Der schottische Arzt Mungo Park war der erste
Europäer, der im Auftrag der Afrikanischen Gesellschaft bei
Sego, dem heutigen Ségou, auf seiner ersten Reise 1795-1797 den
Niger erreichte. Auf seiner zweiten Reise fuhr Park von Sego aus
unter vielen Fährnissen den Niger stromabwärts. Er kam in den
Bussa-Stromschnellen, 800 km vor seinem Ziel, dem Nigerdelta,
durch Mörderhand ums Leben.
Überall
wurde ich für einen Mauren gehalten und bildete das Ziel für
die Witze der Bambarraner, die sich über die ganze Gruppe von
Herzen lustig machten, wenn sie mich so mein Pferd vor mir
hertreiben sahen.
»Er
ist in Mekka gewesen«, sagte einer, »das könnt ihr an seiner
Kleidung sehen.« Ein anderer fragte mich, ob mein Pferd krank
sei; ein dritter wollte es kaufen und so weiter, so daß ich
glaube, die Sklaven selbst schämten sich, in meiner Gesellschaft
getroffen zu werden. Gerade als es finster wurde, nahmen wir
unser Nachtquartier in einem kleinen Dorf, wo ich mir für den
mäßigen Preis eines Knopfes Lebensmittel für mich und etwas
Korn für mein Pferd verschaffte. Auch erfuhr ich, daß ich den
Niger, den die Neger Joliba oder das Große Wasser nennen, am
anderen Tage schon zu Gesicht bekommen würde. Die Löwen sind
hier sehr zahlreich. Die Tore werden bald nach Sonnenuntergang
geschlossen, und niemand darf mehr hinaus. Der Gedanke, am
nächsten Morgen den Niger zu sehen, und das fatale Summen der
Moskitos ließen mich die ganze Nacht kein Auge zutun. Schon vor
Tagesanbruch hatte ich mein Pferd gesattelt und war reisefertig,
aber wegen der wilden Tiere mußten wir warten, bis die Leute
hier lebendig wurden und man die Tore öffnete. Es war eben
Markttag in Sego, und die Straßen wimmelten überall von
Menschen, die verschiedene Artikel zum Verkauf hinführten. Wir
kamen durch vier große Dörfer und sahen um acht Uhr den Rauch
über Sego.
Als wir uns der
Stadt näherten, holte ich glücklicherweise die flüchtigen
Kaartaner ein, deren Güte ich auf meiner Reise durch Bambarra so
viel zu verdanken hatte, und sie übernahmen es sehr gern, mich
dem König vorzustellen. Wir ritten durch ein Stück Marschland,
und als ich mich eben eifrig nach dem Fluß umsah, rief einer von
ihnen aus:
»Geo affilli -
seht da, das Wasser!« Ich blickte vorwärts und sah mit
unendlichem Vergnügen den großen Gegenstand meiner Sendung, den
majestätischen Niger, so breit als die Themse bei Westminster,
in der Morgensonne flimmernd und langsam nach Osten fließend.
Und mein glühender Dank strömte in Gebeten zu dem großen
Regierer aller Dinge, der soweit wenigstens meine Bemühungen mit
einem glücklichen Erfolg gekrönt hatte.
Der Umstand,
daß der Niger nach Osten fließt, setzte mich aber nicht in
Verwunderung; denn obgleich ich Europa mit großen Zweifeln
darüber verlassen hatte und eher glaubte, er nähme einen ganz
entgegengesetzten Lauf, so hatte ich doch bei allen Nachfragen,
die ich während meiner Reise häufig anstellte, von Negern
verschiedener Nationen immer so deutliche und entscheidende
Versicherungen erhalten, daß er der »aufgehenden Sonne
entgegen« fließe, daß mir kaum noch irgendein Zweifel
übrigblieb, zumal auch Major Houghton ähnliche Nachrichten
eingezogen hatte.
Sego, die
Hauptstadt von Bambarra, bei der ich nun angekommen war, besteht
eigentlich aus vier verschiedenen Städten. Zwei davon,
Sego-korro und Sego-bu, liegen am nördlichen Ufer des Niger, und
die anderen beiden, Sego-su-korro und Sego-sih-korro, am
südlichen. Alle sind mit hohen Erdmauern umgeben, die
viereckigen Häuser sind aus Lehm erbaut, mit flachen Dächern;
einige haben zwei Stockwerke, viele sind weiß getüncht. Außer
diesen Gebäuden sieht man in jedem Quartier maurische Moscheen,
die Straßen sind zwar eng, aber in einem Land, in dem man
keinerlei Fuhrwerk kennt, in jeder Hinsicht breit genug. Aufgrund
meiner Nachforschungen darf ich glauben, daß Sego etwa
dreißigtausend Einwohner zählt. Der König von Bambarra
residiert beständig in Sego-sih-korro. Zahlreiche Sklaven
arbeiten bei der Überfahrt am Fluß, und obgleich der Preis für
die Person nur zehn Kauri-Muscheln beträgt, macht das eine
beachtliche Einnahme für den König. Die Kähne haben eine
eigenartige Bauart; sie bestehen aus zwei Stämmen von großen
Bäumen, die ausgehöhlt und zusammengefügt werden, aber nicht
etwa der Breite nach, sondern in der Länge, so daß die Fuge
genau über die Mitte des Kahns geht. Daher sind sie sehr lang
und unverhältnismäßig schmal und haben weder Verdeck noch
Masten. Dennoch bieten sie genug Platz, denn ich sah in einem
vier Pferde und noch verschiedene Menschen über den Fluß
setzen. Als wir an die Fähre kamen, wartete schon viel Volk auf
die Überfahrt. Mich sahen sie mit stiller Verwunderung an, und
nicht ohne Bestürzung bemerkte ich verschiedene Mauren darunter.
Man schiffte sich an drei verschiedenen Plätzen ein. Die
Fährleute arbeiteten rasch und fleißig, aber unter der großen
Volksmenge konnte ich nicht sogleich mit hinüberkommen. Ich
setzte mich also an das Ufer des Flusses, um auf einen bequemen
Zeitpunkt zu warten. Der Anblick dieser ansehnlichen Stadt, die
Menge von Kähnen auf dem Fluß, das Gedränge des Volkes, die
Kultur der ganzen umliegenden Gegend, dies alles deutete auf
einen Grad von Bildung und Wohlstand, den ich im Herzen von
Afrika nicht vermutet hatte.
Ich wartete
länger als zwei Stunden, ohne daß ich hinüberkommen konnte.
Unterdessen aber hatten schon andere, die übergesetzt worden
waren, König Mansong die Nachricht gebracht, daß ein Weißer am
Fluß auf die Überfahrt warte und ihn sehen wolle. Er schickte
sogleich einen seiner Hauptleute herüber, der mir sagen mußte,
der König könne mich unmöglich vor sich lassen, ehe er nicht
wüßte, was mich in dieses Land geführt habe. Ich solle mir
nicht erlauben, ohne seine Erlaubnis auf die andere Seite zu
kommen. Ich möge in einem Dorf, das er mir in der Ferne zeigte,
übernachten und würde am anderen Morgen weitere Anweisungen
erhalten. Das war sehr enttäuschend, doch blieb mir nichts
übrig, als auf das Dorf loszuwandern, wo mich zu meiner großen
Kränkung nicht einmal jemand aufnehmen wollte. Man betrachtete
mich mit Erstaunen und Furcht, und ich mußte den ganzen Tag,
ohne etwas zu essen, unter dem Schatten eines Baumes zubringen.
Dabei drohte die Nacht sehr unangenehm zu werden; ein Wind erhob
sich, der einen heftigen Regen erwarten ließ. Da die wilden
Tiere in der Gegend so zahlreich sind, wäre ich gewiß genötigt
gewesen, auf einen Baum zu klettern und mich in den Ästen zu
lagern. Gegen Sonnenuntergang, als ich mich eben anschickte, die
Nacht auf diese Art zuzubringen, und mein Pferd abgezäumt hatte,
damit es nach Belieben grasen könne, kam eine Frau von der
Feldarbeit und machte halt, um mich zu betrachten. Sie ließ sich
alles erzählen, nahm mitleidig meinen Sattel und Zaum auf und
hieß mich folgen. Sie führte mich in ihre Hütte, zündete eine
Lampe an, breitete eine Matte auf der Diele aus und sagte mir,
daß ich die Nacht über bleiben könne. Als sie merkte, daß ich
hungrig war, brachte sie auch einen guten Fisch herbei, der auf
heißer Asche freilich nur halb geröstet und mir zur
Abendmahlzeit gereicht wurde. Nachdem sie auf diese Art die
dringendsten Forderungen der Gastfreundschaft gegen den
unglücklichen Fremden erfüllt hatte, deutete sie auf die Matte
und sagte mir, ich könne mich ohne Besorgnis schlafen legen.
Ihren weiblichen Hausgenossen, die während der ganzen Zeit wie
versteinert um mich herum gestanden hatten, befahl sie, ihre
Baumwollspinnereien wieder aufzunehmen, womit sie auch einen
großen Teil der Nacht beschäftigt blieben. Sie erleichterten
sich diese Arbeit durch Gesänge, von denen einer gewiß aus dem
Stegreif verfertigt wurde, da ich der Gegenstand desselben war.
Eine der jungen Frauen sang, und die übrigen fielen nachher als
Chor ein. Die Melodie war sanft und klagend, und die Worte
lauteten etwa: Die Winde sausten, der Regen fiel - der arme
Weiße, matt und verdrossen, kam und setzte sich unter unseren
Baum. Er hat keine Mutter mehr, die ihm Milch bringt, keine Frau,
die ihm Korn stampft. Chor: Beklaget den Weißen, keine Mutter
hat er, usw., usw. So unbedeutend dies dem Leser erscheinen mag,
so war es doch für einen Menschen in meiner Lage im höchsten
Grad rührend. Ich war so überwältigt von dieser unerwarteten
Güte, daß ich nicht einschlafen konnte. Am Morgen schenkte ich
meiner mitleidigen Wirtin zwei von den vier metallenen Knöpfen,
die noch an meiner Weste saßen, die einzige Erkenntlichkeit, die
ich ihr bezeigen konnte.
Am 21. Juli
blieb ich den ganzen Tag in diesem Dorf und unterhielt mich mit
den Einwohnern, die nun haufenweise kamen, mich zu sehen. Je
näher aber der Abend rückte, um so unruhiger wurde ich, daß
keine Botschaft vom König eintraf und die Leute zu flüstern
begannen, daß Mansong von den in Sego lebenden Mauren und
Slatihs, die wegen meiner Reise viel Argwohn zu hegen schienen,
sehr ungünstige Berichte über mich erhalten habe. Ich erfuhr,
daß man beratschlagt habe, wie man mich aufnehmen und was man
mit mir machen solle. Einige Bauern sagten mir, ich habe viele
Feinde und dürfe wenig Gutes erwarten.
Am Nachmittag
des 23. kam ein Bote von Mansong, der einen Sack trug. Er sagte,
der König wünsche, daß ich mich sogleich aus der Nachbarschaft
von Sego entfernen solle. Da er aber einem Weißen in seinem
Unglück einige Erleichterung bieten wolle, sende er mir
fünftausend Kauries, damit ich auf meiner weiteren Reise
Lebensmittel anschaffen könne. Da in Bambarra und den
umliegenden Gegenden alle Lebensbedürfnisse ausnehmend wohlfeil
sind, reichten hundert Kauries täglich für mich und mein Pferd
aus. Der Bote fügte noch hinzu, daß er den Befehl habe, mich
als Wegweiser bis Sansanding zu begleiten, falls ich wirklich
beabsichtige, nach Dschenneh zu reisen. Anfangs konnte ich mir
diese Maßnahme des Königs nicht erklären, aus meiner späteren
Unterhaltung mit dem Wegweiser war aber zu schließen, er würde
mich nicht gegen das übermütige und barbarische Verhalten der
maurischen Einwohner schützen können. Sein Betragen war also
ebenso klug wie edelmütig. Die Umstände, unter denen ich in
Sego erschien, boten dem König allerdings genügend Grund,
Argwohn zu hegen, schien es doch, als suche ich die eigentliche
Absicht meiner Reise nur zu verbergen. Und er dachte
wahrscheinlich ebenso wie mein Wegweiser. Als ich diesem nämlich
sagte, ich sei von sehr weit gekommen und habe mancherlei
Gefahren ausgestanden, um den Niger zu sehen, fragte er naiv, ob
es in meinem Land keine Flüsse gäbe und ob nicht ein Fluß
aussehe wie der andere. Trotz allem glaubte dieser großmütige
Fürst, der unglückliche Zustand, in dem sich ein Weißer in
seinem Reich befand, gäbe hinreichend Recht auf seine Güte, und
dazu bedürfe es keiner weiteren Untersuchungen.
Auf diese Weise
wurde ich gezwungen, Sego zu verlassen, und noch am gleichen
Abend sieben Meilen weit in ein Dorf geführt, von dessen
Einwohnern mein Führer einige kannte, und wo wir gut aufgenommen
wurden. Er war sehr freundlich und gesprächig, rühmte das
Betragen seiner Landsleute gegen Fremde, sagte aber, wenn
wirklich Dschenneh mein Bestimmungsort sei, woran er immer noch
zweifelte, so habe ich etwas Gefährlicheres unternommen, als ich
es mir wohl vorstellen könnte; denn obgleich diese Stadt dem
Namen nach zum Gebiet des Königs von Bambarra gehöre, so sei
sie doch ganz maurisch. So war ich also in Gefahr, zum zweiten
Mal in die Hände dieser Menschen zu fallen, die es nicht nur
für erlaubt, sondern für verdienstlich hielten, mich
umzubringen. Ich war desto übler dran, als die Gefahr immer
zunahm, je weiter ich reiste; denn wie ich hörte, so standen die
Orte jenseits von Dschenneh noch mehr als diese Stadt selbst
unter dem Einfluß der Mauren, und Timbuktu, das große Ziel
meiner Reise, war ganz im Besitz dieses wilden und unbarmherzigen
Volkes, das dort auch keinem Christen den Aufenthalt gestattete.
Der Einzug in Timbuktu, welches als Inbegriff einer
Wüstenmetropole galt, stellte noch Mitte des 19.
Jahrhunderts, also vor Beginn der Kolonialzeit in Afrika, den
Höhepunkt im Leben eines jeden Afrikaforschers dar. Mungo
Park hat Timbuktu jedoch selbst nie betreten. Der Niger
reicht nicht ganz an die Stadt heran, so daß er es während
der Vorbeifahrt auf seiner zweiten Reise 1805 lediglich
streifte. Der folgende Abschnitt gibt das wieder, was ihm vom
Hörensagen vor Ort mitgeteilt wurde.
»Zwölf
Tagereisen von Silla entfernt liegt das Königreich Timbuktu, der
große Gegenstand europäischer Nachforschungen, dessen
Hauptstadt einer der wichtigsten Marktplätze für den
ausgedehnten Handel zwischen den Mauren und Negern ist. Die
Hoffnung, auf diesem Weg Reichtümer zu erwerben, und der Eifer
für die Ausbreitung der Religion haben diese Stadt mit Mauren
und mohammedanischen Proselyten gefüllt. Der König selbst und
die vornehmsten Staatsbedienten sind Mauren und sollen in ihren
Grundsätzen strenger und unduldsamer sein als irgendein anderer
Stamm in diesem Teil von Afrika. Ein alter ehrwürdiger Neger
erzählte mir, er habe, da er zum erste Male nach Timbuktu
gekommen sei, sein Quartier in einer Art öffentlichem Gasthaus
genommen. Als der Wirt ihn in seine Hütte führte, habe er eine
Matte auf den Boden gebreitet, einen Strich darauf gelegt und ihn
folgendermaßen angeredet: »Bist du ein Mohammedaner, so bist du
mein Freund und kannst dich niedersetzen; bist du aber ein Kafir,
so bist du ein Sklave, und ich will dich an diesem Strick zum
Markte führen.« Der jetzige König von Timbuktu heißt Abu
Abrahima und soll unermeßliche Reichtümer besitzen. Seine
Frauen und Konkubinen sind in Seide gekleidet, die obersten
Staatsbedienten leben in großem Glanz. Alle Unkosten der
Regierung werden, wie man mir sagte, durch einen auf die Waren
gelegten Zoll bestritten, der an den Toren der Stadt eingehoben
wird.«
Aus: Mungo Park, Reisen ins innerste Afrika, Edition
Erdmann in K. Thienemanns Verlag, Stuttgart und Wien.