"Wer die Jahrzehnte
erlebt hat, in
denen seine Musik allmählich bekannter wurde, der hat es erfahren,
wie vielfach verfälschend trotz gutgemeinten Einsatzes man damals
seine Schöpfungen interpretierte, nur weil man über ihr
wirkliches Wesen, über Sinn und Bedeutung seiner Tonwelt so
schlecht orientiert war. Wie hat man seine Musik vergewaltigt, was
für verrenkungen, Entstellungen hat sie sich gefallen lassen
müssen! Seine inbrünstigen Visionen hat man zu
Temperamentsausbrüchen schlimmster veristischer Färbung
entwürdigt, seine innerlichsten Gebete als hysterische
Sehnsuchtskrämpfe ausgelegt, seine Zartheit in schwächliche
Ohnmacht, seine hehre Stärke in plumpe Roheit, seine heilige
Gottesentflammtheit in unheiligen Sinnenbrand verkehrt! Und das alles
im Namen der großen deutschen Kunst! Neben so manchem, was
angesicht der allgemeinen Ratlosigkeit fast erheiternd hätte
stimmen können, war es eben doch erschütternd zu erleben, wie
eine entgötterte und unheilige Zeit sich arglos am Hohen und
Hehren zu vergreifen wagte und nichts Eiligeres zu tun hatte, als ihm
mit der Geste der Unschuld den Stempel des Geistes aufzuprägen,
den sie allein zu fassen imstande war. Und nichts war für den, der
Bruckner erkannt hatte, mißlicher, als immer wieder sehen zu
müssen, daß die Ausbreitung seiner Musik sich teilweise in
Formen vollzog, bei denen nur allzuhäufig der Sinn gerade in den
Gegensinn verkehrt wurde.
Nun gab es allerdings
einen kleinen
Kreis berufener Bruckner-Dirigenten, die hier eine Ausnahme bildeten,
eben seine persönlichen Schüler und Jünger: Löwe,
Schalk, Mottl, Nikisch (mit und nach ihnen einige jüngere
Gleichgesinnte); was sie in selbstloser Aufopferung, in unerschrockenem
Sicheinsetzen, in nie ermüdender Pionierarbeit für Bruckner
getan haben, dessen Werk sonst wahrscheinlich noch länger auf
seine Auferstehung hätte warten müssen, das gehört
bereits der Geschichte an."
Bruckners Musik gegen den
Dirigierstil Hans von Bülows
S. 124
"... Und da zeigt sich den bei näherem Zusehen,
daß unsere
Interpretationstechnik von heute einer festumrissenen Tradition
entsprungen ist, daß sie das Resultat einer jahrzehntelangen
Erziehung nach einer bestimmten Richtung hin darstellt. Am Anfang
dieser neuen Entwicklung steht der name Hans von Bülows. Er war es
vor allem, der zusammen mit Liszt und Wagner die Technik des
Dirigierens auf das Niveau gehoben hat, auf dem sie seit über
einem halben Jahrhundert steht; ... Statt eines mehr oder minder
belebten, aber doch pedantisch gebundenen Taktschlagens forderte er die
freie Interpretation aus der absoluten Beherschung des Werkes
(womöglich ohne Partitur!) und der Berauschtheit des Augenblicks
... so wurde ein Gestaltungsstil maßgebend und allbeherrschend,
dessen Prinzipien im wesentlichen dem Beethovenschen Werk abgewonen
waren; ihn eignete sich eine ganze Dirigentengeneration an, er ist uns
in Fleisch und Blut übergegangen.
...
Daß Bruckner, der als einziger im 19. Jahrhundert allem und jedem
Subjektivistischen streng Absage erteilte, ganz besonders darunter zu
leiden hatte, ist nach dem Gesagten ohne weiteres einleuchtend.
Tatsache ist jedenfalls, daß kein Tondichter seiner Zeit in
diesen Jahrzehnten so häufig in unzulänglicher und
mißverstandener Form interpretiert worden ist wie gerade er, nur
weil die Zeit auf gänzlich anderes eingestellt war. Man konnte von
führenden Dirigenten ebenso einwandfreie Beethoven- wie
mißglückte Bruckner-Aufführungen zu hören
bekommen. Sie litten alle, mehr oder minder, an demselben Fehler, einer
Übertragung des klassischen Beethoven- oder des Wagnerschen
Opernstil auf die Bruscknersche Symphonie.
... was die Brucknersche Musik von ihrem Interpreten verlangt, das ist
eine Hingabe an den objektiven Bau des Werkes, die auch nicht die
leiseste Trübung durch ein subjektiv-willkürliches Element
mehr duldet. Neben den subjektiven Temperamentsdirigenten muß der
objektive Architektoniker treten. Hier werden und sollen sich die
Dirigenten scheiden; selten wird einer beide Stile in sich vereinen
(eine Ausnahme war Artur Nikisch, obwohl er bei Bruckner doch hinter
Löwe zurückstand).
Zum Tempo
S. 128
"Erstes Erfordernis für die Wiedergabe ist,
daß die beiden
Grundprinzipien der Brucknerschen Musik, die, wie wir gesehen haben,
die
Tendenz nach gewaltiger Raumschaffung und die Gerichtetheit in der Zeit
sind, in ihrer gegenseitigen Bedingtheit zu ihrer vollen Auswirkung
kommen... Da die Klassiker die Raumentfaltung zugunsten der Zeittendenz
vernachlässigten, ist ein Überbetonen der letzteren fast
immer die Regel; man sieht, da man es nicht anders gewohnt ist, fast
nur das zeitfunktionelle, hastet diesem allein nach, wodurch das
Zustandekommen der Raumentwicklung, ohne die eine brucknersche
Symphonie ein verschrobenes Gebilde bleibt, verlorengeht.
'Viel zu schnell', damit könnte das Urteil über Zahlreiche
Bruckner-Aufführungen beginnen - und schließen, denn damit
ist es auch bereits gesprochen.Wer hhier fehlt, fehlt am
Grudsätzlichsten, vergreift sich am Atem und Pulsschlag der Musik
und wird es die ganze Symphonie hindurch nicht mehr gutmachen
können. Man verwechselt immer noch Beethovensche und brucknersche
'Allegros' - schade, daß Bruckner diese irreführende
Bezeichnung überhaupt gebraucht hat. Aber wie lauten denn seine
sonstigen Bezeichnungen: 'sehr ruhig', 'sehr feierlich', 'molto
moderato', 'maestoso' usw. Das hätte doch stützig machen
müssen. Tatsächtlich sind alle Allegrosätze (mit
Ausnahme der Scherzi, die aber ebenfalls ein ruhigeres Tempo vertragen)
als "getragene" Sätze gedacht, die mit großer Feierlichkeit
vorzutragen sind. Alles Hinstürmende, Wilde, Aufgeregte als
bloße leidenschaftliche Affekterregung ist zu vermeiden, ja schon
jede Schwankung in dem großen Aus- und Einatmen dieser Musik, das
ist, wie das gleichmäßige Fluten des Meeres, jede kleine
Aberration etwa zugunsten eines dann überbetonten und
herausfallenden Einzelrhythmischen zeitigt katastrophale Folgen. Da
gibt es nichts als ein strenges, durch nichts beirrbares,
wenngleich natürlich nicht schematisches Durchalten dieses
Grundrhythmus, auf dem alle Spannungen beruhen, oder ein Versagen auf
der ganzen Linie. Bruckner selbst hat in seiner offenen, aber leider zu
wenig rigorosen Art einmal gemahnt; 'Daß er's mir ja net zu
schnell nimmt, meine Sachen vertragen amal ka schnell's Tempo'. Man
kann Bruckner kaum ruhig genug nehmen- ruhig bedeutet ein inneres, kein
äusseres Tempo - immer vorausgesetzt, daß die Spannungen
dadurch nicht abgeschwächt, sondern im Gegenteil gesteigert
werden. Allerdings muß in dem Grade, in dem die Spannungen sich
vergrößern, die präzision aller Einsätze
(abgestoßene Sechzehntel usw.) wachsen, ja geradezu unerbittlich
genau werden; sonst ist ein Durchhalten bis zum Schluß
unmöglich. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß, je langsamer
ich mit den Jahren das Tempo halten konnte, ich desto
größere Wirksamkeit aus allen Themen und Entwicklungen
herausholen konnte."
"Nirgends wird das Fehlgreifen der Dirigenten in dieser Hinsicht so
deutlich wie bei den großen Kraftsteigerungen Bruckners; sie sind
von jeher ein Tummelplatz der wildesten Temperamentausbrüche, der
tollsten Affektenladungen gewesen und sind es heute noch."
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