Natürlicher Zustand

'Renaturierung' heißt Annäherung an den natürlichen Zustand. Deshalb ist es nur konsequent, sich bei der Ermittlung des Leitbilds zunächst am natürlichen Zustand zu orientieren. Ich meine damit einen Zustand, der heute existieren würde, hätte es Menschen nie gegeben. Ausgehend von den Vorstellungen über den natürlichen Zustand kann man dann die auf Dauer gewollten Nutzungen des Menschen berücksichtigen und daraus das Leitbild formulieren.

Neben der Entstehungsgeschichte fließen in meine Vorstellungen vom natürlichen Zustand auch Kenntnisse über die Flora und Fauna des Gebietes ein, welche vorhanden wäre, wenn sich die Art Mensch nicht so 'erfolgreich' ausgebreitet hätte.

Entstehungsgeschichte (vor Mensch)

Die Wuhle findet ihren Lauf in einer Rinne, die schon während der Weichselkaltzeit durch Eis angelegt und danach durch Schmelzwasser geformt wurden. Während (unter dem Eis) und nach der letzten Eiszeit können zeitweilig sehr große Abflüsse aufgetreten sein. Ein entsprechend großes, für die heutigen Abflüsse "überdimensioniertes" und nur relativ flach eingeschnittenes Tal wurde ausgebildet. In der Talniederung wuchsen später Niedermoore auf, zumeist fließbegleitende Durchströmungsmoore. Je nach Gefälle und Mobilität der Sedimente kam es zur Ausbildung mäandrierender Fließstrecken. In der sehr gefällearmen Überschwemmungsebene, die südlich der heutigen B1 begann und sich bis zur Mündung in die Spree hinzog, können prinzipiell auch Verzweigungen aufgetreten sein. Die Quellgebiete befinden sich in einem größeren relativ ebenen Gebiet, das natürlicherweise großflächig versumpft wäre. Die Hydrologie des Einzugsgebietes war vor allem geprägt durch den stark gedämpften Abfluß der Niederschäge und eine hohe Verdunstung. Niederschläge versickerten in der Fläche und speisten über das Grundwasser die Wuhle sehr gleichmäßig. Die geringere Verdunstung im Winterhalbjahr führt(e) zu dann höheren Abflüssen. Das Fließgewässernetz war dünn (durch den Menschen später verdichtet durch die Anlage von Meliorationsgräben), dagegen gab es mehr und größere offene Wasserflächen und Sümpfe (vgl. Untersuchungen von Mauersberger in der Schorfheide).

Flora und Fauna

oder: Wie sehen natürliche Bäche in der Region Berlin/Brandenburg aus?

Gemeinhin wird angenommen, natürlicherweise würde der Großteil der Fläche Mitteleuropas von dichten Urwäldern bedeckt sein. Dementsprechend glauben viele, natürliche Bäche müßten regelmäßig duch dunkle Wälder fließen oder wenigstens von einer dichten Baumzeile an beiden Ufern beschattet sein. Beispiele für diesen Zustand zeigen die folgenden zwei Abbildungen von der Schlaube, einem Bach im Südosten Brandenburgs.

Erlenbruchwald um Schlaube. Der vegetationskundlich orientierte Naturfreund würde diesen Zustand sicher als 'Klimax'-Stadium, als Endzustand aller Sukzession sehen. Hier mag das sogar mal stimmen. Was man auf dem Foto nämlich nicht sieht, sind die steilen hohen Talränder, die an dieser Stelle den Talgrund eng begrenzen.

Hier zwei Bilder von Flußufern, an denen auch im natürlichen Zustand wahrscheinlich Wald wachsen würde (beide Pleiske, Polen). Das Tal ist eng, die Ufer steil. Wenn der Boden hier natürlicherweise noch relativ oligotroph ist (und das ist er an dieser Stelle, Erosionstal in Sander), dann wären in Urzeiten nicht einmal größere Bestände von grasenden Großsäugern zu erwarten (welche durch ihren Fraßdruck den Baumbestand lichten und dadurch Platz für futterreiches Offenland schaffen würden).

Tatsächlich ist auf diesen Bildern ein baumreicher naturnaher Zustand zu sehen, der sich stellenweise auch ohne Mensch eingestellt hätte, wie hier an steilen Hängen eng eingeschnittener Täler, oder auch in natürlicherweise relativ nährstoffarmen Regionen.

Die Wuhle fließt dagegen durch die Grundmoräne des Barnim. Die Grundmoränen der norddeutschen Jungmoränenlandschaft, zu der auch der Barnim rechnet, sind von Natur her nährstoffreich. Deshalb bin ich der Meinung, daß hier eine halboffene Weidelandschaft vorherrschen würde, hätte es nie Einfluß von Menschen gegeben. Wolfgang Mädlow schreibt: "Bislang wurde stets davon ausgegangen, daß die Landschaft Mitteleuropas vor der Einflußnahme durch den Menschen von geschlossenen Laubwäldern bedeckt war. Zunehmend wird nun in Erwägung gezogen, daß die Landschaft doch einen wesentlich offeneren Charakter gehabt haben könnte, verursacht durch große, später durch den Menschen ausgerottete Weidetiere wie Wisent, Auerochse, Elch und andere. Mitteleuropa könnte man sich unter dem Einfluß dieser Tiere als eine Art Savanne vorstellen, mit einem Mosaik aus offenen und bewaldeten Flächen verschiedener Sukzessionsstadien. Dies ist nicht nur von theoretischem Interesse, sondern kann auch die Leitbilder des Naturschutzes beeinflussen. Arten des Offenlandes wären dann nicht mehr als reine Kulturfolger und Gewinner der Waldrodungen zu betrachten, sondern als alteingesessene Elemente der Urlandschaft. Und Landschaftspflege durch den Menschen diente nicht der künstlichen Aufrechterhaltung einer kaum mehr zeitgemäßen Kulturlandschaft (wie manchmal behauptet wird), sondern vielmehr der Sicherung naturnaher Verhältnisse" (Mädlow 1998, Seite 41)

Ein einführender Text zu dieser spannenden Thematik wurde unter dem Titel "Die Bedeutung großer Pflanzenfresser für die Entwicklung naturnaher Landschaften" als Zusammenfassung der Ergebnisse eines Seminars der NABU-Akademie Gut Sunder vom 21. - 23. August 1997 von Ralf Schulte, NABU-Akademie Gut Sunder, formuliert. In diesem Text wird zB auch auf die Bedeutung des Bibers für die Schaffung und den Erhalt von offenen Auenlandschaften eingegangen.

Wer sich tatsächlich für das Thema interessiert, dem habe ich einen ziemlich langen Text mit einem umfangreichen Literaturverzeichnis ins Netz gestellt (von Axel Beutler zur Großtierfauna Europas und ihren Einfluß auf Vegetation und Landschaft).

Alles wichtige über die Auswirkungen des Bibers auf die Auenlandschaft wurde von Jörg Schneider zusammengetragen und in einem Vortrag 1995 vorgestellt.

Ein auch durch Großtiere geprägter Naturzustand kommt dem, was Vegetationskundler unter Klimax verstehen, nur selten nahe, da die Tiere immer wieder 'Störungen' verursachen und so 'verjüngend' wirken. Interessanterweise gab es im Mittelalter große Landschaftsflächen, die ähnlich wie eine natürliche halboffene Weidelandschaft zwar nicht durch Wild, dafür durch Haustiere in einem mehr oder weniger offenem Zustand gehalten wurden (zB Waldweide). Heraus kamen oft extrem nischen- und damit artenreiche Biotope wie in Brandenburg die 'Heiden'.

Nochmal zum Beispiel Schlaube:

Hübsch schlängelt sich hier die Schlaube durch Erlenbruchwald. An diesem Schlaube-Abschnitt sind die Talränder weit vom Gewässer entfernt, die Aue ist breit und wäre im natürlichen Zustand stärker versumpft als heute. Die Flächen links und rechts des Bachlaufes wurden vor hundert Jahren als Wiesen und Weiden genutzt und zu diesem Zweck melioriert. Nach Aufgabe der Nutzung vor einigen Jahrzehnten verfielen die Meliorationsgräben und Bruchwald konnte sich etablieren. Daß hier Bruchwald wächst, ist also ein anthropogen verschuldeter Zustand.

Wie stelle ich mir nun aber den natürlichen Zustand von typischen Flachlandfließgewässern der Region vor?

Im natürlichen Zustand wäre das Gelände so feucht, daß kaum ein Baum hochkäme. Der weitgehend ebene Talboden würde durch Sedimentation und Aufwachsen krautiger Sumpfvegetation langsam an Höhe gewinnen. Selbst ohne Großtiere und selbst ohne Biber würde die Talaue natürlicherweise ein großer, weitgehend offener Sumpf sein. Ein Beispiel für solch einen Naturzustand zeigt folgendes Bild:

Das Bild zeigt den Oberlauf des Mississippi. Der Fluß mäandriert in seiner flachlandtypisch sehr nassen Aue (man sieht überall zwischen dem Röhricht kleine offene Wasserflächen spiegeln). Links und rechts der Aue wachsen dichte Nadel- und Mischwälder (keine Ahnung, ob das an dieser Stelle schon Forsten sind). So ähnlich muß man sich das Grundmuster für Naturzustand von hiesigen Flachland-Fließgewässern vorstellen. Dazu kommen jetzt etliche Variationsmöglichkeiten. Einige Beispiele aus unseren Breiten folgen.

Die beiden oberen und untenstehenden Bilder zeigt die Löcknitz östlich von Berlin. Auch hier das in der Region häufig zu beobachtende Muster: Die Flächen links und rechts des Bachlaufes wurden vor hundert Jahren als Wiesen und Weiden genutzt und zu diesem Zweck melioriert. Nach Aufgabe der Nutzung vor einigen Jahrzehnten verfielen die Meliorationsgräben. Nur konnte sich hier nicht überall Bruchwald etablieren, da die Flächen oft zu naß waren.

Wieder Löcknitz. Der Gewässerlauf ist dermaßen stark 'verkrautet' (d.h., von Wasserpflanzen bewachsen), daß der Wasserspiegel um einige zig cm angehoben wurde. Die Fließrinne ist im obigen der beiden Bilder da erkennbar, wo keine Wasserlinsen auf dem Wasser schwimmen. Die Löcknitz wird übrigens zum Teil von eutrophen Seen gespeist, die etliche km oberhalb sehr trübes Wasser eintragen. Dagegen ist das Wasser an der hier gezeigten Stelle so klar, daß man manchmal 6 bis 10 m weit sehen kann unter Wasser. Diese wirkungsvolle Selbstreinigung basiert hier zum großen Teil auf der Massenentwicklung der untergetauchten Wasserpflanzen.

Krautstau ist in solch einer naturnahen Gegend auch nichts schädliches. Wasserbauer befürchten oft, daß der Abfluß behindert sei. Das ist er aber gar nicht. Es fließt bei Krautstau fast genau soviel Wasser ab wie ohne Krautstau. Nur der Wasserstand ist mehr oder weniger erhöht. Aber wie gesagt, das schadet hier nichts. Im Gegenteil, gerade in sommerlichen Trockenzeiten bewirkt der Krautstau, daß die Moorflächen nicht allzustark austrocknen. Und im Winter und Frühjahr, dann, wenn hier gewöhnlich die hohen Durchflüsse auftreten, sind die Unterwasserpflanzen nur gering entwickelt und stauen nur wenig auf.

Jetzt ein ganz anders geartetes Beispiel aus Ost-Polen, der Narew bei Waniewo im Narew-Nationalpark. Hier ist das Tal-Gefälle so gering, daß der Fluß verzweigt. Die mehrere Kilometer breite Aue ist auf ihrer gesamten Breite von unbegehbaren, von Röhricht bestandenen Sümpfen bedeckt und wird von vielen Flußarmen durchzogen. Im Frühjahr ist die gesamte Fläche regelmäßig überschwemmt, die Röhrichte und ansonsten abgeschnittene Altgewässer von Wasser durchströmt. Ein Paradies für Sumpf- und Wasservögel aller Art (Rohrdommeln allerorten, etliche Schwarzstörche, sehr viele Weißstörche, Karmingimpel, etliche Rohrsängerarten). Aber auch Elche lassen sich in der Gegend regelmäßig blicken, Biber sind häufig (auch wenn es augenscheinlich nur sehr wenig Holz zum Knabbern gibt).

So ähnlich verzweigt, nur eine Größenordnung kleiner, kann man sich die Wuhle von ihrem flachen Schwemmkegel beginnend bei der heutigen B1 bis zur Mündung in die Spree im Naturzustand vorstellen.

Fast zugewachsener Flußarm des Narews an einer Stelle, an der sich der ansonsten etwa Spree-große Fluß in viele kleine Arme geteilt hat (die später wieder zusammenfließen. Das kilometerlange langsame Fließen durch die dichte Unterwasser- und Sumpfvegetation klärt auch hier das Wasser sichtbar auf (beseitigt allerdings nicht die hier übliche Braunfärbung durch Huminstoffe, die aus den Sümpfen ausgetragen werden).

 


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