| Die Nazis und die
Fraktur
1 Hitler und die "deutsche Kunst" |
| "... der nationalsozialistische Staat[muss] sich verwahren gegen das plötzliche Auftauchen jener Rückwärtse, die meinen, eine 'teutsche Kunst' aus der trauten Welt ihrer eigenen romantischen Vorstellungen der nationalsozialistischen Revolution als verpflichtendes Erbteil für die Zukunft mitgeben zu können ... " |
| Damit war deutlich gemacht worden, dass Deutsch-Romantisches im Dritten Reich nicht
mehr gefragt war. Dennoch galt die Frakturschrift weiterhin als Ausdruck deutscher Identität; das ging so weit, dass 1937 jüdischen
Verlagen verboten wurde, Fraktur zu verwenden [2]. Dann kam die groteske Wende:
2 Bormanns Schrifterlass [3] | ||
| Stabsleiter | z.Zt. Obersalzberg, den 3.1.41 |
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R u n d s c h r e i b e n Zur allgemeinen Beachtung teile ich im Auftrag des Führers mit: Die sogenannte gotische Schrift als eine deutsche Schrift anzusehen
oder zu bezeichnen ist falsch. In Wirklichkeit besteht die
sogenannte gotische Schrift aus Schwabacher Judenlettern. Genau
wie sie sich später in den Besitz der Zeitungen setzten,
setzten sich die in Deutschland ansässigen Juden bei
Einführung des Buchdrucks in den Besitz der Buchdruckereien
und dadurch kam es in Deutschland zu der starken Einführung
der Schwabacher Judenlettern. Am heutigen Tage hat der Führer in einer Besprechung mit Herrn
Reichsleiter Amann und Herrn Buchdruckereibesitzer Adolf Müller
entschieden, dass die Antiquaschrift künftig als
Normal-Schrift zu bezeichnen sei. Nach und nach sollen sämtliche
Druckerzeugnisse auf diese Normal-Schrift umgestellt werden.
Sobald dies schulbuchmässig möglich ist, wird in den
Dorfschulen und Volksschulen nur mehr die Normal-Schrift gelehrt
werden. Die Verwendung der Schwabacher Judenlettern durch Behörden wird
künftig unterbleiben. Ernennungsurkunden für Beamte,
Strassenschilder u. dergl. werden künftig nur mehr in
Normal-Schrift gefertigt werden. Im Auftrage des Führers wird Herr Reichsleiter Amann zunächst
jene Zeitungen und Zeitschriften, die bereits eine
Auslandsverbreitung haben, oder deren Auslandsverbreitung
erwünscht ist, auf Normal-Schrift umstellen. gez. M. Bormann |
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| Martin
Bormann war seinerzeit Stabsleiter beim "Stellvertreter des
Führers", Rudolf
Hess; Max Amann war "Reichsleiter" für die Presse
der NSDAP und Direktor des Zentralverlages der NSDAP; Adolf Müller
[4] druckte den Völkischen
Beobachter, das Zentralorgan und "Kampfblatt" (d.h.
Hetzblatt) der Nazi-Partei.
Wenn das Rundschreiben seinerzeit allgemein verbreitet worden wäre, hätten viele, auch "völkisch" Gesinnte, sich sehr gewundert, weil sie wussten, dass die Behauptungen über die "Judenlettern" sachlich ganz und gar falsch waren. Möglicherweise war das Rundschreiben deshalb "nicht zur Veröffentlichung"; immerhin konnte in parteiinternen Kreisen gesagt werden, dass die im Erlass gegebene Begründung "wissenschaftlich nicht vertretbar ist" [5]. Die Behauptung von der jüdischen Herkunft der "gotischen" Schrift passt dazu, dass der "Führer ... aus dem Judentum die Klammer um die Vielzahl der ihm feindlichen Faktoren machte" (Victor Klemperer [6]). Ich erinnere mich noch, wie zur Verblüffung von uns Schülern erklärt wurde, dass nicht mehr die deutsche Schreibschrift (Sütterlin-Schrift) zu schreiben sei; die uns schon bekannte lateinische Schreibschrift hieß nun "deutsche Normalschrift". Den Unsinn von den "Judenlettern" erzählte man uns nicht; es hieß vielmehr, die Änderung werde vorgenommen, damit die Bewohner der von Deutschland besetzten Länder unsere Verlautbarungen leichter verstehen könnten. Der Erlass wurde nicht durchweg beachtet: In meinem Bücherschrank gibt es ein kleines Buch "Deutsche Gedichte", ausgewählt von Katharina Kippenberg, im Insel-Verlag zu Leipzig 1943, in Fraktur. Dieselbe Sammlung, etwas erweitert, erschien 1954 wieder, diesmal in Antiqua. Im Verhältnis zur Fraktur wirkt sie kalt. Übrigens sollen auch Gesetzblätter weiterhin in Fraktur gedruckt worden sein. 3 Aus Goebbels'
Tagebüchern |
| "Der Führer ordnet an, daß die Antiqua künftig nur noch als deutsche Schrift gewertet wird [Er meinte wohl: ... daß künftig nur noch die Antiqua als deutsche Schrift gewertet wird]. Sehr gut. Dann brauchen die Kinder wenigstens keine 8 Alphabete mehr zu lernen. Und unsere Sprache kann wirklich Weltsprache werden." |
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Unter den "acht Alphabeten" verstand man damals die
Klein- und Großbuchstaben von Fraktur, deutscher Schreibschrift
(Sütterlin), Antiqua und lateinischer Schreibschrift!
4 Lucian Bernhard [8] und der Völkische Beobachter
Im Jahre 1923 wurde Bernhard der erste ordentliche Professor für Reklamekunst, und zwar an der "Unterrichtsanstalt des Berliner Kunstgewerbemuseums". Aber bereits im selben Jahr wanderte er nach New York aus. (Auch dort lehrte er, u.a. an der New York University). Bernhard entwarf auch Möbel, Inneneinrichtungen und Schriften, neben anderen die Bernhard Fraktur (1913), die "den Zeitgeist traf" und auch für amtliche Verlautbarungen angewandt wurde. Auch der Völkische Beobachter benutzte die Bernhard-Fraktur -- hier in der "extra fetten" Variante für große Überschriften:
Sicher war es kein Zufall, dass gerade der oben schon genannte Drucker des Völkischen Beobachters, Adolf Müller, bei der Besprechung dabei war, die zum Erlass vom 3. Januar 1941 führte. Es liegt nahe, zu vermuten, dass er herausgefunden hatte (oder Mitarbeiter ihn informiert hatten), dass der Entwerfer der Schrift Jude war. Jedenfalls durfte dieser für das Regime peinliche Tatbestand nicht öffentlich bekannt werden ... lieber stellte man die pauschale Behauptung auf, die "gotische Schrift" (gemeint war die Fraktur) bestehe aus "Judenlettern". 5 Die Alliierten und die
Fraktur Quellen Links |
| Lutz Schweizer | Zur Homepage | Dezember 2005. Letzte Revision: 1. Mai 2014 |