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7 kleine kapitel zum theater der unterdrückten


fritz letsch theaterpädagoge,
entwicklungsdienst
theater - methoden
in der Paulo-Freire-Gesellschaft eV



LEGISLATIVES THEATER
  zur
DEMOKRATISIERUNG DER POLITIK DURCH THEATER
Zusammenfassung einiger Materialien für einen Vortrag mit Texten und Bildern (.ppt)

[Theater der Unterdrückten] - [Augusto Boal] - [Das Legislative Theater in Rio] - [Legislatives Theater in Deutschland?] - [Das CTO Rio:] - [Wie geht's weiter?] - [Grundlagen des Theater der Unterdrückten] - [Literatur]  Einführung    Material zum Seminar in München       http://fritz-letsch.de

Center for Theatre of the Oppressed Rio de Janeiro
Die Arbeitsgruppe in Rio mit Boal ->
Hier folgt meine Übertragung eines englischen Textes des CTO Rio, mit dem Augusto Boal das "Teatro Legislativo" entwickelt hatte,
Zuerst lagen diese Erfahrungen nur in portugiesisch vor, die englische Ausgabe ist 1998 bei Routledge / London mit einem Kapitel: Symbolism in Munich erschienen.

Theater der Unterdrückten
Das Theater der Unterdrückten, entwickelt durch Augusto Boal, ist eine Sammlung von Übungen, Spielen und Theatertechniken, die eine neue, aktive Dimension des Theaters für alle Beteiligten eröffnen.
Es ist weltweit in mehr als 70 Ländern verbreitet.

Spiele, Übungen und Theatertechniken
sind in die folgenden Kategorien eingeteilt:
1. Gruppe: "fühlen, was wir berühren“
    zur Erforschung der Fähigkeiten in Bewegung, Balance und Berührung
2. Gruppe: "Horchen, was wir hören" zur Verbesserung der Wahrnehmung von Klang und Rhythmus
Bild Julian Boal in Linz 2004
3. Gruppe: "Dynamisierung verschiedener Sinne" zur Anregung und Entwicklung der Sinne ohne die Hilfe der Augen

Die Sprache des Körpers ist international
Hier entsteht ein wichtiger Übergang zur interkulturellen Kommunikation: Uns in der gemeinsamen Deutung der Gesten wiederfinden:
Nachfragen, statt selber deuten!

Bilder-Theater
Techniken, die Fragen, Probleme und Gefühle in konkrete Bilder übertragen.
Das Lesen der Sprache des Körpers bringt ein Verständnis der Fakten und Situationen, die von den Teilnehmenden präsentiert werden.
Bilder-Arbeit schult auch den Blick für die nächste gewünschte und mögliche Veränderung.
Statuen können zu Galerien werden, Bilder werden gemeinsam „gelesen“: Kodierung und Dekodierung führt zu gemeinsamer Bildsprache

Zeitungs-Theater
ein weiterer Satz von Theatertechniken, die Nachrichten einer Zeitung in verschiedene Formen theatralischer Präsentation zu bringen.
Wer schreibt dort was, in welchem Zusammenhang, was steht dort nicht, wer bezahlt für die Veröffentlichung?
Wie werden wir informiert, mobilisiert, manipuliert?
Wo liegen die Auswege und Alternativen? Wie könnte ihr Stil interaktiv verbessert werden?
Wann macht uns Information müde und resigniert, wann motiviert sie uns? Wann lesen wir?

Unsichtbares Theater
Die Inszenierung einer alltäglichen Szene zur Präsentation an einem Platz, wo sie wirklich stattfinden könnte.
Sie wird in einer Weise verwirklicht, daß die ZuschauerInnen wirklich an dem Ereignis teilnehmen und so spontan auf die Diskussion in der Vorstellung reagieren, als wäre es ein normales Ereignis.
Sie wird für das Publikum nicht aufgelöst, die Vorbereitung braucht ein klares gemeinsames Ziel

Forum-Theater
In Forum-Theater-Stücken ist die Zentralfigur eine unterdrückte Person, die ihre Wünsche nicht verwirklichen kann, weil sie durch eine Figur der Unterdrückung daran gehindert wird.
Im ersten Durchlauf soll das Publikum nur zusehen,
dann beginnt die Szene von vorne und der Joker / die Spielleiterin regt die ZuschauerInnen an, in die Szene zu gehen und die Zentralfigur zu ersetzen, um einen anderen Ausgang der Situation zu probieren und so viele mögliche Alternativen zu erproben.

Der Regenbogen der Wünsche
holt einzelne „Farben der Emotionen“ auf die Bühne
Die "Boal-Methoden für Theater und Therapie" sind eine Sammlung therapeutischer und theatraler / dramaturgischer Techniken zur Untersuchung zwischenmenschlicher und persönlicher Themen und Anliegen.
Die ausführliche Arbeit damit braucht Zeit und Rahmen einer vertrauensvollen Gruppe.
Der Regenbogen macht die verschiedenen Anteile unserer Motive sichtbar und unser Handeln verstehbar.

Legislatives Theater
setzt den Aufbau von örtlichen Theatergruppen voraus, die in Forum-Theater-Stücken von ihrem Thema berichten und für ein vorbereitetes Publikum spielen.
Die Änderungsversuche des Publikums werden in Berichten festgehalten, die dann mit ExpertInnen auf Möglichkeiten für politische, gesetzgebende oder rechtliche Aktionen untersucht werden.
Ein gemeinsamer Klärungsprozess formuliert und diskutiert die Gesetzesvorschläge
Das Parlament reagiert in seiner gewohnten Weise auf die Eingaben: Diskussion und Abstimmung.

Augusto Boal
Boal begann seine Laufbahn als Theaterleiter 1956 und entwickelte seitdem seine innovativen, kreativen und erfinderischen Fähigkeiten in Zusammenarbeit mit vielen Gruppen und Personen.
Seine gegenwärtigen Projekte sind aus der gleichen imaginativen und inspirativen Energie geboren, mit der er auch das Teatro de Arena in Sao Paulo leitete.
Dort baute er ein Seminar für Dramaturgie und ein Laboratorium der Interpretation auf, die neue Theater-Talente zum Vorschein brachten und die Konzepte des brasilianischen Theaters dieser Zeit transformierten.

1971 wurde Boal für seine Herausforderungen der Militärdiktatur durch sein revolutionäres Theater exiliert.
Er arbeitete in Peru in einem Alfabetisierungprojekt, das die Pädagogik der Unterdrückten von Paulo Freire benutzte.
In Argentinien schrieb er Bücher, gab Unterricht, produzierte Stücke und setzte die Entwicklung des Theater der Unterdrückten fort.
Während der 70er Jahre arbeitete er in den meisten lateinamerikanischen Ländern, aber die Diktaturen, die sich über den Kontinent ausbreiteten, zwangen ihn, sich nach demokratischen Ländern umzusehen.

Er ging 1976 nach Europa, zuerst nach Portugal, dann nach Frankreich,
wo er 1979 in Paris, unterstützt durch das Kulturministerium, sein erstes CTO, das Zentrum des Theater der Unterdrückten gründete. Er lehrte an der Sorbonne und anderen europäischen Universitäten.
Inzwischen wird das Theater der Unterdrückten in vielen Ländern der Welt praktiziert, was seinen Namen weltweit bekannt gemacht hat.
1980 besuchte das Pariser Zentrum des Theater der Unterdrückten Rio de Janeiro, was langfristig zu Boals Rückkehr nach Brasilien führte. 1986 gründete er das CTO Rio und siedelte sich wieder fest in Brasilien an.

Von der Volkstheaterfabrik zum Vereador
Volkstheaterfabrik: Ein Projekt, das eine Gruppe von dreissig Kultur-Animatoren mit der Aufgabe der Weitergabe der Techniken und der Organisation von Gemeinde-/Community-Theatergruppen ausbildete (1986-1987)
Gewerkschaftsworkshops: Das CTO Rio half verschiedenen Gewerkschaften (öffentliche Erziehung / Metallarbeiter / Banken / Versicherungen) beim Aufbau von Theatergruppen und bei der Vorbereitung öffentlicher Aktionen.
Aufbau von Volkstheaterzentren in Zusammenarbeit mit progressiven Stadtparlamenten in verschiedenen Städten einschließlich Ipatinga, Betim, Belo Horizonte (MG), Sao Bernado de Campo e Campias (SP). Gruppen vor Ort wurden zur Förderung und Diskussion lokaler Themen organisiert.

Es begann ganz einfach ...
mit dem Angebot der Gruppe um Augusto Boal an die Arbeiterpartei PT in Rio de Janeiro, 1991 ihren Wahlkampf zu gestalten, wenn diese im Gegenzug später für Räume und Finanzierung der Grundlagen der Theaterarbeit eintreten würde.
Der Zustimmung folgte die Bitte, auch einen Kandidaten für die Wahl zum Parlament zu benennen,
die zuerst nicht so realistisch wirkte, da Wahlkampf in Rio auch etwas dem Karneval verwandt ist und 1200 Bewerber für 42 Plätze kandidierten.

Es braucht Mut, glücklich zu sein
Da die Presse auf die neuen politischen Formen positiv reagierte und das Motto motivierend wirkte, zeichnete sich doch bald ab, daß Augusto Chancen für das Amt eines Vereador hat und seine gesamte Theater-Gruppe als Mitarbeitende einstellen kann.
Der Stab wird mit einigen Fachfrauen zur Verwaltung, zu Recht und Organisation erweitert,
und bald spielen mehr als zwanzig Gruppen in der 7-Millionenstadt nicht nur ihre eigenen Themen und die der aktuellen Rathauspolitik,
 sondern auch die ihrer Umgebung und des Publikums auf den Strassen und Plätzen der Stadt.
Die Reaktionen und Vorschläge werden aufgezeichnet und ausgewertet ...

Fiestas und die Verwaltung
Nach der Einbeziehung der interessierten Mitspielenden kommt eine Auseinandersetzung in Gang, die zwischen den Gruppen in Fiestas besprochen und vertieft wird und dann fachlich alle Ebenen der Verwaltung ergreifen kann:
Nach dem behindertengerechten Umbau der vorher für Blinde gefährlichen Telefonzellen
wurde ein Gesetz zum Zeugenschutz auf den Weg gebracht, um überhaupt Verbrechen verfolgen zu können, auf den verschiedensten Ebenen Initiativen zum Umweltschutz entwickelt und Altenmedizin eingerichtet.
Die Legislaturperiode endete Dezember 1996, die Gruppe um Augusto arbeitet jetzt, mit dem Forum-Theater in den Stadtvierteln weiter und mit dem Legislativen Theater auch in andern Ländern.

Land und Demokratie
Arbeit mit den Landlosenprojekten und gegen die Übermacht der Gutsbesitzenden, Bodenreformen
Austauschprogramme zwischen Brasilien und Deutschland, organisiert durch Internationale Dritte-Welt- Organisationen seit 1992, weitergeführt mit einem bundesweiten Curinga-Projekt der PFG 2000 u.a.
Die UNESCO würdigte 1994 seine Arbeit mit der "Pablo Picasso-Medaille", neben vielen anderen Ehrungen bekamen er und Paulo Freire 1996 bei einer grossen Tagung die Ehrendoktorwürde der Universität Nebraska.

Das Legislative Theater entsteht im Parlament
Als Theaterleiter verwandelte Augusto Boal die Zuschauer in Schauspielende, als Stadtrat oder Senator verwandelte er die Wähler zu Gesetzgebenden.
Seine Art der Amtsführung eröffnete eine neue Bühne des Theater der Unterdrückten: Das Legislative Theater.
Die Ziele seines Mandats waren die Demokratisierung der Politik durch Theater und die Entwicklung einer neuen Beziehung zwischen Gesetzgebenden und Bürgern.
Die Gestaltung der Politik durch Theater war gleichzeitig Ziel, Thema und Erfüllung des Projekts.

Das Team ...
Während der vier Jahre seines Mandats ist das Team der "curingas" / Joker / Spielleiterinnen / Trainer in vielen Teilen der Stadt präsent und organisiert Gruppen nach ihrer Stadtteil-Identität oder ihren besonderen Themen.
Es entwickelte Stücke über alle drückenden Themen, die dann auf öffentlichen Plätzen, Strassen, in Schulen, Krankenhäusern, Gemeindezentren gespielt werden.
Wann immer ein Stück vorgestellt wird, ist das Publikum eingeladen, auf die Bühne zu kommen,die Hauptfigur zu ersetzen, um Lösungen für ihr Problem zu finden.

... notiert die Vorschläge:
Die Versuche werden aufgeschrieben und in Berichte verwandelt, die von Boals politisch-legislativem Team ausgewertet werden.
Dialoge zwischen Gruppen
Das Mandat regt Dialoge zwischen den Gruppen an, indem es Treffen organisiert, die gegenseitiges Verständnis erwecken und die "Knoten der Solidarität" festigen.
Alle zwei Monate bringen Festivals des Theater der Unterdrückten die aktuellen Szenen: Theater und Gesetze auf die Plätze der Stadt.

Chamber in the Street
Das Projekt bringt nicht nur die Probleme der Bewohnerkreise ins Rathaus, sondern auch das Geschehen in der "Kammer" in die Aussenwelt.
Experten Asyl München Marienplatz 1998
Parlaments-Sitzungen werden in gediegener Form als "Der Stadtrat auf den Plätzen" organisiert.
Legislative Diskussionen über Projekte, die im Stadtrat / Senat beginnen und auf den öffentlichen Plätzen weitergehen, bekommen dadurch Niveau und Tiefe.
Auf diesem Weg kann jeder Vorschlag zur Meinungs-bildung und Entscheidung des Parlaments beitragen.

Legislatives Theater in Deutschland?
Zuerst ist es noch schwer vorstellbar, weil hierzulande eher alles zu sehr geregelt ist und wir uns sehr daran gewöhnt haben, uns von "Herrschaften" PolitikerInnen regieren zu lassen. Ich sehe eine große Notwendigkeit:
Einerseits muß im Rahmen der Deregulierung auch für eine neue Abstimmung unter den Bürgern gesorgt werden, unser Konsens mit Gesetz und Steuern erzeugt werden,
andererseits schwindet das Vertrauen in die Parteienpolitik mit deren Unfähigkeit zu direkter Kommunikation und ihrer Vermischung struktureller und privater Eigeninteressen.

unser Staat? unser Europa?
Im derzeitigen Abbau des Sozialstaates und vor allem des allgemeinen Gemeinsinns durch die reichen und einflußreichen Schichten wird es immer mehr notwendig, daß die Bürger sich selbst organisieren und für neue Sozialstrukturen sorgen, die auch bis in internationales Denken und solidarisches Handeln reichen.

Eine Welt in der Münchner Agenda 21
Das Fachforum entwickelt in Kontakten und Zusammenarbeit dafür Projekte, die vom solidarischen Lebensstil bis zur CO2-Reduzierung für Zukunft sorgen:
Dunkle Geschäfte wie Minenproduktion und Waffenhandel, Müllexporte und Altkleider-Vermarktung, geben sich in unserer Stadt zwar oft ehrbares Ansehen, sind aber zentral an den Armuts- und Fluchtgründen beteiligt, die MigrantInnen nur noch auf eine Zukunft in unserem Land hoffen lassen.
Die Kampagne gegen ausbeuterische Kinderarbeit, wie z.B. „unfaire Arbeitsbedingungen“ in der Herstellung von Fußbällen, Spielzeug, Sportkleidung, und nun auch gegen den Import von Grabsteinen aus billiger Kinderarbeit in Indien
Fairhandel und Bildungsarbeit gegen dunkle Geschäfte

Internationale Festivals des Theater der Unterdrückten
7. Internationales Festival des Theater der Unterdrückten in Rio
8. Internationales Festival des Theater der Unterdrückten "The Ripple Effect" Mai / Juni 1997 in Toronto / Canada
1997 Europäische Konferenz zum Legislativen Theater
1999 Europa-Treffen Rotterdam + Boal in Wien
2000 Curingas quer durch Deutschland
2004 Augusto und Julian Boal in Wien und Linz
2005 Projekt in Köln

http://www.theatreoftheoppressed.org (Link auch auf http://fritz-letsch.de)

zum Seminar in München

Anmerkungen, Diskussion und Weiterarbeit im Forum zu partizipativen Arbeitsweisen
Linz 2004 mit Augusto und Julian Boal zum Legislativen Theater


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