Im Huckepack durch den Schlossgraben
- von Holger Hurtmann -

Bei einer Bestandserfassung von Amphibien Eindrücke sammeln zu können, ist schon etwas Nicht-Alltägliches. Vielleicht nur ein kleiner Trost, aber immerhin: Wer noch nie die Möglichkeit hatte hieran selbst teilzunehmen, für den gibt es hier eine kurze Reportage.
 

Mit Taschenlampen auf der Jagd
 
Mit hohen Gummistiefeln zwängen sich Ruth Seidel und Michael Thissen durch das dichte Unterholz, vorbei an Sträuchern und Bäumen. Äste knacken unter ihren Füßen, Laub raschelt. Der efeubewachsene Hang am Rheydter Schlossgraben ist unwegsam, dennoch bleiben die beiden immer nah am Wasserrand. Konzentriert schauen sie auf das dunkle, etwas trübe Wasser, wo sich kleine Wasserläufer geschickt auf der Oberfläche fortbewegen. Mit Taschenlampen leuchten sie langsam das Wasser ab. Die beiden Naturschützer suchen hier am Graben des Rheydter Schlosses nach Fröschen und Kröten. An diesem warmen Märzabend sind sie mit zwei weiteren Amphibienkundlern des NABU ausgerückt, um Amphibien zu zählen.

„Ich habe eine Kröte entdeckt" ruft Michael Thissen plötzlich und leuchtet auf einen kleinen dunkelgrünen Klumpen, der regungslos am Gewässerboden hockt und nur schwer auf dem morastigen Untergrund zu entdecken ist. Bei genauerem Hinsehen werden die Umrisse der Kröte deutlich. Schätzungsweise zehn Zentimeter groß, warzige Haut, relativ kurze Vorder- und Hinterbeine, für den Amphibienkundler ist sofort klar: Das ist eine Erdkröte. Er kramt seinen dicken Notizblock hervor, schreibt darin ein Artkürzel und zieht sorgfältig einen Strich hinter das Kürzel. „Im letzten Jahr haben wir die Erdkröte hier auch feststellen können, ebenso den Grasfrosch", weiß der Naturforscher zu berichten.

Schloss Rheydt
Foto: H. Hurtmann

Artenrückgang durch Lebensraumzerstörung

Neben diesen Arten kommen im Stadtgebiet weitere sechs Amphibienarten vor, von denen mit dem Kammmolch und der Kreuzkröte zwei Arten auf der „Roten Liste" der gefährdeten Tierarten stehen. Noch in den 50er-Jahren war der Laubfrosch und die Knoblauchkröte in Mönchengladbach verbreitet, doch mittlerweile sind die beiden Arten ausgestorben. Der Hauptgrund dafür war eine zunehmende Lebensraumzerstörung durch Bebauung und Entwässerung von Feuchtgebieten. Damit der jetzige Bestand besser geschützt werden kann, führen die Amphibienkundler, oder Herpetologen wie sie in der Fachsprache heißen, eine landesweite Kartierung durch. Die Ergebnisse des Projekts „Herpetofauna 2000" sollen den Behörden dabei helfen, Schutzgebiete gezielt auszuweisen und Biotoppflegepläne zu erarbeiten. Aber auch das fehlende Umweltbewusstsein vieler Menschen gefährdet die Amphibien.

Auch an Schloss Rheydt lassen sich dafür Beispiele finden. So ist Michael Thissen verärgert, als er den achtlos abgeladenen Müll entdeckt. Ein großer blauer Müllsack schwimmt neben vielen Brettern im Wasser. „Wenn dort Farbe und Lacke drunter sind, dann vergiftet das die Tiere." Auch auf Leute, die Frösche oder Kröten aus der freien Natur entnehmen um sie in ihrem Gartenteich anzusiedeln sind sie Naturschützer nicht gut zu sprechen. „Viele bedenken nicht, dass die Tiere ganz bestimmte Lebensraumansprüche haben, die sie in Gartenteichen nur selten vorfinden. Außerdem wandern viele Kröten zur Laichzeit zu ihren eigenen Geburtsgewässern zurück, müssen sie dann erst durch besiedeltes Gebiet besteht die Gefahr, dass sie im Straßenverkehr überfahren werden" beklagt Ruth Seidel.
 

Männchen lassen sich durch's Wasser tragen

Die Suche am Schlossgraben geht weiter, der Schein der Taschenlampe huscht über die Wasseroberfläche. Mittlerweile ist es fast dunkel geworden, nur noch wenige Vögel singen in den Bäumen, eine Fledermaus jagt über das Schloss. Die beiden Hobby-Herpetologen entdecken weitere Einzeltiere. Einige von ihnen sitzen ruhig auf dem Gewässerboden, andere schwimmen - langsam auf dem Wasser liegend, mit ein paar Zügen der Vorder- und Hinterbeine. Der Lichtkegel bleibt bei einem Erdkötenpaar stehen. Im Huckepack bewegt es sich langsam durch den Schlossgraben. Das größere Weibchen trägt das etwa um die Hälfte kleinere Männchen auf dem Rücken, fest umklammert von den Vorderbeinen des Männchens. Jetzt in der Dämmerung laichen die Weibchen ab, aus den befruchteten Eiern werden, je nach Wetterlage, in rund 40 Tagen die Kaulquappen schlüpfen.

Am Ende der Zählung kommen die beiden Naturschützer auf über 50 Erdkröten. „Viele sehen nicht die Notwendigkeit die Natur zu erhalten, doch kann man nicht nur die Natur in der Freizeit nutzen, man muss sie auch schützen", sagt Michael Thissen zum Schluss. Wie Recht er doch hat.