Beringung von Kanadagänsen

 - von Holger Hurtmann  -

Der Name lässt erkennen, woher die Art auch ursprünglich stammt - aus Kanada. Was aber macht die Gans dann tausende von Kilometern weiter östlich in Mönchengladbach? Die Erklärung liegt gewissermaßen bei uns. Der Mensch hat die Art erstmals vor über 200 Jahren in Europa eingebürgert. Deshalb wird die Kanadagans auch zu den so genannten Neozoen gezählt, also zu jenen Tierarten, die früher bei uns nicht vorkamen ((gr.) Neo = neu, zoon  = Tier).

Kanadagans, Foto: G.MaasInsbesondere in Nordeuropa - einem Zentrum der frühen Einbürgerungsaktion - gibt es mittlerweile beachtliche Populationen, so etwa in Großbritannien und Schweden über 100.000 Tiere. In Mitteleuropa liegen die Zahlen bei weitem nicht so hoch. Der Bestand in Deutschland wird auf 5000-6000 Individuen geschätzt (GEITER 2000), darunter auch über 100 Paare in Nordrhein-Westfalen (KRETZSCHMAR 1999) - allerdings mit steigender Tendenz. Seit Mitte der 90er-Jahre brütet die Art auch in Mönchengladbach, im Jahr 2000 immerhin 7-8 Paare. Die Kanadagans ist auf dem Vormarsch.

Was diesen Neubürger auf der Überholspur für Ornithologen besonders interessant macht ist die Ausbreitungstendenz.Wir können zurzeit miterleben, wie sich das Verbreitungsgebiet ausdehnt und die Art neue Räume besiedelt. Daran lassen sich viele interessante Fragen knüpfen: Wie schnell breitet sich die Art aus? Welches (Zug)Verhalten zeigt sie? Von Bedeutung ist auch die Frage, welche Konsequenzen die Ausbreitung für heimische Arten hat. Werden sie etwa von der Kanadagans verdrängt?
 

Gladbacher Gänse tragen Ringe

Um auf diese Fragen eine Antwort zu finden, sind von der Arbeitsgruppe Neozoen der Universität Rostock eine Vielzahl von Kanadagänsen im gesamten Bundesgebiet beringt worden. In Mönchengladbach hat sie in Kooperation mit dem NABU seit 1998 insgesamt 24 Gänsen Ringe aus Aluminium und Plastik umgelegt. Durch die Zahlen- und Nummernkombination sind die Tiere individuell ansprechbar. So kann beispielsweise abgelesen werden, wie weit die Gänse umherfliegen und welchen Austausch es unter den einzelnen Populationen gibt. Vor allem aber lässt sich detailliert erkennen, wie sich die Ausbreitung entwickelt.
 
 
Uni Rostock bei der Beringung
 
 
 
 
 
 
 

Susanne Homma und Olaf Geiter von der Uni Rostock bei der Beringung 1999.
 

Foto: Holger Hurtmann

Die Ablesedaten einer am 26.06.99 im Wickrather Schlosspark markierten Kanadagans (Auszug):
 
Ringnummern:  N 93 (gelber Plastik-Ring),  BA 010229 (Alu-Ring)
Datum
Beobachtungsort
Entfernung zum 
Beringungsort (km)
26.06.1999 Wickrather Schlosspark (Beringung)
0
12.09.1999 Geroweiher
7
01.10.1999 Geroweiher
06.12.1999 Wickrather Schlosspark
0
02.03.2000 Wickrather Schlosspark
0
01.05.2000 Düsseldorf Südpark
28
01.06.2000  Dycker Schlosspark (Jüchen)
10
14.06.2000 Ruhr bei Mülheim (B 1)
46
17.09.2000 Ruhr bei Essen- Überruhr
58
ab 30.09.2000  Wickrather Schlosspark
0

Mönchengladbach hat ortstreue Kanadagänse

Mit Ausflügen bis nach Mülheim und Essen gehört "N 93" schon zu den Vielfliegern. Die Daten aus knapp drei Jahren belegen, dass die Tiere recht ortstreu sind und sich überwiegend in Mönchengladbach aufhalten. Die Beschränkung auf die unmittelbare Umgebung bezieht sich aber nicht nur auf Wanderungen aus Mönchengladbach heraus, sondern ist auch charakteristisch für die Zugbewegung auswärtig beringter Gänse in unsere Stadt. Vom nahe gelegenen Düsseldorfer Südweiher stammten jene Kanadagänse, die bisher nach Mönchengladbach fanden. Selbst dabei vermutet GEITER (2000), dass es sich nicht einmal  tatsächlich um "fremde" Gänse handelte: Die als Alttiere in Düsseldorf beringten Individuen könnten auch Mönchengladbacher Gänse sein, die bei einem Ausflug in die Stadt am Rhein ihre Ringe erhielten.
Diese Ortstreue ist für die Kanadagans nicht selbstverständlich. Aus Skandinavien ziehen die Gänse im Winter in großer Zahl in Richtung Süden, um die Jahreszeit an der deutschen Nord- und Ostseeküste zu verbringen. Auch die Gänse, die im Rahmen des Beringungsprogramms von der Universität Rostock kontrolliert wurden, haben schon Entfernungen von bis zu 600 km zurückgelegt (GEITER 2000).

In Bezug auf die Frage, ob die Gans andere Wasservogelarten verdrängen würde, gibt GEITER (2000) Entwarnung. Offenbar füllt die Art eine ökologische Nische aus, die in an den Gewässern nicht (vollständig) besetzt ist.

Insbesondere der Wickrather Schlosspark ist ein beliebter Aufenthaltsort der Gänse. Wie viele andere Parkvögel lassen sich die Kanadagänse gerne mit Brot anfüttern. Das bietet auch eine gute Gelegenheit, die Ringe bequem abzulesen. Nur durch die Meldung von Fundorten können Erkenntnisse über das Wanderungsverhalten der Kanadagänse gewonnen werden.
Deshalb möchten wir Sie bitten, uns Beobachtungen beringter Tiere zu melden: rp44856@online-club.de
Wir werden die Daten an die Arbeitsgruppe Neozoen nach Rostock weiterleiten und Sie erhalten im Gegenzug eine Aufstellung der bisherigen Beobachtungsorte "Ihrer" Gänse.
 


Kanadagans, Foto: G.Maas


Literaturverzeichnis