Als
Yenderan 16 Jahre alt war, wurden die heiligen Rollen
wiedergefunden mitsamt der Deutung, dass Borbarads Kommen
unausweichlich ist. Yenderans Frau hieß Nanasabu
und stammt ebenfalls aus Boran. Sie gingen gemeinsam
schon recht früh den Kreis (heirateten also) und
während sich Nanasabu als Schwertkämpferin
und Führerin bei Seemannschaften und mittlereichischen
Trecks verdingte, erlernte Yenderan das Kräuterhandwerk.
Damals war Yenderan noch sehr träumerisch veranlagt
und widmete sich oft neben den alltäglichen Aufgaben
und Aufträgen persönlichen Forschungen, denn
"Die Schönheit der Welt ist aber nicht zwangsläufig
offensichtlich. Denn Schönheit ist nicht nur etwas
unmittelbar Erlebtes oft genug überhaupt
nicht , sondern auch etwas, das ergründet
sein will und sich vielleicht erst nach langen Studien
erschließt, nach dem Erkennen von Einzelheiten
und größeren Zusammenhängen. Diese Studien
führen zwangsläufig zu den mannigfachen Rätseln,
die Rur in der Welt verborgen hat. Ihre Entschlüsselung
gewollt vom Schöpfergott führt
zu einem größeren Verständnis von Rurs
Schöpfung und erzeugt den Augenblick freudigen
Erstaunens, wenn offenbar wird, um wieviel sorgfältiger
als zuvor geahnt Rur bei seiner Schöpfung vorging.
Das Erkunden der Schönheit erhält damit den
Rang einer Wissenschaft mit mitunter sehr praktischen
Konsequenzen..."
Während Yenderan seine hesindischen
Neigungen entdeckte näherte Nanasabu sich in ihrer
politischen Haltung immer mehr den Rebellengruppen im
Binnenland Maraskans an, die sich vornehmlich aus Vertretern
der niederen Stände zusammensetzten und eine Folge
des Tuzaker Aufstandes waren. Maraskan war zu der Zeit
mittelreichisches Königreich, war aber nie ganz
befriedet: Irgendein Landesteil unterstand immer dem
strengen Allgemeinen-Militär-Organisations-Gesetz.
Das Jahr 25 Hal, Yenderan verlebte seinen
20. Sommer, wurde zum Höhepunkt schwerer Unruhen,
nachdem Fürst Herdin die traditionelle Diskusstafette
von Tuzak nach Boran hatte verbieten und die Insel einer
verschärften Seeblockade unterwerfen lassen. Die
Folge war eine Welle der Gewalt in den Exilantenstädten
der ostaventurischen Küste, die den gesamten Sommer
und Herbst anhielt. Die Kaiserliche Gesandtschaft in
Thalusa wurde niedergebrannt und die Gesandte in Khunchom
ermordet. Aber auch auf Maraskan und gerade in Boran
gab es Aufbegehren. Nanasabu, die sich mittlerweile
offen zu den Rebellen bekannte, mittendrin. Und natürlich
konnte sich Yenderan dem Wirken und den Gedanken seiner
Frau nicht verschließen, wollte es auch gar nicht
und warf im Zorn auf die Besatzer einen Brandsatz auf
eine Wachstube der mittelreichischen Soldaten...
Doch Yenderan war Apothekarius und kein
Rebell, Forscher, kein Dschungelkämpfer: Zwar hatte
er durch Nanasabu einige Kenntnisse im Schwertkampf
und konnte schon früh recht gut mit Wurfscheiben
umgehen, aber er konnte nicht vermeiden, dass er erkannt
und nun von den Besatzern gejagt wurde.
Noch im selben Jahr wurde Sinoda erobert und die dunklen
Prophezeiungen um die Rückkehr Borbarads verdichteten
sich zur Eroberung Tobriens und so fiel die folgenreiche
Entscheidung Maraskan zu verlassen...
Schon viele Jahre vorher gab es immer wieder Exilantenwellen,
doch jetzt herrschte Seeblockade und Nachrichtensperre!
Der Dharzjinion (Borbarad) war zurückgekehrt! Doch
Irgendwie schafften Nanasabu und Yenderan es dennoch
die Insel zu verlassen, was größtenteils
Nanasabus Kontakten zu verdanken war. Kaum in Festum
angekommen trug der Kladj die Nachricht zu ihnen, dass
die Priesterschaft der Zwillinge alle Handlanger des
Dharzjinion und ihn selbst aus der Schöpfung ausgeschlossen
hatten, womit sie den Geschöpfen des Äthrajins
(der maraskanischen Entsprechung zu Limbus und Niederhöllen)
gleichgesetzt wurden.
Nanasabu und Yenderan waren damit nur
knapp der Entstehung der schwarzen Landen entkommen,
blieben aber nicht in Festum sondern flohen unter dem
Eindruck der entstehenden schwarzen See, den Übergriffen
auf das Bornland und all den anderen Schrecken immer
weiter nach Westen. Bis sie im Horasreich ankamen.
Dort fand Yenderan wesentlich schneller
Arbeit als Nanasabu. Zwar waren beide ungern gesehene
Fremde, aber Yenderan konnte daraus Kapital schlagen
indem er die Exotik seiner Herkunft betonte und seine
Kräutersalben und -pasten so schnell den Ruf des
außergewöhnlichen, neuen und exaltierten
erhielten. Und Außergewöhnliches war im eitlen
und modebewussten Horasreich gern gesehen: Schon bald
rühmten sich Damen aus allen Geschlechtern mit
"echt maraskanischen" Hautcremes und priesen
die "wilde und wirksame Kraft" maraskanischer
Tinkturen.
Nanasabu kämpfte währenddessen mit Vorurteilen
und arbeitete oft unter extrem schlechtem Sold.
Irgendwann wurde es ihr scheinbar zu bunt
und sie nahm auch dubiosere Aufträge an; machte
sich dabei wie Yenderan die Vorurteile über Maraskaner
zu Nutzen, die sie als Meuchelmörderin auswiesen.
Und wenn man es genau nahm, hatte sie als Ex-Rebellin
auch eine gewisse Erfahrung mitgebracht...
Doch scheinbar geriet sie an den falschen
Auftragsgeber und der Auftrag kostete ihr das Leben.
Yenderan macht sich bis heute Vorwürfe, dass er
a) ihr das Gefühl gegeben haben muss weniger erfolgreich
zu sein als er und b) nie ihre Leiche zu Gesicht bekam,
was im maraskanischem Glauben von elementarer Bedeutung
ist!
Nur Nanasabus Schwert konnte er nach langen Nachforschungen
finden...
Zu diesem Zeitpunkt stand er schon im
Dienste von Geron Cornavo Berlinghan von Tikalien.
Mit den Jahren zog sich Yenderan immer mehr ins Private
zurück, wurde über seinen oft quacksalberischen
Beruf zynisch und verwarf allen Luxus und jede Schönheit
aus seinem Leben. Letztlich landete er in einer schäbigen
Mietskaserne in der Unterstadt Vinsalts und arbeitete
gerade noch soviel um am Leben zu bleiben. Erst als
er in diverse Abenteuer hineingezogen wurde und neue
Bekanntschaften, vielleicht sogar Freundschaften schloß,
änderte sich sein Leben.
Nun beginnt er wieder am Leben teilzuhaben, versucht
aktiv die Welt die ihn umgibt zu gestalten, dem Plane
Rurs Form zu geben durch sein Wirken. Und das inmitten
des horasishcen Bürgerkrieges...