Katrins Fahrenszeit als gelernter Hochseefischer im Fischkombinat Rostock 1965-1968und ihre spätere Wandlung! |
Lehrzeit beim DFK - Rostock
Ich begann, wie bereits angekündigt, meine Lehre beim Deutschen
Fischkombinat in Rostock. Eigentlich wäre ich ja gerne zur Handelsflotte
gegangen. Da ich aber selber davon überzeugt war, dass meine Zeugnisse dafür
nicht ausreichen werden, bewarb ich mich erst gar nicht bei der Seereederei.
Auf den Drang in die Ferne wollte ich jedoch nicht vollends verzichten.
Ein Traum wäre für mich ebenfalls in Erfüllung gegangen, wenn ich als
Naturforscher den Amazonas hätte erkunden können. Geweckt wurde dieses Begehren
durch die vielen Abenteuerromane, die ich während meiner Schulzeit regelrecht
in mich hineingefressen hatte, und das manchmal bis ins Morgengrauen hinein.
Licht unter der Bettdecke spendete mir, bei diesen Lesenächten, eine
Taschenlampe. Der Titel eines Buches, das ich bis heute nicht vergessen habe, nannte sich „Das illegale
Gebietskomitee arbeitet“. Darin wurde auf ca. 900 Seiten über den
Partisanenkampf im 2. Weltkrieg berichtet. Ich glaube, ich war damals 10 Jahre
alt, denn ich las es noch während unserer Frankfurter Zeit.
Dass ich auf Grund der politischen
Verhältnisse unerfüllbaren Träumen nachhing, war mir dabei selber klar. Ich
ging dann den Weg vieler, die bei der Deutschen Seereederei Rostock chancenlos
gewesen wären und bewarb mich beim Fischkombinat Rostock. Da in meinem Fall
positiv beschieden wurde, ergab es sich, dass für mich im September 1965 in Rostock eine zweijährige Lehrzeit begann.
Gleich zu Anfang wurde ich von der Schulleitung als Aktivleiter für die Hälfte unserer Klasse berufen. Das geschah
in der Annahme, dass ich auf Grund meiner schulischen Beurteilung im
sozialistischen Sinne Vorbild sein würde. Zu dieser Wertschätzung passte
allerdings nicht, dass ich gleich in den ersten Tagen unserer Ausbildungszeit
einen kleinen Aufstand probte. Ich wollte nämlich nicht einsehen, dass man mich
zu einer Zwangsmitgliedschaft beim FDGB (Freier deutscher Gewerkschaftsbund)
verpflichten konnte, ohne je eine Chance gehabt zu haben, mir über den Sinn
dessen Gedanken machen zu können. Mitglied der Gewerkschaft wurde ich zwar
kurze Zeit später sowieso, aber vom Aktivleiterposten hatte man mich zuvor noch
sicherheitshalber, wegen Unberechenbarkeit, entbunden. So war das eben, wenn
man in Fragen Vorbildfunktion eine eigene Meinung vertrat.
Das erste Lehrjahr bestimmten vorwiegend die theoretischen Fächer
Nautik, Fischereifachkunde, Seefahrtkunde, und in der Praxis vor allem der
Netzboden. Dort war Knotenkunde genauso angesagt wie das Spleißen und vor allem
das Erlernen der Stricktechnik, die bei der manuellen Herstellung von
Netzteilen und bei Netzreparaturen gefragt war.
Die Freizeit verbrachten die meisten Hochseefischerlehrlinge, wenn nicht
gerade eine Heimreise angesagt war, auf ihren Stuben beim Skatspielen oder
ähnlichen abstumpfenden Beschäftigungen. Das war ja nun überhaupt nicht mein
Ding. Demzufolge zog ich an den Wochenenden meist allein los, um die Rostocker
Jugendclubs im Sturm zu erobern oder andere Veranstaltungen in der Stadt zu
besuchen. Wie ich dabei mit den 37,- DDR
Mark Lehrlingsentgelt ausgekommen bin, weiß ich heute allerdings nicht
mehr. Meine Eltern konnten mir keine Unterstützung gewähren, da wir inzwischen
die Stückzahl von 8 Geschwistern erreicht hatten. Wobei mein letztgeborener
Bruder erst während meiner Lehrzeit das Licht der Welt erblickte. Ich konnte es
damals einfach nicht fassen, als ich auf einmal liebe Grüße von H. erhielt.
Noch weniger, als ich dann bei einer Heimfahrt feststellen musste, dass sich
mein Verdacht bestätigt hatte.
Die DDR vertrat zu dieser Zeit eine recht offene kulturpolitische Linie,
zumindest im Verhältnis zu den vergangenen Jahren, seit Gründung der DDR. Davon
sprach nicht nur das Interieur des schönsten Rostocker Jugendclubs am Kapuzenhof,
der u.a. mit einer modernen Lichtorgelanlage
ausgestattet war. Auch musikalisch gesehen ging die Post ab. An die Auflagen
hielt sich dort kaum jemand, und so waren es überwiegend westliche Gruppen, wie
die Beatles oder die Rolling Stones, die den Hauptanteil der Interpreten und
Musikgruppen stellten. FDJ-Lieder wurden dort meines Wissens nie gesungen.
Die Abendstunden nutzte ich oft um ein wenig zu schreiben. Der Krieg in
Vietnam hatte damals in seinen brutalsten Ausmaßen gerade seinen Höhepunkt erreicht.
Das war für mich Anlass, wieder einmal mit der entsprechenden Wut im Bauch ein
Gedicht zu verfassen.
|
Vietnam Taufrisch funkelt das Feld in der Sonne, jubilierende Lerchen in der Luft, am nahen Wiesenrain ein Fuchs, der Morgen tagt. -Weidengewisper, im weißen Ufersand das erste Spiel fröhlicher Kinder Weit weg in einem anderen Land zerstören zu gleicher Zeit amerikanische Bomber Schulen erbaut von friedlicher Hand. Städte werden verwüstet, Blutdunst und Aasgeruch vervollkommnen
das Bild. Weinend gehen Mütter durch die Straßen. Sie suchen ihr Kind und wissen nicht ob
es lebt.
Doch ein Volk kämpft um seine Freiheit, eine Welt übt Solidarität, denn sie weiß, wenn sie heut nicht zusammengeht, eines Tages der Erdball nicht mehr besteht. |
![]() |
Das erste Lehrjahr war für mich ein sehr ereignisreiches. Jedoch nicht
nur, weil inzwischen ein weiterer Kosmonaut, nämlich Leonow,
die Chance wahrgenommen hatte mir die Hand zu reichen. Das geschah anlässlich
seines Besuches in Rostock, vom Straßenrand her. Hier sollte trotz allem nicht
der Eindruck entstehen, dass ich nichts anderes im Sinn hatte, als auf der Jagd
nach dem Händereichen von Prominenten zu sein. Das hatte sich jeweils aus der
Situation heraus so ergeben.
Meine Gedichte waren übrigens inzwischen fast alle in der Hochseefischerzeitung veröffentlicht
worden. Das Gedicht Schwarz-Rot-Gold fand sogar anlässlich des
Republikgeburtstages zusammen mit dem Foto eines Verarbeitungsschiffes für die
letzte Seite Verwendung, allerdings mit einer kleinen Veränderung. Die Zeile
von der deutschen Einheit hatten die Redakteure umgeschrieben. Ich weiß aber
nicht mehr wie, sondern nur, dass, und dass ich mich aufgeregt hatte, weil
darüber vorher kein Wort verloren wurde.
Mit diesem Gedicht belegte ich bei einem betriebsinternen
Literaturwettbewerb den zweiten Platz. Es war ein bis dahin beispielloser
Vorgang, dass ein Lehrling zu einer Siegerehrung eingeladen werden musste. Bei
nämlicher befand ich mich dann auch im Kreise in Ehren ergrauter Kapitäne und
anderer Funktionsträger, deren fassungslosen, aber auch wohlwollenden Blicken
ich mich fortwährend ausgesetzt sah. Die 75,- Mark, die ich als Preis erhielt,
waren für mich, wie sollte es anders sein, ein wahrer Segen.
Noch im Herbst übernahm ich auf dem Pionierschiff „Vorwärts“, dem ersten Frachtschiff der
DDR-Handelsflotte, den unbezahlten Freizeitjob eines
Arbeitsgemeinschaftsleiters. Dabei machte es mir großen Spaß, den 10- bis
12-Jährigen Seemannsknoten oder andere seefahrttechnische Kenntnisse zu
vermitteln, die ich gerade selbst erst erlernt hatte. Ein echtes Highlight war
dann für alle beteiligten Kinder und für mich ein Kuttertörn Warnow aufwärts.
Es ging zu einem Freizeitstützpunkt des Fischkombinates Rostock. Ich staune
noch heute darüber, dass mir die Eltern ihren Nachwuchs, Jungen und Mädchen,
für diesen Törn anvertrauten. Immerhin war ich für die Betreuung der 12 Kinder
allein verantwortlich, zumal es eine Aktion dieser Art zuvor noch nie gegeben
hatte.
Wir starteten bei schönstem Wetter mit 2 K 6, das heißt mit kombinierten
Ruder- und Segelkuttern mit jeweils 6 Ruderplätzen. Die Begeisterung der Kinder
kannte natürlich keine Grenzen.
Am späten Nachmittag am Ziel angekommen, bauten wir als erstes unsere
Zelte auf und entfachten danach ein Feuer. Ein Teil unserer Vorräte wurde in
einen gusseisernen Kessel verbracht und sollte darin eigentlich in eine
wohlschmeckende Mahlzeit verwandelt werden. Als die Soße von mir, mit zwölf
Eiern angereichert, in eine feste Masse degenerierte, tat das dem Spaß keinen
Abbruch. Immerhin hatten wir ja genug zum Grillen mitbekommen. Eine
schnittfähige Soße, die sich sogar als Fleischbeilage eignete und bis auf ein
paar Reste am Kesselgrund so gut wie vertilgt wurde, sollte ich allerdings nie
wieder im Leben zubereiten.
Die Stunden, die wir hier an der Warnow verbrachten, waren für die
Kinder, aber auch für mich, ein tolles Erlebnis. Wir bedauerten nur, dass die
Zeit so schnell vergangen war. Pünktlich wie vereinbart, legten wir dann am
Sonntagabend wieder bei der „Vorwärts“ an. Dieses historische Schiff wurde dann
ja bedauerlicher Weise, wie so vieles an Erhaltenswertem, in den Zeiten der
Wiedervereinigungseuphorie, verschrottet.
Übrigens, die Disziplin der Kinder, die dabei waren, ist für mich, auch
aus heutiger Sicht, noch immer sehr beeindruckend.
Irgendwann geht ja alles einmal zu Ende und so auch das erste Lehrjahr.
In dieser Zeit mussten wir, wie alle Lehrlinge davor, den Gang zur Musterung
antreten. Einige von uns, darunter auch meine Wenigkeit, hatten sich in ihrer
Unbedarftheit breit schlagen und gleich zu vier Jahren Volksmarine überreden
lassen. Das sollte für mich später noch sehr unangenehme Folgen haben. Zu
dieser Zeit legten wir dann auch unsere schmucke Marineuniform, die sich nur
durch den fehlenden Knoten an der Kieler Bluse von der Uniform der Volksmarine
unterschied, das letzte Mal an. Hochseefischer im zweiten Lehrjahr trugen
nämlich jene Uniformen nicht mehr.
Mein
Lehrlingstrawler Typ III – ROS 225 Cottbus
Die Zuteilung auf die einzelnen Fischereifahrzeuge erfuhren wir Anfang Juni 1966. Zusammen mit drei weiteren Matrosenlehrlingen
wurde ich dem Seitentrawler ROS 225 „Cottbus“ zugeteilt. Das war der letzte für
die Rostocker Fischerei auf DDR -Werften gebaute Seitentrawler.
In Bremen liegt ROS 223 „Gera“, ein Trawler dieses Typs, der gerade noch
vor der Verschrottung gerettet werden konnte, als Museumsschiff vor Anker. Er
kündet nunmehr als einziges Überbleibsel von der Geschichte der ehemals großen
DDR- Fischereiflotte, des Fischkombinates Rostock. An dieser Stelle möchte ich
mich bei den Bremer Enthusiasten, die sich für den Erhalt dieses Trawlers
einsetzten, bedanken. Falls sie es denn je lesen sollten.
Die „Cottbus“ lag, als wir anmusterten, noch zur Generalüberholung in
der Rostocker Neptunwerft. Eines Tages wurden wir Vier vom Käpt’n
gefragt, wer denn von uns Lust hätte, bei der anstehenden Probefahrt als
Kochsmaat anzuheuern. Ich gehörte schließlich zu den zwei Auserwählten und
konnte, genau wie mein Kumpel, das Auslaufen kaum erwarten.
Eines späten Nachmittags ging es dann, mit unserem völlig leeren Schiff,
für vier Tage von der Ostsee aus bis ins Kattegatt. Es war für uns Neulinge
schon ein sehr beeindruckendes Erlebnis, Warnemünde und dann allmählich den
Leuchtturm der Hafenmole, bei herrlichem Sonnenuntergang, in der Ferne
entschwinden zu sehen.
Im frühen Morgengrauen wurden wir allerdings unsanft aus dem Schlaf
gerissen. Ein Sturm, der inzwischen aufgezogen war und in Spitzen Windstärke 11
- 12 erreichte, lehrte uns Landratten erstmals das Fürchten. Das leere Schiff
und die kurzen Ostseewellen waren nämlich eine unheilige Allianz, mit der wir
gar nicht zurechtkamen. Die Besatzung amüsierte sich zudem köstlich darüber,
wie wir beide abwechselnd, ganz grün im Gesicht, an der Reling standen und
Neptun fütterten, oder versuchten, den Sinn unseres Hierseins,
das Kartoffelschälen, zu realisieren. Irgendwann war es dem Koch dann doch
zuviel und er schickte uns beide nach oben. Die Kartoffeln schälte er mit
finsterster Mine alleine weiter.
Nach dieser Bewährungsprobe der ersten Reise gingen wir davon aus, die
Seekrankheit bereits überwunden zu haben, währenddessen den anderen
Jungmatrosen diese Erfahrung noch bevorstand. Unsere Vermutungen und Hoffnungen
sollten sich alsbald bestätigen. Als wir wenige Tage später in Richtung
Grönland zu den Fangplätzen ausliefen und der Nordatlantik uns mit einem
Sturmtief empfing, hatte ich im Gegensatz zu unseren „Neulingen“ keine Probleme
mehr.
Unser Job bestand bei der Ausreise vorwiegend darin, die Ruderwache zu übernehmen und den
Trawler auf Kurs zu halten, was uns nach nur wenigen Tagen auch recht gut
gelang. Tag und Nacht im vier Stunden Törn auf der Brücke zu stehen, war jedoch
auch erst gewöhnungsbedürftig. Ab jetzt hieß es für uns jedenfalls, über 70 Tage auf engstem Raum auf See zu
verbringen. Die Kajüte teilte ich mit Gustav, einem Seemann, bei dem das Gefühl
aufkam, dass er in höherem Auftrag handelte und bestrebt war, den Alkohol bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu
vernichten. Dieser Gustav hatte mich einmal, als wir noch in der Werft
lagen, zu einer Sauftour mitgenommen. Dabei gab es im Ratskeller von Rostock,
neben reichlichem Alkohol den Querbeet, eine deftige Käseplatte. Ich weiß nur
noch, dass ich seitdem über viele Jahre hinweg Käse in Verbindung mit Alkohol
meiden musste.
Gustav war aber ein feiner Kerl. Er hatte für mich, was auch immer
anlag, stets ein offenes Ohr. Was mich allerdings abstieß, war seine Rotznase,
die, wenn er besoffen war, standardgemäß lief. Als ich Gustav Jahre später
durch einen Zufall in Potsdam wieder treffen sollte, konnte ich es nicht
fassen. Inzwischen war er nach erfolgreichem Pädagogikstudium Lehrer geworden.
Auch sonst hinterließ er in seinem feinen Zwirn bei mir einen sehr seriösen
Eindruck. Der deckte sich nun gar nicht mit meinen auf See gemachten,
einjährigen Erfahrungen.
Aber nun zu den anderen
Mannschaftsmitgliedern. Die dachten wohl ähnlich wie mein Gustav, denn auf Aus-
oder Heimreisen, letzteren falls noch vorrätig, gaben sie sich dem
Alkoholgenuss in aller Ausgiebigkeit hin.
Vor allem Matrose Flöte war bei entsprechendem Pegelstand öfters
Zielpunkt ausgefallener Scherze seiner Mannschaftskameraden. Eines Abends zum
Beispiel, Flöte hatte seinen Geist längst aufgegeben, zogen
sie ihm die Hosen runter, um an seinem Gemächte ein
großes, mit einer Kette versehenes, Vorhängeschloss zu befestigen. Die Kette
wurde dann am Bettpfosten festgemacht. Kamerad Flöte wurde allerdings nicht
einmal durch das Gegröle seiner Gefährten wach. Erst am nächsten Morgen, als er
allmählich zu sich kam, bemerkte er etwas von der zusätzlichen Vorrichtung in
seinem Genitalbereich und fing fürchterlich an zu fluchen. Solche kleinen
Einlagen leisteten sich die Männer jedoch nur auf Dampftörns oder wenn die
Fischerei wegen schlechten Wetters ein paar Tage nicht möglich war. Ansonsten
arbeiteten sie, wie man im Volksmund sagt, wie die Tiere und kannten keine
festen Arbeitszeiten.
Die richtigen Namen der Besatzungsmitglieder sollten sich mir nur in
Ausnahmefällen einprägen, denn so gut wie alle sprachen sich nur mit ihrem
Spitznamen an. Da gab es den Bestmann Katja, den Netzmacher Stiefel, die Decksleute Ponko, Flöte, Millifotz u.s.w. Mich riefen sie
recht bald Paddelfuß. Wohl deshalb, weil ich aus ihrer Sicht immer etwas
auffällig durch die Fischberge an Deck paddelte. Daraus wurde der Spitzname Baddel mit B, so sprach sich’s wohl besser aus.
Menschen dieses Schlages, von Sturm, Eis und bis an die Leistungsgrenze
gehender Arbeit geprägt, lernt man, das kann ich aus innigster Überzeugung
sagen, so nur bei der Hochseefischerei kennen.
Zwei Seitentrawler der Flotte, dazu gehörte die „Cottbus“, hatten den
16-zu-8-Stundentörn noch nicht abgeschafft. Das hieß, während der Fischerei
erst nach 16 Arbeitsstunden müde und ausgelaugt in die Koje fallen zu dürfen.
In den 16 Stunden wurden Schleppnetze
ausgefahren oder eingeholt und der Fisch für die Übergabe vorbereitet. Meist
standen wir jedoch während der Schleppzeit an Deck, um den vorhergehenden Fang
zu schlachten oder besser zu „lebern“. Diese
Kabeljauleber wurde an Bord zu Lebertran verkocht. Für
die Stammbesatzung war das ein lukratives Nebeneinkommen. Zusätzlich wurde der
oft reichliche Beifang zu Fischmehl verarbeitet.
Die „Cottbus“ war jedenfalls zu damaliger
Zeit eines jener Fischereifahrzeuge, auf denen das meiste Geld verdient wurde.
Erst bei Temperaturen ab ca. minus 15 Grad wurde auf das Schlachten verzichtet.
Bei allen Temperaturen, die darüber lagen, standen wir mit nassen
Stoffhandschuhen bis zur Erschöpfung an Deck, um den Kabeljau aufzuschlitzen
und die Leber zu entnehmen. Manches mal war der Fisch am Kopf so groß, dass er
kaum festgehalten werden konnte. Aber wehe die Matrosen hatten das Gefühl, dass
wir nicht schnell genug waren. Da konnte es schon mal passieren, dass ein
glitschiger Fisch auf einmal flugfähig wurde. Es geschah zudem recht häufig,
dass noch zusätzlich beschädigte Netze geflickt oder bei Totalverlust ein neues
Netzgeschirr angeschlagen werden musste. Falls die Frage auftauchen sollte, der
ausgeschlachtete Kabeljau wurde natürlich ebenfalls an die Fang- und
Verarbeitungsschiffe zur Weiterverarbeitung übergeben.
Dass dieser Job zu keiner Zeit ungefährlich für Leib und Leben war,
sollte folgende Episode belegen. Es hieß wieder einmal - Übernahme von leeren
Sterten von einem Fang- und Verarbeitungsschiff. An diesen großen Netzen waren,
um sie an der Wasseroberfläche zu halten, große schwere Eisenfässer
angeschlagen. Nachdem das Netzwerk bereits an Deck lag, wurden die Eisenfässer
wie üblich auf das Schutzdach gehievt, um sie dort bis zur nächsten Übergabe zu
lagern. Wir standen zu zweit auf dem Dach, um die Fässer in Empfang zu nehmen,
als der Trawler in der hohen Dünung mehr als erwartet überholte. Das geschah in
dem Moment, als das „Leggo“ (lass fallen) des
Netzmachers ertönte. Ich werde nie erfahren, was mich veranlasste, instinktiv
einen Schritt zur Seite zu treten. Jedenfalls schlugen die schweren Eisenfässer
aus bestimmt vier Metern Höhe dort auf, wo ich auf total vereister Fläche noch
zehntel Sekunden vorher gestanden hatte. Allen Männern an Bord steckte der
Schreck jedenfalls noch Minuten später in den Knochen.
Die längste Zeit, die ich bei klirrender Kälte mit an Deck stand, waren
durchgehende 36 Stunden, nur durch einige Minuten Aufwärmpause unterbrochen. In
dieser kurzen Zeit wurde dann schnell ein Pflaumenmusbrot vertilgt und etwas
Kaffe hinuntergestürzt. Ich glaube, die genannten Beispiele sollten
ausreichender Beleg dafür sein, dass wir Matrosenlehrlinge die Arbeit an Deck
in ihrer extremsten Härte und Gefährlichkeit live kennen gelernt haben.
Die Besatzung honorierte unseren Einsatz allerdings nach jeder Reise,
indem sie eine Mütze herumgehen ließ, die an den Ausgangspunkt zurückgekehrt
immer reichlich gefüllt war. Dadurch bedingt hatten wir zu unserer kargen
Lehrlingsrente immerhin ein gutes
Zubrot. Das hieß real, dass wir mit ca. 1000,- DDR Mark unsere Heimreise in
beheimatete Gefilde antreten konnten. Das verdiente zu DDR Zeiten kaum ein
Facharbeiter im 4-Schichtbetrieb.
Wir erlebten jedoch nicht nur diese
unsäglichen, für „Landratten“ unvorstellbaren, Arbeitsbedingungen. Vor allem
die Natur mit ihrem einmaligen Flair sollte immer wieder für wunderschöne und
unvergessliche Augenblicke sorgen. Bis heute sind jene Stunden für mich in
steter Erinnerung geblieben, in denen ich morgens als Rudergänger auf der
Brücke stand, oder noch besser als Ausguck Steuerbords saß, und den
Sonnenaufgang in Mitten von Eisfeldern erleben durfte. Diese Eisfelder
erstreckten sich meist soweit das Auge reichte über den Horizont hinaus.
Unvergesslich sind ebenfalls jene Momente, in denen sich die Sonne in
unbeschreiblich fluoreszierendem Licht langsam hinter gewaltigen
Eisbergmassiven hervorschob. Die dabei entstehende
Farbenpracht ist geradezu faszinierend und gleichsam atemberaubend. Wer diese
Kraft der Farben einmal live erleben möchte, muss sich schon in die nördlichen
Breiten begeben, denn in den europäischen Industriegebieten ist jene Farbenintensität
wegen der Luftverschmutzung undenkbar. Von bleibender Erinnerung sind für mich
darüber hinaus die Polarlichter, die sich oft des Nachts über die
unermesslichen Weiten des Firmaments ergossen. Dazu gehören aber auch jene
Tage, an denen die Sonne zu mitternächtlicher Stunde nicht unterging und wir
bei hellem Tageslicht unsere Arbeit an Deck verrichten konnten.
Besonders genossen habe ich die seltenen Stunden, an denen keine Arbeit
anlag und mich die unendlichen Weiten des Atlantik zum
Träumen animierten. Aber ebenso jene Momente, an denen ich in der Ferne die
riesigen Leiber unseres Wegs kreuzender Wale ausmachen konnte, die für mich
ganz allein mit ihren Spritzfontänen ihren Gruß aus den Tiefen und Weiten des
geheimnisvollen Ozeans entboten. Das Leben auf See war eben mehr als das
tägliche Schuften an Deck. Zu meinen liebsten Freizeitbeschäftigungen gehörte
das Lesen, das Präparieren von
Seesternen und Seehasen, und wenn die Zeit es einmal zuließ, der Plausch
mit meinen Lehrlingskameraden.
Das eben Genannte sind wesentliche Gründe, weshalb ich trotz der vielen
Jahre, die inzwischen ins Land gegangen sind, in mir immer noch diese
unerklärliche Sehnsucht nach der Ferne verspüre.
Den ersten Landgang überhaupt sollten wir Matrosenlehrlinge auf Grönland
erleben. Es war im August und sommerlich warm, als wir eine amerikanische
Tankstation anliefen. Für die Mannschaft ergab sich dabei die seltene
Gelegenheit, sich auf der Insel ein paar Stunden lang die Beine zu vertreten.
Der Ein oder Andere ließ es sich hier nicht nehmen, für sein Fotoalbum ein paar Aufnahmen zu machen. Das einzig
Bemerkenswerte in dieser Einöde waren jedoch die sich auf felsigen Untergrund
bis ins unendliche erstreckenden Moosgeflechte und die vielen roten Beeren
daran. Weit und breit gab es nämlich keine Siedlung zu erspähen, und die
einzigen Menschen, denen wir begegneten,
gehörten zum amerikanischen Stationspersonal. Ansonsten kann ich wenigstens
sagen, schon einmal auf dieser großen
Insel gewesen zu sein.
Es gab auf den Fangplätzen leider auch sehr bittere Stunden. Weihnachten 1966 zum Beispiel geriet
ein englischer Hecktrawler, den ich
einen Tag vorher noch wegen seines modernen Designs bewundert hatte, in Brand.
Dieser Tag wurde, da auch einige Männer
in ihren Kojen verbrannten, für die Seeleute aller Nationen ein Tag der
Trauer. Es ist besonders auf See ein eigenartig ergreifendes Gefühl, wenn
Menschen, denen man Stunden vorher noch zugewinkt hatte, urplötzlich nicht mehr
unter den Lebenden weilten.
Ein besonderes Erlebnis wurde für uns, wir fischten nunmehr vor
Labrador, das Einlaufen in den Hafen von
Sankt Johns, Kanada. Dort mussten wir wieder einmal Treibstoff fassen. Auf
den Landgang, den wir dort bekamen, freuten wir uns riesig. Ich glaube, unsere
Aufregung, erstmals amerikanisches Festland betreten zu dürfen, ist für jeden
nachvollziehbar. Das geschah 1967 auf unserer vorletzten Lehrlingsreise.
Mich beeindruckten damals insbesondere die Menschen, denen wir in der
kleinen Stadt auf jener kanadischen Halbinsel begegneten. Der krasse Gegensatz
von Einwohnern mit offensichtlich indianischem Einschlag zu jenen mit
europäisch herbem, der ihre englische Herkunft nicht verleugnen ließ,
faszinierte mich damals ganz besonders, das weiß ich noch wie heute.
In Kanada bestaunten wir sogar die ersten Farbfernseher unseres Lebens,
die uns zu bestätigen schienen, aus einer anderen Welt gekommen zu sein. Es war
für uns Ostdeutsche sowieso beeindruckend, die Vielfalt der Angebote in den
Kaufhäusern live erleben zu dürfen. Ein Handicap gab es allerdings. Da wir keinerlei Landeswährung besaßen, blieb
nur übrig, uns an den Schaufenstern, im wahrsten Sinne des Wortes, die Nasen
platt zu drücken.
Einen Augenblick lang spielte ich sogar mit dem Gedanken, nicht mehr an
Bord zurückzukehren. Vielleicht hielten mich die Horrorgeschichten von
gescheiterten Flüchtlingen, die sich in den Wäldern Kanadas als Holzfäller
verdingen mussten, davon ab. Ich weiß es nicht mehr. Heute sehe ich das
allerdings als gezielte Propaganda der DDR-Staatsdoktrin an. Übrigens spielte
die offizielle DDR-Politik zumindest auf
den Trawlern fast überhaupt keine Rolle. Es ging einzig und allein darum,
„Kohle“ zu machen, und davon so viel wie möglich.
Die vorletzte Reise sollte nun in den nächsten Tagen, zumindest aus
meiner Sicht, zu einem Horrortrip werden. Ohne einen für mich erkennbaren Grund
fingen die Besatzungsmitglieder nach dem Wiedererreichen des Fangplatzes
plötzlich an, Möwen mit Fischleber anzufüttern. Wenn sich der „Dumme August“, so hieß diese Möwenart im Volksmund, in seiner Fressgier
auf die Leber stürzte, schlugen die Männer mit langen Bootshaken erbarmungslos
auf die Tiere ein. Hunderte von ihnen
stürzten zu Tode getroffen oder verletzt auf die Wasserfläche auf. Es war
für mich äußerst schmerzhaft und schockierend, wie diese urplötzlich entartete
Meute jeden Treffer mit wüstem Gebrüll und Begeisterungsstürmen begleitete.
Darüber hinaus fand ich es schrecklich, mit ansehen zu müssen, wie sich die
eigenen Artgenossen auf die Verletzten stürzten und diese regelrecht
zerfleischt wurden.
Mir war bei diesen Szenarien sprichwörtlich zum „Kotzen“ zu Mute. Vor
Wut regelrecht schäumend, sprach ich daraufhin meine Mitlehrlinge an, ob sie
sich das länger mit anschauen wollten. Entsetzt waren sie ja allesamt, aber zu
feige, mit mir gemeinsam beim Kapitän zu protestieren. Auch Gustav, einer von
den wenigen Decksleuten, die sich dieser
Horrorszenarien enthielten, traute es sich nicht, sich einzumischen. Ich wusste
natürlich ebenfalls, dass das Kapitänsrecht in jeder Beziehung Gültigkeit hatte
und er wie üblich in der Seefahrt über uneingeschränkte Machtbefugnisse
verfügte. Nach ca. einer Woche hielt ich es jedenfalls nicht länger aus. Obwohl
mir in der Magengegend recht flau war und das Herz bis zum Halse schlug, konnte
und wollte ich nicht länger schweigen.
Als ich dem Kapitän gegenüber
schließlich meine Empörung zum Ausdruck brachte, sprach blanke Wut in seinen
Augen. Was ich mich einzumischen hätte, war noch die banalste seiner Reaktionen.
Ich wusste, dass er sich, wenn er auf der Brücke anwesend war, ebenfalls
köstlich an den Massakern an den unschuldigen Tieren ergötzt hatte.
Wahrscheinlich ließ er letztendlich aus Angst davor, dass ich nach dem
Einlaufen reden werde, das Szenario verbieten.
Auf der Brücke war danach, wenn
ich Ruderwache hatte und er im Dienst war, eisiges Schweigen angesagt. Da unser von der Körpergröße her eher kleine Käptn aber schon immer ein großer Schweiger gewesen ist,
brauchte er sich nicht groß umzustellen. Nur, jetzt „polkte“
er noch intensiver an seinem hinteren Halsbereich, und die Beule, die dadurch
entstand, war wohl nach dieser Reise noch um ein wesentliches größer als sonst
üblich. An Deck erlebte ich für den Rest
der Reise ein regelrechtes Spießrutenlaufen. Vor Tagen noch als bester
Lehrling auf dieser Fangreise gelobt, konnte ich jetzt machen was ich wollte,
nichts war mehr richtig.
Das setzte sich auf unserer letzten Fahrt auf
der Cottbus so fort. Nachdem offensichtlich wurde, dass ich wegen der Vorfälle
nirgends vorstellig geworden bin und auch sonst nichts an die „große Glocke“
gebracht hatte, ließen sie regelrecht die Sau raus. Meine Mitlehrlinge
bedauerten mich zwar auf diesem letzten Törn, aber „Siehst du, das haben wir
dir gleich gesagt“ oder ähnliches bekam ich des Öfteren zu hören. Für mich war
es jedenfalls auch deshalb ein guter Tag, als wir, wieder an Land, unsere
Facharbeiterzeugnisse entgegen nehmen konnten. Wenige Tage später schon
erfuhren wir, auf welchen Schiffen wir als Jungmatrosen anheuern sollten.
Der Vorfall mit den Möwenmassakern war natürlich, so hoffe ich es
zumindest, ein einmaliger Vorgang in der Fischereiflotte der DDR. Er beruht
jedoch, wie nachlesbar, auf eigenen authentischen Erlebnissen.
Zubringertrawler
ROS 415 „Heinz Priess“
Mein erstes Schiff, als Jungfacharbeiter, wurde ein nagelneuer
Zubringertrawler. Er lag, als ich anheuerte, noch am Ausrüstungskai der
Wolgaster Marinewerft vertäut.
Die Probefahrt hatte dieser Trawler, als ich sein Deck das erste Mal
betrat, bereits erfolgreich bestanden, und so gab es vor dem Auslaufen nur noch
Kleinigkeiten aus der Mängelliste abzuarbeiten. Nach 14 Tagen hieß es dann
endlich „Leinen los“. Schon wenige Tage später pflügte der moderne Heckfänger
die Wogen des Nord - Atlantik, mit Kurs Labrador.
Im Gegensatz zur „Cottbus“ brauchte hier nicht am Ruder gestanden zu
werden. Obwohl die „Cottbus“ ebenfalls nicht mehr über ein Handruder verfügte,
sondern an einem Schaltpult mit Knopfsteuerung Kurs gehalten wurde, gab es sehr
große technische Unterschiede. Wenn der Z-Trawler ROS 415 „Heinz Priess“ erst einmal auf Kurs lag, wurde die Automatik
eingeschaltet. Der Rudergänger brauchte die Anlage nur noch sitzend zu
überwachen. Bei Kursänderung wurde kurz umgeschaltet und ein kleines Handrad
bedient. Die Arbeit an Deck war bei diesem modernen Heckfänger gegenüber dem
Seitenfänger ebenfalls um ein Wesentliches leichter. Nur eins ist auch Fakt:
Geld ließ sich auf der „Cottbus“ um ein Vielfaches mehr verdienen, da es hier keine
Anlagen zum Fischmehl- oder Lebertrankochen gab.
Auf diesem Z-Trawler war das Schachspiel, im Gegensatz zum Doppelkopf
auf der „Cottbus“, der Hauptfreizeitvertreib. Wie es das Schicksal so wollte,
war ich zu dieser Zeit noch in Topform und besiegte einige der sich bisher
unbesiegbar Wähnenden. Das lag vielleicht daran, dass wir die Freizeit in der
Ganztagsschule sehr oft zum Schachspielen genutzt hatten.
In der ersten Zeit fand man es auch noch ganz reizvoll, gegen mich zu
spielen. Aber wie konnte es angehen, dass ein Spunti,
noch dazu mit „Eierschalen hinter den Ohren“, die Eliten der Mannschaft
aufmischte. Auf jeden Fall brachten mir diese Siege zumindest bei einigen
Mitgliedern der Schiffscrew mit der Zeit schlechte Karten ein. Hinzu kam, dass
die gesamte Besatzung von einem außer Dienst gestellten Seitentrawler
übergewechselt war und sich daher schon länger kannte. In solcher Konstellation
war ich folgerichtig erst einmal weitestgehend in eine Außenseiterposition
gedrängt, was allerdings nicht unbedingt etwas mit dem Schachspielen zutun
haben musste. Auf See war eben sowieso
alles ein wenig anders.
Die erste Fangreise verlief für alle Seiten sehr zufriedenstellend. Das
heißt aus technischer Sicht und fischereiertragsmäßig. Ein Ereignis sprengte
dann aber doch noch den Rahmen des Üblichen. Eines Morgens erreichte die
Schiffe auf dem Fangplatz die Nachricht, dass es auf einem Z-Trawler einen
schweren Unfall gegeben habe und der Verletzte so schnell wie möglich nach
Sankt Peer (Französisch Kanada) geschafft werden müsse. Es bestehe akute Lebensgefahr, hieß es. Da es für unser Schiff eine
Testfahrt war und meines Wissens diese generell pauschal, ohne Fangquote,
abgerechnet wurden, übernahm unser Kapitän den Auftrag. Zu dieser Zeit befand sich auch gerade De
Gaulle in Kanada. Entweder war er mit der Flotte französischer Kriegsschiffe,
die im Hafen von Sankt Peer vor Anker lag, angereist, oder sie lag wegen seines
Besuchs dort an der Pier vertäut. Das entzieht sich allerdings meiner Kenntnis.
Jedenfalls wurde der Funkspruch in der
Kriegsschiff-Flottille gleichfalls empfangen, und schon kurze Zeit später nahm
einer der Begleitkreuzer Kurs auf unseren Fangplatz. Hieran wurde wieder einmal
ersichtlich, dass die große Weltpolitik zu damaliger Zeit, wie in fast allen
Friedenszeiten, (daran änderte auch der „Kalte Krieg“ nichts), auf See keine so
wesentliche Rolle spielte. Vor allem, wenn es wie in diesem Fall um die Rettung
menschlichen Lebens ging.
Die
westdeutschen Trawlerbesatzungen nahmen zum Beispiel bei Unfällen und Ähnlichem
die ärztliche Betreuung durch DDR-Ärzte gerne in Anspruch. Auf ihren Schiffen
fuhr nämlich generell kein medizinisches Personal mit. Im Gegensatz dazu hatten
die Verarbeitungsschiffe dieses immer an Bord und gleichzeitig medizinische
Einrichtungen, um selbst kleinere Operationen durchführen zu können. Mir ist
jedenfalls nicht bekannt, dass auch nur einmal aus politischen Gründen die
medizinische Hilfe versagt wurde.
Den Verletzten, der noch immer ohne Besinnung war, hatten wir schon kurz
nach Eingang des Notrufes von dem betroffenen Zubringer übernommen. Mit
Volldampf ging es nun dem französischen
Kreuzer entgegen.
Bei der Übernahme des Verunfallten vom Trawler staunte ich dann nicht
schlecht, als ich trotz der dicken Mullbinden den Verletzten als ehemaligen
Mitlehrling Kalle identifizieren konnte. Das wurde mir dann auf Anfrage auch
bestätigt. Er hatte beim Hieven des Netzes die Talje (Kükenstaak)
eines gerissenen Seiles auf den Schädel bekommen.
Es sollten dann keine drei Stunden mehr vergehen, bis die Rauchfahne des
Kriegsschiffes am Horizont sichtbar wurde. Als der große graue Schiffskörper,
dwars See (parallel) neben uns lag, konnte ich mich des Eindrucks nicht
erwehren, auf einer Nussschale angeheuert zu haben. Wir empfanden es zudem als
sehr beruhigend, diesem mit unzähligen Kanonenrohren bestückten Giganten zu
Friedenszeiten begegnet zu sein.
Da die Zeit knapp war, ließen wir, sobald beide Schiffe in Position
lagen, ein Schlauchboot zu Wasser, um den Verletzten zu übergeben. Da oft
praktiziert, verlief die Übergabe an den Kreuzer ohne Zwischenfälle. Die
Begeisterung der Franzosen kannte dann keine Grenzen, als wir ihnen bei einer
zweiten und dritten Schlauchboottour noch zwei riesige weiße Heilbutte mit auf
den Weg gaben. Die waren so groß, dass es nicht möglich gewesen wäre, beide auf
einmal zu transportieren.
Zum Abschied erwiesen sich die Schiffe unterschiedlichster Bauart und
Einsatzgebiete mit ihren Thyphonsignalen noch einmal
die Referenz. Da lagen sie aber bereits wieder auf Kurs und dampften ihren
entgegen gesetzten Zielen entgegen. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt Freiwache und
schaute dem Kreuzer noch sehr lange hinterher. Ich
glaube sogar so lange, bis nicht einmal mehr seine Rauchfahne sichtbar war.
Meinen Lehrlingskameraden traf ich unversehens Jahre später in der
S-Bahn Richtung Fürstenwalde wieder. Er erzählte mir, dass er nach ca. einem
dreiviertel Jahr Aufenthalt im Krankenhaus von Sankt Peer gesundet die
Heimreise nach Rostock antreten konnte. Zuvor meinte er, habe er noch eine sehr
schöne Zeit in Französisch Kanada verbracht. Sankt Peer lag damals etwas
abseits von den üblichen Fangplätzen. Deshalb dauerte es so lange, bis er von
dort abgeholt wurde. Seinen Job auf See trat er allerdings danach nicht wieder
an.
Nach weiteren 14 Tagen wurde dann der letzte „Hol“ an Deck gehievt.
Anschließend vertäute die Besatzung das Geschirr und es ging auf Heimreise.
Etwa im Kattegatt, schon fast vor der Haustür, sollte ich einen unverzeihlichen
Fehler begehen. Wir hatten an besagtem Tag eine Dünung von ungefährer
Windstärke sechs bei ansonsten wunderschönem, sonnigem Wetter. Ich hatte gerade
Freiwache und genoss diese Zeit an Deck, als ich unvermittelt eine Taube
anfliegen sah.
Die ließ sich, nach ein paar Flugrunden über Deck, völlig erschöpft auf
der Heckslipanlage nieder. Ich weiß nicht, welcher Teufel mich ritt, jedenfalls
erklomm ich den Heckmast, um diese kleine Taube zu retten. Selbige bekam ich
zwar nicht zu fassen, aber der Kapitän dafür mich, hoch oben, ins Visier. Die
anschließende Standpauke war echt seemännisch und gleichzeitig für den Kapitän
ein willkommener Anlass, mich am Ende der Reise abzumustern. Hinter
vorgehaltener Hand hatte ich jedoch erfahren, dass das nur ein Vorwand sei,
weil das Schiff an Land schon von einem Besatzungsmitglied der ehemaligen Gang
erwartet wurde. Dieser Matrose, inzwischen wieder von einer längeren Krankheit
genesen, sollte und wollte unbedingt wieder zu seiner Mannschaft gehören. Aus
heutiger Sicht kann ich das ja nachvollziehen, denn ich hatte mir bis auf den
Taubeneklat nichts zu schulden kommen lassen und während der Reise sogar
Freunde gefunden. Nur die hatten eben kein Einspruchsrecht.
Loggerreisen
Auf den nächsten Reisen kam ich dann auf verschiedenen Loggern als
Springer zum Einsatz. Diese Fahrzeuge fischten damals nur noch in der Biskaya
und in der Nordsee.
Gleich auf dem ersten Logger war ich naiv genug, beim ersten Hol das Keschern der Heringe auf eine Spund zu
übernehmen. Ich konnte ja nicht ahnen, dass diese Arbeit nun
traditionsgemäß täglich zu meinen Obliegenheiten gehören würde, wie mir leider
zu spät gesagt wurde. Ich glaube aber, dass das eher dieser sogenannte „Trick
siebzehn mit Löffelangabe“ war. Irgendwann spürte ich jedenfalls in der
Folgezeit meine Arme nicht mehr. Das kann allerdings nur nachvollziehen, wer
selber schon einmal 150 Korb Heringe mit einem Kescher geschaufelt hat, und das
fast täglich, drei Wochen lang. Auf den folgenden Loggerreisen machte ich den Fehler
natürlich nicht mehr. Ich staunte eher, wie bescheiden ein Mensch seinen
eigenen Ansprüchen gegenüber werden kann.
Durch meine Springertätigkeit lernte ich zwangsläufig einige
Loggerbesatzungen kennen und stellte fest, dass diese Männer einen viel
angenehmeren Umgang im Miteinander pflegten als die Trawlerbesatzungen, die ich
zuvor kennen gelernt hatte. Die größere Enge auf den Schiffen und die noch
härteren Bedingungen, nicht nur im Kampf gegen die Naturgewalten, trugen wohl
ihr Übriges dazu bei. Auf einem dieser Logger hatte dann zum zweiten Mal fast mein letztes Stündlein geschlagen.
Ich stand an besagtem Tag beim Netzfieren neben einem Lehrling an Deck
und wies ihn darauf hin, doch auf die Kurleine zu achten. Ich hatte kaum zu
Ende gesprochen, da geschah das, was ich bei ihm gerade verhindern wollte. Ich
hing nämlich mit meinem Fuß in einem sogenannten Kinken,
einer Schlaufe, die entsteht, wenn das Stahlseil durch den Seegang einen Moment
lang nicht unter Spannung steht. Wahrscheinlich dachte nicht nur ich in diesem
Augenblick, dass es das für mich gewesen sei. Jedenfalls spürte ich, während
ich mit der Kurleine mithüpfte, die Kraft der Schlinge, die, meinen Fuß
umspannend, diesen nicht freigab, - und in mir bereits den Hauch des Todes.
Jeder, mich eingeschlossen, rechnete damit, dass ich in wenigen Augenblicken
durch die Last des außenbordigen Netzgeschirrs in der
Talje des Scheerbrettes zerquetscht werden würde. Ich wusste, wenn ich jetzt
aufgab, blieb ein dankbarer Matrosenlehrling zurück, aber von mir selber würde
man nur noch unansehnliche Fetzen aus der Nordsee bergen können.
Wie ich es anstellte, kann ich nicht mehr sagen, aber kurz vor der
eigentlichen Katastrophe sollte es mir tatsächlich gelingen, meinen Fuß aus dem
Stiefel zu befreien. So ging stellvertretend nur ein doch so wertloses Stück
Gummi, nämlich mein Seestiefel, nach Außenbords.
Der Kapitän hatte, wie alle an Deck, den Vorgang von der Brücke aus
beobachtet und wohl ebenfalls den Atem angehalten. Die Blässe in seinem Gesicht
sprach jedenfalls dafür und auch danach noch Bände. Rührend fand ich, wie mir
alle ob meiner bewahrten Ruhe gratulierten und keiner
Einspruch erhob, dass ich meinen recht intensiv angeschwollenen Fuß erst einmal
auf der Brücke auskurieren sollte.
Es war nun bereits das zweite
Mal, dass ich dem Tod ins Antlitz schaute. Zumindest beim letzteren Vorfall
hatte ich mir das Leben durch beherrschtes Verhalten selber bewahrt. Hätte ich
hierbei Panikattacken bekommen, würde ich seit jenem Augenblick zu den zahlreichen Seeleuten gezählt haben, die
auf See für den Sozialismus ihr Leben ließen, zumindest laut Nachruf.
Nicht alltägliche Vorgänge gab es übrigens auch in der Geschichte der
Rostocker Hochseefischerei. So erlebte ich es, dass ein Logger bereits vierzehn Tage in den vermeintlichen Fischgründen
in der Nordsee verweilte, ohne einen
einzigen Hol gemacht zu haben. Der Kapitän bekam in der ganzen Zeit nie ein
Echolotsignal, das ihn hätte veranlassen können, das Netzgeschirr begründet
auszufahren. Fisch bekamen wir allerdings doch noch zu sehen.
Der wurde uns von einem aus Rostock kommenden Logger für den Eigenbedarf
übergeben.
Auf dieser Reise, das Schiff war wie gesagt noch vollkommen ohne Ladung,
gerieten wir in einen Orkan, wie er
selbst von den älteren Besatzungsmitgliedern noch kaum erlebt worden war.
Unter Land zu dampfen kam für den Kapitän nach der Sturmwarnung nicht
mehr in Frage. Dazu war die Entfernung zur norwegischen Küste einfach zu groß.
So geschah es, dass wir das Unwetter wohl oder übel in der sturmgepeitschten
Nordsee überstehen mussten.
Als ich, wie jeder andere zur Ruderwache eingeteilt, das Ruder übernahm,
hatte der Orkan bereits seine schlimmsten Ausmaße erreicht. Ich hatte ja
inzwischen schon einige Stürme überstanden, aber auf dieser leeren
„Nussschale“, an einem großen hölzernen Handruder stehend, Kurs halten zu
müssen, übertraf alles bisher Dagewesene, und das, obwohl die Wogen im Atlantik
manches Mal um ein Vielfaches höher waren.
Nicht besonders schlimm war, dass der ohrenbetäubende Lärm in der
sturmgepeitschten See keine Verständigung mit dem anwesenden Schiffsoffizier
aufkommen ließ. Der schaute meines Erachtens auch ein wenig bleicher als sonst
drein, und was sollte er auch Wesentliches sagen.
Brecher auf Brecher ließen in kurzer Folge das kleine Schiff zu einem
Spielball der Elemente werden und das Brückenhaus in seinen Grundfesten
erzittern. Es oblag mir nun, 2 Stunden lang den Logger ganz allein auf Kurs zu
halten. Der kleinste Steuerfehler hätte bereits genügt, das Fischereifahrzeug
dwars See schlagen zu lassen und um uns höchst wahrscheinlich in die ewigen
Fischgründe zu schicken.
Mit fast wilder Entschlossenheit hielt ich nun, in der mir ewig
währenden Zeit, das Schicksal bestimmende hölzerne Ruder fest umklammert.
Dafür, dass es mir genau wie den anderen gelang Kurs zu halten, sollte dieser
Bericht Beleg genug sein.
Es war Stunden später für alle Besatzungsmitglieder ein glücklicher
Moment, als der Sturm merklich nachließ und wir uns an die Beseitigung der
Schäden machen konnten. Dass die mächtigen Wogen alles, was an Deck nicht gut
genug festgezurrt war, über Bord fegten oder zumindest kurz und klein schlugen,
hatte für die meisten, auf jeden Fall zu dieser Zeit, nur einen untergeordneten
Stellenwert.
Ich bin auch heute noch der Meinung, dass es kaum jemanden gab, der
nicht mit dem Schlimmsten rechnete und insgeheim mit seinem Leben abgeschlossen
hatte. Der Ehrlichkeit halber sollte ich mich davon nicht ausnehmen.
Auch die Loggerreisen waren nicht nur harte, bis an die psychische
Substanz gehende Arbeit. So lernte ich auf diesen Fahrten u.a.
auch die Schönheit und Naturbelassenheit der norwegischen Fjorde kennen. Welchem
DDR-Bürger waren diese Begegnungen ansonsten schon vergönnt. So sind die
Stunden, die wir in Egersund verbrachten, für mich
gleichfalls unvergesslich. Unvergessen
auch wegen des Schnapsschmuggels dort, mit dem wir unsere kargen Valuta merklich aufbesserten, um anschließend in den
Geschäften einkaufen zu können.
Die Norweger witterten förmlich die Anwesenheit von
DDR-Fischereifahrzeugen und fanden immer einen Weg, um an die verbotenen
Produkte zu kommen. Allerdings auch der Zoll und darüber hinaus die berüchtigte
„Schwarze Gang“, die ständig mit einem Hubschrauber unterwegs war, um den
Alkoholschmuggel zu unterbinden. Und wehe dem, den sie erwischten. Für das
Fischkombinat wurde es jedes Mal eine teure Angelegenheit, denn die Schiffe
wurden, wenn es ganz schlimm kam, an die Kette gelegt und völlig auseinander
genommen. Anschließend mussten sie mit teuerer Valuta ausgelöst werden. Für den
Delinquenten folgte natürlich zwangsläufig eine fristlose Entlassung.
Erstaunlicherweise blühte das Geschäft trotzdem über alle Maßen. Ich hatte mir
zum Beispiel vom Schnapsgeld, umgerechnet für wenige DM-West, im heimischen
Intershop meine ersten echten Jeans kaufen können. Ich muss dazu sagen, dass
wir einen kleineren Betrag an harter Währung, für die Tage auf See,
gutgeschrieben bekamen. Ich glaube, es waren zu damaliger Zeit pro Tag, 0,60 DM auf den Loggern und 0,30 DM auf
den anderen Fischereifahrzeugen. Den Gutschein, den wir nach der Reise zusammen
mit unserem Lohn erhielten, konnten wir in Rostock in einem extra für Seeleute
eingerichteten Laden einlösen.
Auf meiner vierten Loggerreise ging es auf Sardinen- und Makrelenfang in die Biskaya. Nach ca. 14 Tagen
erreichte uns auf dem Fangplatz ein Funkspruch aus Rostock, der meine
Einberufung beinhaltete. Dass sich die Besatzung köstlich amüsierte und ich so
manchen Witz ertragen musste, dürfte dabei naheliegend sein. Zu meinem Glück
zwang uns aber ein Sturm, in einer Bucht in der Straße von Dover vor Anker zu
gehen. Daraus resultierend liefen wir erst drei Tage nach Ablauf meines Termins
in Rostock ein. Die Einberufung hatte sich für mich damit erst einmal erledigt.
Dass die ganze Aktion ein „Racheakt“ vom
Wehrkreiskommando sei, dessen war ich mir jedoch fast sicher. Während einer
Liegezeit ein paar Wochen vorher wurde ich nämlich mit der Begründung, die
Unterlagen auf den neuesten Stand bringen zu müssen, zum Wehrkreiskommando
beordert. Es stellte sich dann aber heraus, dass das Hauptanliegen bei diesem
Termin die Bestätigung meinerseits, die vier Jahre Volksmarine betreffend,
gewesen ist. Logisch, dass man an jungen Hochseefischern auf Grund ihrer
Ausbildung und Erfahrung besonders interessiert war. Damit, dass ich inzwischen
anders entschieden hatte, kamen die Genossen Offiziere nun überhaupt nicht
zurecht. Je mehr Gegenargumente ich einbrachte, desto überzeugter waren sie von
meiner Eignung für gerade diesen Job. Nach ca. zwei Stunden Bearbeitungszeit
gaben sie aber schließlich auf. Als „Vergeltungsaktion“, so reimte ich es mir
zusammen, kam es nun eben zur Einberufung, zu den Motorisierten Schützen nach
Rostock.
Es war im Juni 1968, als ich
mich wieder einmal auf Heimreise nach Eisenhüttenstadt begab. Wie es der Teufel
wollte, fuhr von Erkner, einem Vorort von Berlin, kein Anschlusszug mehr in
Richtung Frankfurt/Oder. Die Bahnhofskneipe hatte ebenfalls schon dicht gemacht.
So begab ich mich in die Bahnhofsunterführung, um die vielen Stunden, die ich
ausharren musste, ein wenig geschützt zu verbringen. Es war noch nicht allzu
viel Zeit vergangen, da gesellte sich
eine junge Frau zu mir. Wir waren ganz allein in der Unterführung und
irgendwie war ich über die Abwechslung dankbar, als sie unvermittelt anfing,
mir ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Zeit hatten wir dafür ja ausreichend. So
erzählte sie unter anderem, dass sie ihre Eltern nie kennen gelernt hätte und
unter schrecklichsten Bedingungen bei furchtbaren Pflegeeltern aufgewachsen
sei. Später sollte ich dann ihren Stiefvater, als Oberleutnant und Chef der
Transportpolizei des Berliner Ostbahnhofs, kennen lernen. So schlecht, wie er
von ihr geschildert wurde, erwies er sich gar nicht, auch wenn er eines Tages
bei unserem Hochzeitsmahl diverse Besteckteile mitgehen ließ. Das konnte mein
Vater, der das mitbekam, nun wiederum überhaupt nicht nachvollziehen.
Jedenfalls verstand es diese junge Frau, mich mit ihrer Geschichte
zutiefst zu rühren und in meinen Grundfesten zu erschüttern. Das sollte auch
einer der Gründe sein, weshalb ich sie letztendlich fragte, ob sie denn Lust
hätte mit mir auf Reisen zu gehen. Zu diesem Zeitpunkt glaubte ich ja noch an
den guten Kern in jedem Menschen. Außerdem war ich auch ein wenig stolz darauf,
dieser hübschen jungen Frau, mit ihren unterschiedlichen Augenfarben, nämlich
einem blauen und einem braunen Auge, begegnet zu sein. Dazu spielte
wahrscheinlich auch in meinem Fall eine Rolle, dass wir auf See immer die Angst
in uns verspürten, auf dieser Ebene etwas zu verpassen.
Mit dem ersten Zug fuhren wir dann gemeinsam nach Frankfurt an der Oder
und mieteten uns im ersten Hotel am Platze ein. Geld spielte dabei für mich,
auf Grund meines guten Verdienstes, keine Rolle. In diesem Hotel sollten wir
nachfolgend ein paar wunderschöne Tage verbringen. Die meiste Zeit davon
allerdings im Bett, oder zur Abwechslung auch einmal unter der Dusche. Von da
an wollte ich sie auf jeden Fall nicht mehr so ohne weiteres ihres Wegs ziehen
lassen. Ich entschloss mich also, sie ohne Vorwarnung meiner Eltern mit nach
Hause zu nehmen. Die staunten allerdings nicht schlecht und gaben sich zudem
anfangs recht kritisch. Trotzdem durften wir eines der Kinderzimmer belegen, in
dem wir dann wiederum die meiste Zeit im Bett verbrachten. Übrigens fuhr ich, als meine Freizeit um war, nur noch nach Rostock, um
die Kündigung einzureichen. Ihr Schicksal hatte mich nämlich derart
betroffen gemacht, dass ich ihr zukünftig helfen wollte, im Leben bestehen zu
können. Schon wenige Tage später fing ich bei der Berliner Weißen Flotte als
Bootsmann an. Unglück nehme deinen Lauf!
|
ich habe ja von dir des öfteren Mails bekommen und möchte mich dafür bedanken. Ab und an war ich auf den Seiten und jedesmal überrascht mit welchem Engagement Du dich ihnen widmetest, immer wieder neues entstanden ist. Ich habe 2003 ebenfalls etwas über meine Zeit bei der Hochseefischerei geschrieben. Vielleicht passt es ja nicht ganz in die meisten glorifizierenden Darstellungen anderer Hochseefischer, aber eines kann ich versichern es sind live erlebte Ereignisse. Ich schicke dir im Anhang diesen Text. Liebe Grüße, aus Bad Schwartau Katrin Lindemann |