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Posthumer Brief eines Vaters an 
Georges B.		 (November 2009)

Du hättest vom Alter her mein Vater sein können
Du warst nur ein paar Tage jünger als Er 
und während Er, der Polen-Sohn, in sein 
Vater-Land einbrach, da standest Du wegen
der Streiche Deiner Copains in Sète vor Gericht.
Und als Er mit Gelbsucht in Frankreich lag 
da zwangen sie Dich nach Basdorf zur Arbeit bei BMW,
Flugzeugmotoren für "unseren" Endsieg.
Sie hatten Dir Ausweis und die Rationen genommen
also bist Du, noch jung, nach Deutschland gefahren.

Ich weiß nicht, ob jemand versucht hat, Dich abzuhalten.
Dein Vater, er hatte doch sicher Kontakte zu
Kameraden der Resistance gehabt und gewusst,
dass Menschen wie er hier massenweise und
systematisch gefoltert, gebrochen und arbeits-
vernichtet wurden. Im KZ Oranienburg-Sachsenhausen,
dreizehn Kilometer nord-westlich von Basdorf,
war neun Jahre zuvor Dein Kollege Erich Mühsam,
wie Du Anarchist und wie Dein Vater Kommunist, 
vom beißenden Hass der Faschisten gestorben.

Basdorf, Berliner Arbeitervorstadt, Gemeinde
Wandlitz, genau da, wo später sogenannte
Genossen an "vergoldeten" Wasserhähnen 
die Chance auf ein "Nie wieder" verspielten.
Dafür drohen heute schon wieder dumm-dreiste
Nazi-Plakate zu oberst vom Lampenmast:
"Vaterland, Muttersprache, Kinderglück"
so höhnen sie das von der Stange herunter
was sie Deiner Generation gestohlen haben,
und Deinem Vater, und meinem Vater, und Dir. 

Als nachkriegsdeutschem Wirtschaftswunderkind
steht's mir nicht zu, Dich in Frage zu stellen.
Ich suche selbst noch nach Wegen, mein Leben zu meistern,
und die sind so unübersichtlich und krumm.
Nein, ich hätte nicht Einundzwanzig
geboren sein wollen, dann hätte ich womöglich
die gleichen Fehler gemacht wie mein Vater,
der natürlich nichts wissen wollte von den Bedenken
seines so wie Du Deines und ich meines Vaters.
Und was macht eigentlich gerade mein Sohn?