2. Methoden

    Um die Beobachtungen der untersuchten Verhaltensweisen besser einordnen und interpretieren zu können muss man diese nun erst einmal genau definieren:

    2.1. Definition der Koprophagie

    Die Koprophagie definiert sich bereits in der Übersetzung des Begriffs -> Kotfressen (s. Literaturverzeichnis Bb. Hierbei nimmt das Individuum den eigenen oder auch den Kot von Artgenossen wieder auf. „Es gibt einige Tierarten, bei welchen dies eine normale Verhaltensäußerung ist. Manche Nager, wie zum Beispiel Ratten oder Kaninchen, nehmen ihren eigenen Kot wieder auf um an spezielle Vitamine zu gelangen, die nur von Dickdarmbakterien hergestellt werden jedoch nur kaum durch die Darmhäute aufgenommen werden können.“ (s. Literaturverzeichnis B, c))
    Flachlandgorillas gehören jedoch nicht zu diesen Tierarten. (Zitat PD Dr. Udo Ganßloser, s. Anhang XIV) „Die Aufnahme des Kotes konnte in freier Wildbahn noch nie dokumentiert werden, worauf sich die Vermutung stützt, dass dies eine Verhaltensstörung ist. Die Ursachen dieses Verhaltens sind bisher unbekannt. Es wird vermutet, dass dies eine Reaktion auf emotionalen Stress ist und eventuell sogar ein abgelenktes, aggressives Verhalten darstellt

    2.2. Definition der Aggression

    Im Bereich der Aggression soll die „Definition nach Huntingford und Turner (1987) geltend sein. Sie besagt, dass Aggressionen die Verabreichung schmerzhafter, störender und potentiell schädlicher Reize an ein anderes Lebewesen, mit dem Ziel einen Vorteil zu erreichen“, ist. (s. Literaturverzeichnis A,b))
    „Zudem wird sie in einigen Lehrbüchern als Lösungsversuch von Konflikten beschrieben, die hauptsächlich durch Wettbewerb auftreten.

    Nach Mason (1993) können soziale Konflikte durch folgende Gründe entstehen:

  1. Ein Individuum sucht irgendeine Art sozialer Befriedigung und erreicht diese nicht (z.B. abgewiesene Spiel- und Groominganträge )
  2. Erwartungen an ein anderes Mitglied werden plötzlich nicht mehr erfüllt, z.B. durch endogene Umstimmungen.
  3. Neue Beziehungen werden etabliert.
  4. Eine bestehende wichtige Beziehung wird bedroht.
  5. Wettbewerb um eine Ressource .
  6. Wettbewerb um sozialen Status
  7. Wie Mason (1993) ausführt, sind in diesem Zusammenhang auch innere Konflikte bedeutend. Diese äußern sich als:

  8. räumliche Konflikte (z.B. durch Annäherung / Ausweichen , oder zwei , die sich meiden möchten , müssen aufeinander zugehen)
  9. Unsicherheitskonflikte , wenn das Individuum den Ausgang einer Situation nicht abschätzen kann
  10. Zeitlicher Konflikte, wie viel Zeit und Energie soll für welches Verhalten jetzt aufgewandt werden?“ (s. Literaturverzeichnis A,b))
  11. Es kann jedoch auch vorkommen, dass Aggressionen umgelenkt werden. In diesem Fall wendet sich der Ausbruch nicht gegen ein bestimmtes Individuum. „Auch ist Frustration schwer definierbar und kann zu anderen, nicht -aggressiven Reaktionen führen.“ (s. Literaturverzeichnis A,b))

    2.3. Das Sequence Sampling

    Den nun aufgebrachten Definitionen zur Folge wurden nun alle Verhaltensäußerungen beobachtet, die eine Vermutung zu aggressiven Verhalten nahe legten. Im Falle der Koprophagie musste nur das einzelne Auftreten festgestellt werden. Da diese Verhaltensweisen jedoch spontan geäußert werden und oft nur in kürzeren Zeiträumen stattfinden, wurden die Beobachtungen mit der Methode des Sequence Sampling festgehalten.
    „Hierbei wird die gesamte Gruppe zur selben Zeit beobachtet und jedes Auftreten des untersuchten Verhaltens notiert, also die Sequenz in der das zu untersuchende Verhalten auftritt. Die Vorraussetzungen hierfür sind:

  12. Gute Beobachtungsbedingungen, denn muss man während des Beobachtens häufig den Beobachtungsposten wechseln, wird es unwahrscheinlich, dass alle Tiere gleichzeitig im Blickfeld behalten werden können.
  13. Auffällige Verhaltensweisen, da ansonsten bei näherer Konzentration auf die Aktion eines einzelnen Individuums leicht die Verhaltensäußerung eines anderen Gruppenmitgliedes übersehen werden kann.
  14. Nicht zu häufiges Auftreten des Verhaltens
  15. Keine zu große Gruppe, denn je mehr Individuen gleichzeitig zu beobachten sind, desto eher kann etwas übersehen werden“ (vgl. Anhang XII)
  16. Alles dies ist gegeben:

  17. Das Außengehege der Nürnberger Gorillas ist zum größten Teil zusammenhängend überschaubar (s. Beschreibung in 1.1.1.), auch die beiden Räume der Innengehege können gleichzeitig eingesehen werden (s. Beschreibung 1.1.2.).
  18. Da Aggressionen häufig in schnellen Bewegungen geäußert werden und oft schon vorausgeahnt werden können (Individualdistanzen werden unterschritten; Konkurrenz um Ressourcen während der Fütterungszeit wahrscheinlich, etc.) und Koprophagie eine eindeutig zu identifizierende Handlung darstellt.
  19. Aggressionen sind an Situationen gebunden, können folglich schlecht in einem strikten Zeitraster aufgenommen werden und es wird vermutet, dass die Häufigkeit des Auftretens variiert, bzw. im Außengehege sehr gering ist. Koprophagie kann nur in einem gewissen Zeitraum nach der Nahrungsaufnahme stattfinden. Es ist auch der Fall, dass ein Tier nach großen Mahlzeiten höchstens zwei Mal abkotet und dass hierzu erst einmal der Verdauungsvorgang abgeschlossen sein muss, was diesem Verhalten durch die Fütterungszeiten einen gewissen Zeitrahmen anlegt.
  20. Die Gruppe besteht lediglich aus vier Individuen und ist daher gut zu überblicken (s. Anhang XIII).
  21. 2.4. Fehlerquellen

    Obwohl die Beobachtungsmethode mit Bedacht gewählt wurde, sind einige Fehlerquellen möglich:

  22. Die Außenprotokolle, die zur Auswertung dieser Arbeit herangezogen wurden sind zufällig gewählt, da ca. fünf Wochen im Außengehege beobachtet werden konnte, jedoch für die Innenbeobachtungen nur eine Woche im Herbst zur Verfügung stand. Zwar sind auch drei Innenbeobachtungen im Sommer dokumentiert, jedoch allein eine (30.8.2003) für die Auswertung im Bereich der Aggressionen herangezogen werden kann, da die Gorillas während der beobachteten halben bis dreiviertel Stunde der ersten beiden Tage erst gefüttert wurden und somit die Voraussetzung zur Koprophagie (der abgeschlossene Verdauungsvorgang) fehlte, die folglich auch nicht beobachtet werden konnte. Zudem wurde ebenfalls im Sommer versucht einige Stunden nachmittags im Innengehege zu beobachten, die Gorillas waren hier jedoch durch den hohen Besucherandrang kaum zu sehen und zusätzlich noch durch die Besucher selbst beeinflusst. So sprang beispielsweise Fritz nachmittags häufig gegen die Panzerglasscheiben, wenn sich viele Besucher im Affenhaus aufhielten. Die Besucher reizten den Silberrückenmann mit Absicht, was sie nicht taten, wenn sich dieser im Außengehege befand. Aus diesem Grund wären die in die Auswertung bezogenen aggressiven Handlungen des Gorillas Ergebnis verfälschend, da sie nicht auf den Raumunterschied zwischen Innen- und Außengehege zurückzuführen sind.
  23. Die Irritation durch äußere Einflüsse spielt im Ganzen eine große Rolle bei den Fehlerquellen. So mussten im Herbst meist die Innenbeobachtungen frühzeitiger als geplant beendet werden, weil die Tierpfleger in dem ans Gorillagehege angrenzenden Orang Utan Gehege versuchten den Orang Utan Vicky zu betäuben, worauf die Gorillas mit großer Aufregung reagierten. Auch musste morgens häufig einige Minuten gewartet werden, da Fritz und zeitweise auch Lena, durch die Panzerglasscheiben den Besucherraum beobachteten. (Zitat PD Dr. Udo Ganßloser, s. Anhang XIV) „Da der Verhaltensbiologe jedoch keine Ablenkung vom normalen Verhalten für das zur Verhaltensstudie herangezogene Individuum darstellen darf, können diejenigen Zeiten in welchen man selbst beobachtet wurde nicht gewertet werden“ (Zitatende) und sind auch aus diesem Grund in den Protokollen nicht angeführt.
  24. Weitere Fehlerquellen können die toten Winkel im Außengehege und der an das Innengehege angrenzende Außenbereich sein. So war es bei den Außenbeobachtungen beispielsweise sehr schwer Bianka bei der Koprophagie zu beobachten, da sie sich meist hinter den Baum ihres Lieblingsplatzes (s. Anhang V, 1) setzte. Diese Stelle kann nur mühsam eingesehen werden und die Aufnahme des Kotes konnte lediglich durch ein Fernglas hindurch verfolgt werden. Somit ist es auch möglich, dass die anderen Gorillas eventuell hinter Büschen, Steinen etc. ihren Kot fraßen, ohne dass dies bemerkt wurde. In den Außenbereich des Innengeheges gab es so gut wie keine Einsicht. In den Protokollen wurde lediglich angegeben, wenn die einzelnen Tiere den Innenbereich verließen bzw. von außen her eintraten. Zusätzlich hielten sich die Gorillas meist nur über kurze Distanzen dort auf - „flüchteten“ nach einem Streit oder bei Aufregung dorthin. Hätte man extra Beobachtungen in jenem Bereich geführt wären die Protokolle vermutlich nicht schlüssig gewesen, da die Irritationen durch Besucher im Affenhaus oder die Tierpfleger unbemerkt geblieben wären. Bei den Innenbeobachtungen kann dies insoweit ausgeschlossen werden, da sich der an den Innenbereich anschließende Außenteil an einem nur wenig genutzten Besucherpfad hinter dem Affenhaus befindet und sich die Gorillas, wie bereits erwähnt, nur selten für längere Zeit dort aufhielten, so dass sie dort kaum Besucher angezogen bzw. Irritation von selbigen erfahren haben werden.
  25. Zu guter letzt ist noch eine weitere Fehlerquelle bei den Beobachtungen anzugeben, Wie bereits bei unter 2.2. erwähnt, können Frustrationen die zu aggressiven Handlungen führen oft nicht zweifelsfrei erkannt und abgegrenzt werden, da oft mehrere Handlungen auf eine Ursache zurückgehen oder sogar eventuell zu nicht-aggressiven Reaktionen führen können.