Erfassung von Rauch- 
und Mehlschwalbe

- von Holger Hurtmann -

Schwalben gelten als Glücksbringer; ihr Nest am Haus verheißt Schutz für Bewohner und Gebäude. Dieser Glaube und eine ganze Anzahl von Gedichten und sonstiger Literatur zeigen, wie eng die Beziehung der Menschen zu den Schwalben ist. Das ist nicht verwunderlich, leben wir doch seit langer Zeit "Tür an Tür" mit ihnen zusammen. Doch wie ist es um die Glücksbringer bestellt? Wie viele Schwalben brüten überhaupt noch in Mönchengladbach? Um dies herauszufinden hat der NABU im Jahre 1999 eine Bestandserfassung in der gesamten Stadt durchgeführt.

Von den vier in Mitteleuropa lebenden Schwalbenarten standen die Rauchschwalbe (Hirundo rustica) und die Mehlschwalbe (Delichon urbica) im Mittelpunkt des Interesses. Der Bestand der Uferschwalbe (Riparia riparia) war schon ein Jahr zuvor untersucht worden, die Felsenschwalbe (Ptyonoprogne rupestris) kommt bei uns nicht vor.
 

Die "Untersuchungsobjekte": Rauchschwalbe und Mehlschwalbe

Rauchschwalbe, Foto: H. KuhlenDie Kennzeichen der Rauchschwalbe sind ihre blauschwarze Oberseite, die spitzen Flügel und vor allem der tief gegabelte Schwanz, dessen Federspieße bereits ein Drittel ihrer Gesamtkörperlänge von rund 20 cm ausmachen. Charakteristisch ist allerdings ebenso ihr reißender Flug, der um vieles gewandter ist als der der Mehlschwalbe. Die Art kehrt Ende März aus dem Überwinterungsquartier im südlichen Afrika zu uns zurück und beginnt im Mai mit der Eiablage das Brutgeschäft. Zuvor wird noch ein Nest aus feuchten Lehmklümpchen gebaut, wobei der Baustoff teilweise aus Entfernungen von über einem Kilometer herangeschafft werden muss. Nach einer Brutzeit von etwa 14 Tagen schlüpfen meist vier bis sechs Jungvögel, die nach etwa 20 Tagen das Nest verlassen. Der Zeitpunkt ist jedoch stark von den herrschenden Witterungsverhältnissen abhängig. Wenn wegen nassen und kalten Wetters die Nahrungslage nicht optimal ist, verlängert sich die Nestlingszeit. Der ersten Brut folgt im Verlauf des Jahres meist noch eine, manchmal gar zwei Bruten. Deren Nahrung besteht, wie die der Schwalben überhaupt, aus Insekten. Die Rauchschwalbe ist bei ihrer Nistplatzwahl sehr eng an ländliche Strukturen gebunden, wo sie meist in den Ställen von Bauernhöfen brütet. Im September, spätestens im Oktober, sammeln sich die Schwalben zu Zugverbänden, um in die Winterquartiere zu ziehen.
 

Mehlschwalbe, Foto: G.MaasDie Mehlschwalbe ist mit 13 cm kleiner als die mit ihr verwandte Rauchschwalbe. Ein weiterer Unterschied ist der große weiße Fleck zwischen Flügelende und Schwanz auf der Oberseite. Auch kommt sie später aus den Überwinterungsgebieten zurück. Ähnlich wie bei der Rauchschwalbe sind die Monate nach der Ankunft Ende April durch das Brutgeschäft geprägt. Dabei zeigt sich die Art bei der Nistplatzwahl jedoch flexibler, da sie sowohl in den ländlich geprägten Regionen auf Bauernhöfen wie auch in den Großstädten zu finden ist. Das Nest, das auch aus kleinen Lehmpartikeln besteht, baut sie unter die Dächer von Häusern oder unter Toreinfahrten. Hier kann es mitunter zu riesigen Kolonien kommen, wie etwa am Museo del Prado in Madrid mit 734 Nestern oder an einem elfstöckigem Häuserblock in Charkow (Ukraine) mit ca. 1800 Nestern. Aus unserem Raum sind solche Kolonien allerdings unbekannt.
 

Wie zählt man Schwalben? Einige Worte zur Methode

Die Ermittlung der Brutbestandszahlen war ebenso einfach wie aufwendig: Zur Erfassung der Rauchschwalbe bemühten wir uns sämtliche potenziellen Bruthabitate, so beispielsweise Bauern- und Reiterhöfe, gezielt nach Vorkommen abzusuchen. Auf den jeweiligen Höfen wurde im Juni und Juli die Anzahl der vorhandenen Nester erfragt. Hierbei waren wir auf die Kooperation mit den Landwirten angewiesen, die vielerorts die genaue Anzahl „ihrer" Schwalbenpaare kannten und uns gerne nannten. In diesem Zusammenhang ist es uns wichtig, auf die gute Zusammenarbeit zwischen Landwirten und Naturschützern hinzuweisen, denen oft ein sehr gespanntes Verhältnis nachgesagt wird.
Die Erfassung der Mehlschwalbe gestaltet sich ähnlich, auch hier stand die gezielte Suche nach besetzten Nestern im Vordergrund. Im Gegensatz zur Rauchschwalbe konnten wir uns hier allerdings nicht nur auf die ländlichen Räume beschränken, da auch die dichten Siedlungsbereiche besiedelt werden. Das Absuchen der Straßenzüge nach Vorkommen fand wegen des späteren Brutbeginns der Art im Juli und August statt.

Nester der Mehlschwalbe
Nester der Mehlschwalbe                             Zeichnung: Heinrich Maas











Schwalben sind häufige Brutvögel: So war's zumindest vor 30 Jahren

Besonders interessant ist die heutige Erfassung deshalb, weil sie sich mit Ergebnissen aus den 60er-Jahren vergleichen lässt. Vor etwa 30 Jahren wurde eine Zählung in der Stadt Mönchengladbach durchgeführt, der damals noch nicht Rheydt und die Gemeinde Wickrath angehörten. Insgesamt 584 Rauchschwalbenpaare konnten 1967 gezählt werden (BURGHARDT 1970).
Aus Wickrath existieren ebenfalls detaillierte Ergebnisse von 1968 bis 1976: Für die beiden Jahre 1968/69 geben HEINEN et al. (1983) einen Bestand von 407 bzw. 413 Paaren an. Die Zahlen legen für Ende der 60er-Jahre einen Brutbestand von 1000 Paaren (ohne die Stadt Rheydt!) nahe.
Bei der Mehlschwalbe gibt BURGHARDT (1970) für Alt-Mönchengladbach rund 200 Paare an. Auch noch Ende der 80er war die Art häufiger Brutvogel (BURGHARDT 1989). Für den Wickrather Raum wird eine Bestandsgröße von 51-250 Paaren angegeben (HEINEN et al. 1983). Insgesamt war der Bestand somit stabil bis zunehmend.
 

Wie sieht es heute mit dem Bestand aus?

Um das Ergebnis vorwegzustellen: Der Bestand beider Arten ist gesunken. Der landesweite Abnahmetrend schlägt sich somit auch in Mönchengladbach nieder. Mittlerweile gilt die Rauchschwalbe in Nordrhein-Westfalen als "gefährdet" und die Mehlschwalbe findet sich auf der Vorwarnliste wieder. Hält diese Entwicklung an, müssen wir befürchten, dass die einst so häufigen Schwalben bald zur Seltenheit werden.
 
Rauchschwalbe (Hirundo rustica)                             Gesamtbestand MG:            404 - 410 BP
Ortsteile (mit mind. 10 BP) Anzahl der Brutpaare (BP) Ortsteile (mit mind. 10 BP) Anzahl der Brutpaare (BP)
Beckrath
18
Mackeshütte
12
Donk
11
Mennrath
11-12
Genhausen
13-14
Mongshof
11
Großheide
11
Sasserath
13
Günhoven
46
Stadt (Looshof)
11
Hehn
24
Wanlo
26
Herrath
24
Wickrathberg
20
Hoven (bei Wickrath)
11
   

Gemessen an den Zahlen Ende der 60er-Jahre hat sich die Population der Rauchschwalbe mindestens halbiert! Angesichts der Datenlücke bei den älteren Angaben - die Stadt Rheydt blieb unberücksichtigt - ist wahrscheinlicher, dass mittlerweile nur noch jedes dritte Paar in Mönchengladbach vorkommt.
 
 
Mehlschwalbe (Delichon urbica)                             Gesamtbestand MG:            178 - 191 BP
Ortsteile (mit mind. 10 BP) Anzahl der Brutpaare (BP) Ortsteile (mit mind. 10 BP) Anzahl der Brutpaare (BP)
Bettrath
11
Wickrath
11
Hehn
12
Wickrathhahn
22
Hoven
14
Wyenhütte
14
Neuwerk
12
 
 

Bei der Mehlschwalbe ist der Rückgang nicht ganz so drastisch, doch immerhin deutlich spürbar. Viele ehemalige Brutorte sind aufgegeben worden, im Rheydter Raum fehlt die Art sogar auf weiten Strecken völlig.
 

Gefährdungsursachen

Der Rückgang der Schwalben ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen. Zu den natürlichen Begrenzungsfaktoren, wie lange Schlechtwetterperioden oder natürliche Feinde, treten die weitaus bedeutsameren, durch den Menschen verursachten Gefahren. Insbesondere bei der Rauchschwalbe sind diese angesichts der engen Bindung an den Lebensraum besonders offensichtlich. Die Aufgabe vieler landwirtschaftlicher Kleinbetriebe ist ein wesentlicher Grund für die Abnahme. Im Schnitt machen heutzutage 20.000 Höfe pro Jahr in Deutschland dicht. Zum Zeitpunkt der Vergleichsuntersuchung Ende der 60er Jahre gab es in den einzelnen Dörfern deshalb weitaus mehr Höfe, die den Schwalben Brutmöglichkeiten boten.
In der Aufgabe der Viehhaltung liegt ein weiterer Grund. Viele Landwirte wussten uns davon zu berichten, dass seit der Aufgabe der Viehwirtschaft auf ihrem Hof plötzlich keine Schwalben mehr brüteten. Unsere Untersuchung bestätigt diese Einschätzung - Brutbestände ohne Viehhaltung waren eine Ausnahme. Doch selbst Rinderhaltung ist kein Garant für eine Besiedlung, denn wo hochmoderne Ställe eine nahezu klinisch reine Atmosphäre verbreiten und Fenster als Einflugmöglichkeiten leistungsstarken Ventilatoren gewichen sind, wird auch keine Schwalbe Brutraum finden.
Hinzu kommen gezielte Verfolgungen durch den Menschen. Eine Anfang der 90er-Jahre erlassene Milchhygieneverordnung der EG sah vor, Rauchschwalbennester aus Viehställen zu beseitigen. Glücklicherweise ist diese Verordnung mittlerweile hinfällig und Schwalbennester sind nach Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) und Bundesartenschutzverordnung (BArtSchVO) streng geschützt. Doch nicht nur in den Brutgebieten sind die Ursachen für den Rückgang auszumachen. Auf dem Zug in die Überwinterungsquartiere lauern Gefahren wie der Singvogelfang in Südeuropa oder die Bejagung in Afrika. Globale Umweltveränderungen, wie die zunehmende Verwüstung, mögen einen weiteren Teil zum Rückgang beitragen.

Bei der Mehlschwalbe sind teilweise die selben Ursachen für den Rückgang verantwortlich (Gefährdung auf dem Zug, etc.). Bei dieser Art spielt jedoch die direkte Verfolgung durch die Zerstörung der Nester selbst heute noch eine weitaus wichtigere Rolle. Auch in Mönchengladbach gab es Fälle, in denen Nester von den Häusern abgestoßen wurden oder aber durch das Anbringen von Brettern einst besetzte Brutnischen für die Schwalben unzugänglich gemacht wurden. Neben dieser Tatsache ist auch hier die Veränderung des Lebensraums ein weiterer Hauptgrund. Durch die zunehmende Versiegelung der Städte und das Bebauen der noch verbliebenen Freiflächen wird den Vögeln die Nahrungsgrundlage ebenso entzogen, wie auch die Möglichkeit, an Pfützen feuchtem Lehm für den Nestbau zu sammeln.

Literaturverzeichnis