5 Evaluation

5.1 Eindrücke
Mir hat die Unterrichtseinheit zur Lochkamera sehr gefallen. Der Umgang
mit den Kindern in der Freiarbeit zeigte mir, wie kompetent, sicher und
selbstständig sie mit den Materialien, Werkzeugen und Chemikalien
umgingen und lies meine anfänglichen Befürchtungen (Schaffen die Kinder
das?) schnell verschwinden. Sie waren experimentierfreudig und lösten
kleine Probleme oft allein oder im Gespräch miteinander (z.B. „Wie
fertige ich eine Kontaktkopie an?“). Die Gespräche im Kreis (am
Anfang und am Ende der Sitzungen) gaben den Schülern die nötige
Orientierung und ermöglichten Nachfragen und eine Präsentation der
Ergebnisse.
Zusätzliche Unterrichtsmaterial, das zwischendurch immer wieder
eingeschoben wurde, erwies sich als Hilfe für die Kinder, Sinnzusammenhänge
zu verstehen und sich diese einzuprägen. Die Geschichte von Johann dem
Hirtenjungen (vgl. Anhang 8.7
und Kapitel 4.6.1)
machte die Kinder auf das Phänomen der Abbildung aufmerksam und schärfte
ihren Blick, dieses Phänomen auch in ihrer unmittelbaren Umgebung
wiederzufinden. In Einzelgesprächen mit Schülern konnte ich feststellen,
dass sie die Geschichte im Hinterkopf behalten hatten und auch außerhalb
der Schule nach Vergleichen suchten. Auch die begehbare Lochkamera konnte
den Kindern eine Hilfestellung geben. An ihr konnten sie feststellen, wie
sich die Größenverhältnisse der Kamera auf die Abbildung auswirken –
und wie ein Bild entsteht.
Während der Freiarbeit nahm ich hauptsächlich die Rolle des
distanzierten Beobachters ein und so erschloss sich mir die Arbeit der
Kinder in einer völlig anderen Art und Weise als dies im frontalen
Unterricht möglich ist. Die Kinder konnten sich mir gegenüber in ihrer
gesamten Persönlichkeit zeigen und demonstrierten, dass sie über mehr
Wissen und Engagement verfügen, als sie im üblichen Unterricht zeigen können
(dürfen). Sie erzeugten eine eindrucksvolle Arbeitsatmosphäre und ihr
geschäftiges Hin- und Herlaufen zwischen Dunkelkammer und Motiven zeugte
davon, dass die Lochkamera als Unterrichtsgegenstand in der Lage ist, eine
starke intrinsische Motivation zu erzeugen.
Meine in der Einführung erwähnte Frage kann also mit Gewissheit
positiv beantwortet werden: Ja, es ist möglich, die Lochkamera als
Mittler zwischen Kind und (wissenschaftlicher) Arbeit zu benutzen. Ja, es
ist möglich, dass Kinder mit Hilfe der Lochkamera eigenverantwortlich
lernen.
Wie hoch der Stellenwert ist, den die Kamera auch nach der
Unterrichtsreihe für die Kinder einnimmt, lässt sich an der
Schulhomepage ersehen, die von den Schülern selbst gestaltet wird: Sie wünschten
sich die Lochkamera als einen Themenschwerpunkt und entwickelten Texte
dazu: „Wie baue ich eine Kamera?“ und „Wie mache ich
Fotos?“. Diese Texte entstanden einige Wochen nach der
Unterrichtsreihe und unabhängig von ihr. Das Thema beschäftigt die
Kinder nachhaltig.
Es darf allerdings nicht geleugnet werden, dass es auch Kinder gab, die
durch erste Misserfolge derart demotiviert wurden, dass sie keine weiteren
Fotos herstellen mochten. Die Lochkamera ist daher keineswegs ein Selbstläufer!
Es genügt nicht, die Kinder mit Material und Informationen zu versorgen.
Als erste Ergebnisse missglückten (es entstanden graue bzw. schwarze
Fotos) benötigten einige Kinder in der AG auch Unterstützung und Ansporn
durch Erwachsene.
Als ein Problem stellte sich die Gruppengröße (22 Kinder) heraus. Die
hohe Anzahl an Kindern in der Dunkelkammer behinderte die Arbeit und hatte
zur Folge, dass wir AG-Leiter uns nicht immer mit Sorgfalt um einzelne
Kinder kümmern konnten, die uns brauchten (vgl. Kapitel 4.6.4).
Die Gliederung der Arbeitsschritte in drei Werkstätten teilte die sehr
große Gruppe zunächst auf. Je mehr Kinder allerdings ihre Kamera
fertiggestellt hatten, umso größer wurde der Andrang in der
Dunkelkammer. Meine Vermutung, die Kinder würden sich zusätzlich zu
ihrer ersten Kamera noch eine zweite bauen, ging nicht auf, so dass die
Lochblenden-Werkstatt und vor allem die Gehäuse-Werkstatt später kaum
noch aufgesucht wurden. Die Aufteilung in die Werkstätten erfüllte daher
ihren Zweck nur bedingt; bei einer Wiederholung der Unterrichtsreihe wäre
dies zu bedenken.
Meines Erachtens mussten den Kindern in der knappen, zur Verfügung
stehenden Zeit viel zu viele Dinge auf einmal vermittelt werden, um ihnen
das Ausprobieren und Experimentieren mit der Lochkamera zu ermöglichen:
 | Die Kinder mussten begreifen wie Fotopapier funktioniert. |
 | Sie mussten die Anwendung und Reihenfolge der Chemikalien erlernen
(dies wissen viele Kinder auch nach der Unterrichtseinheit immer noch
nicht genau; die Kinder probierten einfach aus oder fragten ständig
nach). |
 | Sie mussten sich in der Dunkelkammer zurecht finden (dies war für
einige Kinder ein echtes Problem; sie waren ständig auf der Suche
nach ihren Kameras, nach den Deckeln der Kameras, nach Fotopapier oder
Werkzeug). |
Die eigentliche Arbeit mit der Lochkamera nahm dementsprechend in der
gesamten Unterrichtszeit einen viel zu geringen Teil ein. Eine mögliche Lösung
dieses Problems wäre eine bessere Strukturierung der Lerninhalte über
die vier Grundschuljahre hinweg.
5.2 Aussichten: Fotografieren als Teil des
Schulprogramms

Um die zur Verfügung stehende Zeit wirklich zu nutzen, ist es
sinnvoll, eine Unterrichtseinheit „Lochkamera“ erst dann zu
beginnen, wenn die Kinder über die nötigen Voraussetzungen verfügen.
Sie sollten zum Beispiel im Umgang mit Fotopapier geübt sein, damit diese
Arbeit nicht mit dem Ausprobieren der Lochkameras zusammenfällt. Diese Übung
kann bereits in der ersten oder zweiten Klasse mit der Herstellung von
Sun-Prints (vgl. Kapitel 2.3.4.1)
beginnen. Dass man solche Versuche auch schon im Kindergarten durchführen
kann, berichtet Patra Holter in ihrem Buch „Photography without a
camera“.
Die Einführung des Fotopapiers kann dann in spielerisch, gestaltender
Form geschehen – die Kinder können vielfältige
Möglichkeiten der Verarbeitung und Gestaltung von Fotopapiers
nutzen (Abwedeln, Abdecken, bestimmte Papierstellen vorfixieren usw.).
Eine Dunkelkammer wird für diese Arbeiten zunächst nicht benötigt. Im
Klassenzimmer lässt sich viel anschaulicher demonstrieren, wie sich das
Fotopapier nach Entnahme aus der Schutzhülle schwärzt. Diese
Anschaulichkeit würde wiederum den Kindern zugute kommen, die in der
Dunkelkammer von den Reizen der ungewöhnlichen Umgebung abgelenkt wurden
und Orientierungs- und Verständnisprobleme hatten.
Die Ausgliederung der Vermittlung dieser Grundfertigkeiten würde die
Unterrichtsreihe zur Lochkamera sehr entlasten und den Kindern mehr Möglichkeiten
bieten, ihre Kameras auszuprobieren und Gesetzmäßigkeiten zu entdecken,
für die es in der durchgeführten Unterrichtsreihe leider keine Zeit gab.
Die Fotografie könnte somit als handlungsdidaktisches Thema in einem Spiralcurriculum
umgesetzt werden: In den ersten beiden Schuljahren werden die Kinder dazu
angeleitet, fotografische Prozesse in der Natur (Sonnenbräune, Grünpflanzen
- vgl. Kapitel 3.2.4) und in der praktischen
Anwendung (Sun-Prints, Fotogramme) wahrzunehmen, während später
erweiternd und darauf aufbauend der Gebrauch der Lochkamera hinzukommt. In
der weiterführenden Schule könnten diese Vorkenntnisse genutzt werden,
um themenbezogen zu fotografieren (Lochkamera, Linsenkamera, Videokamera
usw.) und einen eigenen, künstlerisch-ästhetischen Stil zu entwickeln.
Sicher setzt dies Absprachen in Form eines Schulprogramms und
engagierte Lehrer (mit der Bereitschaft, sich im Bereich Fotografie
fortzubilden) voraus. Die Kosten der Unterrichtsreihe halten sich in
Grenzen – die Unterrichtsreihe zur Lochkamera kostete etwa 250,- DM. Der
Betrag teilt sich in einmalige Anschaffungen (etwa 120,- DM) und
Verbrauchsmaterial (etwa 130,- DM) und wurde zum einen durch die Schule
und zum anderen von den Eltern der Kinder finanziert. Die Einrichtung
einer Dunkelkammer stellt keine großen Vorraussetzungen an die
Einrichtungen – ein passender Kellerraum findet sich wohl in jeder
Schule.
Die Unterrichtseinheit zeigte mir, dass gerade so ‚exotische’
Themen wie das der Lochkamera geeignet sind, den Schülern eine
reichhaltige Lernumgebung anzubieten, aus denen sie Erfahrungen gewinnen können.
Die Lochkamera, die in der Lebenswirklichkeit der Kinder keinen Platz zu
haben scheint, kann – geschickt platziert – dazu beitragen, dass
Kinder selbstständiger und zielorientierter lernen. Sie besitzt ein großes
Potential, Kinder für die unterschiedlichsten Arbeiten zu motivieren; und
in der Arbeit liegt das Lernen.
Möglich und wünschenswert wäre die Verbreitung der Lochkamera im
Sachunterricht der Grundschule also auf jeden Fall. Die durchgeführte
Unterrichtseinheit hat mir gezeigt, dass Handlungs-Didaktik mit solch
motivierenden Themen nicht nur den Kindern Freude beim Lernen bereitet und
sie anspornt; sie hinterlässt auch beim Lehrer ein befriedigendes Gefühl.

ENDE
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