer Begegnung. "Kinderrächtszänkertreffen" Natras - Die Bewegung arbeitender Kinder und Jugendlicher in Nicaragua.

Eine ganz hervorragende Dokumentation über diese besondere Reise, eine engagierte und offene Auswertung der Eindrücke. Das Thema: Kinderarbeit ächten oder ein Recht auf Arbeit wird durch die Sicht betroffener Kinder beleuchtet. Unbedingt lesenswert. Kontakt: KinderRächtTsZänker, Hufelandstr. 19, 10405 Berlin. Tel/Fax: 030-4254532

KED-Bibliothek und Infozentrum Eine Welt/Dritte Welt bietet 5.000 Dokumente im Internet zur Recherche an: http.//ked-bayern.apc.de. E-mail: ked-bayern @odn.de

Brasilienkiste: u.a. authentisches Spielzeug aus Brasilien, ein Klassensatz des Buches "Rosanna bricht ihr Schweigen" und Schuhputzkisten inkl. Material. Auskunft: KED Bayern, Tel. 0911-9354351, Fax: 0911-9354359

Religionsunterricht an den Niedersächsischen Gesamtschulen. Wie immer koordiniert Wilhelm Behrendt (Mitglied der PFG) interessante Veranstaltungen wie: 1.-2.7.98: Paulo-Freire-Seminar, 3.-5.7.: Gottes Friede jedem Ort. Ökumenischer Kirchentag in Osnabrück., 28.-30.9.: Islamseminar. Niels-Stensen-Haus in Worpshausen b. Bremen.

Alphabetisation et concientisation au Kivu (Rep. Democr. du Congo). Rapport de la mission de M. Manfred Peters, Jean-Marie Cahihabwa Busubwangi: Se je pouvais dire la vérite... Poémes et textes en prose; Anexe 2 au Rapport de la mission au Kivu de Janvier 1998... Kontakt: Prof. Manfred Peters, Ru de Bruxxelles 61, Fondation universitare pour la cooperación internationale au developpement, B 5000 Namur (Belgien)

Wieviel Theologie braucht die Inlandsarbeit in einer säkularen Gesellschaft?

Aus dem Inland-Workshop der AG KED 1998. Impulse von Cornelia Schattat, Berliner Missionswerk:

1. Inlandsarbeit braucht nicht mehr und keinesfalls weniger Theologie, denn sie ist gelebte Theologie.

2. Inlandsarbeit ist eine Theologie, die nur ein Interesse an Kirche hat, nämlich, daß Kirche eine "Kirche für andere" ist (Bonhoeffer).

3. In der Inlandsarbeit brauchen wir eine Theologie, die wir mitgestalten und kritisch erproben können. (...)

5. Bei dem allen wird Theologie verstanden als ein lebenslanger Prozeß ökumenischen Lernens, nicht als ein in sich abgeschlossenes System.

6. Da Inlandsarbeit auf Veränderungen im Leben von Einzelnen, der Kirche und der eigenen Gesellschaft zielt, sind die theologischen Akzente bedeutsam, die zu Umkehr, Buße, Neuanfang Mut machen und die entsprechenden Handlungs- und Lebensmodelle ermöglichen.

7. Dafür müssen entsprechende Fortbildungsangebote erhalten oder neu eingerichtet werden. Gerade in einer Zeit drastischer Finanzknappheit dürfen diese Felder nicht eingegrenzt werden, weil jetzt mehr denn je die Kirchen darauf angewiesen sind, qualifizierte und engagierte "Laien" zu gewinnen und zu fördern. (...)

9. Wir brauchen... viel mehr, als bisher üblich, eine Theologie, die Impulse und Erfahrungen aus nicht-europäischen Völkern aufnimmt. Vor allem die Erfahrungen der Unterdrückten und Ausgebeuteten, der Armen müssen dabei Vorrang haben.

10. Gerade die AGKED braucht mehr Unterstützung von seiten einer Theologie, die in der Lage und willens ist, einen ehrlichen und offenen Dialog mit anderen Religionen aufzunehmen und die bereit ist, die Ergebnisse solcher Dialoge auch in die eigenen Theologien müßnden zu lassen.

11. Das Ringen um mehr Gerechtigkeit, um die es in der Inlandsarbeit geht, ist auch ein Aspekt einer "Prophetischen Theologie", die den Mut hat in kritischer Distanz zu den herrschenden Ideologien und deren Funktionsträger zu stehen... (gekürzt).

Mensaje Final del III Encuentro Latinoamericano de Teología India

Nosotras y nosotros indigenas cristianos representantes de los pueblos orginarios de Abya Yala, juntamente con religiosas y religiosos, pastoras y pastores, sacerdotes y Obispos, hermanas y hermanos solidarios de Europa, Africa y Asia, provenientes de los cuatro puntos cardinales, portadores de experiencias de vida y sabiduría de los pueblos

Quiché, Apache, Zapoteco, Tseltal, Mixteco, Rarámuri, Mam, Mazateco, Osage, Lenca, Nahuatl, Emberá Wayuu, Ngobes, Kunas, Sumu, Miskito, Mapuche, Toba, Guarani, Xokleng, Korebaju, Tukano, Wanana, Terena, Camentsa, Dessana, Wounaan, Aymara, Quechua, Urus, Pacz-Nasa, Dessana, Pastos, Kolla, Bakari, Baures, Báli´m, Chortis, Moxos, Kaqchikel,

convocados por el Espiritu del Dios de nuestra fe, revelado en la Biblio y en la sabiduria que desde siempre existió en medio de nuestros pueblos, y que en su profunda espiritualidad es llamado con los siguentes nolmbres: Ukú´x Kaj-Ukú´x Ulew, Usen, Sha, Pitao, Tajsika, Katsime, Jmanojel, Xmanojela, Sutu.Su abi, Keti Ono Keti Eyé, Pajaw, Nácna naina, Icelaca, Qujaw, Ometeotl, Totatzin, Tonantzin, Ankoré, Maleiwa, Ngóbo, Paba-Nana, Ankoré, Dawáno, Aisa-Gat, Chau Elkunachen, Qartà, Nim Qaroót, Nim Iòtapecna, Tupä, Agglene, Mai aikuna umu paiku, Oaskle, Kohamaku, Itukooviti, Bengbe Betsa, Yebá-Btlo, Ewandam, Itatitu, Tayta, Pachacamac, Wiraqucha, Pachamama, Tata Wala, Mallku, Yebá-Bilo, Ngenechen, tanipuca-Hanguipuca, Arutam-Jatun Yaya, Knamotynos, Achachila, Kata Kájch, Arútam,

nos juntamos y vinimos todos en grupo y formamos consejo:

Dialogamos y dinos nuestra opionon, celebramos juntos al Dios de la aVida desde la especial caracteristica de la fe de cada uno de los pueblos representados y discutimos asi:

1. Nuestro contexto actual se caracteriza por la manifestación pública de las prácticas de la expiritualidad de nuestros pueblos indigenas, el nacimiento de

incipientes democracias y contra todo esto el avance de un sistema neoliberal deshumanizante.

2. Aunque la sabiduría de nuestros pueblos orginarios fue negada, discriminada y satanizada, ahora emerge con fuerza, desde la vida misma de las comunidades indias.

3. Confirmamos la existencia de esta sabiduría en los libros y lugares sagrados, los anales, los memoriales, ciudades historicas, centros ceremoniales, creencias, suenos, mitos, rituales sagrados, himnos, usos, costumbres, tradiciones liturgicas y en los tejidos de vistosos colores.

4. Reconocemos que las vasijas, contenedoras vivas de esta sabiduria, son las guias espirituales indigenas, ancionos, ancianas y mujeres que mantienen la identidad cultural a traves del idioma, el tejido y la vivencia de las costumbres comunitarias.

5. Buscamos tener un diálogo permanente entre la sabiduría indígena, la sabiduría biblica teológica y otras culturas e espiritualidades porque queremos un mundo en dondo todos los diferentes puedan convivir.

6. Proclamamos que es nuestra vida la que da sabor a nuestra teología y nuestra palabra sobre el Dios de la Vida da sentido y orienta a la plenitud neustras vidas. Es con la marcha de nuestro pueblo que la Teología India adquiere sabor.

7. Creemos que Dios, quien es Nana/Mamaa y Tata, es el fundamento de la armónia entre mujeres y hombres, y de ellas y ellos con la naturaleza: ? Por qué, entonces, nos preguntamos, se priva a las mujeres de los derechos que tienen los hombres en nuestros pueblos y en nuestras iglesias? Por qué hemos roto la armonía con la naturaleza?

8. Nuestra sabiduría indígena que para recuperar la armonía debe darse un verdadero diálogo respetando la dignidad de los otros y sus diferencias, escuchando su mensaje y su palabra. La palabra más sabía la da quien está dando su vida por el pueblo, quien sabe de cargos y servicios porque ya los ha cumplido, quien sabe mandar porque ha obedecido, quien sabe de Dios porque habla con él en la vida.

9. Estamos convencidos que son los pueblos indígenas mismos, los jardineros privilegiados, llamados a barir los jardines de estas rosas perfumadas a hombres y mujeres de otros pueblos, para que su fragancia se esparza por doquier: es la fragancia de DIOS. Somos las hijas y los hijos de los pueblos indígenas quienes debemos decir y proclamar a los cuatros vientos la sabiduría que anida en nuestro corazón y en nuestra mente. De este modo evitaremos el peligro de que otras personas traicionen neustra sabiduría.

10. Delante del veneno del materialismo económico y tecnicista del modernismo que pretende destruir el jardin de flores, debemos reforzar la energía existencial de nuestras raices y la fortaleza de nuestros tallos, con la autodeterminación y gestión de nuestros pueblos indígenas, con el reforzamineto de la organización, con la difusión de la sabiduría indígena en la reconquista de los espacios perdidos en la Sociedad, y con acciones eficaces que aseguren la participación decesiva de los pueblos indígenas en la realización y ejecución de leyes favorables a ellos mismos. Queremos producir un cambio verdadero que constroya una casa grande en donde viviamos todos los pueblos de la humanidad, de manera más digna más humana, más divina.

11. Reconocemos que el único dueno del jardin es DIOS: Nosotras y nosotros somos sus cuidadores. Con esta convicción, sonscientes que hay otros pueblos diferentes a nosotros, queremos ofrecer a América Latina, sin pretensiones y arrogancias, por medio del diálogo, la Cosecha abundante de las flores hermosas de la solidaridad, la libertad verdadera, el respeto mutuo, el respeto a la naturaleza y la fe en DIOS:

!": Deberemos, para lograr esta cosecha profundizar más y más en nuestras propias culturas, volver sin cesar a las fuentes de nuestra sabiduría y descubrir, en las vidas de nuestros pueblos, las manifestaciones de DIOS. Madre y Padre, revelado también en Christo Jesus.

Finalmente, reafirmamos nuestra esperanza regada por la sangre de miles de indigenes mártires en que:
" los árboles den fruto, los rios no se sequen, revendezcan los cerros.
Que en un nuevo amanecer, juntos todos los pueblos,
dancemos la danza de la vida en plenitud,
commamos y bebamos saborando junto lo que Dios,
Madre y Padre nos ofrece. Jallalla, Jallalla!
Vinto, Cochabamba, Bolivia, 29. Agosto de 1997
(Damos gracias al Pastor Serafin Ajhuacho por el envio de este documento).

Aufruf von KAIROS EUROPA

An die christlichen Kirchen und andere Religionsgemeinschaften, Gewerkschaften, feministische, soziale und ökologische Bewegungen zur Bündnisbildung für die Befreiung vom Joch der deregulierten globalisierten Wirtschaft und ihrer Werte.
So darf es nicht weitergehen in Europa! So braucht es nicht weiterzugehen in Europa! Laßt uns gemeinsam an einer Kurskorrektur arbeiten: Weg von

* der globalen Machtkonzentration der Kapitalakteure, dem Austricksen der Arbeitenden, der Steuervermeidung, der Wirtschaftskriminalität, der erzwungen Migration, der neoliberalen Politik der Deregulierung;
des Sozialabbaus und der Entdemokratisierung, der Ökonomie als Glaubenssystem, unserem eigenen Streben nach Konsum, Reichtum und (patrichaler) Macht. Hin zu

* einem sozial gerechten, lebensfreundlichen und demokratischen Europa.

Was können wir tun?
Wir können sorgfältig hören auf die um würdiges Überleben kämpfenden Opfer der herrschenden Fehlentwicklungen in Süd, Ost und West
wir können "nein" sagen zu der gegenwärtigen ungerechten Geld- und Eigentumsordnung, der Industrialisierung der Landbewirtschaftung, den unverhältnismäßig hohen Ausgaben für Sicherheit und zu den ökologischen Zerstörungen
wir können Alternativen im Kleinen bauen, insbesondere die lokale und regionale Wirtschaft stärken und dadurch teilunabhängig vom Weltmarkt werden ...
Wir können an einem Konsens alternativer Politik für Europa und global arbeiten, insbes. in den Bereichen Arbeit, Steuer, Finanzen, Handel u.a.

Hier fordern wir:

- die Verkürzung der Arbeitszeit auf höchstens 32 Stunden mit sozial gestaffeltem Einkommensausgleich..., die Orientierung der Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung an der Wertschöpfung, nicht an den Löhnen der Beschäftigten; einem Sonder-Lastenausgleich durch einmalige Besteuerung großer Vermögen über 2,5 Mill. DM hinaus zugunsten eines "Sonderfonds zur Beseitigung von Massenarbeitslosigkeit" (vor allem zur Schaffung von Arbeitsplätzen für gesellschaftlich notwendige Arbeit, die keine Profite bringt); eine angemessene Vermögenssteuer, eine in der gesamten EU harmonisierte Quellensteuer auf alle Kapitalgewinne, um die Steuerflucht und das Steuerdumping wenigstens in dieser Region zu beenden; die globale Besteuerung spekulativer Transaktionen (Tobon tax); die Einführung und schrittweise Ausweitung der Besteuerung von Ressourcen- und Energieverbrauch und Förderung alternativer Energien; Maßnahmen zur Begrenzung des Reichtums...; die Demokratisierung der Wirtschaft (insbesondere Mitbestimmung und Selbstverwaltung in Betrieben); die Abschaffung der Steuerparadiese und die Einführung sozialer und ökologischer Rahmenbedingungen für den Welthandel ... Als PFG e.V. haben wir diesen Aufruf mit unterzeichnet. Kontakt: Prof. Ulrich Duchrow, Hegenichstr. 22, 69124 Heidelberg.

Ausgangsbestand - Restbestand:

Das von einigen Sektoren gelobte Maatwerk zur Vermittlung von Arbeitslosen zeigt, wie verräterisch Sprache sein kann: Im Zwischenergebnis Hamburg-Harburg vom 1.2.96-19.09.97 schreiben sie, daß sie einen "Ausgangsbestand" von 1803 haben, davon eine "Rückgabe" (noch nicht vermittelbar) von 973, was einen "Vermittlungsbestand" von 830 ausmacht, wovon, nach Abzug der Eingliederungen ein "Restbestand" von 305 übrig bleibt. So werden heute arme Menschen als "Sozialmüll" (aus dem Munde von Arbeitgebern), oder "basura humana" (Menschenmüll innerhalb der neoliberalen Sprache in Chile oder als "Restbestand" innerhalb der Vermittlungsstatistik bezeichnet. (Heinz Schulze)

Beber del propio pozo

Diesem schönen Bild von Gustavo Gutuierres (Befreiungstheologie aus Peru) "trinken aus seinem eigenen Brunnen" folgten indigene Delegierte bei vier kontinentalen Treffen zur indigenen Spiritualität. Einige sind uns als Delegierte der Europarundreise aus Anlaß der Kampagne "500 Jahre Kolonisierung und Widerstand", die von Mitgliedern der Paulo Freire Gesellschaft mitorganisiert wurde, bekannt.

Sie legen mit dieser Broschüre einige Diskusionsergebnisse vor, die deutlich machen, daß indigene Spiritualität ganzheitlich ist, daß aber dazu Genderfragen gehören, wirtschaftliche Aspekte bis hin zu konreten Erfahrungen der Naturmedizin.

Für Grippegeplagte könnte folgendes Rezept taugen: Tabakblätter, zusammen mit afirfi-bibri und den Schalen vom chucchu-huaso kauen, diese Masse in ein sauberes Tuch spucken und den Sud durch die Nase einziehen. Wem das zu "natürlich" ist, ein Mittel gegen Durchfall: Eine kleine Flasche Malzbier mit drei darin eingechlagenen Eiern, Klee (alfalfa) mit Zucker oder Honig umrühren und auf einmal trinken. Natürlich sind Kapitel wie: Religion und Umwelt intensiver und wichtiger. (Heinz Schulze)

Paulo Freire in memorium - ein Brief

Zum Kolloquium in der Evang. Akademie Loccum im Juli 97 schrieb Erhard Meueler an diese: (...)

"Auch wenn mich die Thematik sehr interessiert, werde ich nicht teilnehmen, weil mir die gewählte Sozialform der Tagung nicht zusagt ... Sie haben die Tagung so mit WissenschaftlerInnen vollgestopft, daß - um ein Bild zu gebrauchen - für all die Schleusen, die hier stromaufwärts befahren werden sollen, schon vorab festgelegt ist, mit welchen großen und kleineren Booten sie in genau durchgeregelter Abfolge gefüllt werden sollen. Für freie Improvisation scheint keinerlei Raum vorgesehen zu sein ... Stellvertretende Deutung wird zur allgemeinen Verkehrsform erhoben.

Dagegen Freire: "Gegenüber der mythisierenden Praxis der herrschenden Eliten erfordert die dialogische Theorie, daß die Welt enthüllt wird. Es kann jedoch keiner die Welt für einen anderen enthüllen. Obwohl ein Subjekt den Vorgang des Enthüllers für andere einleiten kann, müssen doch auch die anderen zu Subjekten dieses Vorgangs werden" (Päd. der Unterdrückten, 1971, S. 200).

Selbst die Repliken auf die Vorträge, die normalerweise aus der Interkations-Situation direkt entstehen, sind schon genauestens vorweg festgelegt. Das setzt voraus, daß diejenigen, die zu Repliken eingeladen wurden, schon vorweg die jeweiligen Vortragstexte erhalten und sich zu Hause, gestützt auf ihre Bibliotheken, damit auseinandersetzen können, um ihre Schreibtischprodukte dann vorzulesen. ... Alle für das Kolloquium vorgesehenen Beiträge erscheinen wie in einen Bogen Millimeterpapier vorweg eingezeichnet.

Der Widerspruch ist eklatant: eine Tagung über Befreiung in der Zwangsjacke eines bis in die kleinste Minute vorgeschriebenen Ablauf- und Interaktions-Plans. Paulo Freire selig würde es sicherlich genossen haben, sein Lebenswerk in einer solchen internationalen Mehrfachspiegelung zu erleben, doch waren ihm andererseits sein Leben lang hierarchisch gestaffelte Interaktionen (hier: Hauptvorträge, Repliken, der Rest als Zuhörer) und Belehrungs-Szenarien zuwider: Für jeden, der sich von Paulo Freires Einsichten und Anregungen theoretisch wie praktisch hat nachhaltig beeinflussen lassen, ist es eigentlich selbstverständlich, daß es gilt, seine politische Anthropologie praktisch zu realisieren.

Ich wünsche Ihnen daher, daß sich in diesem Kolloquium TeilnehmerInnen gegen die so gut gemeinte Programm-Totalität auflehnen und sich auf diese sicherlich störende Weise die in klugen und schönen Worten beschworene Befreiung auch dort ereignet. ..."

CONFINTEA:

5. Internationale UNESCO-Weltkonferenz über Erwachsenenbildung im Juli 97 in Hamburg, Eine Rückschau:

Unter dem Motto "Erwachsenenlernen: ein Schlüssel zum 21. Jahrhundert" kamen für eine Woche 141 Delegierte aus 131 Ländern im Hamburger Kongreßzentrum zusammen, um über Erwachsenen- und Weiterbildung in der Perspektive lebenslangen Lernens Erfahrungen auszutuauschen und in Arbeitsgruppen zu arbeiten.

Die Paulo Freire Gesellschaft e.V. war mit vier Delegierten vertreten und konnte während der ganzen Woche im Foyer des Kongreßzentrums mit einem Büchertisch und der Gedenkausstellung zu Paulo Freire präsent sein, die Moacir Gadotti vom Instituto Paulo Freire aus Sao Paulo mitgebracht hatte. Der Bücherstand und die Gedenkausstellung wurden zum Anziehungsort für Viele, die sich mit Freires Pädagogik beschäftigen. (Die Ausstellung ist jetzt bei der Freire-Gruppe in Berlin). Viele Konferenzteilnehmer aus Deutschland aber auch aus anderen Ländern interessierten sich für die Arbeit der Paulo Freire Gesellschaft e.V. und wollten mehr Informationen zu unserer Arbeit haben.

Am Abend des vierten Kongreßtages fand eine einstündige Gedenkfeier für Paulo Freire und Dame Nita Barrow statt, bei der u.a. Moacir Gadoti, ein Vertreter Südafrikas und natürlich Ana Maria de Freire sprachen. Außerdem wurde ein Video mit Paulo Freire gezeigt, in dem er sich - auf seine kritische und humorvolle Art - mit der UNESCO auseinandersetzte.

Nach der Veranstaltung fand ein spontanes Treffen von über 20 Personen statt, die entweder im Leitungsrat des Instituto Paulo Freire vertreten sind, oder in einer Institution organisiert sind, wie die Freire-Gesellschaft, oder sich in Freires Pädagogik verorten.

Besonders interessant waren Berichte der Teilnehmenden aus Spanien und Schweden über die Bedeutung von Freire in den Universidades Populares (Spanien) und in der Erwachsenenbildung (Schweden). Die Weiterverfolgung einer Vernetzung von Freire-Gruppen in Europa sollte in Zukunft ein Schwerpunkt der Paulo Freire Gesellschaft e.V. bilden.

Ulrike Hanemann Virginia Alvear Gallindo, Wivian Weller, Dr. Ilse Schimpf-Herken,.

Kompakt-Seminar zur Freire-Pädagogik in Kiel:
Brigitte Didden-Zopfy (Mitglied der PFG e.V.)

"... Ich führte mit 20 StudentInnen (Diplom-Pädagogik und Lehramt) ein Kompakt-Seminar - Samstag / Sonntag - zur Pädagogik Freires durch, das sehr intensiv und anregend wurde. Es ist ja immer ein Widerspruch, praxisbezogene Pädagogik an der Uni zu "lehren". Ich kannte die Gruppe nicht und die StudentInnen kennen sich untereinander auch meist nicht. So begannen wir - ohne theoretische Einführung - erst einmal, "unsere generativen Themen" zu finden, wozu ich die Frage nach eigenen Erfahrungen der Entfremdung, Diskriminierung und Unterdrückung (persönlich erfahrend oder auch selbst handelnd) stellte.

In drei Gruppen wurde anschließend über diese Erfahrungen diskutiert und versucht, wichtigste gemeinsame Themen herauszukristallisieren. Diese wurden erst am Nachmittag, nachdem wir uns gemeinsam mit gesellschaftlichen Widersprüchen und Aspekten der Pädagogik Paulo Freires beschäftigt hatten, wieder aufgegriffen. Nun versuchte jede Gruppe "ihr generatives Thema" zu kodieren; eine Gruppe machte Statuentheater, eine andere eine Pantomimenszene, die dritte Gruppe fertigte eine Collage aus von mir mitgebrachten Zeitschriften an.

Die jeweilige Darbietung für die anderen führte zu guten Diskussionen, d.h. wir hinterfragten die Ursachen und suchten nach Lösungsansätzen im eigenen Handlungsbereich. Da doch viele StudentInnen neben dem Studium Familie haben oder arbeiten - manche im Bereich einfacher Jobs, andere auch in bereits vorher erlernten Berufen - konnten sie gesellschaftliche Widersprüche nicht nur theoretisch nachvollziehen, sondern auch in ihrem Erfahrungsbereich wiederfinden.

Besonders fiel mir das von einer Gruppe genannte Thema "Außenseitertum" auf, das nicht nur im Hinblick auf Ausländer, sondern auf verschiedendsten Ebenen in unserer Gesellschaft erfahren wird. Dabei wurde unter anderem auch immer wieder eine große Unsicherheit deutlich, wie der Einzelne sog. gesellschaftlichen "Außenseitern" (z.B. Ausländern, Drogenabhängigen, Behinderten) begegnen kann oder soll, wenn er selbst sich bemüht, den Anderen nicht auszugrenzen.

So kamen wir direkt zu Fragen der Kommunikation und des Dialoges und zu einer Sensibilisierung in der Begegnung mit dem "anderen". Es liegt mir viel daran, den Dialog verstehen zu lernen, da m.E. die Dialog-Fähigkeit zwischen den Menschen immer stärker verdrängt wird. Wir widmeten am zweiten Tag dem Gespräch über den Dialog und Freires Einbeziehung der zentralen Erfahrungen zwischenmenschlicher Begegnung - Liebe, Glaube etc. - noch einige Zeit. Vorausgehend machte ich auch eine kleine taktile Übung: je zwei TeilnehmerInnen führen mit geschlossenen Augen einen dünnen Stab, den jeder nur mit dem Zeigefinger berührt.

Im Wechsel zwischen Führen und Geführtwerden kann man die sensible Reaktion auf die nonverbale Äußerung des Anderen üben - sonst fällt der Stab zu Boden... Als wir über Beispiele der praktischen Anwendung oder Übertragung der methodischen Handlungsgrundlagen Freires sprachen - hierzu hatte ich Referat-Beiträge verteilt - kamen wiederum persönliche Erfahrungen zur Sprache - zum Einen zur Arbeit mit Drogenabhängigen, zum Anderen zur Arbeit mit einem Strafgefangenen.

Ich denke, wenn es gelingt, persönliche Erfahrungen aufzugreifen und sie im Kontext Freirescher Pädagogik neu zu reflektieren, kann doch über die Methode hinaus der Handlungsgrundsatz als wesentliches Moment deutlich werden, den jeder für sich in jeder Lebens- und Arbeitssituation neu erarbeiten muß...

Rückmeldung aus Cuba:

Nach zwei Studienreisen nach Kuba -auf den Spuren der Pädagogik Freires u.a. - haben wir als Paulo Freire Gesellschaft unsere dortige Partnerorganisation CIE zu einem "Gegenbesuch" nach Deutschland im Mai 1998 eingeladen. Auch innerhalb der PFG gab es dazu kritische Stimmen, "warum wir dieses System" mit unseren Aktivitäten aufwerten würden. Traditionelle Kuba-Unterstützungsgruppen kritisierten, daß das Programm nicht auf offizieller Ebene abgesprochen war, so wäre die notwendige Kontrolle nicht gegeben. Sei`s drum:

Die Erfahrungen bei Mitgliedern und Interessierten in München (mit bundesweiter Beteiligung), in Berlin und Hamburg waren sehr, sehr positiv: Von Nydia Gonzales (Präsidentin der engagierten Nichtregierungsorganisation CIE, die Mitglied in der LehrerInnen-Organisation von Cuba ist - nicht zu verwechseln mit der Lehrergewerkschaft) und von Maria Ducan (Abgeordnete, Lehrerin und Engagierte in ihrem Viertel) kam am 26.5.98 eine erste Rückmeldung, die wir hiermit öffentlich machen wollen. (Heinz Schulze).

"Liebe FreundInnen, zurück in der Arbeit, jetzt "vollgepackt" mit allen Erfahrungen, Zärtlichkeiten und Erinnerungen an die Tage, die wir miteinander verbracht haben. Zunächst möchte ich Euch mitteilen, daß wir keinerlei Probleme mit dem Gepäck hatten, sie arbeiten schon. ...

Maria und ich fühlen den starken Wunsch, uns nochmals bei der PFG und den FreundInnen, die unsere Reise finanziert haben und allen, die so freundlicherweise uns betreut haben und denen, die für einige Tage nach München angereist waren, um einige Tage mit uns verbringen zu können. All das war für uns sehr stimulierend und wir werten es als eine große Demonstration der Solidarität und Freundschaft mit unserem Volk und unserer Organisationen. Für all das, ganz, ganz herzlichen Dank.

Wir wollen weiterhin zum Ausdruck bringen, daß das Resultat der Reise außerordentlich wichtig für uns war. Ihr könnt es vielleicht gar nicht so messen, wie die Reise uns dazu diente, die Realität in Deutschland und die Besorgnisse, die Erfolge und die Herausforderungen, die Ihr Euch entgegenseht, kennenzulernen. Aber vor allen Dingen ist zu betonen, wie Ihr uns bereichert habt in den Diskussionen, die wir in diesen Tagen mit PädagogInnen, den Frauen und jungen Leuten hatten. Ich kann Euch versichern, daß Ihr in uns tiefe Spuren hinterlassen habt, die lange Zeit innerhalb unserer Reflexionen nachwirken. Unser Austausch über die Wertediskussion, über die internationale Politik und die Entscheidungen, die heute in unserem Land getroffen werden, war sehr wichtig.

Außerdem fanden wir es herrlich, mit Personen zusammenzusein, die eine sehr tiefe ökologische Haltung haben; sie überzeugen durch ihre Lebensform ohne viele Worte. Wir möchten betonen, wie groß die Zufriedenheit für uns ist, weil wir uns geliebt fühlten, respektiert, weil wir Personen kennenlernen konnten, die solidarisch, frei ‘raus sind, mit denen wir zusammen die schönsten Träume wahrmachen können. Danke für die Beispiele eurer Kämpfe, für die Übereinstimmung mit dem praktischen Leben und den Gedanken zur Solidarität und Engagement. Danke, daß wir wachsen konnten...

Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit

Anmerkungen von Gerhard L. Endres (Mitglied der PFG e.V.) zum "Sozialhirtenwort" der evangelischen und katholischen Kirche."

Am Anfang stand ein Diskussionspapier, dessen Autoren. ... den Geist des Bundeskanzleramtes in das Papier eingehaucht hatten. ... Überraschend wurde das Papier von den kath. Verbänden. ... total auseinandergenommen. ... Ein Redaktionsgremium (Prof. F. Hengsbach SJ, der evang. Pfarrer Schorlemmer u.a.) schrieben ein neues Papier. ... In der Redaktionsendphase wuchs der Druck auf die beiden Kirchen: Innerhalb der Kirchen wollten die Arbeitnehmerbewegungen, die Frauen und die Jugend unbedingt ein sozialethisch profiliertes und prophetisches Wort, während die Bundesregierung die derzeitigen Verhältnisse kirchlich absegnen lassen wollte.

Das Sozialhirtenwort enthält einige mutige Formulierungen, die man nicht erwartet hatte. Allerdings ist der Sozialhirtenbrief auch keine Anleitung für eine Theologie der Befreiung. ... Ausgehend von der vorrangigen Option für die Armen, Schwachen und Benachteiligten betrachten die Kirchen unsere Gesellschaft: "Ohne Überwindung der Massenarbeitslosigkeit gibt es auch keine zuverlässige Konsolidierung des Sozialstdaates. Insofern ist nicht der Sozialstaat zu teuer, sondern die Arbeitslosigkeit. ... Die Kirchen fordern nicht nur einen Armutsbericht (Armut wird immer noch tabuisiert), sondern auch einen Reichtumsbericht. ... einschließlich der ungerechten Vermögensverteilung. ...

Die Strukturreform der Gesellschaft hin zu einer ökologisch-sozialen Marktwirtschaft wird gefordert. ... Unter dem Stichwort Nachhaltigkeit wird eine ressourcenschonende Wirtschaftsweise empfohlen. ... Zur Solidarität gehören die Sozialpflichtigkeit des Eigentums, internationale soziale Mindeststandards. ... Auch die Thematisierung der Ausländerfeindlichkeit bis hin zum "Aufbau einer positiven Einstellung gegenüber Fremden" ist bemerkenswert: Die Kirchen treten ein "für eine menschenwürdige und gerechte Asylpraxis"... (Der vollständige Artikel ist abgedruckt in Die Demokratische Schule, GEW München

 

Seminare:

27.-30 August 1998 Spetses Island, Greece.:

European Group for the Study of Deviance and Social Control. Call for papers:"Controlling the Movement of People: Critical Perspectives on Practices, Policies and Consequences. Further informacion about the European Group can be found at our web site: http//www.qub.ac.uk/ss/ssp/eg.htm or: Prof. Dr. Dietlinde Gipser. Hinterm Horn 48. 21037 Hamburg. Fax: 040-72341111, e-mail: dgipser@aol.com.

18.-20.9. 98 Nürnberg:
Soziale Menschenrechte - Menschenrechte zweiter Klasse? Auskunft: KED Bayern, Pirckheimerstr. 33, 90408 Nürnberg.

30.11. - 2.12. 98 in Münster:
Entwicklungen in Schule und Religion als Herausforderung für kirchliche Lehrerfortbildung. Anmeldung: Dietlind Fischer, Comenius-Institut, Schreiberstr. 12, 48149 Münster

zum Theater der Unterdrückten
in Dortmund und Unna: 16. + 22. August 1998

Vorbereitung und Abschluß des Westfälischen Kirchentags in Unna, Fritz Letsch
in der Jugendakademie Bornheim-Walberberg 25.-27. Sept.98: >Von den Bildern im Kopf zum Handeln in der Praxis< Politisches Theater nach Augusto Boal, mit Eva-Maria Antz, Andreas Baumgärtner, Detmold und Adrian Reinert, Stiftung MITARBEIT

in Frankfurt als aufbauende Fortführung: 13. - 15. November '98 (Fritz Letsch)
Am Freitag öffentlicher Einstieg mit einem Abend zum Regenbogen der Wünsche, zu dem ihr Freunde und Bekannte mitbringen könnt, ab Samstag dann eine knappe Wiederholung, um dann mit viel Ruhe an neue Szenen zu gehen. Sonntag noch eine öffentliche Probe

in Gießen mit Augusto Boal: 30.11. - 5.12. '98
veranstaltet von Helmut Wiegand, Schottstr. 17 (Hinterhaus) 353 Gießen, Tel+Fax 0641-38823 und der Theatergruppe Feuerkeim Forum Courage e.V. Kosten: DM 900,-, ermäßigt 600.- für Nichtverdienende.

in Deinsdorf bei Nürnberg 11.-13. Dezember '98 mit Fritz Letsch und Alwin Baumert:
Fortbildung für MitarbeiterInnen in erzieherischen und sozialen Berufen mit dem Schwerpunkt der eigenen theaterpädagogischen Anleitung. DM 580,-, ermässigt 340.- auf Anfrage Sonderplätze zu DM 100.-, Tagungshaus DM 64.- / Tag, 8 -12 Teilnehmende, anmelden in Deinsdorf 2, 91249 Weigendorf, 09154-946586


Fragen über Gott von Atahualpa Yupanqi (Argentinien)

Großvater habe ich eines Tages gefragt
Wie ist das mit Gott?

Da wurde er sehr traurig
und Antwort gab er nicht.

Großvater starb auf dem Acker
ohne Beichte, ohne euer Gebet
Inndios gruben ihn ein -
Flötenspiel und Trommeln

Vater habe ich eines Tages gefragt:
Wie ist das mit Gott?

Da wurde er sehr ernst
und Antwort gab er nicht.

Vater starb im Bergwerk
im schwarzen Stollen der Mine.

Das Geld des Patron hat die Farbe
von Blut des Minenarbeiters.

Mein Bruder lebt am Rande des Waldes
Blumen kennt er nicht.

Nur Schweiß, Mararia und Schlangen -
das Leben eines Holzsammers.

Ihn würde ich nie fragen:
Wie ist das mit Gott?

An seiner Hütte kam niemals
so ein bedeutender Herr vorbei.

Und Gott soll für die Armen sein?
Vielleicht ja, vielleicht nein.

Ganz sicher sitzt er aber
zu Tische des Patron.

Was soll diese Frage nach Gott
in einer Welt
wo die einen Blut spucken müssen,
damit die Anderen im Überfluß leben.

Kehrvers:

Ich singe auf allen Wegen
und sitze ich im Gefängnis
dann lausch ich den Stimmen des Volkes
die schöner singen als ich.

Zeitschriftenschau

ansätze: esg-nachrichten Nr. 1/98: Schwerpunkt Friedenspolitik
Bezug: ESG, Tunisstr. 3, 50667 Köln.

Schlangenbrut - Zeitschrift für feministisch und religiös interessierte Frauen Nr. 59
Thema: Weibliche Autorität - Affidamento (sich anvertrauen). Der italienische Ansatz der Politik der Frauenbeziehungen.
Bezug: Schlangenbrut e.V., Postfach 7467, 48040 Münster, 52 Seiten: 7,50 DM plus DM 2,- Versandkosten.

unterwegs Nr. 15, Dez. 1997
Schwerpunktheft: Aufklärung. Mit Beiträgen von Hartmut von Hentig, Nina Schindler, Wolfgang Hinte, Christiane Mylinski.
Bezug: Unterwegs, Hanna Marti. Davidsbodenstr. 63, CH-4056 Basel.

Unbequem - Zeitung der BAG Kritischer Polizistinnen und Polizisten. Nr. 32, Dezember 1997: Gerät der Polizeiapparat außer Kontrolle? Reformierbarkeit der Polizei, etc. Und: Bereits zu diesem Zeitpunkt wurden Polizeibeamte gesucht, die den Castor-Transport begleitet haben und bereit sind, Anzeige wegen vorsätzlicher Körperverletzung zu stellen.

Nr. 33, März 1998: Themen : Lauschangriff, Rassismus Sicherheitspolitik, Communtiy Policing. Bezug: GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50874 Köln. Jahresabo 20,-DM.

Blätter des iz3w Nr. 225: Schwerpunkt: Biopolitik: Konflikte um biologische Ressorcen, Impfstoffe, weiter: Cultural Studies, Mythen zu Che Bezug: 8,-DM über: iz3w, Postfach 5328, 79020 Freiburg.

Alsaska - Zeitschrift für Internationalismus Auf der Kulen 22, 28203 Bremen Abo: 48,-
Nr. 317, Dez. 1997: Thema: Befreiung - Befreiungsideen in Herrschaftszeiten, Hinweise, Rezensionen. Nr. 218, Feb. 98: Hack the Planet. Internet. Mythos oder Möglichkeit?

Die Brücke - Forum für Antirassistische Politik und Kultur
Nr. 99, Jan.-Febr. 1998. Thema: Schutz-Szenarien auf dem Markt der Opferschutzarbeit. Zur Ehrenamtlichkeit und Selbstorganisation, Literatur, Kurzbeiträge etc. Bezug: Jahresabo 66,-DM, Einzelheft 14,80 DM: Die Brücke, Roittestr. 16, 66123 Saarbrücken

DIE- Zeitschrift für Erwachsenenbildung
Nr. I/98: Schwerpunkt: Kursleitung..."Sei teamfähig - aber setz Dich durch. Sei kooperativ - aber stich Deine Konkurrenten aus ... oder geht es auch anders?  Nr. II/98: Schwerpunkt: Multimedia.
Sonderheft 1/98: Nachhaltig zukunftsfähig? Entwicklungspolitik in den 90er Jahren. 6,- Bezug: Jahresabo 40,-DM, Einzelheft 15,-DM.. DIE, Hansaallee 150, 60320 Frankfurt.

POONAL, Pool de Nuevas Agencias de América Latina (Edición alemana)
Wöchentlicher Pressedienst lateinamerikanischer Agenturen, Herausgeber: Nachrichtenpool Lateinamerika e.V. c/o FDCL, Gneisenaustr. 2, 10961 Berlin Tel.: 030/789 913 61, Fax.: 030/789 913 62 oder 789 134 57E-Mail: poonal@ipn-b.de, Internet: http://www.berlinet.de/poonal. Nr. 344, Freitag den 10. Juli 1998

BRASILIEN: Diskussionen um Versetzung eines schwarzen Bischofs
(Salvador, 6. Juli 1998, alc-Poonal).- Monseñor Gilio Felicio hatte sein Amt als Hilfsbischof in der Erzdiözese von Salvador da Bahia kaum angetreten, da wurde er von der Millionenstadt in die Provinz des Bundesstaates Bahia versetzt. Grund dafür dürfte seine Auffassung gewesen sein, daß die afrobrasilianischen Religionen toleriert werden müßten. Der 48jährige, selbst schwarzer Hautfarbe, hatte sich seit längerem speziell der Pastoralarbeit für die Schwarzen angenommen. Er war der erste Schwarze Geistliche, der in der Kirchenhierachie von Salvador eine wichtige Position innehatte.

Doch das von ihm gezeigte Verständnis für die afrobrasilianischen Religionen stieß bei seinem direkten Vorgesetzen, dem Kardinal und Erzbischof Lucas Moreira Neves auf wenig Gegenliebe. Dieser schickte ihn flugs nach Cruz das Almas, 160 Kilometer von der Hauptstadt des Bundesstaates entfernt. Innerhalb der katholischen Kirche hat der Fall die Diskussion über den Synkretismus, die Vermischung verschiedener Religionen, neu belebt.

Bischof Felicio sieht eine tiefgehende Verbindung zwischen dem katholischen Glauben und dem Candomble, der Religion der Nachfahren afrikanischer Sklaven in Brasilien. Dieser religiöse Synkretismus muß seiner Meinung nach von der katholischen Kirche studiert und toleriert werden. Kardinal Moreira sieht das anders.

Er werde weiterhin den Synkretismus bekämpfen, so seine Äußerung im Interview. Als die afrobrasilianischen Religionen verfolgt und verboten wurden, habe es berechtigte Unterstützung für sie gegeben. Jetzt, mit völliger Glaubensfreiheit in Brasilien müsse jeder seinem Glauben ohne Vermischungen folgen, erklärte der Kirchenhierarch.

Den katholischen Heiligen entsprechen im Candomble beispielsweise die Orixas, die ebenso verehrt werden. Erstaunlicherweise leugnen viele Menschen in Bahia in den Zeiten der völligen Religionsfreiheit offiziell, der afrobrasilianischen Religion anzuhängen.

 
Schlußstein: Albert Einstein: Mein Glaubensbekenntnis

Zu den Menschen zu gehören, die ihre besten Kräfte der Betrachtung und Erforschung objektiver, nicht zeitgebundener Dinge widmen dürfen und können, bedeutet eine besondere Gnade. Wie froh und dankbar bin ich, daß ich dieser Gnade teilhaftig geworden bin, die weitgehend von persönlichen Schicksal und vom Verhalten der Nebenmenschen unabhängig macht.

Aber diese Unabhängigkeit darf uns nicht blind machen gegen die Erkenntnis der Pflichten, die uns unaufhörlich an die frühere, gegenwärtige und zukünftige Menschheit binden. Seltsam erscheint unsere Lage auf dieser Erde. Jeder von uns erscheint da unfreiwillig und unerbeten zu kurzem Aufenthalt, ohne zu wissen, warum und wozu. Im täglichen Leben fühlen wir nur, daß der Mensch um anderer Willen da ist, um solcher, die wir lieben und zahlreicher anderer, ihm schicksalsverbundener Wesen. Oft bedrückt mich der Gedanke, in welchem Maße mein Leben auf der Arbeit meiner Mitmenschen aufgebaut ist, und ich weiß, wieviel ich ihnen schulde.

Ich glaube nicht an die Freiheit des Willens. Schopenhauers Wort:" Der Mensch kann wohl tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will" begleitet mich in allen Lebenslagen und versöhnt mich mit den Handlungen der Menschen, auch wenn sie mir recht schmerzlich sind. Diese Erkenntnis von der Unfreiheit des Willens schützt mich davor, mich selbst und die Mitmenschen als handelnde und urteilende Individuen allzu ernst zu nehmen und den guten Humor zu verlieren. Nach Wohlleben und Luxus strebte ich nie und habe sogar ein gut Teil Verachtung dafür.

Meine Leidenschaft für soziale Gerechtigkeit hat mich oft in Konflikt mit den Menschen gebracht, ebenso meine Abneigung gegen jede Bindung und Abhängigkeit, die mir nicht absolut notwendig erschien. Ich achte stets das Individuum und hege eine unüberwindware Abneigung gegen Gewalt und Vereinsmeierei. Aus allen diesen Motiven bin ich leidenschaftlicher Pazifist und Antiimperialist, lehne jeden Nationalismus ab, auch wenn er sich nur als Patriotismus gebärdet. Aus Stellung und Besitz entspringende Vorrechte sind mir immer ungerecht und verderbliche erschienen, ebenso ein übertriebener Personenkult.

Ich bekenne mich zum Ideal der Demokratie, obwohl mir die Nachteile demokratischer Staatsform wohl bekannt sind. Sozialer Ausgleich und wirtschaftlicher Schutz des Individuums erschien mir stets als wichtige Ziele der staatlichen Gemeinschaft. Ich bin zwar im täglichen Leben ein typischer Einspanner, aber das Bewußtsein der unsichtbaren Gemeinschaft derjenigen anzugehören, die nach Wahrheit, Schönheit und Gerechtigkeit streben, hat das Gefühl der Vereinsamung nicht aufkommen lassen.

Das Schönste und Tiefste, was der Mensch erleben kann, ist das Gefühl des Geheimnisvollen. Es liegt der Religion sowie allem tieferen Streben in Kunst und Wissenschaft zugrunde. Wer dies nicht erlebt hat, erscheint mir, wenn nicht ein Toter, so doch wie ein Blinder. Zu empfinden, daß hinter dem Erlebbaren ein für unseren Geist Unerreichbares verborgen bleibt, dessen Schönheit und Erhabenheit uns nur mittelbar und in schwachem Widerschein erreicht, das ist Religiösität. In diesem Sinne bin ich religiös. Es ist mir genug, diese Geheimnisse staunend zu ahnen, und zu versuchen, von der erhabenen Struktur des Seienden in Demut ein mattes Abbild geistig zu erfassen. (geschrieben 1932)

interne Dokumentation: zeitschrift für befreiende pädagogik 17 - 18 / 1998
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