Mädchen in der Zuflucht

Hier zwei Berichte von Mädchen, die den Weg in die Zuflucht gefunden haben (Namen usw. selbstverständlich anonymisiert).
Dies soll ein lebendiges Bild der Arbeit und des Zusammenlebens in der Zuflucht vermitteln und gegebenenfalls auch Unsicherheiten und Ängste abbauen und Mut machen, sich an die Zuflucht zu wenden.

 

Ich halte mich fröhlich

Tamara ist gerade 13 Jahre alt geworden und auf wirklich abenteuerlichen Wegen in die Mädchenzuflucht gelangt. Ihre Flucht mitten in der Nacht zum Großvater führte sie quer durch die Dresdner Heide. Zum Schutz hatte sie nur den Familienhund dabei. Bei den Großeltern griff die Polizei sie auf und nach fast 48 Stunden der Flucht erreichte Tamara endlich die schützenden Räume der Anonymen Mädchenzuflucht. Tamaras bisheriges Leben ist voller physischer und psychischer Gewalt. Schläge, Drohungen und Abwertungen erfuhr sie jeden Tag. Übergriffe der „Stiefväter“ wechseln sich ab mit Vernachlässigung durch die Mutter. Der schützende Hort waren die Großeltern.
 

Doch in dieser Familie schien nichts mehr normal. Streit und Geheimnisse belasteten das Zusammenleben. Großeltern und Eltern bekriegten, bedrohten sich. Tamara fühlte sich zerrieben und wollte nur noch weg. Dabei sehnte sich Tamara nach ihrer Familie, nach einer verlässlichen Mutter und der Liebe, die ihre Familie ihr geben sollte.


Tamara wohnte fast 8 Wochen über Weihnachten in der Mädchenzuflucht gemeinsam mit vier anderen Mädchen. Die Geschichten ähneln sich und Tamara hatte zum ersten Mal das Gefühl, richtig zu sein. Mit dem Schmerz über ihre Familie war sie nicht allein. Das gab ihr Hoffnung und Energie an ihrer Situation zu arbeiten, aber auch ein stärkendes Gefühl für sich selbst. So wurde ihr klar, was sie braucht und welchen Weg sie weitergehen möchte.

Zu Weihnachten hatte sie einen großen Wunsch: Sie will bei den Großeltern leben. Zum einen, um in und bei ihrer Familie zu sein Zum anderen um in der Nähe der für sie so wichtigen Mutter bleiben zu können. Sie möchte eine besseres Verhältnis zur Mutter finden, aber vor den Übergriffen zu Hause geschützt sein.

Doch lange schien sich die Familie nicht sehr um die Wünsche des Kindes zu sorgen. Die Situation eskalierte. Rechtsanwälte wurden eingeschaltet und so klärende gemeinsame Gespräche vermieden.

Eine Lösung vor Weihnachten kam nicht zu Stande.


Und Tamara selbst? Sie hat uns alle erstaunt und beeindruckt. Sie hielt sich fröhlich. Sie war wie jede Dreizehnjährige albern, fröhlich, traurig und auf der Suche nach Halt und Geborgenheit. Sie liebte Tiere, ganz besonders Pferde, ihre Schule und mit Freundinnen zusammen zu sein. Sie entwickelte eine eigene Technik, wenn sie von Traurigkeit, Mutlosigkeit oder Hoffnungslosigkeit überrollt zu werden drohte. Sie sagte: „Ich denke an etwas sehr Lustiges und lache einfach los.“

Für uns Erwachsene war dies im ersten Moment sehr verwirrend. Doch mittlerweile ist sie uns ein Vorbild. Sie hatte etwas gefunden, an dem sie sich festhalten kann, was nur ihr gehört, ihre Fröhlichkeit.


Im Januar zog Tamara in ein Betreutes Wohnen. Sie lebt Montag bis Freitag dort und verbringt jedes Wochenende bei ihren Großeltern. Ein Kompromiss der eine Annäherung an die Großeltern ermöglicht und gleichzeitig die Überprüfung ihres Wohlergehens im Auge hat.

 

„Mir fehlt Luft zum Leben“

Mit diesen drastischen Worten meldete sich Sylvie bei uns. Sie ist 17 Jahre alt, hat die Schule erfolgreich beendet und eine Lehre als Kauffrau begonnen. In der Schule hatte sie viele Freunde und auch jetzt gelingt es ihr mühelos, wieder neue Bekanntschaften zu schließen.

Sie ist zum ersten Mal verliebt. Sie träumt von einer Zukunft, die realisierbar erscheint und möchte die ganze Welt umarmen. Sie ist stark, charmant, hilfsbereit und aus vollem Herzen leidenschaftlich.

Und für uns ist Sylvie keine Unbekannte.

Als sie 11 Jahre alt war, sahen wir sie zum ersten Mal. Sie und ihre große Schwester waren von zu Hause weggelaufen. Wie kleine aus dem Nest gefallene Vögelchen wirkten sie auf uns. Sie gaben an, zu Hause nichts zu essen zu bekommen. Ihr körperlicher Zustand schien das zu bestätigen. Sylvie war zu jung. Das Jugendamt organisierte Hilfe für die Familie.

Kurz vor ihrem 15. Geburtstag bat Sylvie um Aufnahme in die Zuflucht. Der neue Freund ihrer Mutter mache ihr Angst. Er zwinge sie, sich vor ihm auszuziehen und das Bad dürfe sie nur in seiner Gegenwart benutzen. Die Mutter verschließe die Augen und sei durch ihren Beruf sehr eingespannt. Die große Schwester hatte die Familie mittlerweile verlassen.

Sylvies Angst ernst zu nehmen und ihr deutlich zu machen, dass sie eine Missbrauchs-Geschichte erlebt hat, war unsere wichtigste Aufgabe. Klar zu benennen, dass sie keine Schuld trägt, sondern die volle Verantwortung beim Täter liegt.

Die Mutter und deren Freund taten alles, um Sylvies Glaubwürdigkeit zu untergraben.

Der Konflikt eskalierte und es kam zum familiengerichtlichen Verfahren. Sylvie „gewann“. Sie musste nicht nach Hause zurück, aber um welchen Preis. Sylvie hatte eine fast symbiotische Beziehung zur Mutter. Diese wiederum erkannte sich in Sylvie wieder. In Gesprächen nach dem Gerichtsurteil erzählte die Mutter, dass sie selbst jahrelang vom eigenen Stiefvater missbraucht wurde.


Das Schicksal war nicht fertig mit der Familie. Kurze Zeit später verunglückte der Freund der Mutter tödlich. Die Mutter war untröstlich.

Sylvie konnte nicht anders, sie kehrte nach Hause zurück. Das Jugendamt bot Hilfe an, die Mutter lehnte kategorisch ab. Es schien, als brauchte sie jemanden, dem sie die Schuld geben konnte. So blieb Sylvie sich selbst überlassen.

Zwei Jahre später ihr Anruf.

Die Beziehung zur Mutter war noch enger geworden. Die Mutter möchte ihr „kleines“ Mädchen festhalten, so sehr, das Sylvie sich in ihrer Nähe erstickt fühlt.

Seit kurzem wohnte der neue Partner der Mutter bei ihnen. Er ist fast 20 Jahr älter als die Mutter und verlange von der Tochter Respekt. Wehre sie sich, werde sie geprügelt. Zu Sylvies Glück sei er oft betrunken. Sie schlich sich dann unbemerkt aus dem Haus.

Sylvie kann nicht mehr, die große Abhängigkeit zur Mutter, die sie nicht schützt, die Bedrohung durch den neuen Mann und die Liebe zu ihrem eigenen Freund zerreißen sie.

Die Mutter lehnte jegliche Zusammenarbeit mit dem Jugendamt ab. Daher führte die Bezugsbetreuerin von Sylvie die gemeinsamen Gespräche. Insgesamt 4 Mal traf man sich in der Anlaufstelle. Es wurden Regeln für die Familie aufgestellt. Sylvie bekam ein eigenes Zimmer, das sie abschließen konnte. An ihrem 18. Geburtstag zog sie zu ihrem Freund, mit dem Segen der Mutter.

Sylvie hatte eine Lösung gefunden, ihr eigenes Leben zu beginnen, ohne mit dem alten zu brechen. Sie schwebte vor Glück. Sie hatte sich befreit. Das Gefühl des Erstickens war von ihr gewichen.

Die Anonyme Zuflucht für Mädchen und junge Frauen ist ein Projekt des Verbundes Sozialpädagogischer Projekte e.V. (VSP e.V.).
Mitglied im Paritätischen Wohlfahrtsverband Sachsen.