Möchten Sie, dass die Schönheit und der Gemütswert der Frakturschriften nicht in Vergessenheit geraten? Wollen Sie Texte in Frakturschrift erstellen oder Grafiken (zum Beispiel Familienanzeigen) oder Diplome mit Frakturschrift versehen? Dann können Ihnen die nachfolgenden Informationen nützen.
1 Geschichte
Übersichten über die geschichtliche Entwicklung und die Eigenart der
"gebrochenen Schriften" (wie sie korrekt heißen; vgl. die Klassifikation
der Schriften in DIN 16518 [1]) finden Sie u.a. beim
Bund für Deutsche Schrift und Sprache,
BfdS (hier "Schriftgeschichte"), bei "Progothics" und in
Wikipedia.
Kurz gesagt, entstand zuerst die gotische Schrift, und zwar wie die gotische Architektur in Frankreich; Gutenbergs erste gedruckte Bibel (die 42-zeilige Bibel von 1455 in lateinischer Sprache) wies noch diese Schrift auf:
Im 19. und 20. Jahrhundert wurden alle drei Spielarten weiter verwendet und auch weiter entwickelt. Bis 1941 wurden in Deutschland die meisten Bücher und Zeitungen in Fraktur gedruckt. Hier ist ein Muster einer solchen Fraktur (Mars-Fraktur, siehe weiter unten):
Am 3. Januar 1941 unterzeichnete Martin Bormann den "Schrifterlass" [2], in dem behauptet wurde,
| "Die sogenannte gotische Schrift als eine deutsche Schrift anzusehen oder zu bezeichnen ist falsch. In Wirklichkeit besteht die sogenannte gotische Schrift aus Schwabacher Judenlettern ..." |
Sachlich und historisch war das völlig unbegründet. Aber der Gebrauch der Fraktur und der "deutschen Schreibschrift" (Sütterlin) wurde damit praktisch verboten.
2 Korrektes Schreiben der Fraktur
Dazu muss man einige Regeln kennen; am wichtigsten sind die Regeln über die Verwendung des Kleinbuchstabens "s/ſ":
A) Das "runde s" steht im Allgemeinen am Silbenende (deshalb Muskel, Donnerstag, Arabeske) sowie vor "k" innerhalb einiger eingedeutschter Wörter: brüsk, grotesk, Kiosk, Obelisk.
B) Das "lange ſ" steht sonst fast überall, insbesondere am Silbenanfang (auch vor "k") und immer bei ſch, wenn dies den einheitlichen Laut "sch" bedeutet, und bei ſp, ſſ und ſt innerhalb eines einfachen (d.h. nicht zusammengesetzten) Worts, und zwar -- als Ausnahme von Regel A -- auch wenn die Silbentrennung nach dem "ſ" erfolgt (Knoſ-pe, Waſ-ſer, faſ-ten).
Außerdem gibt es Ligaturen, d.h. Buchstabenverbünde, die für ein ausgewogenes Schriftbild sorgen; die Ligaturen für ch, ck und tz sollen unbedingt verwendet werden, wenn die Schriftdatei sie enthält. Weiterhin gibt es laut Duden [2] und nach der früheren Norm für den "Schriftkasten für Fraktur" Ligaturen für ff, fi, fl, ft, ll, ſch, ſi, ſſ, ſt; daneben (nicht im Duden erwähnt) haben manche Schriften auch Verbünde für ſl, tt.
Detaillierte Regeln für die Frakturschreibung kann man finden
- im Duden (Rechtschreibung) früher unter "Richtlinien für den
Schriftsatz", jetzt (in der 22. Auflage) unter "Textverarbeitung";
- bei "Progothics".
3 Die neue Rechtschreibung und die Fraktur
Die meisten oben genannten Quellen gehen noch nicht darauf ein, wie das "ss", das nun statt "ß" stets nach kurzem Vokal geschrieben werden soll, in der Fraktur gesetzt werden soll (auch nicht die 21. Auflage des Duden, die doch schon die neue Rechtschreibung enthält). Die 22. Auflage des Duden gibt nun die folgende Empfehlung:
"Das nach der Neuregelung der Rechtschreibung häufiger zu schreibende Doppel-s im Auslaut sollte im Fraktursatz aus ästhetischen Gründen mit der Kombination von langem und rundem s wiedergegeben werden".
Im Duden nicht eigens erwähnt ist die Wiedergabe von "sst" im Fraktursatz. Die Duden-Sprachberatung hat mir dazu mitgeteilt: "Hier lässt sich aber aus dem Gebrauch von doppeltem langem s im Inlaut für den stimmlosen s-Laut ableiten, dass in diesen Fällen mit doppeltem langem s (mit Ligatur) + t zu schreiben ist. Diese Schreibweise ermöglicht auch die jetzt korrekte Trennung muss-te, hass-te."
Somit ergeben sich folgende Muster für das "Doppel-s":

4 Lizenzfreie Frakturschriften für den PC
TrueType-Schriften (.ttf) für Windows- und
Linux-Rechner: In allen möglichen "Font"-Sammlungen (die man z.B. als
Beigabe zu einem Textverarbeitungsprogramm oder Zeichenprogramm erhält) finden sich
Frakturschriften, die für dekorative Zwecke gedacht sind; vor allem, wenn sie
aus den USA stammen, enthalten sie meist nicht das "lange s" und erst recht
nicht die Ligaturen. Im WWW gibt es jedoch Quellen für schöne frei
herunterladbare Frakturschriften, die nicht diese Mängel aufweisen:
- Als eine Art Schnupperangebot gibt es bei Dipl.-Ing. Gerhard Helzel (Edition Romana, s. auch weiter unten) gratis die folgenden Schriften:
Die Mars-Fraktur normal (s. Muster oben) und die Koch-Fraktur, eine relativ moderne Fraktur des Schriftkünstlers Rudolf Koch, 1908 entworfen. Beide enthalten die meisten Ligaturen (die "Mars" sogar das "ſl", das lt. Mitteilung von G. Helzel nur in skandinavischen Sprachen benutzt wird).
Nebenbei: Auch für die oben erwähnte Sütterlin-Schreibschrift findet man im WWW Schrift-Dateien; eine davon können Sie hier herunterladen.
Eine schier überwältigende Fülle von Schriften (nicht nur
Fraktur) sowie "Dingbats" und Vignetten gibt es gratis bei
Typoasis, dabei
u.a. (bei "Designers") Fonts von Dieter Steffmann.
Einige Frakturschriften und andere originelle Schriften gibt es bei Peter Wiegel.
5 Das Buch "Fraktur mon Amour" von Judith Schalansky (Verlag Hermann Schmidt, Mainz 2006):
Es möchte "die Renaissance der Fraktur feiern" und präsentiert 300 Fraktur-Fonts, die digital verfügbar sind -- sowohl traditionelle wie auch höchst eigenwillige moderne. 137 lizenzfreie Fonts können von einer CD-ROM, die dem Buch beiliegt, heruntergeladen werden.
Auf allen "Gratis"-Schrift-Dateien gemäß den Abschnitten 4 und 5 liegen Urheberrechte; nach meinem Verständnis werden die Schriften in entgegenkommender Weise zum privaten Gebrauch zur Verfügung gestellt, aber nicht für kommerzielle Zwecke.
6 Käuflich erwerben können Sie viele vollständige Schriften - auch in verschiedenen Schriftschnitten - bei
- Delbanco Frakturschriften. Dort gibt es auch die Antiqua-Fraktur-Umsetzer Ligaturix (für MS Word für Windows 97/2000/2002) und Frakturix (für Mac), die von Hans-Georg Soldat stammen.
- Edition Romana (Gerhard Helzel); es gibt auch Schriften für den Mac und einen Antiqua-Fraktur-Umsetzer für MS Word 97/2000.
- Friedemann, Volker und Markwart Lindenthal. Auch dort gibt es einen Umsetzer, den Frakturmeister.
- Will Software GmbH, 35428 Cleeberg.
- Ingo Zimmermann.
(Weitere im Buch von J. Schalansky, s.oben).
7 Codes für Frakturzeichen im Unicode-System
In den Alphabeten, die bisher auf dem PC meistens verwendet werden, fehlen das "lange s" und die Ligaturen. Deshalb haben die Lieferanten der Frakturschriften diese Zeichen mit Codes und dadurch mit Tasten verknüpft, die an sich für andere Zeichen vorgesehen sind. So dient bei den unter 4 genannten Schriften von G. Helzel die Taste "s" für das "lange s", während für das "runde s" die Taste "+" zu verwenden ist. Weil es keine Norm gibt, die allgemein angewandt werden kann, ist es nicht verwunderlich, dass die Lieferanten das nicht alle gleich machen.
Für die Zukunft sollte die Lösung beim Unicode zu finden sein. Unicode erfasst bereits die meisten Alphabete, die auf unserem Planeten benutzt werden oder wurden, einschließlich "Unified Canadian Aboriginal Syllabic", "Ugaritic" und "Runic".
Im Rahmen des Unicode gibt es Codetabellen für "Latin Extended-A" -- dabei ist das "lange s" ſ -- und "Alphabetic presentation forms" -- dabei sind diverse Ligaturen. Die folgende Tabelle fasst diese Zeichen (soweit sie für die Fraktur in Betracht kommen) zusammen:
| Zeichen | ſ | ff | fi | fl | ſt | |
| Hex-Code | 017F | FB00 | FB01 | FB02 | FB05 | |
| Dezimalcode | 383 | 64256 | 64257 | 64258 | 64261 |
Bisher fehlen also mehrere Ligaturen, die speziell für die Fraktur gebraucht werden, nämlich insbesondere diejenigen für ch, ck und tz, dann auch für ft, ll, ſch, ſi, (ſl), ſſ, (tt).
8 Weitere Tipps und Infos zur Fraktur
Viel Material finden Sie bei Fritz Jörn, u. a. Fraktur-Tipps und Infos zum Unicode.
Eine unglaubliche Menge von Verweisen zu Frakturthemen gibt es auf der Seite "Fraktur fonts" von Prof. Luc Devroye von der McGill-Universität in Montreal, Kanada.
9 Fraktur-Formelzeichen für Vektorgrößen
Für Vektoren, also Größen mit einer Richtung im Raum (wie Kraft, Geschwindigkeit) führte der britische Physiker James Clerk Maxwell in seinem epochemachenden Werk "A Treatise on Electricity and Magnetism" (1873) als Formelzeichen (symbols) Frakturbuchstaben ein:

10 Quellen
[1] DIN 16518, Ausgabe 1964-08: Klassifikation der Schriften. Beuth Verlag Berlin, Wien, Zürich.
[2] Duden: Rechtschreibung der deutschen Sprache (ab 22. Auflage). Dudenverlag Mannheim usw.
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Von Ugarit bis zum Unicode Mebibyte statt Megabyte
Verborgene Informationen in MS-Word-Dateien Die Nazis und die Fraktur