interne Dokumentation: zeitschrift für befreiende pädagogik 17 -
18 / 1998
© bei den Verfassern
Theologische Kontexte der Befreiung, Befreiungstheologie in
Deutschland.
IMPRESSUM: zeitschrift für befreiende
pädagogik 17 - 18 / 1998
Herausgeber: Paulo-Freire-Gesellschaft e.V. Krüner Str. 51 Aufg. II, 81373
München Tel. 089 /
74 37 27 87 Fax 089 / 74 37 27 89 paulo-freire-ges@link-m.de
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Redaktion dieser Ausgabe:
Schwerpunkt: Thorsten Knauth Service: Heinz Schulze
Layout: Fritz Letsch, mit Materialien aus lat-am. Publikationen
Titel: Hamburger Hungertuch, (Ausschnitt) Medienpaket 64 S. mit Tuch
und Farb-Folie im Theologisch-Pädagogischen Institut, Teilfeld 1, 20459
Hamburg, 040-360019-0, DM 50.-
Druck: Ulenspiegel Andechs, Einzelpreis DM 10.-
Jahresabo: DM 40.-für Mitglieder der PFG und Studierende: DM 30.-
Alle Beiträge sind urheberrechtlich geschützt. Die Rechte
bleiben bei den AutorInnen.
Die Produktion dieses Heftes wurde freundlicherweise durch den Ausschuß
für Bildung und Publizistik der Arbeitsgemeinschaft Kirchlicher
Entwicklungsdienst (ABP-AG KED) unterstützt.
INHALT
Einleitung: Theologische Kontexte der Befreiung
Patricia Baquero / Thorsten Knauth / Joachim Schroeder: Befreiungstheologie in
Deutschland. Thesen zum Überblick
Esteban Rojas: Die
Zukunft der Befreiungstheologie in Lateinamerika
Rebeca Montemayor, Mexico: A Eva, la del principio : Für Eva, die am Anfang war
Dorothee Sölle: Eine
Theologie der Befreiung für Europa
Serafin Ajhuacho: "Die kalten Winde des Nordens bringen den Frost, der
die Ernten zerstört."
Indigene Religionen und der Dialog der Kulturen
Sixta Dorotea Yucra, Perú: El grito de la flor color tierra: Der Schrei
der erdfarbenen Blume
Bärbel Fünfsinn: Töchter der Sonne:
Feministische Befreiungstheologie in Lateinamerika
Wolfram Weiße: Der Kampf um eine gerechte Gesellschaft. Die Vision des Reiches Gottes in südafrikanischer
Befreiungstheologie.
Mariano Delgado: Befreiung
durch Erziehung? Gespräch zwischen Paulo Freires Pädagogik und der
Theologie
Enrique Dussel: "Den Opfern das
Wort geben" 1
Thorsten Knauth/ Joachim Schroeder: Befreiungstheologie an
der Hochschule:
Über Anfänge, Konzeption und Verlauf eines "befreienden"
Seminarprojektes
Übersetzungen: Befreiungstheologie zwischen Lateinamerika und
Deutschland Neuere Bücher zur
Befreiungstheologie
Autoren und Autorinnen
dieses Heftes Rezensionen
Neuerscheinungen Hinweise, Berichte und Briefe
Seminare
Grupo TENAL: Dialogisch
orientierter Bildungstransfer Leon - Hamburg Fragen über Gott von
Atahualpa Yupanqi (Argentinien)
Wieviel Theologie braucht die
Inlandsarbeit in einer säkularen Gesellschaft? Zeitschriftenschau
Schlußstein: Albert Einstein: Mein
Glaubensbekenntnis
Einleitung: Theologische Kontexte der
Befreiung
Die "Theologie der Befreiung" ist ein Sammelbegriff für eine neue
Bestimmung der Theologie. In ihr wird das epochale Thema sozialer
Ausgrenzung zum Bezugspunkt theologischen Handelns und Denkens gewählt.
Gemeint ist eine Theologie, die von der sozialen Wirklichkeit der
Menschen ausgeht und soziale Gerechtigkeit in ihr Zentrum stellt.
Ungefähr vor dreißig Jahren hatte erstmals eine theologische Position
aus der Dritten Welt weltweite Bedeutsamkeit erlangt und zum Entstehen
wichtiger Reformbewegungen innerhalb der Kirche, an den Universitäten,
in Gemeinden und sozialen Bewegungen beigetragen. Von Anfang an hat
sich die Theologie der Befreiung als eine kontextuelle Theologie
verstanden.
Das bedeutet: Sie entsteht in der Auseinandersetzung mit der Realität
der lateinamerikanischen Gesellschaften, sie entwickelte sich als
theologische Reflexion und Praxis der Befreiung aus verschiedenen
Formen von Abhängigkeit. Sie erarbeitet eine eigene Methodologie, durch
die christlicher Glaube auf die sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen
und religiösen Problemlagen der Gesellschaften hin ausgelegt und
christliche Praxis an der Perspektive der Ausgegrenzten orientiert
wird.
Trotz ihres bewußt vertretenen kontextuellen Charakters ist die
Befreiungstheologie zum Lernmodell auch für die europäische Theologie
geworden. Erstmals in der neuzeitlichen Theologiegeschichte hat sich
das Lerngefälle zu Gunsten der Länder des Südens umgedreht: die neue
Art, Theologie zu treiben galt auch nordamerikanischen und europäischen
Christen und Christinnen als beispielhaft für eine zeitgemäße
Theologie, die die soziale und politische Dimension des Glaubens
akzentuiert und die Verbindung mit emanzipatorischen Prozessen sucht.
Befreiung ist ein universelles Projekt, das in sich Zeiten, Regionen
kontextualisiert und durch soziale, religiöse, kulturelle,
generationelle und geschlechtsspezifische Lagen von Abhängigkeit
vielfach gebrochen ist. Befreiung muß für jeden Kontext neu
buchstabiert werden.
Es wäre ein Mißverständnis, die Theologie der Befreiung allein mit
Lateinamerika zu verbinden. Genauso falsch wäre es, Befreiungstheologie
lediglich mit der Vätergeneration von Gustavo Gútierrez über Juan Luis
Segundo bis Leonardo Boff zu verbinden. Neue Generationen sind
hinzugekommen, der Blick hat sich auf Theologien geweitet, die auf
andere Kontexte von Unterdrückung reflektieren.
Die Befreiungstheologie hat in den letzten zehn Jahren eine
bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen. Schon während der 70er Jahre
wird im Gespräch den Theologien der Dritten Welt anläßlich der
sogenannten EATWOT-Konferenzen deutlich, daß es nicht ausreicht,
Unterdrückung als rein ökonomisch bestimmtes Faktum zu begreifen.
Bereits in dieser Phase treten hinter abstrakten Kategorien konkrete
Gesichter hervor, und es wird offensichtlich, daß die Formen von
Unterdrückung auch kultureller, religiöser und geschlechtsspezifischer
Natur sind.
Es entsteht die Notwendigkeit, den Diskurs über die Unterdrückten zu
differenzieren und die Rede von der Befreiung mit Bezug auf die
verschiedenen Kontexte von Unterdrückung zu differenzieren.
Aus der Perspektive der sich in den 70er Jahren entwickelnden
feministischen Befreiungstheologie wird zum Beispiel auf die Rolle der
Frau in ihrer "doppelten Unterdrückung" reflektiert, und das Wort von
der "Feminisierung der Armut" (Gebara 1987, Tamez 1997) setzt sich
durch.
Die feministische Befreiungstheologie hat sich inzwischen zu einer
lebendigen und starken Bewegung entwickelt, von der innerhalb der
Befreiungstheologie starke Impulse auch mit Blick auf die
Ökologiedebatte ausgehen, die seit jüngster Zeit in der
Befreiungstheologie verstärkt Beachtung findet (Aquino 1997; Boff
1997). Gleiches gilt für die "schwarzen" und die "indianischen"
Theologien des Kontinents (Girardi 1997; Wagua 1997).
Für das Selbstbewußtsein dieser Bewegungen bedeutet der 500. Jahrestag
der Eroberung des Kontinents eine Initialzündung. Er wird für viele
indianischen Völker Anlaß, eine Kampagne der indigenen und
afroamerikanischen Bevölkerung ins Leben zu rufen, die auf die
besondere Lage dieser seit Jahrhunderten unterdrückten Völker
aufmerksam macht. Seit dieser Zeit ist die Thematik der indigenen
Völker stärker ins Bewußtsein gerückt.
Es wird erkannt, daß sich in diesem Kontext vielfältige Theologien
ausprägen, die die vorchristlichen Traditionen aufnehmen und den
Kontext christlicher Theologie zum Teil bewußt verlassen haben.
Gemeinsam ist den feministischen, den afroamerikanischen und den
indianischen Theologien ihr Ziel, als Subjekt von Theologie anerkannt
zu werden und innerhalb des sich pluralisierenden theologischen
Diskurses mit ihrer Stimme gehört zu werden.
In dem Maße, in dem Menschen stärker auf ihre eigene
Unterdrückungssituation reflektieren und zu Subjekten einer
theologischen Reflexion werden, entsteht an der Basis, im Volk, ein
religiöses Bewußtsein, das die konfessionellen Grenzen überschreitet.
In der Befreiungstheologie ist in den letzten Jahren eine ökumenische
Theologie von unten herangewachsen, die nicht mehr katholisch oder
evangelisch genannt werden kann, und die sich teilweise auch außerhalb
des Christlichen ansiedelt.
Diese Entwicklung wird in der befreiungstheologischen Reflexion unter
dem Stichwort des "Makroökumenismus" reflektiert (Maier 1997:34;
Girardi 1997: 83ff.), der auf die Anerkennung der vielgesichtigen
Subjekte der Befreiung zielt, sie auch als Subjekt ihrer eigenen
Theologie anerkennt und im Dialog von ihnen lernen will. Der
befreiungstheologische Grundsatz vom "Hören auf das Volk" wird in
dieser Phase der Pluralisierung dadurch lebendig gehalten, daß die in
der Volkskultur aufbewahrte (und jahrhundertelang verdeckt gehaltene)
Weisheit und Religiosität in ihrem Reichtum erkannt, bejaht und
gefördert wird.
Die Befreiungstheologie gibt es nur im Plural. Die Unterdrückung hat
viele Gesichter und die Befreiung kennt viele Geschichten, und sie
spricht viele Sprachen. Dies ist der Weg, den die Befreiungstheologie
gehen muß, um zukunftsfähig zu bleiben: Befreiung in der Wahrnehmung
ihrer verschiedenen Kontexte. Es muß darum gehen, das Bewußtsein einer
"Pluralität des Menschlichen" entstehen zu lassen, das "Bedingung von
Kommunikation zwischen den verschiedenen kulturellen Identitäten wird"
(Betancourt 1989: 16).
Das vorliegende Heft versucht, die Pluralität der theologischen
Reflexion über Befreiung anzudeuten. Es will eine Einführung in Ansatz,
Geschichte und den Diskussionsstand der Befreiungstheologie geben.
Zugleich werden mit Südafrika, Lateinamerika und Europa regionale
Kontexte der Befreiungstheologie vorgestellt; systematisch wird die
Pluralität des Befreiungsparadigmas am Beispiel der feministischen,
indigenen und schwarzen Theologie der Befreiung vorgeführt.
Esteban Riojas Artikel über die Zukunft der Befreiungstheologie in
Lateinamerika straft die zynischen und pessimistischen Geister Lügen,
die in einer `selfulfilling prophecy´ den Tod der Befreiungstheologie
meinen proklamieren zu müssen. Er zeichnet zugleich die Entwicklung der
Befreiungstheologie nach, indem er die lateinamerikanischen
Bischofskonferenzen gleichsam als Kristallisationspunkt für den
jeweiligen Entwicklungsstand der Befreiungstheologie betrachtet.
Patricia Baquero, Joachim Schroeder und Thorsten Knauth geben einen in
Thesen zusammengefaßten Überblick über den Weg, den das
Befreiungsparadigma in der deutschsprachigen theologischen Diskussion
genommen hat.
Dorothee Sölle legt mit der ihr eigenen prophetischen Klarheit ein
Stück angewandte Befreiungstheologie im Kontext der Ersten Welt vor,
bei dem deutlich wird, daß politische und theologische Radikalität sich
von einer tiefen Leidenschaft für die Schönheit des Lebens nähren, wie
sie in der Mystik erfahren werden kann.
Serafin Ajhuachos Artikel zeigt, daß Befreiung zur eigenen kulturellen
und religiösen Identität manchmal auch gegen die Befreiungstheologie
durchgesetzt werden muß. Seine Anmerkungen über Grundzüge einer
indigenen Theologie sind ein Lehrstück dafür, welchen Nachholbedarf im
Hinblick auf einen authentischen und gleichberechtigten
interkulturellen Dialog auch die Befreiungstheologie noch hat.
Einen Einblick in Entwicklung und die lebendige Gegenwart
feministischer Befreiungstheologie in Lateinamerika gibt der Aufsatz
von Bärbel Fünfsinn. Die von ihr zitierten poetischen und liturgischen
Texte einer befreienden weiblichen Spiritualität verdeutlichen auch,
daß Befreiung zu einer Sprache drängt, die mehr will, als sich in
Begriffen aussagen läßt.
Die Bedeutung einer Poesie der Befreiung für den Ausdruck unserer
großen Wünsche an das Leben, für die Entwicklung von Visionen kann gar
nicht hoch genug eingeschätzt werden. Um diese wichtige Dimension einer
befreienden Theologie deutlich werden zu lassen, drucken wir einige
lyrische Zeugnisse einer befreienden weiblichen Spiritualität ab, die
sich neben vielen anderen Dokumenten in einem von Bärbel Fünfsinn, L.C.
Hoch und Christine Rösener herausgegebenen Band zur feministischen
Befreiungstheologie finden.
Auch Wolfram Weiße präsentiert in seinem Aufsatz über
befreiungstheologische Ansätze in Südafrika authentische Dokumente
einer befreienden Spiritualität. Vor allem aber wird mit dem
Reich-Gottes-Begriff eine zentrale Hoffnungsperspektive für Christen im
Kampf gegen Unterdrückung vorgestellt und gezeigt, wie wichtig es
selbst bei jenen befreiungstheologischen Zentralsymbolen ist, den
Kontext ihrer Inanspruchnahme genau zu beachten.
Das Befreiungsparadigma auf der Schnittfläche von Befreiungspädagogik,
Befreiungstheologie und Religionspädagogik kommt in dem Aufsatz von
Mariano Delgado in den Blick. Seine kritischen Anmerkungen warnen vor
einer zu "schwärmerischen" Auslegung des Befreiungsparadigmas, der im
utopischen Überschwang schnell der Blick für die Ambivalenzen unserer
Wirklichkeit verloren gehen kann. Hier werden wichtige Anstöße für eine
"theologisch und ethisch geerdete" Befreiungstheologie gegeben.
Ein Grenzgänger der Befreiung ist Enrique Dussel. Das Interview mit dem
weltbekannten Befreiungstheologen und Befreiungsphilosophen, das wir
mit freundlicher Genehmigung von Wolfgang Schweiger aus der
österreichischen Zeitschrift für Entwicklungspolitik "Südwind" in
Auszügen abdrücken dürfen, gibt einen guten Einblick in den
Zusammenhang von biographischem Kontext und Werk dieses
leidenschaftlichen Denkers im Dienst der Befreiung.
Wie man den Befreiungsansatz mit seinen eigenen Mitteln an Schule und
Hochschule vermitteln kann, zeigt der kurze Bericht von Joachim
Schroeder und Thorsten Knauth, die zusammen mit Studierenden die
befreiungstheologische Tradition des Hungertuches aufgegriffen haben
und ein Hungertuch zum Thema "Armut von Kindern und Jugendlichen"
konzipiert haben. Dieses Hamburger Hungertuch steht im Zusammenhang
einer Reihe von Veranstaltungen zur Befreiungstheologie,
Befreiungspädagogik und Befreiungsphilsophie, anläßlich derer auch die
meisten der hier veröffentlichten Texte geschrieben wurden.
Es hat sicherlich etwas Naives, ausgerechnet den Befreiungsbegriff zur
theologischen und sozialwissenschaftlichen Theoriebildung zu wählen.
Die befreiungstheologische Option für die Armen zu teilen ist ein Akt
persönlicher Entscheidung und genährt von nicht wenigen Allmachts- und
Vollendungsphantasien; es ist aber auch erforderlich, soll
theologisches Nachdenken nicht in blankem Zynismus münden oder
weltfremd bzw. gesellschaftsvergessen werden. Befreiung in der
Pluralität theologischer Kontexte zu buchstabieren, heißt zur
kritischen Aneignung der Widersprüche sozialer Realität beizutragen.
Befreiungstheologie sollte dies im Verbund mit den anderen um Befreiung
zentrierten Disziplinen wie Pädagogik und Philosophie tun. Sie kann in
diese Koalition ein eigenes Potential einbringen, wenn sie das, worauf
sie setzt und womit sie zu tun hat, glaubwürdig für andere und
überzeugend in der Übereinstimmung von Reden und Tun ins Spiel bringt.
Sie kann dies nur in einer nachhaltigen Parteilichkeit für diejenigen
tun, die aus den herrschenden Diskursen und Praxen ausgegrenzt und
ausgeschlossen sind. Befreiungstheologisches Reden und Handeln setzt
auf Hoffnung gegen Hoffnungslosigkeit, sie legt Religion als Quelle von
Hoffnung und Solidarität aus. Sie verspricht damit, daß der Mensch mehr
ist, als eine ökonomische und auf Herrschaft zielende Vernunft jemals
auszusagen
vermag.
Hamburg, im Februar 1998, Thorsten Knauth
Patricia
Baquero / Thorsten Knauth / Joachim Schroeder
Befreiungstheologie in
Deutschland. Thesen zum Überblick
Die Befreiungstheologien der Dritten Welt brachten mit der Frage nach
weltweiter Gerechtigkeit und Solidarität ein Thema auf die
Tagesordnung, das auch Theologie und Kirche in Europa beschäftigen
mußte. Besonders die Nachkriegsgeneration von Theologinnen und
Theologen, die bereits ihr Unbehagen an den bestehenden Ansätzen ihrer
theologischen Lehrer zu formulieren begonnen hatte, suchte nach einer
Theologie, die sich an gesellschaftliche Fragen anschließen konnte und
den Zusammenhang von Glaube/ Religion und Handeln betonte.
Diese Theologen und Theologinnen fühlten sich durch den Aufbruch in
Lateinamerika und anderen Ländern der Dritten Welt in ihren eigenen
Versuchen ermutigt, die sich zu der Zeit unter dem Stichwort
"Politische Theologie" eher locker zu einer neuen theologischen
Strömung zusammenfassen ließen. Auch in den westeuropäischen
Gesellschaften herrschte Ende der 60er Jahre eine politische und
kulturelle Aufbruchstimmung. Es war die Zeit der "Politischen
Nachtgebete" (vgl. Seidel/ Zils 1971), in denen Gottesdienste zu
Protestveranstaltungen gegen den Vietnamkrieg und zu
Solidaritätsveranstaltungen mit dem Versuch wurde, eine sozialistische
Reform in der CSSR einzuleiten.
Es war die Zeit, in der Ernst Bloch mit seinem "Prinzip Hoffnung"
Sprache und Denken jener Christen und Christinnen prägte, die eine
Verbindung von Marxismus und Christentum suchten (Sölle/ Schmidt 1975);
in dieser Zeit hatte auch Jürgen Moltmann seine "Theologie der
Hoffnung" vorgelegt (1964).
Es war die Zeit, in der auf katholischer Seite Karl Rahner mit seiner
These der Einheit von Heils- und Weltgeschichte (1962) einen
geschichtstheologischen Entwurf vorlegte, in dem geschichtliches
Handeln als Ort offenbarenden Handeln Gottes gedacht werden konnte und
der "Daseinsvollzug des Subjektes" -wie es in der Sprache des
Existenzialismus hieß- stärkere Berücksichtigung im theologischen
Denken fand.
Helmut Gollwitzer legte 1974 mit seinem Band "Die kapitalistische
Revolution" "eines der besten Stücke europäischer Befreiungstheologie
vor" (Kern 1992, 361), in dem er anhand einer radikalen Kritik an der
kapitalistischen Wachstumslogik zugleich aufzeigt, wie die Steigerung
eines auf Verwertung konzentrierten Handelns fatale Auswirkungen auf
die Subjektivität und die psychischen Dispositionen von Menschen hat.
In der Begegnung mit der Befreiungstheologie wurde in aller Schärfe
deutlich, wo die eigenen blinden Flecken lagen. Ohne Übertreibung kann
man sagen, daß sich in dieser Situation das Lerngefälle im Verhältnis
zwischen Dritter und Erster Welt umzudrehen begann.
Die Befreiungstheologie löste in Europa zwar ein starkes Echo aus, sie
traf aber nicht allerorts auf ungeteilte Zustimmung. Vor allem auf
lehramtlicher Ebene wurden scharfe Angriffe gegen sie geführt. Die
Kampagne gegen die Befreiungstheologie wurde dabei auch publizistisch
unterstützt. Maßgeblich daran beteiligt waren deutsche Theologen und
Kardinäle.
Den Auftakt der publizistischen Denunziation bildete ein im Rheinischen
Merkur veröffentlichter Artikel, der dem bereits weltweit bekannt
gewordenen Befreiungstheologen Helder Cámara vorwarf, ein nützlicher
Idiot des Kommunismus zu sein. Dieses Argument einer kommunistischen
und marxistischen Unterwanderung der Theologie und der Kirche, die von
Seiten der Befreiungstheologie drohe, taucht auch später immer wieder
auf.
Es ist zum Beispiel Grundlage der Schriften des in den 70er Jahren
gegründeten Studienkreis "Kirche und Befreiung". Hier wird der
Theologie der Befreiung vorgeworfen, sie integriere marxistisches
Gedankengut in einer Weise in die Theologie, daß eine neue Form der
Theologie entstehe, die den Glauben zerstöre. Hier werde Klassenkampf
in der Kirche gepredigt, der die Kirche in zwei Lager spalte und ihre
Einheit bedrohe.
Der Studienkreis "Kirche und Befreiung" wurde von dem deutschen
Theologieprofessor Joseph Hengsbach initiiert, der über gute Kontakte
zu der sich dem antikommunistischen Kampf verpflichtet fühlenden
Organisation OPUS DEI hatte.
Die Argumente der aus diesem Studienkreis entstehenden Schriftenreihe
machte sich später Kardinal Ratzinger als Vorsitzender der römischen
Glaubenskongregation in seiner Kritik über die Abweichungen in der
Theologie der Befreiung zunutze.
Das Schweigegebot für den brasilianischen Theologen Leonardo Boff war
die spätere Konsequenz der Veröffentlichungen der Glaubenskongregation(
vgl. Venetz/ Vorgrimler 1985; Greinacher1985 und 1986).
Abgesehen von diesen Konflikten, die die inhaltliche und methodische
Rezeption bisweilen in den Hintergrund drängte (Collet 1997, 164), hat
es vor allem zwischen der sich in Westeuropa Ende der 6oer Jahre
entwickelnden "Politischen Theologie" und der lateinamerikanischen
Theologie der Befreiung schon sehr frühzeitig - Anfang der 70er Jahre -
einen wechselseitigen Austausch und eine gegenseitige Einflußnahme
gegeben.
Dieser Dialog verlief nicht ohne Konflikte (vgl. Dussel 1984; Moltmann
1975; Segundo 1974; Sobrino 1977). In der auch mit polemischen
Argumenten geführten Diskussion über die Bedeutung und die Reichweite
dieser theologischen Entwürfe wurde immerhin deutlich, daß die
gesellschaftlichen Voraussetzungen des Verstehens offensichtlich ganz
unterschiedliche sind.
Die Entwürfe einer Politischen Theologie sowohl auf katholischer (Metz
1968; Peukert 1969) als auch auf evangelischer Seite (Moltmann 1972,
Sölle 1971) wurden als Gegenbewegung zu einer Nachkriegstheologie
entwickelt, die Verstehen ganz auf den individuellen und
ungeschichtlich gedachten Vollzug der Existenz als Seinsvollzug
abstellte.
Damit geriet die Theologie, die von der klassischen Hermeneutik das
Erbe der geschichtlichen Bedingtheit allen Verstehens mitgebracht
hatte, in einen folgenschweren Widerspruch. Die Politische Theologie
wies auf die Gefahr hin, daß der Ausgang von existenzphilosophischen
Verstehensanalysen einem "Ausstieg aus der Sozialisation in den Bereich
transzendierender eigentlicher Existenz" (Peukert 1969: VIII)
gleichkomme.
Vor allem aber wurde der existenzialen Interpretation vorgeworfen, daß
sie sich in einen kritikfreien Raum zurückziehe und sich der seit der
Aufklärung formulierten Ambivalenz von Christentum und Religion nicht
mehr stelle. Politische Theologie entsteht also als Kritik an einer
gesellschaftlich und geschichtlich zu wenig geerdeten Theologie, für
die Geschichte nur eine Kulisse für metaphysisch-ontologische
Kategorien bedeutete. Die mit der politischen Entwicklung gegebenen
Probleme konnten auf diese Weise jedenfalls kaum mit einbezogen werden.
Demgegenüber betonte die Politische Theologie mit einem dialektischen
Begriff von Gesellschaft und gesellschaftlicher Praxis das Subjekt und
sein Werden in seiner gesellschaftlichen Vermitteltheit. Ihre Methode
war kritisch, weil sie sowohl nach den Voraussetzungen des Verstehens
fragt als auch nach den Voraussetzungen eines "aneignenden,
verändernden Verhaltens" (Peukert 1969: X).
Das Projekt einer Politischen Theologie bezog sich damit auf die
Tradition der europäischen Aufklärungsphilosophie. Auch ihre zentrale
Frage war eine andere als die der Befreiungstheologie: Sie wollte den
den christlichen Glauben unter den Bedingungen einer säkularen Vernunft
und in der Reflexion auf die Grenzfragen dieser Vernunft als vernünftig
erweisen und begründen.
Der Adressat dieser Theologie war das skeptische, durch die
aufklärerische Religionskritik hindurchgegangene bürgerliche Subjekt.
Vor allem diese Unterschiede wurden in der ersten Phase der
Auseinandersetzung von der Theologie der Befreiung betont ( Sobrino
1977, Gutiérrez 1984).
Die gemäßigten Stimmen innerhalb der Befreiungstheologie gestehen der
Politischen Theologie aber zu, den Glauben auch unter Berücksichtigung
der dringendsten ethischen Probleme in seiner politischen Dimension
durchdacht zu haben (vgl. Gutierrez 1973: 214).
Letztlich fehlt diesem Denken aber die Nähe zu den wirklichen
Situationen von Abhängigkeit, Ungerechtigkeit und Ausbeutung und die
Erfahrung der existenziellen Notwendigkeit von Befreiung. Die radikale
lateinamerikanische Kritik geht sogar so weit, der Politischen
Theologie vorzuwerfen, weiterhin eurozentische Herrschaftstheologie zu
sein, weil sie die Unterdrückten aus ihrem Denkhorizont heraushalte und
sich gleichsam nicht die Finger schmutzig machen wolle (vgl. Dussel
1989, 25).
Die europäische Theologie wurde in einen wichtigen und notwendigen
Lernprozeß geschickt. Es ging um die Frage nach einer Theologie, die
die Opfer der gesellschaftlichen und geschichtlichen Prozesse in das
Zentrum stellt; und es ging um die Frage, auf welche Handlungskontexte
und in Bezug auf welche Subjekte und Themen sich eine europäische
Befreiungstheologie entwirft. Sowohl für die akademische als auch für
die praktisch-theologische Rezeption gab die Befreiungstheologie
wichtige Impulse, die vollständig zu rekonstruieren an dieser Stelle
nicht möglich ist.
Raúl Fornet-Betancourt hat in einer jüngst von ihm herausgegebenen
dreibändigen Bilanz der Befreiungstheologie (1997) einen Band der
Rezeption im deutschsprachigen Raum gewidmet, der die Rezeption in
verschiedenen theologischen Handlungsfeldern ( Praktische Theologie,
Christliche Sozialethik, konziliarer Prozeß, kirchliche Hilfswerke,
kirchenkritische Bewegungen, akademische Theologie) aufarbeitet.
Dieser Band vermittelt ein eindrucksvolles Bild von der sehr komplexen
Rezeptionslage und bietet in den Aufsätzen von Michael Ramminger und
Giancarlo Collet auch Ansätze zu einer Typologie der Rezeptionsformen.
Hilfreich ist die Unterscheidung von Ramminger (1997: 113-128) zwischen
einer "harten" Rezeption, die das kapitalismuskritische und politische
Anliegen der Befreiungstheologie aufnimmt und einer "weichen
Rezeption", die sich von der Authentizität und der Integrität des
befreiungspolitischen Anliegens beeindruckt zeigt und die
Befreiungstheologie eher aus einer subjektiven Perspektive moralischer
Betroffenheit rezipiert.
Die folgenden Thesen zu den Kontexten und den Subjekten einer
europäischen Befreiungstheologie können lediglich Schneisen in ein
unübersichtliches Gebiet schlagen und wollen -ohne den Anspruch auf
Vollständigkeit- Rezeptionslinien andeuten.
1. Die vom Befreiungsbegriff
inspirierte Theologie in Deutschland knüpft den Glauben an das
politische Handeln und sieht in den sozialen Bewegungen das Subjekt
einer verändernden Praxis.
Das wichtige erneuernde Moment der Politischen Theologie liegt in der
Entdeckung des gesellschaftlichen Handlungsbezuges der Theologie.
Glaube wird nicht mehr nur vor dem Hintergrund einer privaten Praxis in
zwischenmenschlichen Bezügen ausgelegt, sondern erhält eine
praktisch-politische Dimension in der Öffnung auf fundamentale Fragen
der Gesellschaft, auch in der internationalen Perspektive. So versteht
Dorothee Sölle z.B. Befreiungstheologie in Deutschland bzw. Europa als
eine Theologie des Widerstandes gegen Rüstungsindustrie und
Atomtechnologie als Beispiele "menschenverachtender Technologien" (vgl.
Sölle 1971).
In dieser Zeit erstarkender sozialer Bewegungen sind die Christen und
Christinnen, Theologinnen und Theologen bei Blockaden vor
Atomwaffenlagern, an der Startbahn West oder vor den Toren der
Atomkraftwerke zu finden ( Orth 1983; Sölle/ Steffensky 1983). Das
Subjekt einer verändernden christlichen Praxis wird in diesen
gewaltfreien sozialen Bewegungen gesehen, die auch auf internationaler
Ebene praktische Solidarität mit den Befreiungsbewegungen in der
Dritten Welt, im Süden z.B. mit den Antiapartheidsbewegungen in
Südafrika üben. In diesem politischen Diskurs hatten Theologinnen und
Theologen - man mag es heutzutage kaum noch glauben - eine Stimme, auf
die gehört wurde.
Dorothee Sölle, Heinrich Albertz, Helmut Gollwitzer und andere waren in
der Öffentlichkeit bekannt wie heutzutage vielleicht Eugen Drewermann.
Die evangelischen Akademien waren Orte, an denen die gesellschaftlich
relevanten Auseinandersetzungen öffentlich wurden; auch die
Studentengemeinden wollten Theologie mit Politik und kritischem
Bewußtsein zusammenbringen. Überhaupt wurde nach dem sozialen Ort von
Theologie gefragt.
Es entstanden neue Formen von Gemeinden, die sich stärker mit den
Alltagsproblemen von Menschen im Stadtteil beschäftigten oder gezielt
auf gesellschaftliche Randgruppen zugingen. Da gab es auf einmal die
Ladenkirche (Lange), man hörte von Clochard-Gemeinden, Gemeinden der
Beatniks und der Fernfahrer (vgl. Hollenweger 1971). Es entstand eine
Theologie aus der Situation, die aus konkreten Fragen und konkreten
gesellschaftlichen Problemen entstand und ihr Subjekt in den Laien sah,
die sich in den sozialen Bewegungen engagierten und dieses Engagement
vor dem Hintergrund ihres Glaubens auslegten, formulierten und in
vielfältigen Gestalten einer "politischen Spiritualität" (Steffensky)
inszenierten.
Diese Theologie wurde explizt mit dem Anspruch formuliert, eine
Befreiungstheologie im Kontext der ersten Welt zu sein:
"Befreiungstheologie entsteht dort, wo Christen und Christinnen am
Widerstand gegen den Götzen teilnehmen, vor den Zäunen der
Raketenlager, bei den Gesprächen über blutige Apfelsinen aus Südafrika
in Gemüsegeschäften. Wir müssen hier darum kämpfen, daß der Krieg der
reichen Länder gegen die Freiheit der dritten Welt, der längst geführt
wird, nicht verschärft, sondern als Krieg erkannt, geächtet und beendet
wird." (L. Schottroff/ W. Schottroff 1986, 8)
2. Der erste namhafte Entwurf einer befreienden kontextuellen Theologie
in Westeuropa ist die Feministische Theologie
Ein wichtiger Teil dieser sozialen Bewegungen war die Frauenbewegung,
die Ende der 60er Jahre zum Bewußtsein über die gesellschaftliche
Benachteiligung von Frauen beitrug. Die Feministische Theologie sieht
viele Gemeinsamkeiten mit der lateinamerikanischen Befreiungstheologie.
Sie nimmt darum auch methodisch und theologisch bewußt Anleihen (vgl.
Schaumberger 1991:19). Feministische Theologie geht von der
Glaubenserfahrung und der sozialen Situation der Frauen aus.
Damit entwirft sie sich bewußt als kontextuelle Theologie, die im
Rahmen bestehender Unterdrückungsverhältnisse die Unterdrückung von
Frauen in einer patriarchalisch strukturierten Kirche und Gesellschaft
thematisiert und zu überwinden versucht. Der Subjektwechsel, den die
Feministische Theologie vornimmt, besteht darin, "den persönlichen,
historischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Zusammenhang wahr- und
ernstzunehmen, von dem aus feministische Theologie betrieben wird: als
Frau in einer vom jahrtausendelangen Patriarchat geprägten Gesellschaft
und in einer Kirche, die eben diese Herrschaft der Männer weithin als
gottgewollt legitimierte und dadurch ihrerseits noch einmal
verfestigte" (Voß-Goldstein 1988:47).
Von daher bezieht sich Feministische Theologie zwar primär auf die
Widerstands- und Befreiungskämpfe von Frauen, sie beschränkt sich aber
nicht allein auf die "etablierten Orte und Strukturen theologischer
Theorie und Praxis" (Schaumberger 1991:17). Der in der Feministischen
Theologie vorgenommene Standort- und Perspektivenwechsel führt daher
dazu, Bibel, Tradition und Gegenwart mit "weiblichen Augen" zu lesen
und für die Erfahrungen von Frauen eine adäquate Sprache zu finden.
Ihre Themen sind eine feministische Hermeneutik (Schüssler-Fiorenza
1988), die ihre Aufmerksamkeit in besonderer Weise auf die
Frauengestalten in der Bibel und in der Tradition legt oder diese aus
Frauenperspektive liest. Sie versucht, die Vielfalt des biblischen
Gottesbildes zu rekonstruieren, die durch eine dominant patriarchale
Theologie verdeckt wurde; sie sucht nach einer frauengerechten Sprache
in der Liturgie und insgesamt nach einer weiblichen Spiritualität, die
die männlichen Dualismen zu überwinden vermag.
Feministischer Theologie geht es um den Aufbau einer geschwisterlichen
Kirche, um den Abbau geschlechtsspezifischer Verteilungen von Macht und
Ohnmacht wie um den Abbau von hierarchischen Strukturen insgesamt. Mit
den unterschiedlichen sozialen und religiösen Kontexten von Frauen und
den damit verbundenen unterschiedlichen Erfahrungen hängt zusammen, daß
die Rede von der Feministischen Theologie im Grunde eine unzulässige
Verallgemeinerung ist. In dem Maße, in dem sich die Feministische
Theologie als Teil der ökumenischen Bewegung begreift, wird deutlich,
daß es zwischen befreiungstheologisch orientierten Theologinnen
Unterschiede gibt, die auch mit den Differenzen zwischen reichen und
armen Ländern und mit kulturellen bzw. ethnischen Unterschieden
zusammenhängen.
Als eine wesentliche Aufgabe wird deshalb gefordert, die Pluralität der
Kontexte auch in feministisch-theologischer Rede sichtbar werden zu
lassen. Es soll deutlich werden, was in den jeweiligen Ausarbeitungen
berücksichtigt und was ausgeblendet bleibt. Besonders die Feministische
Theologie der Ersten Welt hat diese kontextuellen Faktoren gerade mit
Blick auf verdeckt wirksamen Dominanzen im Verhältnis zu den Frauen in
der Dritten Welt zu bedenken: "Für die Analyse eines derartig
definierten Kontextes ist das Konzept von Patriarchat weiterführend,
das Elisabeth Schüssler Fiorenza vorgeschlagen hat. Sie unterscheidet
in der patriarchalen Ordnung Sexismus, Rassismus, Klassenherrschaft,
Imperialismus, Militarismus usw. als strukturelle Stützen, die sich
gegenseitig bedingen und verstärken, und den Androzentrismus als ein
Wahrnehmungsmuster, das die Unterdrückung von Frauen und die
Wirksamkeit von Frauen ausblendet. Dieses Konzept macht es möglich, die
unterschiedlichen Formen der Unterdrückung nicht gegeneinander
auszuspielen, sondern ihr strukturelles Zusammenwirken und die
Verstrickung und Benachteiligung von Frauen in diesem
Unterdrückungszusammenhang in den Blick zu nehmen." (Schaumberger
1991:21)
"Befreiung hat viele Farben"- es ist wichtig, auf die
Unterschiedlichkeit der Kontexte und Erfahrungen von Frauen
hinzuweisen, sie vor dem Hintergrund des Differenzbegriffes theologisch
und pädagogisch zu reflektieren (vgl. Pithan 1995), vor allem aber auch
verschiedene Befreiungserfahrungen, Geschichten, Gebete und Lieder
immer wieder in authentischer Gestalt zu Gehör und in ein Gespräch
miteinander zu bringen- so wie dies z.B. in dem von B. Fünfsinn/ L.C.
Hoch und C. Rösener 1996 herausgegebenen Band "Töchter der Sonne.
Unterwegs zu einer feministischen Befreiungstheologie in Lateinamerika"
geschehen ist.
Die Diskussion um die geschlechtsspezifische Differenzthese ist -mit
einiger Verspätung- auch in der Religionspädagogik angekommen. Ähnlich
wie in der feministischen Theologie wird durch die Entlarvung der
Androzentrik in der Religionspädagogik der Blick auf ein umfangreiches
und komplexes Aufgabenfeld freigelegt (vgl. Pissarek-Hudelist 1990). Da
wird nach Geschlechterstereotypen im Religionsbuch gefragt,
unterrichtliche Interaktion wird geschlechtsrollenkritisch unterssucht,
feministisch orientierte Unterrichtsentwürfe werden geschrieben und
vereinzelt werden feministische Inhalte und Perspektiven auch in
Lehrplänen verankert. Aber auch die historische Dimension wird
beachtet, so zum Beispiel in dem Vorhaben, in der vorwiegend mit
Männern bevölkerten Geschichte der Religionspädagogik die
Religionspädagoginnen aufzuspüren und dabei zu lernen, daß ihr Beitrag
zum pädagogisch-theologischen Denken ein zum Teil sehr erheblicher
gewesen ist (vgl. Pithan 1997).
Insgesamt ist aber - wie Annabelle Pithan zusammenfassend feststellt -
die Diskussion über Differenz in der feministisch orientierten
Religionspädagogik jenseits männlich dominierter Diskurse zu führen. Es
gilt dabei, die Vielfalt innerhalb weiblicher Lebenszusammenhänge
aufzuspüren und zu reflektieren im Bewußtsein, daß jene Differenz zu
überwinden sei, die durch Herrschaft bedingt ist (vgl. Pithan 1995,
100f.)
3. Neue Schubkraft erhält die Befreiungstheologie in Europa durch den
konziliaren Prozeß für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der
Schöpfung.
Der konziliare Prozeß ging aus einer Phase hervor, in der die anläßlich
der NATO-Aufrüstung wiederbelebte Friedensbewegung ihren Höhepunkt
schon wieder überschritten zu haben schien. Eingeleitet wurde er durch
den Beschluß der 6. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen
(ÖRK) in Vancouver 1983. Hier wurde ein entschiedenes Aufstehen gegen
Ungerechtigkeit, Krieg und Ausplünderung der Ressurcen dieser Erde
verlangt, das sich auf allen Ebenen des Handelns von Christen und
Christinnen niederschlagen müsse (vgl. Müller- Rönheld 1983).
So entwickelte sich die Idee eines auf Dauer gestellten Diskussions-
und Aktionsprozeß über Frieden, Fragen weltweiter Gerechtigkeit und der
Bewahrung der Umwelt. Die Ökumene als ein Forum, auf dem die Erfahrung
von Christen und Christinnen aus aller Welt, vor allem aber aus jenen
Regionen der Welt, die die Auswirkungen von Ungerechtigkeit, Krieg und
Zerstörung der Umwelt am stärksten zu spüren bekamen, konnte da die
geeignete Plattform sein. Der konziliare Prozeß bündelt dieses neue
sozialethische Bewußtsein und zeigt die Bereitschaft der Kirchen des
Nordens, Fragen der Gerechtigkeit, des Friedens und der Bewahrung der
Umwelt als die wesentliche Herausforderung des Glaubens zu betrachten.
Die Forderung nach einer europäischen Befreiungstheologie wurde stärker
(vgl. Girardi 1983; Zulehner 1984, Greinacher 1986). Sie bekam im
Zusammenhang der ökumenischen Dialoge einen neuen Impuls. Ein Ausdruck
von Befreiungstheologie ist der konziliare Prozeß deshalb, weil er sich
durch das aktive Eingreifen und die aktive Mitsprache von Laien und
Basisbewegungen entwickelt.
Innerhalb dieses Prozesses ist ein weites Netzwerk an Initiativen
entstanden. Vor allem die Basisbewegungen machen sich zu Anwälten der
Unterdrückten. Sie erarbeiteten in Initiativen und ökumenischen
Versammlungen konsequent eine Theologie von unten (vgl. Bundesmanifest
der Basisbewegung 1986), die ihre Spuren in der Stuttgarter Erklärung
zum konziliaren Prozeß von 1988 hinterlassen hat, aber auch zu
zahlreichen Vorschlägen im Hinblick auf eine Friedens-und
Umwelterziehung führte. Nach dem Modell des israelischen Stammesbundes
entstanden überall in der ökumenischen Bewegung sogenannte
Bundesschlüsse, also Gemeinschaften, die aus den Zusagen des Gottes der
Gerechtigkeit und des Friedens Kraft und Perspektiven für den Kampf
gegen Gewalt und Armut finden.
Ein Beispiel für ein solches Netzwerk von Basisgruppen ist das
sogenannte "Kairos Europa", das im Geiste der Option für die Armen mit
befreiungspädagogischer Methode Fallstudien zur Situation von Menschen
"am Rande" Europas erstellt. Im Jahr der Erinnerung an Kolonialismus
und Widerstand in Lateinamerika wurde 1992 ein "Europa-Parlament von
unten" aus der Taufe gehoben mit dem Ziel, den Stimmen der Armen Gehör
zu verleihen (vgl. Duchrow 1992).
Was in Vancouver begann, auf dem Düsseldorfer Kirchentag 1985
aufgenommen und gestärkt, über verschiedene ökumenische Versammlungen
in Stuttgart, Dresden, Basel, Seoul diskutiert und verbreitet wurde,
hat in den 80er Jahren mit Sicherheit das Bewußtsein gestärkt, Teil
einer großen Lerngemeinschaft Weltkirche zu sein (vgl. Piepel 1993).
Auf der anderen Seite war der konziliare Prozeß aber auch vehementer
Kritik ausgesetzt, stand die geforderte konziliare Theologie doch unter
dem Verdacht, mit der Friedensthematik ein in erster Linie europäisches
Thema auf die Tagesordnung zu stellen. So hatten sich im Vorfeld der
Weltversammlung des konziliaren Prozesses 1990 in Seoul auf
verschiedenen Treffen in Lateinamerika, Indien und Afrika Theologinnen
und Theologen vor allem mit der Überwindung ungerechter wirtschaflicher
Strukturen befaßt.
Die Theologen der Dritten Welt klagten ein, die Frage nach
Gerechtigkeit der Friedensfrage überzuordnen. Es müsse mit der Option
für die Armen ernstgemacht werden, und daher könne eine
Befreiungstheologie im europäischen Kontext nur mit dem Thema der Armut
in der Ersten und der Dritten Welt beginnen. Hier zeigte sich eine
wichtige Konfliktlinie innerhalb einer konziliaren Theologie der
Befreiung, die den interkulturellen und ökumenischen Dialog ernst
nimmt. Sie darf in ihrem legitimen Bemühen um die Übertragung
befreiungstheologischer Anliegen in die eigenen Kontexte, in der Suche
nach den eigenen Subjekten und eigenen Orten befreiender Theologie
nicht die Anfragen verlieren, die sich aus der Perspektive des Süden an
die eigene Theologie richten. Dies hieße unter anderem auch diese
Anfragen als Herausforderung für den eigenen Lebensstil und die eigene
Spiritualität zu verstehen.
Das Thema von Herrschaft und Befreiung erhält im Kontext der Ersten
Welt einen stärkeren Akzent im Hinblick auf eine Ethik der
Selbstbeschränkung, in dem der "Imperativ des technischen Zeitalters,
nach dem der Mensch alles tun soll, was er tun kann" (Huber 1987, 65)
zu beenden sei. Befreiungstheologie in der Dritten und in der Ersten
Welt setzen unterschiedlich an, sie bilden aber einen untrennbaren
sachlichen Zusammenhang. Der schwedische Theologe Per Frostin (1988)
hat unter dem Stichwort "Umkehr in der Metropole" die Krise der
metropolitanen kapitalistischen Gesellschaften scharfsinnig als Krise
analysiert, die bis in die psychischen Dispositionen der Individuen
durchgreift und sie zusehends unfähig macht, eine Identität aufzubauen,
die sich aus gelingenden mitmenschlichen Beziehungen und aus einem
reichen inneren, spirituellen Leben speist.
Das sich in den westlichen Gesellschaften durchsetzende Prinzip des
homo öconomicus, das auf Steigerungsprozesse in allen Dimensionen
zielt, bestimmt sämtliche Lebensäußerungen der Individuen und
entfremdet sie zunehmend von sich selbst und den Mitmenschen.
Angesichts dieser Krise in der kapitalistischen Gefangenschaft kann die
Suche nach einer neuen wirtschaftlichen Ordnung der Welt nur im
Interesse der Menschen sein, die in wirtschaftlicher Hinsicht noch von
ihr profitieren. Die Armen eröffnen den Menschen in der Ersten Welt
eine neue Sicht der Wirklichkeit- die Umkehr in der Metropole ist
eigentlich eine Rückkehr in die Wirklichkeit: Die Suche nach Frieden
und Gerechtigkeit in einem weltweiten Horizont ist ein unteilbares
Anliegen aller Christen und Christinnen.
4. Die Befreiungstheologie findet ihren Niederschlag in Ansätzen
entwicklungsbezogenen, ökumenischen und problemorientierten Lernens
Der konziliare Prozeß und das mit ihm verbundene Anliegen eines
"ökumenischen und entwicklungsbezogenen Lernens" ist auch von der
Religionspädagogik aufgenommen worden (vgl. die kommentierte
Literaturdokumentation von G. Orth 1994). Hier sollte es darum gehen,
die Dritte Welt in die Schule und in die Gemeinde zu holen und in
projektbezogener Weise unsere hiesigen Verhältnisse im Spiegel der
Probleme der Dritten Welt zu betrachten.
Angestoßen wurde die Diskussion um "ökumenisches Lernen" durch eine von
der EKD-Kammer für Erziehung und Bildung 1985 herausgegebenen
Arbeitshilfe. Hier wurden wesentliche Merkmale, Arbeits-und
Erfahrungsfelder des ökumenischen Lernverständnisses entfaltet und an
praktischen Beispielen erläutert. Konstitutiv für das Konzept
ökumenischen Lernens ist seine ethische Ausrichtung: es ist der
praktischen und erfahrungsorientierten Bearbeitung von Problemen
verpflichtet, die sich in den unterschiedlichen Kontexten im
Zusammenhang mit den Themen des konziliaren Prozesses stellen. Der
ökumenische Lernprozeß kann als "Lernbewegung von unten" begriffen
werden. Er setzt an den Lebenswelten und den Erfahrungszusammenhängen
der Beteiligten an, versucht die Strukturen des alltäglichen Lebens in
einen partizipatorischen Lernprozeß einzubinden und mit globalen,
ökumenischen Deuteperspektiven zu verknüpfen (vgl. Koerrenz 1994;
Goßmann/ Pithan/ Schreiner 1995).
Viele Ideen, Bücher und Unterrichtsmaterialien sind aus der Ersten in
die Dritte Welt gewandert. Noch zu selten kommen Texte, Erfahrungen,
Dokumente zu uns. Eine von bislang noch zu wenigen schönen Ausnahmen
bildet ein von peruanischen Bauern geschriebener
befreiungstheologischer und befreiungspädagogischer "Katechismus" aus
der Andenprovinz Cajamarca: Vamos Caminando erzählt vom Leben, Hoffen,
Glauben und vom Kampf dieser campesinos. Er gibt ein erfahrungssattes
Lehrstück der Befreiung mit Lektionen über das mühsame Leben in den
Anden, berichtet in bildhaften Codierungen von Schlüsselthemen des
Alltags, von Erfolgen und Mißerfolgen der Menschen und zeigt, wie sie
ihre Lebenserfahrungen auf dem Hintergrund von biblischen Texten lesen,
singen und beten. Es sind einfache, aber existenzielle Fragen, über die
hier gesprochen wird: warum haben wir Hunger? Warum leiden wir unter
der Armut und Gewalt? Was können wir dagegen tun? Vamos Caminando zeigt
auch, wie wichtig es ist, dieses einfache Fragen zu lernen.
In diesem Zusammenhang sind auch die von Misereor herausgegebenen
Hungertücher zu nennen: Die Hungertücher können als ein handgreifliches
und bildhaftes Medium eines befreiungstheologischen Ansatzes gelesen
werden: Sie versuchen ein ungeschminktes Bild der Einen Welt zu geben,
die Verflechtung des Elends der Dritten mit dem Reichtum der Ersten
Welten zu verdeutlichen. Die Bilder kennzeichnet eine klare
Parteilichkeit für die Unterdrückten, Ausgegrenzten und Bedrängten, sie
enthalten eine eindeutige Option für die Armen. In Hungertüchern wird
Theologie getrieben, sie sind so etwas wie Predigten für das Auge. Es
handelt sich jedoch weniger um eine "Expertentheologie", die von
einzelnen vorgedacht und volksnah bebildert wird, sondern (wie am
peruanischen Hungertuch am deutlichsten) in ihnen sind Laientheologien
enthalten, die in Basisgemeinden erarbeitet wurden.
Misereor hat den alten Brauch des Hungertuchs (der in einigen Gegenden
Deutschlands immer noch gepflegt wird) wieder aufgegriffen und 1976 das
erste Tuch malen lassen. Seitdem werden alle zwei Jahre neue
Hungertücher herausgegeben. Einen besonderen Akzent erhalten die
Misereor-Hungertücher dadurch, daß sie aus den verschiedenen
Kulturkreisen der Welt die Botschaft des Glaubens auslegen und neu
erschließen. Bisher sind entstanden: zwei indische Hungertücher, ein
äthiopisches, ein haitianisches, ein peruanisches, je eines aus
Kamerun, aus Brasilien und aus Südafrika.
Vor allem die kirchlichen Hilfswerke wie z.B. Kindernothilfe, Misereor,
terre des hommes und Brot für die Welt haben die Herausgabe von
entwicklungsbezogenen Materialien für Schule und Gemeinde professionell
organisiert und produzieren eine Vielzahl von Materialien sehr
unterschiedlicher Qualität, über die sie in dicken bebilderten
Verkaufskatalogen verbrauchernah informieren. Aber auch projektbezogene
Arbeitskreise tun sich mit der Produktion von schulnahen Materialien
hervor: Einen Schwerpunkt heben zum Beispiel die Unterrichtseinheiten
und Materialien des "Arbeitskreises Grundschule hervor (z.B. Dritte
Welt in der Grundschule 1987).
Es sei allerdings gesagt, daß diese Ansätze eines befreienden
ökumenischen und interkulturellen Lernens in der allgemeinen
Religionspädagogik eher ein Schattendasein führen. Die
Religionspädagogik läßt sich in ihrem Selbstverständnis (noch) nicht
von der befreiungstheologischen Option für die Armen zentral betreffen.
Diese These muß auch im Hinblick auf die siebziger Jahre aufgestellt
werden, als in der Hochphase des sogenannten problemorientierten
Religionsunterrichts zwar unter der Leitkategorie Emanzipation die
Aufnahme gesellschaftsrelevanter und gesellschaftsverändernder Inhalte
und ihre Verbindung mit der Tradition diskutiert wurde, die
befreiungstheologischen und befreiungspädagogischen Diskurse insgesamt
aber zu wenig zur Kenntnis genommen wurden: die "Armen" sind in der
Religionspädagogik bislang vernachlässigt worden (vgl. auch Mette /
Steinkamp 1997).
5. In den neunziger Jahren befindet sich die Theologie auf dem Weg zu
einer interkulturellen und interreligiösen Perspektive
Was kann nun vor diesem Hintergrund als Aufgabe und Perspektive einer
künftigen europäischen Befreiungstheologie gelten? In den neunziger
Jahren wächst das Bewußtsein, Theologie künftig nur in interkultureller
Aufmerksamkeit für die jeweils besonderen Kontexte und Anliegen
betrieben werden kann (vgl. Arens 1994). In der bisherigen Diskussion
wurde deutlich, daß das generelle Anliegen von Befreiung in
verschiedenen Kontexten, Sprachen und Lebensformen inkulturiert ist und
vielfältige Theologien der Befreiung hervorgebracht hat. Die Rede von
den Subjekten der Befreiung ist differenzierter geworden; die Armen
haben viele und vielfältige Gesichter.
Vor dem Hintergrund dieser wichtigen hermeneutischen Verschiebung im
Diskurs der Befreiungstheologie tritt auf der Suche nach einer
interkulturellen Theologie der Terminus "Option für die Armen" neben
"Option für den Anderen". Es soll ausgedrückt werden, daß der
ökonomische Aspekt von Unterdrückung ein Merkmal in einer Reihe von
mehreren auch ethnisch, kulturell, geschlechtsspezifisch bestimmten
Unterdrückungsformen ist. Auf dieser Linie einer interkulturellen
Theologie wird es auch weiterhin notwendig sein, den nach wie vor
vorhandenen Hegemonieanspruch einer sich universalistisch gerierenden,
letztlich aber eurozentrisch bleibenden Theologie aufzubrechen, um die
Perspektive eines -wie Johann Baptist Metz es nennt- "polyzentrischen
Christentums" freizulegen, das die verschiedenen kontextuellen
Gesichter von Theologie und Glauben sichtbar werden läßt und zu ihrer
Anerkennung verhilft (vgl. Metz 1988).
Eine interkulturell dimensionierte befreiende Theologie ist ein Prozeß,
der sich der Möglichkeit tiefgreifender interkultureller Konflikte
bewußt bleiben muß. Dieser Hinweis wird immer wieder von Theologen aus
der Dritten Welt gemacht:
Als Beispiel sei hier nur die von Theologen aus Südafrika, Namibia,
Guatemala, El Salvador, Nicaragua, den Philippinen und Südkorea
erstellte Studie "Der Weg nach Damaskus. Kairos und Bekehrung" genannt,
die das Verhältnis von Nord und Süd als Ausdruck eines fundamentalen
interkulturellen Konflikts begreifen. Fundamental deshalb, weil sie auf
eine umfassende gesellschaftliche Transformation ausgerichtet seien und
alle Lebensbezüge umgreifen (vgl. Kamphausen 1995:63) Eine
interkulturelle Theologie hätte demnach diese Konfliktpotentiale
wahrzunehmen, um nicht in einen realitätsfernen harmonisierenden Jargon
von Einheit, Partnerschaft und gemeinsamem Teilen zu verfallen.
Kamphausen verdeutlicht dabei, daß sich die interkulturellen Konflikte
einerseits mit Notwendigkeit aus den Emanzipationsprozessen von
Christen aus der Dritten Welt ergäben und andererseits auf Seiten
westeuropäischer Theologie zu einer Wahrnehmung und Annahme des
gewalttätigen Erbes, das sie in den interkulturellen Dialogen vertritt,
führen muß. Dies alles bedeute eine schmerzhafte Revision
westeuropäischer Theologie nach Inhalt, Form und Methode, von der man
aber im ganzen noch weit entfernt sei.
Das "polyzentrische Christentum" ist allerdings der noch auf die
christliche Ökumene bezogene Horizont einer befreienden Theologie. In
den letzten Jahren zeichnen sich jedoch auf lokaler und auf globaler
Ebene Versuche ab, im Blick auf das Thema der Befreiung auch im
Verhältnis zwischen den Religionen Übereinstimmungen zu suchen (vgl.
Knitter 1991). Somit bleibt für Theologien und die Kirchen zu hoffen,
daß mit der Perspektive eines befreienden Dialogs zwischen den
Religionen ein neues Kapitel in der Geschichte der Theologie der
Befreiung aufgeschlagen werden kann.
Gefordert ist eine in diesem Sinne ökumenische Befreiungstheologie, die
sich gleichsam "von unten" in der Weise einer Bildung alternativer,
nicht-hierarchischer Gemeinschaften aufbaut. Diese Theologie ist
kommunikativ und egalitär von Anfang an; sie hat ein politisches und
diakonisches Handeln zum Ziel, in dem Menschen sich lernen einzumischen
und dabei verwickelt werden in einen widersprüchlichen
weltgesellschaftlichen Zusammenhang. Diese Form eines Handelns, das im
Kontakt mit den Marginalisierten und Ausgeschlossenen aufgebaut wird,
ist in einer Zeit sich verschärfender sozialer Widersprüche mit ihren
sozialen und psychischen Folgen notwendig. Es gibt viele Situationen,
die nach Befreiung schreien, aber zu selten kommen in diesen
Situationen auch Befreiungsprozesse in Gang. Sich auf die Initiierung
solcher Prozesse der gemeinsamen Bewußtseinsbildung und gemeinsamen
solidarischen Handelns zu konzentrieren- ihre Voraussetzungen und
Verläufe zu beschreiben und zu begleiten, ist bislang kaum als Aufgabe
Praktischer Theologie betrachtet worden. Dabei könnte die Beachtung
dieser methodischen Seite von Befreiungstheologie die gegenwärtige
Perspektiv-und Ideenlosigkeit einer sich als praktisch verstehenden
Theologie überwinden helfen.
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Die Zukunft der
Befreiungstheologie in Lateinamerika
Martyrium als Alltag und Realität
Die gesellschaftlichen Veränderungen und die pastorale Praxis in
Lateinamerika haben eine Theologie und Methodologie nötig gemacht, die
einerseits die Offenbarung mit Handeln verbindet, und andererseits auch
ein Nachdenken über Glauben und Nächstenliebe erfordert. Deshalb
entstand und entsteht dort - ausgehend vom Leben und von der Basis -
ein neues Kirchenmodell (Marins 1977, S.469). Möglicherweise ist die
Zukunft der Befreiungstheologie im einundzwanzigsten Jahrhundert noch
anregender und spannender, als es ihre Vergangenheit gewesen ist. Die
Länder des Ostens haben einen neuen Weg eingeschlagen, die
Konfrontation zwischen den Großmächten ist verschwunden, die Macht
konzentriert sich nunmehr bei einer einzigen. Wer aber wird die
Verantwortung für die Verteidigung der Armen in einer Gesellschaft
übernehmen, die nach Konsum und schnellem Geld strebt, die Egoismus und
den funktionalen Ge- und Mißbrauch des Nächsten kennzeichnet, und die
vor allem nach Profit giert?
Für die Kritiker der Befreiungstheologie bedeutet der Fall der Berliner
Mauer auch, daß die vor mehr als fünfundzwanzig Jahren in Lateinamerika
entstandene theologische Richtung an Bedeutung verliert. Die Kritiker
meinen, daß die Befreiungstheologie, weil sie die marxistische Theorie
in ihrer Gesellschaftsanalyse berücksichtigt und eine sozialistische
Gesellschaft als utopischen Horizont der Befreiung sieht, derart
ideologisiert sei, daß das Scheitern des Sozialismus in Osteuropa ihr
jegliche Legitimation als einem Zeichen der Hoffnung für die Armen
entzogen habe. Das Scheitern des Ostens fällt mehr oder weniger mit dem
Entstehen der sogenannten "’Vierten Welt’", mit massiven und
unaufhaltsamen Migrationsphänomenen und mit steigender Arbeitslosigkeit
zusammen.
Die Befreiungstheologie strebt jedoch den Fall jener Mauer an, die den
Norden vom Süden trennt. Das Charakteristische der Befreiungstheologie
ist weniger ihre kritische Analyse der kapitalistischen Gesellschaft
oder die Betonung gewisser gesellschaftlicher Errungenschaften
sozialistischer Länder. Ihre Besonderheit besteht in ihrer Methode:
Eine religiöse Reflexion, die von den Armen ausgeht und diese als
historische Subjekte und christlichen Bezugspunkt schlechthin ansieht.
Wenn von Lateinamerika gesprochen wird, muß die Komplexität sehr
unterschiedlicher Situationen berücksichtigt werden. Dennoch gibt es
gemeinsame, christliche, gesellschaftliche und kulturelle Ursprünge.
Betrachtet man diese zusammen mit der politischen Geschichte und der
aktuellen Situation, so zeigen sich deutlich gemeinsame Hauptlinien und
in einem gemeinsamen Schicksal zusammenlaufende Perspektiven. Gerade
aus dem Schoß der Kirche kommt in der zweiten Hälfte unseres
Jahrhunderts der größte Anstoß für die Annäherung all dieser Völker.
Für den spanischen Theologen Juan José Tamayo (1994) ist die
Befreiungstheologie der wichtigste Beitrag der lateinamerikanischen
Kirche für die Entwicklung der Weltkirche. Die Befreiungstheologie ist
eine der bedeutendsten theologischen Bewegungen in der Geschichte des
Christentums. In ihr hört man von neuem den Schrei der Armen, die zwei
Drittel der Menschheit ausmachen, die nach Befreiung verlangen und die
mit derselben Kraft dafür kämpfen, wie zur Zeit des Auszugs aus
Ägypten. In ihr fühlt man wieder die Gegenwart Gottes als Befreier in
der Geschichte (Ex 3,7-8).
Gerade in der geschichtlichen Entwicklung erscheint die Sünde als
radikaler Bruch zwischen dem Projekt des Menschen und dem Vorhaben
Gottes, der den Menschen ganz erlösen will. Der vom Wort der Bibel
erhellte christliche Glaube entdeckt in der Menschheitsgeschichte die
Gegenwart eines transzendentalen Vorhabens Gottes, das in den Lauf
selbst des menschlichen Werdens eingeschrieben ist. Es ist dies eben
jene Erfahrung, die das Volk Israel gemacht hat. Die Befreiung ist eine
fundamentale Kategorie in der Heilsgeschichte.
Die Sorge um Freiheit und Befreiung sind schon im zweiten Vatikanischen
Konzil geäußert worden. In Medellín gewinnt eine umfassendere
Entwicklung der Befreiungsreflexion an Kraft (Olivera Delgadillo 1993,
S.70). In den Jahren zwischen Medellín und Puebla war ‘Befreiung’ ein
Schlüsselbegriff in der Erfahrung des lateinamerikanischen Volkes. "Mit
ihm wurde ein Bruch auf wirtschaftlicher und politischer Ebene mit
reformistischen Vermittlungsversuchen ausgedrückt" (Puebla 30, S.1260).
Doch der Begriff ‘Befreiung’ bedeutete auf theologischer Ebene auch
eine Anstrengung, die Wurzel der herrschenden sozialen Ungerechtigkeit
zu finden, und unter den gegenwärtigen historischen Bedingungen zu
einem Verständnis des Begriffs ‘Erlösung’ als freier Gabe Gottes zu
gelangen" (Gutiérrez 1979, S.37)
Die Befreiungstheologie ist in weiten Kreisen von Gesellschaft, Politik
und Intellektuellen auf große Resonanz gestoßen, auch bei vielen, die
vor dem Erscheinen der Befreiungstheologie der theologischen Welt nicht
nur fremd und gleichgültig gegenüberstanden, sondern sogar eine strikt
ablehnende Haltung ihr gegenüber einnahmen. Die Auswirkungen der
Befreiungstheologie waren um so größer, solange viele Christen ihre
theologische Reflexion im Martyrium verwirklichen mußten. Das Martyrium
ist in Lateinamerika - anders als in Europa - keine abseitige,
unwichtige oder ungewöhnliche Erscheinung, sondern eine Realität des
Alltags, die das Leben der Armen und derer zerstört, die sich für sie
einsetzen; ein Martyrium, das eine unermeßliche menschliche und
theologische Dimension hat. Dieses Martyrium zeigt einerseits die
Gewalttätigkeit und Unmenschlichkeit des Systems, andererseits aber
auch die befreiende Lebenskraft des christlichen Glaubens.
Medellín (1968)
Das Thema Befreiung beherrschte in seiner ganzen Breite die Konferenzen
von Medellín und Puebla, und dies in einer Weise, daß es auf dem
Kontinent zur Ausarbeitung eines Befreiungsparadigmas führte. In der
Konferenz von Medellín 1968 treffen sich die beiden grundlegenden
historischen Entwicklungen der sechziger Jahre: Einerseits die
tiefgreifenden Veränderungen in der Hierarchie der Weltkirche und der
lateinamerikanischen Kirche, und auf der anderen Seite die aus den
christlichen Basisgemeinden entstandene "christliche Bewegung" (Richard
1982, S.49) Die Jahre von 1965 bis 1968 sind für Lateinamerika von
entscheidender Bedeutung für die Suche nach einer Theologie, die der
Realität von Abhängigkeit und Ausbeutung angemessen ist. "Es gibt eine
neue Gegenwart Gottes auf unserem Kontinent, der aus der Tiefe des
Elends ein Bewußtsein seiner Mission und seiner Werte erlangt und
versucht, sich völlig zu befreien" (Medellín 1968, S.105). Da die Lage
der Armen strukturelle Ursachen hat, muß auch ihre Befreiung durch eine
Änderung jener gesellschaftlichen Strukturen kommen, die es ihnen
verwehren, zu wachsen und Subjekte ihrer Geschichte zu werden. Ein
Großteil der lateinamerikanischen Kirche gibt Zeugnis des Vertrauens in
den einzig wahren Gott. Es gibt keine Pakte mit anderen Götzen, und
deshalb sagt sich die Befreiungskirche von den Unterdrückern los.
Der Ausdruck "Befreiung" kann in drei Bedeutungen gebraucht werden:
Befreiung bedeutet zunächst eine neue Art, die Dinge ausgehend vom
Glauben und von der Identifikation der Kirche mit der Lage der Armen zu
betrachten (Option für die Armen). Zweitens ist Befreiung eine Art der
Reflexion und bezieht sich auf die Befreiungstheologie. Drittens
bedeutet Befreiung - was das Handeln angeht - eine pastorale Befreiung
(kirchliche Basisgemeinden), das heißt das historische Handeln einer
Kirche, die versucht, ihre Mission zu erfüllen, indem sie die arme
Mehrheit des Volkes als Akteur ihrer eigenen Befreiung bevorzugt
(Puebla 1979, S.62f).
Die Option für die Armen
Die skandalöse Verelendung, in der Millionen von Lateinamerikanern
leben (Medellín 1968, S.1), war der Anstoß, der die
‘Befreiungstheologen’ sensibilisierte; ebenso die biblische Gewißheit,
daß diese Situation nicht von Gott gewollt sein kann. Angesichts dieser
Situation ergab sich folgende Frage: Was sagt uns die ‘Bibel’ bezüglich
der Armut und der Armen? Die Lage von Gesellschaft und Kirche in
Lateinamerika bot einen besonderen Kontext für die Gotteserfahrung, die
in das Leben des Christen im Inneren der Kirche hereinbrach, in diesem
vom Schrei der Armen erfüllten historisch-sozialen Moment (vgl.
Medellín 1968, S.2).
Die Option für die Armen wird von vielen, die nicht in Bedürftigkeit
und Unterdrückung geboren sind, unter Verzicht auf viele Vorteile ihrer
privilegierten Situation angenommen, um sich besser mit den Armen
solidarisieren zu können. Armut als Solidarität und Protest (Medellín
1968, S.4-7) ist Bedingung für einen realistischeren Dienst von der
armen Basis aus; ebenso ist sie prophetisches Zeichen der christlichen
Gemeinschaft, die den individuellen und kollektiven Egoismus sowie den
Egoismus von Gruppen oder gesellschaftlichen Klassen in Frage stellt
(Molina 1982, S.17). Das Thema Kultur wird als eng mit der
Gerechtigkeit verbunden betrachtet. Deshalb bringt die Befreiung der
Armen eine neue Solidaritätskultur mit sich.
Ein klares Ziel der Befreiungstheologie ist es, die Kirche auf dem Weg
weiterzubringen, der zur Befreiung führt von dem, was Macht, Prestige
und Ausbeutung des Menschen durch den Menschen bedeutet. "Der Traum der
Kirche der Armen kann nicht der einer reichen Überflußgesellschaft
sein, sondern nur der Traum von einer menschlichen und brüderlichen
Gesellschaft, in der die materielle Entwicklung nur die notwendige (und
immer unzureichende) Bedingung einer ganzheitlichen Entwicklung ist.
Dieser Glaube war die große Lehre Pauls des VI. in Populorum
progressio: nicht das Streben nach Haben, sondern nach Sein, das
Streben nach Haben nur in Abhängigkeit vom Sein" (Pixley/ Boff 1988,
S.180).
Medellín spricht von Christus mit dem Begriff der Befreiung: dies ist
etwas völlig Neues. Christus wird als fähig angesehen, von den
verschiedensten Unterdrückungen zu befreien, unter denen die Armen des
Kontinents leiden, dieser Befreiung eine Richtung zu geben und die
Gläubigen zu ermutigen, aktive Subjekte der Befreiung zu werden. Der
lateinamerikanische Befreiungstheologe Jon Sobrino schreibt dazu: "Das
neue Bild von Christus als Befreier ist nicht nur von unerwarteter und
willkommener Neuheit, sondern auch Demaskierung und Überwindung der un-
oder antichristlichen Elemente der vorherigen Christusbilder, und so
ist auch verständlich, warum das neue Bild auf unserem Kontinent so
umstritten ist" (Sobrino 1991, S.33; vgl. Boff 1974, S.375)
Die größere Integration vieler Geistlicher in das Volk und ihre aktive
Teilnahme am österlichen Befreiungsprozeß des Kontinents hat sie das
Angesicht Gottes neu entdecken lassen und eine neue Erfahrung seiner
Gegenwart ermöglicht. Auf ganz besondere Weise befindet sich der Herr
unter den ärmsten und einfachsten Brüdern; er wird nicht so sehr im
Gebet für sie erfahren, sondern im Gebet mit ihnen.
Die Kirche, Instrument der Heilsgemeinschaft, ist von Natur aus Zeichen
und Ursache völliger Befreiung. "Mit diesem Verständnis von Erlösung
als ‘integraler Befreiung’ haben die Bischöfe in Puebla das zentrale
Anliegen der Vertreter einer Theologie der Befreiung aufgenommen, der
es im Anschluß an Dietrich Bonhoeffer um die Welthaftigkeit des
Glaubens geht, um die Überwindung des Dualismus zwischen Kirche und
Welt, um Verwirklichung von Nachfolge als ‘Mensch für andere’" (Prien
1981, S.198f). Die theologische Reflexion über die Praxis ist
beabsichtigt. Historische oder politische Neutralität zu behaupten
bedeutet Selbstbetrug und Betrug. Diese Reflexion fördert die Erlösung,
die sich in der Praxis für den Armen konkretisiert, sie steht im Dienst
der Befreiung des Armen (Gutiérrez 1990, S.67). In Lateinamerika
beinhaltet Erlösung, die Verwirklichung des Reiches Gottes ist,
Befreiung des ganzen Menschen: "Sie ist der Schritt für jeden einzelnen
und für alle weg von weniger humanen Lebensbedingungen hin zu humaneren
Lebensbedingungen" (Medellín 1968, S.6).
"Die Befreiungskirche zeigt, wie Kirche heute sein kann und muß, worin
ihre Identität besteht; aber sie zeigt auch, wie man heute Mensch sein
kann und muß, und was der Weg zur Utopie einer geeinten Menschheit ist:
zu den Armen zurückzukehren und ihre Armut auf sich zu nehmen. Eine
solche Kirche hat automatisch die Isolierung der Kirchen untereinander
überwunden und dazu beigetragen, die Trennung zwischen der Welt der
Armen und derjenigen, die im Überfluß leben, aufzuheben" (Sobrino 1992,
S.221).
Die theologische Grundlage
Medellín hat die Bedingungen für das Erscheinen dieser neuen
theologischen Reflexion geschaffen. Die großen Linien der
Befreiungstheologie öffnen internationale, nationale und regionale
Perspektiven, besonders in der Ausarbeitung des Befreiungsengagements
an der Basis. Vor Medellín war in Einklang mit dem Geist des Konzils
und der "Populorum progressio" daran gearbeitet worden, eine
Entwicklungstheologie auszuarbeiten. Doch die Kritik an jenen
‘Entwicklungsmodellen’, die lediglich beabsichtigten, die
Industrialisierungsprozesse der entwickelten Ländern zu kopieren, wurde
immer deutlicher formuliert. In der Tat war die Kopie - an sich - außer
der Tatsache, daß sie ökonomisch gesehen unrealisierbar war, auch in
ethischer Hinsicht fragwürdig: Wirklich nirgends tauchte die
Notwendigkeit eines revolutionären Wandels der internationalen
Strukturen auf (Muñoz 1972, S.735-746).
Das Charakteristische dieses neuen Denkens war seine zugleich soziale,
kritische und prophetische Natur, deren Zentrum das Ostergeheimnis
Christi ist: Erfüllung der Heilsgeschichte und Befreiung von Sünde,
Gesetz und Tod, Abschaffung aller Arten von Sklaverei, sowie die
Schaffung von Bedingungen, die es dem lateinamerikanischen Menschen
möglich machen, aktives Subjekt seiner eigenen Geschichte zu werden.
Medellín hat hoffnungsvoll den Weg bestätigt, den das theologische
Denken Lateinamerikas gewiesen hat und den es mit einigen Pionieren
gegangen ist. Seit Medellín vertieft G. Gutiérrez (einer der Väter der
Befreiungstheologie) den Ansatz der Arbeit, die er im Juli 1968 in
Chimbote in Peru bezüglich der theologischen Methode vorgestellt hatte.
Im Oktober 1968 veröffentlicht er seinen ersten Essay über die
Pastorale der lateinamerikanischen Kirche (Gutiérrez 1968). Diese
Arbeit zeigt erneut die Sorge des Autors über den Sinn von Existenz und
Mission des Christen und der Kirche in der Welt. Am 6. und 7. März 1970
findet in Bogotá in Kolumbien der erste Kongreß über
Befreiungstheologie statt, ein Jahr später erscheint das Buch
"Unterdrückung und Befreiung" von Hugo Assmann (1971). Im ersten Teil
des Buches schreibt Assmann, daß die europäische Theologie, ohne es zu
wollen, eine Theologie ist, die in Ruhe läßt, die Frieden schließt mit
der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung und die so auf gewisse Weise zur
politischen Verbündeten der Macht wird. Er betont, daß Theologie und
Pastorale nie apolitisch gewesen sind (Assmann 1971, S.57f.). Im
Dezember desselben Jahres wird mit der Veröffentlichung von Gutiérrez’
Buch "Theologie der Befreiung" die erste theoretische Formulierung der
Befreiungstheologie vorgelegt. Einige Monate später, im Juli 1972, hält
Gutiérrez auf dem Treffen im Madrider Escorial einen Vortrag mit dem
Titel "Evangelium und Befreiungspraxis". Er unterstreicht, daß der Arme
eine evangelische Bekehrung notwendig macht, und daß dieser
Bekehrungsbruch sich in der "Option für den Armen" verwirklicht, die
heute der zentrale Punkt des Christseins in Lateinamerika ist. So wurde
der Weg frei für eine Theologie, die von der Peripherie erarbeitet und
durch sie artikuliert wird, und die gestern wie heute eine große
Herausforderung für die Evangelisationsmission der Kirche darstellt.
Zunächst machten sich einige Theologen durch eine Horizonterweiterung
dieser neuen Art, Theologie zu betreiben, verdient: Juan Luis Segundo,
Hugo Assman, Lucio Gera, Eduardo Pironio, Helder Cámara, Pedro
Casaldáliga, die außer mit ihren Werken auch durch Vorträge die
Reflexion bereichert haben; außerdem Segundo Galilea, Raimundo Caramuru
und Héctor Borrat. Auf protestantischer Seite haben sich unter anderem
folgende Autoren ausgezeichnet: Emilio Castro, Julio de Santa Ana,
Ruben Alves. Daraufhin folgte eine Aufbauphase, in der sich schon das
erste Bestreben zeigt, Lehrinhalte bezüglich der Befreiung zu
erarbeiten. Zu nennen sind: Dussel, Croato y Büntig (Argentinien);
Libanio, Mesters, Comblin, Hoornaert, L. Boff (Brasilien); Muñoz,
Torres, Richard (Chile); Ellacuría, Sobrino, Pico y Molina
(Mittelamerika) - neben vielen anderen. In einer dritten Ausbauphase
erscheinen immer mehr Theologen, die gleichzeitig Pastoren, Kämpfer und
Aktivisten im Leben der kirchlichen und gesellschaftlichen Basis sind,
zu ihnen zählen: Boff (Brasilien), Antoncich (Peru), Codina (Bolivien)
und andere.
Doch der Kampf gegen die Befreiungstheologie seitens des Vatikans und
konservativer Kreise Lateinamerikas war (und ist) sehr hart. So wird
die Befreiungstheologie beispielsweise 1984 in einer Veröffentlichung
mit dem Titel "Belehrung über einige Aspekte der Befreiungstheologie"
von der Heiligen Kongregation für Dogma und Glauben verurteilt, was
sich dann in der Kontrolle, Zurechtweisung und in Sanktionen des
Vatikans gegen die lateinamerikanischen Befreiungstheologen
konkretisiert. Die genannte Kongregation beschuldigt die
Befreiungstheologie, auf eine "vom Rationalismus dominierte
Bibelhermeneutik" zurückzugreifen (VI,S.10) und "zu unkritisch aus
verschiedenen Strömungen des marxistischen Denkens entlehnte Konzepte"
zu übernehmen (Einleitung; VI, S.10). Sie versucht zu zeigen, daß die
Befreiungstheologie den Glauben an Christus auf ein lediglich
immanentes Projekt und die christliche Erlösung auf ihre rein irdische
Dimension reduzieren will (VI, S.5).
Santo Domingo (1992)
Vom 12. bis 28. Oktober 1992 findet die vierte Generalversammlung des
lateinamerikanischen Episkopats anläßlich der 500-Jahr-Feiern der
Entdeckung Amerikas in Santo Domingo unter dem Thema "Neue
Evangelisierung, Förderung des Menschen, christliche Kultur" statt. Der
Befreiungstheologie wird aus dem Inneren der lateinamerikanischen
Kirche heraus ein schwerer Schlag versetzt. Und das nicht etwa, weil
damals die Befreiungstheologie direkt kritisiert worden wäre (sie wurde
dort nicht ein einziges Mal erwähnt), sondern weil ihre Methode, ihr
Inhalt und ihre Fähigkeit, die lateinamerikanische Wirklichkeit vom
Glauben her zu erhellen, ignoriert wurde.
Das zeigt, daß der Kampf weitergeht. Puebla hatte Medellín begraben
sollen, doch dieser Versuch scheiterte. In Santo Domingo gab es eine
massive Einflußnahme des Vatikans, dennoch blieb die Option für die
Armen unverändert.
Santo Domingo verzichtet bewußt auf die in der lateinamerikanischen
Theologie und Gemeindearbeit schon klassische Methode des
"Sehen-Urteilen-Handeln", welche die Befreiungstheologie
charakterisiert und die in der Mehrzahl der Veröffentlichungen der
lateinamerikanischen Bischöfe präsent ist, besonders in den Dokumenten
von Medellín und Puebla. Santo Domingo entscheidet sich für eine
deduktive Methode, die eine Lehre hervorbringt, die manchmal doktrinär
ist und wenig Bezug zur Realität hat.
Die theologisch-pastorale Methode
Puebla übernimmt die für das lateinamerikanische Denken
charakteristische theologisch-pastorale Methode und setzt sie damit
endgültig durch: den Glauben ausgehend von der sozialen Realität denken
und leben, analytisch sehen, theologisch urteilen und pastoral handeln.
Für die lateinamerikanische Befreiungstheologie geht es primär - das
ist der erste Schritt - um die Option für den Armen und Unterdrückten.
Eben diese Option ist Grundlage für die Reflexion, sie ist die
Bedingung der Möglichkeit eines neuen Verstehens oder einer neuen
Interpretation des Wortes, sie ist der Quell, aus dem eine befreiende
Theologie entspringt. Deshalb ist die Theologie selbst der zweite
Schritt: Sie kommt nach der Option; doch bedeutet dies nicht, daß der
Theologe erst im zweiten Schritt erscheinen darf. Die von den
Humanwissenschaften organisch, kohärent und verständlich vorgestellte
historische Wirklichkeit ist das erste Wort im theologischen Handeln.
Der Theologe reflektiert im Licht des Glaubens über die historische
Praxis und ausgehend von ihr (Assmann 1971, S.61). "Das Riskante der
Befreiungstheologie ist nicht die Theologie, sondern der Schrei der
Armen, den die Kirche nicht erträgt. Wenn das Evangelium von den Armen
gelebt und in die Geschichte projiziert wird, dann wird es sich gegen
jedermann als subversiv erweisen" (Schlegelberger 1988, S.76).
Diese methodologische Option bringt auch eine theologische Option mit
sich: Die Frage, woher man Theologie macht, bedingt auch schon die
Inhalte der Theologie. Besonders wenn dieser "Ort" sich in der
Wirklichkeit des Engagements in einer ergreifenden Situation von Armut
und Ungerechtigkeit befindet. Die großartige Erkenntnis der
theologischen Methode der lateinamerikanischen Theologie besteht in der
Perspektive des Armen. "Der Arme ist der unbestreitbare Protagonist der
aktuellen Befreiungsprozesse, und jeder Versuch - bewußt oder unbewußt
- ihm diese Rolle zu nehmen, verdammt die Theologie zu Unfruchtbarkeit
und neuem Akademismus" (Espeja 1985, S.370).
Es handelt sich nicht um eine neue Theologie, sondern um eine neue Art,
Theologie zu machen. Die Praxis ist hier nicht nur ein theologisches
Thema, sondern Perspektive und hermeneutischer Schlüssel aller
theologischen Reflexion (Ellacuría 1975, S.348). Die
theologisch-pastorale Methode strebt die schwierige Verbindung von
Theorie und Praxis an. Die Theologie der Befreiung sucht einen Weg,
Realität und Glauben in Einklang zu bringen. Es geht um die Verbindung
von Realität und Glauben und nicht, wie weitgehend in der europäischen
Theologie, um die Verbindung von Vernunft und Glauben.
Die Befreiungstheologie will im Licht des Wortes Gottes eine Reflexion
der Glaubenserfahrung in der Befreiungspraxis bieten und läßt sich vom
Wort des Volkes selbst ansprechen. Indem die Theologen das Volk
begleiten, geben sie dem, was die Menschen erkennen, eine präzisere
Form (Castillo Mattasoglio 1992, S.55). Die Grundlage der Option für
die Armen ist nicht die Soziologie, das heißt die Konsequenzen der
Analyse der sozio-ökonomischen Ungleichheit des Kontinents, sondern die
Theologie. Die Armen sind Kinder Gottes, in dem ihr Bild Fleisch wird,
und die Nachfolge Christi erfordert für die Fortführung der Mission
Christi die Übernahme eben seiner Haltung. "Die Liebe Gottes wird
konkret und historisch in seiner unbestreitbaren Vorliebe für die
Armen: ‘Wahrlich ich sage Euch, daß das, was ihr einem der Geringsten
nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan’ (Mt 25, 45)"
(Velez 1979, S.304).
Die bevorzugte Option für die Armen ist also eine Option Gottes
(Gutiérrez 1980, S.258; ders. 1989, S.228). Angesichts der besonderen
Beziehung zwischen Gott und dem Armen ist die soziale und historische
Verarmung eine wirkliche "soziale und strukturelle Sünde" und deshalb
"politisch". Das Engagement für die Ausrottung der entmenschlichenden
Armut wird in solidarischer Verarmung realisiert und ist so Öffnung zu
Gott (Puebla 1979, S.914). "Darin erkennt man außerdem jenseits der
Frage nach Opportunität einen christologischen und theologischen
Imperativ: Jesus Christus wurde - historisch und sozial gesehen - ‘arm
geboren, und lebte unter Armen’, er identifizierte sich mit den
Ausgegrenzten seines Volkes, nahm den Konflikt mit den Mächtigen an und
starb als Opfer extremer Repression. Sein Leben und sein Tod stimmten
mit seiner Botschaft überein: Die Verkündung der frohen Botschaft des
Reiches Gottes für die Armen und Unterdrückten der Erde" (Muñoz 1983,
S.54).
Die Basisgemeinde als Ort der
Befreiungstheologie
Die christlichen Basisgemeinden stellen einen der fruchtbarsten und
bedeutendsten Faktoren des Lebens der lateinamerikanischen Kirche in
der Gegenwart dar. Ihre Entwicklung auf dem ganzen Kontinent hat dazu
beigetragen, die Hoffnung der Armen und Unterdrückten aufzurichten. Sie
sind außerdem bevorzugter Treffpunkt eines Volkes, das seine Situation
des Elends und der Ausbeutung erkennen, gegen diese Umstände kämpfen
und Zeugnis von seinem Glauben an den befreienden Gott ablegen will.
"In den Kirchlichen Basisgemeinden bricht das Volk aus der Anonymität
und der Marginalisierung aus. Es öffnet sich für die Probleme der
Gemeinschaft. (...) Und in irgendeiner Form sind sie auch der Anfang
einer neuen sozio-politisch-ökonomischen Ordnung" (Exeler/ Lorscheider
1984, S.24f).
Die Kirchlichen Basisgemeinden (KBG) sind ein Aufruf zur Verantwortung.
Der Lernprozeß der Basisgemeinden ist ein doppelter: Er betrifft die
Übernahme von Verantwortung und Mitsprache sowohl in der Kirche als
auch in der Gesellschaft. Nach Aloisio Lorscheider und Karl Rahner
liegt die Zukunft der Kirche in der Schaffung und Entwicklung dieser
kirchlichen Basisgemeinden. "Kirchliche Basisgemeinschaften garantieren
die Zukunft der Kirche, sind Bindeglied zwischen Familie und Pfarrei,
sind Ausgangspunkt zum Aufbau einer neuen Gesellschaft, einer ‘neuen
Zivilisation der Liebe’" (Schwarz 1979, S.440). In der Entwicklung
dieser KBG, "in denen alle untereinander in Kontakt stehen und
gemeinsam am Aufbau des Reiches Gottes mitten unter uns teilhaben,
liegt auch die Zukunft der Menschheit" (Exeler/ Lorscheider 1984,
S.144).
Die Basisgemeinden sind brüderliche Gemeinschaft, Entdeckung des
Dienstes als historische Berufung, bedeutsamer Ausdruck der
Auferstehung des Herrn. "Man kann feststellen, daß die kleinen
Gemeinschaften die zwischenmenschlichen Beziehungen intensivieren, die
Akzeptanz von Gottes Wort vergrößern, eine Neubetrachtung des Lebens
und eine Reflexion über die Wirklichkeit im Lichte des Evangeliums
fördern; sie betonen das Engagement für Familie, Arbeit, Wohnviertel
und lokale Gemeinde" (Puebla 1979, S.629). Damit leisten sie einen
großen Beitrag für die Schaffung einer neuen Gesellschaft. "Die KBG
antworten auf die dringende Notwendigkeit, daß die im sozialen,
wirtschaftlichen und politischen Leben marginalisierten großen
Mehrheiten nicht nur ein Betätigungsfeld der Kirche, sondern
authentischer Ausdruck der Kirche selbst werden, die von Jesus ‘mit’
den Armen ‘für’ die Armen gegründet wurde" (Iriarte 1991, S.72f). Der
Arme erscheint als Schlüsselkriterium für das gesamte politische
Handeln in der Gesellschaft (Puebla 1979, S.525, 792; vgl. Pixley/ Boff
1988, S.271).
Schluß
Trotz der vielfältigen Hindernisse, die der Befreiungstheologie in den
Weg gelegt worden sind, erfreut sie sich guter Gesundheit und besitzt
eine starke Dynamik. Ihre Vitalität entfaltet sich auf vielen Gebieten.
Innerhalb der Kirche fördert, ermuntert und stärkt sie eine neue Art
des Christseins in Gemeinschaft, nämlich die Kirche der Armen, die aus
einem weiten Netz von Basisgemeinden gebildet wird, die in ganz
Lateinamerika existieren. Auf speziell theologischer Ebene äußert sich
ihre Vitalität in methodologischer Vertiefung, in thematischer
Weiterentwicklung und in der Öffnung für neue Themen in universeller
und ökumenischer Perspektive, indem sie sich den Beiträgen der
Theologien der Dritten Welt, der Ersten Welt und anderer Religionen
öffnet und ihrerseits ihre eigene Art beisteuert, Theologie zu
betreiben. Doch außer einem religiösen, kirchlichen und theologischen
Phänomen ist sie gleichzeitig ein kulturelles, politisches und
soziales, das eine große Fähigkeit besitzt, in anderen Denk- und
Wirkungsbereichen Einfluß auszuüben.
Die Befreiungstheologie berücksichtigt heute nicht mehr generell alle
Unterdrückungsprobleme, sondern beschäftigt sich besonders mit dem
Problem der Indios und der Afroamerikaner. Es bleibt noch viel zu tun,
um eine Verbindung zu erreichen von Armentheologie und Indiotheologie,
von Sozialem und Kulturellem, von Befreiung und Anerkennung aller
Kulturen. Es geht nicht nur darum, diese Fragen nebeneinander zu
stellen, sie müssen miteinander verbunden werden. Auf dem Gebiet der
Ausgrenzung bleibt der klassische Diskurs der Befreiungstheologie
gültig, da die größte Armut und die größten Kommunikationsprobleme von
der kapitalistischen Wirtschaftsordnung verursacht werden. Die
Befreiungstheologie ist dabei, ausgehend von den Schwachen, einen
Ökologie-Diskurs zu erarbeiten. Außerdem engagiert sie sich in der
Sorge um die Befreiung der Frau. Sie entwickelt eine Spiritualität der
Barmherzigkeit, der Hoffnung und der Freude, ohne dabei die im Glauben
begründete Siegesgewißheit zu verlieren.
Zwischen den Theologien der Ersten Welt und der Befreiungstheologie
müssen neue Brücken des Dialogs gespannt werden. Denn obwohl sie sich
in verschiedenen Kontexten entwickeln, führen sie in den Augen des
protestantischen Tübinger Theologen Jürgen Moltmann denselben Kampf
"für das Leben und gegen den Tod, für Befreiung und gegen
Unterdrückung". Die Einheit aller Völker und Nationen muß im Rahmen von
prinzipieller Gerechtigkeit und Gleichberechtigung erreicht werden. Der
Kampf gegen die Armut wird weltweit geführt, das heißt in Hinblick auf
die ganze Welt, denn alle Menschen und Völker sind heute mehr denn je
voneinander abhängig (Medellín 1968, S.94).
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Schwarz,L.: Von Medellín nach Puebla. In: Ordenskorrespondenz, 20.
Jahrgang 1979, Heft 4
Sobrino, J.: Jesucristo Liberador. Madrid 1991
Sobrino,J.: El Principio Misericordia. Santander 1992
Tamayo,J.: Presente y futuro de la Teología de la Liberación. Madrid
1994
Velez,N.: Puebla: La Opción por los Pobres. In: Análisis de Puebla,
Theologica Xaberiana, Bogotá 1979
aus einem frankfurter flugblatt:
Rebeca Montemayor, Mexico
| A
Eva, la del principio |
Für Eva, die am Anfang war |
Descifrando
el vuelo de tu nombre
me doy cuenta
que se hace necesario
destejerme
entre los hilos de tu mito,
aguijón de parto,
espada, dolor,
al que cada mujer
se le ha envuelto
para callar
el grito de sus alas. |
Noch während ich
den Flug Deines Namens entschlüssele,
begreife ich,
daß ich mich entwirren muß
aus den Fäden Deines Mythos,
Stachel bei der Geburt,
Schwert, Schmerz,
in jeder Frau,
der den Schrei ihrer Flügel
zum Schweigen bringt. |
Empiezo a recobrar
mi voz y la memoria
dispersas en el agua. |
Ich beginne,
meine Stimme und mein Gedächtnis,
vom Wasser auseinandergerissen,
zurückzugewinnen. |
Me palpo,
ahora- soy yo- la que camina
entre la arena,
ya no ella,
la inventada.
La que nunca existió
en la Palabra. |
Ich betaste mich:
Jetzt bin ich es,
die über den Sand geht,
nicht mehr sie,
die Erfundene,
die es nie gegeben hat
im Wort Gottes. |
Me veo de frente
galopando,
a veces lento,
a veces recio;
con la risa y el miedo,
con la lucha y los suenos. |
Ich sehe mir in die Augen:
Mal renne,
mal schleiche ich,
mal bin ich stark
mit Lachen und Angst,
mit Träumen und Kampf. |
En fin, cada día crezco
y a la vez,
me pertenezco. |
Und doch:
Ich wachse mir entgegen
und bin mir täglich selber Segen. |
| Rebeca Montemayor, Mexico, |
Übersetzung: Christine
Rösener |
Dorothee
Sölle
Eine Theologie der
Befreiung für Europa
Was ist "Theologie der Befreiung"? - Ich beginne mit einem kleinen Text
aus meinem Buch "Gott im Müll. Eine andere Entdeckung Lateinamerikas"
(1992), der auf die Andersheit der Anderen, denen wir die Theologie der
Befreiung verdanken, hinweisen soll.
Eine Cholita (eine Frau vom Land in traditioneller indianischer Tracht)
kommt mit ihrem kleinen Kind zum Spielplatz. Sie gehen zu den
Schaukeln, wo gerade zwei andere, städtisch gekleidete Frauen ihre
Kinder in die Metallschaukeln klettern lassen. Die Frauen mit der
hellen Hautfarbe stellen sich hinter ihre Kinder und stoßen sie kräftig
an, damit sie weit fliegen. Sie ermuntern sie, hoch und weit weg zu
fliegen.
Die dunkelhäutige Frau steht vor ihrem Kind, sie zieht es nah zu sich
und läßt es auf sich zu fliegen. Das Kind gewinnt den Schwung aus der
Nähe zu ihr. Es kann die Mutter die ganze Zeit sehen. Es lernt das
unendliche Spiel der Beziehung: nah und fern, "ich bin bei dir" und
"ich komme nie wieder", je näher, desto weiter. Es lernt zu lächeln und
mit dem Lächeln zu spielen. Es lernt zu flirten; es versteckt sich,
indem es am höchsten Punkt die Augen zumacht, und es läßt sich finden.
Die beiden anderen Kinder, eins blond, eins braunhaarig, lernen etwas
zu leisten. Sie werden gelobt, nicht gelockt. Sie fliegen auf die Welt
zu, sie sollen sie ja erobern. Ihr "nochmal, nochmal" ist eine
Forderung, nicht ein Betteln. Ihre Mütter können durch andere Personen
ersetzt werden. Die Beziehung ist eine Nebensache, das Ich-Es
triumphiert über das Ich-Du. Offenen Auges sausen sie durch die Luft.
Der schüchterne Charme der Kinder der indianischen Kultur ist zu nichts
nütze; die weißen Kinder werden allzu früh entwöhnt.
Dafür schaukeln sie tatsächlich höher.
Das Aufkommen der Theologie der Befreiung in Lateinamerika ist nach
meiner Meinung das wichtigste Ereignis der Theologiegeschichte in der
zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts. Falls jemand dies für eine allzu
steile These hält, will ich mit meiner noch steileren Vermutung nicht
hinter dem Berg halten: Was in der Dritten Welt heute religiös und
theologisch geschieht, sollte mit der europäischen Reformation des 16.
Jahrhunderts verglichen werden.
Das Christentum findet eine neue Gestalt: Es bricht mit den alten
Loyalitäten und verliert zugleich den Schutz der alten Machteliten.
Banken und Militär stehen nicht mehr hinter der neuen Gestalt des
Glaubens. Gott (anders kann man es wirklich nicht ausdrücken!) zieht
auf den schlammigen Straßen der Elendsviertel des Subkontinents herum;
inmitten der Ausplünderung der Armen, der Folter der Subversiven, der
raffgierigen Zerstörung der tropischen Regenwälder geschieht es, daß
Männer und Frauen Zeugen Gottes werden wie nur selten in einer
geschichtlichen Stunde, Zeugen der Liebe, Zeugen des Leidens um der
Gerechtigkeit willen.
Es ist kein Zufall, daß ich mit diesem Hinweis auf die Basis beginne
und den Kontext vor dem Text erwähne, die Fragen der Armen und der
Gequälten vor den Antworten der Gelehrten und relativ Gesicherten
nenne. Vielleicht ist es das Wichtigste, das wir aus der befreienden
Theologie lernen sollten, diese neue Hermeneutik, die weder dem
orthodox-traditionellen Paradigma folgt noch der historisch-kritischen
Methode des liberalen Paradigmas: eine Hermeneutik, die darauf
insistiert, Theologie als "den zweiten Schritt" anzusehen.
Der erste Schritt ist der Glaube, "wirksame Liebe, Aktion und
Engagement im Dienst am Menschen". Theologie kommt erst danach und ist
ein "zweiter Akt", wie Gustavo Gutierrez in seiner Theologie der
Befreiung (1968, S.17) sagt. Glaube ist Orthopraxie und kann nur in
einem tiefen compromiso (englisch: committment), einer absoluten
Selbstverpflichtung "zu Liebe und Dienst" gelebt und dann theologisch
reflektiert werden.
Wenn man die gegenwärtige deutsche Debatte reflektiert, etwa den Streit
um den verwesten Leichnam Jesu, wie ihn Lüdemann betreibt, ein Streit
zwischen Liberalismus und Orthodoxie, so läßt sich der Abstand
akademischer Theologie von der Fragestellung befreiender Theologie, von
dem leidenden Interesse an Orthopraxie ermessen!
Hier liegt ein hermeneutischer Bruch mit jeder Theologie; die, sei es
spekulativ oder auch wissenschaftlich, von ihrer eigenen Praxis
ablenkt, die sich grob-orthodox oder fein-wissenschaftlich von der
Kirche und ihrer Praxis und ihrem Subjekt, dem Volk Gottes,
verabschiedet hat. Ansatzweise ähnlich wie Karl Barth hat die Teología
de liberación mit dem liberalen Gesäusel gebrochen, die wohldosierte
Skepsis erübrigt und eine politische Hermeneutik des Evangeliums
entwickelt, die die Vorliebe Gottes für die Armen ernst nimmt.
Diese "opción especial de Dios por los pobres" ist die Grundlage, sie
beruft sich auf die Berufung des Mose am Berg Horeb, dem Gott sagt:
"Ich habe das Elend meines Volkes gesehen, ich habe den Schrei des
Volkes gehört" (Ex.3,7f.).
Diesen Schrei zu hören, gehört ins Herz der Befreiungstheologie. Sie
beruft sich auf die lateinamerikanische Bischofskonferenz von Medellin,
1968, die ihrerseits an die große Tradition des Zweiten Vatikanischen
Konzils mit Papst Johannes XXIII anknüpft.
Ohne die katholische Laienbewegungen, einerseits der Action catholique,
die vor allem durch ihre Jugendarbeit Zehntausende von katholischen
Laiinnen und Laien geprägt hat, andererseits der Methode des in
Lateinamerika entwickelten Cursillo, einer anderen Art von religiösem
Unterricht in Kursen, wären die neuen Entwicklungen an der Basis
unmöglich gewesen. "Die Armen sind die Lehrer", heißt es, ganz im Sinne
Paulo Freires.
Indessen hat sich ihre Situation weiterhin verschlechtert. Das Ziel
heutiger Bemühungen ist weniger, die Armut abzuschaffen, als sich der
Armen zu entledigen. Sie sind innerhalb der globalisierten
Weltwirtschaft überflüssig, expendable, wie Franz Hinkelammert sagt.
Die Vernichtung der Subsistenzwirtschaft im Interesse globaler Märkte
schreitet voran. Dazu noch einmal eine kleine Geschichte aus "Gott im
Müll".
Das mexikanische Landwirtschaftsministerium macht der indianischen
Bevölkerung im Süden, an der Grenze zu Guatemala, interessante
Vorschläge. Wollt ihr nicht zur Viehzucht übergehen? Und für den Export
produzieren? Ihr bekommt das Vieh umsonst von der Regierung!
Die Gemeinde berät sich lange. Mais und Bohnen, die
Grundnahrungsmittel, will sie behalten. Aber einige Kühe wären sehr
schön. Die Leute kommen überein, daß sie fünfzig Stück Vieh brauchen
könnten.
Der Berater erklärt: "Fünfzig Stück? Das wäre ja lächerlich. Ihr sollt
fünfhundert haben!"
"Dafür haben wir kein Land."
"Ihr habt doch genug schönes Weideland für das Vieh."
"Wir brauchen das Land für Mais, Bohnen, Gemüse. Davon leben wir."
"Gebt das auf, ihr braucht es nicht mehr. Verkauft Rindfleisch und
kauft euch den Mais, den ihr braucht."
Die Campesinos erinnern sich an das Nachbardorf, das sich vor zwölf
Jahren zu einem ähnlichen Schritt entschlossen hat. Die Leute wurden
zur Kaffeeproduktion überredet und verdienten eine Zeitlang nicht
schlecht. Aber als der Kaffeepreis auf dem Weltmarkt sank, wurden sie
ihren Kaffee nicht mehr los. Sie merkten, daß man Kaffeebohnen nicht
essen kann.
Der Berater läßt sich nicht beeindrucken. "Fünfhundert Kühe oder
nichts, mein letztes Angebot", erklärt er. Die Verhandlung scheitert.
Wo früher Mais und Bohnen angebaut wurden, wachsen heute Orchideen für
die reichen Länder. Die Rolle der Elendsländer ist bestimmt durch die
Schuldenfalle und die restriktiven Bedingungen, die die internationalen
Finanzeliten, Weltbank und Währungsfonds, diktieren. Für die Menschen
in der Dritten Welt bleibt übrig, sich am Organhandel und am
Prostitutionstourismus zu beteiligen oder als Abfallgrube zu fungieren,
wie Giaconda Belli das in dem Zukunftsroman Waslala am atomaren Abfall
dargestellt hat.
*
Was bedeutet Befreiungstheologie im Europa der "global players"? - "Man
sollte, so weit es nur irgend möglich ist, so leben, wie man in einer
befreiten Welt glaubt leben zu sollen, gleichsam durch die Form der
eigenen Existenz, mit all den unvermeidbaren Widersprüchen und
Konflikten, die das nach sich zieht, versuchen, die Existenzform
vorwegzunehmen, die die eigentlich richtige wäre. Dieses Bestreben ist
notwendig, zum Scheitern und zum Widerspruch verurteilt, aber es bleibt
nichts anderes übrig, als diesen Widerspruch bis zum bitteren Ende
durchzumachen. Die wichtigste Form, die das heute hat, ist der
Widerstand", schrieb Adorno einmal.
Ich versuche, unser Gefängnis der Ersten Welt am Ende des Jahrtausends
zu beschreiben. Es scheint mir durch zwei Tendenzen bestimmt, die sich
als "Globalisierung" und "Individualisierung" perfekt ergänzen. Wir
leben seit 1989 in einer vereinheitlicht globalisierten
Wirtschaftsordnung der Technokratie, die eine absolute Verfügung über
Raum, Zeit und Schöpfung beansprucht und herstellt. Die Maschine,
getrieben von dem Zwang, mehr zu produzieren, läuft - von
technologischen Erfolgen unvorstellbaren Ausmaßes bestätigt. Sie ist
auf ein "mehr" an Schnelligkeit, Produktivität, Verbrauch und Gewinn
für etwa zwanzig Prozent der Menschheit hin programmiert.
Dieses Programm ist effektiver und gewalttätiger als alle historisch
vergleichbaren Großreiche mit ihren babylonischen Türmen. Innerhalb der
Großmaschine sind Menschen nicht nur, wie Marx es gesehen hat,
"entfremdet" von dem, was sie werden könnten, sondern zugleich süchtig
und abhängig wie nie zuvor.
Eine der spirituellen Schwierigkeiten in unserer Lage ist der innere
Zusammenhang zwischen Globalisierung und Individualisierung. Je
globaler die Weltwirtschaft sich organisiert, je desinteressierter sie
sich allen sozialen und ökologischen Eingebundenheiten gegenüber gibt,
desto mehr benötigt sie als Ansprechpartner das reine Individuum ohne
jede Beziehung, den homo oeconomicus, jenes geschäfts- und genußfähige
Einzelwesen, das - von Gott ganz zu schweigen - auch an den Tretminen,
die sein Autohersteller produziert, oder am Wasser seiner Enkelkinder
kein Interesse zeigt.
Während der alte nationale Staat als die Instanz des Rechtes und des
Schutzes der Schwächeren "verschlankt", abgebaut und entmachtet wird,
wird das Individuum als das grenzenlos konsum- und verbrauchsfähige
Lebewesen aufgebaut. Kaufen, Auswählen, Präsentieren und Genießen haben
indessen längst ihre eigenen Formen religiöser Inszenierung, des
"Kultmarketing", gefunden. Die Religion des Konsumismus braucht die
älteren und schwächeren Gestalten des Opiums des Volkes nicht mehr. Es
gibt überall bessere Opiate zu kaufen.
Innerhalb der Großmaschine wohnend empfinde ich das Neue Testament und
viele andere Stücke religiöser Menschheitstradition nicht mehr als
mythologisch verschlüsselt, sondern geradezu als aufklärend und
erhellend.
Das Neue Testament beschreibt die normale Befindlichkeit der Menschen
unter dem römischen Imperium als ein Im-Tode-Sein. "Wir wissen, daß wir
aus dem Tod ins Leben gekommen sind", heißt es im ersten Johannesbrief
(1.Joh.3,14). Tod wird hier die Normalität der Unterwerfung unter die
alles beherrschende Gewalt genannt.
Entfremdung, Sünde und Sucht sind verschiedene Namen des sich als Leben
verkleidenden spirituellen Todes, von dem wir "umfangen" sind. Im
gleichen Sinn spricht Paulus davon, daß wir "Feinde Gottes" waren (Röm
5,10).
Auch dieser Ausdruck enthält nichts, was wir als mythologische
Projektion zurückweisen müßten. Die religiöse Tradition hilft vielmehr,
unsere Rolle an der Spitze der Weltgesellschaft richtig zu benennen:
wir sind Feinde der Erde, Feinde von mehr als zwei Dritteln aller
Menschen, Feind dem Himmel über uns und Feindin auch uns selber.
Hildegard von Bingen spricht über den "Gestank" des Todes, der über
unserer Erde liege. Wer sich ihm subjektiv entziehen zu können glaubt,
hat sich schon mit der Großmaschine arrangiert. Er oder sie benutzt sie
bewußtlos, profitiert von ihren "guten Seiten" und erfährt dabei den
gestreckten Tod, den die Maschine für die Seele eingeplant hat.
Dieses Zusammenspiel von Weltherrschaft der Konzerne in der
Globalisierung und einer neuartig inszenierten Individualisierung ohne
Rest, ohne Bindung an die Geschwistergeschöpfe, erscheint hoffnungslos,
ein Weiter-rasen auf den apokalyptischen Untergang hin wird von vielen
Nachdenklichen als unaufhaltsames Fatum angenommen.
Können wir denn noch so leben, "wie man in einer befreiten Welt glaubt,
leben zu sollen"? Das hieße doch zu insistieren auf einer anderen
Vision vom gemeinsamen Leben, aus der das Widerstehen sich speist. Sind
solche Visionen nicht längst aufgekauft und zu einer schädlichen
Privatangelegenheit gemacht? Gibt es überhaupt noch Formen des
Widerstands, lohnt es sich noch zu protestieren oder den zivilen
Ungehorsam in neue Formen einzuüben und zu praktizieren?
Und ist nicht gerade die Spiritualität der Mystik, aus der Widerstand
wachsen könnte, längst Teil des Marktes geworden, vor dem sie zu
schützen versprach? Ich kämpfe mit meiner eigenen Weltangst und dem
Gefühl, daß die Religion in einen geistlosen Materialismus hinein
stirbt. Es ist kein Zufall, daß ich Hilfe suche gerade bei denen, die
"die dunkle Nacht" der Geschichte und der Gottesfinsternis kannten.
Wenn wir nur "die Herren dieser Welt" anstarren und die Masse der
unschädlich gemachten Einzelnen, dann sehen wir noch nicht mit den
Augen des anderen Blicks. Die Weltangst umfängt uns dann und sperrt uns
in das best eingerichtete Gefängnis, das es je gab. Das Neue Testament
bietet eine andere Perspektive. Sein soziologisches Modell sind weder
die Massen noch die einzelne Seele, sondern die Gruppen, die sich
gemeinsam auf einen neuen Weg machen. Innerhalb der Geschichte
christlicher Mystik beriefen sich die aufrührerisch-mystischen
Bewegungen immer wieder auf die Urgemeinde und ihre Lage im antiken
Imperium. Sie sprachen damit eine Zeit an, in der nicht eine geordnete
patriarchale Hierarchie entschied, was Gottes und was des Kaisers sei,
sondern die Gruppen selber sich auf Gottes Recht gegen das des Kaisers
beriefen.
Ihr Verständnis von Religion war nicht das - in Rom wie in Washington
als harmlos geltende - Praktizieren religiöser Rituale. Die liberale
neuzeitliche Vorstellung, daß Religion Privatsache sei, ist ahnungslos
gegenüber der mystischen Glut, die andere Verwirklichung, andere
Lebensrealität immer gebraucht und gesucht hat.
Die Urgemeinde verweigerte sich bestimmten gesellschaftlichen Angeboten
und Zwängen des Imperiums. Sie vermied Besuche von Theatern,
öffentlichen Bädern oder Zirkusvorführungen.
Christen versuchten das - wegen der Abschreckung erwünschte - Zuschauen
bei der öffentlichen Vollstreckung von Todesurteilen zu vermeiden. Alle
Veranstaltungen, die mit Militär, Eidesleistung und Weihrauch für den
Kaiser verbunden waren, hielten sie für Teufelszeug.
So vermieden sie das, was in der römischen Kultur als "circenses" galt,
unterhaltsame Spiele zur Ablenkung der Massen von den realen Problemen.
Abstinenz, Distanz, Dissenz, Widerspruch und Widerstand gingen in ihrer
Minderheitskultur ineinander über. Genau an diesen Formen des Nein zur
herrschenden Kultur orientierten sich auch die späteren Dissidenten.
Mystik macht auch dort, wo sie sich extrem individualistisch gibt, zur
Gemeinschaft fähig. Sie muß und will heraus aus der Privatisierung der
Freude, des Glücks, des Einsseins mit Gott. Der Tanz der Gottesliebe
kann nicht allein getanzt werden. Er bringt Menschen zusammen. Die
Gemeinschaftlichkeit Gottes, von der Ruybroeck spricht, bringt Menschen
heraus aus der harmlos angesehenen "rein religiösen" Betätigung. Das
Verständnis von menschlicher Würde, von Freiheit, von Gottfähigkeit
oder von den Funken läßt sich nicht auf einen religiösen Spezialraum
einschränken, in dem es erlaubt ist, der Gottheit zu dienen oder sie zu
genießen, nicht aber sie mit den 80 Prozent der Überflüssigen zu teilen.
Die Hoffnungsträger im gegenwärtigen Szenario der "global players" auf
der einen und der isoliert-amüsierten Individuen auf der anderen Seite
sind Gruppen, die auf Freiwilligkeit, Kritikfähigkeit und eigene
Initiative setzen.
Diese Nichtregierungsorganisationen, zu denen ich auch die lebendigen
Teile der christlichen Kirchen rechne, sind politisch gesprochen die
Trägerinnen von Widerstand. Spirituell gesprochen verkörpern sie ein
anderes Subjekt als das im Gefängnis des Konsumismus eingeschlafene.
Was trägt sie, was hält sie wach, warum geben sie nicht auf? Ich denke,
es sind Elemente von Mystik, die sich nicht auslöschen lassen. Sie
treiben den Prozeß der Befreiung voran in den drei Zielen, die sich
befreiungstheologisch als Gerechtigkeit (oder eine andere
Wirtschaftsordnung), Frieden (anderer Umgang mit Konflikten) und
Bewahrung der Schöpfung artikuliert haben.
Gott ist das Nichts, das alles werden will, sagt Jacob Boehme
(1575-1624). Meine Angst sagt mir, daß sich dieses Nichts in der
globalisierten Welt immer weniger wahrnehmen läßt, sein Glanz ist immer
versteckter, das stille Geschrei immer mehr übertönt.
Aber das Nichts, das alles werden will, produziert seine eigene
Unbeirrbarkeit, ja seinen eigenen mystischen Trotz. Boehme denkt das
Göttliche als eine Bewegung, etwas Fließendes, Wachsendes, Treibendes,
als einen Prozeß. Wenn wir den Prozeß nachvollziehen, werden wir ein
Teil der Gottesbewegung und verbunden mit allen anderen.
Wenn wir an der Bewegung des Nichts teilhaben, so bedeutet das, daß
auch wir mit unserm Nichts leben, uns unserm Nichts stellen oder, wie
die Mystik es immer wieder gesagt hat, "zunichte werden". Ohne diese
Entkleidung des Glaubens, der nackt und bloß wird, können wir nicht an
dem Prozeß teilnehmen. Ego, Besitz und Gewalt gehören in den Bereich
widerständischer Entkleidung. Ichlos, besitzlos, gewaltlos zu werden,
es sind die Namen des Nichts, das auch unter uns Alles werden will.
Vor unseren Augen entstehen widerständige Gruppen, oft winzig, manchmal
ratlos, meist unorganisiert. Um diese neuen Hoffnungsträger
auszumachen, zu verstehen und zu stärken, und sich vor der eigenen
Weltangst zu schützen, ist es gut, das Element eines mystischen Trotzes
in ihnen wahrzunehmen.
Das vernetzte und sich verbindende Subjekt, das in den Widerstand
hineinwächst, ist nicht zerstörbar. Es bleibt "member", Mitglied, auch
wenn es das nicht immer weiß. Das Nichts, das alles werden will, bewegt
sich auch bei uns und in uns.
"Mystik ist Widerstand", sagte mir vor Jahren ein Freund, von dem ich
wissen wollte, wie denn das Verhältnis von Mystik und Widerstand zu
denken sei. Die Erfahrungen der Einheit mitten im Getriebe, das Hören
auf das "stille Geschrei" bringt uns notwendig in einen radikalen
Widerspruch zu unserer als normal angesehenen Lebensweise.
Serafin Ajhuacho: "Die kalten Winde des Nordens bringen den
Frost, der die Ernten zerstört."
Indigene Religionen
und der Dialog der Kulturen
Vorbemerkung
Als Heinz Schulze 1992 aus Anlaß des 500. Jahrestages der
"Kolonisierung und des Widerstandes indigener Völker Lateinamerikas"
eine Rundreise von idigenen Delegierten nach Europa mitorganisierte,
begegnete er dem methodistischen Pastor Serafin Ajhuacho aus Bolivien.
Serafin Ajhuacho ist Präsident einer Vereinigung quechua-sprachiger
Indios innerhalb der christlichen Kirchen.
In den Gesprächen ging es unter anderem um die Theologie der Befreiung
und ihr Verhältnis gegenüber den indigenen Religionen. Es ist noch
immer ein einschränkendes Verhältnis. Delegierte aus indigenen Völkern
diskutieren mit den Befreiungstheologen und fordern zum Beispiel, daß
die Befreiungstheologie die indigenen Religionen wahrnehme, akzeptiere
und respektiere.
Es geht vor allem auch darum, daß die Indios des Hochlandes wie des
Tieflandes nicht nur als "Arme" gesehen werden, sondern auch als
"Andere". Erst unter dieser Voraussetzung wird ein gleichberechtigter
Dialog möglich. Heinz Schulze bat Serafin Ajhuacho um einen Artikel zum
Verhältnis von indigener Religion und Befreiung.
Einleitung
Für uns Indios ist es schwierig, in schriftlicher Form über unsere
Vorstellungen vom Leben und über unsere Religion zu berichten. Das
Wissen über unsere Religiosität ist wenig verbreitet, und die Begriffe,
die wir verwenden, sind oft nicht genau in den Sprachgebrauch der
anderen Religionen zu übersetzen. Wir gebrauchen natürlich Sprache und
Begriffe im westlichen Stil, wenn es um Landrechte geht, um Ausbeutung,
und wenn es darum geht, von der herrschenden Gesellschaft verstanden zu
werden. Aber wir haben unsere eigene, "mystische" Sprache, in der
unsere eigene Geschichte wiedergewonnen wird. Und diese Sprache wird
mündlich weitergegeben.
Im Laufe der Zeit haben viele indigenas sich dem westlich-östlichem
Wissen und den Religionen untergeordnet. Dies entsprach nicht der
Absicht und dem Anliegen derjenigen, die die Religion gegründet hatten.
Es war Resultat von Unterdrückung, Zwang und kultureller Invasion. Dies
hat viele Menschenleben gekostet und die erzwungene Abgabe unserer
Rohstoffe und Reichtümer. Ich möchte einige wichtige Aspekte unserer
indigenen Religion(en) darstellen. Ich erwarte, daß die im
pädagogischen Bereich Tätigen - zumal wenn sie die Konzeption Paulo
Freires als Grundlage voraussetzen- ihre Schlußfolgerungen daraus
ziehen können.
Indigene Religion ist mit den Instrumenten der kritischen Vernunft
nicht zu messen, weil sie ein Ergebnis der Beziehungen zwischen
Menschen, der Natur und des Kosmos ist. Sie zeigt sich im konkreten
Leben mit all seinen Dimensionen. Sie zeigt sich in dem, was früher
war, und sie zeigt sich in dem, was sein wird. Deshalb kann niemand sie
als Besitz haben; sie kann nicht als Doktrin verkauft werden, denn sie
hat die Funktion, das Gleichgewicht in unserer gesamten Wirklichkeit zu
halten und auf diese Weise dem Leben Würde zu verleihen.
Die andine Religiosität: Menschen -
Natur - Kosmos
In diesem Teil von Abya-yala (Amerika; in indigener Sprache: großes,
fruchtbares Land), zu dem ich in Bolivien gehöre, ist andine
Religiosität das Ergebnis einer tausendjährigen Beziehung zwischen den
Menschen, der Natur und dem Kosmos. Ihre Hauptfunktion ist, das
Gleichgewicht zu halten. Unterschiedliche rituelle Handlungen tragen
dazu bei.
Die andine Religion ist nicht - wie das Christentum - zentral auf den
Menschen hin orientiert. Weder privilegiert sie noch diskriminiert sie
einen ihrer Teile. Jedes Teil hat seine Besonderheiten. Immer ist sie
darauf ausgerichtet, die kosmische Dimension im Dorf, in der
Gemeinschaft der Menschen wiederherzustellen. Diese Beziehungen
zwischen Mensch, Natur und Kosmos sieht sie; und sie begrüßt die
Unterschiede, die Verschiedenheiten als grundlegende Elemente für eine
Gleichheit, die nicht gleichmachend sein will. Dabei ist die
Herstellung des Gleichgewichts zwischen Mensch, Natur und Kosmos von
elementarer Bedeutung, weil ohne dieses Gleichgewicht das Leben keine
Bedeutung hat, eben aus dem Gleichgewicht fällt. Die Ähnlichkeit ist in
der Verschiedenheit.
Zeit und Raum
Die Elemente Zeit und Raum begründen die Einheit: Die Einheit von Zeit
und Raum (Kosmos) heißt PACHA. Sie setzt sich zusammen aus apajpacha
(die Welt "oben"), manjapacha (die Welt "unten") und akapacha ("in
dieser Welt"; die Welt der Menschen). Die Vergangenheit scheint auf die
Gegenwart und auf die Zukunft. Naupa heißt für uns Vergangenheit und
Zukunft. Und somit ist die Zukunft durch die Vergangenheit bestimmt. In
den religiösen Zelebrationen werden in symbolischer Weise die
kosmischen Elemente repräsentiert. Dies geschieht vor allen Dingen in
Konfliktsituationen, die das Gleichgewicht, aber auch, um bei
festlichen und religiösen Treffen die Teilnehmer und Teilnehmerinnen
"in die Pflicht" zu nehmen. Die mama coca, unsere heiligen Cocablätter,
spielen dabei oft eine Rolle.
Zeit verstehen wir nicht linear wie im Christentum, sondern in Form
einer Spirale, in der die Erfahrungen der Vergangenheit die Gegenwart
stärken und die Zukunft von der Vergangenheit abhängt. Eine dauernde
Anfrage ist in diesem Zusammenhang das Christentum für uns. Wegen
seines linearen Zeitverständnisses wird unsere Vergangenheit als Sünde,
als "Götzendienst" gesehen. Aber auch die Ideologen der Modernisierung
sehen unsere Vergangenheit als Grund für unseren sogenannten
Entwicklungsrückstand an. Wir werden als Sünder, als Gefangene unserer
Traditionen gesehen; und wir werden auf diese Weise zu Objekten für
Evangelisierung und Modernisierungsvorhaben. Immer noch gibt es
christliche Theologen (vor allem im Bereich evangelikaler Kirchen), die
unsere Kultur, unsere Religion als Götzentum verurteilen. Daraus leiten
sie das das angebliche Recht ab, unsere Religion umzuwandeln oder
christliche Kapellen über den heiligen Plätzen indigener Völker zu
bauen. Aus diesem Grund müssen uns auch unsere natürlichen Reichtümer
genommen werden, weil wir damit nicht effektiv umgehen können. Was wird
uns dagegen angeboten?
Es ist die Rede davon, daß wir gerettet werden sollen. Uns wird ein
himmlisches Königreich angeboten, wobei uns gesagt wird, daß zuerst
Leid und Elend auf Erden durchzumachen sind.
Warum akzeptieren diese Missionare nicht unsere Geschichte mit den
ayllus, den Dorfgemeinschaften, die eine soziale Organisationsform
erreicht haben, wie sie heute -auch in den sogenannten entwickelten
Gesellschaften- nicht unbedingt erreicht wird. Wir sind auch
vorsichtig, wenn heute von der Neuen Evangelisierung die Rede ist. Wir
befürchten, daß damit endgültig unsere Kultur und unser Sein
ausgelöscht werden soll.
Kulturelle Invasion
Ein Affe, der einen Fisch auf einen Zweig in einen Baum legte, wurde
befragt, warum er diesen Blödsinn mache. Er antwortete: "Ich habe den
Fisch aus dem Wasser geholt, damit er nicht ertrinkt."
Indigene Religionen kennen keine Dogmen
Wir verstehen unsere Religon nicht als Dogma, als Doktrin oder als
akademische Angelegenheit. Deshalb ist es schwer, von einer indigenen
Theologie zu sprechen. Auch die Zuordnung indigener Religion zu den
sogenannten Naturreligionen ist nicht genau. In christlichen Religionen
werden zum Beispiel die religiösen Kenntnisse (durch Spezialisten der
Indoktrination) denen vermittelt, die `unwissend´ sind. Dies hat den
Anstrich von Machtausübung von Seiten der `Wissenden´ den `Unwissenden´
gegenüber. In dieser Haltung hat sich das Christentum den indigenen
Völkern genähert. Es sucht auch immer neue `Nachfolger´, `Mitglieder´
und eine Institutionalisierung mit `Gemeindemarkierungen´. Die andine
Religion aber ist vor allem Teil des Lebens und keine Ansammlung von
Dogmen am Rande des Lebens.
Das Gleichgewicht halten: Indigene
Religion und der Dialog der Kulturen
Das Gleichgewicht ist die Einheit zwischen den Menschen, der Natur und
dem Kosmos. Diese Elemente schaffen eine Identität in der Ergänzung und
in der Vielfalt. Auf diese Weise wurde eine Gesellschaft geschaffen,
die auf Vielfalt setzt. Dies steht im Gegensatz zu modernen westlichen
und demokratischen Gesellschaften, in denen einige Wenige das Sagen
haben und die anderen sich unterordnen. Im Dialog der Religionen ist
auch zu bemerken, daß das augenblicklich praktizierte Christentum
überhaupt nicht demokratisch ist. Im Verhältnis zu uns indigenen
Völkern setzt es auf Druck und die Auslöschung unserer Kultur. Wir
werden im besten Falle als Objekte behandelt, denen Gerechtigkeit zu
geben ist. Auch die Theologie der Befreiung sieht uns noch zu sehr als
`Arme´und `Unterdrückte´ und noch zu wenig als gleichberechtigte
Partner für den Aufbau einer gerechten Gesellschaft, die bei uns ins
Gleichgewicht kommen muß, die aus dem Einklang von Mensch, Natur und
Kosmos entsteht.
Ungleichgewicht in der Natur bedeutet zum Beispiel die Zerstörung der
Fruchtbarkeit der Mutter Erde durch westliche Marktvorstellungen, durch
Vergiftung und Zerstörung der Erde durch Chemiegifte, Erdölproduktion
und Goldabbau mit Cyanid.
Ungleichgewicht bei den Menschen entsteht auch durch den Verlust
unserer Spiritualität: Ohne unsere Spiritualität sterben auch unsere
eigenen Organisationen. Denn sie sind nicht lediglich Organisationen
des Kampfes für Land usw.. In unseren Aufständen und unseren Märschen
für Land und Würde zeigte sich vielmehr die Kraft unserer
Spiritualität. Durch die westliche Kultur wurden Werte eingeführt, die
die Frauen besonders benachteiligen. Es ist unbedingt notwendig, den
Frauen nicht einfach `etwas zuzugestehen´, sondern sie weiterhin oder
wieder als Beteiligte, als Subjekte der Kultur und damit ihres Kampfes
für politische, wirtschaftliche und kulturelle Rechte zu sehen. Damit
können die Frauen ihre protagonistische Rolle wieder einnehmen, die sie
hatten oder die ihnen zusteht. Die indigene Frau ist Trägerin,
Schöpferin und Erzieherin von Kultur, Religion, Traditionen, und sie
ist Kämpferin in unseren Kämpfen und Aufständen. Frauen müssen sich aus
der Herrschaftsumarmung westlicher Kultur wie aus der
Unterdrückungsumarmung indigener Kulturen befreien. Unser Konzept
gründet sich auf dem Prinzip der Paarbildung; männlich und weiblich
ergänzen sich in allen Bereichen; Mann ist nicht ohne Frau denkbar.
`Oben´ ist männlich, `unten´ ist weiblich. Wir haben den Vater Sonne
und die Mutter Mond. Mensch und Natur sind eine Einheit. Deshalb können
wir Menschen unser Tun nicht von dem trennen, was im Kosmos geschieht.
Kosmische Unordnung und Ausbeutung
Eine Störung im kosmischen Gleichgewicht und eine neue westliche Form
der Ausbeutung sehen wir in der ESOTERIK. Ab 1990 bemerkten wir die
Auswirkungen, als Weiße sogenannte Kraftplätze bei uns suchten und
seltsame Sonnenriten auf den Gipfeln unserer Berge veranstalteten, wo
unsere apus, unsere Schutzgötter, ihren Sitz haben. Und wir hören
gleichzeitig von Indios, die in Europa mit `indianischen´ Riten und
Tänzen usw. die emotionale und spirituelle Armut dort ausnutzen und
befriedigen. Sie verdienen damit viel Geld und fügen den Teilnehmern
und Teilnehmerinnen dieser Veranstaltungen und auch uns großen Schaden
zu.
Indigene Spiritualität
Man kann sie schwer definieren, man muß sie leben. Es ist kein Haben
von Wissen, sondern es ist das Leben von Wissen. Man kann die
Spiritualität nicht abstrakt lehren; man erfährt sich als Energie und
man lebt damit. Spiritualität gehört nicht zur `Antimaterie´; sondern
sie ist bezogen auf das Leben; sie ist Körper und Seele; sie ist gobal.
Unsere Weisen wissen um diese Grundlagen und helfen den Menschen, im
Gleichgewicht mit dem Kosmos ( Gott) zu bleiben und der Natur zu
bleiben.
Das große Problem innerhalb indigener Religionen heute besteht darin,
daß sich viele Indios ins vorherrschende System integriert haben. Sie
sind Individualisten geworden und sehen sich nicht mehr als
Gemeinschaft, als Volk. Dies ist auch in den Gemeinden der Fall, deren
Pastoralagenten sich zur Theologie der Befreiung bekennen. Da gibt es
viele Herausforderungen. Ich bemühe mich als indigener Christ die Bibel
aus meiner Realität heraus zu lesen, sie im Kontext unseres Glaubens zu
verstehen. Dabei müssen wir gegenseitig die Beschränkungen unserer
Sichtweisen, der westlichen und auch unserer, sehen und akzeptieren. Es
geht nicht um einen Wettstreit, sondern um Ergänzungen- und dies auch
im politischen Leben. Wir treten ein für multiethnische und
plurikulturelle Gesellschaften.
Zu unserer Spiritualität gehören vier Aspekte:
- Spiritualität des ayllu (Dorfgemeinschaft)
- Erziehung des ayllu
- Wirtschaft des ayllu
- Zusammenleben des ayllu
Die Menschen setzen sich aus vier Elementen zusammen. Sie lassen sich
durch ihre vier Farben darstellen:
- ROT steht für Feuer und Sonne
- BLAU repräsentiert das Wasser
- GELB ist die Erde und
- GRÜN stellt die Luft dar.
Indigene Theologie
Wir unterscheiden, grob gesagt, drei Formen indigener Theologie. Da ist
zunächst die christliche indigene Theologie, die von den Weißen und den
Mestizen für die Indios ausgeübt wird, wenn sie zum Beispiel als
Missionare unsere Musik und unsere Tänze in ihren christlichen Ritus
einbauen. Dann gibt es die Form, die die getauften Indigenas, die
indigenen Pastoralagenten ausüben, indem sie ihre eigenen Formen mit
der christlichen Religion mischen. Schließlich haben wir die
nicht-christliche indigene Theologie, die aus unserer eigenen
Kosmovision entsteht.
Die Untersuchungen über unsere indigenen heiligen Traditionen sollen
von uns gemacht werden und nicht von Außenstehenden. Diese können uns
bei dieser Arbeit unterstützen. Internationale Organisationen und
christliche Kirchen sollen diese Arbeit, aber auch Treffen zum
Austausch über indigene Religionen finanziell unterstützen. Eine solche
Unterstützung ist eine moralische Pflicht auf dem Weg zur
Wiedergutmachung der angerichteten Zerstörung.
Gebet zum Gott des Lebens
Vom Osten kommt der Sonnenaufgang,
der Tag, die Hoffnung, die Stärke, die Wärme und das Wachstum
Der Westen erinnert uns an den Tod der Sonne,
das Eintreten der Nacht, die Ruhe, die Intimität, an Ruhe und Träume
Die kalten Winde des Nordens bringen den Frost, der die Ernten zerstört.
Vom Norden kommen die Gedanken der Eroberer
mit dem Netz des Todes, das uns unterdrückt und versklavt.
Der Wind des Südens bringt uns näher an die Schwelle der Hoffnung
unserer Völker, an die Stärke derjenigen, die leiden, an die Einheit
der Kleinen,
an die Utopie derjenigen, die das Leben und die Freiheit lieben.
Das Schauen zur Mitte bringt uns das Bewußtsein unseres Selbst zurück.
Das Schauen auf unsere Brüder und Schwestern erneuert in uns die Liebe
und die Solidarität.
Wir sind nicht allein, wir sind Viele.
Gehen wir zusammen - hin zur Neuen Welt.
Wir wollen frei sein
Es ist mir wichtig zu betonen, daß wir frei sein wollen: Wir wollen den
Dialog und keine Verhandlungen. Ich selbst bin Christ, aber ein
indigener Christ mit meiner eigenen Spiritualität und einer
Kosmovision. Ich kann und will mit unserem kulturellen Reichtum einen
Beitrag in dieser Welt leisten. Ich bin kein leeres Gefäß, das von
außen gefüllt werden muß.
Folgende Frage, die immer häufiger gestellt wird, ist gutgemeint, aber
falsch:
Was können wir Indigenas für die christlichen Kirchen heute beitragen?
Dies ist die Frage eines Unterdrückers an die Unterdrückten.
Anders ist zu fragen: Was können die Christen für die Indios tun?
Und die Antworten sind sehr konkret:
- Rückgabe dessen, was sie geraubt haben;
- zulassen, daß wir unseren eigenen Weg gehen können;
- unsere Befeiung zulassen und uns dabei unterstützen.
Übersetzung: Heinz Schulze
Sixta Dorotea Yucra, Perú
| El
grito de la flor color tierra |
Der Schrei der erdfarbenen
Blume |
| De dónde vienes y a dónde vas? |
Woher kommst Du und wohin gehst
Du? |
| Agar, india americana, vuelve! |
Hagar, amerikanische India, komm
zurück! |
hija de aborigen, flor de la
tierra
de dónde eres? No huyas mujer. |
Tochter der Eingeborenen, Blume
der Erde,
woher bist Du? Flieh nicht, Frau! |
Tu ausencia es enfermedad,
tu silencio es muerte. |
Dein Fehlen ist Krankheit,
Dein Schweigen der Tod. |
Flor oscura de color tierra,
vuelve a nosotros, no huyas. |
Dunkle, erdfarbene Blume,
komm zu uns zurück, flieh nicht! |
Madre india, tu raiz era
Mamapacha,
eras luz, eras vida, hija de dioses.
Hija del padre sol y Mamakilla. |
Mutter India, Deine Wurzeln
waren Mamapacha,
Du warst Licht, warst Leben, warst Tochter der Götter,
Tochter von Vater Sonne und Mamakilla. |
| Estás convertida a la sumisión? |
Bist Du zum Gehorsam gezwungen? |
| Te han convertido a la raza y a
la ley blanca? |
Haben sie dich der weißen Rasse
und dem weißen Gesetz unterworfen? |
| Te alimentaron del complejo,
discriminación y odio? |
Haben sie Dich mit Komplexen,
Diskriminierung und Haß ernährt? |
| Te culparon de hija de nadie? |
Haben Sie Dich als niemands
Tochter beschimpft? |
| Hermana nuestra, ven! |
Komm, unsere Schwester! |
| Juntas busquemos la libertad. |
Laß uns zusammen die Freiheit
suchen! |
Con nuestras manos creemos la
justicia,
construyamos la vida. |
Mit unseren Händen laß uns
Gerechtigkeit schaffen,
das Leben formen! |
| Chasca Lucero, de la aurora ven! |
Chasca Lucero, Strähne des
Morgensternes, der Dämmerung, komm! |
| Saquemos a otras, del lagar de
la opresión bestial. |
Gemeinsam holen wir noch andere
aus den Kellern der
unmenschlichen Unterdrückung heraus! |
Flor silvestre, levántate,
toma la bandera del amor y paz. |
Wilde Blume, steh auf,
ergreife die Fahne der Liebe und des Friedens! |
| Hija del sol, ven! |
Tochter der Sonne, komm! |
Juntos elaboremos pan de la vida
para los ninos pobres de América India y del mundo! |
Zusammen wollen wir das Brot des
Lebens backen,
für die armen Kinder des indianischen Amerikas und der Welt! |
|
|
| Sixta
Dorotea Yucra, Perú |
Übersetzung:
Christine Rösener |
|
|
Bärbel
Fünfsinn
Töchter
der Sonne: Feministische Befreiungstheologie in Lateinamerika
Angeblich soll die Befreiungstheologie ja schon fast tot sein, so kann
man immer wieder hören und lesen. Basisgemeinden gebe es kaum noch und
die Befreiungstheologie habe sich schon so sehr von der Basis entfernt,
daß sie keine Massen mehr berühre. Die Armen, für die in der
Befreiungstheologie eine Option getroffen wurde, hätten sich nun
ihrerseits für die Pfingstkirchen entschieden. Es stimmt: Die neuen
religiösen Bewegungen verzeichnen ein rasantes Wachstum. Allerdings hat
die Befreiungstheologie zu keiner Zeit Massen mitgerissen.
Nichtsdestotrotz lebt die Befreiungstheologie! - besser gesagt: Es
leben die verschiedenen Befreiungstheologien. Es gibt nämlich nicht die
eine Befreiungstheologie, mit der viele von uns Ernesto Cardenal
(Nicaragua), Leonardo Boff (Brasilien) und Gustavo Gutierrez (Peru)
verbinden - die Vätergeneration.
Seit den 80er Jahren hat sich einiges bewegt und neue
befreiungstheologische Ansätze haben sich entwickelt. Da sind besonders
die indianischen und die feministischen Richtungen zu nennen. Mit dem
wachsenden Selbstbewußtsein der indianischen Völker Lateinamerikas ist
eine Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln einhergegangen und die
Erkenntnis, wie wichtig es ist, die alten indianischen Weisheiten
wiederzuentdecken. So gibt es christliche Theologen und Theologinnen,
die zugleich ihre indianischen Traditionen pflegen.
Wurde und wird in der Befreiungstheologie von der Option Gottes für die
Armen gesprochen, so betonen die indianischen Völker und die Frauen
deutlich, daß nicht alle Armen einander gleich sind. Es ist ein
Unterschied, ob ich ein armer Campesino (Landarbeiter) bin, eine
Campesina (Landarbeiterin), die noch schlechteren Zugang zu Land und
Krediten hat, oder ob ich eine Angehörige der Guaraní in Brasilien bin,
die ganz elementar um ihre Existenzberechtigung kämpfen muß.
In diesem Artikel soll es im Weiteren um die feministische
Befreiungstheologie gehen, die in ihrer Entstehung eng mit der aktiven
Rolle der Frauen in den Volksbewegungen der 60er und 70er Jahre gegen
die ungerechten Regierungssysteme zusammenhängt.
Die Frauen begannen, sich in dieser Zeit selbst als Subjekte der
Geschichte zu begreifen, nicht zuletzt auch als geschichtliche Subjekte
der Befreiung. Dieser Schritt war grundlegend für die Entstehung eines
feministischen Bewußtseins. Damit einher ging jedoch auch die Analyse
der frauen-unterdrückenden Strukturen, die in der Kritik an der
ausbeuterischen Wirtschaft und der politischen Repression höchstens am
Rande Thema war. Die Frauen erkannten, daß sie "doppelt" oder
"dreifach" Ausgebeutete waren - als Arme, als Frau und als Indianerin
oder Schwarze. Trotz Revolutionen litten sie weiterhin unter
festgefahrenen Mustern in den Gesellschaften, die dafür sorgten, daß
Frauen im Hintergrund oder unsichtbar blieben.
Das folgende Gedicht von Mijele Najlis (Nicaragua) zeugt von der Kraft
des Aufbruchs, die Frauen zu Beginn der Frauenbewegung - und auch heute
vielfalls - zu eigen war:
Töchter der Sonne
Wir, die Töchter der Sonne,
die wir in die Schatten der Dämmerung schreiben,
die wir die Nacht entlang wandern
und im Lichte des Morgens wieder auftauchen,
Barfüßige im Schoße der Erde
säen wir auf den Feldern
und backen das tägliche Brot,
die wir die Sprache des Windes kennen
und gelernt haben, mit den Flügeln der Vögel zu fliegen,
die wir Lagunen im Blut haben
und unseren Körper mit Vulkanen bedeckt,
die wir es regnen sehen haben
auf die trockene Erde
und die müden Gesichter,
die wir die Intensität eines Blickes gesehen haben,
die wir die Falten der Alten gezogen haben
die wir das Brot mit unserem eigenen Blut geweiht haben
Wir zerreißen die Ketten
und machen uns auf den Weg
Für die feministische Theologie hieß das: Gottes Parteinahme für die
Armen ist immer eine Option für die armen Frauen. Dona Nilda, eine
Campesina aus Nordostbrasilien, hat das (1984) so formuliert: "Seit dem
Tag, an dem ich verstanden habe, daß Gott auf uns setzt, auch auf mich,
eine schwarze, schwache und unterdrückte Frau, gibt es nichts, was mich
aufhalten könnte im Kampf um Befreiung. Denn ich weiß, daß Gott und
sein Volk die Pharaonen von ihrem Thron stürzt."
Feministische Befreiungstheologie in Lateinamerika zielt auf die
Befreiung der "excluídos" und "excluídas" - derjenigen, die aufgrund
von materieller Armut, ihres Geschlechtes und / oder ihrer Hautfarbe
und kulturellen Tradition nicht als vollwertige und gleichberechtigte
Mitglieder in den jeweiligen Gesellschaften integriert und respektiert
sind. Dabei betont die feministische Theologie ihre Frauen-Perspektive
und wendet sich gegen jeglichen Androzentrismus, der immer noch die
verschiedensten gesellschaftlichen Bereiche - eben auch die Kirche und
die (Befreiungs-) Theologie - durchdringt.
In jüngster Zeit sind feministisch theologische Entwürfe - der
"ganzheitliche Ökofeminismus" - entstanden, die den Rahmen des
Christlichen überschreiten, die auf den Menschen zentrierte Theologie
überwinden und zu einer Verbundenheit mit der Natur und dem Kosmos
gelangen wollen.
Kennzeichen der feministischen
Befreiungstheologie
Folgende Kennzeichen beschreiben die feministisch theologische Arbeit
der Frauengruppen, die in den Städten und auf dem Land betrieben wurde
und wird und die sich nie nur auf rein akademische Zirkel beschränkt.
(Immerhin gab es 1994 schon 30 Theologiedozentinnen, von denen zwei
einen Lehrstuhl in feministischer Theologie innehatten - einen
Lehrstuhl, den frau an deutschen Universitäten mit Mühe finden kann.)
1. Vom Alltag für den Alltag
Feministische Befreiungstheologie wird immer von den eigenen
alltäglichen Erfahrungen aus betrieben und soll in den Alltag hinein
sprechen: "Frauen erzählen ihre Geschichten. Sie breiten ihr Leben
aus.... So viele Geschichten...! Im Alltag immer wieder von der
Geschichte ignoriert, auch von der Theologie. Wir machen Geschichte!
Wir machen Theologie im nicht selten brutalen Alltag... Wir rennen vom
Schreibtisch zum Herd, von den Töpfen zu den Kindern, von der Bibel zur
dreckigen Windel, vom Besuch eines Sterbenden zum Bett des Ausruhens
und der Lust. Theologie mitten in unserem zerstückelten, fragmentierten
Leben, aber dennoch voll von Augenblicken."
Abstrakte Reden von "dem Leben" oder abstrakte theologische Konzepte,
die mit der Realität in scheinbar keiner Verbindung stehen, sollen
vermieden werden. Theologie soll zu den zentralen Bereichen des Lebens
verständlich sprechen. Dafür genügt es nicht, eine rationale,
theo-logische Sprache anzuwenden. Um von dem Geheimnis des Lebens, von
dem Geheimnis Gottes, angemessen zu reden, ist die Sprache der Poesie
nötig, müssen in Feiern Symbole und Riten benutzt werden, die aus dem
Leben der Frauen heraus entwickelt werden.
2. Die Norm ist das Heute
Frauen, die sich als feministische Theologinnen verstehen, bleiben
nicht allein deshalb in der christlichen Tradition, weil sie mit ihr
aufgewachsen sind. Sie gehen davon aus, daß diese Tradition für ihre
Gegenwart Wichtiges zu sagen hat; gleichermaßen setzen sie auch voraus,
daß Gott Befreiung für Männer und Frauen will und einen absoluten
Respekt vor dem Leben hat. Letzteres heißt für sie, daß der Gott der
Jüdinnen und Christinnen ein Leben in Würde für alle Menschen will
sowie für die gesamte Schöpfung.
Die Traditon wird auf ihre Bedeutung für das Heute hin befragt und wird
je nach der aktuellen Situation umgestaltet - verändert und erneuert -,
so daß sie das Engagement der Frauen heute für eine gerechte Welt
fördert.
3. Offenheit für die Vielfalt und
Widersprüchlichkeit des Lebens
Es gibt im Leben nicht nur schwarz und weiß oder richtig und falsch,
auch nicht in der Theologie. Feministische Theologie bemüht sich um
Offenheit in ihrer Wahrnehmung dessen, was das Leben ausmacht. Solange
diese Offenheit gewahrt bleibt, besteht nicht die "Gefahr", neue Dogmen
zu errichten, die noch dazu oft einen exklusiven Charakter annehmen.
Ivone Gebara, brasilianische Theologin, vertritt ganz vehement diese
Haltung. Sie weiß, wovon sie redet, denn die katholische Hierarchie hat
ihr 1995 für ein Jahr einen "Maulkorb" verordnet - wie seinerzeit
Leonardo Boff - als sie es öffentlich wagte, Abtreibung unter
bestimmten Umständen als gerechtfertigt zu betrachten.
Phasen in der Entwicklung der
feministischen Befreiungstheologie
Die Entwicklung der feministischen Befreiungstheologie läßt sich grob
in drei Phasen gliedern, "die aufeinander aufbauen, parallel zueinander
laufen, einander ergänzen und erweitern. Sie sind nicht klar
chronologisch voneinander abzugrenzen, aber sie markieren wichtige
Meilensteinen und Schritte auf dem Weg der lateinamerikanischen
Theologinnen."
1. Entdeckung des Subjektseins
Es ist die aufregende Zeit der Volksbewegungen. In ihnen organisieren
sich Bauern und Bäuerinnen, ArbeiterInnen, die Initiativen, linke
Parteien und Solidaritätsgruppen aller Art organisieren. Sie leisten
weiterhin Widerstand, der schon in den sechziger Jahren begonnen hat.
Die von neuem an die Macht gelangten Militärs gehen repressiv und mit
viel Gewalt gegen sie vor. Frauen und Männer verschwinden und werden
gefoltert. Durch ihre Beteiligung an den revolutionären Kämpfen
beginnen die Frauen ihren eigenen Raum in den Volksbewegungen und
innerhalb der Gesellschaften einzufordern. Sie erkennen zunehmend, daß
die Strukturen, die die Gesellschaft in allen Bereichen bestimmen -
auch in der Kirche und der Theologie - von Männern geprägt und
dominiert sind.
Eine kritischere und veränderte Bibellektüre trägt wesentlich dazu bei,
Vergessene(s) in der christlichen Tradition wieder ans Licht zu holen.
Frauen wie Debora und Jael im Ersten Testament (Richter) oder auch
Judith (Judith), die wie viele Lateinamerikanerinnen sogar mit Gewalt
für die Befreiung ihres unterdrückten Volkes kämpften, gewinnen an
Bedeutung. Die Geschichte der ägyptischen Sklavin Sarahs, Hagar
(Genesis 16 und 22), eine mehrfach unterdrückte Frau, wird wichtig.
Hagar erfährt Gottes Unterstützung und verläßt die Sklaverei. Die
Prophetin Miriam (Exodus), die ihrem Bruder Mose zur Seite steht bei
dem Auszug des Volkes Israel aus Ägypten, wird neu beachtet und einige
Frauen mehr im Ersten und Zweiten Testament. Besonderes Interesse liegt
nach wie vor auf Maria, der Mutter Jesu, die nun als arme Campesina
begriffen wurde. Maria, die Jesus im Sinne ihres revolutionären
Glaubens erzogen hat - "Gott stößt die Gewaltigen vom Thron und erhöht
die Niedrigen" (Lukas 1,52) -, wird zu einer Mit-Befreierin der
Menschen.
Durch das Hervorholen der Frauengestalten in der Bibel erfährt die Welt
der Frauen, ihre Erfahrungen, ihre Sorgen und Freuden eine neue
Wertschätzung. Frauen sind nicht länger die Anhängsel der Männer,
sondern sie betrachten sich als die "Subjekte" ihrer Geschichte und die
ihrer Völker. Die Bibellektüre in dieser Zeit ist volksnah und
militant. Sie "muß befreiend sein und die Wirklichkeit verändern.(...)
Es werden nur die Texte gelesen, die über Befreiung sprechen und dann
auf die Situation von doppelt unterdrückten Frauen angewendet werden
können."
In einem "credo historico", einem historischen Glaubensbekenntnis, das
1992 anläßlich des 500 Jahrestages der Eroberung Lateinamerikas in
einem Gottesdienst gesprochen wurde, heißt es dazu: "Wir glauben an die
Frauen, die anfangen, die Bibel mit den Augen und dem Herzen von Frauen
zu lesen, indem sie die ganze machistische und patriarchale Last, die
die christliche Tradition der Bibel auferlegt hat, beiseiteräumen."
Die ganze patriarchale Last bzw. den patriarchalen Charakter der Bibel
kann niemand wegräumen, dann müßte man oder frau schon die Bibel
beseitigen, die nun mal von Männern geschrieben wurde. Vielleicht
standen jedoch die VerfasserInnen dieses Credo so unter dem Eindruck
der wiederentdeckten Frauengeschichten in der Bibel, daß sie auf eine
patriarchatsfreie Bibel hofften.
Mit den Frauen der Bibel, besonders mit denen, denen Leid zugefügt
wurde, können sich viele Lateinamerikanerinnen leicht identifizieren.
Die "starken" Frauen der Bibel verkörpern darüberhinaus ihre Hoffnungen
auf ein Leben als "Aufgerichtete" (vgl. Lk 8), ein Leben in Würde.
Allerdings werden die patriarchalen Stukturen, in denen sich die
biblischen Frauen bewegten und die lateinamerikanischen Frauen selbst
auch, nicht grundsätzlich hinterfragt. Das geschieht erst in der
nächsten Phase.
2. Feminisierung der theologischen
Entwürfe
Neue Arten des theologischen Redens werden von Frauen gefordert. Eine
Theologie von Frauen - das Wort feministisch wird erst langsam
akzeptiert - muß anders sein als die der Männer, "weil Frauen aus
mehreren Gründen andere Erfahrungen machen und eine andere Weltsicht
haben: aus kulturellen, biologischen und geschichtlichen Gründen...
[Die Frauen] versuchen, die weiblichen Elemente des Redens von Gott
wiederzuentdecken. Sie stellen den klassischen theologischen Diskurs in
Frage, der nur analytisch, streng rational und logozentrisch ist ".
Frauen möchten sich auch angesprochen und vertreten fühlen, wenn von
Gott, Jesus, dem heiligen Geist etc. die Rede ist. Die weibliche
Dimension der theologischen Inhalte soll in Zukunft nicht mehr
ausgeklammert werden.
Es sind die 80er Jahre, in denen Mittelamerika zum "Zentrum des
Kontinents" wird. Die SandinistInnen waren in Nicaragua an der Macht.
In Guatemala und El Salvador wurde weiterhin Krieg geführt, während die
Diktaturen im Süden an Einfluß verloren. Die USA setzte ihre
Repressionen mit Hilfe der Strategie des Low Intensity War
(Kriegsführung mit niedrigerer Intensität, d.h. weniger offensichtliche
Gewalt). Frauen haben sich in diesem Jahrzehnt höhere Plätze in den
Volksbewegungen und den Kirchen erkämpfen können. Ebenso erheben andere
Gruppen wie die Schwarzen und die Indígenas (IndianerInnen) ihre Stimme.
"Frauen drängen darauf, daß wir nicht nur eine Praxis der
Gerechtigkeit, sondern auch eine Zärtlichkeit brauchen, um die
Gefolterten und die Mütter der Verschwundenen zu trösten und die
leidenden Frauen mit solidarischer Liebe zu begleiten."
In dem Bemühen um ein verändertes Reden von Gott entstand in einem
kolumbianischen Frauenkollektiv folgendes Glaubensbekenntnis:
"Ich glaube an Gott,
Schöpferin des Himmels und der Erde.
Ich glaube an Gott als Vater und Mutter,
Trägerin der Zärtlichkeit und des Verzeihens,
der Kraft und der Hoffnung für alle Armen der Welt.
Ich glaube an das Wort und die Kraft des Lebens,
das in Gott seit Beginn des Lebens existiert,
eines Lebens, das Gott erfüllt und schön sehen will.
Ich glaube, daß es Gottes eigentliche Identität ist,
ein Gott der Armen zu sein, Beschützer der Schwachen,
der Herr und die Kraft des Volkes zu sein.
Wir glauben an Gottvater und Gottmutter,
Geist des Lebens, Spenderin der Zärtlichkeit
und des Widerstandes, des Mutes und der Solidarität."
Die Geschichte Jesu und sein Leiden wird in engem Zusammenhang mit den
eigenen Leidenserfahrungen gesehen. Er hat das durchlitten, was vielen
Menschen in Lateinamerika vertraut ist. Es entstehen Holzkreuze oder
Bilder von Kreuzen, auf denen Frauen im Zentrum abgebildet sind.
Sie symbolisieren das Leiden der Frauen und machen damit deutlich, daß
die Passion Jesu nicht einzigartig war. Gleichzeitig fallen diese
Kreuzdarstellungen durch ihre Farbenpracht auf und ihre
lebensbejahenden Bilder: Frauen, die auf dem Land arbeiten, die Kinder
stillen und Unterricht erteilen - "befreite" Frauen in ihrem Alltag.
In der Bibellektüre beginnen die Frauen, sich mit den patriarchalen und
frauendiskriminierenden Texten auseinanderzusetzen. Sie "kämpfen dabei
auch gegen bisherige Textauslegungen, die in der Regel patriarchaler
sind als die Texte selber."
Bei Texten, die keine Chance bieten, neu gelesen werden zu können und
nach wie vor frauenfeindlich sind, nehmen sich die Frauen die Freiheit,
sie nicht länger als normativ für ihr Leben zu betrachten.Kriterium für
den Umgang mit Texten der Bibel ist die Frage, inwieweit sie Frauen im
Engagement für ein befreites Leben fördern oder nicht.
In dieser zweiten Phase macht die Entwicklung der feministischen
Befreiungstheologie einen großen Sprung und gewinnt Profil. Es hängt
von dem eigenen Standpunkt ab, ob frau die kritische Anmerkung teilt,
daß diese Phase dennoch nicht den dualistischen und patriarchalen
Rahmen der Theologie sprengt.
Es wird weiter von einem Gottvater oder einer Gottmutter gesprochen,
der/die sich oberhalb der Menschen befindet - sicher auch in ihnen -,
der/die allwissend und vielleicht auch allmächtig ist. Die Trennungen
zwischen oben und unten, Mensch und Natur werden nicht aufgehoben.
3. Ganzheitlichkeit
Diese Phase ist noch sehr jung und hängt mit der Krise unserer Zeit
zusammen. Absolute Wahrheiten scheint es nicht mehr zu geben. Alte
"Welterklärungen" kommen an ihre Grenzen angesichts der wachsenden
Probleme, die die ganze Welt bedrohen, wie z.B. die ansteigende Armut
und die damit einhergehende Verelendung von immer mehr Menschen sowie
die voranschreitende Zerstörung der Lebensgrundlagen für alle.
Feministische Theologinnen kritisieren, daß ihre Theologie die
patriarchale und dualistische Denkweise nicht hinter sich gelassen hat,
die mitverantwortlich ist für die Zerstörung der Natur und das Leiden
so vieler Menschen - vornehmlich der Frauen und Kinder auf der
südlichen Erdhalbkugel.
Politisch ist mit dem "Fall der Mauer" 1989 eine veränderte Situation
eingetreten. Der Kapitalismus kann sich in seiner "vollen Kraft"
entfalten und muß sich keine Schranken mehr auferlegen, "er kann
definitiv von sich behaupten, die einzige Lösung zu sein und sich als
solche durchsetzen.
So entsteht ein totalitärer Kapitalismus, der ungezügelt und brutal
ist... Die Dritte Welt hat keine andere Alternative als sich zu
unterwerfen oder unterzugehen." Die Ideologie des Marktes wird alles
bestimmend und fordert in Form von sogenannten
Strukturanpassungsprogrammen große Opfer von den armen Ländern.
Die Theologin Ivone Gebara fordert eine komplette Rekonstruktion der
Theologie und nennt diese Phase "ganzheitlichen Ökofeminismus". Durch
einen ganzheitlichen Ökofeminismus, in dem die "normalen" Dualismen und
Hierarchien überwunden sind und demgegenüber die Verbundenheit alles
Lebendigen betont wird, können Wege gefunden werden, die den Menschen
helfen, ihre "Mission" heute zu erfüllen: alles dafür zu tun, daß Leben
auf unserem Planeten lebenswert ist und bleibt.
Im Ökofeminismus rücken die Beziehungen, die zwischen allem, was lebt,
existieren ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Alle sind mit allem
verbunden und können nicht ohne einander sein. Das heißt für die
Menschen, daß sie Teil der Natur und des Kosmos sind und nicht deren
BeherrscherInnen.
Niemand ist minderwertig, sondern "der andere bin auch ich, der Körper
der anderen ist auch mein Körper". Die Verwandtschaft zwischen allem
Lebendigen wird hervorgehoben, durch die neue Formen der Beziehungen
entstehen können, Formen, die nicht hierarchisch sind und die zum
Überleben beitragen.
"Wir sollten anfangen, unsere Straßen als unsere Körper zu empfinden,
das Wasser, das wir trinken und die Luft, die wir atmen wie unsere
eigenen Körper spüren, unsere Nahrung. Wir sollten den Hunger von
anderen stärker als eigenen Hunger empfinden, die Arbeitslosigkeit von
anderen als unsere Arbeitslosigkeit. Verstehe, daß all dies verknüpft
ist mit einem neuen kollektiven Verständnis von sozialer Gerechtigkeit."
Ivone Gebara als exponierteste Vertreterin des Ökofeminismus lehnt alte
theologische Denkschemata ab. Sie möchte den Anthropozentrismus hinter
sich lassen und von der "tiefen Relationalität des Menschen in
Gemeinschaft mit allem, was existiert" ausgehen.
In diesem Denkansatz leben Menschen, Tiere und Pflanzen durch und mit
derselben göttlichen Energie, die in allen fließt und sie erhält. Gott
ist nicht länger ein omnipotenter Herrscher oder ein von der Schöpfung
losgelöstes Wesen, das unabhängig für sich existiert. Gott ist die
Macht von unten, die mitten unter den Menschen und in allem Lebendigen
wohnt und deshalb nicht zu trennen ist, von dem, was Menschen erfahren,
fühlen und tun.
"Wir alle müssen die Kühnheit aufbringen Gott bzw. die Göttin auf
andere Weise zu ‘spüren’ und ‘zum Ausdruck zu bringen’, die
Intuitionen, die in uns wohnen, einander mitzuteilen, das andere rings
um uns herum zu begrüßen und unsere größten Hoffnungen gemeinsam mit
Tausenden und Abertausenden von Menschen zu pflegen."
Und dennoch geht das Göttliche nicht im Menschlichen allein auf, weist
immer auch darüber hinaus. Das Geheimnis, in dem alles lebt, das Wunder
des Lebens, ist nicht vollständig erklärbar, und es ist wichtig,
darüber zu staunen und sich dem "göttlichen" Geheimnis anzuvertrauen.
In Bezug auf Jesus und Maria, die beide - zumindest für die
katholischen ChristInnen - ErlöserInnen darstellen, erläutert Ivone
Gebara, daß sie Ausdruck tiefster menschlicher Wünsche sind. "Jesus,
der Christus, Maria, die Erlöserin, sind unser Siegeslied, sind die
Hoffnung, die immer wieder neu geboren wird, sind der unsterbliche
Wunsch nach Gerechtigkeit, sind Symbole der unauslöschbaren
Leidenschaft für die L i e b e."
Der christliche Glaube wird im ökofeministischen Denken, dem zur Zeit
im wesentlichen akademische Theologinnen anhängen, als ein möglicher
Schlüssel zu einem erfüllten Leben angesehen. Daneben gibt es auch
andere.
Trotz der Unzufriedenheit mit dem androzentrischen Charakter der Bibel
bleibt diese ein wichtiges Buch. In ihm sind Erfahrungen von Menschen
gesammelt, die sich genauso wie Menschen heute, nach einem Leben in
Gerechtigkeit und Würde sehnten.
Die Texte werden deutlicher als vorher auf Geschlechterbeziehungen hin
analysiert und darauf hin befragt, ob sie für das Leben sprechen.
Themen wie Alltag oder Körperlichkeit werden selbstverständlicher und
ganz selbstbewußt in die theologische Arbeit mit einbezogen. Bisher
weniger beachtete Bibeltexte finden neue Beachtung, wie z.B. das
Hohelied, in dem es um die Schönheit der körperlichen Liebe geht.
Dazu zitiere ich Nancy Cardoso Pereira, eine brasilianische
Alttestamentlerin,
die in ansprechender, sinnlicher und freier Weise das Hohelied
ausgelegt hat:
"Die christliche Tradition, wie sie uns in Lateinamerika geprägt hat,
ist immer ein effizientes Werkzeug der Unterdrückung von Sexualität und
den Ausdrucksformen der Liebe gewesen. Dies ist nicht nur ein Privileg
der konservativsten Kreise unserer Kirchen, sondern eine moralische
Scham, die auch von den fortschrittlichsten Gruppen geteilt wird (...).
Als wenn in der Liebe und in dem Kuß, in der Sexualität und in der
Sehnsucht, in der Eifersucht und im Hand-in-Hand-Gehen nicht auch
Inspiration und Grund für Gebete und Danksagungen, Sündenbekenntnisse
und Reue, Fasten und Nachtwachen, Nachdenken und Segen lägen. Auch in
der Bibelarbeit kommen Liebe und Sexualität nicht vor. Als wenn die
Texte der Bibel nicht vom Schweiß vieler Liebenden getränkt wären!
Gerade weil die Bibel die Erinnerung der Armen ist, eingebrannt in die
hoffnungsvollen und kämpfenden Körper von Männern und Frauen,
eingebrannt auch in ihre Beziehungen, gerade deswegen lebt die Heilige
Schrift von den Erfahrungen und Gesprächen der Liebenden.
Aber die Bibelinterpretation ist lange Zeit von den mächtigen Männern
der Kirche und der Welt des Wissens kontrolliert worden. Deswegen ist
aus der Bibel ein Lehrinstrument der Unterdrückung und der Moral
geworden, ein Kanon von verpflichtenden Tugenden, der Schweigen und
Gleichgültigkeit gegenüber dem Gedächtnis der Armen und den subversiven
Texten fordert, die doch eigentlich in allen Bereichen des Lebens
befreiend sind - auch in der Liebe."
Am Ende ihrer Einleitung zum Hohenlied fragt sie provokativ:
"Vielleicht sind ja auch die Methoden der Exegese und der Hermeneutik
zum Orgasmus fähig? Oder müssen wir uns mit der wissenschaftlichen
Frigidität zufrieden geben, die sich auf die bloße Forschung
beschränkt?"
Zum Schluß
In der Beschäftigung mit feministischen theologischen Arbeiten aus
Lateinamerika spürt mensch, daß es eine lebendige Theologie ist.
Lebendig, weil der Alltag selbstverständlich einbezogen wird, die
unterschiedlichen Lebensbereiche nicht ausgespart sind und auf dem
Hintergrund der gesammelten Erfahrungen wieder in die eigenen
Wirklichkeit hineingesprochen wird.
Es geht weniger darum, richtige intellektuelle Wahrheiten zu erarbeiten
als vielmehr darum, die konkrete Realität von lateinamerikanischen
Frauen, aber auch Männern und Kindern natürlich, kritisch wahrzunehmen
und sie zu verändern.
Die Leidenschaft in den Texten, die Liebe zum Leben und zu den eigenen
Leuten, das Ringen um frauengerechte Gesellschaften rührt an und wirkt
ansteckend. Theologie muß und darf nicht abstrakt, objektiv und somit
trocken, lebensfern und systemerhaltend sein. Befreiungstheologie
bedeutet, Partei zu ergreifen und das nicht zu verheimlichen, sondern
es laut und deutlich werden zu lassen.
Deutsche feministische Theologinnen, aber auch alle diejenigen, die in
Verbindung mit christlicher Theologie stehen, können sich von den
Schwestern in Lateinamerika dazu inspirieren lassen, mehr Poesie, Kunst
und Kreatives in ihr theologisches Arbeiten aufzunehmen und diese als
wichtige Elemente einer lebendigen Theologie, neben Wissenschaftlichem
und Logischem, zu begreifen. Das hätte und hat schon sehr belebende
Auswirkungen auf die Gestaltung von Gottesdiensten, Seminaren und
Unterrichtsstunden.
Genauso ermutigen die Lateinamerikanerinnen dazu, die eigene
Körperlichkeit nicht zu vergessen. Die geschlagenen und die
geschundenen Körper sowie die tanzenden und die Körper voller Lust
gehören mitten hinein in die Theologie und weisen darauf hin, daß
Gerechtigkeit auf der eigenen Haut spürbar sein muß.
In ihrer deutlichen Suche nach frauenbefreienden Strängen in der
christlichen Tradition benennen sie klar, was sie als unterdrückend und
nicht weiter beachtenswert für ihren Kampf und ein Leben in Würde
betrachten. Der Austausch darüber kann für Frauen in Lateinamerika und
hier sehr fruchtbar sein, weil sie neben ähnlichen Bewertungen auch zu
unterschiedlichen Erkenntnissen kommen, abhängig von ihren Kontexten.
Spannend ist die Weiterentwicklung einer ökofeministischen Theologie,
die auch in Deutschland noch in ihren Anfängen steht. Sie weist m.E. in
eine Richtung, die für eine überlebensfähige und "nachhaltige"
Theologie maßgeblich ist. Die Vernetzung derjenigen Frauen und Männer
dort und hier, die daran arbeiten, ist sicherlich sehr bereichernd. In
den verschiedenen Begegnungen mit lateinamerikanischen Frauen
beeindruckt mich immer wieder ihre Fähigkeit, an der Hoffnung auf eine
bessere Zukunft festzuhalten - trotz allem - und ihr Wille, das Leben
zu feiern, mitten im Dreck. In all den Schwierigkeiten, die Frauen in
Lateinamerika in ihrem Alltag zu überwinden haben, versuchen sie, die
Freude am Leben, an der Gemeinschaft und den kleinen Schönheiten nicht
zu verlieren, sondern sie auszudrücken. In einem brasilianischen Lied
heißt es dazu:
"Wer diese Fähigkeiten auf seiner Haut trägt, besitzt die seltsame
Manie, in das Leben zu vertrauen." Das können wir hier gut gebrauchen.
Wolfram Weiße
Der Kampf um eine gerechte
Gesellschaft.
Die
Vision des Reiches Gottes in südafrikanischer Befreiungstheologie.
"Zum Schluß möchte ich die schwarze Geistlichkeit wie auch alle
Schwarzen daran erinnern, daß es nicht Gottes Art entspricht, vom
Himmel herabzusteigen, um die Probleme der Menschen auf Erden zu
lösen." Kein Geringerer als Steve Biko, der in Südafrika eine
Schlüsselstellung für die auf Befreiung gerichtete
Black-Consciousness-Bewegung einnahm, hat als junger Mann diese Worte
an das Ende einer Rede gesetzt, in der er vor einem Publikum von
Theologen scharf mit der Ideologie einer auf Individualisierung und
Unterwürfigkeit gerichteten kirchlichen Praxis ins Gericht ging.1
Steve Biko, der seinen konsequenten Einsatz gegen die Apartheid 1977
mit dem Leben bezahlte, rührte mit seiner Kritik an die Diskrepanz, die
sich zwischen grundlegenden, auf Befreiung gerichteten Impulsen des
Ursprungs im Christentum und seinen institutionalisierten Formen im
Zusammenhang mit sozio-politischer Unterdrückung ergeben können.
So unmißverständlich seine Kritik an den deformierten Formen von
Kirchen, die den Rassismus in seinem Land stützten, war, so entschieden
arbeitete er mit Christen und christlichen Institutionen zusammen, die
wie er für eine Überwindung der Apartheid eintraten. Steve Biko wurde
damit zum Anwalt von Hoffnung auf Befreiung, der die politische
Dimensionen des Kampfes gegen Unrecht mit dem Potential einer Hoffnung
gegen täglich erfahrene Hoffnungslosigkeit zusammenhielt.
Der folgende Beitrag nimmt den zentralen christlichen Terminus für eine
solche auf Befreiung gerichtete Hoffnung auf: Reich Gottes. Im
einleitenden Teil wird eine Vorklärung des Symbols zu geben versucht.
Im Hauptteil werde ich auf Ansätze im Verständnis von Reich Gottes in
Südafrika eingehen und dabei auch die Ambivalenzen des Spannungsfeldes
von Befreiung und Unterdrückung berücksichtigen, denen sich dieser
Begriff dort ausgesetzt sieht.
Im Schlußteil werde ich eine kurze Auswertung zu geben versuchen, die
einige der von den Herausgebern dieses Buches angesprochenen
Kernprobleme aufnimmt, nämlich die nach der Dialektik von Herrschaft
und Befreiung, nach der Korrelation von Engagement und Theologie und
der Frage nach der "Option für die Armen" oder der "Option für den
Anderen".
I. Die Vision des Reiches Gottes:
Hoffnung gegen Hoffnungslosigkeit2
a) Hoffnung ist nicht Ersatz für die aktive Bekämpfung von
Unterdrückung. Hoffnung und Engagement gehören vielmehr zusammen. Dies
wußte Steve Biko, dies brachten Bauern bei einem gewaltfreien Protest
in Gorleben mit dem Transparent "Wer nicht zu träumen wagt, hat keine
Kraft zu kämpfen" zum Ausdruck, und dies vermittelt uns auch Paulo
Freire in dem folgenden Satz: "Der Versuch, im Kampf um die
Verbesserung der Welt ohne Hoffnung auskommen zu wollen, als ob dieser
Kampf allein auf geplante Handlungen oder auf eine rein
wissenschaftliche Herangehensweise reduziert werden könnte, ist eine
frivole Illusion." Im Christentum bildet die Verbindung von Hoffnung
und Gerechtigkeit einen grundlegenden Impuls, der sich in der Bibel an
vielen Stellen findet.
Die Visionen des Alten Testaments und die Zusagen des Neuen Testaments
drängen auf befreiende Alternativen: "Da werden die Wölfe bei den
Lämmern wohnen..." (Jes. 11,6) und: "Er hat mich gesandt, zu predigen
den Gefangenen, daß sie frei sein sollen..." (Jes. 61,1 und Lukas
4,18), oder: "Selig sind die Armen, denn ihrer ist das ‘Reich Gottes’"
(Mt. 5,3). Und im Magnifikat heißt es: "Gewaltige hat Gott vom Thron
gestürzt und Niedrige erhöht. Hungrige hat Gott erfüllt mit Gütern und
Reiche leer davongeschickt" (Lk. 1,52 f.). Kern der Verkündigung von
Jesus, die auf eine Verbindung von Hoffnung und Gerechtigkeit zielte,
war das Symbol des Reiches Gottes: "Darum sage ich euch: Sorgt nicht um
euer Leben, was ihr essen und trinken werden. Trachtet zuerst nach dem
Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles
zufallen." (Mt. 6, 25+33).
Gegenwärtig begegnen wir einer merkwürdigen Spannung: In christlicher
Tradition ist die Fülle des Hoffnungspotentials im Terminus "Reich
Gottes" ausgedrückt. Er ist aber für Kirchen wie für evangelische und
katholische Theologie bei uns immer mehr in den Hintergrund getreten.
Die Sprache der Hoffnung ist für viele nicht mehr Muttersprache, sie
erscheint fremd. Die Vision des Reiches Gottes ist für uns schwierig
geworden, und doch brauchen wir sie.
Der Begriff des Reiches Gottes ist schwierig und komplex: Sehen wir
zunächst auf die Schwierigkeiten: Der Begriff des "Reiches" erscheint
als antiquiert und nichtssagend. Er taucht im heutigen Sprachgebrauch
kaum mehr auf, wirkt gedrechselt ("dies ist mein Reich") oder verstaubt
("Reichspost", "Reichsbahn"). Er ist mit vordemokratischen Strukturen
verbunden ("Königreich") oder mit oberflächlichen Illusionen
(Disney-Land als "Magic Kingdom").
Der Begriff "Reich Gottes" steht zunehmend einem Bewußtsein entgegen,
daß - auch für Christen - die Näherung an das, was "Gott und sein
Reich" heißen könnte, problematisch ist. "Reich Gottes" hat in der
Kirchen- und Theologiegeschichte zudem eine nicht zu unterschlagende
Schattenseite. Reich Gottes ist mißbraucht worden, um politisch
aufgeladen die nationalsozialistische Ideologie und das "Dritte Reich"
zu legitimieren und kirchlich zu stützen. "Reich Gottes" wird bis heute
in kleinen religiösen Gruppierungen benutzt, um Einzelne zu entwerten
und sie dem "übergeordneten" Ziel des Reiches Gottes zu opfern (z.B.
bei den destruktiven "Davidianern" oder anderen religiösen
Zwangsgemeinschaften).
Und doch muß auch die andere Seite zur Geltung kommen.
"Reich Gottes" paßt sich nicht in unsere moderne westliche Gesellschaft
ein. "Reich Gottes" muß deswegen aber nicht als antiquiert gelten,
sondern kann als Gegenbegriff verstanden werden: gegen ein
Wirtschaftssystem, das mehr auf Konkurrenz denn auf Gerechtigkeit
zielt, gegen weltweite Ausbeutungsstrukturen, gegen eine Fragmentierung
des gesellschaftlichen Bewußtseins, das die zunehmende Spaltung in
Reich und Arm überdeckt, gegen eine rückhaltlose Ausbeutung der Natur
für kurzfristigen Profit. Reich Gottes ist bei genauerem Hinsehen kein
in sich geschlossener, sondern ein hoch komplexer Begriff, der
unterschiedliche Fragestellungen in sich birgt, der auf
Hoffnungsperspektiven anderer Religionen und Weltanschauungen offen ist
und der ein unterschiedliches Licht auf unsere ausdifferenzierten
Lebenswirklichkeiten wirft.
Es gibt eine Spannung zwischen Vereinnahmung und Abschwächung der
Vision des Reiches Gottes: Die Fülle des Begriffes von "Reich Gottes"
ist zu wahren, damit er nicht willkürlich zurechtgestutzt und für
bestimmte Zwecke instrumentalisiert wird. Hoffnung darf nicht in
Jeans-Werbung aufgehen.3 Das Symbol des Reiches Gottes muß von
Theologie und Kirche bei uns stärker beachtet werden, weil ansonsten
die Gefahr besteht, daß es von anderer Seite annektiert, verkleinert
und entwurzelt wird.
Wo die Innerlichkeit, Jenseitigkeit und passive Hoffnung auf das Reich
Gottes verabsolutiert werden, wird daraus statt Hoffnung Lähmung und
Rechtfertigung des status quo. Wo der soziale Bezug, die Diesseitigkeit
und das Erschöpfen in menschlicher Aktivität vereinseitigt wird, wird
aus Hoffnung Enttäuschung.
Es gilt deswegen, die Horizontale der Diesseitigkeit und die Vertikale
der Jenseitigkeit zusammenzuhalten. Diese Dialektik des
Reich-Gottes-Begriffes ist zu wahren angesichts einer Situation bei
uns, die Kurt Marti4 zutreffend beschrieben hat. Sein Gedicht ist auf
die Schweiz bezogen und trifft gleichermaßen auf uns zu:
reich gottes in der schweiz?
fragte der gast
aus bobrowskiland:
»...und wie steht es
mit dem reich gottes
bei euch
in der schweiz?«
bruder ach bruder
ragaz ist tot
karl barth ist tot
und auch uns
ist schon ganz elend
denn längst hat gott
seinen boden
unter unseren füssen
verloren
(an immobilienfirmen...)
bekümmert
tuscheln die kirchen
am grünen tisch
mit konzernen
inzwischen
verwerfen wir
beispielhaft demokratisch
ein mitbestimmungsrecht
nach dem andern
gleichzeitig
ruft immer mehr angst
nach immer mehr polizisten
und nach verschärfung
des strafrechts
(»zusammen mit IHM
wurden gekreuzigt
zwei räuber...«)
so ungefähr
bruder
und was das reich gottes betrifft?
ein glimmender docht
in den herzen den köpfen
von spinnern rebellen
und einiger stiller im lande
Mein Fazit lautet: Im Wissen um die Gefährdung und um die
Mißbrauchsmöglichkeiten von "Reich Gottes" ist es notwendig, die
Potentiale dieses Begriffes zu heben und die fordernden und
verheißungsvollen Dimensionen des Reich-Gottes-Symbols in seiner
Verbindung von Hoffnung und Gerechtigkeit erneut aufzudecken. In diesem
Sinne ist Reich Gottes vor allem auf individuellem, kirchlichen,
gesellschaftlichen und politischen Gebiet ein Kontrastbegriff gegen
Selbstgenügsamkeit, Machtförmigkeit und Resignation.
* Er setzt gegen scheinbar unüberwindbare
Mechanismen des vordergründigen Eigennutzes die Perspektive notwendiger
Veränderungen.
* Er bietet gegen scheinbar nicht zu reduzierende
soziale und ökonomische Gewalt den Kontrapunkt möglicher und
notwendiger Alternativen (im kleinen: z.B. solidarische Lebens- und
Wohnformen, im großen: Kirche als Kontrastgesellschaft).
* Er zeigt eine Perspektive für Ansätze von Hoffnung
gegen Hoffnungslosigkeit und widersetzt sich damit einer generellen
Tendenz von Utopieverlust.
II. Im Spannungsfeld zwischen
Unterdrückung und Befreiung
Ansätze zu "Reich Gottes" in Südafrika
In Südafrika hat der Begriff des Reiches Gottes im 20. Jahrhundert eine
eminent wichtige Rolle gespielt. Besonders im Rückgriff auf Calvin
bildete das Symbol des Reiches Gottes einen Focus sowohl für die
Hoffnungen und aktiven Bestrebungen auf Befreiung gegen Unrecht als
auch auf die Wahrung staatlicher Ordnung und struktureller
Unterdrückung. Im folgenden soll dies entfaltet werden, indem zunächst
die entsprechenden Ansätze der weißen Buren Südafrikas in ihren
Hauptansätzen und Entwicklungstendenzen beleuchtet, dann die Positionen
schwarzer (besonders auch reformierter) Christen in Zeiten der
Apartheid dargelegt werden und schließlich nach der Bedeutung von
"Reich Gottes" im gegenwärtigen Südafrika gefragt wird.
Die Bedeutung von "Reich Gottes" hat sich bei den Buren im Laufe des
20. Jahrhunderts drastisch verändert. Diese Veränderungen waren
wesentlich gebunden an die öffentliche Position, die die Buren und
"ihre" Kirche, die Nederduitse Gereformeerde Kerk (NG Kerk), in
Südafrika einnahmen.
Zu Beginn dieses Jahrhunderts war das Selbstverständnis der Buren durch
das Bewußtsein geprägt, ein auserwähltes und unterdrücktes Volk zu
sein. Die Übermacht englischer Kolonisatoren hatte die Buren im 19.
Jahrhundert dazu veranlaßt, sich ins Landesinnere zurückzuziehen. Mit
einer groben, wirkungsmächtigen Bibelinterpretation sah man sich in
Parallele zum Volk Israel auf dem Weg ins gelobte Land, betrachtete es
als selbstverständliches Recht, Schwarze zu verdrängen (denen man
technisch weit überlegen war) und hatte immer wieder damit zu tun, sich
gegen die nachrückenden englischen Kolonialtruppen (denen man
militärisch unterlegen war) zur Wehr zu setzen. In dieser - grob
skizzierten - Situation waren die Buren geprägt von einem
Erwählungsglauben, der die eigene Geschichte des "Exodus" und die Ziele
auf Durchsetzung eines eigenen Staates auf biblischer Basis als heilig
ansah. Dies leuchtete besonders deutlich im sogenannten Burenkrieg
(1899-1902) auf, in dem die englischen Kolonialtruppen mit großer
Übermacht und Grausamkeit die Buren in ihren Herrschaftsbereich
einzuverleiben suchten und diese sich mit einer Guerillataktik lange
erfolgreich wehrten.
Den moralischen Rückhalt dafür suchte man im christlichen Glauben, in
der Annahme, daß Gott auf der Seite der Schwachen sei. So sagte
Buren-Präsident Paul Krüger nach knapp einem Jahr Krieg vor seinem
Volksrat in einer Ansprache: "Seht das Blut, das nun bereits geflossen
ist. Wer trägt die Schuld daran? Wir wollen nichts als Frieden und
unsere Freiheit ... Der Tag der Gnade ist nicht mehr fern von diesem
Volke. Laßt uns nicht zweifeln, sondern Gottes Wort treu bleiben und in
seinem Namen streiten! Wenn uns das Wasser bis an den Mund geht, dann
ist, so wir uns ernstlich vor dem Herrn demütigen, der Tag der Gnade
da. Möge dann jedermann erkennen, daß es Gottes Hand ist, die uns frei
macht und niemand anders, auf daß der Mensch sich nicht rühme. ... Die
Ueberwindung und das Schwert ist in seiner Hand, und er gibt es an
diejenigen, die in seinem Namen kämpfen. Ist es nicht noch derselbe
Gott, der Israel zur Zeit Pharaos unter Wunder und Zeichen aus dem
Lande geführt hat?"5 Der Glaube an den Gott Israels führte Krüger zu
einer Identifizierung des Kampfes der Buren mit der Exodus-Geschichte
der Israeliten. Staatsführung und NG Kerk bildeten quasi eine Einheit
im Glauben an die göttliche Unterstützung des eigenen Kampfes. Die
Vision von "Reich Gottes" war identisch mit der Überwindung der
englischen Unterdrückung und der Durchsetzung einer eigenen
theokratischen Herrschaft.6
Die Annahme, trotz aller Schwierigkeiten und trotz der Niederlage gegen
die Engländer nach göttlichem Plan ein von Gott geschaffenes Volk zu
sein, blieb über Jahrzehnte dominant und bestimmte das Bewußtsein auch
in der Zeit ab 1948, als die Buren mit der Nationalpartei im Staat und
in ihrem Gefolge die NG Kerk auf dem Gebiet von öffentlicher Moral und
Erziehung die Macht errungen hatten.7 Die Nationalparteiregierung,
deren Mitglieder überwiegend bekennende Glieder der NG Kerk waren,
zielte darauf ab, ihre Vorstellung von Gerechtigkeit durchzusetzen.
Explizit war davon die Rede, das öffentliche Erziehungwesen so zu
gestalten, daß damit das "Reich Gottes" befördert, ja aufgerichtet
werden könne.8 Wie wir wissen, war diese öffentliche Ordnung, die die
Nationalpartei auf allen Ebenen durchsetzte, die Apartheid. In etlichen
Institutionen mußte die Rassentrennung in Zeiten der
Apartheidsregierungen allerdings nicht erst durchgesetzt werden: In den
reformierten Kirchen gab es so schon lange getrennte Organisationen für
die Weißen, für Coloureds und für Schwarze.
Für die NG Kerk blieb das Symbol des "Reiches Gottes" eine zentrale
theologische Kategorie. Wie man diese verstand, mögen drei Zitate aus
einer Synodalerklärung von 1974 zeigen. "Reformierte Kirche und
Theologie haben noch immer die wahre Gottesfurcht im Dienst an Gottes
Königsherrschaft auf allen Gebieten gesucht. Man hat das Heil immer so
interpretiert, daß es sich nicht nur auf das Ewige Leben jenseits des
Grabes bezieht, sondern auch auf die Not der Menschen in der
gegenwärtigen Welt. Und das mit guten biblischen Gründen."9 "Glaube
ohne Werke ist tot. Kirchen und Christen sind aufgerufen, durch Werke
der Liebe Zeichen der neuen Welt aufzurichten, dahin Gott mit uns
unterwegs ist. Paulus kann darin sogar von den ‘Mitarbeitern Gottes’
sprechen (1. Kor 3,9)."10 "Eine Kirche aber, die aus dem Kreuz und der
Auferstehung Jesu Christi lebt, kann das der Welt verheißene Heil und
das Kommen der Gottesherrschaft nicht gänzlich mit der strukturellen
Änderung der Gesellschaft noch die Gerechtigkeit Gottes mit
ökonomischer und sozialer Neuordnung noch die Freiheit der Kinder
Gottes mit der Demokratisierung des politischen Lebens
identifizieren."11 Haben wir hier den theologisch ausgewogenen
Standpunkt vorliegen, bei dem verschiedene Dimensionen des
Reich-Gottes-Begriffes angemessen berücksichtigt sind? Diese Aussagen
erscheinen alle als theologisch korrekt. Um ihre Bedeutung ermessen zu
können, muß der öffentliche bzw. politische Kontext, in dem sie stehen,
beachtet werden. Von den zitierten Grundannahmen aus konnte nämlich -
bei vorsichtiger Kritik weniger Auswirkungen von Apartheid - insgesamt
die Ideologie der Apartheid (die übrigens von einem Theologen, Eiselen,
entwickelt worden ist und sich keineswegs auf den ersten Blick wie ein
Manifest des Bösen liest) bestätigt werden. Im weiteren Textverlauf
wird "Nachdruck auf die Identität der je besonderen Volksgruppe" gelegt
und die "Anerkennung der Unterschiedlichkeit dieser Gruppen" für
unabdingbar angesehen, um so "Ordnung und Frieden am besten" zu
wahren.12 Die Tatsache, daß in Südafrika "Unterschiedlichkeit" der
Volksgruppen mit Rassen- und Besitzgrenzen, mit Herrschenden und
Unterdrückten identisch waren, fand im Synodalbericht keine Erwähnung.
Mit frappierender Offenheit wurde in der Schlußbemerkung allerdings
zugegeben, daß die Meinungsunterschiede zu anderen Kirchen nicht auf
theologischem, sondern auf politischem Gebiet gesehen werden.13
Der Begriff "Reich Gottes" hatte sich unter der Hand im Laufe einiger
Jahrzehnte von einer Hoffnungsvision aus einer Position der Schwäche zu
einem Leitmotiv aus der Position der religiös und politisch
Herrschenden gewandelt. Die Intensität der Annahme, kirchlich und
politisch von Gott geleitet zu sein, hatte sich gehalten. Die
Einbindung von "Reich Gottes" hatte sich indes drastisch geändert: Aus
einem Begriff der Hoffnung "von unten" war ein Instrument öffentlicher
Machtausübung "von oben" geworden. "Reich Gottes" wurde mit den
vermeintlich guten Absichten der Leitungsorgane in Staat und NG Kerk in
einer Perspektive gesehen. Demgegenüber bildeten Widerstand und Protest
gegen den Staat unerlaubte Aktivitäten gegen die in Geschichte und
Gegenwart als geheiligt angesehenen eigenen Ordnungen. Vielleicht
versteht man von hier aus das Mißtrauen z. B. schwarzer Christen
besser, wenn das Hauptbemühen mancher Theologen auf begrifflicher
Schärfe und - beim Reich-Gottes-Begriff - auf Ausgewogenheit der
vertikalen und horizontalen Dimension liegt. Sicherlich kann man aber
den Zorn der Betroffenen nachvollziehen, wenn allgemein richtige
Aussagen zum Reich Gottes faktisch mit einer Legitimation der
Apartheidspolitik verbunden waren.
Gegen eine solche Vereinnahmung des Reich-Gottes-Begriffes entstand in
den 70er und 80er Jahren aus den Kreisen farbiger und schwarzer
reformierter Christen entschiedener Widerstand. An erster Stelle ist
hier Allan A. Boesak zu nennen, der sich vehement gegen eine nach
rassistischen Gesichtspunkten strukturierte reformierte Kirche wehrte
und mit Rekurs auf die reformierte Tradition ein ganz anderes
Verständnis von "Reich Gottes" herausstellte. In einem öffentlichen
Brief an den südafrikanischen Justizminister im Jahr 1979 prangerte
Boesak dessen Warnung gegen oppositionelle Christen an, sich aus der
Politik herauszuhalten. Diese Forderung gälte doch offensichtlich nur
bei Infragestellung der herrschenden Politik: "Grundsätzlich haben Sie
gar nichts dagegen, daß Geistliche sich in der Politik engagieren -
solange dadurch nur Ihre Ziele unterstützt werden. Ein solcher
Standpunkt erscheint mir ebenso unvertretbar wie unehrlich. Außerdem:
Verleugnen Sie damit nicht Ihre eigene Geschichte? Waren es nicht die
burischen Geistlichen, die sich an die Spitze ihres Volkes stellten?
Waren sie es nicht, die ihrem Volk in seinem Ringen immer von neuem Mut
einflößten? Stand nicht die burische Kirche sogar im Burenkrieg mitten
im Kampf? Warum legen Sie heute diese Art von politischem Pietismus an
den Tag und lehnen ab, was Sie gestern und vorgestern dankbar aus
Gottes Hand genommen haben?"14
An anderer Stelle nahm Boesak diesen Rekurs auf die Geschichte auf und
unterstrich in eindrücklichen Worten, welcher Schaden durch eine
Vereinnahmung der Reich-Gottes-Vision durch burische Interessen der
reformierten Theologie entstanden sei:
"Reformierte haben den burischen Nationalismus entwickelt, haben ihn
mit der reformierten Tradition gleichgesetzt, wie sie burische Ideale
mit dem Reich Gottes gleichsetzten. Sie waren es auch, die eine
Theologie der Apartheid entwickelten. Das Evangelium verdrehten sie
dabei so lange, bis es zu ihren rassistischen Träumen paßte, um die
Apartheidideologie als soteriologisch überfrachtetes Pseudo-Evangelium
zur Erlösung aller Südafrikaner an den Mann bringen zu können. In
dieser Einzigartigkeit erblicken wir die Schande der christlichen
Kirche in diesem Land. Apartheid ist das Grab für Ansehen und
Glaubwürdigkeit der reformierten Tradition. Heute sind wir so weit, daß
viele Leute, ganz besonders Schwarze, anfangen zu glauben, Rassismus
sei die unumgängliche Konsequenz aus der reformierten Tradition."15
Gegen einen theologischen Ansatz, der aus der aktiven Hoffnung auf das
"Reich Gottes" ein stumpfes Sich-Einfügen in die vorgegebene soziale
Ordnung machte, verwahrte sich Boesak mit den folgenden Worten:
"Viel eher ist es unsere Aufgabe, menschliche Geschichte
herauszufordern, zu gestalten, wenn es sein muß, auf den Kopf zu
stellen, damit sie ein menschlicheres Gesicht zeigt, damit sie am Ende
den Normen des Reiches Gottes entspricht."16
Boesak wandte sich mit diesem Ansatz gegen eine - wie er sagte -
"armselige Theologie Europas und seiner weißen Mittelklasse"17 , die
sich in der Theologie der weißen Mittelklasse in Südafrika
widerspiegele. Für diese sei "Reich Gottes" lediglich ein Begriff, der
den Frieden des status quo nicht stören solle. Für schwarze
Südafrikaner hingegen könne "Reich Gottes" nur seine Kraft entfalten,
wenn damit eine Dimension konkreter Befreiung verbunden sei. Hierzu
erzählte Boesak eine Geschichte, die seine generelle Aussage plastisch
verdeutlicht:
"Ich erinnere mich an die Zeit, als ich in ein Umsiedlungsgebiet der
Ciskei kam. Zusammen mit einer schwangeren jungen Frau beobachtete ich,
wie Arbeiter des Bezirksrats Gräber aushoben. Mittlerweile heben sie
die Gräber schon vorher aus, weil sie wissen, so wie die Situation ist,
werden nächste Woche viele Kinder sterben müssen.
Und ich dachte: wenn man ein Kind zur Welt bringt, schenkt man Leben,
sie aber wird nicht Leben schenken. Sie wird ein Kind zur Welt bringen,
das wohl kaum das Alter von einem Jahr erreichen wird, sondern das
aufgrund der Lage wohl schon lange vorher sterben wird. Was bedeutet es
z. B. für diese Frau, mit mir über das Reich Gottes, über Frieden,
Liebe und Gerechtigkeit zu sprechen, wenn ich nicht zu ihr sagen kann:
Dein Kampf, daß dein Kind nach der Geburt auch am Leben bleibt - das
ist auch Gottes Kampf; wenn ich ihr nicht sagen kann: Gott hat für dich
Partei ergriffen; wenn ich ihr nicht sagen kann, daß diese Leute, die
ihr das antun, Gottes Zorn erfahren werden und sein Gericht; daß Gott
sich in diesem Sinne ihrer und ihres Kindes annehmen wird? Wenn ich ihr
das nicht sagen kann, dann darf ich mit ihr nicht über das Reich Gottes
sprechen."18
Generelle, erklärende und beispielhafte Aussagen von Boesak sind hier
so stark berücksichtigt worden, um Raum zu geben für die Möglichkeit,
eine Argumentation gegen eine herrschende Politik und Theologie
nachvollziehen zu können; um zudem Facetten eines Ansatzes authentisch
wahrnehmen zu können, der sich auf ein - damals in Südafrika - neues
Verständnis von "Reich Gottes" richtete, in dem tägliche Erfahrungen
von Unterdrückung den Ausgangspunkt von Theologie bildeten. Schließlich
ist dieser Ansatz so stark zur Geltung gekommen, weil er zeigt, wie
stark in der Gewichtung und in der Frage des Stellenwertes von "Reich
Gottes" die Situationsanalyse und die theologischen Prioritäten
zusammenwirken und zusammen gesehen werden müssen, wie stark Barrieren
im Verständnis von "Reich Gottes" von einer Mißbrauchsgeschichte
bestimmt sind.
Boesak hat mit einigen Formulierungen allerdings auch Illusionen
geweckt. Die zitierte Forderung, menschliche Geschichte so
umzugestalten, daß "sie am Ende den Normen des Reiches Gottes
entspricht", impliziert ein Wachstum und eine vollständige Durchsetzung
von Reich Gottes durch menschliche Anstrengungen. Diese Vorstellung ist
theologisch problematisch, aber auch politisch nicht unbedenklich, weil
damit Erwartungen geweckt werden, die unerfüllbar sind. Als Gegenpol
gegen eine auf Entmutigung gerichtete Politik und Theologie war Boesaks
Ansatz aber verständlich und vielleicht zeitweise notwendig.
Der Ansatz, "Reich Gottes" im Rahmen einer Theologie zu verstehen, die
die Situation der Unterdrückung zum Ausgangspunkt nimmt und mit der
Vision von Gottes Gerechtigkeit verbindet, fand sich auch bei etlichen
schwarzen Theologen anderer Konfessionen. So formte der Lutheraner
Zephanja Kameeta den 22. Psalm in die folgenden Worte um:
PSALM 22 von Zephanja Kameeta
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Mit deinen eigenen Worten, Herr, rufe ich dich an,
denn du allein verstehst mich wirklich und fühlst mit mir.
Du allein weißt, was es heißt,
wenn man verachtet und unterdrückt ist.
Ich bin ein Spott der Leute,
die alle Vorrechte im Lande genießen, verachten mich.
Es ekelt sie an, mich auf ihren Nebenstraßen zu sehen.
In ihren Zeitungen wird absichtlich einseitig von mir berichtet.
In ihren Zeitungsartikeln kennt man mich nur
als Dieb, Mörder, Räuber und Faulenzer....
In den Heimatländern, in den Blechhütten, diesen Brutkästen,
die sie in ihrem Radio und ihren Zeitungen
»Freundliche Altenwohnungen« nennen,
sitze ich unversorgt, verwahrlost, und meine Heimat ist weit.
Auf dich warte ich, eile doch, mich zu erlösen!
Ich ersticke im Staub ihrer Kontore,
denn mein ganzes Leben muß ich nichts als fegen
und Staub putzen.
meine Zeugnisse sind in ihren Augen nicht mehr wert
als naßgeregnetes Zeitungspapier.
tief in mir quält mich die Frage: Was ist der Sinn meines Lebens?
Auf dich warte ich, eile doch, mich zu erlösen! ...
Aber in dem allen werde ich nicht aufhören, von dir zu sprechen!
Ich will dich in unsern Gemeinden rühmen,
denn du hast die Leidenden nicht verachtet.
du wendest dich nicht stillschweigend ab.
Du offenbarst dich als der Erlöser aller Menschen.
Der Tag wird anbrechen, da aller Welt Enden deine Gerechtigkeit
sehen und schmecken werden!
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Auch in diesem Land. Amen 19
In ähnlicher Form, wenn auch weniger häufig und intensiv als Boesak,
verwendete der Anglikaner Desmond Tutu den Reich-Gottes-Begriff. Als er
noch Generalsekretär des Südafrikanischen Kirchenrates war, formulierte
er als Ziel dieses kirchlichen Zusammenschlusses, "Gott zu ehren und
dafür zu sorgen, daß Sein Reich in Südafrika verwirklicht wird und daß
die gespaltenen christlichen Kirchen in diesem Land wieder
zusammengeführt werden"20 . Auch hier gilt eine ähnliche Einschätzung
wie zu den zugespitzten Formulierungen von A. Boesak.
Als letztes von vielen weiteren möglichen Beispielen sei eine
Formulierung des schwarzen Theologen und Politikers Frank Chikane
berücksichtigt, der unterstrich, "daß es im Sinne der Botschaft der
christlichen Kirche ist, daß sie sich auf die Seite der Gerechtigkeit
stellt und daß sie sich deshalb bei den Opfern dieser Gesellschaft
wiederfinden muß. Das freilich heißt auch, daß sie einen Gottes»dienst«
an den Unterdrückern zu verrichten hat. Sie muß ihre Botschaft, die
Gute Nachricht vom Reich Gottes, auch den Tätern verkündigen. Sie muß
ihnen sagen, daß sie, wenn sie das Reich Gottes nicht anerkennen, wenn
sie nicht ihre Gewalt gegen das Reich Gottes beenden, sie die Gnade
Gottes verlieren werden, Gott sich von ihnen abwenden und sie richten
wird." 21
Dieses befreiungstheologisch ausgerichtete Verständnis von "Reich
Gottes" fand ein gemeinsames Forum in dem 1985 von Christen
unterschiedlicher Konfession und Hautfarbe geschriebenen
"Kairos-Papier". Die rund 150 Theologen, die dieses Papier zum
Zeitpunkt seiner Veröffentlichung im September 1985 unterschrieben
hatten, sahen in der damaligen Situation Südafrikas den Kairos bzw. die
Stunde der Wahrheit "nicht nur für die Apartheid, sondern auch für die
Kirche"22 .
Der Kairos wurde nicht nur als "Stunde der Gnade und der Möglichkeiten,
die angenehme Zeit, in der Gott uns zu entschiedenem Handeln
herausfordert" (ebd.) wahrgenommen, sondern auch als ein "gefährlicher
Augenblick, denn wird diese Chance verpaßt und nehmen wir sie nicht
wahr, wird der Verlust für die Kirche, für das Evangelium und für alle
Menschen Südafrikas unschätzbar sein" (ebd.).
In dem Grundsatzpapier sahen sich südafrikanische Theologen
aufgefordert, "die unterschiedlichen Theologien unserer Kirche zu
analysieren und eindeutige und mutige Aussagen zur tatsächlichen
Bedeutung dieser Theologien zu machen" (5).
Hierzu einige grobe Hinweise: Als erstes wurde die "Staatstheologie"
analysiert, die "ganz einfach die theologische Rechtfertigung des
status quo" (6) sei.
Damit war ohne Zweifel die Theologie der NG Kerk gemeint, die ohne
Zurückhaltung kritisiert wurde, z. B. in ihrem Gottesbild: "Hier ist
ein Gott, der die Hoffärtigen erhebt und die Armen erniedrigt - das
genaue Gegenteil von dem Gott der Bibel" (11).
Mit der zweiten Kategorie, der "Kirchentheologie", wurden die
englischsprachigen Kirchen analysiert, die als - in begrenztem Maße -
apartheidkritisch gelten. Bischof Tutu gehört einer dieser Kirchen an.
Auch mit dieser Theologie werde hart ins Gericht gegangen. Sie plädiere
für einen Reformweg und für eine Versöhnung, wie sie in privaten
Streitfällen in Form von Kompromissen angebracht sei.
Für Südafrika ging das Grundsatzpapier dagegen von einem Konflikt der
sozialen Ungerechtigkeit aus, der als "Kampf zwischen Gerechtigkeit und
Ungerechtigkeit, zwischen Gut und Böse, zwischen Gott und Teufel"
bezeichnet werden müsse: "Diese beiden Seiten versöhnen zu wollen, ist
nicht nur eine falsch verstandene Anwendung des christlichen Begriffs
der Versöhnung, sondern ein völliger Verrat an dem, was der christliche
Glaube überhaupt bedeutet" (13).
Gegen diese beiden Ansätze wurde eine prophetische Theologie gesetzt.
Dieser Ansatz und die darin verankerte Auffassung von "Reich Gottes"
kommt in der abschließenden "Botschaft der Hoffnung" zum Tragen. Hier
heißt es:
"Jesus hat uns gelehrt, von dieser Hoffnung als dem Kommen des Reiches
Gottes zu sprechen. Wir glauben, daß Gott in unserer Welt am Werk ist
und hoffnungslose und vom Bösen gezeichnete Situationen zum Guten
wenden kann, damit Sein Reich komme und Sein Wille geschehe wie im
Himmel, so auf Erden. In dem Maße, wie sich die Krise tagtäglich
zuspitzt, haben beide - Unterdrücker wie Unterdrückte - das Recht, von
den Kirchen eine Botschaft der Hoffnung zu fordern.
Doch Hoffnung braucht Bestätigung. Hoffnung muß genährt und gestärkt
werden. Hoffnung muß verbreitet werden. Den Menschen muß immer und
immer wieder gesagt werden, daß Gott auf ihrer Seite ist. Es gibt
Hoffnung. Es gibt Hoffnung für uns alle. Doch der Weg auf diese
Hoffnung hin wird sehr schwer und sehr schmerzhaft sein.
Auseinandersetzung und Kampf werden sich in den vor uns liegenden
Monaten und Jahren verstärken, denn es gibt keine andere Möglichkeit,
Ungerechtigkeit und Unterdrückung zu beseitigen. Doch Gott ist mit uns.
Wir können nur lernen, Werkzeuge seines Friedens zu werden, selbst bis
in den Tod. Wir müssen am Kreuzestod Christi teilhaben, wenn wir die
Hoffnung auf die Teilhabe an seiner Auferstehung unser eigen nennen
wollen" (28f.).
Als Beispiele für die als notwendig erachtete Teilnahme der Kirche am
"Kampf für Befreiung und für eine gerechte Gesellschaft" wurden die
Mittel des Verbraucherboykotts und der Arbeitsniederlegungen angegeben
(31). Als wirksame Formen des Widerstandes wurde ziviler Ungehorsam
genannt.
Das Kairos-Papier beinhaltete eine national und international stark
beachtete theologische Grundsatzreflexion mit besonderer Betonung einer
gesellschaftsrelevanten, auf Befreiung ausgerichteten Dimension. "Reich
Gottes" wurde dabei nicht als situationsunabhängige Vision angesehen
und die Zusage des Beistandes Gottes nicht als fester Besitz. In
Absetzung von einer "Gott-mit-uns-Theologie", wie sie von den Buren in
Südafrika (und von Kirchenführern in Europa z. B. während des Ersten
Weltkrieges) vertreten worden ist, waren sich die Kairos-Theologen
darüber im Klaren, daß diese Zusage nur insofern und solange gälte, als
damit ein Bestreben auf Befreiung gestärkt werde, das nicht
gleichzeitig oder im Laufe der Zeit auf Unterdrückung anderer gerichtet
sei.23
Die befreiungstheologischen Ansätze haben in ihren
theoretisch-analytischen wie praktisch-aktionsorientierten Elementen
einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, daß das "christlich-nationale"
Unrechtssystem Südafrikas unblutig abgelöst werden konnte.
III. Abschluß
Ich möchte drei Punkte resümierend und eher thetisch aufnehmen.
Zur Dialektik von Herrschaft und Befreiung: Das Beispiel Südafrika hat
gezeigt, daß ein Umschlagen von Befreiung hin zu Unterdrückung bei
unveränderter Terminologie möglich ist. In der Geschichte der Buren
wurden die Verfechter der Befreiung bald zu Exponenten der
Unterdrückung. Bestrebungen auf Befreiung sind aber durch den Hinweis
auf diese Möglichkeit nicht zu diskreditieren, so als ob immer aus
denen, die heute mit Erfolg um Befreiung kämpfen, die Unterdrücker von
morgen werden. Es gilt vielmehr, auf die inneren Motive und die Ziele
von Befreiung zu achten. Hierbei sind die Fragen zu stellen,
- ob die angestrebte Befreiung exklusiv den Interessen der eigenen
Gruppe entspricht oder perspektivisch auf die Befreiung aller gerichtet
ist,
- ob das fixierte Ziel nur auf die Überwindung von Unterdrückung
gerichtet ist,
oder darüberhinausgehend auf die Verwirklichung von ungeteilter
Gerechtigkeit
- ob der Kampf um Befreiung sowohl den individuellen als auch den
sozio-ökonomischen Bereich einbezieht.
Zur Korrelation von Engagement und Theologie: Befreiungstheologie im
Horizont von "Reich Gottes" birgt und verbindet von Anfang an
theoretische und handlungsorientierte Elemente. Glaubenssätze und
Lebenspraxis, die in Hoffnug gründen und hoffend auf befreiende
Veränderung zielen, stehen in einem dialektischen Verhältnis
zueinander.
Die Möglichkeit, daß in Verbindung zwischen Glauben und Handeln eine
Legitimation perverser Strukturen, wie z.B. der Apartheid, erfolgen
kann, spricht nicht gegen ein öffentlichkeitswirksames Handeln von
Religion, sondern weist auf die Notwendigkeit der Überprüfung.
Diese Überprüfung ist am Kriterium zu orientieren, ob religiöse
Hoffnungen aus der Perspektive der Armen, der Machtlosen, der
Unterdrückten ("von unten") oder aus der Position der Reichen, der
Mächtigen, der Unterdrücker ("von oben") in den öffentlichen Bereich
einfließen.
In Südafrika war die Befreiungstheologie ein wichtiges Element der
Opposition gegen die Apartheid und ihre Überwindung. Im Horizont von
"Reich Gottes" ist nun dort der Weg von der Befreiung im formalen
politischen Bereich hin zu einem Eintreten für individuelle und soziale
Gerechtigkeit angezeigt.
"Option für die Armen" oder "Option für den Anderen": Hinsichtlich der
"Option für die Armen" greift man zu kurz, wenn die Armen nur als die
sozial Ausgegrenzten angesehen werden. Ungenügend wäre es, in dieser
Option nur eine methodologische oder handlungsorientierte Perspektive
zu sehen. Die Vorstellung einer von den Reichen ausgehenden "Option für
die Armen" birgt die Gefahr eines wohlmeinenden Idealismus, der sein
patriarchalisches Gewand nur mühsam verbergen kann. Demgegenüber ist
der folgende Ansatz notwendig: In der Perspektive der vorrangigen
Zusagen des Evangeliums für die Armen bleiben diese nicht weiter die
Verachteten und Deklassierten. Sie werden durch die Zusage, vorrangige
Adressaten des Reiches Gottes zu sein, vielmehr mit Würde ausgestattet,
die Selbstbewußtsein und Kraft zur Überwindung von Elend sowie Kampf
gegen Unterdrückung gibt. Die Reichen treten dabei an die zweite
Stelle. Sie sind es gerade nicht, die den Armen diese veränderte
Perspektive vermitteln können. Die vorrangige Option für die Armen
bedeutet, daß diese nicht länger die Nehmenden sind, sondern vielmehr
die Gebenden: Sie sind die Lehrer, wie Dorothee Sölle zu Recht sagt.
Die Umkehrung der Zuschreibung von Armut zielt auf die Umkehrung von
Herrschaftsdenken und die Überwindung ungerechter Strukturen.
Eine "Option für den Andern" sollte nicht als Alternative gegen eine
"Option für die Armen" gesetzt werden. Eine alleinige Berücksichtigung
und Verwendung des Ausdruckes "Option für den Anderen" könnte die
sozialen Hintergründe von Armut und die religiösen Zusagen für die
Armen ausblenden. Diese Gefahr sehe ich auch in einem Strom der
Rezeption von Emmanuel Levinas, der von den jüdischen Wurzeln dieses
Philosophen allerdings abstrahiert. "Der Andere" hat bei Levinas eine
religiöse Konnotation; "autrui" kann bei ihm auch "sainteté" genannt
werden. In dieser Perspektive gewinnt das folgende Zitat erst seine
Tiefe:
"Dans la crise actuelle de la morale, seule reste la responsabilité
pour autrui, responsabilité sans mesure, qui ne ressemble pas à une
dette, que l’on pourrait toujours acquitter; car, avec autrui, on n’est
jamais quitte." 24
Der Andere ist hier der, dem eine unteilbare Würde zukommt, dem
gegenüber Verantwortung zu tragen ist. Dies ist - in christlicher
Terminologie - der Nächste, dies sind auf dem Hintergrund jüdischer und
christlicher Theologie die Armen, denen die Zusagen des Reiches Gottes
in besonderem Maße gelten.
Mariano Delgado: Befreiung durch Erziehung?
Überlegungen zum Gespräch zwischen Paulo
Freires Pädagogik und der Theologie
Der eigentliche Skandal Lateinamerikas wurde - nicht unbeeinflußt durch
Freires Pädagogik - in der Bischofsversammlung von Medellín 1968
deutlich erkannt: daß Völker, deren kultureller Kern vor etwa
fünfhundert Jahren evangelisiert wurde, in einer akuten Situation
struktureller Ungerechtigkeit und Gewalt leben. Dieser Skandal hängt
freilich mit dem Charakter des nach Lateinamerika verpflanzten
Christentums zusammen, das vielfach Stütze eines kolonialen Projektes
gewesen ist. Und dennoch verstummte das befreiende Christentum im
Schatten des Kolonialismus nicht. Jeder kennt das imposante Lebenswerk
des zum antikolonialen Mythos gewordenen Bartolomé de Las Casas; er war
kein Einzelfall, sondern, wie Gustavo Gutiérrez bemerkt, ein »primus
inter pares« (Gutiérrez 1992b: 43), der unermüdliche spiritus rector
einer breiten advokatorischen Bewegung, die die Ehre des um des
Menschen willen fleischgewordenen Gottes und zugleich auch die Ehre des
durch diese Inkarnation »vergöttlichten« Menschen retten wollte. Seit
den Anfängen des Christentums geht beides Hand in Hand, denn wie der
Kirchenvater Irenäus von Lyon sagte: »Der lebendige Mensch ist das
Sichtbarwerden der Herrlichkeit Gottes; aber die Bestimmung
menschlichen Lebens besteht in der Anschauung Gottes«. Vieles in den
Schriften des Las Casas mutet in der Tat an wie eine
Befreiungstheologie und -pädagogik avant la lettre.
(1) Dies gilt zuerst für seine vorrangige Option für die Indios als die
Unterdrückten und Bedrängten seiner Zeit. Weil er von einem Gott
ausgeht, der angesichts der Leidensgeschichte der Unschuldigen »Tränen
vergießt« (Las Casas 1996: 348) und »gerade an das Kleinste und
Vergessenste eine ganz frische und sehr lebendige Erinnerung hegt«
(ebd. 344), hält er sie für »die Lieblinge des göttlichen Gesetzes und
der heiligen und universalen Kirche« (ebd. 441).
(2) Dies gilt weiters für den »utopischen Impuls«. Bereits 1516, also
im selben Jahr, in dem die Utopia des Thomas Morus erschien, entwirft
Las Casas Pläne für Mustersiedlungen, in denen Indios und einfaches
spanisches Bauernvolk friedlich, gerecht und zum gegenseitigen Fromm
und Nutzen miteineinander leben und die Handwerkskünste besonders
pflegen sollten; in jeder Siedlung sollte für die kranken Indios ein
Hospital in Kreuzform mit vier quadratischen Flügeln zu je fünfzig
Betten gebaut und mit allem ausgestattet werden (Ärzten, Chirurgen,
Apothekern, Vögeln und Hühnern, Matratzen, Decken und Leinentüchern),
was zu einer guten Krankenpflege gehört (Las Casas 1996: 335-339). Aber
das zentrale utopische Element im Werk des Las Casas ist, daß er mit
vielen Bettelmönchen seiner Zeit immer wieder davon träumt, unter den
einfachen Indios eine »wahre Kirche Christi in einer glücklichen Welt«
aufzubauen, ohne die Habgier, die das Europa der Renaissance in ihren
Augen zugrunde richtete.
(3) Eine weitere Gemeinsamkeit betrifft das Durchschauen ebendieser
Habgier als der Wurzel aller Übel und der wahren Triebfeder des
Kolonialismus. Las Casas hat uns einen eindrucksvollen Traktat über die
Habgier hinterlassen, in dem er, in der Sprache Freires ausgedrückt,
das »Haben« als »nekrophiles« Lebensprinzip im Widerspruch zum
»biophilen« Seinsprinzip einer schonungslosen Kritik unterzieht. Darin
schreibt er u.a., daß man die Regierungsverantwortung niemals »armen
oder habgierigen Menschen« übertragen sollte, »die danach trachten und
es für ihr Ziel halten, der Armut zu entkommen, und noch weniger
denjenigen, die danach trachten, seufzen und es für ihr Ziel halten,
reich zu werden, denn die Natur arbeitet und wirkt niemals umsonst«,
will sagen, die Begierde und die Gier der Habgieriger wird immer danach
trachten, »Reichtümer zu sammeln und die Börse zu füllen«, so daß sie
unmöglich ruhen werden, »bis sie diesen Zweck erreicht haben« (Las
Casas 1997: 105). Worte, die wie eine Vorankündigung der Korruption der
politischen Klassen klingen, die Lateinamerika bis heute erfaßt.
(4) Desweiteren hat Las Casas wiederholt »die Freiheit der Menschen,
nächst ihrem Leben« für »das kostbarste und wertvollste Gut« gehalten,
den Menschen als ein von Natur »freies« Wesen und die Wiederherstellung
dieser ursprünglich und natürlichen Freiheit als ein Gebot der Vernunft
und der Gerechtigkeit bezeichnet (Las Casas 1996: 85, 47-52).
Dementsprechend hat er die erzieherische Tätigkeit der Kirche als eine
»Praxis der Freiheit« verstanden, wie eine köstliche Anekdote bezeugt,
an der Freire, hätte er sie gekannt, seine Freude gehabt hätte. Die
encomenderos, erzählt uns Las Casas im Vorfeld seines Kampfes um die
»Neuen Gesetze« (1542), versuchten, den Bettelmönchen den Zugang zu den
Indios mit der vielsagenden Begründung zu verwehren, daß diese,
»nachdem sie im Glauben unterwiesen und Christen wurden, klug reden und
mehr wissen als vorher, so daß man sich ihrer fortan nicht so gut wie
früher bedienen kann« (Las Casas 1997: 88).
(5) Erwähnenswert ist auch das anthropologische Vermächtnis des Las
Casas. Der Mensch ist für ihn im Prinzip ein mit Verstand und freiem
Willen ausgestattetes Wesen, weshalb die Überzeugung des Verstandes mit
Vernunftgründen und die sanfte Ermahnung und Anlockung des Willens die
einzige ihm adäquate Erziehungs- und Evangelisierungsmethode ist.
Demgemäß hat Las Casas folgendes anthropologisches Manifest verkündet:
»So gibt es denn ein einziges Menschengeschlecht, und alle Menschen
sind, was ihre Schöpfung und die natürlichen Bedingungen betrifft,
einander ähnlich, und niemand wird bereits unterrichtet geboren; und
daher haben wir alle es nötig, anfangs von anderen, die vor uns geboren
wurden, geführt und unterstützt zu werden. [...] Alle Völker der Welt
haben Verstand und Willen und das, was sich beim Menschen aus diesen
beiden Vermögen ergibt, nämlich die Entscheidungsfreiheit, und
demzufolge haben alle die innere Kraft und Befähigung oder Eignung und
den natürlichen Hang zum Guten, um in Ordnung, Vernunft, Gesetzen,
Tugend und allem Guten unterwiesen, für sie gewonnen und zu ihnen
geführt zu werden« (Las Casas 1995: 377).
(6) Es darf auch nicht unerwähnt bleiben, daß Las Casas zwar »Umkehr
und Sündenvergebung« für die zentrale Botschaft der Glaubenspredigt
hält, zugleich aber bald erkennt, daß sein Eintreten für die Indios ein
Ankämpfen gegen die strukturelle Sünde verlangte. Für ihn bleibt die
Bekehrung der einzelnen Menschen »Pflicht und die karitative Tätigkeit
eine Notwendigkeit«, und doch weiß er, daß beide angesichts der
Ursachen der Sünde höchst unzureichend sind. Andererseits sieht er die
gesellschaftlichen Zustände, »ohne allerdings über ihnen die Taten oder
Unterlassungen der konkreten Menschen selbst zu übersehen. Da diese
ihres Gewissens wegen nicht in einem ihnen völlig undurchsichtigen
Zusammenhang stehen, sondern ‘wissen, was sie tun’, kann Las Casas gar
nicht in die Einseitigkeit verfallen, sich lediglich für Strukturen zu
verwenden und die Handelnden zu entschuldigen« (Brieskorn 1996: 14, 32).
(7) Und zuguterletzt muß gesagt werden, daß Las Casas »alle
Verhältnisse umwerfen« will, in denen der Indio »ein erniedrigtes, ein
geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches« (Marx: MEW I, 385)
Dasein schuldlos führen mußte. So wird verständlich, daß ein Heinrich
Böll den Bogen von Las Casas zu den heutigen Befreiungstheologen
spannt, wenn er sagt: »Von Ausbeutung, Unterdrückung, Versklavung und
Völkermord sprachen nicht die Marxisten zuerst, es sprach davon,
dreihundert Jahre bevor Marx geboren wurde, ein gewisser Bartolomé de
Las Casas, Bischof, Dominikaner, in seinen umfangreichen Berichten an
Kaiser Karl V. Daß seine Berichte eine gewisse Ähnlichkeit haben mit
denen, die dreihundert Jahre später Friedrich Engels über die
englischen Industriearbeiter schrieb, macht Las Casas nicht zu einem
Vorläufer des Marxismus, sondern den Marxismus zu einer Folge von
Versäumnissen, die die Theologen der Befreiungstheologie erkannt haben.
Sie stehen in der Tradition des Las Casas« (Böll 1986: 293f).
Ich habe mich in diesem einführenden Schritt bei Las Casas aufgehalten,
um klarzumachen, daß die »nachidealistische« oder »leidempfindliche«
Pädagogik und Theologie, die Freire und Gutiérrez in Lateinamerika und
Johann Baptist Metz u.a. hierzulande verlangen, nicht erst mit ihnen
beginnt, und wir gut daran täten, immer wieder »aus den eigenen
Quellen« zu trinken, statt ekklektisch den kritischen Theorien der Zeit
nachzulaufen.
Nun aber zu den Überlegungen zum heutigen »Gespräch zwischen Paulo
Freires Pädagogik und der Theologie«, die ich anhand von drei Feldern
erläutern möchte: zuerst soll grundsätzlich das Verhältnis von
Pädagogik und Theologie zueinander erörtert werden, sodann das
prophetisch-utopische Modell von Anklage und Ankündigung, das beiden
gemeinsam ist, wenn sie emanzipatorisch wirken wollen; schließlich
werde ich versuchen, die Relevanz von Freires Pädagogik des Dialogs für
das ureigene Geschäft der Theologie, die mystagogische Rede von Gott,
aufzuzeigen.
Pädagogik und Theologie
Pädagogik und Theologie sind seit den Anfängen des Christentums eng
miteinander verknüpft. Es genüge daran zu erinnern, daß die
Kirchenväter die griechische Paideia umformten und Christus als
göttlichen Erzieher verstanden, womit die christliche Religion fortan
als die »wahre Paideia« erscheint.
Kern der christlichen Paideia ist die Betrachtung des Menschen als ein
Kind Gottes, das zur zunehmenden Gottebenbildlichkeit oder zum
Subjektsein vor Gott berufen ist. In diesem Sinne gehört ein
emanzipatorischer Impuls zum Wesen des Christentums. Denn überall dort,
wo es Fuß faßt, keimt das theozentrische Bewußtsein der Würde des
Menschen, die Erkenntnis, daß wir alle »Kinder Gottes und somit
väterlicherseits jemand« sind, um es mit den Worten des spanischen
Dichters Antonio Machado auszudrücken (Machado 1989: 2074). Aber zur
christlichen Lehre gehört auch die Betrachtung des Menschen als eines
»erlösungsbedürftigen Wesens«, das wegen der menschlichen
Daseinsverfassung, zu der die Versuchung des Bösen, die Sünde und der
Tod gehören, der emanzipatorischen Selbsterlösung unfähig und auf die
göttliche Gnade angewiesen ist, wenn er wirklich ein »neuer Mensch«
werden soll.
Naturpessimistische Theologen vom Typ eines Augustinus oder eines
Luthers betonen besonders die Unzulänglichkeiten der menschlichen Natur
(letzterer hob ja bekanntlich das sola gratia einseitig hervor);
naturoptimistische vom Typ eines Pelagius oder eines Thomas von Aquin
legen hingegen Wert darauf, daß die menschliche Natur trotz der Sünde
des Guten fähig ist, so daß die Gnade die Natur nicht zerstört oder
aufhebt, sondern zur Vollendung bringt. Pädagogisch ausgedrückt: die
einen bezweifeln, daß der Mensch ohne den Glauben überhaupt »erziehbar«
sei, weil er dem Mitmenschen eher ein Wolf ist; die anderen setzen auf
die Perfektibilität des Menschen, die mit dem Glauben nicht erst
beginnt, sondern nur besser wird (Las Casas lag wohl auf dieser Linie).
Aber die naturpessimistischen wie die naturoptimistischen Theologen
betonen stets gegenüber der philosophischen oder politischen Paideia
den Primat der theozentrischen Soteriologie: daß Gott allein derjenige
ist, der uns letztlich retten kann, vor allem wenn man unsere brüchige
Daseinsverfassung in Betracht zieht! Dies ist auch der wesentliche
Punkt, um den sich die Diskussion zwischen der Befreiungspädagogik und
-theologie eines Freire und eines Gutiérrez (u.a.) einerseits und dem
Hauptstrom christlicher Theologie andererseits dreht.
Freire geht als überzeugter Christ davon aus, daß der Mensch die
ontologische Berufung hat, Subjekt ihrer (Befreiungs-)Geschichte und
Abbild des Schöpfers zu sein (Freire 1971a: 341; Cunha 1978: 89). Er
hat sich sogar die Aufhebung seiner Pädagogik in der Theologie der
Befreiung gewünscht, von deren utopisch-prophetischem Charakter er sich
»verzaubert« erklärt hat (Freire 1974a: 67; 1971b: 343). Aber als ein
Pädagoge, dessen Hauptquelle weniger die christliche Paideia als
vielmehr der emanzipatorisch-utopische, säkulare Diskurs der Neuzeit
ist, hat er natürlich den Primat der theozentrischen Soteriologie nicht
zum Thema seiner Arbeiten gemacht, sondern eher das Erwecken und
Fördern jener Selbstbefreiungskräfte, die im unterdrückten Menschen
schlummern. Dem sollte bekanntlich seine Methode der Bewußtseinsbildung
dienen, die dialektisch verstanden werden will angesichts der
realexistierenden und nach Veränderung schreienden
Unterdrückungsmechanismen in Geschichte und Gesellschaft, und nicht
bloß innerlich nach Art einer solipsistischen Psychotherapie für die
Witwen von Altona oder Wilmersdorf.
Problematisch wird die Sache für die Theologie allerdings, wenn die
sich auf Freire berufenden Befreiungstheologen voll auf seinen
utopisch-emanzipatorischen Diskurs einspringen und dabei vergessen, den
Primat der theozentrischen Soteriologie gebührend zu betonen. Gutiérrez
etwa, der zu den besonnensten Befreiungstheologen gehört, hat in seinem
Hauptwerk von drei Befreiungsebenen gesprochen, und die soteriologische
Befreiung von Sünde und dem Bösen zwar nicht vergessen, sie aber auf
die dritte Stelle verwiesen, hinter der sozial-wirtschaftlichen
Befreiung der Unterdrückten und der kulturell-politischen Befreiung,
die durch die »allmähliche Eroberung einer wirklichen und
schöpferischen Freiheit [...] zu einer permanenten Kulturrevolution,
zur Schaffung eines neuen Menschen und in Richtung einer qualitativ
anderen Gesellschaft« (Gutiérrez 1992b: 104) führen soll, wie er mit
dem Pathos der frühen siebziger Jahre sagt.
Selbst ein wohlwollender Kritiker der ersten Stunde bemerkte, daß »die
Konturen des unterscheidend Christlichen nicht deutlich genug zur
Geltung kamen« (Hünermann 1974: 141ff; Sievernich 1996: 42). Man hatte
in der Tat vielfach den Eindruck, daß die christliche Befreiung als
Sahnehäubchen erwähnt wurde, aber in der Theologie der Befreiung wie in
Freires Pädagogik die Unterdrückten ansonsten die Rolle der »edlen
Wilden« in den neuzeitlichen Utopien einnehmen, denen außer der
Bewußtmachung der eigenen Unterdrückung nichts zu fehlen scheint, um
glücklich und befreit zu werden.
Aber auch gegenüber dem utopischen Befreiungsdiskurs der Neuzeit muß
die Theologie eine »apologetische« Haltung einnehmen. Denn das
Bewußtsein des sich befreienden Unterdrückten ist zuerst einmal »strikt
säkular«, und mit der Negation des entfremdeten und entfremdenden
Gottes der Herren, »den ihm der Kolonialismus« aufgezwungen hat« (Cunha
1978: 116), geht im Befreiungsprozeß die Gefahr einher, Gott überhaupt
zu leugnen oder die theozentrische Soteriologie für drittrangig zu
erklären. Die Theologie muß stets zu verhindern versuchen, daß der
befreiende Gott »des Exodus und des Reiches« letztlich bloß als
»hypostasiertes Ideal des in seiner Wirklichkeit noch ungewordenen
Menschenwesens« bzw. »als utopische Entelechie der Seele« (Bloch 1979:
1523) verstanden wird. Da ist die neue politische Theologie eines
Johann Baptist Metz hierzulande viel wacher gewesen, weil sie auch in
den utopiegeschwängerten siebziger Jahren darauf geachtet hat, »daß
unsere eschatologische Hoffnung nicht umstandslos mit einer Utopie
verwechselt wurde, zu der bekanntlich niemand betet und schreit« (Metz
1991: 43). Für die Auseinandersetzung mit dem utopischen Diskurs der
Neuzeit - die Pädagogik Freires eingeschlossen - gilt nämlich, was Metz
über Bloch geschrieben hat: »Christliche Theologen werden nur im
Widerspruch zu ihm von ihm lernen können. So aber durchaus« (Metz 1977:
149).
So ist es nicht verwunderlich, wenn die römische Instruktion »über die
christliche Freiheit und die Befreiung« vom 22. März 1986 betont, daß
der erste und grundlegende Sinn von Befreiung »soteriologisch« ist und
die Befreiung vom Bösen und der Sünde beinhaltet: »In dieser Erfahrung
des Heils entdeckt der Mensch den wahren Sinn seiner Freiheit, da doch
Befreiung die Wiederherstellung der Freiheit ist« (Libertatis
conscientia 1986: Nr. 23; Ratzinger 1986). Die ethische Dimension
einschließlich der Veränderung ungerechter Strukturen und des Kampfes
um soziale Gerechtigkeit ist eine unverzichtbare Folge aus der
soteriologischen Dimension, und nicht umgekehrt (ebd. 23, 71). Der
persönlichen Freiheit und der Bekehrung der Herzen wird ein Vorrang
zuerkannt, der jedoch in keiner Weise die Notwendigkeit aufhebt,
ungerechte Strukturen zu verändern: »Man muß sich also zugleich um die
Bekehrung der Herzen und um die Verbesserung der Strukturen bemühen«
(ebd. 75).
Es fällt auch auf, daß die römische Instruktion - wie übrigens auch
alle einschlägigen Dokumente des jüngsten Lehramtes - der Erziehung
eine zentrale Bedeutung zumißt. Darin ist etwa davon die Rede, daß die
vorrangige Aufgabe »erzieherischer Natur« (ebd. 99) und die Förderung
und Verbreitung der Erziehung, beginnend mit der Bekämpfung des
Analphabetismus, ein »unveräußerliches Recht« einer jeden Person sei
(ebd. 93); gefordert wird »Erziehung zur Freiheit, das heißt zum
richtigen Gebrauch der Freiheit« (ebd. 23, 76, 95), »Erziehung zur
politischen Klugheit« (ebd. 80), »Erziehung zur Zivilisation der
Arbeit, Erziehung zur Solidarität, Zugang aller zur Kultur« (ebd. 81,
95) usw.
Es mag vieles darin soteriologisch-personalistisch klingen und damit
anders gemeint sein, als im befreiungspädagogischen oder
befreiungstheologischen Diskurs. Aber ansonsten gibt die römische
Instruktion, wenn sie unpolemisch gelesen wird, deutlich die Richtung
an, auf die es künftig gemeinsam hinzuarbeiten gilt: die ethische
Erdung der Utopie in der untrennbaren Einheit von Bekehrung der Herzen
und Veränderung der Strukturen, von Gottes- und Nächstenliebe. Freilich
geht die Instruktion davon aus, daß eine solche Erdung mithilfe der
kirchlichen Soziallehre besser zu erreichen sei als mit Hilfe der
utopisch-theologischen Befreiungsdiskurse (ebd. 71-80).
Anklage und Ankündigung
Haben Freires Pädagogik und Gutiérrez’ Befreiungstheologie diesen
Schritt zur Ethik sinnvoll vollzogen? Gutiérrez wohl besser als Freire,
aber auch nicht ganz befriedigend. Hier liegt, wie mir scheint, der
schwächste Punkt ihrer Befreiungsdiskurse, auch wenn ich die radikale
Kritik von Dimas Figueroa gar nicht teile, wonach Freire und z. T. auch
Gutiérrez den Aporien der liberalen Aufklärung verhaftet bleiben, »den
Erfordernissen eines historischen, konkret-utopischen Denkens«
(Figueroa 1989a: 440) nicht gerecht werden, und bestenfalls zum blinden
Aktionismus führen, will sagen, weil ihre gesellschaftlichen oder
religionssoziologischen Analysen allzu abstrakt und nicht marxistisch
genug sind (Figueroa 1989a: 280; 1989b 132f).
Freires Pädagogik will eine utopische sein, was nicht bedeutet, daß sie
idealistisch oder undurchführbar sei, sondern daß sie aus der
permanenten Anklage der entmenschlichten Zustände und der Ankündigung
ihrer Veränderung bestehen will. Aber wo hat Freire die »Theorie einer
Veränderungspraxis«, die er als unentbehrlichen Bestandteil der
utopischen Ankündigung fordert, zu ethischen Handlungsschritten
konkretisiert? (Freire 1975: 43-47). Gewiß, die utopische Ankündigung
einer besseren Welt nährt die Flamme der Hoffnung, von der jeder
Befreiungsprozeß letztlich lebt und die wir auch warm halten sollten.
Aber zur ethischen Erdung der Utopie brauchen wir mehr, als die bloße
Hoffnung auf eine Veränderung des status quo, die im Prozeß der
Bewußtmachung aufleuchtet: Wir benötigen ein Handlungsprogramm, das
anhand bestimmter Strukturveränderungen in Politik, Wirtschaft und
Kultur konkret aufzeigt, wie es besser werden kann, Menschen zu einer
größeren ethischen Verantwortung erzieht und im Bewußtsein ihrer
Fehlbarkeit auch Kontrollmechanismen gegen den Mißbrauch des utopischen
Diskurses selbst einbaut (das Fehlen solcher Kontrollmechanismen ist
der »Sündenfall« aller geschlossenen Gesellschaften!). Der
prometeischen Euphorie müssen, wie Hans Jonas getan hat, »ethische
Zügel« angelegt werden (Jonas 1979; Sievernich 1996: 46). Die immer
wiederkehrende Rhetorik, daß die angekündigte neue Wirklichkeit nach
Art der negativen Dialektik durch Bekämpfung der in der Anklage
bewußtgewordenen gegenwärtigen Unterdrückungsmechanismen entstehen
wird, weil in diesem Prozeß, welch ein Wunder, sowieso ein »neuer
Mensch« geboren sein wird (Freire 1975: 44; 1974a: 45), ist recht vage,
zudem mehrfach widerlegt durch die historische Wirklichkeit, in der der
erträumte »neue Mensch« eine avis rara geblieben ist.
Es ehrt Gutiérrez, daß er seinen Diskurs nicht gegen Kritik immunisiert
und seinem Leser Rechte einräumt, »die ihm der Verfasser weder nehmen
kann noch nehmen darf«; so hat er sich in seiner Antwort auf die
römische Instruktion bereit erklärt, »frühere Formulierungen zu
präzisieren, zu verbessern und gegebenenfalls auch zu korrigieren«. Er
möchte nun »eine Sprache sprechen, die sowohl der christlichen
Botschaft in ihrer Gesamtheit gerecht wird als auch für die
Wirklichkeit«, in der Lateinamerika lebt, »verständlich ist« (Gutiérrez
1992b: 19). Unter Beibehaltung der drei Befreiungsebenen hat er nun den
Primat der soteriologischen Befreiung (von der Sünde und dem Bösen)
unmißverständlich betont und einen Schritt auf die ethische Erdung der
Utopie hin vollzogen (Gutiérrez 1992b: 47ff; Sievernich 1996). Sein
Projekt des »neuen Menschen« im politisch-philosophischen und
geschichtlichen Sinn des Wortes beruht nicht nur auf gerechten
Gesellschaftsstrukturen, »sondern auch auf Haltungen und Einstellungen,
die eben nicht das mechanische Produkt dieser Strukturen sind«. Deshalb
müsse man nun »die konkreten und schwierigen Fragen der Ethik«
berücksichtigen und »unter Zuhilfenahme unumgänglicher ethischer
Kategorien das rechte Verhältnis zwischen Politik und Religion«
herstellen. Ethik ist dabei für ihn keine Synthese aus Politik und
Religion, sondern »ein Scharnier zwischen beiden Realitäten« (Gutiérrez
1992b: 47, 50). Damit ist Gutiérrez gelungen, den utopischen
Befreiungsdiskurs für den ethischen zu öffnen, in dem es nicht mehr »um
die andere Gesellschaft« nach dem utopisch-revolutinären Prinzip des
»alles oder nichts« geht, sondern um die »bessere Lösung« angesichts
der gegebenen und ethisch abzuwägenden Gestaltungsmöglichkeiten. Der
emanzipatorische Aspekt könnte dann darin bestehen, advokatorisch dafür
einzutreten, daß die »Armen« gleichberechtigte Partner des
gesellschaftlichen und ethischen Diskurses werden. Die Zukunft der
Theologie der Befreiung wird davon abhängen, inwieweit ihre Vertreter
auf die Probleme Lateinamerikas bessere Lösungsvorschläge zu bieten
haben werden, als etwa die kirchliche Soziallehre. Diese versteht sich
zwar als eine »Summe von Reflexionsprinzipien, von Urteilskriterien
sowie von Richtlinien für das konkrete Handeln« (Libertatis conscientia
1986: 72; Sollicitudo rei socialis 1988: 41), läßt aber auch viel zu
wünschen übrig, wenn es darum geht, »darüber zu befinden, welche
Schritte zu tun und welche Maßnahmen zu ergreifen sind, um die
gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Reformen
herbeizufühen, die sich als wirklich geboten erweisen und zudem oft
unaufschiebbar sind« (Octogesima adveniens 1977: 4).
Pädagogik des Dialogs und
mystagogische Religionspädagogik
Während vieles des bisher Gesagten zum déjà vu in der Diskussion der
letzten drei Jahrzehnte gehört, scheint mir, daß ein Aspekt der
Pädagogik Freires für die ureigene Aufgabe der Theologie, nämlich die
Rede von Gott, höchst bedeutsam wäre. Ich meine seine Skizzen einer
Pädagogik der Frage bzw. des Dialogs, um die Kultur des Schweigens, zu
der die Unterdrückten durch die bürgerlichen kulturellen Eliten
verurteilt sind, aufzubrechen. Eine solche Pädagogik geht davon aus,
daß die Unterdrückten durchaus »Kultursubjekte« sind bzw. werden können
und mitzureden haben, wenn es um eine befreiende Kultur geht. Man muß
nur auf sie gut hören lernen, und das antidialogische indoktrienierende
»Bankiers-Konzept« aufgeben, mit dem die pädagogischen Vertreter des
Kulturestablishment arbeiten. Statt einer Praxis der Herrschaft wird
dann zwischen Lehrer und Schüler eine gegenseitige dialogische
Akkulturation als Praxis der Freiheit entstehen (Freire 1974b; 1977;
1980; 1985a; 1985b). In diesem Zusammenhang muß auch Gutiérrez’
Kennzeichnung der Theologie der Befreiung als »Ausdruck des Rechts der
Armen, über ihren Glauben nachzudenken« (Gutiérrez 1992b: 23), gesehen
werden.
Ich finde, daß die hierzulande so oft zitierte und so wenig verstandene
mystagogische These von Karl Rahner über den Frommen (besonders den
Christen) von morgen geradezu nach einer solchen Religionspädagogik der
Frage oder des Dialogs verlangt: »Der Fromme von morgen«, so Rahner,
»wird ein ‘Mystiker’ sein, einer, der etwas ‘erfahren’ hat, oder er
wird nicht mehr sein, weil die Frömmigkeit von morgen nicht mehr durch
die im voraus zu einer personalen Erfahrung und Entscheidung
einstimmige, selbstverständliche öffentliche Überzeugung und religiöse
Sitte aller mitgetragen wird, die bisher übliche religiöse Erziehung
also nur eine sehr sekundäre Dressur für das religiös Institutionelle
sein kann« (Rahner Frömmigkeit: 22f)
Diese These stellt so etwas wie eine »glaubensgeschichtliche Wende«
dar, sofern die Glaubensbegründung, die natürlich immer durch die
amtliche kirchliche Lehre in normativer Weise gelenkt wird, heute
»notwendig Initiation und Erweckung innerer persönlicher
Glaubenserfahrung sein« muß, einer Glaubenserfahrung, von der Rahner
sogar meint, daß sie selbst bei dem vorhanden ist, »der zunächst
behauptet, keine Glaubenserfahrung zu kennen und sich nicht für sie zu
interessieren« (Rahner Glaubensbegründung 25; Biser 1987: 171-208).
Unter »Mystik« versteht Rahner hier also jene ganz alltägliche -
thematische oder unthematische - Gottes-, Geistes-, Gnaden- oder
Glaubenserfahrung, jene »Mystik des Alltags«, derer ein jeder Mensch
grundsätzlich fähig ist.
Rahner kennt natürlich die in ihren letzten Konsequenzen nicht
ausgeschöpfte Lehre des Ersten Vatikanischen Konzils von der
grundsätzlichen Möglichkeit einer natürlichen Gotteserkenntnis, wonach
»Gott, aller Dinge Grund und Ziel, [...] mit dem natürlichen Licht der
menschlichen Vernunft aus den geschaffenen Dingen mit Sicherheit
erkannt werden« kann (Denzinger 1991: Nr. 3026). Das bedeutet, wie
einer seiner Schüler sagt, eine Art Menschenrechtserklärung der Kirche
in Sachen Gottes, und zwar als »das Recht aller vernunftbegabten und
gutwilligen Menschen, bei der Gottesfrage gehört (und nicht nur
belehrt) zu werden« (Metz 1994: 387), also das Ende der
Bankiers-Erziehung auch in der Kirche! Wie ein weiterer Schüler betont,
will das auch heißen, daß Gott zu erfahren im Nachdenken über unsere
Alltagserfahrungen der erste, »nicht-elitär allen Menschen zugängliche
Weg« ist (Vorgrimler 1984: 67). Darauf gründet letztlich Rahners Sicht
des Menschen als »Hörer des Wortes«, die These von der gnadenhaften
Selbstmitteilung Gottes als Ausdruck seines universalen Heilswillens,
die von vornherein immer und überall gegeben ist: als eine
transzendentale, nicht-elitäre oder nicht-exklusive
»Basis-Offenbarung«, die der kategorialen, amtlichen oder
inkarnatorischen Wort-Offenbarung vorangeht. Und darin wurzelt
schließlich auch seine These von einer universalen »Mystik des Alltags«
(Rahner 1978), die als »anonym christliche Mystik«, als »suchende
Christologie« (Rahner 1989: 127), außerhalb des verbalisierten und
institutionalisierten Christentums immer und überall - besonders in dem
radikalen Akt der echten Nächstenliebe (Mt 25,40.45) - gegeben ist.
Der Ansatz Rahners ist im Grunde ein nachhaltiges Plädoyer für eine
»missionarisch-mystagogische« Kirche in der Welt von heute. Die
Botschaft, von deren Verkündigung sie sich nicht dispensieren darf (Mt
28,19f; Mk 16,15; Apg 1,8), sofern sie Kirche Christi bleiben will, ist
unter die Menschen zu bringen. Aber bevor wir mit der ausdrücklichen
Verkündigung anfangen, auf daß der transzendentale »Hörer des Wortes«
ein bewußter »Hörer des inkarnierten Wortes« wird, haben wir demütig
die Gotteserfahrung auszugraben und zu hören, die er immer schon macht.
Diese Erfahrungs-Anamnese ist der erste Schritt der mystagogischen
Theologie Rahners. Sie entspräche der Pädagogik der Frage bzw. des
Dialogs Paulo Freires und könnte formalmethodisch von ihr befruchtet
und so zu einer »mystagogischen Religionspädagogik« erweitert werden.
Auch der Synodenbeschluß `Unsere Hoffnung´, der bekanntlich der guten
Feder von Johann Baptist Metz entsprang, hält implizit eine
Erfahrungs-Anamnese als Pastoralmethode für unumgänglich, wenn es darin
heißt:
»Der Name Gottes ist tief eingegraben
in die Hoffnungs- und Leidensgeschichte der Menschheit« (Unsere
Hoffnung 1978: 87)
Demnach täten wir in der Religionspädagogik gut daran, Freires Methode
der Bewußtmachung zu beherzigen, um die verschütteten Gotteserfahrungen
eines jeden Menschen (Schülers) dialogisch auszugraben, damit die
Alltagschristen bewußte Subjekte ihres religiösen Lebens werden. Der
eingangs bereits zitierte spanische Dichter Antonio Machado hat, wie
mir scheint, zu Beginn dieses Jahrhunderts die Quintessenz der
Pädagogik Freires und der mystagogischen Theologie Rahners in folgenden
drei Versen vorweggenommen: »Um einen Dialog zu führen, / fragt
zuerst;/ und dann... hört gut zu« (Machado 1989: 426).
Wie viel würde sich wohl in der Kirche und der Religionspädagogik
ändern, wenn wir wirklich das Recht aller Menschen, von Gott zu reden,
respektierten und mutig förderten! Die einen geben vor, auf den Schrei
des Volkes zu hören, aber in Wirklichkeit hören sie diesen Schrei immer
nur gefiltert durch die emanzipatorischen Kopfhörer, die sie sich nach
der Lektüre des neuzeitlichen Utopiediskurses aufgesetzt haben. Die
anderen, etwa die oben zitierte römische Instruktion, führen den
»Glaubenssinn der Armen« gegen den utopischen Diskurs an. Aber warum
wird dieser »Glaubenssinn« immer im Sinne einer Marienfrömmigkeit
interpretiert, der man den Stachel des »Magnificats« gezogen hat?
(Libertatis conscientia 1986: 97ff). Las Casas wußte noch, daß die
Gerichtsbotschaft, soll sie befreiend und nicht ideologisch wirken, an
die richtige Adresse verkündet werden soll, nämlich, wie der
Synodenbeschluß `Unsere Hoffnung´ sagt, vor allem »vor den Mächtigen
dieser Erde«, »vor Statthaltern und Königen«: »Haben wir in der Kirche
diesen befreienden Sinn der Botschaft vom endzeitlichen Gericht Gottes
nicht selbst verdunkelt, weil wir diese Gerichtsbotschaft zwar laut und
eindringlich vor den Kleinen und Wehrlosen, aber häufig zu leise und
halbherzig vor den Mächtigen dieser Erde verkündet haben?« (Unsere
Hoffnung 1978: 92f).
Ausblick
Betrachtet man das Riesenwerk eines Bartolomé de Las Casas, die
Pädagogik Paulo Freires und die Befreiungstheologie eines Gustavo
Gutiérrez, so versteht man, warum die »neue Rechte« heute vom
»jüdisch-christlichen Obskurantismus« und dem »Gift des Magnificats«
spricht, ihren Hauptfeind darin treffsicher erkennend. Im
Wirkungsbereich des Christentums steht heute wie damals die Rückkehr zu
der heidnischen Gesellschaft nietzschescher Prägung, die auf dem
Sozialdarwinismus basiert, oder aber der Aufbau einer neuen
Gesellschaftsordnung auf der Grundlage wahrhaft christlicher Werte auf
dem Spiel. Die Ideologen der »neuen Rechten« werfen dem Christentum
vor, daß es von einem einzigen Gott geredet, die Einheit und Gleichheit
des Menschengeschlechts gepredigt, die ethnischen
»Blut-und-Boden-Religionen« in Frage gestellt und das prophetische Gift
der Unterordnung der Politik unter die Moral verkündigt hat, statt dem
Machiavellismus des Willens zur Macht zu huldigen; daß es schließlich -
wenn auch im säkularen Gewand und gegen den historischen Widerstand der
Kirchen - die grundlegende Wurzel der Menschenrechte und der
Emanzipationsbewegungen gewesen ist (Niewiadomski 1993: 24ff).
Und dennoch gehört auch zur Wirkungsgeschichte des Christentums, daß es
leider nicht immer das war, was ihm die »neue Rechte« vorhält, sondern
auch das, was diese selbst vertritt: eine Religion, die den ihr eigenen
Universalismus wiederholt verraten hat und willige Geburtshelferin des
Nationalismus und des Kolonialismus gewesen ist; eine Religion, die -
jedenfalls bis ins 20. Jahrhundert hinein - nicht selten ein
»ethnisches Christentum« verkündigt hat, indem alle als Kinder Gottes
zwar im Prinzip gleich sind, aber die Weißen gleicher als die Indios
oder die Schwarzen, und die Männer gleicher als die Frauen. Auch in
Lateinamerika wurde dieser Weg sehr früh eingeschlagen: Kaum war Las
Casas tot, vollzogen die Bettelmönche eine anti-indigene Wende und
setzten das Verbot der Priesterweihe für Indios, Mulatten und Mestizen
durch; und dies nicht nur aufgrund der diesen angeblich fremden
zölibatären Lebensweise, sondern aus durchaus rassistischen Gründen und
nicht zuletzt auch, weil die Weißen das sakrale Wissen und damit die
religiöse Macht mit ihnen nicht teilen wollten (De la Rosa 1992;
Kobayashi 1985).
Eine Rückgewinnung des echt christlichen, befreienden Universalismus
ist heute angesichts des von der »neuen Rechten« verbreiteten und auf
eine Zementierung des status quo weißer Vorherrschaft hinauslaufenden
»Ethnopluralismus« unumgänglich; sie setzt aber, in der Sprache Freires
ausgedrückt, eine »Bewußtmachung« voraus, eine kritische Durchleuchtung
der ambivalenten Rolle des Christentums in der Geschichte. Die
lateinamerikanischen Befreiungstheologen und -pädagogen haben - wenn
auch für europäische Ohren mit vielfach unpräzisen Formulierungen, wie
es sich bei Entwürfen gehört, die die Signatur der Zeit tragen, den Mut
gehabt, das II. Vaticanum vor dem Hintergrund des besonderen Skandals
Lateinamerikas zu rezipieren: daß Völker, deren kultureller Kern
evangelisiert wurde, in einer akuten Situation struktureller
Ungerechtigkeit und Gewalt leben. Waren wir auch zu einem
vergleichbaren Mut in Europa fähig? Begnügen wir uns nicht allzuoft mit
einem romantischen Blick auf die fernen Länder, wo der Glaube oder die
pädagogische Phantasie »lebt«, statt den großen Skandal der
europäischen Geschichte aufzuarbeiten, daß nämlich Völker, die seit
mehr als einem Jahrtausend evangelisiert wurden, bis in die Gegenwart
hinein dem menschenverachtenden Rassismus, dem Kolonialismus (heute, im
Zeitalter der politischen Korrektheit, heißt er freilich nicht mehr
so), dem Nationalismus und den Religionskriegen huldigen? Erst wenn wir
auch vor der eigenen Haustür gründlich kehren, werden wir die
befreienden Impulse eines Las Casas (eines Freire und eines Gutiérrez)
wirklich verstanden und die Grundlage für eine halbwegs solidarische
Weltgesellschaft unter den brüchigen Bedingungen der menschlichen
Daseinsverfassung gelegt haben.
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Karl Rahner zum 80. Geburtstag, München 1984, S. 62-79.
Enrique Dussel: "Den
Opfern das Wort geben" 1
Sein Geburtstag scheint ein Zentralthema seines Lebens vorwegzunehmen:
die Religionswissenschaft und die Verantwortung des Christentums für
eine Befreiung des Menschen von Elend und Unterdrückung.
Enrique Dussel kam am 24. Dezember 1934 als Sohn einer katholischen
Arztfamilie in Mendoza in Argentinien zur Welt.
Sein Urgroßvater Johann Kaspar Dussel war 1870 von Schweinfurt in
Deutschland nach Südamerika ausgewandert.
Schon früh hat er sich in christlicher Jugendarbeit engagiert, um zu
einer Veränderung der Gesellschaft beizutragen.
Doch nicht nur der Kampf der Armen um mehr Gerechtigkeit rückte in den
Mittelpunkt seines Denkens und Handelns, sondern eine neue
wissenschaftlich fundierte Weltsicht von der Peripherie aus, die Dussel
den bisherigen eurozentrischen Wissenschaftsmethoden entgegenstellt.
Nach der Machtergreifung der Militärs in seiner Heimat flüchtete der
Philosoph nach Mexiko, wo er heute an der größten Universität der Welt,
der UNAM, lehrt. Durch die zentrale Einbeziehung des "Anderen"- des
Menschen, der exterior zum geistigen Horizont der definitionsmächtigen
gesellschaftlichen Gruppe steht- in sein Denken schafft Dussel die
Voraussetzung für eine interkulturelle wissenschaftliche Vorgehensweise.
Sie gelten als einer der
hervorragendsten Denker Lateinamerikas und der Philosophie der
Befreiung.
Was waren nun die entscheidenden
Stationen Ihres Lebens, die Sie dahin geführt haben?
Dussel: Ich habe mit dem Philosophie- und dann mit dem
Soziologiestudium begonnen, und später merkte ich, daß das bereits
einem bestimmten Plan entsprach. Ich erinnere mich, daß ich für meine
erste größere Arbeit in Soziologie, das war im zweiten Semester, mit
dem Fahrrad in die Elendsviertel von Mendoza fuhr, meiner Geburtsstadt,
und dort die Lebensumstände der Menschen aufzeichnete.
Heute frage ich mich, was mich dazu gebracht hat, mich derart zu
engagieren. Es muß ja einen bestimmten Hintergrund gegeben haben, der
mich zu dieser "Mystik" für die Armen, wie ich es nennen würde, geführt
hat.
War diese Erfahrung der Armut also für
Sie ein bleibendes Erlebnis?
Dussel: Ich erinnere mich auch, daß wir einmal ein Spital mit
behinderten Kindern besuchten, und da lag ein völlig entstelltes Kind
in seinem eigenen Dreck und stank fürchterlich- ich habe diesen Geruch
heute noch in der Nase. Deshalb habe ich wohl mit der Philosophie
begonnen, weil ich mich nach dem Warum von soviel Elend fragte. Und ich
habe mich ständig mit Fragen der Ethik beschäftigt, eigentlich in den
letzten 45 Jahren meines Lebens.
Und weitere einschneidende Erlebnisse?
Dussel: Ich verließ Argentinien und machte in Spanien mein Doktorat zum
Thema "Gemeinwohl".
Das war 1959, ich war gerade 25 Jahre alt. Dann ging ich für zwei Jahre
nach Israel, und das waren wohl die eindrucksvollsten Jahre meines
Lebens.
Ich arbeitete als Tischler in Nazareth oder als Fischer im Tiberias-See
und erlebte so eine sehr persönliche Vision des Alten und des Neuen
Testaments. Ich kam mit Gauthier in Kontakt, einem großen
Arbeiterpriester, der schon 1961 ein Buch mit dem Titel "Jesus, die
Kirche und die Armen" schrieb. Dann war ich in einer Gruppe, die für
den damaligen Kardinal von Bologna und späteren Papst Johannes XXIII
das Projekt einer "Kirche der Armen" ausarbeitete. Auch der nachmalige
brasilianische Kardinal Helder Camara war in dieser Gruppe.
Wurde also Ihr intellektueller
Werdegang stark durch diese religiösen Erfahrungen geprägt?
Dussel: In Europa widmete ich mich auch noch anderen Studien, der
Religionswissenschaft zum Beispiel, und machte noch ein weiteres
Doktorat, diesmal über die Indianer. Ich blieb also meinem Thema der
"Armen" treu. Aber erst gegen Ende der sechziger Jahre- ich war
mittlerweile wieder nach Argentinien zurückgekehrt- gelang es mir,
diese Studien vieler Jahre mit einem persönlichen Denken in Einklang zu
bringen.
Theoretisch hatte ich schon seit langem von Heidegger, Scheler,
Husserl, Levinas und allen diesen Leuten gesprochen, aber ich hatte sie
nicht mit meiner persönlichen politischen Erfahrung in Verbindung
gebracht, mit der Erfahrung des Elends. Und so schrieb ich mein erstes
Werk über die Ethik.
Worin liegt für Sie der besondere Wert
Ihres letzten Buches, der "Ethik der Befreiung"?
Dussel: Die Geschichte, meine Geschichte, ist weitergelaufen. Ich habe
erlebt, wie gewisse Hoffnungen gescheitert sind, während die Armut
zugenommen hat. Und ich sah, daß die Philosophie der Befreiung recht
hatte: Es geht uns schlecht, und wir müssen aus dieser Situation
herauskommen. Das war meine oberste Überzeugung, daß wir auf diesem Weg
weitertun mußten. Aber auch die Diskussion mit vielen anderen
zeitgenössischen Philosophen zeigte mir die Kraft unserer Argumente und
die Möglichkeit, von Lateinamerika her etwas Neues zur Philosophie
beizutragen.
Und was ist dieses Neue?
Dussel: Die Perspektive. Aus der Peripherie her wird jedes Postulat der
Moderne oder Postmoderne anders. Ich sagte mir, Moment, diese moderne
Vernunft hat soviel zerstört, und auf Grund meiner eigenen Erfahrung
des Elends und des Hungers entstanden allmählich in mir eigene
Argumente. Die Negativität verwandelte sich zu einer positiven
Ausarbeitung einer viel entwickelteren Ethik als jener, die ich vor 25
Jahren verfaßt hatte.
Sie erwähnen in Ihrem zweiten
Ethik-Buch immer wieder konkrete Personen, wie Rigoberta Menchú und die
Zapatisten?
Was bezwecken Sie damit?
Dussel: In meinem ersten Buch traten die Armen als Zeugen auf, mit
deren Hilfe Fragen aufgeworfen wurden. Später wurde mir dann klar, daß
diese Menschen ja auch Namen und Geschichte hatten, und ich hörte
Rigoberta und Domitila, diese wunderbare Frau aus den Minen Boliviens,
die aufstand und sagte: Wenn man mit erlaubt zu sprechen, und sie
erzählte von Dingen, die man schon oft gehört hat, aber in einer
derartigen Klarheit und mit einer Kraft, die ihrer spezifischen Rolle
als Opfer entspringt.
Ich sagte mir also: man muß den Opfern das Wort erteilen, und das habe
ich in meiner zweiten Ethik getan, wo die Opfer das Wort haben und die
Intellektuellen, die Philosophen, die Soziologen, die Wissenschaftler
bis hin zu den Theologen darauf antworten, interpretieren, woraus sich
eine interessante Spirale ergibt. Das hat mir viel Kritik eingetragen,
unter anderem wurde ich als Populist verschrieen, aber wenn jemand
etwas macht, so ist es auch kritisierbar, das finde ich nicht schlimm.
Und wie stehen Sie zu den Zapatisten?
Dussel: Sie haben zwei Philosophen zu nationalen Beratern ernannt,
einen Mexikaner und mich, doch da ich Ausländer bin, habe ich diese
Ehre doch nicht angenommen. Die Zapatisten vertreten keinen
dogmatischen Marxismus, nicht einmal einen Standard-Kommunismus,
sondern sie sind von der Realität ihres Landes ausgegangen, und in
diesem Sinne haben sie wie eine enorme Schule des Realismus gewirkt.
Es ist eine außergewöhnliche Begegnung. Für mich ist Marcos auch ein
Dichter, wie Neruda. Er erfaßt die Wirklichkeit auch auf ästhetische
Weise und hat die Fähigkeit, sich den Menschen mitzuteilen. Ich nenne
ihn den Übersetzer von einer Welt in die andere.
Sie mußten Ihre Heimat Argentinien auf
Grund der Bedrohung durch die Militärdiktatur verlassen und flüchteten
nach Mexiko.
Hat diese Tatsache Ihr Denken
wesentlich beeinflußt?
Dussel: Ja, sie haben mir eine Bombe gelegt, die einen Teil meines
Hauses zerstört hat, und das hat mir gezeigt, daß sie verstanden haben,
was ich sagte (lacht). Das empfinde ich als eine Ehre. Aber natürlich
war es eine dramatische Angelegenheit, und ich mußte flüchten.
Ich wollte unbedingt in Lateinamerika bleiben, aber nicht so weit weg
von Argentinien, doch aus familiären Gründen wählte ich schließlich
Mexiko als Exilland. Mexiko ist völlig anders als Argentinien, und ich
habe viele Jahre gebraucht, um meinen Diskurs anzupassen.
In Ihrer Ethik der Befreiung taucht
auch der Genderaspekt als Thema auf.
Was bedeutet das für einen Mann?
Dussel: Ich habe 1972 ein Buch mit dem Titel "La Erotica
latinoamericana" verfaßt, das die Befreiung der Frau zum Thema hat.
Heute sehe ich, daß etwa zehn Prozent vom Inhalt dieses Buches nicht
stimmt, auf Grund der Umstände, unter denen ich aufwuchs, aber zu 90
Prozent stehe ich auch heute noch dazu.
Ich möchte aber noch tiefer in die Materie einsteigen, etwa bezüglich
der Neudefinition der Funktion des Mannes in einer Gesellschaft, in der
sich die Frau zu befreien beginnt.
Ist Ihrer Meinung nach die
Befreiungstheologie am Ende angelangt?
Dussel: Sie wird weiterbestehen, aber es muß zu einer Umwandlung ihrer
erkenntnistheoretischen Thesen kommen. Zu einer Transformation und
nicht zu einem Bruch. Das ist das, was ich in meiner Ethik mache. Sie
möchte eine Art erkenntnistheoretische Grundlage der
Befreiungstheologie sein.
Sie muß das Gedankengut der neuen Philosophie verarbeiten, und ich
empfinde es als meine Aufgabe, diese Aufarbeitung durchzuführen, denn
schließlich ist ein Theologe ja kein Philosoph.
Jetzt im Juni werden wir in Matanzas in Kuba ein interessantes Treffen
haben, wo acht bis zehn Befreiungstheologen der alten Schule, darunter
auch ich, mit etwa 80 Jugendlichen zusammenkommen. Dabei werden wir
ihnen sagen: Schaut, das ist der Weg, so wie wir ihn uns vorstellen.
Was sagt ihr dazu?
Was sind Ihre nächsten Zukunftspläne
als Philosoph?
Dussel: Nun, zuerst muß ich einmal meine "Ethik" publizieren, denn die
ist noch nicht einmal auf Spanisch erschienen. Eine englische
Übersetzung ist schon in Vorbereitung. Dieses Werk hat mich ziemlich
erschöpft; in den letzten vier Jahren habe ich viele Wochenenden darauf
verwendet. Aber ich arbeite bereits an einer "Politischen Philosophie",
die auf derselben Linie wie die Ethik liegen wird.
Dann habe ich noch vor, eine "Ökonomische Philosophie" zu schreiben,
des weiteren ein Werk zur Ökologie und eines zur Genderfrage. Diese
vier Ebenen der Befreiung scheinen mir die vordringlichsten und
wichtigsten zu sein. Deren Behandlung wird einige Jahre in Anspruch
nehmen, weiter weiß ich noch nicht. Vielleicht werde ich mich dann
zurückziehen und das Feld Jüngeren überlassen.
Bücher von Enrique Dussel
Herrschaft und Befreiung. Ansatz, Stationen und Themen einer
lateinamerikanischen Theologie der Befreiung. Edition Exodus, Luzern
1985
Die Geschichte der Theologie in Lateinamerika. Matthias - Grünewald
-Verlag, Mainz 1988
Philosophie der Befreiung, Argument Verlag, Hamburg 1989
Prophetie und Kritik. Entwurf der Geschichte einer Theologie in
Lateinamerika, Edition Exodus, Luzern 1989
Von der Erfindung Amerikas zur Entdeckung des Anderen. Ein Projekt der
Transmoderne, Patmos, Düsseldorf 1993
Über Enrique Dussel
Hans Schelkshorn: Ethik der Befreiung. Einführung in die Philosophie
Enrique Dussels. Herder, Wien 1992
Raúl Fornet-Betancourt: Für Enrique Dussel. Aus Anlaß seines 60.
Geburtstages, Augustinus-Buchhandlung, Aachen 1995
Anton Peter: Enrique Dussel. Offenbarung Gottes im Anderen, Matthias-
Grünewald-Verlag, Mainz 1997
Thorsten Knauth/ Joachim Schroeder
Befreiungstheologie
an der Hochschule
Über Anfänge, Konzeption und Verlauf
eines "befreienden" Seminarprojektes
Ein Anfang an der Universität
"Hier beginnt die Theologie" stand als Überschrift auf einer
Fotographie, die wir in der ersten Sitzung eines religionsdidaktischen
Hauptseminars an der Universität präsentierten. Das Foto zeigt eine vom
Erdbeben zerstörte Hausruine in Managua (Nicaragua), in der eine
Familie auf einem provisorischen Herd das Essen zubereitet. Wir hatten
das Bild so abgedeckt, daß nur der Satz zu lesen war: "Hier beginnt die
Theologie". Wir baten die Studierenden darum, Vermutungen zu äußern,
welche Bilder zu diesem Satz passen könnten. passen könnten. Die
Vorschläge zeigten mehr als jede Vorstellungsrunde theologische
Hintergründe und Bewußtseinsstände: Eine Kirche sollte auf´s Bild, eine
Bibel, das Kreuz, betende Hände, die Universität, Pflanzen, Blumen auf
einer grünen Wiese. Jemand sagt: Vielleicht ist auch gar nichts zu
sehen, weil Theologie etwas mit Schöpfung zu tun hat, also mit allem,
was ist und lebt. Eine andere denkt an den Tanz um das Goldene Kalb, in
dem die Unterscheidung zwischen dem wahren Gott und den falschen Götzen
thematisiert wird.
Das Erstaunen bei der "Ent-deckung" des Bildes ist groß: mit Theologie
habe dieser Ausschnitt aus einem Armenviertel der Dritten Welt nicht
viel zu tun, allenfalls als Aufruf zu den Menschen im zerstörten Haus
zu gehen und sie zu bekehren. Wenn überhaupt, dann gehe es hier um
ethisches Handeln und nicht um Theologie; Bild und Überschrift könnten
als Spendenappell und Aufruf zur Hilfe verstanden werden.
Später, als wir den befreiungstheologischen Hintergrund des Bildes
angedeutet haben, über die "Option für die Armen", die "Orthopraxie"
statt der "Orthodoxie" und die Perspektive von unten diskutiert haben,
entspinnt sich die erste Diskussion über die Orte der Armut in Hamburg
(Mümmelmannsberg?, Steilshoop?, Blankenese?), über ihre Gesichter
(Obdachlose oder Spielzeugberge, Alkoholflaschen oder Szenen vom
Hauptbahnhof), das Verständnis von Armut (materiell arm?, emotional
arm?, gefangen im Reichtum) und die Adressaten von Theologie (Sollen
sich "die Reichen um ihren eigenen Kram kümmern"?).
Ein Anfang war gemacht: Ein Bild provoziert Fragen nach der Verknüpfung
von Theologie und Pädagogik mit gesellschaftlicher Realität. Was ist
Armut, und inwieweit betrifft sie mich; was hat die Religionspädagogik
mit der Armut in einer Großstadt zu tun? Ein Bild irritiert und löst
Diskussionen über die Frage aus, wie wir uns in die Gestaltung und in
die Veränderung gesellschaftlicher Realität einmischen können.
Ein Sommer über Befreiung. Hintergründe des Hungertuch-Projektes
Über Befreiung wollten wir in diesem Sommersemester also wieder
diskutieren. Genauer: Über eine wissenschaftstheoretische und eine
sozialpolitische Perspektive, die konsequent aus dem Schlüsselproblem
sozialer Ungleichheit entwickelt wird und die einen ethischen Anspruch
der Parteilichkeit vertritt, der zusammengefaßt ist in der berühmten
Formel der Option für die Armen. Über Befreiung zu diskutieren hieß für
uns, einen bildungstheoretischen Diskurs und eine pädagogische und
theologische Praxis, entwickelt in der Auseinandersetzung der Dritten
mit der Ersten Welt und übertragen auf die Dritte in der Ersten Welt zu
thematisieren, zu erinnern und zu aktualisieren- und dies möglichst
facettenreich, mehrperspektivisch und mehrdimensional.
In der Semestervorbereitung hatten wir uns überlegt, wie wir den
pädagogischen und theologischen Befreiungsansatz so vermitteln können,
daß wir nicht nur über das Befreiungsparadigma lesen und reden. In
einer Rekonstruktion der historischen Entwicklung des
Befreiungsansatzes, seiner Grundthesen, Ziele, Orte und Subjekte hatten
wir einige Kernstücke des Befreiungsparadigmas in Pädagogik,
Philosophie und Theologie herausgeschält (vgl. Knauth/Schroeder 1998).
Trotz der Verschiedenartigkeit der Disziplinen (z.B. Philosophie,
Theologie und Pädagogik), der sozialen, kulturellen und politischen
Kontexte (z.B. Lateinamerika und Europa) besteht die Gemeinsamkeit des
Befreiungsansatzes in einer wissenschaftstheoretischen und einer
sozialpolitischen Option, einer dialektischen Methodologie und einer
Zielperspektive. Befreiungspädagogik und Befreiungstheologie (sowie die
anderen um Befreiung zentrierten sozialwissenschaftlichen Disziplinen)
lassen sich kennzeichnen durch eine entschiedene Parteilichkeit für die
Armen, durch eine Erfahrungen produzierende und auf Praxis
reflektierende Methodologie, der es um Bewußtseinsbildung und
gemeinsame Aktion, Hilfe zur Subjektwerdung und Veränderung
gesellschaftlicher Realität im Interesse der Armen geht.
Auch in dem religionsdidaktischen Seminarprojekt wollten wir die
Religionspädagogik in die Schule der Befreiung schicken, also den
Befreiungsansatz in bezug auf religionspädagogische Fragestellungen mit
seinen eigenen Mitteln kennenlernen. Ziel mußte also sein, in einer
dialektischen Verschränkung von Inhalt und Methode den Ansatz zu
erarbeiten und anzuwenden.
Über Schlüsselthemen und Codierungen. Die Eckpfeiler des
Hungertuch-Projektes
Aus diesen Überlegungen entstand die Idee, ein Unterrichtsmaterial zum
Thema "Armut von Kindern und Jugendlichen in Hamburg" mit den
Werkzeugen des Befreiungsansatzes zu erarbeiten. Die Studierenden
sollten das "generative Thema" Armut in Hamburg erfahrungsnah und in
der Perspektive "von unten" bearbeiten: In einer erkundenden
Wahrnehmung und aufsuchenden Auseinandersetzung von Phänomenen und
Orten der Armut in Hamburg sollten sie die "Schlüsselwörter der Armut"
finden, um diese in bildhafter Veranschaulichung zu einer Collage
sozialer Realität zusammenzusetzen. Es ging uns also um die Erarbeitung
einer befreiungspädagogischen Codierung des Schlüsselthemas "soziale
Gerechtigkeit" in einer aufeinander abgestimmten Folge von praktischen,
erfahrungsorientierten und erfahrungsproduzierenden sowie
reflektierenden und integrierenden Phasen. Auf diese Weise folgten wir
dem befreiungstheologischen Grundschema "Sehen, Urteilen und Handeln".
Wir haben dabei die befreiungstheologische Tradition des sogenannten
Hungertuches gewählt, weil sie uns gut geeignet zu sein schien, Formen
und Inhalte des Befreiungsansatzes auf dialektische Weise miteinander
zu verschränken und ein religionspädagogisch wichtiges Thema im Kontakt
mit sozialer Realität anschaulich und bewußtseinsstiftend zu bebildern.
In Hungertüchern werden hoffnungsvolle Beispiele und Visionen ins Bild
gesetzt, die aufzeigen, daß Armut und Ausbeutung immer auch einhergehen
mit Hoffnung und Verheißung. Zeitgenössische Bilder von Leid und Tod,
von Unterdrückung und Befreiung, von Angst und Hoffnung sind verwoben
mit den Geschichten und Bildern der Hebräischen Bibel und des Neuen
Testaments. Die Hungertücher stehen in der Tradition der "Biblia
Pauperum", der "Armenbibel": Im Mittelalter wurden diese Tücher und
Bilder als eine Art "Heilige Schrift in Bildern" für eine Bevölkerung
verwendet, die damals mehrheitlich weder lesen noch schreiben konnte.
Heute können sie verstanden werden als Möglichkeit, unser
Analphabetentum gegenüber der Not in der Welt bewußt zu machen und
weltgesellschaftliche Zusammenhänge ins Bild zu setzen.
Mit einem Hungertuch wird das Kreuz in der Fastenzeit umhüllt, um das
gewohnte Bild durch ein neues Bild zu verfremden, neue Aufmerksamkeit
darauf zu lenken, es aufzuschlüsseln und neue Deutungszugänge zu
schaffen. Leid und Unterdrückung werden in unserer Gesellschaft am
liebsten verdeckt gehalten. Hungertücher wollen dieses Leid aufdecken,
der Stoff des Lebens gibt den Stoff ab für das Bild: Verschiedene
Lebenstexte werden zu einem vielschichtigen Bildtext verarbeitet (vgl.
Baumann 1992; Schlembach 1994).
Misereor hat den alten Brauch des Hungertuchs (der in einigen Gegenden
Deutschlands immer noch gepflegt wird) wieder aufgegriffen und 1976 das
erste Tuch malen lassen. Da die Idee eine große Resonanz gefunden hat,
werden seitdem alle zwei Jahre neue Hungertücher herausgegeben. Einen
besonderen Akzent erhalten die Misereor-Hungertücher dadurch, daß sie
aus den verschiedenen Kulturkreisen der Welt die Botschaft des Glaubens
auslegen und neu erschließen. Bisher sind entstanden: zwei indische
Hungertücher, ein äthiopisches, ein haitianisches, ein peruanisches, je
eines aus Kamerun, aus Brasilien und aus Südafrika.
Die Hungertücher können als ein handgreifliches und bildhaftes Medium
eines befreiungstheologischen Ansatzes gelesen werden: Sie versuchen
ein ungeschminktes Bild der Einen Welt zu geben, die Verflechtung des
Elends der Dritten mit dem Reichtum der Ersten Welten zu verdeutlichen.
Die Bilder kennzeichnet eine klare Parteilichkeit für die
Unterdrückten, Ausgegrenzten und Bedrängten, sie enthalten eine
eindeutige Option für die Armen. In Hungertüchern wird Theologie
getrieben, sie sind so etwas wie Predigten für das Auge. Es handelt
sich jedoch weniger um eine "Expertentheologie", die von einzelnen
vorgedacht und volksnah bebildert wird, sondern (wie am peruanischen
Hungertuch am deutlichsten) in ihnen sind Laientheologien enthalten,
die in Basisgemeinden erarbeitet wurden: Hungertücher nehmen die
Lehrautorität der Armen ernst. In Hungertüchern wird der theologische
Begriff der Erlösung nicht nur - wie in der abendländisch-theologischen
Tradition- als Befreiung aus individueller Schuld interpretiert,
sondern in seiner die realen Verhältnisse betreffenden sozialen und
gesellschaftspolitischen Dimension: Ziel ist also die Befreiung aus der
strukturellen Sünde.
Die von Misereor herausgegebenen Hungertücher greifen, wie gesagt, eine
mittelalterliche Tradition auf und verknüpfen sie mit der Perspektive
der Peripherie: Die Hungertücher wurden bislang vor allem von
Künstlerinnen und Künstlern aus der sogenannten Dritten Welt gemalt und
gestaltet. Sie versuchen, ihre Glaubens- und Lebenserfahrungen in den
Bildern darzustellen sowie eine "Botschaft von draußen" an die Christen
und Christinnen in Europa zu übermitteln. Wir denken jedoch, daß es
notwendig ist, nicht nur die christlichen Perspektiven der Dritten
Welten erkennbar werden zu lassen, sondern auch die Dritte Welt hier in
Hamburg aufzusuchen und diese in die weltgesellschaftlichen
Zusammenhänge zu stellen.
Unser Vorgehen
Vor diesem Hintergrund legten wir fest, daß das Thema im
Spannungsverhältnis von vier "Koordinaten" erabeitet werden sollte:
(1) Thematisieren wollten wir die Ausgrenzung und Armut von Kindern und
Jugendlichen, und
(2) dies bezogen auf Hamburg als einem lokalen Beispiel für globale
Zusammenhänge.
(3) Das Bild sollte aus einer lebensweltbezogenen Perspektive
erarbeitet werden, also einen interkulturellen, interreligiösen und
mehrperspektivischen Anspruch einlösen.
(4) Streng befreiungsorientiert sollte dies unter dem doppelten Ansatz
der "Anklage und Prophetie" geschehen, es sollten die Probleme benannt
und Lösungen aufgezeigt, es sollten die Orte der Armut wie auch die
Orte der Hoffnung aufgesucht und dargestellt werden.
Es verstand sich von selbst, daß die künstlerische Ausführung dieses
anspruchsvollen Projektes nicht durch pinselschwingende Laien wie uns
übernommen werden konnte. Darum haben wir den Hamburger Künstler Sönke
Nissen gebeten, die künstlerische Ausführung dieses Hungertuches zu
übernehmen. Sönke Nissen ist über Hamburg hinaus durch seine
zahlreichen Wandmal-Projekte bekannt geworden. Er gehört zu jenem
deutsch-nicaraguanischen Künstler-Team, das im Rahmen der
Städtepartnerschaft Hamburg-Leon je ein Wandbild in beiden Städten zur
Geschichte Nicaraguas und der Beziehungen zwischen Europa und
Lateinamerika angefertigt hat. Mit seiner Auffassung, Kunst als
kollektiven, sozialen Prozeß zu verstehen, war er für unser Vorhaben
die geeignete Person.
Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Seminars hatten die Aufgabe,
Sönke Nissen Stoff für sein Bild zu liefern. In verschiedenen
Erkundungsprojekten in Hamburg sollten sie "Orte der Armut" aufsuchen,
Materialien, Informationen, Fotos etc. zum Thema sammeln und auf zwei
ganztägigen Wochenendseminaren zusammen mit Sönke Nissen die Konzeption
des Hungertuches planen.
Eingehend beschäftigten wir uns in einer einführenden Phase mit den
Inhalten und Strukturprinzipien der bisher erschienenen Hungertücher,
vollzogen an ihnen und anderen Beispielen den befreiungspädagogischen
Codierungsbegriff nach, untersuchten das befreiungstheologische
Verhältnis zwischen Texten des Lebens und Texten der Tradition, klärten
die Beziehung zwischen Anklage und Prophetie und diskutierten die
Botschaften der Tücher. Auf diese Weise entwickelten wir nach und nach
die Strukturebenen und Gestaltungsprinzipien des eigenen
Hungertuch-Projektes.
In mehreren Seminarsitzungen erarbeiteten wir Situationen, Aspekte und
Orte der Ausgrenzung von Kindern und Jugendlichen in Hamburg und
konstruierten damit einen vorläufigen Kontext von Situationen und
bedeutungsvollen Themen des alltäglichen Lebens, den die
Befreiungspädagogik das "thematische Universum" (Freire 1973: 79ff.)
nennt und den es in eigenen "thematischen Untersuchungen" zu vertiefen
galt:
Es bildeten sich Arbeitsgruppen zu den Themen: "Drogen"; "Dritte Welt
und Hamburg"; "junge Flüchtlinge"; "Kinderbischöfe"; "St. Pauli";
"Aufwachsen in emotionaler Armut" sowie zum Thema "Umgang mit
Minderheiten in der Hamburger Stadtgeschichte".
Jede Gruppe entwickelte ein eigenes Projektkonzept und "schwärmte" aus,
um Personen und Betroffene zu befragen, zu interviewen, zu beobachten
und zu fotografieren; um einschlägige Literatur, Statistiken,
Projektbeschreibungen, Presseartikel zu sammeln; um für das Bild nach
"abbildbaren" Symbolen, Gestalten, Objekten, Schildern, Gebäuden,
Stadtansichten, Handzeichnungen, Skizzen, Plänen, Postkarten zu suchen;
um Kurzdarstellungen aus prägnanten Interviewpassagen, Adressen,
Auszügen aus Broschüren zu schreiben und Deutungen des ausgewählten
Bildes oder Symbols aufzuzeigen.
Andere Arbeitsgruppen beschäftigten sich mit dem Armutsbegriff und mit
neueren statistischen Materialien zur Situation von Kindern und
Jugendlichen und zur Stadtgeographie der Armut in dieser Stadt. Zwei
weitere Arbeitsgruppen fragten danach, inwieweit die religiösen
Traditionen Deutungen und Perspektiven zur existenziellen, ethischen
und politischen Orientierung enthalten.
Wir befragten Vertreter und Vertreterinnen wichtiger Hamburger
Religionsgemeinschaften darüber, welche Perspektiven auf den Umgang mit
und den Kampf gegen Armut und Unterdrückung die verschiedenen
religiösen Traditionen haben; was Buddhisten, Juden, Muslime, Hindus
und Christen aktuell gegen die Armut in Hamburg tun, an welchen
Optionen und Perspektiven sie sich hierfür orientieren; wie Ethik
religiös und theologisch begründet wird und welche Konzepte für eine
interreligiöse Zusammenarbeit in sozialethischen Fragen sie entwickelt
haben; welche "heiligen Texte", welche Symbole oder Vorbilder in
Tradition und Geschichte wichtig sind.
Denn unser Ziel war es, auch die "Befreiungstheologien" der
Religionsgemeinschaften kennenzulernen und in das Hungertuch
aufzunehmen, die sich in Hamburg bereits seit vielen Jahren in einem
kontinuierlichen Dialog befinden und nun auch gemeinsam daran arbeiten,
den Religionsunterricht zu einem Ort dialogischen und interreligiösen
Lernens zu entwickeln.
Die sehr vielschichtige Arbeit am Hungertuch-Projekt, das Gewinnen
neuer Einsichten durch die eigenen "thematischen Untersuchungen", die
begleitende Diskussion von Theorien und Konzepten, der Streit um
individuelle und kollektive Handlungsstrategien zur Überwindung von
Armut und sozialer Ungerechtigkeit, die Auswahl von Bildern, Motiven
und Symbolen für das Gesamtbild, nicht zuletzt auch die Frage nach der
Bedeutung und Relevanz von Religion und religiösen Traditionen; dies
alles ist -so meinen wir- eine Form religiösen und ethischen Lernens
mit sehr nachhaltiger Wirkung. Es war in den Diskussionen oft zu
merken, daß es nicht länger nur um Seminarstoff ging, sondern daß im
Medium der Arbeit an einem Produkt Allgemeines und Persönliches
zugleich mit angesprochen war. Vermutlich deshalb mögen die
Diskussionen im Seminar so engagiert gewesen sein. Daß unsere
befreiungsorientierte Codierung schon im Zuge ihrer Erarbeitung
bewußtseinsbildend sein möge, dieser Anspruch konnte unserer
Beobachtung nach eingelöst werden.
Perspektiven
Als wir Anfang des Jahres 1997 mit der Planung des Hamburger
Hungertuches begannen, ahnten wir nicht, daß aus einem Seminarprojekt
ein Netz an Aktivitäten und Vorhaben wird, an dem inzwischen viele
Personen mit Unterstützung von Institutionen knüpfen. Bereits während
des Entstehungsprozesses des Ölgemäldes besuchten SchülerInnen einer
10. Realschulklasse den Künstler in seinem Atelier und beschäftigten
sich in der Folgezeit mit dem Thema "Armut in Hamburg". Durch die
Begegnung mit dem Künstler und die Auseinandersetzung mit dem Bild
wuchs bei den SchülerInnen das Interesse, eigene Erfahrungen mit Armut,
Gewalt und Ungerechtigkeit bildnerisch auszudrücken und zu
interpretieren. Derzeit entsteht in Zusammenarbeit mit Sönke
Nissen-Knaack ein Fassadengemälde zum Thema "Armut in unserem
Stadtteil" an der Schule.
Von dem Ölgemälde werden Farbstoffdrucke hergestellt. Eine
Arbeitsgruppe entwickelt didaktisches Begleitmaterial für die
pädagogische Arbeit in Schulen und Gemeinden. Beides zusammen wird als
Medienpaket Hamburger Hungertuch publiziert und den Schulen und
Gemeinden für die pädagogische Arbeit angeboten. Das Hungertuch soll
auf diese Weise einen Prozeß bewußtseinsbildender Beschäftigung mit dem
Thema Armut in Hamburg einleiten, an dem viele Schulen und
außerschulische Einrichtungen beteiligt sein sollen.
Schluß
Es war kurz vor der Fertigstellung des Bildes zum Hungertuch. An der
Hamburger Universität streikten Studierende und Lehrende gegen die
gravierenden Einschnitte im Bildungssystem und thematisierten auch den
Zusammenhang von "Bildungsklau und Sozialabbau" in phantasievollen
Aktionen, zu Diskussionsveranstaltungen umgewandelten Seminaren und
großen Demonstrationen. In diesem "befreienden" Dezember wurde auch in
einem religionspädagogischen Oberseminar über den Zusammenhang von
Religionspädagogik und Gesellschaft diskutiert . An einer Pinwand
rahmten Flugblätter des Streiks eine Kopie des fast vollendeten
Hamburger Hungertuches. Zwei Studentinnen, die diese
Diskussionsveranstaltung leiteten, hatten eine Überschrift dabei: "Hier
beginnt die Religionspädagogik".
Literatur
Baumann, Rolf: Die Bilder der Misereor-Hungertücher als Botschaft für
uns Christen in Europa. In: Arbeitsheft zum Hungertuch "Lateinamerika".
Aachen 1992, S.2-4
Freire, Paulo: Pädagogik der Unterdrückten, Reinbek 1973
Freire, Paulo: Erziehung als Praxis der Freiheit, Reinbek 1974
Knauth, Thorsten/ Schroeder, Joachim (Hrsg.): Über Befreiung.
Befreiungspädagogik, Befreiungsphilosophie und Befreiungstheologie im
Dialog, Münster/Berlin/ New York/ München 1998
Schlembach, Anton: Die Misereor-Hungertücher: Zeugnisse des Lebens und
Glaubens in der Einen Welt. In: Arbeitsheft zum Hungertuch "Gott
begegnen im Fremden", Aachen 1994, S. 2-4
Übersetzungen
Befreiungstheologie zwischen
Lateinamerika und Deutschland
Neuere Bücher zur Befreiungstheologie
Die Frage ist so neu nicht, aber sie stellt sich drängender denn je:
Was kann christliche Praxis hierzulande von der Befreiungstheologie
lernen? Was bedeutet also ein politisch verstandener Vorrang der Armen
für Theologie und Kirche in Deutschland? Die Armut in Europa nimmt zu,
die Dritte Welt ist längst in der Ersten Welt angekommen. Den
christlichen Kirchen in Deutschland stehen einschneidende Änderungen
bevor. Ihre Bedeutung im Leben vieler Menschen schwindet. Gleichzeitig
wächst die Notwendigkeit einer Solidarität mit denjenigen, die aus dem
Modernisierungsprozeß geschleudert worden sind. Es reicht nicht,
Sonntag für Sonntag die Nasen zu zählen und den Mitgliederschwund in
den Kirchen zu beklagen, die finanziellen Defizite mit modernen
Managementmethoden zu verwalten, auf einen neuen Papst in der
Katholischen Kirche oder fortschrittliche Kirchenleitungen in der
Evangelischen Kirche zu warten. Viel hängt von Prozessen an der Basis
ab: Gerade jetzt besteht die Herausforderung und die Chance für
Theologie und Kirche darin, sich entschieden den Armen zuzuwenden, ein
eigenes Selbstverständnis aus diesem Vorrang für die Armen zu
entwickeln und von einer bürgerlich und mittelschichtig orientierten
Volkskirche zu einer Kirche der Armen zu werden. Doch was eine an der
Option für die Armen entwickelte Spiritualität für die Kirchen
theologisch und soziologisch bedeutet, will durchdacht sein. Die
befreiungstheologische Option für die Armen will rekonstruiert sein;
theologische, politisch-soziale, zeitdiagnostische und
kirchenpraktische Fragen müssen diskutiert werden.
Peter Schönhöffer: Befreiende
Spiritualität. Die Option für die Armen zwischen Brasilien und
Deutschland, Frankfurt a.M. (IKO-Verlag) 1997 (313 Seiten)
Peter Schönhöffer, katholischer Theologe und Mitglied der
Nord-Süd-Kommission von Pax Christi, kennt beide Kontexte gut genug, um
sich der Beantwortung dieser Frage mit Sorgfalt zu nähern. Die Suche
nach einer befreienden Spiritualität erfordert eine Wanderung zwischen
den Welten. Von Brasilien nach Deutschland ist ein langer Weg
zurückzulegen. Er beginnt in den Basisgemeinden, dort, wo sinnlich
erfahrbar ist, daß die Armen die Lehrer der Theologie sind. Hier
entsteht die bodenständige Spiritualität, die in politische Dimensionen
ausgreift. Diese Verbindung von Gebet und Widerstand ist die
brasilianische Erfahrung, die Erfahrung der Kirche der Armen in
Lateinamerika. Mit dieser Erfahrung kommt ein neues Kirchenmodell und
ein neue Gestalt christlicher Praxis und theologischer Reflexion auf
den Weg. Eine befreiende Spiritualität wächst an der Parteilichkeit für
die Armen, resümiert Peter Schönhöfer am Ende des Ganges durch die
brasilianische Erfahrung. Er widmet anschließend in einer fundamentalen
Reflexion seine Anstrengung der historisch-systematischen und
biblisch-theologischen Begründung. Die Brücke von Brasilien nach Europa
wird auf diese Weise gebaut. Wichtige Fragen nach der Gestalt einer
befreienden christlichen Spiritualität sind zu klären. Zu sehr wabert
der Begriff Spiritualität in die undeutlichen Bereiche einer um sich
selbst kreisenden, privaten esoterischen Religiosität. Es wird
deutlich: Im Zentrum einer befreienden Spiritualität kann der Begriff
des Reiches Gottes stehen, wenn er nicht zu einer Größe des Jenseits
verflüchtigt wird, sondern an das gegenwärtige Handeln geknüpft wird.
Das Gleiche gilt für das biblische Modell von Praxis: Seelsorge und
materielle Heilssorge gehören zusammen, weil der Mensch Seele und
Fleisch ist, ein untrennbares Ganzes. Eine befreiende politische
Spiritualität ist die personale Erfahrung des Glutkerns des
Evangeliums, der mit einem Einsatz für eine erneuerte Gesellschaft
einher geht. Spätestens hier ist deutlich: Schönhoffer will eine
mystische Erneuerung von Glauben und Theologie- eine Mystik, die von
Politik nicht getrennt ist (Hier nähert er sich dem Ansatz von Dorothee
Sölle). Dieses Verhältnis von Mystik und Politik formt sich in
"Haltungen des engagierten Kampfes für alle Formen einer größeren
Liebe" aus (S.63). Befreiende Spiritualität bleibt nicht beim Einzelnen
stehen.
Schönhöffer versucht, Bedingungen, Beispiele und Spuren einer solchen
befreienden Spiritualität in der bundesdeutschen Realität
wiederzufinden. Die Bilanz fällt zwiespältig aus: Die Rede von einer
Option für die Armen wird von den beiden großen Kirchen kooptiert, dann
aber zu einem allgemeinen Appell an das sozialethische Gewissen
verharmlost. So geschehen beim gemeinsamen Sozialwort der Kirchen. Die
Option für die Armen wird auf diese Weise zu einer Mogelpackung, weil
ihr sowohl die spirituelle Tiefe als auch die prophetische Spitze
fehlt. Das ist keine Theologie von der Kehrseite der Gesellschaft. Auf
der anderen Seite aber hat der konziliare Prozeß für Gerechtigkeit,
Frieden und Bewahrung der Schöpfung gerade die Friedens-, Ökologie und
Dritte Weltgruppen gestärkt, die Kirchenaufbau und christliche Praxis
als einen partizipatorischen Lernprozeß von unten betrachten und damit
zu einer basisgemeindlichen Sozialgestalt von Kirche beitragen. Gerade
an diesen positiven Beispielen müssen aber auch die Grenzen und die
Schwierigkeiten nüchtern gesehen und reflektiert werden. Der konziliare
Prozeß ist Ende der 80er Jahre in´s Stocken geraten; Resignation machte
sich bei den kritisch Engagierten breit. Schönhöffer hat Recht, wenn er
betont, daß um der Langfristigkeit des Engagements willen die Phasen
der einmischenden Arbeit in den Initiativgruppen sorgfältig beschrieben
werden müssen. Auch die Dimension des Scheiterns und der Niederlage
gehört zu diesem Prozeß, weil sich besonders dann die Frage stellt, was
die Quelle einer Hoffnung gegen alle Resignation ist.
Hier liegt für Schönhöffer die besondere Bedeutung befreiender
christlicher Spiritualität, denn er sieht einen Zusammenhang zwischen
der wachsenden Resignation und eine unzureichenden Beachtung der
spirituellen Dimension einer engagierten Praxis. Gerade dieser Aspekt
ist bei den Übertragungsversuchen der brasilianischen Erfahrung sehr
oft unterschlagen worden; besonders in der Modellierung einer
widerstandsfähigen, in Bedeutungen verwurzelten und darum tragfähigen
und langrfristigen Identität sieht Schönhöffer die besondere
Herausforderung für ein zukunftsfähiges Christentum. Menschen zu
stärken sowohl im individuellen als auch im
gemeinschaftlich-kulturellen Bereich ist wichtiger Teil von
Widerstandsarbeit. Dies aber ist so leicht nicht, wie die
zeitdiagnostischen Beobachtungen zeigen, die er aus Theologie,
Kultur-und Sozialphilosophie zusammenträgt.
Die ungehemmte Durchkapitalisierung aller Lebensbereiche greift
menschliche Innen-und Außenräume an; den wachsenden Lernbehinderungen
in Sachen Solidarität ist auch die Sonderschule der Befreiungstheologie
nicht gewachsen, zumal dann, wenn sie lediglich am Randbereich des
religiösen Spektrums ein bescheidenes Dasein fristet. Die gegenwärtige
Bedeutung von Religion ist in der Tat prekär: sie changiert zwischen
einer Abwehrreaktion der Gottesfrage, einem Stillen des vorhandenen
religiösen Hungers mit den Appetithäppchen des Esoterik-Marktes und
einem bürgerlichen Gebrauch von Religion in unseren Kirchen, der sich
mit der ornamentalen religiösen Verzierung in den hohen Zeiten des
privat gewordenen Lebens begnügt. Es bleiben die schwachen Opiate eine
religiösen Surrogatkultur. Der Gott der Befreiung ist in der Agonie
bürgerlicher Lebenswelten unsichtbar geworden.
Schönhöffers Buch ist detailgenau in seinen historischen,
systematischen und zeitgeschichtlichen Rekonstruktionen, hellsichtig
und scharf in seinen zeitkritischen Analysen und wegweisend in seinem
Anliegen, die großen Hoffnungen und Visionen der Bibel in den Alltag
des Lebens zurückzuholen. Es ist schon so: Christliche Identität und
christliche Praxis muß sich an den Armen und an den Anderen entwickeln,
christlicher Glaube muß ausgreifen auf das ganze Leben und auf diese
Weise politisch werden. Die Verbindung von Spiritualität und Widerstand
ist die zukunftsträchtige Form eines Glaubens, der an den Rändern in
sein Zentrum vorstößt. Kirche insgesamt muß sich an diesen Rändern der
Gesellschaft erneuern; und das bedeutet, daß eine politische Praxis der
Spiritualität und eine spirituelle politische Praxis nicht allein
kirchlichen Basisgruppen vorbehalten bleiben darf.
Andererseits: es ist bezeichnend für die gegenwärtige Lage in Kirchen
und Gesellschaft, daß im Überschlag von Rekonstruktion und Analyse zur
Umsetzung Schönhöffers Buch der Schwung ausgeht. Wer sich bis zum
letzten Kapitel durch das inhaltlich bereichernde, sprachlich aber
äußerst anstrengend zu lesende Buch durchgekämpft hat, wird
feststellen: Es fehlt der praktische Ansatzpunkt für die programmatisch
stichhaltige Argumentation. Dies ist nicht Schönhöffers Buch als Manko
zuzuschreiben. Viel eher offenbart es das Dilemma aller derer, die
Schönhöffers Optionen theologisch teilen. Wo, bitte schön, ist der
gesamtgesellschaftliche Ausgang aus dem kleiner werdenden
linkschristlichen Milieu ? Wie kann die befreiende Option für die Armen
in den bürgerlichen Gemeinden der Volkskirche stärker verankert werden;
wie kann sie für die wachsende Zahl derjenigen, die nur locker mit den
religiösen Institutionen verbunden sind, ansteckend werden? Wie wird
sie attraktiv für Heranwachsende, die das zweifelhafte Privileg hatten,
anderthalb Jahrzehnten Regierung einer sich christlich nennenden Partei
erleben zu dürfen, aber wohl eher kaum befreiungstheologischer Praxis
begegnet sein dürften? Dies alles müßte kleingearbeitet werden. Klar
ist: Eine Kirche, die sich von der Option für die Armen zentral
betreffen läßt, müßte den Mut zur Randständigkeit haben, zur
prophetischen Eindeutigkeit und zur spirituellen Tiefe. Sie müßte den
Skandal der Armut weitaus schärfer anklagen, und sie müßte weistaus
radikaler an den gesellschaftlichen Bedingungen von Gerechtigkeit
arbeiten. Sie müßte viel stärker eine Kirche sein, die die großen
Bilder der Tradition ins Leben und in den Alltag übersetzt: daß die
Fremden aufgenommen werden, den Obdachlosen eine Herberge gegeben wird,
die Traurigen getröstet werden und daß man mit den Hungrigen das Brot
bricht. Bislang bleibt die Option für die Armen aber einer insgesamt in
ihrer Bedeutung geringen Sozialgestalt kirchlicher Basisgruppen
vorbehalten. In der Volkskirche spielt die Kirche der Armen eine
untergeordnete Rolle; sie ist ausgelagert in die Verbandsstruktur
professioneller Diakonie. Noch immer will sie viel zu sehr ihren Ort in
der Mitte der Gesellschaft finden und offenbar solange Volkskirche
sein, bis sie endgültig randständig geworden ist.
Hans Eder: Politische Dimensionen der
Theologie der Befreiung. Impulse der Jesuiten und Indigenas für eine
solidarische Gesellschaft der Anderen, Frankfurt/Berlin/Bern/
New York/Paris/Wien (Peter Lang) 1996, 471 Seiten
Die Jesuiten zählen mit ihren Reduktionen zu den wichtigsten Akteuren
einer politischen Artikulation der Befreiungstheologie. Eders Buch
widmet sich in einem wesentlichen Abschnitt der Rekonstruktion eines
Projektes der Jesuiten in Bolivien. Ihm ist das CIPCA Modell- einem
Versuch, zusammen mit den Bauern des andinen Hochlandes die Region zu
entwickeln- deshalb wichtig, weil es einen befreiungstheologischen
Anspruch verfolgt: Wissenschaft und Praxis laufen im historischen
Projekt eines Volkes zusammen, Forschung und soziale Aktion in einem
partizipativen Prozeß, in dem die campesinos selbständig die
Bedingungen ihres Lebens verbessern. Ziel ist der Aufbau einer
"campesino-Macht von unten". Auf der Folie dieses Modells verfolgt Eder
darüber hinaus eine weitergehende Absicht: Er will durch die
Rekonstruktion des Modells und anhand der Geschichte der Jesuiten auf
dem Kontinent Kategorien befreiungstheologischer Arbeit entwickeln und
überprüfen. Dabei geht es ihm vor allem um die politische Artikulation
der Befreiungstheologie; ein sogenanntes Vermittlungsmodell soll
erarbeitet werden, das eine analytische, eine hermeneutische und eine
praktische Vermittlungsebene besitzt- ganz im Sinne der
befreiungstheologischen Methodologie nach Clodovis Boff. Eders Arbeit
ist damit primär methodologisch orientiert. Sie stellt einen komplexen
und weitgespannt angelegten Beitrag zur wissenschaftstheoretischen
Reflexion der Befreiungstheologie dar. Das stellt hohe Ansprüche an die
Leser und Leserinnen des Buches. Denn die Arbeit besteht vorrangig in
der systematischen Aufarbeitung und Überprüfung von zentralen
analytischen Kategorien und Referenztheorien der Befreiungstheologie:
Die Theorie der Abhängigkeit wird genauso gründlich rekonstruiert wie
das befreiungstheologische Verhältnis zwischen Anklage und Ankündigung.
Dabei macht Eder deutlich: Die Kategorie der Ankündigung ist nicht
einfach die Verneinung des Vorhandenen. In diesem zentralen
befreiungstheoretischen Begriff ist ein prophetisches "Mehr" enthalten,
das sich für ein "Draußen" offenhält, für das ganz Andere und den ganz
Anderen. Enrique Dussel, der für diese Denkfigur Pate steht, hat diese
Bewegung als "analektischen Sprung" bezeichnet, der die Möglichkeit
einer neuen Dimension und Qualität menschlicher Beziehungen, aber auch
gesellschaftlicher Verfassungen in sich birgt (vgl. S.117). Dies ist
auch für die politische Dimension der Befreiungstheologie wichtig. Denn
das Systemfremde, das von außerhalb Kommende ist real erfahrbar und
auch praxisrelevant, so daß sich daraus Perspektiven für
gesellschaftliche Veränderungsprozesse ergeben, in denen die kulturelle
Selbstdefinition der unterdrückten Ethnien zur Basis der Veränderung
wird. Die politische Artikulation der Theologie der Befreiung ist dabei
auf die Organisationen des Volkes und die christlichen Basisgemeinden
angewiesen. Eder führt in einem letzten Schritt vor, wie die Kategorien
des von ihm entwickelten Vermittlungsmodells auf die Arbeit hierzulande
übertragen werden können. Er entwickelt mit den Werkzeugen seiner
Analyse das detaillierte Organisationsmodell einer
befreiungstheologisch ausgerichteten Nicht-Regierungsorganisation, in
dem von der Grundsatzpolitik bis zur internen Organisation alle
Kategorien seines entwickelten Vermittlungsmodells operationalisiert
sind. Hintergrund dieser basisorientierten Arbeit ist ihre Verwurzelung
und Unterstützung in sozialen Bewegungen, ein interdisziplinärer und
auf Interkulturalität zielender Ansatz im Rahmen einer konsequenten
Option für die Anderen und mit den Anderen, die die historische,
sozioökonomische, institutionelle und gesellschaftliche Dimension von
Herrschafts-und Gewaltverhältnissen im Blick behält. Es geht auch
heutzutage wie am Anfang befreiender Theologie um die Ablösung des
Begriffs Entwicklung durch den Begriff Befreiung-und zwar, wie Eder
unterstreicht, hier wie dort. Das Modell soll -so Eder- Impulse für
Inhalte und Strukturen solidarischer Beziehungen zwischen Lateinamerika
und Europa vermitteln. Eder ist dies m.E. nach gelungen: In der immer
aktuellen Übertragungsdiskussion liegt mit seiner Arbeit ein
methodologisch reflektiertes Werk vor, das Kriterien für eine
nicht-paternalistische, dialogische und befreiend ausgerichtete
Entwicklungshilfearbeit zur Verfügung stellt, den Diskussionsstand zur
Befreiungstheologie sorgfältig und umfassend rekonstruiert und auf
diese Weise die Aktualität einer sich politisch artikulierenden
Befreiungstheologie nachhaltig unter Beweis stellt.
Autoren und Autorinnen dieses Heftes
Serafin Ajhuacho,
Methodistischer Pastor in einem Armenviertel in Cochabamba, Bolivien,
Präsident der Vereinigung quechua -sprachiger Indigenas innerhalb der
christlichen Kirchen, die die Bibel in die eigene Kultur und Sprache
überträgt.
Patricia Baquero, Kolumbien.
Studium der Philosophie in Bogotá und der Erziehungswissenschaft in
Tübingen. Promoviert gegenwärtig über feministische Theorie der
Geschlechterverhältnisse mit Schwerpunkt Lateinamerika an der
Universität Hamburg.
Mariano Delgado, Dr. Dr.,
Professor für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit an der
Universität Freiburg (Schweiz). Herausgeber der Bartolomé de Las
Casas-Werkausgabe, zahlreiche Veröffentlichungen zur Geschichte und
Gegenwart des Christentums in Lateinamerika.
Enrique Dussel, Mexico.
Befreiungsphilosoph und Befreiungstheologe. Zahlreiche
Veröffentlichungen zur Geschichte der Kirche in Lateinamerika,
Geschichte der Befreiungstheologie, Befreiungsphilsophie. Beteiligt
sich seit Jahren interkontinentalen und interdisziplinären Gesprächen
zum Befreiungsparadigma.
Bärbel Fünfsinn, Theologin und
Lehrerin, Lateinamerika-Referentin im Nordelbischen Zentrum für
Weltmission (NMZ). Studien-und Forschungsaufenthalte in Lateinamerika;
Veröffentlichungen und Veranstaltungen zu sozialethischen und
religiösen Themen Lateinamerikas. Arbeitsschwerpunkte. Interkulturelles
Lernen, Feministische Befreiungstheologie hier und dort.
Thorsten Knauth, Dr. phil.,
Assistent am Fachbereich Erziehungswissenschaft der Universität
Hamburg, Arbeitsbereich Religionspädagogik. Langjährige Tätigkeit als
Referent in der Jugend-und Erwachsenenbildung und in pädagogischen
Projekten mit benachteiligten Kindern und Jugendlichen.
Arbeitsschwerpunkte: Interkulturelles und interreligiöses Lernen,
Befreiungspädagogik und Befreiungstheologie in Europa, dialogische
Religionspädagogik.
Esteban Rojas, Kolumbien;
Dr.phil., Dr. theol., Dipl-Päd. promovierte mit Arbeiten über die
Beziehung zwischen Hegel und Marx aus der Sicht der Philosophie von
Ernst Bloch sowie über die Option für die Armen auf der Grundlage der
Dokumente der lateinamerikanischen Bischofskonferenzen. Sozialdiakon
der Diözese Rottenburg, arbeitet mit Obdachlosen, Arbeitslosen,
Jugendbanden und Flüchtlingen in Tübingen.
Joachim Schroeder, Dr.
rer.soc., Dipl.-Päd. Assistent am Fachbereich Erziehungswissenschaft
der Universität Hamburg. Mehrjährige Arbeits- und Forschungsaufenthalte
in Chile, Bolivien und México sowie Beratungstätigkeiten in
Bildungsprojekten in Nicaragua und Perú. Arbeitsschwerpunkte:
Befreiungspädagogik in Lateinamerika; Pädagogische Arbeit mit
Benachteiligten; Didaktik des interkulturellen Lernens.
Dorothee Sölle, Prof. Dr.,
Befreiungstheologin und Dichterin. Von 1975-1987 Professorin am Union
Theological Seminary in New York. Langjähriges Engagement in sozialen
Bewegungen, zahlreiche Veröffentlichungen zur Politischen Theologie und
zur Befreiungstheologie. Autorin mehrerer Lyrikbücher. Verheiratet,
vier Kinder, lebt als freie Schriftstellerin in Hamburg.
Wolfram Weiße, Dr. theol.,
Professor für Religionspädagogik und Ökumenische Theologie an der
Universität Hamburg. Langjährige Mitarbeit bei einer
entwicklungspolitischen Zeitschrift. Leiter des interdisziplinären
Forschungsprojektes "Jugend- Religion- Unterricht in einer von
ökonomischen und sozialen Disparitäten geprägten multikulturellen
Gesellschaft. Arbeitsschwerpunkte: Christentum in Südafrika, Reich
Gottes und Praktisches Christentum, entwicklungsbezogenes und
ökumenisches Lernen, dialogische Religionspädagogik.
Grupo TENAL:
Dialogisch orientierter Bildungstransfer Leon - Hamburg
Seit Leon/Nicaragua und Hamburg / BRDeutschland 1989 mit offiziellem
Vertrag ihre Städtepartnerschaft gründeten, hat es zwischen den
Studierenden und Lehrenden der Universitäten beider Städte
kontinuierliche Bemühungen gegeben, auf Hochschulebene
Kooperationsformen zu etablieren. Mit Unterzeichnung des
Kooperationsvertrags 1992 gelang es, auch die letzten Widerstände von
offizieller Seite an der Zusammenarbeit zwischen den
erziehungswissenschaftlichen Fakultäten der Autonomen Nationalen
Universität von Nicaragua Leon (UNAN) und der Universität Hamburg
abzutragen. Das TENAL-Projekt ist eines der fünf Kooperations- und
Entwicklungsprojekte, die in diesen Vertrag aufgenommen wurden.
Die TENAL-Gruppe Hamburg, die sich aus Pädagoginnen und Pädagogen
unterschiedlicher Fachrichtungen zusammensetzt, und die Leoner
Partnergruppe, allesamt Dozentinnen der Biologie, arbeiten derzeit u.a.
intensiv an der Umsetzung des 1996 konzipierten gemeinsamen
Forschungsprojekts mit dem Titel: La otra historia de la botanica.
Aportes de diferentes culturas al desarrollo de la botanica (Die andere
Geschichte der Botanik. Beiträge verschiedener Kulturen zur Entwicklung
der Botanik). Für den Erfolg dieses Vorhabens ist die Verstetigung der
kommunikativen Beziehungen, nicht nur im schriftlichen Dialog, sondern
vor allem durch persönliche Kontakte in Form regelmäßiger gegenseitiger
Arbeitsbesuche eine unabdingbare Voraussetzung.
Die im Projekttitel angezeigte interkulturelle Thematik, zu deren
Bearbeitung weniger biologisches Spezialwissen als vielmehr
anthropologische und kulturgeschichtliche Zugangsweisen von beiden
Gruppen erwartet werden, bildet dennoch eine Art "Fundament" des Faches
Biologie: Die Frage nach der Art und Weise, Wissenschaftsgeschichte
eines Faches in der Lehrerausbildung zu lehren, strukturiert und
bestimmt im gesamten formalen Bildungssystem die Wahrnehmung und
Interpretation des Faches und seiner Inhalte .
Ziel ist es, methodisch-didaktische Materialien auszuarbeiten, die in
beiden UNI's einsetzbar sind, sowie in spanisch und deutscher Sprache
verfassten Arbeitsmaterialien- und Begleitheften zu dokumentieren.
Damit möchten die "Tenalisten" einen Beitrag zu der gegenwärtig an der
UNAN stattfindenden und bereits vom sandinistischen
Erziehungsministerium mit Ideen der Educacion Popular grundgelegten
universitären Curriculumtransformation leisten.
Die neoliberalen Tendenzen dort und der wilde Kapitalismus hierzulande
schaffen für die Projektarbeit zumindest insofern günstige Bedingungen,
daß die durch okzidentale Rationalisierungsprozesse ausgelösten
Probleme auf beiden Seiten den Blick schärfen können, ein Lernen zu
entwickeln, daß für die beiderseitig spürbaren Auswirkungen dieser
Prozesse auf die Lebenssituation und die Lebensführung als bedeutsam
erfahren wird. Inwieweit die Befreiungspädagogik Paulo Freires für eine
kritische Analyse der Subjekte dieser Prozesse
und der Entdeckung ihrer Fähigkeiten zu selbstbestimmten und
organisiertem Handeln die Grundlage bilden wird, muß sich zeigen, in
jedem Fall ist sie aber die gemeinsame Verständigungsbasis für die
dialogische Projektkooperation zwischen beiden TENAL-Gruppen. Die
Grundgedanken eines dialogischen Bildungstransfers kritisieren den
mainstream neokolonialer Entwicklungsarbeit, der ausschließlich auf die
Logik freier Märkte und die Verbreitung individueller Selbstinteressen
setzt.
Da viele Mitglieder der hamburger TENAL-Gruppe bereits Mitglieder der
PFG sind, wurde auf dem Arbeitstreffen im Oktober 1996 der Beschluß
gefaßt, der Freire-Gesellschaft beizutreten und damit die PFG -
Regionalgruppe-Hamburg zu gründen.
Rezensionen
Rafael Aragon und Eberhard Löschcke: Die Kirche der Armen in Nicaragua,
Frankfurt, 1996
Der Dominikanerpater Rafael Aragon und der evangelische Theologe
Eberhard Löschcke haben mehrere Jahre am Centro Antonio Valdivieso in
Managua zusammengearbeitet. In ihrem Text beschreiben Aragon und
Löschcke die wichtigsten Bewegungen innerhalb der Kirche von Nicaragua
für den Zeitraum von 1966 bis 1990 - wichtig im Sinne von Aufbruch zu
Erneuerung, sozialem Bewußtsein, Beteiligung an politischen
Auseinandersetzungen und der Konfrontation mit Teilen der Amtskirche.
In der deutschen Ausgabe wurde das Kapitel über Perspektiven für eine
zukünftige Arbeit im religiösen Bereich über die Kirche der Armen in
der neuen politischen Situation 1990-1996 ergänzt. Die gesamte
Darstellung wird geleitet zum einen von der Frage nach dem Ausmaß der
Mitwirkung des christlichen Volkes am Entstehen des historischen
Subjekts in den Jahren des Sandinismus, zum anderen von der Frage, "in
welchem Maß es dabei selbst zum Subjekt des Glaubens, der Theologie und
des kirchlichen Lebens geworden ist". ...
Damit verbunden sind Beobachtungen zum Umgang der Sandinisten mit den
christlichen Basisgruppen, an denen deutlich wird, daß die Haltung der
FSLN gegenüber dem religiösen Bereich in den Jahren der Zusammenarbeit
vorrangig von taktischen Überlegungen bestimmt war.
Aragon und Löschcke stellen in diesem Zusammenhang besonders heraus:
* Das Modell der Kirche der Armen hat sich während der Beteiligung am
revolutionären Projekt nicht gefestigt, weil es im Augenblick der
Revolution noch nicht genügend Reife dafür besaß. Daraus resultierten
ein Mangel an kritischer Reflexion und Koordination bei der Begleitung
des politischen Projekts und die Unfähigkeit zu einer weiterführenden
Volkspastoral, die die Basis der Kirche der Armen hätte verbreitern
können.
* Während das Volkschristentum vor der Revolution sehr stark daran
beteiligt war, daß das Volk eine Führungsrolle in der Gestaltung der
eigenen Geschichte übernehmen konnte, hat es eben diese Rolle nach dem
Sieg der Revolution - durch personelle Verluste und aufreibende
Konflikte - eingebüßt.
* Die FSLN ihrerseits verhinderte in Unkenntnis der
kirchlich-religiösen Situation und durch ihre vielfach kurzfristigen
politischen Zielsetzungen die Herausbildung eines spezifisch
christlichen Beitrags zur Entwicklung eines befreienden
Gesellschaftsmodells. ...
1966, im Rückblick auf sechs Jahre Kirche der Armen unter der
bürgerlichen Regierung zeichnen die Autoren, auch selbstkritisch die
Bedenken bestätigend, folgendes Bild: Politiker und Theologen haben in
der Vergangenheit der auf Anpassung an die jeweiligen Herrschenden
ausgerichteten Verhaltensweisen der nicaraguanischen Bevölkerung
(Güengüuense-Kultur) nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt und die
christliche Volksbewegung mmit übermäßigen Erwartungen überfrachtet.
Jetzt befindet sich die Kirche der Armen ohne Orientierung in einem
Zerfallsprozeß, aus dem sich die Ärmsten durch Flucht zu
fundamentalistischen Gruppen retten.. Die noch vorhandenen
Basisgemeinden organisieren sich in ihren Wohnvierteln um kleine
Überlebensprojekte, auch im Sinn der Option für die Armen, aber ohne
ideologische Auseinandersetzungen.
Auf dem Land übernimmt die traditionelle katholische Kirche die vom
Staat vernachlässigten Aufgaben in der Erziehung,
Gesundheitsversorgung, Frauenförderung und Kommunikationsentwicklung
und beseitigt damit die zwischenzeitlich möglicherweise gewonnene
Autonomie christlicher Laien. ...
Erika Stückrath (Mitglied der PFG
e.V.- gekürzt aus ihrem Beitrag: "Die Krise des theologischen
Befreiungsprojekts in Mittelamerika, epd-entwicklungspolitik, FFM,
November 1997)
Von Fürstenberg, Gregor: Religion und
Politik - Die Religionssoziologie Antonio Gramscis und ihre Rezeption
in Lateinamerika.
Mathias Grünewald-Verlag Mainz 1997.
Paulo Freire hat die Gesellschaft und darüber hinaus die Situation der
Beziehungen der Völker mit dialektischen Kategorien grundsätzlich
analysiert. Nur durch diese tiefgehende Gesellschaftsanalyse war er in
der Lage, praktische Instrumente zur verbesserten Daseinsbewältigung
der strukturell Benachteiligten in seinem Heimatland zu schaffen.
Freire hatte einen persönlichen Weg gefunden, in der Spannung zwischen
der Ablehnung vorläufiger Akzeptanz einer grundsätzlich inakzeptablen
Gesellschaftsordnung und der Notwendigkeit, in eben dieser
Gesellschaftsordnung Instrumente zur verbesserten Daseinsbewältigung zu
verbreiten. Wesentlich für diese vor allem in intelektueller und
emotionaler Einsicht teilweise schwierige Leistung war ein europäischer
Denker, der eigentlich Politiker sein wollte und sein sollte:
Antonio Gramsci war zwischen den Weltkriegen Führer der kommunistischen
Partei Italiens und verbrachte 11 Jahre seines Lebens (1925-1936) in
faschistischen Gefängnissen. Dort legte er seine grundsätzlichen
Überlegungen in den sogenannten Gefängnisbriefen nieder. Gregor von
Fürstenberg hat beachtenswerte und beachtensnotwendige Untersuchungen
über die Bedeutung dieses originellen marxistischen Denkers für die
lateinamerikanische Befreiungstheologie vorgelegt.
Fürstenberg zeigt die gedankliche Verbundenheit auf, die zwischen
Gramsci und den Befreiungstheologen in Lateinamerika besteht. Was
jedoch für diese Zeitschrift für befreiende Pädagogik und ihre Leser
wichtiger ist: Der Autor belegt, wie Paulo Freire der mehrfache
Transfer gramscianischen Gedankenguts aus den faschistischen
italienischen Gefängnissen gelang.
Zum Einen brachte Freire gramscianisches Gedankengut nach
Lateinamerika, vor allem in den brasilianischen Sprach-und Kulturraum,
und machte es dort populär. Dann übertrug der brasilianische Pädagoge
die `Philosophie der Praxis`Gramscis in die Pädagogik und machte sie so
für bildende Tätigkeiten fruchtbar. So schuf er drittens eine
Grundlage, an die die Befreiungstheologien unserer Zeit anknüpfen
konnten.
Schließlich entdeckte Freire an Gramsci genau den Denker, der zwischen
der Notwendigkeit unmittelbaren und direkten, gewaltfreien oder
gewaltsamen revolutionären Kampfes und der Notwendigkeit der behutsamen
Bewußtmachung der gesellschaftlichen Verzerrung und der Aneignung der
notwendigen Entschlüsselungsfähigkeiten für die Unterprivelegierten -
eben der Alphabetisierung - vermittelte. Was Gramsci hierzu zur Analyse
anbietet, soll mit dem Autor Fürstenberg im folgenden kurz gezeigt
werden.
Hauptanknüpfungspunkt Fürstenbergs ist die differenzierte und teilweise
widersprüchliche Religionsbetrachtung und -untersuchung durch den
Marxisten Gramsci. Im Gefängnis formulierte der gesundheitlich
strapazierte und von Stalin allein gelasssene Politiker eine
Religionssoziologie, welche die simplen Slogans vom Opium des oder fürs
Volk nicht nur ausdifferenzierte, sondern ihren geistigen Hintergrund
überwand. Diese Religionssoziologie wurde mit einem heute allseits
verwendeten Begriffsinstrumentarium erarbeitet: Der schwer zu
übersetzende Begriff ´societa civile´- Zivilgesellschaft geht in seiner
heutigen Bedeutung auf Gramsci zurück.
Fürstenberg bestimmt diesen - mitunter schillernden - Begriff genauer
als den "Aktionsraum der nichtstaatlichen Öffentlichkeit". In der
Zivilgesellschaft streiten die Intellektuellen und Künstler um die
maßgebenden Wertvorstellungen. An diesem Ort müssen die `Subalternen´,
die an der Gestaltung der Gesellschaft nicht partizipieren, die
´Gewinnung der Hegemomie`in einem ´Stellungskrieg`betreiben.
Die Zivilgesellschaft ist von der politischen Gesellschaft, dem Ort der
Auseinandersetzung etwa der politischen Parteien, aber auch anderer
formierter Kräfte zu unterscheiden. Die Macht in der politischen
Gesellschaft wurde etwa in der russischen Oktoberrevolution durch einen
´Bewegungskrieg`gewonnen. Partner für die Hegemoniegewinnung der
Subalternen sind die `organischen Intellektuellen´. Sie
vervollständigen und überwinden den Álltagsverstand der Subalternen
durch die ´Philosophie der Praxis´. So sind sie Lehrer neuer Ideen,
fühlen sich aber geistig und intelektuell dem Volk verbunden.
Welche Bedeutung hat nun diese religionssoziologische Grundlegung für
die an Freire orientierte pädagogische Arbeit?
Wer sich mit Gramsci befaßt, wird aus den Zwängen ökonomistischer
Diskurse herausgeführt: Die Zivilgesellschaft ist der Ort, an dem um
die Gestaltung der Gesellschaft gerungen wird. Dies bedeutet nicht, daß
die ökonomische Basis im Zeitalter der Globalisierung für bedeutungslos
gehalten wird. Für die pädagogischen Praktiker in Ost- wie in
Westdeutschland eröffnet sich so eine neue Grundlegung zwischen jetzt
erfolgender Ausgrenzung durch die eben nicht soziale Marktwirtschaft
und früherer Schematisierung durch die politische Ökonomie des
Marxismus-Leninismus.
Die Leistung der von Fürstenberg vorgelegten Arbeit besteht allerdings
darin, daß die Verbindung zur Lehre der Kirchen hergestellt wird. War
die evangelische Kirche die treibende Kraft der Beseitigung des
SED-Regimes, so führt die Analyse hier über Freire zu den in ihrer
Mehrheit katholischen Befreiungstheologen. Die hier zu besprechende
Schrift erweist sich mithin als wesentlicher Beitrag zur allfälligen
Debatte in und außerhalb der Kirchen um den Weg zur Gestaltung einer
solidarischen Gesellschaft. Deshalb sollte sie JedeR zur Hand nehmen,
der über die Grundlegung einer an Freire orientierten Arbeit nachdenkt.
Dies gilt natürlich besonders für den Bereich der beiden Kirchen.
Darüber hinaus ist die Arbeit von Fürstenberg für alle diejenigen eine
Referenz, die sich mit etwas Muße die Grundlagen der Pädagogik Paulo
Freires verdeutlichen wollen, den Blick auf die grundsätzliche
Veränderungsbedürftigkeit der brasilianischen und der Weltgesellschaft
mit der Arbeit an praktischen Bildungsinstrumenten zu verbinden. Anselm
Meyer-Antz
Monika Treber, Wolfgang Burggraf,
Nicola Neider (Hg.): Dialog Lernen - Konzepte und Reflexionen aus der
Praxis von Nord-Süd-Begegnungen. IKO-Verlag FFM, 1997
Das Buch arbeitet die Erfahrungen, die Chancen und Probleme der
Direktkontakte im Nord-Süd-Verhältnis des Projekts "Dialog Lernen" von
1992-1995 auf, dessen Träger die Missionszentrale der Franziskaner, das
Franziskanische Bildungswerk sowie die Christliche Initiative für
Internationales Lernen waren. Diese Direktkontakte werden als
"Ordnungssuche von Menschen begriffen, mittels derer sie der Flut von
Informationen und Nachrichten über die 3. Welt begegnen. Innerhalb des
Bereichs der Nacharbeit von Nord-Süd-Begegnungen stellt das Buch eine
wichtige Reflexionsgrundlage dar, die weit über sonstige Beschreibungen
hinausgeht.
Im Einführungsartikel geht Annette Scheunpflug auf Fragen der
"Orientierungs-und Handlungsfähigkeit in der Weltgesellschaft" ein. Sie
beschreibt die "Globalisierung der Welt als Herausforderung für
menschlichen Lernens" (Ressourcenverbrauch, Umweltbelastung-und
zerstörung, die Risikogesellschaft ... Das verlangt von den Menschen,
daß sie eine große Orientierungsleistung vollbringen, denn das, was
bisher vertraut war, wird nun fremd, das früher Fremde wird vertraut.
In diesem Sinne ist der Begriff "Entwicklung" ein komplexes
Zusammenspiel vieler Faktoren und Subjekte, ist überwiegend nicht
intentional steuerbar, auch der Maßstab zur Beurteilung von Entwicklung
verschwindet ihrer Meinung nach zusehens.
Angesichts dieser Unsicherheiten sind die Fragestellungen: Wie lehrt
man den Umgang mit Unbestimmtheit und Komplexität, wie kann das
individuelle Bewußtsein an die komplexe Entwicklung zur
Weltgesellschaft strukturell angekoppelt werden, nach welchen Kriterien
sollte entwicklungsbezogene Bildung konstruiert sein, um diesen
Herausforderungen zu genügen? (S. 41)
Sie macht deutlich, daß es keinen "Königsweg" gibt. Einige ihrer Thesen
sollen hier kurz wiedergegeben werden, weil sich das Projekt "Dialog
lernen" daran messen lassen will:
- Orientierung an Problemen statt an guten Gesinnungen
- Verbindung von handlungsorientierten Lernkonzepten mit abstraktem
Lernen
- Einüben von Entscheidungsfreude und Methoden der Fragestellung
- Aushalten von Unsicherheiten
- Schonender Umgang mit der Ressource Mensch: Lernen ohne
Überforderungen
In diesem Kontext steht natürlich auch das Lernen in Direktkontakten.
Wie ein roter Faden zieht sich im Buch die Warnung vor Überforderungen
durch: Die Partner sollen nicht "mythologisiert" (Schulze) werden, sie
sind keine idealistischen Wesen und nicht nur arm, nicht nur voller
kritischem Bewußtsein, etc.
Die Vielzahl der beschriebenen Erfahrungen ist interessant, aber es
gibt viele Wiederholungen, die nebeneinanderstehen. Auch sind
Abhandlungen mit einem Titel wie: "Die advokatorische Signatur jeder
gestalteten Lernbewegung" nicht gerade lesefreundlich. Interessante
Reflexionen wechseln sich mit der Beschreibung der TZI-Methode ab. In
den Abschlußbetrachtungen wird nochmals deutlich: Nord-Süd-Begegnungen
sind interessant und kompliziert. Wer als TeamerIn solche plant, erhält
im vorliegenden Buch wichtige Anregungen, die man sich selbst
"herausklauben" muß. Dafür, daß ziemlich oft von "Dialog" und
"Schlüsselthemen" die Rede ist, ist die Angabe von nur einem Buch
Freires etwas dürftig. Heinz Schulze
Shirley Steinberg/ Joe L. Kincheloe
(Ed): Remembering Paulo Freire. Taboo. The Journal of Culture and
Education. Vol. II. Fall 1997, Peter Lang Verlag, New York
Paulo Freire / James W. Fraser /
Donaldo Macedo / Tanny McKinon/ William T. Stokes (Eds): Mentoring the
Mentor. A Critical Dialogue with Paulo Freire. Studies in the
Postmodern Theory of Education. Vol. 60. 1977 Peter Lang Verlag
Die Sammlung von - sehr persönlich formulierten - Erinnerungen an die
Lehrer/ Schüler-Persölichkeit Paulo Freire erscheint wie der Versuch
eines posthumen Dialogs, der sich über seinen plötzlichen Tod hinaus
fortsetzt.
Freire war sich bewußt, daß die tiefgreifende Veränderung vorrangig im
Norden vor sich gehen muß. Daher suchte er auch den Dialog mit Experten
und Schülern in den USA. Wie inspirierend kontroversiell ein
jahrelanger Dialog zwischen 16 Wisssenschaftllern aus den USA und dem
Brasilianer Paulo Freire sein konnte, dokumentiert der Sammelband
"Mentoring the Mentor" mit Beiträgen aus den Jahren 1961 bis 1996.
James W. Fraser, einer von ihnen, zeigt ohne die Distanziertheit eines
Intellektuellen die Offenheit für Freires liebevolle Provokation. Eine
Konfliktebene liegt im unterschiedlichen Verständnis der Funktion von
Theorien und Methoden. Für Freire - und auch seinen Freund Augusto Boal
mit seinem "Theater der Unterdrückten" -. sind die Handlungsanweisungen
nicht zu trennen von Einfühlungsvermögen und Liebe. Wenn der nötige
gegenseitige Respekt zu distanziertem Respektieren degeneriert, werden
die Unterdrückten auf Werkzeuge im Befreiungskampf reduziert. Daß
Freires Praxis politischen Handelns auf Hoffnung und Liebe aufbaut, mag
manchen seiner weißen, bürgerlichen Dialogpartnerinnen und - partner -
darunter auch überzeugte Feministinnen - fremd und zu
lateinamerikanisch erscheinen. Von deutlich anderen Erfahrungen
sprechen Praktiker, die Freires Konzepte unter anderem in Slum-Schulen
in New York City sowie in den Revolutionen von Guinea-Bissau, Kap Verde
und Eritrea erprobt hatten. Weiterführende Ansätze werden daher vor
allem aus diesen Regionen und Bevölkerungsgruppen kommen. Matthias
Reichl (Begegnungszentrum für aktive Gewaltlosigkeit, Bad Ischl)
Karin Holm, Jürgen Dewes (Hg.)
Neue Methoden der Arbeit mit den Armen - Am Beispiel Straßenkinder und
arbeitende Kinder, IKO Frankfurt 1996
Von den UN-Organisationen werden weltweit etwa 80 Millionen
Straßenkinder und 100 bis 200 Millionen arbeitende Kinder gezählt.
Obwohl noch immer v.a. die Länder Asiens, Afrikas und Lateinamerikas
betroffen sind, läßt sich diese Entwicklung auch verstärkt in Ost- und
Westeuropa beobachten. Auf die Soziale Arbeit in den
Einwanderungsländern kommen weitere Aufgaben und Funktionen zu.
Im Zentrum des Sammelbands stehen zahlreiche soziale und pädagogische
Projekte mit Straßenkindern mit ihren Konzepten und Methoden und
curriculare Überlegungen für die Aus- und Fortbildung von Fachkräften.
Dabei werden v.a. die in den Ländern Lateinamerikas erfolgreich
eingeführten subjektorientierten Ansätze genutzt, die -
richtungsweisend auch für die europäische Sozialpädagogik - auf
Kompetenzstärkung abzielen und sich auf die Lebenszusammenhänge der
Kinder einlassen.
Das Buch beinhaltet theoretische und praxisbezogene Beiträge aufs
Mexiko, Nicaragua, Chile, Deutschland, Rumänien und Rußland. Es ist
eine wichtige Lektüre für Fachkräfte, die Soziale Arbeit im
internationalen Maßstab erkennen wollen, sowie die Hintergründe oder
Alternativen der Migrationsbewegungen. Hinsichtlich der ökonomischen
Entwicklungen werden hier auch weitere notwendige Perspektiven der
Sozialen Arbeit aber auch ihr Qualifizierungsbedarf abschätzbar, die
ihre Relevanz und Reichweite verändern: Ökonomische und konzeptionelle
Beiträge zu einem gerechteren Wirtschaften und Empowerment v.a. auch
durch ökonomische Projekte vor Ort. (Tilo Klöck)
Neuerscheinungen
- weitere Rezensionen erwünscht
Pastoral der Zukunft
- Die Pfarrversammlung -
Bernd Kuhl stellt ein Arbeitsinstrument aus der Franziskus-Gemeinde in
Koblenz vor, um tragfähige und partizipative Strukturen in den
Gemeinden zu fördern und aufzubauen. Schön war auch, daß die
Zurverfügungstellung der Zeichnungen aus dem Buch "Mit Phantasie und
Spaß" - Original von ALFORJA - Mittelamerika - für die Aussagen des
Buches wichtig wurden.
Aus dem Vorwort: "Eine Gemeinde oder Gruppe steht immer in der
Versuchung, Vergangenes zu konservieren statt in die Zukunft zu
schauen, sich in Sicherheiten zu verlieben statt Wagnisse einzugehen,
Ewiggültiges im versteinerten Ritual zu suchen statt den Geist zu
entdecken, der überraschende Zeichen des Aufbruchs setzt. Ich möchte
mit dem Beispiel der "Pfarrversammlung" - und dem Prozeß, wie man dort
hinlangt - einen kleinen Beitrag leisten, Pastoral partizipativer,
beweglicher und so auch attraktiver mitzugestalten. ...
Wir haben in der Pfarrgemeinde gute Erfahrungen in dem Jahr der
Vorbereitung und im Durchführen der Pfarrversammlung gemacht. Uns ist
bewußt geworden, daß das, was wir in vielen kleinen Schritten getan
haben, "Pastoral der Zukunft" ist und zum bewußteren Erleben von
Gemeinde geführt hat. ... Versuchen wir gemeinsam mit den Gemeinden
durch Planung, theologische Reflexion, bewußte Entscheidung und
Zielbestimmung unseren Beitrag einzubringen, damit die Gemeinden immer
mehr Subjekte ihrer eigenen Evangelisierung und der daraus folgenden
Praxis werden.
Die dann folgenden Beispiele können nur einen kleinen Einblick in die
sehr positive Arbeit geben.
Weitere Kontakte: Bernd Kuhl, Backhausgasse 6, 63222 Spay.
Monika Treber, Wolfgang Burggraf,
Nicola Neider (Hg): Dialog Lernen - Konzepte und Reflexionen aus der
Praxis von Nord-Süd-Bewegnungen. Iko-Verlag, FFM, 1997
Das Buch arbeitet die Erfahrungen des Projekts "Dialog Lernen" von
1992-1995 auf, dessen Träger die Missionszentrale der Franziskaner, das
Franziskanische Bildungswerk wie die Christliche Initiative für
Internationales Lernen sind.
Chancen und Probleme der Direktkontakte im Nord-Süd-Verhältnis werden
als "Ordnungsversuche begriffen, mittels derer Menschen der Flut von
Informationen und Nachrichten über die 3. Welt begegnen.
M. Liebel/B. Overwien/A. Recknagel
(Hrsg.): Arbeitende Kinder stärken! Plädoyers für einen
subjektorientierten Umgang mit Kinderarbeit. Verlag für interkulturelle
Kommunikation, Frankfurt /M. 1998, ca. 370 Seiten, ca. 39.80 DM. Soeben
erschienen.
Der Sammelband faßt erstmals im deutschsprachigen Raum Artikel und
Untersuchungen von Autoren und Autorinnen aus Nord und Süd zusammen,
die eine Position der ,kritischen Wertschätzung" von Kinderarbeit
vertreten. Dabei beziehen sie sich auf die Forderungen der
"Internationalen Bewegung arbeitender Kinder", deren zentrale Dokumente
im Anhang erstmals vollständig auf deutsch veröffentlicht werden. Ein
Buch, das nicht nur Arbeitsminister Blüm und die ILO-Experten
herausfordert, sondern alle interessieren sollte, die sich Gedanken um
die Zukunft der Kinder machen. email Auslieferung: iko@springer.de
EDUCACION . Volumen 57/58 . 1998, Instituto de Colaboración Científica,
Tübingen, República Federal de Alemania, Olgastr. 8, D- 72074
Tuebingen, iwz@oe.uni-tuebingen.de
Vom Schwerpunktheft der Zeitschrift Education/Educación zum Thema
"berufliche Bildung und informeller Sektor" liegt nun nach der
englischen auch die spanischsprachige Ausgabe vor.
Ich könnte mir vorstellen, daß dieses Heft Ihre / Eure Partner im Süden
interessieren könnte. Für diese ist das Heft kostenlos zu beziehen.
Deutsche InteressentInnen zahlen ca. DM 80,-
SUMARIO - Introducción - Comentarios sobre el Tema Central por Oscar
Corvalán V.
ContribucionesFormación profesional para el sector informal - una
tipología por Volker Lenhart
El desarrollo diversificado de sistemas en la ayuda a laformación
profesional - consecuencias curriculares por Ullrich Boehm
Sobre el significado de las competencias generales en el sectorinformal
urbano, y condiciones para su adquisición por Wolfgang Karcher y Bernd
Overwien
Sobre la necesidad de un enfoqueintegrado enla promoción de la
ocupación de grupos pobres por Andreas König e Iris Allmendinger
Procesos de educación y formación en el contextode organizaciones
locales de autoayuda en el sector informal por Madhu Singh
Factores de éxito económico para microempresas en el sector
informal:consecuencias para la formación en administración de empresas
por Gunnar Specht
Competencias y adquisición de competencias en el sector informal por
Sigvor Bakke-Seeck
Adquisición de competencias por mujeres enel sector urbano-informal en
Ruanda por Gisela Burckhardt
Formación y capacitación de microempresarios/as en Recife (Brasil) por
Barbara Staib
Educación no-formal orientada hacia el empleopara los jóvenes en el
sector informal de América Latina por Bernd Overwien
Documento para discusión presentado por la Comisión "Investigación
Educativa en Cooperación con Países del Tercer Mundo" de la Sociedad
Alemana de Ciencias de la Educación
Comentario a los conceptos sectoriales por Hans Bühler/Heinz-Peter
Gerhardt/Wolfgang Karcher/Gottfried
Mergner Recensiones - Selección bibliográfica - Nota editorial Bernd
Overwien
Hinweise,
Berichte und Briefe:
* Prof. Manfred Peters, Vorstand der PFG e.V. wurde zum Dekan der
Philosophischen Fakultät der Universität Notre-Dame de la Paix (Namur,
Belgien) für die nächsten vier Jahre ernannt. Mit zahlreichen
Veröffentlichungen in deutscher, französischer, englischer und
japanischer Sprache hat der aus Nieder-Emmels stammende Hochschullehrer
sich in den Bereichen Soziolinguistik und Geschichte der
Sprachwissenschaft einen internationalen Ruf erworben. Neben seiner
Lehrtätigkeit an der Jesuitenuniversität Namur ist er Gastprofessor in
Paderborn und Leiter eines EU-Bildungsprojektes in Zentralafrika.
Der Walter Mertineit-Preis für Internationale Verständigung wird
erstmals 1999 vergeben. Der Preis soll alle zwei Jahre von der
Deutschen UNESCO-Kommission für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet
der internationalen Erziehung an Schulen, Hochschulen und anderen
Bildungseinrichtungen in Deutschland auf Vorschlag vergeben werden.
Einsendeschluß für Preisträger-Vorschläge ist der 30.9.98. Auskunft:
Deutsche Unesco-Komission, Frau Brincks, Tel. 0228-6049715
Refererent/in für frauenbezogene Bildungsarbeit von MISEREOR in der
Abteilung Bildungs-u. Pastoralarbeit zum Sommer 1998 gesucht. Auskunft:
Bischöfliches Hilfswerk MISEREOR e.V., Personalabt. Mozartstr. 9, 52064
Aachen. Tel. 0241-442-173/171.
Alpha-Forum 98: L’àlphabétisacion, un outil de changement social:
Manfred Peters (Vorstand der PFG. e.V.) teilt zur Übersendung dieser
Materialien mit: Die Veranstaltung stand ganz im Zeichen von Paulo
Freire. Das "Dossier préparatoire por les formateurs" (19 Seiten inkl.
Porto ist für 5,-DM in Briefmarken) bei der PFG erhältlich, oder CIEP,
rue de la Loi 143, B 1040 Bruxelles ( Station Schumann,)
Video zum Legislativen Theater in Vorbereitung: Eine Dokumentation der
Internationalen Fachkonferenz mit Augusto Boal 23.-27. Okt. '97 soll in
Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung (angefragt)
1999 soll EU-Jahr gegen Gewalt an Frauen werden.
Dafür sprachen sich die EU-ParlamentarierInnen fraktionsübergreifend
aus. Für dieses Anti-Gewalt-Jahr soll eine eigene Haushaltszeile
bereitgestellt werden.
Interessierte sollen die Augen offenhalten, um rechtzeitig auch
entsprechende Anträge stellen zu können.
Das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung - DIE
will mit dem neugeschaffenen Preis füpr Innovation den Beitrag für die
Weiterbildung zur gesellschaftlichen Erneuerungsfähigkeit hervorheben.
Kontakt: Päd. Arbeitsstelle des DVH, Hansaallee 150, 60320 Frankfurt.
Fax: 069-95626174.
Neue Materialien der Deutschen Welthungerhilfe:
Unterrichtsmaterial "Guten Appetit - schlechten Hunger" - der
didaktische Band zum "Handbuch der Welternährung" mit vielen Anregungen
und Methodenbeispielen.
Wandzeitung/Materialheft "Küche, Kochen, Konservieren"
Broschüre "Was eigentlich ist Hunger" : DWH, Postfach 120509. 53847 Bonn
Straßenkinder in Deutschland - Gefährliche Freiheit
Sehr informatives Heft auch mit Selbstaussagen der "Straßenkids". Aus
der Arbeit von und mit Straßenkindern im Süden gibt es wichtige
Anregungen für die hiesige Arbeit. Ebenfalls, zum Schwerpunktthema
dieser Zeitschrift für befreiende Pädagogik passend, wird das
Engagement kirchlicher Einrichtungen in diesem Bereich dargestellt.
Sehr hilfreich, für alle, die sich generell und im Beruf für diesen
Bereich interessieren.
Kostenloser Bezug: Evang. Missionswerk, Normannenweg 17-21, 20537
Hamburg.
Terra - Fotoausstellung vom bekannten brasilianischen Fotografen
Sebastiao Salgado über die Landlosen-Bewegung Brasilien. Unbedingt zu
empfehlen! Die Bilder widerspiegeln die Landwirtschaft Brasiliens
während der letzten 20 Jahre, sie zeigen Menschen auf ihrem Boden, dem
land, das sie bewohnen und bewirtschaften... Auskunft und Verleih: GbR
Amigos do MST. Tobias Leitmann. Geußnerstr. 3, 90409 Nürnberg. Tel.
0911-516994, Fax:9354359.
Das Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung (isw) bringt
vierteljährlich ihre isw-reports heraus. Sie sind immer sehr gut
aufbereitet. Der neueste Report nimmt das 150-jährige Jubiläum von
Siemens zum Anlaß, um über diese Weltfirma zu berichten. Bezug: 44,-DM
6,-DM plus Porto. isw, J. von Werth-Str. 3, 80639 München.
Die Asociación de Nicaragüenses en Alemania e.V.
sucht für den Aufbau einer Bibliothek in Nicaragua spez. für
RückkehrerInnen aus Deutschland. Besonders: Wissenschaftliche
Literatur, Nachschlagewerke und Zeitschriften neueren Datums. Nähere
Auskunft: E. Rivero, ANA, Im Heimbach 12, 71111 Waldenbuch.
Internationaler Essay-Wettbewerb: Die Zukunft von der Vergangenheit
befreien? Die Vergangenheit von der Zukunft befreien?
Weimer 1999 - Kulturstadt Europas in Kooperation mit dem
Goethe-Institut. 1. Preis 50.000 DM etc. Auskunft: International Essay
Prize Contest. Rosenthaler Str. 13, 10119 Berlin.
Kinder in Bewegung. Dokumentation einer Begegnung.
"Kinderrächtszänkertreffen" Natras - Die Bewegung arbeitender Kinder
und Jugendlicher in Nicaragua.
Eine ganz hervorragende Dokumentation über diese besondere Reise, eine
engagierte und offene Auswertung der Eindrücke. Das Thema: Kinderarbeit
ächten oder ein Recht auf Arbeit wird durch die Sicht betroffener
Kinder beleuchtet. Unbedingt lesenswert. Kontakt: KinderRächtTsZänker,
Hufelandstr. 19, 10405 Berlin. Tel/Fax: 030-4254532
KED-Bibliothek und Infozentrum Eine Welt/Dritte Welt bietet 5.000
Dokumente im Internet zur Recherche an: http.//ked-bayern.apc.de.
E-mail: ked-bayern @odn.de
Brasilienkiste: u.a. authentisches Spielzeug aus Brasilien, ein
Klassensatz des Buches "Rosanna bricht ihr Schweigen" und
Schuhputzkisten inkl. Material. Auskunft: KED Bayern, Tel.
0911-9354351, Fax: 0911-9354359
Religionsunterricht an den Niedersächsischen Gesamtschulen. Wie immer
koordiniert Wilhelm Behrendt (Mitglied der PFG) interessante
Veranstaltungen wie: 1.-2.7.98: Paulo-Freire-Seminar, 3.-5.7.: Gottes
Friede jedem Ort. Ökumenischer Kirchentag in Osnabrück., 28.-30.9.:
Islamseminar. Niels-Stensen-Haus in Worpshausen b. Bremen.
Alphabetisation et concientisation au Kivu (Rep. Democr. du Congo).
Rapport de la mission de M. Manfred Peters, Jean-Marie Cahihabwa
Busubwangi: Se je pouvais dire la vérite... Poémes et textes en prose;
Anexe 2 au Rapport de la mission au Kivu de Janvier 1998... Kontakt:
Prof. Manfred Peters, Ru de Bruxxelles 61, Fondation universitare pour
la cooperación internationale au developpement, B 5000 Namur (Belgien)
Wieviel
Theologie braucht die Inlandsarbeit in einer säkularen Gesellschaft?
Aus dem Inland-Workshop der AG KED
1998. Impulse von Cornelia Schattat, Berliner Missionswerk:
1. Inlandsarbeit braucht nicht mehr und keinesfalls weniger Theologie,
denn sie ist gelebte Theologie.
2. Inlandsarbeit ist eine Theologie, die nur ein Interesse an Kirche
hat, nämlich, daß Kirche eine "Kirche für andere" ist (Bonhoeffer).
3. In der Inlandsarbeit brauchen wir eine Theologie, die wir
mitgestalten und kritisch erproben können. (...)
5. Bei dem allen wird Theologie verstanden als ein lebenslanger Prozeß
ökumenischen Lernens, nicht als ein in sich abgeschlossenes System.
6. Da Inlandsarbeit auf Veränderungen im Leben von Einzelnen, der
Kirche und der eigenen Gesellschaft zielt, sind die theologischen
Akzente bedeutsam, die zu Umkehr, Buße, Neuanfang Mut machen und die
entsprechenden Handlungs- und Lebensmodelle ermöglichen.
7. Dafür müssen entsprechende Fortbildungsangebote erhalten oder neu
eingerichtet werden. Gerade in einer Zeit drastischer Finanzknappheit
dürfen diese Felder nicht eingegrenzt werden, weil jetzt mehr denn je
die Kirchen darauf angewiesen sind, qualifizierte und engagierte
"Laien" zu gewinnen und zu fördern. (...)
9. Wir brauchen... viel mehr, als bisher üblich, eine Theologie, die
Impulse und Erfahrungen aus nicht-europäischen Völkern aufnimmt. Vor
allem die Erfahrungen der Unterdrückten und Ausgebeuteten, der Armen
müssen dabei Vorrang haben.
10. Gerade die AGKED braucht mehr Unterstützung von seiten einer
Theologie, die in der Lage und willens ist, einen ehrlichen und offenen
Dialog mit anderen Religionen aufzunehmen und die bereit ist, die
Ergebnisse solcher Dialoge auch in die eigenen Theologien müßnden zu
lassen.
11. Das Ringen um mehr Gerechtigkeit, um die es in der Inlandsarbeit
geht, ist auch ein Aspekt einer "Prophetischen Theologie", die den Mut
hat in kritischer Distanz zu den herrschenden Ideologien und deren
Funktionsträger zu stehen... (gekürzt).
Mensaje Final del III Encuentro
Latinoamericano de Teología India
Nosotras y nosotros indigenas cristianos representantes de los pueblos
orginarios de Abya Yala, juntamente con religiosas y religiosos,
pastoras y pastores, sacerdotes y Obispos, hermanas y hermanos
solidarios de Europa, Africa y Asia, provenientes de los cuatro puntos
cardinales, portadores de experiencias de vida y sabiduría de los
pueblos
Quiché, Apache, Zapoteco, Tseltal, Mixteco, Rarámuri, Mam, Mazateco,
Osage, Lenca, Nahuatl, Emberá Wayuu, Ngobes, Kunas, Sumu, Miskito,
Mapuche, Toba, Guarani, Xokleng, Korebaju, Tukano, Wanana, Terena,
Camentsa, Dessana, Wounaan, Aymara, Quechua, Urus, Pacz-Nasa, Dessana,
Pastos, Kolla, Bakari, Baures, Báli´m, Chortis, Moxos, Kaqchikel,
convocados por el Espiritu del Dios de nuestra fe, revelado en la
Biblio y en la sabiduria que desde siempre existió en medio de nuestros
pueblos, y que en su profunda espiritualidad es llamado con los
siguentes nolmbres: Ukú´x Kaj-Ukú´x Ulew, Usen, Sha, Pitao, Tajsika,
Katsime, Jmanojel, Xmanojela, Sutu.Su abi, Keti Ono Keti Eyé, Pajaw,
Nácna naina, Icelaca, Qujaw, Ometeotl, Totatzin, Tonantzin, Ankoré,
Maleiwa, Ngóbo, Paba-Nana, Ankoré, Dawáno, Aisa-Gat, Chau Elkunachen,
Qartà, Nim Qaroót, Nim Iòtapecna, Tupä, Agglene, Mai aikuna umu paiku,
Oaskle, Kohamaku, Itukooviti, Bengbe Betsa, Yebá-Btlo, Ewandam,
Itatitu, Tayta, Pachacamac, Wiraqucha, Pachamama, Tata Wala, Mallku,
Yebá-Bilo, Ngenechen, tanipuca-Hanguipuca, Arutam-Jatun Yaya,
Knamotynos, Achachila, Kata Kájch, Arútam,
nos juntamos y vinimos todos en grupo y formamos consejo:
Dialogamos y dinos nuestra opionon, celebramos juntos al Dios de la
aVida desde la especial caracteristica de la fe de cada uno de los
pueblos representados y discutimos asi:
1. Nuestro contexto actual se caracteriza por la manifestación pública
de las prácticas de la expiritualidad de nuestros pueblos indigenas, el
nacimiento de
incipientes democracias y contra todo esto el avance de un sistema
neoliberal deshumanizante.
2. Aunque la sabiduría de nuestros pueblos orginarios fue negada,
discriminada y satanizada, ahora emerge con fuerza, desde la vida misma
de las comunidades indias.
3. Confirmamos la existencia de esta sabiduría en los libros y lugares
sagrados, los anales, los memoriales, ciudades historicas, centros
ceremoniales, creencias, suenos, mitos, rituales sagrados, himnos,
usos, costumbres, tradiciones liturgicas y en los tejidos de vistosos
colores.
4. Reconocemos que las vasijas, contenedoras vivas de esta sabiduria,
son las guias espirituales indigenas, ancionos, ancianas y mujeres que
mantienen la identidad cultural a traves del idioma, el tejido y la
vivencia de las costumbres comunitarias.
5. Buscamos tener un diálogo permanente entre la sabiduría indígena, la
sabiduría biblica teológica y otras culturas e espiritualidades porque
queremos un mundo en dondo todos los diferentes puedan convivir.
6. Proclamamos que es nuestra vida la que da sabor a nuestra teología y
nuestra palabra sobre el Dios de la Vida da sentido y orienta a la
plenitud neustras vidas. Es con la marcha de nuestro pueblo que la
Teología India adquiere sabor.
7. Creemos que Dios, quien es Nana/Mamaa y Tata, es el fundamento de la
armónia entre mujeres y hombres, y de ellas y ellos con la naturaleza:
? Por qué, entonces, nos preguntamos, se priva a las mujeres de los
derechos que tienen los hombres en nuestros pueblos y en nuestras
iglesias? Por qué hemos roto la armonía con la naturaleza?
8. Nuestra sabiduría indígena que para recuperar la armonía debe darse
un verdadero diálogo respetando la dignidad de los otros y sus
diferencias, escuchando su mensaje y su palabra. La palabra más sabía
la da quien está dando su vida por el pueblo, quien sabe de cargos y
servicios porque ya los ha cumplido, quien sabe mandar porque ha
obedecido, quien sabe de Dios porque habla con él en la vida.
9. Estamos convencidos que son los pueblos indígenas mismos, los
jardineros privilegiados, llamados a barir los jardines de estas rosas
perfumadas a hombres y mujeres de otros pueblos, para que su fragancia
se esparza por doquier: es la fragancia de DIOS. Somos las hijas y los
hijos de los pueblos indígenas quienes debemos decir y proclamar a los
cuatros vientos la sabiduría que anida en nuestro corazón y en nuestra
mente. De este modo evitaremos el peligro de que otras personas
traicionen neustra sabiduría.
10. Delante del veneno del materialismo económico y tecnicista del
modernismo que pretende destruir el jardin de flores, debemos reforzar
la energía existencial de nuestras raices y la fortaleza de nuestros
tallos, con la autodeterminación y gestión de nuestros pueblos
indígenas, con el reforzamineto de la organización, con la difusión de
la sabiduría indígena en la reconquista de los espacios perdidos en la
Sociedad, y con acciones eficaces que aseguren la participación
decesiva de los pueblos indígenas en la realización y ejecución de
leyes favorables a ellos mismos. Queremos producir un cambio verdadero
que constroya una casa grande en donde viviamos todos los pueblos de la
humanidad, de manera más digna más humana, más divina.
11. Reconocemos que el único dueno del jardin es DIOS: Nosotras y
nosotros somos sus cuidadores. Con esta convicción, sonscientes que hay
otros pueblos diferentes a nosotros, queremos ofrecer a América Latina,
sin pretensiones y arrogancias, por medio del diálogo, la Cosecha
abundante de las flores hermosas de la solidaridad, la libertad
verdadera, el respeto mutuo, el respeto a la naturaleza y la fe en DIOS:
!": Deberemos, para lograr esta cosecha profundizar más y más en
nuestras propias culturas, volver sin cesar a las fuentes de nuestra
sabiduría y descubrir, en las vidas de nuestros pueblos, las
manifestaciones de DIOS. Madre y Padre, revelado también en Christo
Jesus.
Finalmente, reafirmamos nuestra esperanza regada por la sangre de miles
de indigenes mártires en que:
" los árboles den fruto, los rios no se sequen, revendezcan los cerros.
Que en un nuevo amanecer, juntos todos los pueblos,
dancemos la danza de la vida en plenitud,
commamos y bebamos saborando junto lo que Dios,
Madre y Padre nos ofrece. Jallalla, Jallalla!
Vinto, Cochabamba, Bolivia, 29. Agosto de 1997
(Damos gracias al Pastor Serafin Ajhuacho por el envio de este
documento).
Aufruf von KAIROS EUROPA
An die christlichen Kirchen und andere Religionsgemeinschaften,
Gewerkschaften, feministische, soziale und ökologische Bewegungen zur
Bündnisbildung für die Befreiung vom Joch der deregulierten
globalisierten Wirtschaft und ihrer Werte.
So darf es nicht weitergehen in Europa! So braucht es nicht
weiterzugehen in Europa! Laßt uns gemeinsam an einer Kurskorrektur
arbeiten: Weg von
* der globalen Machtkonzentration der Kapitalakteure, dem Austricksen
der Arbeitenden, der Steuervermeidung, der Wirtschaftskriminalität, der
erzwungen Migration, der neoliberalen Politik der Deregulierung;
des Sozialabbaus und der Entdemokratisierung, der Ökonomie als
Glaubenssystem, unserem eigenen Streben nach Konsum, Reichtum und
(patrichaler) Macht. Hin zu
* einem sozial gerechten, lebensfreundlichen und demokratischen Europa.
Was können wir tun?
Wir können sorgfältig hören auf die um würdiges Überleben kämpfenden
Opfer der herrschenden Fehlentwicklungen in Süd, Ost und West
wir können "nein" sagen zu der gegenwärtigen ungerechten Geld- und
Eigentumsordnung, der Industrialisierung der Landbewirtschaftung, den
unverhältnismäßig hohen Ausgaben für Sicherheit und zu den ökologischen
Zerstörungen
wir können Alternativen im Kleinen bauen, insbesondere die lokale und
regionale Wirtschaft stärken und dadurch teilunabhängig vom Weltmarkt
werden ...
Wir können an einem Konsens alternativer Politik für Europa und global
arbeiten, insbes. in den Bereichen Arbeit, Steuer, Finanzen, Handel u.a.
Hier fordern wir:
- die Verkürzung der Arbeitszeit auf höchstens 32 Stunden mit sozial
gestaffeltem Einkommensausgleich..., die Orientierung der
Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung an der Wertschöpfung, nicht
an den Löhnen der Beschäftigten; einem Sonder-Lastenausgleich durch
einmalige Besteuerung großer Vermögen über 2,5 Mill. DM hinaus
zugunsten eines "Sonderfonds zur Beseitigung von
Massenarbeitslosigkeit" (vor allem zur Schaffung von Arbeitsplätzen für
gesellschaftlich notwendige Arbeit, die keine Profite bringt); eine
angemessene Vermögenssteuer, eine in der gesamten EU harmonisierte
Quellensteuer auf alle Kapitalgewinne, um die Steuerflucht und das
Steuerdumping wenigstens in dieser Region zu beenden; die globale
Besteuerung spekulativer Transaktionen (Tobon tax); die Einführung und
schrittweise Ausweitung der Besteuerung von Ressourcen- und
Energieverbrauch und Förderung alternativer Energien; Maßnahmen zur
Begrenzung des Reichtums...; die Demokratisierung der Wirtschaft
(insbesondere Mitbestimmung und Selbstverwaltung in Betrieben); die
Abschaffung der Steuerparadiese und die Einführung sozialer und
ökologischer Rahmenbedingungen für den Welthandel ... Als PFG e.V.
haben wir diesen Aufruf mit unterzeichnet. Kontakt: Prof. Ulrich
Duchrow, Hegenichstr. 22, 69124 Heidelberg.
Ausgangsbestand - Restbestand:
Das von einigen Sektoren gelobte Maatwerk zur Vermittlung von
Arbeitslosen zeigt, wie verräterisch Sprache sein kann: Im
Zwischenergebnis Hamburg-Harburg vom 1.2.96-19.09.97 schreiben sie, daß
sie einen "Ausgangsbestand" von 1803 haben, davon eine "Rückgabe" (noch
nicht vermittelbar) von 973, was einen "Vermittlungsbestand" von 830
ausmacht, wovon, nach Abzug der Eingliederungen ein "Restbestand" von
305 übrig bleibt. So werden heute arme Menschen als "Sozialmüll" (aus
dem Munde von Arbeitgebern), oder "basura humana" (Menschenmüll
innerhalb der neoliberalen Sprache in Chile oder als "Restbestand"
innerhalb der Vermittlungsstatistik bezeichnet. (Heinz Schulze)
Beber del propio pozo
Diesem schönen Bild von Gustavo Gutuierres (Befreiungstheologie aus
Peru) "trinken aus seinem eigenen Brunnen" folgten indigene Delegierte
bei vier kontinentalen Treffen zur indigenen Spiritualität. Einige sind
uns als Delegierte der Europarundreise aus Anlaß der Kampagne "500
Jahre Kolonisierung und Widerstand", die von Mitgliedern der Paulo
Freire Gesellschaft mitorganisiert wurde, bekannt.
Sie legen mit dieser Broschüre einige Diskusionsergebnisse vor, die
deutlich machen, daß indigene Spiritualität ganzheitlich ist, daß aber
dazu Genderfragen gehören, wirtschaftliche Aspekte bis hin zu konreten
Erfahrungen der Naturmedizin.
Für Grippegeplagte könnte folgendes Rezept taugen: Tabakblätter,
zusammen mit afirfi-bibri und den Schalen vom chucchu-huaso kauen,
diese Masse in ein sauberes Tuch spucken und den Sud durch die Nase
einziehen. Wem das zu "natürlich" ist, ein Mittel gegen Durchfall: Eine
kleine Flasche Malzbier mit drei darin eingechlagenen Eiern, Klee
(alfalfa) mit Zucker oder Honig umrühren und auf einmal trinken.
Natürlich sind Kapitel wie: Religion und Umwelt intensiver und
wichtiger. (Heinz Schulze)
Paulo Freire in memorium - ein Brief
Zum Kolloquium in der Evang. Akademie Loccum im Juli 97 schrieb Erhard
Meueler an diese: (...)
"Auch wenn mich die Thematik sehr interessiert, werde ich nicht
teilnehmen, weil mir die gewählte Sozialform der Tagung nicht zusagt
... Sie haben die Tagung so mit WissenschaftlerInnen vollgestopft, daß
- um ein Bild zu gebrauchen - für all die Schleusen, die hier
stromaufwärts befahren werden sollen, schon vorab festgelegt ist, mit
welchen großen und kleineren Booten sie in genau durchgeregelter
Abfolge gefüllt werden sollen. Für freie Improvisation scheint
keinerlei Raum vorgesehen zu sein ... Stellvertretende Deutung wird zur
allgemeinen Verkehrsform erhoben.
Dagegen Freire: "Gegenüber der mythisierenden Praxis der herrschenden
Eliten erfordert die dialogische Theorie, daß die Welt enthüllt wird.
Es kann jedoch keiner die Welt für einen anderen enthüllen. Obwohl ein
Subjekt den Vorgang des Enthüllers für andere einleiten kann, müssen
doch auch die anderen zu Subjekten dieses Vorgangs werden" (Päd. der
Unterdrückten, 1971, S. 200).
Selbst die Repliken auf die Vorträge, die normalerweise aus der
Interkations-Situation direkt entstehen, sind schon genauestens vorweg
festgelegt. Das setzt voraus, daß diejenigen, die zu Repliken
eingeladen wurden, schon vorweg die jeweiligen Vortragstexte erhalten
und sich zu Hause, gestützt auf ihre Bibliotheken, damit
auseinandersetzen können, um ihre Schreibtischprodukte dann vorzulesen.
... Alle für das Kolloquium vorgesehenen Beiträge erscheinen wie in
einen Bogen Millimeterpapier vorweg eingezeichnet.
Der Widerspruch ist eklatant: eine Tagung über Befreiung in der
Zwangsjacke eines bis in die kleinste Minute vorgeschriebenen Ablauf-
und Interaktions-Plans. Paulo Freire selig würde es sicherlich genossen
haben, sein Lebenswerk in einer solchen internationalen
Mehrfachspiegelung zu erleben, doch waren ihm andererseits sein Leben
lang hierarchisch gestaffelte Interaktionen (hier: Hauptvorträge,
Repliken, der Rest als Zuhörer) und Belehrungs-Szenarien zuwider: Für
jeden, der sich von Paulo Freires Einsichten und Anregungen theoretisch
wie praktisch hat nachhaltig beeinflussen lassen, ist es eigentlich
selbstverständlich, daß es gilt, seine politische Anthropologie
praktisch zu realisieren.
Ich wünsche Ihnen daher, daß sich in diesem Kolloquium TeilnehmerInnen
gegen die so gut gemeinte Programm-Totalität auflehnen und sich auf
diese sicherlich störende Weise die in klugen und schönen Worten
beschworene Befreiung auch dort ereignet. ..."
CONFINTEA:
5. Internationale UNESCO-Weltkonferenz über Erwachsenenbildung im Juli
97 in Hamburg, Eine Rückschau:
Unter dem Motto "Erwachsenenlernen: ein Schlüssel zum 21. Jahrhundert"
kamen für eine Woche 141 Delegierte aus 131 Ländern im Hamburger
Kongreßzentrum zusammen, um über Erwachsenen- und Weiterbildung in der
Perspektive lebenslangen Lernens Erfahrungen auszutuauschen und in
Arbeitsgruppen zu arbeiten.
Die Paulo Freire Gesellschaft e.V. war mit vier Delegierten vertreten
und konnte während der ganzen Woche im Foyer des Kongreßzentrums mit
einem Büchertisch und der Gedenkausstellung zu Paulo Freire präsent
sein, die Moacir Gadotti vom Instituto Paulo Freire aus Sao Paulo
mitgebracht hatte. Der Bücherstand und die Gedenkausstellung wurden zum
Anziehungsort für Viele, die sich mit Freires Pädagogik beschäftigen.
(Die Ausstellung ist jetzt bei der Freire-Gruppe in Berlin). Viele
Konferenzteilnehmer aus Deutschland aber auch aus anderen Ländern
interessierten sich für die Arbeit der Paulo Freire Gesellschaft e.V.
und wollten mehr Informationen zu unserer Arbeit haben.
Am Abend des vierten Kongreßtages fand eine einstündige Gedenkfeier für
Paulo Freire und Dame Nita Barrow statt, bei der u.a. Moacir Gadoti,
ein Vertreter Südafrikas und natürlich Ana Maria de Freire sprachen.
Außerdem wurde ein Video mit Paulo Freire gezeigt, in dem er sich - auf
seine kritische und humorvolle Art - mit der UNESCO auseinandersetzte.
Nach der Veranstaltung fand ein spontanes Treffen von über 20 Personen
statt, die entweder im Leitungsrat des Instituto Paulo Freire vertreten
sind, oder in einer Institution organisiert sind, wie die
Freire-Gesellschaft, oder sich in Freires Pädagogik verorten.
Besonders interessant waren Berichte der Teilnehmenden aus Spanien und
Schweden über die Bedeutung von Freire in den Universidades Populares
(Spanien) und in der Erwachsenenbildung (Schweden). Die
Weiterverfolgung einer Vernetzung von Freire-Gruppen in Europa sollte
in Zukunft ein Schwerpunkt der Paulo Freire Gesellschaft e.V. bilden.
Ulrike Hanemann Virginia Alvear Gallindo, Wivian Weller, Dr. Ilse
Schimpf-Herken,.
Kompakt-Seminar zur Freire-Pädagogik
in Kiel:
Brigitte Didden-Zopfy (Mitglied der PFG e.V.)
"... Ich führte mit 20 StudentInnen (Diplom-Pädagogik und Lehramt) ein
Kompakt-Seminar - Samstag / Sonntag - zur Pädagogik Freires durch, das
sehr intensiv und anregend wurde. Es ist ja immer ein Widerspruch,
praxisbezogene Pädagogik an der Uni zu "lehren". Ich kannte die Gruppe
nicht und die StudentInnen kennen sich untereinander auch meist nicht.
So begannen wir - ohne theoretische Einführung - erst einmal, "unsere
generativen Themen" zu finden, wozu ich die Frage nach eigenen
Erfahrungen der Entfremdung, Diskriminierung und Unterdrückung
(persönlich erfahrend oder auch selbst handelnd) stellte.
In drei Gruppen wurde anschließend über diese Erfahrungen diskutiert
und versucht, wichtigste gemeinsame Themen herauszukristallisieren.
Diese wurden erst am Nachmittag, nachdem wir uns gemeinsam mit
gesellschaftlichen Widersprüchen und Aspekten der Pädagogik Paulo
Freires beschäftigt hatten, wieder aufgegriffen. Nun versuchte jede
Gruppe "ihr generatives Thema" zu kodieren; eine Gruppe machte
Statuentheater, eine andere eine Pantomimenszene, die dritte Gruppe
fertigte eine Collage aus von mir mitgebrachten Zeitschriften an.
Die jeweilige Darbietung für die anderen führte zu guten Diskussionen,
d.h. wir hinterfragten die Ursachen und suchten nach Lösungsansätzen im
eigenen Handlungsbereich. Da doch viele StudentInnen neben dem Studium
Familie haben oder arbeiten - manche im Bereich einfacher Jobs, andere
auch in bereits vorher erlernten Berufen - konnten sie
gesellschaftliche Widersprüche nicht nur theoretisch nachvollziehen,
sondern auch in ihrem Erfahrungsbereich wiederfinden.
Besonders fiel mir das von einer Gruppe genannte Thema "Außenseitertum"
auf, das nicht nur im Hinblick auf Ausländer, sondern auf
verschiedendsten Ebenen in unserer Gesellschaft erfahren wird. Dabei
wurde unter anderem auch immer wieder eine große Unsicherheit deutlich,
wie der Einzelne sog. gesellschaftlichen "Außenseitern" (z.B.
Ausländern, Drogenabhängigen, Behinderten) begegnen kann oder soll,
wenn er selbst sich bemüht, den Anderen nicht auszugrenzen.
So kamen wir direkt zu Fragen der Kommunikation und des Dialoges und zu
einer Sensibilisierung in der Begegnung mit dem "anderen". Es liegt mir
viel daran, den Dialog verstehen zu lernen, da m.E. die
Dialog-Fähigkeit zwischen den Menschen immer stärker verdrängt wird.
Wir widmeten am zweiten Tag dem Gespräch über den Dialog und Freires
Einbeziehung der zentralen Erfahrungen zwischenmenschlicher Begegnung -
Liebe, Glaube etc. - noch einige Zeit. Vorausgehend machte ich auch
eine kleine taktile Übung: je zwei TeilnehmerInnen führen mit
geschlossenen Augen einen dünnen Stab, den jeder nur mit dem
Zeigefinger berührt.
Im Wechsel zwischen Führen und Geführtwerden kann man die sensible
Reaktion auf die nonverbale Äußerung des Anderen üben - sonst fällt der
Stab zu Boden... Als wir über Beispiele der praktischen Anwendung oder
Übertragung der methodischen Handlungsgrundlagen Freires sprachen -
hierzu hatte ich Referat-Beiträge verteilt - kamen wiederum persönliche
Erfahrungen zur Sprache - zum Einen zur Arbeit mit Drogenabhängigen,
zum Anderen zur Arbeit mit einem Strafgefangenen.
Ich denke, wenn es gelingt, persönliche Erfahrungen aufzugreifen und
sie im Kontext Freirescher Pädagogik neu zu reflektieren, kann doch
über die Methode hinaus der Handlungsgrundsatz als wesentliches Moment
deutlich werden, den jeder für sich in jeder Lebens- und
Arbeitssituation neu erarbeiten muß...
Rückmeldung aus Cuba:
Nach zwei Studienreisen nach Kuba -auf den Spuren der Pädagogik Freires
u.a. - haben wir als Paulo Freire Gesellschaft unsere dortige
Partnerorganisation CIE zu einem "Gegenbesuch" nach Deutschland im Mai
1998 eingeladen. Auch innerhalb der PFG gab es dazu kritische Stimmen,
"warum wir dieses System" mit unseren Aktivitäten aufwerten würden.
Traditionelle Kuba-Unterstützungsgruppen kritisierten, daß das Programm
nicht auf offizieller Ebene abgesprochen war, so wäre die notwendige
Kontrolle nicht gegeben. Sei`s drum:
Die Erfahrungen bei Mitgliedern und Interessierten in München (mit
bundesweiter Beteiligung), in Berlin und Hamburg waren sehr, sehr
positiv: Von Nydia Gonzales (Präsidentin der engagierten
Nichtregierungsorganisation CIE, die Mitglied in der
LehrerInnen-Organisation von Cuba ist - nicht zu verwechseln mit der
Lehrergewerkschaft) und von Maria Ducan (Abgeordnete, Lehrerin und
Engagierte in ihrem Viertel) kam am 26.5.98 eine erste Rückmeldung, die
wir hiermit öffentlich machen wollen. (Heinz Schulze).
"Liebe FreundInnen, zurück in der Arbeit, jetzt "vollgepackt" mit allen
Erfahrungen, Zärtlichkeiten und Erinnerungen an die Tage, die wir
miteinander verbracht haben. Zunächst möchte ich Euch mitteilen, daß
wir keinerlei Probleme mit dem Gepäck hatten, sie arbeiten schon. ...
Maria und ich fühlen den starken Wunsch, uns nochmals bei der PFG und
den FreundInnen, die unsere Reise finanziert haben und allen, die so
freundlicherweise uns betreut haben und denen, die für einige Tage nach
München angereist waren, um einige Tage mit uns verbringen zu können.
All das war für uns sehr stimulierend und wir werten es als eine große
Demonstration der Solidarität und Freundschaft mit unserem Volk und
unserer Organisationen. Für all das, ganz, ganz herzlichen Dank.
Wir wollen weiterhin zum Ausdruck bringen, daß das Resultat der Reise
außerordentlich wichtig für uns war. Ihr könnt es vielleicht gar nicht
so messen, wie die Reise uns dazu diente, die Realität in Deutschland
und die Besorgnisse, die Erfolge und die Herausforderungen, die Ihr
Euch entgegenseht, kennenzulernen. Aber vor allen Dingen ist zu
betonen, wie Ihr uns bereichert habt in den Diskussionen, die wir in
diesen Tagen mit PädagogInnen, den Frauen und jungen Leuten hatten. Ich
kann Euch versichern, daß Ihr in uns tiefe Spuren hinterlassen habt,
die lange Zeit innerhalb unserer Reflexionen nachwirken. Unser
Austausch über die Wertediskussion, über die internationale Politik und
die Entscheidungen, die heute in unserem Land getroffen werden, war
sehr wichtig.
Außerdem fanden wir es herrlich, mit Personen zusammenzusein, die eine
sehr tiefe ökologische Haltung haben; sie überzeugen durch ihre
Lebensform ohne viele Worte. Wir möchten betonen, wie groß die
Zufriedenheit für uns ist, weil wir uns geliebt fühlten, respektiert,
weil wir Personen kennenlernen konnten, die solidarisch, frei ‘raus
sind, mit denen wir zusammen die schönsten Träume wahrmachen können.
Danke für die Beispiele eurer Kämpfe, für die Übereinstimmung mit dem
praktischen Leben und den Gedanken zur Solidarität und Engagement.
Danke, daß wir wachsen konnten...
Für eine Zukunft in Solidarität und
Gerechtigkeit
Anmerkungen von Gerhard L. Endres (Mitglied der PFG e.V.) zum
"Sozialhirtenwort" der evangelischen und katholischen Kirche."
Am Anfang stand ein Diskussionspapier, dessen Autoren. ... den Geist
des Bundeskanzleramtes in das Papier eingehaucht hatten. ...
Überraschend wurde das Papier von den kath. Verbänden. ... total
auseinandergenommen. ... Ein Redaktionsgremium (Prof. F. Hengsbach SJ,
der evang. Pfarrer Schorlemmer u.a.) schrieben ein neues Papier. ... In
der Redaktionsendphase wuchs der Druck auf die beiden Kirchen:
Innerhalb der Kirchen wollten die Arbeitnehmerbewegungen, die Frauen
und die Jugend unbedingt ein sozialethisch profiliertes und
prophetisches Wort, während die Bundesregierung die derzeitigen
Verhältnisse kirchlich absegnen lassen wollte.
Das Sozialhirtenwort enthält einige mutige Formulierungen, die man
nicht erwartet hatte. Allerdings ist der Sozialhirtenbrief auch keine
Anleitung für eine Theologie der Befreiung. ... Ausgehend von der
vorrangigen Option für die Armen, Schwachen und Benachteiligten
betrachten die Kirchen unsere Gesellschaft: "Ohne Überwindung der
Massenarbeitslosigkeit gibt es auch keine zuverlässige Konsolidierung
des Sozialstdaates. Insofern ist nicht der Sozialstaat zu teuer,
sondern die Arbeitslosigkeit. ... Die Kirchen fordern nicht nur einen
Armutsbericht (Armut wird immer noch tabuisiert), sondern auch einen
Reichtumsbericht. ... einschließlich der ungerechten
Vermögensverteilung. ...
Die Strukturreform der Gesellschaft hin zu einer ökologisch-sozialen
Marktwirtschaft wird gefordert. ... Unter dem Stichwort Nachhaltigkeit
wird eine ressourcenschonende Wirtschaftsweise empfohlen. ... Zur
Solidarität gehören die Sozialpflichtigkeit des Eigentums,
internationale soziale Mindeststandards. ... Auch die Thematisierung
der Ausländerfeindlichkeit bis hin zum "Aufbau einer positiven
Einstellung gegenüber Fremden" ist bemerkenswert: Die Kirchen treten
ein "für eine menschenwürdige und gerechte Asylpraxis"... (Der
vollständige Artikel ist abgedruckt in Die Demokratische Schule, GEW
München
Seminare:
27.-30 August 1998 Spetses Island, Greece.:
European Group for the Study of Deviance and Social Control. Call for
papers:"Controlling the Movement of People: Critical Perspectives on
Practices, Policies and Consequences. Further informacion about the
European Group can be found at our web site:
http//www.qub.ac.uk/ss/ssp/eg.htm or: Prof. Dr. Dietlinde Gipser.
Hinterm Horn 48. 21037 Hamburg. Fax: 040-72341111, e-mail:
dgipser@aol.com.
18.-20.9. 98 Nürnberg:
Soziale Menschenrechte - Menschenrechte zweiter Klasse? Auskunft: KED
Bayern, Pirckheimerstr. 33, 90408 Nürnberg.
30.11. - 2.12. 98 in Münster:
Entwicklungen in Schule und Religion als Herausforderung für kirchliche
Lehrerfortbildung. Anmeldung: Dietlind Fischer, Comenius-Institut,
Schreiberstr. 12, 48149 Münster
zum Theater der Unterdrückten
in Dortmund und Unna: 16. + 22. August 1998
Vorbereitung und Abschluß des Westfälischen Kirchentags in Unna, Fritz
Letsch
in der Jugendakademie Bornheim-Walberberg 25.-27. Sept.98: >Von den
Bildern im Kopf zum Handeln in der Praxis< Politisches Theater nach
Augusto Boal, mit Eva-Maria Antz, Andreas Baumgärtner, Detmold und
Adrian Reinert, Stiftung MITARBEIT
in Frankfurt als aufbauende Fortführung: 13. - 15. November '98 (Fritz
Letsch)
Am Freitag öffentlicher Einstieg mit einem Abend zum Regenbogen der
Wünsche, zu dem ihr Freunde und Bekannte mitbringen könnt, ab Samstag
dann eine knappe Wiederholung, um dann mit viel Ruhe an neue Szenen zu
gehen. Sonntag noch eine öffentliche Probe
in Gießen mit Augusto Boal: 30.11. - 5.12. '98
veranstaltet von Helmut Wiegand, Schottstr. 17 (Hinterhaus) 353 Gießen,
Tel+Fax 0641-38823 und der Theatergruppe Feuerkeim Forum Courage e.V.
Kosten: DM 900,-, ermäßigt 600.- für Nichtverdienende.
in Deinsdorf bei Nürnberg 11.-13. Dezember '98 mit Fritz Letsch und
Alwin Baumert:
Fortbildung für MitarbeiterInnen in erzieherischen und sozialen Berufen
mit dem Schwerpunkt der eigenen theaterpädagogischen Anleitung. DM
580,-, ermässigt 340.- auf Anfrage Sonderplätze zu DM 100.-,
Tagungshaus DM 64.- / Tag, 8 -12 Teilnehmende, anmelden in Deinsdorf 2,
91249 Weigendorf, 09154-946586
Fragen über Gott von Atahualpa Yupanqi
(Argentinien)
Großvater habe ich eines Tages gefragt
Wie ist das mit Gott?
Da wurde er sehr traurig
und Antwort gab er nicht.
Großvater starb auf dem Acker
ohne Beichte, ohne euer Gebet
Inndios gruben ihn ein -
Flötenspiel und Trommeln
Vater habe ich eines Tages gefragt:
Wie ist das mit Gott?
Da wurde er sehr ernst
und Antwort gab er nicht.
Vater starb im Bergwerk
im schwarzen Stollen der Mine.
Das Geld des Patron hat die Farbe
von Blut des Minenarbeiters.
Mein Bruder lebt am Rande des Waldes
Blumen kennt er nicht.
Nur Schweiß, Mararia und Schlangen -
das Leben eines Holzsammers.
Ihn würde ich nie fragen:
Wie ist das mit Gott?
An seiner Hütte kam niemals
so ein bedeutender Herr vorbei.
Und Gott soll für die Armen sein?
Vielleicht ja, vielleicht nein.
Ganz sicher sitzt er aber
zu Tische des Patron.
Was soll diese Frage nach Gott
in einer Welt
wo die einen Blut spucken müssen,
damit die Anderen im Überfluß leben.
Kehrvers:
Ich singe auf allen Wegen
und sitze ich im Gefängnis
dann lausch ich den Stimmen des Volkes
die schöner singen als ich.
Zeitschriftenschau
ansätze: esg-nachrichten Nr. 1/98: Schwerpunkt Friedenspolitik
Bezug: ESG, Tunisstr. 3, 50667 Köln.
Schlangenbrut - Zeitschrift für feministisch und religiös interessierte
Frauen Nr. 59
Thema: Weibliche Autorität - Affidamento (sich anvertrauen). Der
italienische Ansatz der Politik der Frauenbeziehungen.
Bezug: Schlangenbrut e.V., Postfach 7467, 48040 Münster, 52 Seiten:
7,50 DM plus DM 2,- Versandkosten.
unterwegs Nr. 15, Dez. 1997
Schwerpunktheft: Aufklärung. Mit Beiträgen von Hartmut von Hentig, Nina
Schindler, Wolfgang Hinte, Christiane Mylinski.
Bezug: Unterwegs, Hanna Marti. Davidsbodenstr. 63, CH-4056 Basel.
Unbequem - Zeitung der BAG Kritischer Polizistinnen und Polizisten. Nr.
32, Dezember 1997: Gerät der Polizeiapparat außer Kontrolle?
Reformierbarkeit der Polizei, etc. Und: Bereits zu diesem Zeitpunkt
wurden Polizeibeamte gesucht, die den Castor-Transport begleitet haben
und bereit sind, Anzeige wegen vorsätzlicher Körperverletzung zu
stellen.
Nr. 33, März 1998: Themen : Lauschangriff, Rassismus
Sicherheitspolitik, Communtiy Policing. Bezug: GNN-Verlag, Zülpicher
Str. 7, 50874 Köln. Jahresabo 20,-DM.
Blätter des iz3w Nr. 225: Schwerpunkt: Biopolitik: Konflikte um
biologische Ressorcen, Impfstoffe, weiter: Cultural Studies, Mythen zu
Che Bezug: 8,-DM über: iz3w, Postfach 5328, 79020 Freiburg.
Alsaska - Zeitschrift für Internationalismus Auf der Kulen 22, 28203
Bremen Abo: 48,-
Nr. 317, Dez. 1997: Thema: Befreiung - Befreiungsideen in
Herrschaftszeiten, Hinweise, Rezensionen. Nr. 218, Feb. 98: Hack the
Planet. Internet. Mythos oder Möglichkeit?
Die Brücke - Forum für Antirassistische Politik und Kultur
Nr. 99, Jan.-Febr. 1998. Thema: Schutz-Szenarien auf dem Markt der
Opferschutzarbeit. Zur Ehrenamtlichkeit und Selbstorganisation,
Literatur, Kurzbeiträge etc. Bezug: Jahresabo 66,-DM, Einzelheft 14,80
DM: Die Brücke, Roittestr. 16, 66123 Saarbrücken
DIE- Zeitschrift für Erwachsenenbildung
Nr. I/98: Schwerpunkt: Kursleitung..."Sei teamfähig - aber setz Dich
durch. Sei kooperativ - aber stich Deine Konkurrenten aus ... oder geht
es auch anders? Nr. II/98: Schwerpunkt: Multimedia.
Sonderheft 1/98: Nachhaltig zukunftsfähig? Entwicklungspolitik in den
90er Jahren. 6,- Bezug: Jahresabo 40,-DM, Einzelheft 15,-DM.. DIE,
Hansaallee 150, 60320 Frankfurt.
POONAL, Pool de Nuevas Agencias de América Latina (Edición alemana)
Wöchentlicher Pressedienst lateinamerikanischer Agenturen, Herausgeber:
Nachrichtenpool Lateinamerika e.V. c/o FDCL, Gneisenaustr. 2, 10961
Berlin Tel.: 030/789 913 61, Fax.: 030/789 913 62 oder 789 134
57E-Mail: poonal@ipn-b.de, Internet: http://www.berlinet.de/poonal. Nr.
344, Freitag den 10. Juli 1998
BRASILIEN: Diskussionen um Versetzung eines schwarzen Bischofs
(Salvador, 6. Juli 1998, alc-Poonal).- Monseñor Gilio Felicio hatte
sein Amt als Hilfsbischof in der Erzdiözese von Salvador da Bahia kaum
angetreten, da wurde er von der Millionenstadt in die Provinz des
Bundesstaates Bahia versetzt. Grund dafür dürfte seine Auffassung
gewesen sein, daß die afrobrasilianischen Religionen toleriert werden
müßten. Der 48jährige, selbst schwarzer Hautfarbe, hatte sich seit
längerem speziell der Pastoralarbeit für die Schwarzen angenommen. Er
war der erste Schwarze Geistliche, der in der Kirchenhierachie von
Salvador eine wichtige Position innehatte.
Doch das von ihm gezeigte Verständnis für die afrobrasilianischen
Religionen stieß bei seinem direkten Vorgesetzen, dem Kardinal und
Erzbischof Lucas Moreira Neves auf wenig Gegenliebe. Dieser schickte
ihn flugs nach Cruz das Almas, 160 Kilometer von der Hauptstadt des
Bundesstaates entfernt. Innerhalb der katholischen Kirche hat der Fall
die Diskussion über den Synkretismus, die Vermischung verschiedener
Religionen, neu belebt.
Bischof Felicio sieht eine tiefgehende Verbindung zwischen dem
katholischen Glauben und dem Candomble, der Religion der Nachfahren
afrikanischer Sklaven in Brasilien. Dieser religiöse Synkretismus muß
seiner Meinung nach von der katholischen Kirche studiert und toleriert
werden. Kardinal Moreira sieht das anders.
Er werde weiterhin den Synkretismus bekämpfen, so seine Äußerung im
Interview. Als die afrobrasilianischen Religionen verfolgt und verboten
wurden, habe es berechtigte Unterstützung für sie gegeben. Jetzt, mit
völliger Glaubensfreiheit in Brasilien müsse jeder seinem Glauben ohne
Vermischungen folgen, erklärte der Kirchenhierarch.
Den katholischen Heiligen entsprechen im Candomble beispielsweise die
Orixas, die ebenso verehrt werden. Erstaunlicherweise leugnen viele
Menschen in Bahia in den Zeiten der völligen Religionsfreiheit
offiziell, der afrobrasilianischen Religion anzuhängen.
Schlußstein: Albert Einstein: Mein Glaubensbekenntnis
Zu den Menschen zu gehören, die ihre besten Kräfte der Betrachtung und
Erforschung objektiver, nicht zeitgebundener Dinge widmen dürfen und
können, bedeutet eine besondere Gnade. Wie froh und dankbar bin ich,
daß ich dieser Gnade teilhaftig geworden bin, die weitgehend von
persönlichen Schicksal und vom Verhalten der Nebenmenschen unabhängig
macht.
Aber diese Unabhängigkeit darf uns nicht blind machen gegen die
Erkenntnis der Pflichten, die uns unaufhörlich an die frühere,
gegenwärtige und zukünftige Menschheit binden. Seltsam erscheint unsere
Lage auf dieser Erde. Jeder von uns erscheint da unfreiwillig und
unerbeten zu kurzem Aufenthalt, ohne zu wissen, warum und wozu. Im
täglichen Leben fühlen wir nur, daß der Mensch um anderer Willen da
ist, um solcher, die wir lieben und zahlreicher anderer, ihm
schicksalsverbundener Wesen. Oft bedrückt mich der Gedanke, in welchem
Maße mein Leben auf der Arbeit meiner Mitmenschen aufgebaut ist, und
ich weiß, wieviel ich ihnen schulde.
Ich glaube nicht an die Freiheit des Willens. Schopenhauers Wort:" Der
Mensch kann wohl tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er
will" begleitet mich in allen Lebenslagen und versöhnt mich mit den
Handlungen der Menschen, auch wenn sie mir recht schmerzlich sind.
Diese Erkenntnis von der Unfreiheit des Willens schützt mich davor,
mich selbst und die Mitmenschen als handelnde und urteilende Individuen
allzu ernst zu nehmen und den guten Humor zu verlieren. Nach Wohlleben
und Luxus strebte ich nie und habe sogar ein gut Teil Verachtung dafür.
Meine Leidenschaft für soziale Gerechtigkeit hat mich oft in Konflikt
mit den Menschen gebracht, ebenso meine Abneigung gegen jede Bindung
und Abhängigkeit, die mir nicht absolut notwendig erschien. Ich achte
stets das Individuum und hege eine unüberwindware Abneigung gegen
Gewalt und Vereinsmeierei. Aus allen diesen Motiven bin ich
leidenschaftlicher Pazifist und Antiimperialist, lehne jeden
Nationalismus ab, auch wenn er sich nur als Patriotismus gebärdet. Aus
Stellung und Besitz entspringende Vorrechte sind mir immer ungerecht
und verderbliche erschienen, ebenso ein übertriebener Personenkult.
Ich bekenne mich zum Ideal der Demokratie, obwohl mir die Nachteile
demokratischer Staatsform wohl bekannt sind. Sozialer Ausgleich und
wirtschaftlicher Schutz des Individuums erschien mir stets als wichtige
Ziele der staatlichen Gemeinschaft. Ich bin zwar im täglichen Leben ein
typischer Einspanner, aber das Bewußtsein der unsichtbaren Gemeinschaft
derjenigen anzugehören, die nach Wahrheit, Schönheit und Gerechtigkeit
streben, hat das Gefühl der Vereinsamung nicht aufkommen lassen.
Das Schönste und Tiefste, was der Mensch erleben kann, ist das Gefühl
des Geheimnisvollen. Es liegt der Religion sowie allem tieferen Streben
in Kunst und Wissenschaft zugrunde. Wer dies nicht erlebt hat,
erscheint mir, wenn nicht ein Toter, so doch wie ein Blinder. Zu
empfinden, daß hinter dem Erlebbaren ein für unseren Geist
Unerreichbares verborgen bleibt, dessen Schönheit und Erhabenheit uns
nur mittelbar und in schwachem Widerschein erreicht, das ist
Religiösität. In diesem Sinne bin ich religiös. Es ist mir genug, diese
Geheimnisse staunend zu ahnen, und zu versuchen, von der erhabenen
Struktur des Seienden in Demut ein mattes Abbild geistig zu erfassen.
(geschrieben 1932)
interne Dokumentation: zeitschrift für befreiende pädagogik 17 -
18 / 1998
© bei den Verfassern