Was?

Warum?

Wie?

3 Didaktisch-methodische Analyse

Ich möchte in diesem Kapitel das Thema Lochkamera unter didaktischen und methodischen Fragestellungen untersuchen und eine mögliche Umsetzung im Unterricht der Grundschule dazu beschreiben.

Gegliedert ist dieses Kapitel in einen didaktischen Teil (WAS mache ich? Und WARUM tue ich es?) und einen methodischen Teil (WIE setze ich es um?).

Anmerkung:
Dies sind freilich stark verkürzte Definitionen der Begriffe Didaktik und Methodik, die lediglich der Gliederung dienen.

 

 

3.1 Ziele der Unterrichtseinhait (WAS?)

Folgende handlungsorientierte Aufgaben werden den Kindern zu Beginn der Unterrichtseinheit gestellt:

    Baut euch eure eigene Lochkamera.“

    „Stellt mit dieser Kamera Fotos her.“

Diese beiden Aufgaben bestimmen überwiegend den Verlauf der Unterrichtsreihe. Durch die klaren Zielvorgaben sollen bei den Kindern Motivation und Anstrengungsbereitschaft geweckt werden.

Beide Aufgaben (Bauen bzw. Verwenden der Lochkamera) beinhalten vielfältige Lernchancen, die sich den Aufgabenschwerpunkten und Zielen im Lehrplan zum Sachunterricht der Grundschule unterordnen lassen (Richtlinien und Lehrpläne SU, S. 21).

„Mit Medien umgehen“
Kenntnisse gewinnen über Fertigungsprozesse beim Fotografieren
Eigenes Herstellen von Foto-Medien
Einen kritischen Umgang mit Bildern entwickeln
Wissen, wie Fotos entstehen und welche technischen Prozesse, aber auch individuell-persönlichen Bedingungen des Fotografen dabei eine Rolle spielen
Hinter die ‚Kulissen’ eines Fotos schauen können; Fotos als verfremdete Wirklichkeit erkennen; sich nicht vom Schein eines Bildes täuschen lassen
„Vermittlung grundlegender Kenntnisse und Verfahren“
Arbeiten in Einzelarbeit; selbstständiges Erarbeiten einer Aufgabe
Mit Werkstätten umgehen können; selbstständiges Aufsuchen von Arbeitsstätten
Bei der Arbeit Sorgfalt walten lassen (da sich sonst die gewünschten Ergebnisse nicht einstellen)
Lust am Lernen und Arbeiten entwickeln; arbeiten lernen, Leistung lernen; Sich von ersten misslungenen Versuchen nicht entmutigen lassen
Sich etwas zutrauen
„Spielsachen, Werkzeuge, Materialien und Geräte benutzen“
Bearbeiten und Verändern von Materialien (Blech, Pappe, Holz usw.)
Benutzen von Werkzeugen (Lochschneider, Hammer und Stecheisen, Schere, Nadel usw.); sich dabei gegenseitig Hilfestellung geben (z.B. Festhalten/Fixieren von Werkstücken)
Lösungen für technische Probleme finden (z.B. einen Sucher für eine Lochkamera bauen, mit dessen Hilfe man den Bildausschnitt wählen kann)
Handwerkliches Geschick entwickeln
Herstellungsverfahren kennen lernen (Bohren, Schleifen, Schneiden, Messen)
Das Wirkprinzip der Lochkamera kennen lernen. Begreifen, dass am Anfang der Fotografie keine Hi-Tech-Geräte standen, sondern dass technisch simple Geräte dieselbe Aufgabe erfüllten
Den Umgang mit Fotopapier und den passenden Chemikalien erlernen und einüben
Besondere Eigenschaften des Fotopapiers begreifen und sie ausnutzen (z.B. Fotografieren von bewegten Gegen-ständen)
„Sich mit Naturerscheinungen und der gestalteten Umwelt auseinandersetzen“
Eigenschaften von Licht und Schatten erfahren und voraussagen können
Licht als etwas begreifen, das (auf der entsprechenden Oberfläche) bleibende Veränderung bewirken kann
Natürliche fotografische Effekte kennen lernen (z.B. Sonnenbräune)

 

Neben den Aufgaben und Zielen, die im Lehrplan des Sachunterrichts genannt worden sind, sind in der Unterrichtseinheit zur Lochkamera auch noch Lernchancen aus fächerübergreifenden Bereichen von Bedeutung:

Kunst - „Freude am praktischen Tun zu vermitteln und zum kreativen Gestalten hinzuführen" (Richtlinien und Lehrpläne Kunst/Textilgestalten, S. 21).
Die Technik des Fotogramms oder der Fotografie nutzen, um ästhetisch ansprechende Bilder herzustellen
Die eigene Umwelt mit technischen Mitteln verfremden (z.B. durch weiche Bilder oder Negative); Umwelt aus einer anderen Perspektive wahrnehmen (der Kamera-Perspektive)
Begreifen, dass Fotografien stets auch gestaltete Umwelten darstellen, auf dessen Wirkung der Fotograf Einfluss nimmt
Fotos uminterpretieren („Das könnte sein...“)
Mathematik – „Größen schätzen und messen" (Richtlinien und Lehrpläne Mathematik, S. 31).
Lochblende der Lochkamera vermessen und verschieden große (und geformte) Blendenlöcher herstellen
Das Blendenloch mit dem Tageslichtprojektor vergrößern, um besser nachmessen zu können; Beziehung zwischen Vergrößerung und Original erfassen
Sprache – „Texte aufschreiben“ (Richtlinien und Lehrpläne Sprache, S. 43).
Selbsterstellte Fotos dokumentieren; anfertigen von Foto-Protokollen; aufschreiben von Notizen
Informationen zu Fotos präsentieren; Ausstellungsstücke beschriften
Fotos mit erfundenen Texten bereichern; zu Fotos Gedichte verfassen; den Inhalt von Fotos uminterpretieren
Schreiben mit unterschiedlichen Werkzeugen (Stift/ Computer)
Eine Rede planen; adressatenbezogen schreiben (den roten Faden verfolgen)
Sprache – „Den Umgang miteinander gestalten; sich sachbezogen verständigen“ (Richtlinien und Lehrpläne Sprache, S. 23).
Gemeinsames Problemlösen; Hilfestellung/Rat geben
Kommunikation benutzen, um Lernen in Gang zu setzen
Beschreiben der eigenen Leistung; beschreiben von Problemsituationen (technische wie soziale)
Erzählen und Diskutieren in der Gruppe
Sprechen mit Einzelpersonen
Sprache – „Szenisch spielen und vortragen" (Richtlinien und Lehrpläne Sprache, S. 24).
Eine Ausstellung durchführen; eine Einführungsrede vorbereiten und durchführen
Eine Ausstellung visuell gestalten (z.B. Verkleidungen benutzen; Ausschmückungen und Kulissen herstellen)

 

Die hier genannten Grobziele (Dreiecke) sind den Richtlinien und den Lehrplänen der einzelnen Fächer entnommen und bedürfen daher an dieser Stelle keiner weiteren Begründung. Die Feinziele (Quadrate) ergeben sich aus der Aufgabe der Unterrichtsreihe. Sie werden im folgenden Abschnitt näher begründet.

 

 

3.2 Zuordnung der Unterrichtsziele zu den Richtlinien und Lehrplänen des Landes Nordrhein-Westfalen (WARUM?)

Die Unterrichtseinheit soll dazu beitragen, den Kindern umfassend „Hilfe bei der Erschließung ihrer Lebenswirklichkeit zu geben" (Richtlinien und Lehrpläne SU, S.21). Besonders in den Klassen 3 und 4 „erhält das gezielte Herausarbeiten umfassender Zusammenhänge und Beziehungen der natürlichen, technischen und sozialen Phänomene der Lebenswirklichkeit zunehmende Bedeutung(Richtlinien und Lehrpläne SU, S.27).

3.2.1 Mit Medien umgehen

Die Schüler erlernen in der Unterrichtsreihe den Fertigungsprozess von (Schwarz-Weiß-)Fotos und werden auf diese Weise mit dem Beruf, Aufgabengebieten und einer Auswahl an Arbeitsschritten des Fotografen vertraut.

Die Schüler erleben heute allgemein andere Kindheitsbedingungen als Schüler früherer Generationen. „Kinder erschließen sich ihre Wirklichkeit heute weniger als früher durch Eigentätigkeit und im zwischenmenschlichen Umgang. Ein großer Teil der Wirklichkeit wird ihnen durch Medien vermittelt“ (Richtlinien und Lehrpläne SU, S.9). Diese Medien (Computer, Internet, Fernsehen, Videospiele, Videos) erweitern zwar auf der einen Seite den kindlichen Erfahrungshorizont um ein Vielfaches, bauen auf der anderen Seite jedoch vielfach auf einer verwirrenden und schwer zu verarbeitenden Bilderflut auf, die kindliche Medienkompetenz zuweilen überfordert. Die Grundschule muss „Orientierungshilfe zur kritischen Einschätzung der Medien und der durch sie vermittelten Gehalte geben und so dazu beitragen, dass die Kinder die Medienangebote sinnvoll nutzen lernen.“ (Richtlinien und Lehrpläne SU, S.9) Die Arbeit mit der Lochkamera und die selbstständige Produktion von Fotos soll den Kindern später einen kritischen Umgang mit Fotos (und auch mit Medien allgemein) ermöglichen; die Kinder sollen in der Unterrichtseinheit Fertigungsprozesse und Entstehungszusammenhänge von fotografischen Publikationen durchschauen lernen. Dadurch erwerben sie erste Beurteilungskriterien für Fotografien, was einen ersten Schritt zu einer kritischen, inhaltlichen Auseinandersetzung mit ihnen darstellt.

 

 

3.2.2 Spielsachen, Werkzeuge, Materialien und Geräte benutzen

Der Lebensalltag der Kinder ist heute – vor allem aufgrund der veränderten Medienbedingungen – verstärkt von Konsum geprägt, der die Kinder auf kognitiver Ebene anspricht. Die Eigentätigkeit des Kindes (vor allem motorische Fertigkeiten) stehen demgegenüber zurück. Die Unterrichtseinheit stellt einen Gegenpol zu diesem kindlichen Alltag dar. Die Schüler bauen eine Kamera; dabei erlernen sie den Umgang mit speziellen Werkzeugen (Hammer und Stecheisen, Lochschneider, Schleifpapier, Nadeln usw.) sowie die Bearbeitung von Materialien, die als Gebrauchsgegenstände in ihrer Alltagswelt zu finden sind (Blech, Holz, Pappe usw.). Sie erlernen weiterhin Herstellungsverfahren und Gebrauchsregeln von Werkzeugen (z.B. Lochschneider). Die Richtlinien fordern gerade solche Tätigkeiten in der Schule, die die Fingerfertigkeit und die handwerkliche Geschicklichkeit fördern („Werkzeuge und Geräte zweckentsprechend gebrauchen, Materialien und Gegenstände bearbeiten...(Richtlinien und Lehrpläne SU, S. 12)).

Die Kinder benutzen in der Unterrichtseinheit Fotopapier. Dessen fotografische Eigenschaft stellt für die Kinder eine neue Möglichkeit dar, auf Oberflächen Spuren zu hinterlassen und gestalterisch tätig zu werden. „Fotos und Fotografierversuche können erste technische Einsichten vermitteln und auf Eigengesetzlichkeiten visueller Medien [...] aufmerksam machen“ (Richtlinien und Lehrpläne Kunst/Textilgestalten, S. 30).

 

 

3.2.3 Vermittlung grundlegender Kenntnisse und Verfahren

Die Schüler entwickeln ihre Fotos selbstständig in der Dunkelkammer. Sie gehen dabei mit Materialien, Chemikalien und Werkzeugen des Berufs-Fotografen um und müssen diese aufgrund der Gefahr, die von den Chemikalien ausgeht, gewissenhaft benutzen. Die Sicherheitsregeln geben ihnen dabei Orientierung. Die Unterrichtseinheit überträgt den Kindern ein Stück Verantwortung und befähigt sie „zu selbständigem und verantwortungsbewußtem Handeln" (Richtlinien und Lehrpläne SU, S. 16). Die Kinder spüren, dass Erwachsene ihnen etwas zutrauen und gelangen so zu mehr Selbstsicherheit.

Die Schüler arbeiten in der Unterrichtsreihe in unterschiedlichen Organisationsformen: Sie arbeiten allein an ihrem Werkstück, kommen aber dennoch immer wieder in Gruppen oder im Klassenverband zusammen, um Ergebnisse auszutauschen, aufgetretene Probleme zu lösen oder Hilfe einzufordern. Dabei „lernen die Kinder Verfahren, die als Entdecken, Dialogführen, Gestalten, Verstehen und Festigen bezeichnet werden können. Diese korrespondieren mit solchen Methoden, mit denen in den Wissenschaften Probleme gefunden, angegangen und gelöst, Hypothesen aufgestellt und überprüft, Theorien formuliert und abgesichert werden." (Richtlinien und Lehrpläne SU, S. 22) Die in den Werkstätten gesammelten Arbeitsmethoden, Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten sind dabei alltagsrelevant (z.B. handwerkliches Geschick, Umgang mit Mitschülern, Selbstsicherheit, Leistungswillen). Sie sind dementsprechend transfertauglich auf andere Aufgabenstellungen und Themenbereiche in der Schule und im Alltagsleben.

Die Schüler probieren, verschiedene Motive zu fotografieren und zu manipulieren; um die Ergebnisse qualitativ zu verbessern, verändern sie auch die Kamera. Die Richtlinien fordern vom Unterricht, dass die Schüler die Möglichkeit haben sollen, von sich aus Erfahrungen machen zu können. Der Unterricht muss „die kindliche Neugier aufnehmen und Raum geben für selbständiges Beobachten, Ausprobieren und Entdecken" (Richtlinien und Lehrpläne SU, S.12). In dieser Unterrichtsphase bekommen die Schüler sehr viel Freiraum zum eigenen, freien Experimentieren und zum Einüben des Fotografierens. Die Schüler experimentieren mit verschiedenen Einstellungen (Lochgröße, Belichtungszeit) und bekommen so unterschiedliche Ergebnisse. Sie können begreifen, dass sie in der Lage sind, diese Ergebnisse selbst zu steuern, und können allgemeine Regeln aufstellen, unter denen optimale Ergebnisse erreicht werden. Dies entspricht einer vorwissenschaftlichen und kindgemäßen Vorgehensweise.

 

 

3.2.4 Sich mit Naturerscheinungen und der gestalteten Umwelt auseinandersetzen

Die Lochkamera ist als Gegenstand zwar zunächst greif- und fassbar, entzieht sich mit ihrer optischen Technik jedoch weitgehend der Anschauung, die für Grundschulkinder so wichtig ist. Einfach ist der Apparat in der Tat; er verzichtet auf komplizierte Technik und reduziert den Vorgang der Fotografie auf die elementaren Abbildungsprinzipien. Allerdings arbeitet er mit Licht, das für das menschliche Auge erst dann wahrnehmbar wird, wenn es Spuren hinterlässt – zum Beispiel auf Fotopapier, auf der Netzhaut des Auges oder auf einem Projektionsschirm. Das, was in der Kamera geschieht, ist nicht beobachtbar. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes eine ‚Black Box’. Was zunächst als einfacher, simpler Apparat erscheint, entpuppt sich in der Praxis plötzlich als technisches Wunderwerk mit schier unfassbaren, physikalischen Gesetzmäßigkeiten, an denen sich Johannes Kepler noch im Jahre 1604 die „Zähne ausgebissen hat“ (vgl. Kapitel 2.1.1).

Aus diesem Grund erscheint mir die Lochkamera wenig geeignet, optische Gesetzmäßigkeiten Kindern im Grundschulalter anschaulich zu machen. Die Optik als solche spielt daher in der vorliegenden Unterrichtseinheit nur eine Nebenrolle. Sie ist aus gutem Grund als Thema den weiterführenden Schulen vorbehalten.

Anmerkung:
Dies belegen auch meine Erfahrungen mit den Kindern der Lochkamera-AG. In der ersten Stunde (vgl. 4.4.5) wurde deutlich, wie begrenzt die Vorerfahrungen der Kinder teilweise sind und wie sehr sie praktische Erfahrung nötig haben.

Die Unterrichtsreihe leistet dennoch einen Beitrag zur Optik, indem sie den Kindern vielfältige Phänomene zur Optik bietet. Erklärungen und Gesetzlichkeiten dieser Phänomene werden dabei nur selten den Kindern bewusst, können jedoch später in der weiterführenden Schule unter dem Begriff „Optik“ gesammelt und als Naturgesetze verallgemeinert werden. Die Kinder haben die Möglichkeit, diese Phänomene ohne Druck zu entdecken und zu erforschen:

Was sieht man, wenn es in der Dunkelkammer völlig dunkel ist?
Was sieht man, wenn es in der Dunkelkammer nicht völlig dunkel ist? Wie erlebt man Dunkelheit?
Was ist Dunkelheit überhaupt? Was ist Licht? Und was ist Schatten? Was nimmt unser Auge wahr? Kann man Dunkelheit sehen?
Wie breitet sich das Licht aus? Kann es in einen Raum ‚hineinfließen’?
Was passiert, wenn das Licht von draußen trotzdem noch einen Weg herein findet?
Wie entstehen Farben? Verändern sich Farben in der Dunkelheit? Oder im Rotlicht der Dunkelkammer?
Wie kann ich sehen? Kann ich auch ohne Licht sehen? Woher kommt Licht?
Was ist Licht überhaupt? Kann man das ‚Wesen des Lichts’ bestimmen?
Kann Licht Spuren hinterlassen?
Kann man in absoluter Dunkelheit (z.B. wenn die Sonne nicht existiert) leben?
...

Fotografische Effekte kommen auch in der Natur vor. So lässt sich beispielsweise an mit Aufklebern versehenen Äpfeln zeigen, wie Sonnenlicht auf Pflanzen und Früchte wirkt. Auch im Urlaub können Kinder fotografische Effekte an sich selbst erkennen: Wenn die Sonne ihre Haut gebräunt hat und lediglich die bedeckten Stellen unter dem Badeanzug hell geblieben sind.

Gerade solche Beispiele können als Aufhänger dienen und die Wirkungsweise des Fotopapiers anschaulich darstellen.

 

 

3.2.5 Kunst - "Freude am praktischen Tun zu vermitteln und zum kreativen Gestalten hinzuführen"

„Zu den ästhetisch-kulturellen Erfahrungen der Kinder gehört heute, daß sie mit einem hohen Anteil visuell übermittelter Informationen konfrontiert werden. Visuelle Medien müssen deshalb zu Unterrichtsgegenständen in Kunst/Textilgestaltung werden. Die Fähigkeit zur kritischen Verarbeitung medialer Aussagen ist eine unumgängliche Voraussetzung für die Erschließung der Lebenswirklichkeit." (Richtlinien und Lehrpläne Kunst/Textilgestalten, S. 21) Die Unterrichtseinheit vermittelt einen ästhetischen Anspruch. Den Kindern wird ein Medium in die Hand gegeben, das sie verändern und frei gestalten können. Sie können sich Motive aus ihrer natürlichen bzw. gestalteten Umwelt aussuchen. Sie können diese verändern (für das Fotografieren präparieren) und erleben sie durch das Medium Foto in einer veränderten Sichtweise. „Die Vermittlung phantastisch oder utopisch verfremdeter Wirklichkeit läßt die Kinder vertraut werden mit Fremdartigem und kann Einsichten in die Veränderbarkeit vorhandener Erscheinungen und ästhetischer Urteile anbahnen." (Richtlinien und Lehrpläne Kunst/Textilgestalten, S. 45)

Fotografieren ist nur begrenzt die objektive Abbildung der Wirklichkeit. Sie ist zugleich auch subjektive Sicht des Fotografen auf seine Umwelt, der seinen technischen und gestalterischen Einfluss auf das Foto ausübt – vor allem der Blickwinkel und der Bildausschnitt beeinflussen das Bild nachhaltig. Durch das eigene Präparieren von selbstgewählten Motiven und die Veränderung von Bildausschnitt und Blickwinkel begreifen Kinder, dass Fotografien stets eine manipulierte Sicht darstellen, die einer Deutung bedarf. Sie erfahren ebenso, dass Bilder mit Absicht manipuliert werden können, dass bei der Veränderung eines Bildes auch Zufälle, Glück und Missgeschick eine große Rolle spielen können.

Durch die Fotografie haben Kinder die Möglichkeit, ihre eigenen Sichtweisen darzulegen. Die Unterrichtseinheit ist hierzu ein erster Schritt; durch sie erlernen Kinder eine Technik, mit deren Hilfe sie sich ästhetisch ausdrücken können.

 

 

3.2.6 Mathematik - "Größen schätzen und Messen"

Die Blendengröße einer Lochkamera hat einen nicht unwesentlichen Einfluss auf die Qualität und Erscheinung der Abbildung.

Um die Qualität einer Abbildung zu verbessern, um besondere Effekte zu erzielen oder einfach, um die Funktionsweise der Kamera auszuprobieren, ist es für die Schüler also nötig, sich eingehend mit der Blendengröße (bzw. –form) zu befassen. Die Schüler greifen dabei auf bekannte Messmethoden (z.B. Lineal) zurück, benutzen aber auch den Tageslichtprojektor als Vergrößerungshilfe, der ihnen das Messen erleichtert. Die Anwendung mathematischer Regeln zur Rückberechnung der Lochgröße erfolgt handlungsorientiert und sind aus sich ergebenen Problemstellungen abgeleitet. Die Kinder arbeiten nicht an künstlichen Aufgaben. Sie können so die Anwendungsnähe der Mathematik begreifen. „Die Vermittlung von Kenntnissen und Verfahren ist kein Selbstzweck; sie muß sich vielmehr aus der Notwendigkeit ergeben, Fragestellungen im Unterricht sachgerecht anzugehen und zu lösen." (Richtlinien und Lehrpläne SU, S. 22)

 

 

3.2.7 Sprache - "Texte aufschreiben; den Umgang miteinander gestalten; sich sachbezogen verständigen; vortragen"

„Jeder Unterricht ist auch Sprachunterricht. Sprache wird nicht nur in den dafür vorgesehenen Unterrichtsstunden erworben und geübt. Situationen, die sprachliches Handeln herausfordern und fördern, bestimmen weiterhin das Leben und Lernen in der Schule." (Richtlinien und Lehrpläne Sprache, S. 21) Das Thema Lochkamera unterstützt diesen Prozess. Den Schülern bieten sich vielfältige Möglichkeiten, mündlich miteinander zu kommunizieren. Sie üben und festigen zweckgebundene Dialoge mit Mitschülern und Lehrern (Besprechung von Arbeitsschritten, Nachfragen bei Problemen, Verhandeln bei Streitigkeiten usw.). Sie kommunizieren sachbezogen über das Thema.

 Über den mündlichen Sprachgebrauch hinaus wird auch der schriftliche Sprachgebrauch gefördert. Die Kinder müssen die erstellten Fotos verwalten und dafür Informationen notieren (Belichtungszeit, Bildweite etc.). Sie erleben Schrift daher als zweckgebunden und nützlich. Die Ausarbeitung dieser Sachinformationen findet bezogen auf die Ausstellung statt, in der die Texte der Kinder Informationsträger für die Ausstellungsbesucher werden. Bei den Fotos finden sogenannte Foto-Protokolle Verwendung, die an jedes Foto angeheftet werden. Diese Protokolle dienen der Kategorisierung und Ordnung.

 

 

3.3. Methodische Vorgehensweise (WIE?)

Zur Unterrichtsplanung gehört zunächst eine Analyse der Bedingungen, unter denen der Unterricht ablaufen wird. Hierauf gehe ich im folgenden Abschnitt ein.

1.3.1 Bedingungsfeldanalyse

1.3.1.1 Die Schule

Um die Unterrichtseinheit in die Praxis umzusetzen, bemühte ich mich um einen Platz in einer Schule, die ich aus vorherigen Praktika kannte. So waren mir einige der Lehrerinnen bekannt, was eine offene Aussprache und Umgangsform ermöglichte.

An der betreffenden Schule werden häufig Arbeitsgemeinschaften (AGs) gebildet, „Draußentage“ und Themenwerkstätten (z.B. „Walfang“, „Steinzeit“...) veranstaltet. Daher ist diese Form des Unterrichts für die Schüler prinzipiell nicht ungewöhnlich. Die Lehrerinnen nahmen mein Angebot, eine Lochkamera-Unterrichtseinheit an ihrer Schule zu veranstalten, interessiert auf. Bei der Durchführung waren mir eine Lehrerin, eine Referendarin sowie ein Kommilitone behilflich.

Das Projekt wurde zu einem Teil von der Schule finanziell unterstützt.

Die Schule ist eine dreizügige Grundschule mit etwa 260 Kindern. Sie ist ansässig in einem recht kleinen Dorf (mit knapp 1000 Einwohnern), besitzt jedoch ein großes Einzugsgebiet. Viele Schüler der Grundschule erreichen die Schule nur mit dem Bus; das Überziehen von Unterrichtszeiten ist daher nicht möglich.

Da sich das Projekt von vornherein als sehr zeitintensiv erwies und die Mitarbeit der Kinder auf freiwilliger Basis erfolgen sollte, bot sich die Umsetzung im Rahmen einer AG an, die – zweistündig – zunächst fünf Wochen laufen sollte. Im Laufe der Wochen zeigte sich, dass die Zeit zu knapp bemessen war; daher wurden noch zwei zusätzliche und für die Kinder freiwillige Termine (jeweils 2,5-stündig) in den Ferien veranstaltet.

Es bestand die Möglichkeit, die Dunkelkammer in einem alten Luftschutzbunker unter der Schule einzurichten. Diese Lage war optimal, da der fensterlose Bunker über eine Schleuse verfügte, die, mit einer Decke abgedichtet, das Eintreten und Verlassen der Dunkelkammer jederzeit erlaubte, ohne die Arbeiten in der Dunkelkammer zu behindern und Fotopapier ungewollt zu belichten. Ein Wasseranschluss war leider nicht vorhanden, was jedoch mit mehreren Wassereimern kompensiert werden konnte.

Der ehemalige Luftschutzbunker bot genügend Platz, um zwei Trockenarbeitsplätze und zwei komplett ausgestatte Nassarbeitsplätze einzurichten.

 

 

1.3.1.2    Die Lerngruppe

Bereits vor der Vorstellung in den vierten Klassen der Schule machte ich mir Gedanken über die anzuvisierende Gruppengröße. Da ich einen möglichst realitätsnahen Unterrichtsversuch anstreben wollte, versuchte ich eine Gruppe mit Klassengröße zusammenzustellen.

In jeder der drei vierten Klassen der Schule wurde ich von den entsprechenden Klassenlehrerinnen der Klasse vorgestellt und berichtete von meinem Vorhaben (dies ist in Kapitel 4.3 beschrieben). Nach dieser Einführung meldeten sich insgesamt 22 Kinder zur Teilnahme an der AG an. Ich konnte also auf die Motivation und das Sachinteresse der Kinder hoffen, da sie sich freiwillig auf dieses Thema eingelassen hatten. Die Gruppe war allerdings aus verschiedenen Klassen zusammengefügt, was die Unterrichtssituation zum Teil erschwerte (vgl. Kapitel 4.4.4); manche der Kinder kannten sich nur flüchtig aus der Pause und kamen aus Klassen mit unterschiedlichen Lehrerinnen, Unterrichtskonzepten und Regelungen (z.B. Gesprächsregeln im Sitzkreis, Sanktionierungsgewohnheiten der Lehrerin usw.). Die Schüler kannte ich persönlich nicht – Eigenheiten und Leistungsvermögen waren mir daher nicht vertraut.

 

 

3.3.1.3 Vorwissen und Vorerfahrungen der Schüler im Bezug auf das Thema

Voraussetzen konnte ich bei den Kindern Erfahrungen mit Freiarbeit, da diese innerhalb des üblichen Unterrichts auch eingesetzt wird.

Es erschien mir wichtig, über das Vorwissen der Kinder in Bezug zum Unterrichtsthema informiert zu sein. Dies hatte Auswirkungen bei der Erstellung von Arbeitsanweisungen (vgl. Anhang 8.5) und bei der Planung der Unterrichtsschwerpunkte und –hilfsmittel (z.B. der begehbaren Lochkamera, der Geschichte usw.). Um das Vorwissen der Kinder zu ermitteln, befragte ich eine kleine Gruppe von Teilnehmern der AG zum Thema Fotografie. Diese Befragung kann aufgrund ihrer kleinen Stichprobe keine allgemeine Aussage über das Wissen von Kindern zum Thema Fotografie treffen. Im folgenden sind einige der Aussagen wiedergegeben:

Anmerkung:
Die Aussagen liegen mir auf Tonband vor. Ich habe sie in einen inhaltlichen Zusammenhang gebracht und – da manchmal mehrere Kinder gleichzeitig sprachen – stellenweise ihren Satzbau verändert, so dass sie lesbar werden. Die Formulierungen und verwendeten Begriffe entsprechen jedoch im Großen und Ganzen den Aussagen der Kinder.

 

Ich habe eine eigene Fotokamera, mit der ich immer fotografieren kann, wann ich will. Meine Schwester bringt die Filme dann in die Stadt zum Entwickeln.
Bei Peter Lustig habe ich einmal gesehen, wie man Filme entwickelt. Da ist ein ganz dunkler Raum mit rotem Licht. Da gibt es mehrere Töpfchen mit Wasser, da tut man die Filme dann rein. (Auf meine Frage, ob es sich bei dem „Wasser“ um ganz normales Wasser handeln würde, antwortete man mir:) Das muss ja irgendeine Spezialflüssigkeit sein, denn du hast ja in deinem Brief geschrieben, dass wir 3 DM für Papier und Entwicklungsflüssigkeiten mitbringen müssen.
Das Papier ist kein normales Papier. Das muss so ein ganz glattes Papier sein. Normalerweise nimmt man auf Kunststofffilm auf, der ist genauso beschichtet wie eine normale Musikkassette; ich glaube, das ist genau dieselbe Beschichtung. Der Film wird dann wieder da rein [ins Filmgehäuse] gedreht und da ist es ganz dunkel drin, denn wenn da Licht reinkommt, dann ist der Film kaputt – dann sind die belichtet.· Die sehen nach dem Fotografieren immer noch schwarz aus – so dunkelbraun; eben so, wie sie sonst auch aussehen. Man kann kein Bild sehen. Wenn dann Licht rankommt, würden die Bilder sofort weggehen – da könnte man auch nicht etwas Neues drauf fotografieren.
Es gibt auch Kameras, wo schon fertige Bilder rauskommen. Ich habe eine in meinem Zimmer. Aber ich habe nicht so viele Filme. Die kosten ja 20-30 DM.
Schwarzweiß-Aufnahmen habe ich noch nie gemacht. Die kenne ich aber von meiner Oma – die hat noch welche von früher.
Ich habe zwei Fotoalben; da sammele ich alle Bilder von früher, wo ich noch klein bin.
Wenn Fotos alt werden, vergilben die schon mal. Die werden manchmal auch rot. Manchmal hat man auf den Fotos auch ganz rote Augen; da darf man nicht in die Linse gucken beim Fotografieren. Ich glaub, das Licht spiegelt sich dann in den Augen. Meine Kamera kann man so einstellen, dass das nicht passiert. (Das Kind weiß auf meine Nachfrage allerdings nicht, was die Kamera dann tut, um diesen „Rote-Augen-Effekt“ zu verhindern.)
[Ganz] Früher hat es nur Familienfotos gegeben. Die hatten ja nicht alle schon ihre eigene Kamera. Da musste man zum Fotograf gehen; sich ganz schick anziehen – sieht man doch! – da haben die alle Schlipse an.
(Auf meine Frage, wie denn eine Lochkamera funktionieren könnte, antwortete man mir:) Da tut man irgendwie ein unentwickeltes Foto rein und dann wird irgendwie eine Klappe aufgemacht und man muss das dann auf die Turnhalle halten. Da kommt dann durch ein kleines Loch Licht rein – so hat es mir meine Mutter erzählt. Auf jeden Fall ist es ganz anders als bei einem normalen Fotoapparat – da geht höchsten 10/100stel Sekunden das Loch auf. Das kann man bei einer Lochkamera gar nicht schaffen.

 

Deutlich wird in den Aussagen, wie sehr das technische Wissen der Kinder vom Medium Fernsehen geprägt ist (manche Sendungen wie z.B. „Löwenzahn“ mit Peter Lustig oder „Die Sendung mit der Maus“ machen auch vor der Einführung komplizierter Techniken nicht Halt). Allerdings ist das Wissen oft von der Anschauung abhängig, auf das – in der Sendung verwendete – Beispiel fixiert, naiv (ohne Verknüpfungen zu anderen Wissenselementen) und meist nicht vollständig. So kommt es z.B. zu dem bemerkenswerten Fehler, dass ein Junge die Magnetoberfläche der Musikkassette mit der lichtempfindlichen Oberfläche des Fotopapiers verwechselt.

Eine Unterrichtsreihe zum Thema Fotografie ist nach Aussage einer Lehrerin in keiner Klasse der Schule vorher durchgeführt worden.

 

 

1.3.2     Methodische Vorgehensweise

Beim Bau der Lochkamera, beim Herstellen eigener Fotos und bei der Präsentation der Ergebnisse handelt es sich um handlungsorientierte Abläufe. Die Freiarbeit erscheint mir als geeignete Unterrichtsform, weil sie den Kindern (im wahrsten Sinne des Wortes) die Freiheit zum Experimentieren, Ausprobieren, Beobachten und ähnlichen Aktivitäten gibt und innere Differenzierung ermöglicht. Die Schüler haben in der Freiarbeit die Möglichkeit, eigene Ideen zu entwickeln, diese eigenständig auszuprobieren und bei Bedarf zu korrigieren. Handlungsdruck ergibt sich für die Kinder nur aus der Sache selbst, bzw. dem Gruppendruck, der erfolglose Kinder zur Arbeit anspornt – die Kinder müssen keine vorgegebene Anzahl an Bildern erreichen. Fehler und Misserfolge sind durchaus erlaubt (und von mir insgeheim erwünscht), weil sie die Grundlage des Verstehens bilden. (Pulaski, M.: Piaget : eine Einführung in seine Theorien und sein Werk. Maier Verlag, Ravensburg 1975).

Eine Begründung für diese Unterrichtsform liefert Jürgen Reichen: „Um das undifferenzierte Nachahmungslernen [...] zu überwinden, muss aller Unterricht kognitiv ausgerichtet werden, d.h. anstatt mechanisch zu reproduzieren, weiß jeder Schüler, was er lernen soll, auf welche Weise, unter welcher Voraussetzung und zu welchem Zweck. [...] Gefragt ist also ein Wechsel zu einem einsichtigen, selbstaktiven Lernen,  zu einer Handlungs-Didaktik. Darin erscheint das Lernen als individualisierter, aktiver, konstruktiver, teilweise spielerischer Aneignungsprozess, selbstbestimmt und selbstkontrolliert. Es erscheint in Formen wie Handeln-Probieren-Entdecken-Formulieren, durcharbeitendes Üben, Problemlösen und Erfahrungslernen. Der zentrale Begriff der neuen Didaktik heißt <<selbstgesteuert>>." (Jürgen Reichen, 1991, S.17)

Diese Unterrichtsreihe soll den Kindern selbstgesteuertes Lernen ermöglichen – zu diesem Zweck wird den Kindern ein motivierendes Ziel (Kamera bauen und gute Fotos machen) geboten und viel Freiraum zum eigenständigen Arbeiten geschaffen. Das Ziel der Unterrichtsreihe steht fest  – der Weg dorthin kann jedoch von jedem Kind auf unterschiedliche Weise begangen werden. Der Unterricht liefert für das Ziel das geeignete Material, die geeignete Arbeitsstätte und die geeignete Sozialform (z.B. Partnerarbeit bzw. Einzelarbeit). Das den Kindern vorgegebene Material ist in dem Maß vorstrukturiert, dass es das Erreichen des Ziels nicht allzu sehr durch Frustrationserlebnisse verhindert (z.B. werden in der Unterrichtsreihe Blechdosen verwendet, da sich die Abdichtung gegen Licht bei vielen anderen Gehäuseformen in meiner eigenen Vorbereitung als schwierig erwiesen hat). Auf diese Weise soll den Kindern ermöglicht werden, sich die Lochkamera handelnd zu erarbeiten und mit ihr Erfahrungen zu sammeln. Das Lernen der Kinder profitiert dabei von sogenannten Präfigurationsprozessen (siehe Anmerkung). Über Wochen haben sie mit den Prinzipien, Arbeitsschritten und Techniken der Lochkamerafotografie zu tun. Das Wissen um diese Dinge verfestigt und vervollständigt sich und erweitert und strukturiert das Wissen, das die Kinder bereits vor der Unterrichtsreihe besaßen (vgl. Kapitel 3.3.1.3). Die Unterrichtseinheit verzichtet zugunsten dieser Präfigurationsprozesse auf eine kleinschrittige Unterweisung.

Anmerkung:
Jürgen Reichen, 1991, S. 19:
„Nach der Präfigurationstheorie durchläuft ein Schüler meistens zwischen jenem Anfangspunkt in der Lernentwicklung, an dem er noch ohne Kompetenz ist, und jenem Punkt, an dem er über Fähigkeiten und Fertigkeiten kompetent verfügt, eine Art von Zwischenzone, wo er erst (bzw. bereits) eine Teilkompetenz innehat. [...] Lernleistungen werden also <<irgendwie>> vorgebildet, präfiguriert – und das heißt nun, dass man nicht länger an die Regel gebunden ist, wonach eine bestimmte Leistung vom Kind zuerst beherrscht werden müsse, ehe man mit der Erarbeitung einer nächsthöheren beginnen könne. Man kann tatsächlich auch überlappend vorgehen und dem jeweiligen Können der Kinder vorgreifen [...]“

 

 

3.3.3 Freiarbeit in Werkstätten

Der Bau der Kamera und das Entwickeln von Fotos wird in drei Arbeitsabschnitte unterteilt, die in beliebiger Reihenfolge abgearbeitet werden können und später ein Ganzes darstellen sollen:

Gehäuse-Bau
Lochblenden-Herstellung
Arbeiten in der Dunkelkammer.

Die Aufteilung erfolgt zum einen aus organisatorischen Gründen: Die Dunkelkammer ist zu klein für 22 Kinder und auch das Material (z.B. zum Bemalen der Gehäuse, zum Entwickeln der Fotos) ist nicht ausreichend für diese Gruppengröße.

Auf der anderen Seite dient die Aufteilung aber auch dazu, die Arbeiten in einen für Kinder begreifbaren Sinnzusammenhang zu stellen; die Arbeit in den drei Werkstätten stellt für sich jeweils eine Teilleistung dar – wer eine Werkstatt besucht hat, hat einen Teil der Arbeit geleistet, die nötig ist, um Fotos herzustellen. Die Kinder können an einem Tag sicherlich nicht alle Werkstätten durchlaufen, deshalb stellen die Werkstätten Leistungszwischenstufen sicher, die dazu beitragen, die kindliche Motivation für die darauf folgende Woche aufrecht zu halten.

Die Werkstätten sind über den gesamten Zeitraum der Unterrichtsreihe geöffnet und ermöglichen den Kindern so, ihre Produkte zu verbessern, nachzuarbeiten oder auch neue herzustellen. Die Notwendigkeit der Überarbeitung ergibt sich aus der Qualität der Ergebnisse; sind die Fotos nicht zufriedenstellend, muss die Kamera überarbeitet werden.

Fehler in den Fotos (z.B. dunkle ‚Wolken’) führen zu nachträglichen Verbesserungen an der Kamera (Gehäuse abdichten) – Verbesserungen an der Kamera führen zum Verständnis um fotografische Prozesse und Prinzipien der Lochkamera. Jedes Kind hat die Motivation, möglichst gute Fotos herzustellen. Verstehensprozesse entwickeln sich auf dem Weg zum guten Foto. Die Schüler arbeiten dabei an ihrem Wissen über die Lochkamera und vervollständigen es nach und nach durch die Erfahrung.

Die Arbeitsanweisungen werden in allen drei Werkstätten durch Plakate erteilt. Die Plakate machen es möglich, dass sich die Kinder selbstständig informieren können und dafür nicht der Hilfe des Werkstattleiters (der auch die Aufsicht führt) bedürfen. Sie ermöglichen den Kindern ebenfalls, von der Plakat-Vorgabe – der Norm – abzuweichen und eigene Wege zu gehen. Eine frontale Einführungsphase entfällt somit.

Nachfolgend sind die Werkstätten kurz erläutert:

Gehäuse-Werkstatt: In dieser Werkstatt wird die mitgebrachte Blechdose als Kamera-Gehäuse vorbereitet; sie wird innen geschwärzt und die Oberseite wird mit einem Loch versehen, über das die Lochblende geklebt wird. Die Plakate erklären in dieser Werkstatt die Aufgabenstellung und den Gebrauch der Werkzeuge (vgl. Anhang 8.5.1). Die Kinder bringen ihre eigenen Blechdosen mit; die Aufforderung hierzu ist auf dem ersten Elternbrief vermerkt (vgl. Kapitel 8.1).
Lochblenden-Werkstatt: In dieser Werkstatt werden Lochblenden aus Dosenblech hergestellt (vgl. Kapitel 2.4.2.3). Vorgegeben sind Getränkedosen, deren Ober- und Unterteil entfernt wurden und sich daher recht leicht schneiden lassen. Die Kinder müssen sich aus dem Material passende Stücke ausschneiden und in diese das Loch einstechen. Die Lochblendenwerkstatt ist mit einem Tageslichtprojektor ausgerüstet, damit die Kinder die Lochgrößen vermessen, ihre Form kontrollieren und die Blenden beschriften können. Auch in der Lochblenden-Werkstatt gibt es Plakate, die die Aufgabenstellung erläutern (vgl. Anhang 8.5.2).
Dunkelkammer-Werkstatt: Die Dunkelkammer-Werkstatt ist den Kindern von Anfang an zugänglich. Kinder, die noch keine Kamera besitzen, können Fotogramme (vgl. Kapitel 2.3.4.2) herstellen, mit denen sie sich die Arbeitsschritte aneignen können, die zum entwickelten Foto führen. Es wird Wert darauf gelegt, dass sich Kinder gegenseitig in der Dunkelkammer helfen, was bei den schwierigen Licht-Verhältnissen äußerst wichtig ist. Da die Plakate außerhalb der Dunkelkammer hängen müssen, soll ein Dunkelkammer-Diplom mit vorheriger Prüfung sicherstellen, dass die Kinder über die Regeln und Arbeitsschritte informiert sind. Die Prüfung dient allerdings nicht der Selektion. Das von den Kindern auszufüllende Prüfungsformular verschafft mir vor allem einen weiteren Überblick über die Vorerfahrungen der Kinder. Der Prüfungsbogen, die Bescheinigung und einige ausgefüllte Beispiele finden sich im Anhang (8.6). Die maximale Anzahl der Kinder, die gleichzeitig in der Dunkelkammer arbeiten dürfen, ist durch die Anzahl der obligatorischen Schutzbrillen auf 10 begrenzt, so dass im Vorraum der Dunkelkammer zuweilen Warteschlangen entstehen. Diese Warteschlangen sind eingeplant und erwünscht, da die Kinder in dieser Situation ins Gespräch über das Thema Lochkamera kommen können.

 

 

3.3.4 Prinzipieller Sitzungsablauf

Die beiden Arbeitsaufträge (Kamera bauen und Fotos herstellen) und die Werkstätten bilden den Kern der Unterrichtseinheit und sind in jeder Stunde vorgegeben. Aus diesem Grund verlaufen die Unterrichtsstunden nach einem festen Schema.

Anfangskreis

etwa 20 Min.

Dieser Gesprächskreis dient der Begrüßung, der Klärung von Problemen (Geld einsammeln, Kontrolle, ob alle ihre Kameras mitgebracht haben usw.) und soll einen gemeinsamen Einstieg in die Sitzung sichern.

Werkstattarbeit

etwa 50 Min.

Während dieser Zeit können sich die Kinder frei zwischen den Werkstätten bewegen. Esspausen dürfen die Kinder ebenfalls frei bestimmen.

Abschlusskreis

etwa 20 Min.

In diesem Gesprächskreis werden Ergebnisse gezeigt; es wird über Probleme gesprochen, die während der Arbeit aufgetreten sind, und ein gemeinsamer Abschluss sichergestellt.

Lediglich die letzte Ferienstunde wich von diesem Prinzip ab, da sie der konkreten Vorbereitung der Ausstellung diente.

 

 

Zur Hauptseite   Zurück  zur Sachanalyse  Weiter zur Planung Durchführung und Reflexion der Unterrichtsreihe