Absturz einer Wellington in Horst (Holstein) in der Nacht

vom 26. zum 27.7.1942/ von Michael Tesch

Es ist schon länger dunkel, als am späten Abend des 26. Juli 1942 um ca. 22:45 Uhr mehrere Flugzeuge vom Flugplatz Grimsby/Waltham im Nordwesten Englands starten. Unter ihnen auch eine Wellington IV der 142 Squadron mit der Kennung Z1319, QT-W.

An Bord der Maschine befinden sich:

S /L C.L. Olsson
F/O J.A. Goring Royal Canadien Airforce
P/O W.S. Findlay RCAF
F/S W.A. Penney RCAF
Sgt. A.H. Collison

Sie fliegen gemeinsam mit insgesamt 403 Maschinen - von verschiedenen Flugplätzen startend - in Richtung Hamburg. Es wird ein Großangriff, der auf beiden Seiten schwere Verluste fordert.

Schon der Anflug gestaltet sich nicht einfach, da die Maschinen durch eine Mischung aus Wolken und Schnee behindert werden. Nur 304 Flugzeugen gelingt es, Hamburg zu erreichen und ihre tödliche Last abzuwerfen. Im einzelnen sind 181 Wellington, 77 Lancaster, 73 Halifax, 39 Stirling und 33 Hampden bei diesem Angriff im Einsatz.

Gegen 0:43 Uhr erreichen die ersten Bomber Hamburg. Die Sicht im Zielgebiet ist - im Gegensatz zum Anflug - sehr gut. Der Angriff dauert bis ca. 2:07 Uhr. In dieser Zeit fallen ungefähr 724 t Bomben auf die Hansestadt, insgesamt 31 Minenbomben, 588 Sprengbomben, ca. 68.000 Stabbrandbomben und 1.600 Phosphorbrandbomben. Die Schäden in Hamburg sind verheerend. Mehr als 800 Häuser werden zerstört und über 5.000 beschädigt. Die Bevölkerung hat 337 Tote und ca. 1.000 Verletzte zu beklagen. 14.000 Menschen haben kein Dach mehr über dem Kopf.

Am Himmel über Hamburg tobt während des Angriffs ein erbitterter Kampf der Nachtjagd und der am Boden stationierten Flak-Geschütze gegen den Bomberverband. Durch die Nachtjäger und Flak verliert die RAF in dieser Nacht 29 Flugzeuge, im einzelnen: 15 Wellington, 8 Halifax, 2 Hampden, 2 Lancaster und 2 Sterling. Das entspricht einer Verlustrate von 7,2 Prozent - ein herber Schlag für die britische Luftwaffe.

Unter den abgeschossenen Flugzeugen befindet sich auch die oben genannte Wellington. Sie stürzt am 27.7.1942 um ca. 1:15 Uhr ca. 40 km nordwestlich von Hamburg in Horst (Holstein) ab und wird durch den Aufprall und Brand völlig zerstört.


Bild 1:
Absturzstelle vom Horstheider Weg in Richtung Bahnhofstraße aufgenommen.

Bild 2:
Absturzstelle ebenfalls vom Horstheider Weg in Richtung Bahnhofstraße aufgenommen. Das Haus links oben gehört der Familie Wulf.

Drei Besatzungsmitgliedern gelingt es, die Wellington vor dem Aufprall zu verlassen und sich durch Fallschirmsprung zu retten. Alle werden noch in der gleichen Nacht verhaftet.

Squadron Leader C.L. Olsson wird ca. 8 km vor der Absturzstelle in Elmshorn verhaftet. F/O J.A. Goring und Sgt. A.H. Collison landen auf Horster Gebiet und werden ebenfalls in Gewahrsam genommen.

P/O W.S. Findlay und F/S W.A. Penney schaffen es nicht und verlieren in dieser Nacht ihr junges Leben.

Am nächsten Tag rückt das Bergekommando des Fliegerhorstes Uetersen an, um das Flugzeug zu untersuchen und den Abtransport vorzubereiten. Die oben gezeigten Bilder von der Absturzstelle stammen aus diesem Bericht.


Aufschlagpunkt des Bombers. Die Theodor-Storm-Straße gab es damals noch nicht.

Da der Bericht des Bergekommandos selber nur in einer schlecht leserlichen Qualität vorliegt, habe ich mir erlaubt, diesen Bericht auf den folgenden Seiten noch einmal leserlich abzuschreiben.

Fliegerhorstkommandantur
xxxxxxxUetersen
xxxxxTechn. Leitung xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxUetersen, den 30. Juli 1942

Betr.: Bergung eines feindlichen Flugzeugs.


Bericht über ein abgeschossenes feindliches Flugzeug.

Ein Flugzeug: xxxxxxxxxxxxxenglischer Nationalität
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxWerk-Nr.: Z 1319
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxKennzeichen: nicht feststellbar
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxHersteller: nicht feststellbar
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxBaumuster: Wellington IV
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxAbnahmedaten: Typenschilder mit Ab-
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxnahmedatum wurden nicht
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxvorgefunden.
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxVerwendungszweck: als Kampfflugzeug

Das Flugzeug stürzte in der Nacht vom 26. auf den 27.7.1942 in
Horst / Elmshorn gegen 1.15 Uhr ab und wurde durch Aufschlag und
Brand vollständig zerstört. ( 100% ). Die Bergung wurde am 28.7.42
von der Fliegerhorstkommandantur Uetersen durchgeführt und die Rest-
teile an den Zerlegebetrieb Rotenburg zum Versand gebracht.

Von der 5köpfigen Besatzung wurden 3 gefangengenommen und 2 tot ge-
borgen.
Die gefangenen Besatzungsmitglieder sind:

xxxxxxx1.) Goring, James, Arthur, Flying Officer,
xxxxxxxxxxxxxxxErkennungsnummer J 3765
xxxxxxx2.) Collison, Alfred, Sergant
xxxxxxxxxxxxxxxErkennungsnummer 1382550
xxxxxxx3.) C. L. Olsson, Charles, Hilr.
xxxxxxxxxxxxxxxErkennungsnummer 5763
Die 2 toten Besatzungsmitglieder wurden auf dem Friedhof in Uetersen
am 30.7.42 beigesetzt. 1 totes Besatzungsmitglied hieß vermutlich
F i n d l a y, da dieser Name in einem Fallschirm festgestellt wurde.

Die Lage des Flugzeugs nach dem Absturz ist aus den Bildern 1-3 ersichtlich.

Technische Angaben, soweit aus den vorgefundenen Bruchstücken noch
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxErkenntlich:

1. Zelle,
Aufbau: xxxxxxxxGeodätische-Bauweise, stoffbespannt.

- 2 -


- 2 -

Tragwerk:
xxxxxxxxxGitterbauweise - Rohrholme - Leichtmetall- die gesamte
xxxxxxxxxFlügelnase ist mit einer Stahlplatte beplankt - in der
xxxxxxxxxFlügelnase Kappvorrichtungen.
Querruder und Landehilfen:
xxxxxxxxxRohrholm, Leichtmetallrippen, vorderes Drittel stoffbespannt
Steuerung:
xxxxxxxxxVollständig zerstört, nicht mehr feststellbar.
Trimmung:
xxxxxxxxxIn den Seiten- und Höhenrudern sowie in den Querrudern
xxxxxxxxxverstellbare Trimmruder.
Fahrwerk:
xxxxxxxxxeinziehbares Fahrwerk, vermutlich durch Öldruck betätigt,
xxxxxxxxxSporn einziehbar
2. Triebwerk:
xxxxxxxxxDas Flugzeug war mit 2 Triebwerken P & W "Twin Wasp"
xxxxxxxxxS 3 C 4 - G luftgekühlten 14 Zylinder- Doppelsternmotoren
xxxxxxxxxmit Untersetzungsgetriebe und Lader ausgerüstet.
xxxxxxxxxMotoraufhängung nicht feststellbar. Je Motor 1 Doppel-
xxxxxxxxxvergaser ( Stromberg ) - Zweiganglader - Auspuffsammler
xxxxxxxxxmit Flammenvernichter, ringförmig - Zündkabel abgeschirmt
Kraftstoffbehälter:
xxxxxxxxxAus Leichtmetall durch Gummi und Leinenschichten geschützt
Schmierstoffbehälter:
xxxxxxxxxnicht feststellbar.
Ölkühler:
xxxxxxxxxJe Motor einen Rohrlamellen-Öhlkühler.
Luftschrauben:
xxxxxxxxx2 Stck. 3 Blatt-Verstell-Luftschrauben- Leichtmetall-
xxxxxxxxxBlätter - vom Muster Curtiss.
3. Ausrüstung:
xxxxxxxxxFunkgerät:
xxxxxxxxxDas Funkgerät wurde durch Aufschlag und Brand vollständig
xxxxxxxxxzerstört.
Navigationsgerät:
xxxxxxxxxnicht mehr feststellbar.
Signalgerät:
xxxxxxxxxnicht mehr feststellbar.
Seenotausrüstungrüstung:
xxxxxxxxxnicht mehr feststellbar.

- 3 -


- 3 -

Sicherheitsgeräte:
xxxxxxxxx3 Fallschirme wurden geborgen: Bezeichnung IRVIN AIR
xxxxxxxxxCHUTE AEROPLANE / Type TWO Point Quik Connecter
xxxxxxxxxMfg. Nr. 85686, Nr. 85934.
Sauerstoffgerät:
xxxxxxxxxnicht mehr feststellbar, scheinbar feste Anlage und
xxxxxxxxxtragbare Sauerstoff-Flaschen - Feuerlöscher waren
xxxxxxxxxdie üblichen Typen vorhanden.- 2 Schwimmwesten vom
xxxxxxxxxTyp : FLAF
xxxxxxxxxSitz : MEDIUM
Flugüberwachungsgeräte:
xxxxxxxxxnicht mehr feststellbar.
Triebwerksüberwachungsgeräte:
xxxxxxxxxnicht mehr feststellbar.
Elektrische Ausrüstung:
xxxxxxxxxnicht mehr feststellbar.
Bildgeräte:
xxxxxxxxxnicht mehr feststellbar.

4. Bewaffnung:
xxxxxxxxxBei dem Flugzeug wurden 4 MG vorgefunden:
xxxxxxxxx1.) 1 Doppel MG xxxxxx2.) 1 Doppel MG
xxxxxxxxxxxxMK II xxxxxxxxxxxxxxxxMK II
xxxxxxxxxxxxB 121579xxxxxxxxxxxxx B 121020
xxxxxxxxxxxxBxxx NTSxxxxxxxxxxxxxBxxx NTS
xxxxxxxxxxxx-----------------------------------
xxxxxxxxxxxxMK II xxxxxxxxxxxxxxxxMK II
xxxxxxxxxxxxB 121640 xxxxxxxxxxxxxB 121259
xxxxxxxxxxxxB xxxNTS xxxxxxxxxxxxxB xxxNTS

Munition:
xxxxxxxxxSchussfolge im Gurt Kaliber 7,7:
xxxxxxxxxK 2 1941xxxxxxxxx GB 1941xxxxx GB 1940 xxxxxGB 1941
xxxxxxxxxVII xxxxxxxxxxxxxxxVII xxxxxxxxxxVII xxxxxxxxxxVII
xxxxVioletter Ring xxxxxxxxxxxviolett xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxviolett

xxxxxxxxxK 1941 xxxxxxxxxxxK 1941 xxxxxxK 1941 xxxxxxxK 1941
xxxxxxxxxGV xxxxxxxxxxxxxxxWI xxxxxxxxxxWIxxxxxxxxxxx WI
xxxxxxxxxRoter Ring xxxxxxxxGrün xxxxxxxxxGrün xxxxxxxxxxGrün

xxxxxxxxxCP 1941xxxxxxxxxx MF 1940 xxxxGB 1939
xxxxxxxxxVII xxxxxxxxxxxxxxxVIIxxxxxxxxxx VII
xxxxxxxxxVioletter Ring xxxxxxviolett xxxxxxxxviolett

- 4 -


- 4 -

Brandbomben:
xxxxxxxxxAn Brandbomben wurden noch 12 Stck. vorgefunden.
xxxxxxxxxMuster JHG 4 1b mit folgender Bezeichnung:
xxxxxxxxxIII IC I/F/B 6/42 LOT 4897
xxxxxxxxxIII IC I/F/B 6/42 LOT 4912
xxxxxxxxxIII IC I/F/B 6/42 LOT 4724

Zielgerät:
xxxxxxxxxArt und Einbau nicht mehr feststellbar.
Sonderausrüstung:
xxxxxxxxxPanzerplatten wurden vorgefunden - vollkommen ausgeglüht -
xxxxxxxxxZerstöungsvorrichtungen wurden nicht vorgefunden -
xxxxxxxxxKampfstoffe und Gasmasken wurden nicht vorgefunden.

Die vorgefundenen Typenschilder wurden abgenommen und an das RLM
GL/ RÜ., Herrn Stabsing. B e s e l e r, zum Versand gebracht.
Dem Luftgaukommando II Abt. I C wurden Landkartenreste, Flugblätter,
ein Paket mit Geldscheinen, Navigationsbücher, Signaltabelle und sonst.
Schriftstücke übersandt.

 

xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxFl.Haupting. u. Techn.Leiter

Verteiler:
RLM GL/RÜ.xx 2x
L.G.K.11 IOxxx1x
L.G.K.11 (Ing.)x1x
Akten xxxxxxxxx1x
xxxxxxxxxxxxxx------
xxxxxxxxxxxxxxx5x

 

William Scott Findlay wird nur 29 Jahre und William Alfred Penny 26 Jahre alt. Beide werden am 30.7.1942 mit militärischen Ehren in Uetersen beigesetzt.


Abfeuern der 3fachen Salve über dem offenen Grab

Folgend der Bericht über die Beisetzung der beiden kanadischen Soldaten:

Nach dem Krieg werden die beiden exhumiert und auf den englischen Soldatenfriedhof in Hamburg Ohlsdorf umgebettet.

Die Grabstelle von W. S. Findlay und W. A. Penny heute

Ansicht des englischen Soldatenfriedhofes in Hamburg Ohlsdorf

 

Die Absturzstelle ist heute mit Häusern überbaut und nichts deutet mehr darauf hin, dass hier einmal ein großer englischer Bomber sein tragisches Ende gefunden hat. Die Bewohner der umliegenden Häuser haben damals unheimlich viel Glück gehabt, dass ihre Behausungen nicht zerstört bzw. beschädigt wurden. Wenn man sich diese kleine Stelle heute betrachtet, kann man fast schon von einem Wunder sprechen, dass das große Flugzeug genau in dieses "Loch" gefallen ist.


Danksagung:

An erster Stelle möchte ich mich ganz herzlich bei Frank Quast aus Seestermühe bedanken, der mir die Bilder und die Berichte zur Verfügung gestellt hat. Denn nur solche Bilder und Dokumente machen es uns möglich, einen realistischen Eindruck der damaligen Geschehnisse zu bekommen.

Weiterhin danke ich Markus Schmidt für seine Recherchen und den beiden unermüdlichen Helfern Peter Schiller und Olaf Weddern, die mir alle immer mit Rat und Tat geholfen haben.

Daten der Angriffe und zu den Personen habe ich teilweise dem Internet

entnommen:
- www.cwgc.org
- www.raf.mod.uk/bombercommand

Wenn Sie weitere Informationen zu diesem Absturz haben oder Ihnen noch andere Abstürze in oder um Horst herum bekannt sind, schreiben Sie mir bitte:

Michael Tesch
Heisterender Chaussee 15
25358 Horst (Holstein)
Email an Michael Tesch