Von Matthias Wobben
| Die Idee für diese Tour hatte ich in den Osterferien
1999, also ungefähr 15 Monate vor dem Start. Zu diesem Zeitpunkt war
ich gerade 15 ½ Jahre alt. Damals beabsichtigte ich zunächst
nur, mit Rennrad durch Frankreich zu fahren. Der Grund für diese Idee
war meine langjährige Begeisterung für den Rennradsport. Es war damals klar, dass diese Tour nur mit einem Freund möglich sein könnte. Einerseits wäre sie sonst wohl niemals so interessant, andererseits war ich ja damals 15. Das war wohl auch der Grund dafür, dass meine Eltern die Idee am Anfang nicht ganz ernst nahmen. Voller Tatendrang stellte ich die Fahrt direkt meinem früheren Klassenkameraden Sebastian Hüer vor. Er war bis dato noch nie Rennrad gefahren. Dennoch zeigte er sich fasziniert von der Vorstellung, zu zweit solch ein Projekt zu verwirklichen. Deshalb hatte er damals sofort Interesse, mit dem Rennrad fahren zu beginnen. Die Zeit bis zu den Sommerferien reichte jedoch für unsere Planungen wie für unser Training wohl nicht mehr aus. Und was noch schwerwiegender war wir konnten zu diesem Zeitpunkt mit Sicherheit nicht das erforderliche Geld für die Tour aufbringen. Wir wollten nämlich auf Unterstützung durch unsere Eltern verzichten und das Projekt selbst finanzieren. Nach den Sommerferien griffen wir das Thema erneut auf. Jetzt kristallisierte sich bei uns beiden die Idee heraus, diese Tour für einen guten Zweck durchzuführen. Wir wollten nicht sinnlos Geld für ein Projekt auszugeben, das nur uns etwas nützt und doch eigentlich mehr hergeben kann. Deshalb entschieden wir uns dafür, zu Gunsten der Menschenrechte diese Tour zu unternehmen. |
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Wir hatten beide bereits von amnesty international gehört, viel
mehr wussten wir aber auch noch nicht über die Organisation. Deshalb
besuchte ich die Internetseite von ai, um mehr Informationen über
die Ziele von amnesty international zu bekommen. Ich war äußerst
beeindruckt von der Homepage und hielt direkt nach einer Gruppe in Lingen
Ausschau. Diese war ebenso auf der Internetseite vertreten. Ich entschloss
mich, die Gruppensprecherin Elisabeth Sprick anzurufen, um ihr zunächst
mein Projekt vorzustellen. Elisabeth war sehr begeistert und lud mich
zu einem Treffen der Lingener Gruppe ein. ir verkauften im Vorfeld der Fahrt einzelne Kilometer der Tour zu einem
Preis von 5 DM pro Kilometer. Die ersten Streckenabschnitte wurden dabei
von Spendern auf einem Stand einige Wochen vor der Tour auf dem Marktplatz
erworben. |
| Gleichzeitig wollten wir uns aber auch nicht völlig verschulden. Schon bald wurde uns klar, dass wir die entstehenden Kosten nicht gänzlich alleine tragen konnten. Deshalb schrieb ich einige Unternehmen an, ob sie uns mit ihren Produkten bei unserer Fahrt unterstützen könnten. Glücklicherweise fanden wir einige Sponsoren. Mittlerweile war uns zudem eine Idee eingefallen, in welcher Form amnesty international durch diese Tour unterstützt werden könnte. Wir verkauften im Vorfeld der Fahrt einzelne Kilometer der Tour zu einem Preis von 5 DM pro Kilometer. |
| Die ersten Streckenabschnitte wurden dabei von Spendern auf einem Stand
einige Wochen vor der Tour auf dem Marktplatz erworben. Unterdessen hatte uns der Lingener Oberbürgermeister Heiner Pott die Schirmherrschaft für dieses Projekt zugesagt. Er versprach uns, die ersten Kilometer bis Ahaus gemeinsam mit uns zu fahren. Damit konnten wir die Fahrt besser publik machen. So verblieben uns noch einige Wochen bis zur Tour. In dieser Zeit trainierten wir häufig und arbeiteten den Verlauf der Tour aus. Es stand nun fest, dass die Tour ungefähr 2200 km lang sein würde. Glücklicherweise übten wir am Wochenende schon den Ernstfall mit sämtlichem Gepäck. Dabei lernten wir einmal nach 100 Kilometern mit 3 Platten, dass es so nicht funktionieren konnte. Es folgten weitere Misserfolge. So kam es, dass ich zwei Wochen vor der Tour entnervt nach einigen Verbesserungen am Rad um 23 Uhr in Lingen Richtung Braunschweig losfuhr. Diese Strecke wollte ich pannenfrei zurücklegen, um sicher zu gehen, dass ich die Tour mit Sebastian machen konnte. Ich fuhr bis 5 Uhr morgens bis Minden, wo ich mich auf einen Feldweg schlafen legte. Nach einem erholsamen Schlaf schaffte ich es bis zum Abend ohne Zwischenfälle bis Braunschweig. Erst jetzt konnte ich mich nach diesen 300 pannenfreien Kilometern auf die Tour freuen. Am 22. Juli 2000 ging es dann los. Um 9 Uhr morgens standen wir zusammen mit Heiner Pott und der Lingener Presse bei strömendem Regen auf dem Marktplatz. Nach der Verabschiedung starteten wir mit Heiner Pott. Doch unsere großen Erwartungen wurden schon 10 km vor Ahaus enttäuscht. Ich hatte am Vorderrad einen Platten. Ziemlich skeptisch fuhren wir dann mit Heiner Pott weiter bis Ahaus, wo wir gemeinsam zu Mittag aßen. Diesen Zwischenfall wollten wir schnell vergessen. Unsere Tour begann für uns deshalb erst, als sich nachmittags der Himmel aufhellte und wir bei strahlendem Sonnenschein weiterfuhren. Am späten Nachmittag überquerten wir dann zum ersten Mal den Rhein mit der Rheinfähre bei Xanten. Abends suchten wir nach 170 km bei Straelen einen Wald auf. Wir verbrachten die Nacht immer unter einer wasserdichten Zeltplane. Ein Zelt hätten wir wohl nicht auf Rennrädern mittransportieren können. Am nächsten Morgen überquerten wir die deutschniederländische Grenze bei Venlo. Wir fuhren innerhalb weniger Stunden bei Temperaturen von 32° C und mehr durch die Niederlande. Am Abend hatten wir unsere Erwartungen selbst übertroffen und erreichten völlig erschöpft über die Städte Genk und Hasselt Tienen in Belgien. Nachdem wir uns am folgenden Morgen in einem Supermarkt eingedeckt hatten, ging es gegen Mittag weiter. Das Wetter verschlechterte sich, so dass wir bei strömendem Regen einige Stunden bis Charleroi brauchten. Nach einem Besuch beim Stadion trieb es uns weiter zur französischen Grenze. |
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Es hätte nicht besser kommen können. Gegen 20 Uhr am Abend des 3. Tages überquerten wir bei unserer Tour die belgischfranzösische Grenze. Dieses Gefühl kann man heute schwer beschreiben. Als wir die Tour geplant hatten, schauten wir angesichts unserer anhaltenden Probleme voller Skepsis auf die Karte. Wir fragten uns immer wieder, ob unsere Planungen wohl in die Praxis umgesetzt werden könnten Jetzt aber standen wir in Wirklichkeit an der französischen Grenze, 440 km von Lingen entfernt. |
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Leider landeten wir wenig später unsanft auf dem Boden der Tatsachen.
Acht Kilometer hinter der Grenze hörte Sebastian plötzlich ein
Geräusch an seinem Hinterrad. Es zeigte sich schnell, dass er in
der hinteren Felge einen Riss hatte. Wir waren unsicher, wie weit wir
noch fahren könnten, bis die Felge brechen würde. Bei starkem
Regen standen wir nun da, irgendwo an einer unbefahrenen Straße
in Frankreich, kurz vor der Dunkelheit.
Nach einer herzlichen Verabschiedung erreichten wir gegen Mitternacht
die Stadt Compiègne, die 60 km vor Paris liegt.
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Nachdem wir ein Beweisfoto (leider noch nicht verfügbar, wird aber bald erscheinen) von unserem Nachtlager gemacht hatten, schauten wir uns den Eiffelturm und die Kathedrale Notre Dame an. Bei unserer Fahrt durch die Stadt wurde uns klar, dass Fahrradfahrer in Paris sehr benachteiligt werden, einfach weil es sie nur in geringer Zahl gibt. Wir sahen ohnehin außer in den Niederlanden und in Deutschland nur relativ wenige Fahrradfahrer In den weiteren Tagen fuhren wir über verschiedene Stationen weiter bis nach Haguenau, das 20 km von der französischdeutschen Grenze lag. Dort gingen wir zum ersten Mal seit Tourbeginn in eine Gaststätte und aßen beide mehrere Mahlzeiten. Unsere Zeit in Frankreich, die ausgiebigen Besuche in den Bäckereien, sogenannte "boulangeries", und in den riesigen Supermärkten gingen zu Ende. Wir waren einerseits wehmütig, aber andererseits freuten wir uns auch wieder auf Deutschland. Bei Rastatt überquerten wir sodann am nächsten Tag erneut den Rhein. Über Karlsruhe kamen wir nach Worms, wo wir bei aiMitgliedern zum ersten Mal seit 9 Tagen wieder auf Matratzen schlafen konnten. |
| Am nächsten Tag schafften wir es bis zu meiner Schwester
nach Gießen. Da wir mittlerweile sehr gut in der Zeit lagen, entschlossen
wir uns, einen Tag bei ihr zu verbringen. Es zeigte sich, dass unser Körper
Probleme mit dieser Pause hatte. Uns plagten immense Muskelkrämpfe.
Am 12. Tag unserer Tour brachen wir dann nach Lippstadt auf, wo wir erneut
aiMitglieder treffen wollten. Da wir bereits um 17.30 Uhr Lippstadt erreichten,
änderten wir unseren Plan. Wir hatten beide wieder Lust auf unsere
eigenen Betten. So riefen wir die amnestyMitglieder an, dass wir weiter
nach Lingen fahren würden. Wir erreichten Münster gegen 22 Uhr.
Jetzt war unsere Euphorie ungebrochen. Wir fuhren bei völliger Dunkelheit
einfach weiter, unser Licht hatte mittlerweile den Geist aufgegeben. Der
Höhepunkt war, als wir aus Rheine kommend auf das Lingener Ortsschild
zufuhren. Nach 340 km, eine Strecke, die wir noch nie an einem Stück
zurückgelegt hatten, erreichten wir um 4 Uhr in der Frühe Lingen.
Ich kann aus heutiger Sicht nur betonen, wie stark mich die Tour im Nachhinein geprägt hat. Es ist ein schönes Gefühl, gegen viele skeptische Stimmen ein Projekt zu verwirklichen, dem wir am Anfang selbst den Erfolg abgesprochen hätten. Mir ist aufgefallen, dass eine solche Situation die Möglichkeit gibt, die eigene Person, aber auch die Umgebung, stärker zu reflektieren. Manche positiven als auch negativen Eigenschaften erkennt man erst unter starker physischer und psychischer Belastung. Gleichzeitig lernt man, in Schwierigkeiten die Ruhe zu bewahren und die Vor und Nachteile von Entscheidungen besser abzuwägen. Ich bin froh, diese Tour gemacht zu haben. Falls Ihr Fragen zu diesem Projekt habt und/oder selbst Interesse an einer solchen Tour habt, meldet Euch einfach unter matthias@ai-lingen.de. Zum Schluss das Wichtigste: Wir möchten uns ausdrücklich herzlich für die zahlreichen Spenden zu Gunsten von amnesty international bedanken. Wir haben es vorgezogen, uns nicht schriftlich bei jedem Spender zu bedanken, weil wir den Erlös nicht durch Portokosten vermindern wollten. Da Menschenrechtsarbeit sehr kostenintensiv ist und anmesty international zur Wahrung der Unabhängigkeit keine Regierungsgelder annimmt, ist die Organisation vor allem auf Privatspenden angewiesen. |
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