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Chronik


Gründung des Vereins

150 Jahre Badische Revolution
140 Jahre Liederkranz Philippsburg

Die Gründung des Gesangsvereins Liederkranz im Zeichen der Badischen Revolution.

Der Leser dieser Zeilen wird sich wahrscheinlich die Frage stellen, was hat die Gründung des Gesangsvereins Liederkranz mit der Badischen Revolution zu tun, zumal doch 10 Jahre zwischen den Jahren 1848 und 1858 liegen.

Wenn man sich jedoch etwas mit der Geschichte der damaligen Zeit befaßt, so stellt man fest, daß mit den Jahren 1848/49 die Demokratiebewegung zwar den Höhepunkt erlebte, doch die Bevölkerung noch einige Jahre danach unter dem Eindruck des "Geschehens" Unannehmlichkeiten hinzunehmen hatte. So auch die Männer. Die sich aufmachten, den Gesangverein Liederkranz aus der Taufe zu heben.

Bei der Beantwortung der eingangs gestellten Frage kam dem Verfasser dieses Artikels das Festbuch zum golden Jubiläum aus dem Jahre 1908, also vor genau 90 Jahren, sehr entgegen. Es sind darin die Vorgänge zur Gründung des Liederkranzes so detailliert beschrieben, wie sie wohl kaum jemandem der jetzigen Generationen bekannt sein dürfte. Es erscheint deshalb angebracht, Teile dieser Aufschreibungen auszugsweise, beziehungsweise sinngemäß, wiederzugeben.

Gesangliche Aktivitäten vor der Vereinsgründung

Bereits viele Jahre vor der Vereinsgründung am 19. Juni 1858 fanden bereits gesangliche Aktivitäten in Philippsburg statt. "Die ersten Anfänge" zu einer zielbewußten Pflege des Gesanges reichen, soweit durch einige Aufzeichnungen und mündliche Überlieferung festgestellt werden kann bis zurück in die Jahre 1845/46, wobei Namen wie J. Wachter, Brennfleck, Schnepf und Breitenberger genannt werden, die auch während der Sturmjahre 1848/49 den Gesang pflegten. Dieser Gesang entsprach sicher dem Charakter jener Zeit, in der allenthalben wild gärende Kräfte aus dem hinfälligen deutschen Bundesstaate ein neues, geeintes und mächtiges Reich schaffen wollten.

Große politische, religiöse oder soziale Bewegungen fanden und finden allezeit ihren geistigen Ausdruck nicht bloß in dem gesprochenen Wort, sondern auch in dem Liede. Unter dieser Einwirkung standen sicher auch die vorgenannten Männer. Die Revolution 1848/49 verhinderte offensichtlich die Vereinsgründung in diesen Jahren.

Bezirksbeamter mit eiserner Faust

Es wird berichtet, daß der für den Bezirk Philippsburg zuständige Bezirksbeamte "jede, auch noch so harmlose Regung und Lebensfreude als staatsgefährlich unterdrückte". Ja, sogar das Tragen der Vollbärte störte ihn und so wurden die Männer zu ihm zitiert und erhielten die Auflage, binnen kürzester Frist die Bärte abnehmen zu lassen. Um nicht abgeführt zu werden, opferten die Männer ohne Verzug die Bärte und der Staat war gerettet. Als staatsgefährliche Regung zählte insbesondere der Gesang und dessen Pflege, den gerngehörten Begleiter des Frohsinnes, den Förderer des Schönen und Guten, den Freuden- und Friedensspender nach des Tages Last und Mühen.

Der "Katakombengesang"

Aus diesen kurzen Andeutungen ergibt sich, daß auch hier, ja gerade hier unter dem eisernen Regimente des Bezirksbeamten, mehr als anderswo, die Männer, die den Gesang pflegten, sehr gehemmt waren, eine Organisation zu gründen. Das Singen in der Öffentlichkeit war verboten. Doch trotz des Verbotes oder gerade deswegen, ließen sich die Sangeswilligen nicht entmutigen und so begnügten sie sich, eine Art Winkel- und Gelegenheitsgesang zu pflegen. Es entstand der Begriff "Katakombengesang", denn die kleine Schar der Ausübenden mußte sich in abgelegene Lokale oder gar in den Wald zurückziehen. Sie hatten keine Möglichkeit eine größere Zuhörerschaft zu erfreuen.

Der starke Wille etwas zu bewegen, zu verändern, kommt in den nachfolgenden Sätzen zum Ausdruck: "Die damals unsäglichen, traurigen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse vermochten es nicht, die in der Volksseele lebenden idealen Regungen zu erdrücken. Der Gesang richtete sie auf und führte ihren Geist hinweg über die Armseligkeit des Alltagslebens, hinauf zu den lichten Höhen des Schönen und Guten".

"Baumaterial für die Gründung des Gesangvereins Liederkranz"

Bereits seit den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gab es in Philippsburg ein Gesangsquartett. Die Sänger dieses Quartetts und die bereits erwähnten "Katakombensänger" vereinigten sich und bildeten das erste "Baumaterial" aus dem sich später der Gesangverein Liederkranz zusammensetzte.

Die Gründung des Gesangvereins Liederkranz

Bereits im Jahre 1855, also drei Jahre vor der eigentlichen Vereinsgründung ist vom Liederkranz als festgegliederte, wenn auch nicht offiziell anerkannte Vereinigung der Sangesbrüder die Rede. Doch erst 1858 war die Zeit für die Gründung des Vereines. Die politischen Verhältnisse hatten sich etwas gemildert und so erhielt der Liederkranz am 19. Juni 1858 die amtliche "Bestätigung". Mit diesem Gründungsdatum hat der "Liederkranz" seinen Namen und seine Satzungen amtlich bestätigt und anerkannt. Erster Vorstand des neugegründeten Vereines war Albert Steiner (sein Sohn, Bürgermeister Anton Steiner, war erster Vorstand beim 50-jähringen Jubiläum im Jahre 1908).

Die Fahnenweihe

Ein besonderes Kapitel in der genannten Festschrift von 1908 ist der Fahnenweihe gewidmet. "Sein sichtbares Zeichen, das ihn zusammenhalten sollte in guten und in bösen Tagen, und ihn zu Ruhm und Ehre führen, die Fahne, erhielt der Liederkranz im Jahre 1860". So hatte nun der Verein seine Fahne, aber eine öffentliche Weihe durfte nicht stattfinden, weil der besagte strenge Amtmann die Erlaubnis hierzu nicht gab. Doch die Verantwortlichen des Vereines schlugen dem Amtmann ein Schnippchen: Anläßlich des Geburtstages von Großherzog Friedrich I. am 9. September 1860 waren die Mannheimer Dragoner in Philippsburg einquartiert. Diese Anwesenheit ermutigte Vorstand Steiner, dem Rittmeister der Dragoner sein Anliegen vorzutragen, beim Bezirksamtmann ein vermittelndes Wort für den Liederkranz einzulegen. Dieser willigte ein und wurde beim Bezirksamtmann vorstellig. Durch das forsche Auftreten des Rittmeisters mit seinem ritterlichen Degen, wurde die Erlaubnis zur Fahnenweihe sofort gegeben. Die Feier wurde unter Beteiligung der einquartierten Dragonerkapelle, die dabei unentgeldlich konzertierte, öffentlich abgehalten.

Eine neue Zeit ist hereingebrochen.

"Unser Vaterland ging einer besseren Zeit entgegen. Eine neue Zeit mit neuen Bedürfnissen, Zielen und Idealen war siegreich hereingebrochen und arbeitete einer völligen Neugestaltung unseres Vaterlandes vor. Mächtig haben zur Pflege der nach dieser Richtung vorarbeitenden Ideale: Liebe zum Vaterland, dem Streben nach dessen Einheit, Macht und Größe zu dem auch die deutschen Gesangvereine beigetragen haben. Das erkannten auch die Regierungen, das erkannte man insbesondere auch in Baden, an dessen Spitze ein Fürst stand, der allen idealen Bestrebungen seine ganz besondere Fürsorge angedeihen ließ". Inzwischen hatte in Deutschland das Gesangvereinswesen mächtige Fortschritte gemacht, die in der Zusammenfassung der lokalen Vereine zu größeren Verbänden, wie den Badischen und den Deutschen Sängerbund, ihren Mittelpunkt fanden.

Bereits sechs Jahre nach der Gründung des Vereines stieg die Mitgliederzahl auf 57 und so war das seitherige Zimmer im Gasthaus zum Löwen, das als Vereinslokal diente, zu klein geworden. Am 12. Dezember 1864 erstattete der Liederkranz Anzeige an das Bezirksamt in Bruchsal (das hiesige Bezirksamt war inzwischen aufgehoben worden), daß er den Saal des Gasthauses zum Einhorn zu seinem Vereinslokal gewählt hat. Das Einhorn war bekanntlich bis zum Jahre 1983, also 119 Jahre Vereinslokal des Liederkranz ! Ein herzliches Dankeschön an die Familien Pfeiffer. Mit diesen Ausführungen aus den Gründerjahren soll noch einmal (oder wieder einmal) erinnert werden, welche Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten die Gründer des Gesangvereins Liederkranz in der Gründungsphase mit den Geschehnissen jener Zeit zu kämpfen hatten.

Beitritt zum Badischen Sängerbund.

Im Jahre 1863, fünf Jahre nach der Vereinsgründung, trat der Liederkranz mit 25 Sängern dem Badischen Sängerbund bei. Singstunde einmal monatlich. Ebenfalls im Jahre 1863 wurde beschlossen, daß die Mitglieder sich einmal monatlich zu Gesangsübungen einzufinden haben. Aufhebung der Polizeistunde für Vereinsmitglieder. Durch Verfügung des Bezirksamtes Bruchsal vom 19. April 1873 erhielt der Liederkranz für seine Mitglieder und "eingeführte Personen" die Aufhebung der Polizeistunde.

Aktivitäten des Gesangvereins Liederkranz in den 140 Jahren seines Bestehens.

Schon bald nach der geschilderten Gründung des Vereines wurden Aktivitäten beschrieben, wie sie bis in die heutige Zeit reichen. Stets war es der Wille, das hohe Kulturgut, den Gesang zur erhalten und die Mitmenschen zu erfreuen. Das geschah durch die Teilnahme an Sangeswettstreiten und der Teilnahme an gesellschaftlichen Veranstaltungen. Selbst das Aufführen von Theaterstücken durch den Liederkranz reicht bis in die Anfangsjahre und hatte sicher mit der Aufführung von Opern und Operetten seinen Höhepunkt (erinnert sei dabei an die Aufführung des Freischütz etwa 1954). Dieser schöne Brauch hat sich dankenswerterweise bis in die heutige Zeit gehalten. Jedes Jahr zur Weihnachtsfeier erfreut die Laienspielgruppe des Liederkranz um Gerd Stoll, die Mitglieder und Freunde des Vereines. Ein großes Anliegen der jeweiligen Vereinsführungen waren die freundschaftlichen Beziehungen zu den Gesangvereinen der näheren und weiteren Umgebung, sowie zu den Ortsvereinen unserer Stadt. Der Liederkranz war und ist ein zuverlässiger Partner.

Dank an die zurückliegenden Vereinsgenerationen und die jetzige Verwaltung.

Den früheren Vereinsgenerationen gilt der Dank und die Anerkennung für die aufopferungsvolle Tätigkeit zum Wohle für das hohe Kulturgut, den deutschen Gesang. Dank gebührt aber auch der jetzigen Verwaltung mit dem Vorsitzenden Hubert Holzer und den Sängerinnen und Sängern mit dem Dirigenten, Musikdirektor Rolf Kern und den Förderern des Vereins. Wenngleich es in der heutigen Zeit sehr schwer ist, Nachwuchs in die Sängerreihen zu bekommen, wird der Liederkranz nicht nachlassen in dem Bestreben, Bewährtes zu erhalten und dem Neuen gegenüber aufgeschlossen zu begegnen.

Anmerkung des Verfassers:

Grundlage für diesen Bericht ist die Vereinschronik des Liederkranz vom Goldenen Jubiläum des Vereins vom Juni 1908.

Walter Mücke


Aus dem Philippsburger Stadtgeschehen ( 28.12.1946)

Weihnachtskonzert des "Liederkranz"

Wenn der Gesangverein "Liederkranz" Philippsburg zur Weihnachtsfeier einlädt, so geschieht das nicht ausschließlich um der Tradition willen, sondern auch vor allem, um dem großen Freundeskreis einen besonderen künstlerischen Genuß zu bieten. Für die Weihnachtsfeier 1946 am Stefanstag im "Einhorn" hatte die Vereinsleitung ein erlesenes Programm unter Mitwirkung namhafter Karlsruher Solisten zusammengestellt, das den feinen künstlerischen Geschmack des bewährten Dirigenten A. Heilig verriet. Die dreiteilige Vortragsfolge war in ihrem ersten Abschnitt den Toten gewidmet. Der Männerchor sang "Wanderers Nachtgebet" von C. M. von Weber. Ein von Sängerkamerad Ewald Maurer gesprochener Prolog leitete über zu einem weihevollen Largo von Händel für Cello und Klavier, von Frl. Ruth Panzer erlebnisstark zu Gehör gebracht.

Die folgenden Darbietungen standen unter dem Motto:
"Weihnacht". Mit den Weihnachtsglocken von Sonnet schuf der seit dem letzten Auftreten beim Werbesingen in allen Stimmlagen wesentlich verstärkte Männerchor eine machtvolle Ouvertüre. Das anschließende Trio Nr. 5 für Cello, Violine und Klavier von J. Haydn schenkte freudiges Musizieren durch Frl. Panzer und Sängerkamerad Arno Gilliar. Magda Plaicher, die zusammen mit ihrer Begleiterin am Klavier, Frl. Gabriele Kunze, enge Bande mit Philippsburg verknüpfen, ließ erstmals ihre schöne Sopranstimme in einem Weihnachtslied von Peter Cornelius erklingen. Wohl die stärkste Wirkund verlieh Frl. Panzer ihrem reifen, ausdrucksvollen Spiel in den folgenden Kompositionen "Träumerei" von Schumann und "Reigen seliger Geister" von Glück. In einem weiteren Festlied von P. Cornelius zeichnete sich der Tenor des Männerchors Albert Gänsmantel aus.

Der dritte Programmteil war betitelt "Du holde Kunst". In buntem Wechsel wurden musikalische und gesangliche Delikatessen serviert. Eine schwierige Aufgabe meisterte dabei der tüchtige Männerchor mit der Weise "Der Bergstrom" von Ludwig Baumann. Vier Solis aus Oper und Operette sahen Frl. Plaicher in ihrem Element. Zum Vortrag hatte sie bekannte Arien und Lieder aus "Figaro", "Waffenschmied", "Monika" und "Gasparone" gewählt. Frl. Panzer, A. Gilliar und A. Gänsmantel bereicherten auch diesen Programmteil mit ihrer Kunst. Mit Frl. Fieser, Margarethe Futterer, Gabriele Killian und Frl. Wiehler kam der junge Philippsburger Klaviernachwuchs gebührend zu Wort. In ihren Vorträgen bekundeten die jungen Elevinnen der edlen Musica erstaunliches Können und eine treffliche Musikerziehung durch ihren qualifizierten Lehrmeister A. Heilig. Der Männerchor schloß den Reigen der vielseitigen Darbietungen durch das liebliche Volkslied "O Dirndl mein" ab.

Vorstand Artur Maus deutete in einer Ansprache den Sinn des schönsten deutschen und christlichen Festes. Der Sprecher hob hervor, daß unsere augenblickliche Lage wenig in Einklang zu bringen sei mit Weihnachten als dem Fest des Friedens und er Nächstenliebe; jeder solle deshalb dazu beitragen, daß diese zwei Ideale wieder verwirklicht würden. Sänger könnten dies am besten durch einen kulturellen Beitrag erreichen. Kulturwerte würden immer dem Frieden dienen und die Menschen in Liebe zueinander finden lassen. Die Gesamtleitung lag bei Chordirigent A. Heilig der auch den Solisten ein feinfühliger Begleiter am Klavier war, in erfahrenen Händen.

Eine besondere Ehrung erfuhren an diesem Abend die alten Sängerkameraden, in ihrer Mitte der langjährige verdienstvolle Vorstand und heutige Ehrenpräsident Karl August Fieser. Für die "Alten" dankte Sangesbruder Bastian Heiler.