Die Gans im Wandel der Geschichtevon Tierarzt Thomas Bücher Bönen / HannoverDen umfangreichen Ausgrabungen
Zeuners zufolge nimmt man an, daß die Gans seit der Jungsteinzeit (6000 bis
5000 v.Chr.) als Haustier gehalten wird. Völlig domestiziert war die Graugans
erst im Neuen Reich (ab 1536 bis 1085 v.Chr.) Neben den Anfängen der
Haustierhaltung zeigen die Wandgemälde auf dem riesigen Pyramidenfeld von
Saccare in den Grabkammern des Großwürdenträgers Ti noch typische Wildgänse.
Allerdings waren die Versuche, die Nilgans in Europa zu domestizieren, nicht von Erfolg gekrönt. Lediglich als Ziergeflügel erlangte sie bis zur Gegenwart Bedeutung. Von der Hausgans bis zur Graugans hingegen läßt sich die Spur klarer zurückverfolgen. Daß Wildgänse schon Nahrungstiere für Frühmenschen darstellten, läßt sich anhand von Überresten von Graugänsen unter den Speiseabfällen der frühneolithischen Muschelesser Dänemarks belegen. Auch den Menschen der Pfahlbauzeit dienten Graugänse als Nahrung. In Europa war die Gans nur als Wildtier bekannt. Sie diente außerdem als Opfertier für bestimmte Gottheiten.
Aufgrund der Ähnlichkeiten verschiedener Beziehungen ist zu schließen, daß alle indogermanischen Völkerschaften bei der Besiedlung Europas die Gans bereits mitbrachten. Das alte Babylonien hatte Gewichte in Gestalt eines Schwimmvogels. In Indien hatte der Vogel religiöse Bedeutung, was sich aus den mehrfach in Gräbern gefundenen Gänsefiguren schließen läßt. Im antiken Griechenland und in Kleinasien war die Gans der heilige Vogel der Aphrodite. Üppige Fülle und Fruchtbarkeit verkörperte die Gans in ihrer Frühzeit. Einer Fabel Äsops aus dem 6. Jahrhundert zufolge legt die Gans auch gelegentlich goldene Eier. Im Homerischen Zeitalter wurden in Griechenland zahme Gänse in kleinen Herden gehalten. Den Griechen erschien die Gans lieblich und schön; sie wurde deshalb zum bevorzugten Geschenk für Knaben und Mädchen. Später erlangte die Gans zusätzlich Bedeutung als Wächterin. Bei den Griechen galt die Gans als Symbol der ewig göttlichen, geheimnisvollen Befruchtungskraft der Natur. Sie wurde der Göttin der Unterwelt, der Gemahlin des Pluto, aber auch der Isis geweiht. Ihre volle wirtschaftliche Nutzung erkannten erst die Römer. In der Frühzeit Roms wurde sie als sehr beliebte Speise zubereitet. Allerdings verzehrten Menschen höherer sozialer Stellung nur die Vorderteile des Vogels, die Hinterstücke überließen sie dem Hauspersonal. Weichgekochte Gänseeier galten als besondere Delikatesse. Zur Erzielung einer möglichst großen Gänseleber stopfte man die Tiere mit einer Mischung aus Mehl, Milch und Honig. Die Moriner hatten in Belgien schon Gänsefedern als Füllung für Kissen und Polster verwendet. Auch die Römer gewannen die Federn, indem sie die Gänse zweimal jährlich rupften. Die bei den Feinschmeckern des alten Roms begehrte Leber gemästeter Gänse wird von dem Dichter Horaz gerühmt. Die Gänsefeder als Schreibinstrument war im altertümlichen Rom hingegen noch nicht bekannt. Stattdessen benutzte man das griechische Kalamós, ein Schreibrohr. Erst zur Zeit des Ostgotenkönigs Theodorich wird von Valesil die "penna" (Feder) als Schreibinstrument erwähnt. Später taucht die Gänsefeder in den Berichten des Isidorus Hispalensis (Bischof von Sevilla) in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts n.Chr. und in den Annalen des um 670 n.Chr. lebenden Paulus von Ägina auf. Gut bekannt sind die Überlieferungen von der Wächterfunktion der Gänse auf dem römischen Kapitol als dieses im Jahre 388 v.Chr. von den Galliern belagert wurde. Den Wachsoldaten gelang die erfolgreiche Abwehr nur, weil sie zuvor durch das Geschrei der wachsamen Gänse geweckt worden waren. Von Plinius ist überliefert, daß sich die Gänse sogar in die sie pflegenden Menschen verliebt hätten und für menschliche Weisheiten empfänglich gewesen seien. Eine Gans habe dem Philosophen Lakydes eine solche Anhänglichkeit erwiesen, daß sie ihn nirgends verließ. Ein interessantes frühes Beispiel für die von Konrad Lorenz entdeckte und beschriebene Prägung der Gänse auf Menschen. Vor ihrer Verbindung zur römischen Kultur züchteten die Kelten und Germanen schon Gänse. Diese Anfänge reichen zurück bis in die vorchristliche Zeit. Im Herbst nach der Mästung aßen die Germanen, Kelten und Gallier die nicht zur Überwinterung und Zucht bestimmten Gänse zur Ehre des Gottes Thor mit großem Vergnügen.
Der noch bis in unsere Gegenwart reichende Brauch eines Gänsemahls am 11. November geht zurück auf das Gedenken an den Heiligen Martin. Er war Schutzpatron der Gans im germanischen frühmittelalterlichen Katholizismus. Karl der Große (742 bis 814) erwarb sich besondere Verdienste um die deutsche Gänsezucht, indem er auf seinen Gütern eine genau festgelegte Anzahl von Gänsen und Hühnern halten ließ. Die späteren Hohenstaufen- Kaiser förderten die Geflügelzucht noch stärker, so daß die Gänsehaltung zwischen 1140 und 1250 in Deutschland in hoher Blüte stand. Die gebratene Gans als Weihnachtsgericht gehört in England zur Tradition, nachdem am Heiligen Abend des Jahres 1588 ein Kurier am Königshof die Zerstörung der mächtigen spanischen Flotte meldete. Die bei uns wohl berühmteste Abbildung einer Gans ist die auf dem Gänselieselbrunnen in Göttingen. Schließlich sei die Rolle und kulturgeschichtliche Bedeutung der Hausgans erwähnt, die sich in vielen Märchen widerspiegelt, so z.B. bei " Hans im Glück " als " Goldene Gans" und in der " Gänseliesel" |
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