This text is now also published as Project Gutenberg etext #16264, in a slightly revised version.


PDF version


PROF.  DR. PHILIPP WITKOP
Deutsche Dichtung der Gegenwart

PAUL BEKKER
Deutsche Musik der Gegenwart

PROF.  DR. MAX SCHELER
Deutsche Philosophie der Gegenwart

PROF.  DR. A. SOMMERFELD
Relativitätstheorie

PROF.  DR. GOETZ BRIEFS
Deutsche Wirtschaftsprobleme
der Gegenwart

DEUTSCHES
LEBEN DER GEGENWART

HERAUSGEGEBEN VON
PROF.  D. PHILIPP WITKOP

Mit 8 Abbildungen

Berlin 1922

VOLKSVERBAND DER BÜCHERFREUNDE
WEGWEISER VERLAG G. M. B. H.

Dieses Buch wurde als dritter Band der dritten Jahresreihe für die Mitglieder des “Volksverbandes der Bücherfreunde” hergestellt und wird nur an diese abgegeben / Den Einband zeichnete A d o l f P r o p p

VORWORT

Deutsches Leben der Gegenwart —­ dem feindlichen Blick, der nur seine Oberfläche streift, möchte scheinen, daß die Gegenwart wenig vom deutschen Leben, mehr vom deutschen Sterben zu melden hätte.  Aber der nachdenkliche Betrachter weiß, daß die größten geistigen Epochen Deutschlands über seinen politischen Niederlagen wuchsen, daß gerade die Zeiten nach dem Dreißigjährigen Krieg, nach dem Zusammenbruch von Jena zu den schöpferischen des deutschen Lebens gehören.  Und so wird seinem geschärften Auge nicht entgehen, wie auch heute hinter der zerstörten und zersetzten deutschen Außenwelt seelische und geistige Kräfte keimen —­ in heiligem Trotz dem Elend und Leid der Gegenwart entkeimen —­ die eine Verjüngung und Vertiefung, eine Erneuerung Deutschlands verheißen.

Von solchen Kräften will dies Buch uns Kunde geben, auf daß wir der inneren deutschen Welt gewiß und froh werden, wenn auch die äußere noch darniederliegt.

Und es ist bedeutsam, zu sehen, daß diese Mächte durch den Krieg zwar erst ganz befreit und gefördert, aber nicht erst durch den Krieg geweckt sind.  Schon seit der Jahrhundertwende regen sich Kräfte in Deutschland, die es aus der europäischen Epoche des Materialismus und Rationalismus, des Technizismus und Kapitalismus hinausführen wollen zu geistigem und seelischem Urgrund.

In der Dichtung, Musik, Philosophie, der Naturwissenschaft und Wirtschaft drängen junge, schicksalstiefere Kräfte vor.  Und so wenig die Autoren dieses Buches einem bestimmten

anderen Punkte sieht und schafft, so leben und schaffen doch alle nicht im Gefühl eines Ausgangs und Untergangs, sondern eines Anfangs und Übergangs, einer Zeitenwende, in der dem deutschen Volke vielleicht gerade um seiner größeren Leiden willen die größere, schwerere Aufgabe zugewiesen ist.

  F r e i b u r g i.  B., Neujahr 1922.

    Prof.  Dr. Philipp Witkop.

DIE DEUTSCHE DICHTUNG DER GEGENWART
(IN IHREN GRUNDLINIEN)

VON PHILIPP WITKOP

DER ROMAN

Alle epische Dichtung, das Versepos wie der Roman, setzt sich als höchstes Ziel, ihr ganzes Volk in ihrer Zeit darzustellen, in seinen religiösen, sittlichen, geistigen und wirtschaftlichen Grundformen.  Aber die Urzeit der Völker, da diese Formen in ungeschiedener Einheit das ganze Volk umfassen, hat selten ein Volk zum Bewußtsein und zur epischen Gestaltung seiner selbst gelangen lassen.  Erst nachdem sich aus der Einheit und Einfachheit des ganzen Volkes einzelne Stände herausgehoben und gesondert ihre Anlagen und Lebensformen entwickelt haben, sind die großen Epen entstanden.  Die Ilias wie die Nibelungen stellen die Lebensformen einer ritterlichen Gesellschaft dar.  Und wenn de ständischen Volksgruppen sich kulturell und dichterisch entwickelt haben, meist nacheinander, so bleiben sie in der epischen Dichtung ihres Landes nebeneinander bestehen:  fast alle großen neueren Romane gestalten die Lebensformen eines bedeutenden Standes; so zerfällt der Volksroman in den Ritter- oder Adelsroman, den Bürgerroman, den Bauernroman, den Arbeiterroman.  Die jeweilige schöpferische Bedeutung dieser Stände entscheidet zumeist auch über die Bedeutung ihrer Romane.  Sind ihre Lebensformen, ihre religiösen, sittlichen, geistigen, wirtschaftlichen Grundkräfte gesund, klar, einig und schöpferisch, so drängen sie auch nach ihrem schöpferischen Ausdruck, so geben sie einem wesensverbundenen Epiker die innere Form zu einem epischen Gesellschafts-und Volksbild, das sich in breitem Nach- und

Nebeneinander, in plastischer Gestaltenfülle, in farbiger Sinnlichkeit und Sichtbarkeit, in liebevoller Bejahung des Lebens entfaltet.

In Deutschland ist dies Wesen und Werden der epischen Dichtung von fremden Kräften durchkreuzt.  Seine ritterliche Kultur hat zwar in Gottfried von Straßburgs “Tristan” und in Wolfram von Eschenbachs “Parzival” vollen epischen Ausdruck gefunden.  Aber schon im “Parzival”, dem eigentlich deutschen der beiden Gedichte, bricht jene deutsche Eigenheit durch, die dem epischen Lebensgefühl widerspricht:  die deutsche Art schlägt das Auge eher nach innen denn nach außen auf, ist mehr metaphysisch als physisch, mehr musikalisch als plastisch, sie weiß mehr von der inneren Einsamkeit der Persönlichkeit als von der Gemeinsamkeit des Standes, Volkes und Staates, mehr von Kampf und Tragik als von Frieden und Daseinsfreude.  Schon die Nibelungen sind im Grunde eine Tragödie, der grauenvolle Untergang eines ganzen Volkes.  Ein unendliches Wehklagen ist ihr Schluß und die düstere Erkenntnis, “daß alle Freude immer zuletzt in Leid sich kehrt”.  Und der erste der großen deutschen Prosaromane, Grimmelshausens “Simplizissimus”, schildert die irrende deutsche Seele, die aus Mord und Getümmel des Dreißigjährigen Krieges auf eine einsame Insel, an das Herz ihres Gottes flüchtet.  Die Entwicklung und Vollendung der Seele wird zum Inhalt des deutschen Romans, nicht die Darstellung des äußeren Lebens, der Gesellschaft, des Volkes, der Kriege und Siege.  Die großen deutschen Epen und Romane sind Entwicklungsromane:  “Parzival”, “Simplizissimus”, “Wilhelm Meister”, “Der grüne Heinrich”.

Diese deutsche Wesensart ist durch die Geschichte Deutschlands bedeutsam verstärkt worden —­ wobei vielleicht auch hier “Schicksal und Gemüt Namen e i n e s Begriffes sind” (Novalis).  Während die romanische und angelsächsische Welt mit der Renaissance sich der Bewunderung, Erforschung und Eroberung der Natur zuwandte, verlor sich Deutschland in

die metaphysischen Tiefen und Konflikte der Reformation, bis daß es in einem dreißigjährigen Religionskriege fast zugrunde ging.  Aber während es politisch und wirtschaftlich so auf lange daniederlag, hob es sich philosophisch und künstlerisch zu seiner größten Bedeutung.  Zum epischen Ausdruck dieser inneren Welt und Wesenheit wird der Roman der deutschen Romantik (Hölderlin, Novalis, Jean Paul.  Eichendorf, E. T. A. Hoffmann), der durchaus musikalisch-metaphysisch bestimmt ist, aus der Welt der Gestalten in die “unendliche Melodie” hinüberdrängt.

Um die Mitte des 19.  Jahrhunderts tritt Deutschland aus dem Reich der Dichtung, Philosophie und Religion in das Reich der Industrie, Technik und Politik hinaus.  Aber die künstlerisch bedeutenden realistischen Romane, die um diese Zeit entstehen (Immermanns “Münchhausen”, 1838, Ludwigs “Heiteretei” , 1853, Freytags “Soll und Haben”, 1855, Reuters “Ut mine Stromtid”, 1862-64, Raabes “Der Hungerpastor”, 1864), begleiten diese Entwicklung kaum.  Ihre Welt ist die des alten Deutschlands, des Bauerntums, der Gutsbesitzer, des Kleinbürgertums geblieben.  Die deutsche Kultur vermag die neuen, industriellen und politischen Kräfte nicht schöpferisch zu durchdringen und zu formen.

Es war das Verhängnis der deutschen Kultur, daß die neue Entwicklung die klassische Zeit des deutschen Idealismus nicht auf ihrer Höhe, sondern im Niedergang antraf, daß das philosophisch-dichterische und das naturwissenschaftlich-technische Zeitalter sich nicht durchdrangen, sondern einseitig ablösten.  Als die idealistische deutsche Weltanschauung schon in sich zersetzt, Hegels Philosophie bei Feuerbach in ihr Gegenteil umgeschlagen war, da drangen Naturwissenschaften, Technik und Industrie ein.  Eine abgestorbene innere Welt stand einer jungen äußeren gegenüber, die sich in unerhörter Jähe und Stärke entwickelte.  Und die politischen Geschehnisse —­ die wieder nicht aus innerem Wachstum reiften, sondern von außen, durch Bismarcks Genius heraufgeführt

wurden —­ steigerten diese Entwicklung ins Hemmungslose.  So vermochten die alten bürgerlichen Lebensformen sich nicht mehr organisch fortzubilden; sie wurden gesprengt.  Mit dem Aufstieg des deutschen Bürgertums zur äußeren Macht beginnt seine innere Zersetzung.  Der Biedermeierstil ist der letzte Ausdruck einer bürgerlichen Lebens-form in Deutschland.

Am Ende dieser bürgerlichen Kultur steht Thomas Mann (geb. 1875).  Seine Vaterstadt Lübeck, die alte Hansastadt, vermochte ihre Lebensformen am längsten zu behaupten.  Die “Buddenbrooks” (1901) sind der größte und letzte bürgerliche Roman in Deutschland.

Thomas Mann war —­ wie sein Bruder Heinrich Mann —­ der Sohn eines Lübecker Senators. Über ein Jahrhundert hinweg sah er sein Geschlecht in der sicheren Tradition, den festen bürgerlichen Lebensformen der Freien Hansastadt wurzeln und wirken.  Und am Ende dieser Reihe standen er und sein Bruder, unwillig, unfähig, diese Tradition fortzuleiten.  Der Dreiundzwanzigjährige suchte nach einer Erklärung, einer Rechtfertigung seines Andersseins.  Und als Sohn eines naturalistischen Zeitalters, das eben Darwin aufgenommen hatte, das Entwicklung und Verfall der Arten, die geheimnisvolle Unübersehbarkeit der Erbgesetze zu durchschauen meinte, sah er —­ nicht ohne Einfluß Zolas und seiner Rougon-Macquart-Reihe —­ sich als den Ausgang eines alten, immer mehr verfeinerten Geschlechtes, das schließlich, durch Beimischung des mütterlichen, romanischen Blutes dem tätigen Leben entfremdet, im bloßen Zuschauer, Kritiker und Gestalter des Lebens, im Künstler, endete.  Ein Entartungs-, ein Dekadenzproblem!  Auf mehr denn tausend Seiten schrieb der Jüngling die Chronik des Niederganges:  “Buddenbrooks.  Verfall einer Familie.”  Aber er war viel zu seelenhaft, zu metaphysisch, zu musikalisch, als daß er im naturalistischen Roman steckengeblieben wäre.  Stärker als Zola bestimmte ihn Richard Wagner, dessen überwiegend epische Elemente

ihm deutlich und nah waren, stärker als die Rougon-Macquart-Reihe der “Ring der Nibelungen”.  So wurde ihm die Entartung zur Verinnerlichung:  Vier Generationen schreiten den Weg aus klarer, derber Lebenstüchtigkeit in die allauflösende, geheimnisdunkle, “unendliche Melodie”.  Durch die naturalistische Darstellung bricht das Lebensgefühl der deutschen Romantik:  “Sympathie mit dem Tode”.

Die vier Generationen schreiten den Weg nicht nur kraft einer naturgesetzlich berechenbaren Zersetzung ihres Blutes und ihrer Nerven, nicht nur Kern einer metaphysisch unbedingten Wesensgegebenheit, sie schreiten ihn auch, weil die alten bürgerlichen Lebensformen ihrer Umwelt sie nicht mehr zu halten und binden vermögen.  Auch hier sind, im weiten epischen Sinne, “Schicksal und Gemüt Namen Eines Begriffes” (Novalis).  Im “Verfall einer Familie” schildert der Epiker den Verfall einer Welt, der Welt des alten deutschen Bürgertums.  Subjektiv “flüchtig und ohne daß ich an diesem Gegentyp sonderlich teilgenommen hätte”, objektiv aber notwendig und bedeutsam geht dem Abstieg der Buddenbrooks der Aufstieg der Hagenströms parallel, um in der Übernahme des Buddenbrookschen Hauses durch Hagenströms zu gipfeln:  Der Bürger wird abgelöst durch den Bourgeois, patriarchalische, sittliche, geheiligte Lebensformen, die über den Personen und Generationen standen, weichen der egoistischen, skrupellosen Willkür des Individuums, das “frei von der hemmenden Fessel der Tradition und der Pietät auf seinen eigenen Füßen stand” dem “alles Altmodische fremd” war.

In vier Generationen umfaßt der Roman die Zeit von 1768, dem Gründungsjahr der Firma (unmittelbar von 1835, dem Jahr des Wohnungswechsels) bis nach 1880:  die eigentliche Zeit des neuen deutschen Bürgertums, in Aufstieg, Glanz und Niedergang.  Schon diese äußere Spannweite greift über jeden deutschen Roman hinaus, nicht minder die innere:  der Beginn:  rationalistische Behaglichkeit, sinnlich-geruhige Lebensfreude und Lebensbejahung, das runde, rosig überhauchte,

wohlmeinende Gesicht, das schneeweiß gepuderte Haar, das leise angedeutete Zöpflein des alten Monsieur Johann Buddenbrook, ein Diner von traditioneller Feinheit und Fülle und epischer Dauer, Schinken von sagenhaftem Umfang, Puddings von mythischer Schichtung und Mischung, Weine von staubumsponnenem Alter, anakreontisch tändelnde Verse:  “Venus Anadyoméne —­ Und Vulcani fleiß’ge Hand”, heiter-graziöse Flötentöne und ein wenig schlüpfrige Verslein im Billardsaal.  Und das Ende:  der fünfzehnjährige, lebensunwillige, leidverlorene Hanno Buddenbrook mit den Augen des Wissenden, Einsamen, Heimatlosen, der so müde des Daseins ist, der schlafen möchte und nichts mehr wissen:  “man sollte mich nur aufgeben; ich wäre so dankbar dafür”, der aus der Sphäre epischer Bejahung und Gegenständlichkeit in verzweifeltem Aufbruch sich hinüberflüchtet in das weltflüchtige, weltverneinende, jenseitige Reich einer an Wagner geschulten Musik:  Hanno Buddenbrook vor dem Flügel.

Zwischen diesen äußersten Spannungsweiten dehnt sich die Handlung.  In einer epischen Gegenständlichkeit, die keine Reflexion, keinen blassen Bericht zuläßt, die ganz sichtbare, farbige Gegenwart ist, folgen sich die Gestalten und Generationen als feste Glieder in der Kette des Geschlechts, der Firma, der bürgerlichen Tradition.  Dieser Zusammenhang umfaßt ihre Weltanschauung.  Ihr Unsterblichkeitsglaube ist der epische des Geschlechts:  “daß er (Thomas Buddenbrook) in seinen Vorfahren gelebt habe und in seinen Nachfahren leben werde.  Dies hatte nicht allein mit seinem Familiensinn, seinem Patrizierselbstbewußtsein, seiner geschichtlichem Pietät übereingestimmt; es hatte ihn auch in seiner Tätigkeit, seinem Ehrgeiz, seiner ganzen Lebensführung unterstützt und bekräftigt.”  Die Bibel dieses Glaubens ist die Familienchronik:  die feierliche Darstellung des Werdens, Ringens und Wachsens dieser Folge, der Menschen, der Generation und des Ideals, dem sie unterstellt sind:  der Firma.

Wie es die Lebensaufgabe der Fürsten- und Königshäuser ist, ihren überkommenen Machtbezirk taten- und ehrenvoll zu behaupten und zu erweitern, so ist es die verantwortungsvolle Aufgabe des Bürgerhauses, die ererbte Firma zu immer weiterer Wirkung, immer reicherer Würde zu führen.  Eine überpersönliche, sittliche Aufgabe!  Ihr opfert man seine Ruhe, seine Liebe, sein Glück.  “Wir sind nicht dafür geboren, was wir mit kurzsichtigen Augen für unser eigenes, kleines, persönliches Glück halten, denn wir sind nicht lose, unabhängige und für sich bestehende Einzelwesen, sondern wie Glieder in einer Kette, und wir wären, so wie wir sind, nicht denkbar ohne die Reihe derjenigen, die uns vorangingen und uns die Wege wiesen, indem sie ihrerseits mit Strenge und, ohne nach rechts oder links zu blicken, einer erprobten und ehrwürdigen Überlieferung folgten.”

Die ersten beiden Generationen des Romans sind von diesem Lebensgefühl noch bluthaft durchdrungen; in den beiden letzten zersetzt es sich.  Nur Toni Buddenbrook bleibt sein gläubiger Träger.  Ihm opfert sie ihre Jugendliebe, um seinetwillen heiratet sie den erst widerwärtigen Grünlich, um seinetwillen trennt sie sich von ihm, um seinetwillen geht sie die neue We mit Permaneder ein.  Und als alle männlichen Glieder der Familie gestorben, die Firma aufgelöst ist, da bleibt ihr Lebenstrost, einmal in der Woche die weiblichen Verwandten zu sich zu laden:  “Und dann lesen wir in den Familienpapieren.”  Ihr Gegensatz ist ihr Bruder Christian.  Ihn vermögen die alten Lebensformen nicht mehr zu halten, sie lassen ihn gehen, er läßt sich gehen:  “Wie satt ich das alles habe, dies Taktgefühl und Feingefühl und Gleichgewicht, diese Haltung und Würde, wie sterbenssatt!” Die Firma, das überpersönliche Ideal der Familie bedingt ihn nicht.  Er zergeht in “ängstlicher, eitler und neugieriger Beschäftigung mit sich selbst”.  Sein Interesse für Theater, Varieté und Zirkus ist das Interesse des formlos gewordenen Bürgers für “die Fahrenden” die dem mittelalterlichen Bürger als unehrlich galten.

Schließlich heiratet er seine Kurtisane; den alten, bürgerlichen Formen entglitten, unfähig, sich neue zu bilden, fällt er seelisch und körperlich auseinander.  Zwischen Toni und Christian steht Thomas Buddenbrook.  Die Gefahren Christians, der Hang zur Formlosigkeit und Subjektivität, ist ihm nicht fremd.  Er bekämpft und überwindet sie.  Er wird zum Helden des sinkenden bürgerlichen Ideals.  Aber die alten Lebensformen halten weniger ihn, als daß er sie hält.  Der Held wird zum Schauspieler des Ideals; er repräsentiert es, er verkörpert es nicht.  “Der gänzliche Mangel eines aufrichtig feurigen Interesses, das ihn in Anspruch genommen hätte, die Verarmung und Verödung seines Innern, verbunden mit einer unerbittlichen inneren Verpflichtung und zähen Enschlossenheit, um jeden Preis würdig zu repräsentieren, seine Hinfälligkeit mit allen Mitteln zu verstecken und die Dehors zu wahren, hatte dies aus seinem Dasein gemacht, hatte es künstlich, bewußt, gezwungen gemacht und bewirkt, daß jedes Wort, jede Bewegung, jede geringste Aktion unter Menschen zu einer anstrengenden und aufreibenden Schauspielerei geworden war.”

Diesem Schauspieler des Ideals wird als Sohn Hanno Buddenbrook, der viel zu müde ist, um zu schauspielern, viel zu vornehm, um gleich seinem Onkel Christian zum “Fahrenden” zu werden.  Wenn er zur Kunst flüchtet, so sucht er nicht das Formlose im Leben, sondern das Formlose jenseits des Lebens:  die Musik, die vor und über aller Erscheinung ist, das Meer der unendlichen Melodie, das sein Tropfendasein erlösend zurücknimmt.  Von den alten bürgerlichen Lebensformen verlassen, nach neuen nicht begierig, ein Bürger des Metaphysischen, das sich seinem Vater nur in der Lesung Schopenhauers einmal blendend enthüllt hat, gibt er leidvoll und heimwehmüde vor der Zeit das Leben preis.

Wie diese —­ erst in Hanno ungehemmte —­ “Sympathie mit dem Tode” heimlich aus der bürgerlichen Diesseitigkeit der Generationen emporwächst, ist in weitgespannter, erschütternder

Symbolik dargestellt.  Die ersten, eigentlich epischen, lebensbejahenden Generationen verstehen den Tod nicht:  “Kurios!  Kurios!” murmelt der alte Monsieur Buddenbrook am Sterbebett seiner Frau mit leisem, erstauntem Kopfschütteln; mit einem letzten “Kurios” kehrt er selber sich sterbend zur Wand.  “Mit Furcht und einem offenkundigen, naiven Haß” beobachtet die Konsulin Buddenbrook, “die ehemalige Weltdame, mit ihrer stillen, natürlichen und dauerhaften Liebe zum Wohlleben und zum Leben überhaupt” die Fortschritte ihrer Krankheit; sie kämpft mit dem Tod in langer, verzweifelter Kraft.  Thomas Buddenbrook aber, der Held und Schauspieler des bürgerlichen Ideals, ist längst so vom Tode unterhöhlt, daß ein Zahngeschwür genügt, um seine krampfhafte Lebensbehauptung niederzureißen.  Mitten auf der Straße wirft es ihn um; der so lang und gewissenhaft Würde, Haltung, Form verteidigt, liegt im Kot und Schneewasser des Fahrdamms.  “Seine Hände, in den weißen Glacéhandschuhen, lagen ausgestreckt in einer Pfütze.”  Hanno aber kämpft nicht mehr gegen den Tod; hemmungslos er-sehnt und ruft er ihn als den Freund und Erlöser.

Mit ähnlicher, weitgespannter Symbolik, mit gleicher Fülle und Dauer der inneren Beziehungen baut sich alles auf in diesem Roman.  Von den alten Epen ist das Leitmotiv übernommen und über Richard Wagner her musikalisch verinnerlicht, symbolisch vertieft.  Gegenüber der lockeren Form des “Wilhelm Meister” und des “Grünen Heinrich” ist hier an Geschlossenheit des epischen Aufbaus in Deutschland ein Höchstes erreicht.

Die “Buddenbrooks” schreibt Thomas Mann, dreiundzwanzig bis sechsundzwanzig Jahre alt, in Italien und München, so wie Gottfried Keller seinen “Grünen Heinrich” in Berlin niederschrieb.  Nicht er allein schuf diesen Roman; durch ihn schuf und gestaltete sich sein Geschlecht, sein Heimatstaat Lübeck, wie der Berner Stadt-Staat durch Jeremias Gotthelf, Zürich durch Gottfried Keller, das alte Berlin durch

Theodor Fontane sich Gestalt erdrang.  Aber Gottfried Keller kehrte aus Berlin nach Zürich heim, wurde Staatsschreiber und Führer, nahm in Anteil und Liebe neue Lebensbilder und -schicksale seines Volkes auf, Grund und Gehalt zu neuen Schöpfungen.  Was blieb Thomas Mann, dem Epiker, der seine eigene Welt zu Grabe getragen, der ihr das letzte Zeichen seiner Liebe im Riesendenkmal seiner Dichtung geschaffen hatte?  Ein Lyriker hat die Natur, ein Dramatiker. die Idee, die seiner Kunst Boden und Wachstum geben.  Ein Epiker ist undenkbar ohne Volks- und Heimatzusammenhang.  Im Weh verfrühter Hellsicht stand der Einsame, Zurückgebliebene, ein König ohne Land, ein Bildner ohne Stoff.  Sollte er zum bloßen Zuschauer, Beobachter, Kritiker, zum weiteren Zersetzer des Lebens werden?  Sollte er das Leben verachten, das ihm nicht gemäß war, und hochmütig sich in das Reich einer rein formalen Kunst, einer l’art pour l’art, zurückziehen?  Das Europäisch-Intellektuelle seine Wesens, das Romanische seines Blutes drängte zu diesem Entscheid.  Der Zwiespalt wurde zur Dichtung:  In den “Buddenbrooks” hatte Thomas Mann sich Rechenschaft über das Problem seines Lebens gegeben, im.  “Tonio Kröger” gab er sich Rechenschaft über seine Kunst.

Und er blieb dem Leben treu, obwohl es ihn allein gelassen hatte. Über die Qual der Einsamkeit, den Hochmut der Form und Erkenntnis hinweg bekannte, ja predigte er “die Bürgerliebe zum Menschlichen, Lebendigen und Gewöhnlichen.  Alle Wärme, alle Güte, aller Humor kommt aus ihr, und fast will mir scheinen, als sei sie jene Liebe selbst, von der geschrieben steht, daß einer mit Menschen- und Engelszungen reden könne und ohne sie doch nur ein tönendes Erz und eine klingende Schelle sei.”  Er verspottete und geißelte die Gefahren des Literaten- und Ästhetentums —­ seine Gefahren! —­ im Schriftsteller Spinell.  In Leidverwandtschaft kehrte er sich den Enterbten des Lebens zu, sprach er sein Leid in ihrem Leid, im Weltleid aus.  Wie in den “Lamentationen” Heines,

den das Leben verwiesen und in die Matratzengruft geworfen hatte, so ziehen die Verfolgten und Verratenen des Lebens —­ Tobias Mindernickel, der kleine Herr Friedemann, der Bajazzo, Rechtsanwalt Jacoby, Friedrich Schiller, Baronin Anna, Lobgott Piepsam, Van der Qualen, Hieronymus —­ mit friedlosen, sehenden Augen an uns vorüber.

Langsam erst ringt sich aus dieser Heimatlosigkeit und Sehnsucht ein Hoffen, ein Ahnen, ein Wissen von neuer Verbundenheit:  in Frau und Kindern beginnt ihm das Leben neu, ein erstes Menschenpaar, eine junge Welt.  Durch sie fühlt er sich den Menschen wieder verbunden, nicht in Sehnsucht mehr, in lebendigem Anteil.  “Königliche Hoheit” zeichnet die Erlösung durch die Liebe von einem formalen, repräsentativen Dasein zur Tat und Gemeinschaft, zum “strengen Glück”.  Ein Kunst- und Märchenspiel von romanischer Klarheit, Bewußtheit, Überlegenheit der Form, von deutscher Innerlichkeit, Einsamkeit, Pflicht und Liebestiefe des Gehalts.  Der “Gesang vom Kindchen” gibt Geburt und Taufe eines Töchterchens, Menschlich-Schlichtestes als Menschlich-Tiefstes, fast ohne ästhetische Form, nur als Ausdruck der formgewordenes, harmonischen Persönlichkeit.  Und das Prosaidyll “Herr und Hund” zieht in Bauschan, dem Hühnerhund, auch das Tier in die Gemeinschaft des Lebens und der Liebe ein.

Aus dieser wurzeltiefen Lebensgemeinschaft, dieser sittlichen Zugehörigkeit und Entschlossenheit, dieser Wärme, Liebe und Güte formt er die letzte, klassische Auseinandersetzung, die Absage an die zersetzenden Kräfte in sich und der Umwelt:  an die auflösende Erkenntnis, die Relativierung der Werte und —­ tiefer und tragischer im Konflikt seines Helden —­ an die leere Schönheit, die bloße Form:  “Der tiefe Entschluß des Meister gewordenen Manns, das Wissen zu leugnen, es abzulehnen, erhobenes Hauptes darüber hinwegzugehen, sofern es den Willen, die Tat, das Gefühl und selbst die Leidenschaft im geringsten zu lähmen, zu entmutigen,

zu entwürdigen geeignet ist, liegt hinter dem Dichter Aschenbach, dem Helden der Meisternovelle “Der Tod in Venedig”.  Im Kampfe zwischen Geist und Kunst hat er leidenschaftlich für die Kunst gefochten.  Um der Kunst willen hat er dem Leben entsagt, an der Einsamkeit seines Schreibtisches hat er gegen seinen schwächlichen Körper in zähem, unermüdlichem Ringen die reine Form seiner Werke erkämpft, die ihm ebenso ethische wie ästhetische Aufgabe war.  Aber hinter dieser Form, die den Spannungen seines Willens und Bewußtseins abgerungen, die nicht organischen Lebens- und Liebestiefen entwachsen ist, droht ständig die Gefahr der Abspannung und Entfesselung, der Zügellosigkeit und Vernichtung.  Auf der Höhe seines Ruhmes verführt und überwältigt sie ihn.  Sie lockt ihn nach den Gestaden Venedigs, wo das das Leben Schein und die Kunst Wirklichkeit ist.  Sie entzündet in ihm die Liebe zu Tadzio, dem schönen Polenknaben, eine zuchtlose Ausschweifung seiner künstlerischen und sinnlichen Phantasie, sie sich nicht an der Wirklichkeit beruhigen, berichtigen, gestalten kann noch will, eine weglose Liebe zur reinen Form, die zur Unfruchtbarkeit verdammt ist, die nicht zeugen kann im Geliebten, die widernatürlich und tödlich ist.  In tragischer Steigerung, in unentwirrbarer Mischung des Heiligen und Verworfenen, jagt sie “den Meister, den würdig gewordenen Künstler”, durch alle Leiden und Leidenschaften, alle Verzückung und Erniedrigung zur “Unzucht und Raserei des Untergangs”.  Nie sind die eingeborenen Gefahren der Kunst würdiger und erschütternder gestaltet, die Gefahren der Schönheit, die dem Geist wie den Sinnen verknüpft ist, die in jedem von ihnen zur Ausschweifung neigt, sofern nicht beide in der höheren Einheit der Seele sich organisch finden und binden.

Dann kam der Krieg.  Und über alle militärischen und politischen
Kämpfe erlebte ihn Thomas Mann als die unerbittliche
Auseinandersetzung zweier Weltanschauungen, jener
Gegensätze, die er in sich selber erlitten und entschieden

hatte:  das Germanische und das Romanische, das Deutsch-Dichterische und das Europäisch-Intellektuelle, Kunst und Erkenntnis, Gehalt und Form, Kultur und Zivilisation.  In seinem eigenen Bruder war der Teil seines Wesens, den er abgelehnt und ausgemerzt hatte, Wille und Angriff geworden.  Gegen seinen Bruder mußte er diesen Kampf noch einmal aufnehmen und für die deutsche Seele entscheiden.  Alle großen Epiker waren Gestalter ihres Volkes, nicht nur im ästhetischen, auch im ethischen Sinne:  Deuter, Mahner, Erzieher:  Wolfram von Eschenbach im “Parzival”, Grimmelshausen im “Simplizissimus”, Goethe im “Wilhelm Meister” Gottfried Keller im “Grünen Heinrich” und “Martin Salander”; Jeremias Gotthilf in jedem seiner schollentreuen Romane.  Es brauchte des französischen Vorbildes, Emil Zolas, nicht, das Heinrich Mann seinem Bruder entgegenstellte.  Das Bild, das sie formen wollten und mußten aus dem Rohstoff ihres Volker:  das entschied ihre Bedeutung.  Für Heinrich Mann war der Mensch ein soziales Lebewesen; er predigte den sozialen, französischen, rationalistischen, optimistischen Menschen des 18.  Jahrhunderts.  Thomas Mann sah im Menschen das metaphysische Lebewesen; er gestaltete und verkündete den metaphysischen, deutschen und russischen, religiösen, ja mystischen, pessimistischen Menschen des 19.  Jahrhunderts.  Dem Standbild Zolas hatte er sein Standbild Friedrichs des Großen entgegengestellt, den geschwätzigen, optimistischen, rationalistischen “Vier Evangelien” des Romanciers die Dämonie und herrische Pflichttreue des gottgeschlagenen und gotterwählten Königs, der sich verzehrte in Arbeit, Einsamkeit und endlosen Kriegen, daß von ihm nichts übrigblieb wie ein abgemergelter, verschrumpfter Kinderleib, den ein Diener mit einem seiner Hemden bekleiden mußte, da “man kein heiles, sauberes Hemd in seinen Schubladen fand”.

Aus den metaphysischen Tiefen solcher Bereitschaft und Berufung ersehnt und erweckt Thomas Mann seinem Volk jene Kräfte, die imstande sind, “die fortschreitende Zerstörung

aller psychischen Wirklichkeit und seelischen Form, die scheinbar unaufhaltsame Anarchisierung und Barbarisierung der Menschenwelt durch den revolutionären Intellekt” zu überwinden, “dem Leben, der Ganzheit und Harmonie des Menschen, dem Wiederaufbau seelischer Form zu dienen” und so dem heimatlosen Epiker, seinem Leben wie seiner Kunst, eine neue Welt zu schaffen.

Heinrich Mann aber, Thomas Manns Gefahr und Gegensatz, ist nicht nur in und durch Thomas Mann überwunden, ist politisch an der Entwicklung der Zeit, künstlerisch an seiner zersetzenden Subjektivität und Lieblosigkeit zergangen.  Thomas Mann hatte sein Geschlecht und Volk noch im Verfall umfaßt, hatte am Ende der Reihe, ein Zugehöriger und doch Außenstehender, in Liebe und Ironie zugleich ihm Gestalt gegeben.  In Sehnsucht hatte jedes seiner Werke vom Wiederaufbau, der neuen Lebensform und Lebensgemeinschaft gehandelt.  Im tiefsten Sinn war ihm, dem wahren Epiker, Richard Dehmels Spruch Lebensgefühl gewesen:  “Alles Leid ist Einsamkeit —­ alles Glück Gemeinsamkeit.”  Heinrich Mann hatte sich stets wichtiger genommen als sein Geschlecht und sein Volk.  Früh und fremd hatte er Vaterstadt und Vaterland den Rücken gekehrt.  Der romanische Tropfen in seinem Blute trieb ihn nach Italien, das Thomas erst sein tiefes Deutschtum deutlich machte.  Eine Zeitlang glaubte Heinrich Mann, dort “zu Hause zu sein.  Aber ich war es auch dort nicht; und seit ich dies spürte, begann ich etwas zu können.  Das Alleinstehen zwischen zwei Rassen stärkt den Schwachen; es macht ihn rücksichtslos, schwer beeinflußbar, versessen darauf, sich selbst eine kleine Welt und auch die Heimat hinzubauen, die er sonst nicht fände.  Da nirgends Volksverwandte sind, entzieht man sich achselzuckend der üblichen Kontrolle.  Da man nirgends eine Öffentlichkeit weiß mit völlig gleichen Instinkten, gelangt man dahin, sein Wirkungsbedürfnis einzuengen, es an einem einzigen auszulassen, wodurch es gewinnt an Heftigkeit.  Man

geht grelle Wege, legt das Viehische neben das Verträumte, Enthusiasmen neben Satiren, koppelt Zärtlichkeit an Menschenfeindschaft.  Nicht der Kitzel der andern ist das Ziel:  wo wären denn andere!  Sondern man schafft Sensationen für einen einzigen.  Man ist darauf aus, das eigene Erleben reicher zu fühlen, die eigene Einsamkeit gewürzter zu schmecken.”  Welch treffendes Selbstbildnis!  Welch Zerrbild eines Epikers!  Ohne Wurzelboden, ohne Zusammenhang, ohne Liebe, im Selbstgenuß hochmütiger, überreizter Sensationen, zersetzender Erkenntnisse, ehrgeiziger Spannungen.  Ihm wird die Kunst zur “widernatürlichen Ausschweifung”.  “Pippo Spano”, das Gegenbild zum “Tonio Kröger”, bekennt in leidender zuchtloser Lässigkeit:  “Sie (die Kunst) höhlt ihr Opfer so aus, daß es unfähig bleibt auf immer zu einem echten Gefühl, zu einer redlichen Hingabe.  Bedenke, daß mir die Welt nur Stoff ist, um Sätze daraus zu formen.  Alles, was du siehst und genießt:  mir wäre nicht an ihrem Genuß gelegen, nur an der Phrase, die ihn spiegelt.  Jeder goldene Abend, jeder weinende Freund, alle meine Gefühle und noch der Schmerz darüber, daß sie so verderbt sind —­ es ist Stoff zu Worten.”  Das ganze Leben und Schaffen Heinrich Manns ist ästhetischer Selbstgenuß statt ethischer Selbstvollendung oder -überwindung.

Welche epischen Werke können aus solcher Willkür wachsen?  Das Hauptwerk “Die Göttinnen oder die drei Romane der Herzogin von Assy” (1902-03) weiß der Wurzel- und Heimatlosigkeit seines Dichters keine andere Heldin als die Balkanprinzessin der Operetten.  Macht, Kunst und Liebe werden —­ in reinlichem Nacheinander! —­ ihr Lebensinhalt.  Der Balkan, Venedig, Neapel sind die billigen Kulissen dieser Stationen.  Da Heinrich Mann nicht seine Literatur aus dem Leben, sondern sein Leben aus der Literatur empfängt, sind alle Figuren und Leidenschaften aus zweiter Hand, ästhetische, durchsichtige, monumentalisierte Schemen, nicht unergründliche, blut- und seelenvolle Gestalten, nur der papiernen

Phantasie von Literaten und Großstädtern überzeugend.  Was ihnen an organischem Leben fehlt, ersetzen sie durch die Überreiztheit ihrer Gefühle und Gebärden, durch Rausch und Hysterie —­ eine krampfige Nachfolge d’Annunzios.

Neben solchen Orgien einer überreizten Literatenphantasie stehen die satirischen Romane:  “Im Schlaraffenland”, “Professor Unrat”, “Der Untertan” usw.  Sie sind Emil Zola näher, zumal ihr bester, “Im Schlaraffenland” —­ eine Schilderung des zersetzten Berlin W —­ aber ohne Zolas soziales Pathos.  Auch die Satire bedarf der Liebe, um zeugen und gebären zu können, der Liebe zur armen, irregehenden Menschheit oder zum neuen, reineren Ideal.  “Ich glaube nicht” —­ sagt Thomas Mann in den “Betrachtungen” —­ “daß ohne Sympathie überhaupt Gestalt werden könne; die bloße Negation gibt flächige Karikatur.”  Auch hier scheint die Literatur, nicht das Leben —­ die Witzblätter scheinen Heinrich Mann die Gestalten und Vorgänge zum “Professor Unrat” und “Untertan” gegeben zu haben:  so flächig und billig sind sie gezeichnet.  Jede lebendige Gestalt muß Monate unter dem Herzen getragen, muß mit Blut genährt sein.

Nur e i n Roman ist Heinrich Mann gelungen, dem Wurzelboden und Atmosphäre eigen:  “Die kleine Stadt”.  Es ist bedeutsam, daß er in Italien spielt:  “Eine Zeitlang glaubte ich (dort) zu Hause zu sein.”  Einmal hat Heinrich Mann einen erlebten Gehalt und mit ihm eigene Form gefunden:  dem immer bewegten Völkchen des Südens, den flackernden Leidenschaften entspricht ein bewegter, farbiger, flirrender Impressionismus des Stils.  Diese italienischen Kleinbürger, die sich heißblütig und beweglich an ihren Worten und Gebärden berauschen, alle ein wenig Künstler, ein wenig Schauspieler, ein wenig d’Annunzio, sind in ihrer Menschlichkeit und Kindlichkeit so liebenswürdig erlebt und gestaltet, daß sie und ihr Schicksal zu menschlich-symbolischer Bedeutung wachsen.  Ihre Instinkte glimmen unter der Asche der täglichen Eintönigkeit.  Da zieht eine Schauspielertruppe in die

Stadt und weht sie nach allen Seiten zu Flammen auf.  Sinnlichkeit und Liebe, Eifersucht und Ehrgeiz, vergessene und noch schlummernde Leidenschaften wirbeln knisternd hoch.  Der Kampf zwischen Priester und Advokat, Reaktion und Fortschritt teilt und erregt die Massen.  Die Glocken der Kirche und die Melodien der Oper streiten miteinander.  Doch aus dem Feuer der Leiden und Leidenschaften glüht die Blume der Versöhnung, der Verbrüderung, der Liebe zu Volk und Menschheit auf:  “Was sind wir!” —­ fragt der Advokat beim Abzug der Schauspieler. —­ “Eine kleine Stadt.  Was haben uns jene gebracht?  Ein wenig Musik.  Und dennoch —­ wir haben uns begeistert, wir haben gekämpft, und wir sind ein Stück vorwärtsgekommen in der Schule der Menschlichkeit.”  Für kurze Stunden, für eilende Seiten durchzuckt Heinrich Mann, den heimatlosen Literaten, das Wesen und Glück des epischen Dichters:  “Was macht diese Dinge groß?” “Daß ein Volk sie mitfühlt, ein Volk! das wir lieben!” “Ich habe ein Volk gesehen!  Ich wußte es, wir seien nicht allein; ein Volk höre uns!  Wir wecken seine Seele, wir...  Und es gibt sie uns!”

Thomas Mann, dem Verfallsepiker des Bürgertums —­ eines patriarchalisch-aristokratischen Bürgertums —­ in der Grundstimmung verwandt ist der Verfallsepiker des Adels:  Eduard Graf von Keyserling (1855-1918.).  Wie Lübeck die bürgerlichen Lebensformen, so hat Kurland, Keyserlings Heimat, die Lebensformen des Adels am längsten und reinsten behauptet.  Mehr als Keyserling vor dem grausigen Kriegsschicksal der baltischen Provinzen ahnen konnte, steht auch er am Ende einer Entwicklung, ein Zugehöriger und Außenseiter.  In München erlebt der Alternde, kränklich, gelähmt, gekrümmt, zuletzt erblindet, vom Krankenstuhl und -bett aus die Welt seiner Väter und seiner Jugend wieder.  Die tiefe Heimatliebe des Epikers und die melancholische, gütige Erkenntnis des Ausgehenden zeichnen die Menschen, die Schicksale, die Umwelt dieses östlichen Gutsadels in schmalen, erwählten,

sicheren Linien, Er gibt keine breiten epischen Fresken, keine weiten Geschlechterfolgen wie die Buddenbrooks, er gibt in seinen Romanen “Beate und Mareile” “Dumala”, “Wellen”, “Abendliche Häuser”, “Fürstinnen” fast novellistische Einzelbilder; sie schließen sich zu einem Gesamtbild von epischer Bedeutung.  Die Darstellung ist von klarer Sichtbarkeit und Farbigkeit, aber durchzittert von der müden, melancholischen Seelenmusik Hermann Bangs, dem sie Tiefstes verdankt.

Die Adelsgeschlechter Keyserlings haben längst nicht mehr die naiv-sicheren Lebensformen ihrer Väter, der “starken Leute, die das Leben und die Arbeit liebten, roh mit den Weibern und andächtig mit den Frauen umgingen und einen angeerbten Glauben und angeerbte Grundsätze hatten”, die um ihre einmal gewählte Fahne die Hände schlossen:  “Nun vorwärts in Gottes oder des Teufels Namen!” Ihr Leben ist in Wissen und Handeln zerfallen; sie haben die Relativität ihrer Lebensformen und -gesetze durchschaut.  Die alten Ideale sind zersetzt, neue noch nicht geschaffen:  “An meiner ganzen Generation ist etwas versäumt worden “, sagt von Egloff in den “Abendlichen Häusern”, “unsere Väter waren kolossal gut, sie nahmen alles sehr ernst und andächtig.  Es war wohl dein Vater, der gern von dem heiligen Beruf sprach, die Güter seiner Väter zu verwalten und zu erhalten.  Na, wir konnten mit dieser Andacht nicht recht mit, nach einer neuen Andacht für uns sah man sich nicht um.  Und so kam es denn, daß wir nichts so recht ernst nahmen, ja selbst die Väter nicht.”  Aber die adelige Gebundenheit ihres Blutes schreckt zurück vor dieser Willkür, die ihnen zuchtlos scheint, vor dieser Freiheit, die den Müden nicht zur schöpferischen Erneuerung dienen kann.  Gegen ihre Hellsicht flüchten sie in die Tradition ihrer Väter zurück:  “...Unsere Gesetze hier —­” “Glauben Sie an diese Gesetze?” “Ich glaube nicht an sie, aber ich gehorche ihnen.”  Wie Thomas Buddenbrook werden sie zu den Helden und Schauspielern der alten Ideale.

Je weniger sie ihnen innerlich eins sind, desto sorgsamer unterstellen sie sich ihnen.  Haltung!  Tenue!  In allem inneren und äußeren Leben die Tradition wahren!  Wohlgeordnet, festgefügt, bis in jede Tagesstunde bestimmt!  “Du und ich sind zu gut erzogen, um in ein Drama zu passen.”

Aber an diese starre, unterhöhlte Konvention klopft das Leben.  Die Natur, die aus der frühlingswilden, sommerschwülen Landschaft, den Wäldern und dem Meere, aus dem animalisch-vegetativen Leben der Gutsdörfer steigt, treibt in den jungen Komtessen, die, “kleine berauschte Gespenster, vor Verlangen zittern, draußen umzugehen, und wenn sie hinauskommen, nicht atmen können,” treibt in den jungen Baronen, die das Erotische aus den schützenden Konventionen in die Kämpfe und Gefahren sinnlich-seelischer Abenteuer drängt.  Keiner dringt durch zur Freiheit, sie fallen oder flüchten zurück.  Das Leben wird zum Schatten und Traum:  “Man lebt hier, als ob man gleich erwachen müßte, um dann erst mit der Wirklichkeit zu beginnen.”  “Eine dunkle Traurigkeit machte sie todmüde.  All das still zu Ende gehende Leben um sie her schwächte auch ihr Blut, nahm ihr die Kraft, weiterzuleben; wir sitzen still und warten, bis eins nach dem anderen abbröckelt.”

Neben der adeligen und bürgerlichen wird die Zersetzung der bäuerlichen Formenwelt nur von der materiellen Seite episch bedeutsam gestaltet durch Wilhelm von Polenz’ “Büttnerbauern” (1895) und Peter Roseggers “Jakob der Letzte”.  Diese äußere Not der bäuerlichen Welt ist durch die wirtschaftliche Entwicklung behoben, ihrer inneren Zersetzung, die da und dort merkbar wird (vgl.  Josef Ruederers Komödie “Die Fahnenweihe”, 1895), begegnet der lebendig nahe Zusammenhang mit der Natur, der Landschaft, den Jahreszeiten.  Aus ihnen quellen jene Formenkräfte, die das bäuerliche Leben immer wieder von Grund aus aufbauen und erneuern, wie sie Knut Hamsun im größten modernen Bauernroman, einem wahrhaft altepischen Werke, dargestellt hat,

im “Segen der Erde”.  Unseren Bauerndichtern ist die Strenge und Größe dieses Zusammenhanges kaum deutlich geworden.  Ganghofer ist oberflächlich und sentimental, auch Rosegger ist in aller Volkstümlichkeit und Liebenswürdigkeit zu unproblematisch im tieferen Sinne —­ nur die “Schriften des Waldschulmeisters” und “Des Gottsucher” ragen hervor —­, Gustav Frenssens einst so berühmte Romane ("Jörn Uhl”, 1901) sind zwar voll landschaftlicher Stimmungskunst, aber in der Weltanschauung des liberalen protestantischen Pfarrers zwiespältig und verschwommen, in der Charakterisierung der Hauptpersonen romanhaft, in der Gesamtdarstellung lehr- und predigerhaft, ohne Kraft des Aufbaus, ohne Einheit der inneren Form.  Erdkräftiger wurzeln Ludwig Thomas Bauernromane “Andreas Vöst” und “Der Wittiber”, sie bleiben aber naturalistisch gebunden.  Hermann Stehrs “Heiligenhof” fehlt zur grübelnden Mystik seiner Bauern die natürliche Fülle und plastische Kraft; er ist —­ wie alle Romane dieses Ringenden —­ mehr reflektiert als gewachsen.

Über die zersetzten bürgerlichen und adeligen Formenwelten ist die Entwicklung der deutschen Kultur und Epik noch nicht zu neuen Lebensformen vorgedrungen.  Die Großstädte sind ebenso formlos geblieben wie die Großstadtromane.  Max Kretzers Berliner, Michael Georg Conrads Münchener Romane sind nichts als Stoff und Tendenz.  Arthur Schnitzlers Versuch zu einem Wiener Roman großen Stiles, “Der Weg ins Freie”, ist in der episch bedeutungslosen Umwelt des Literaten- und Judentums zergangen.  Ein Arbeiterroman gleich der Bedeutung von Zolas “Germinal” ist uns nicht geworden.  Die Welt der Arbeiter wird sich über Angriff und Verneinung, über die zerbröckelte, materialistische Weltanschauung des Marxismus erst zur eigenen Form durchringen müssen.

Aus der modernen Frauenbewegung hat sich ein besonderer Frauenroman entwickelt.  Als Mutter und Gattin ist das Weib der Urgrund der epischen Welt, aber die neue Zeit

reißt zahllose Frauen aus dem Frieden der Familie und stößt sie in den Kampf des persönlichen Schicksals.  Auch hier sind zersetzte Lebensformen zu überwinden und zu erneuern.  Gabriele Reuters (geb. 1859) Romane, “Aus guter Familie” (1895), “Ellen von der Weiden”, “Das Tränenhaus” zeugen davon, ohne die Überzeugung stets in Darstellung, die Tendenz in reine Menschlichkeit wandeln zu können.  Auch Helene Böhlaus (geb. 1859) polemische Frauenromane, wie “Das Recht der Mutter” und “Halbtier”, vermögen das nicht.  Wo aber die reine Weiblichkeit ihrer lebensvollen Natur durchbricht, da wachsen aus der lichten Kindlichkeit ihrer .  Jugenderinnerungen die Weimarer “Ratsmädelgeschichten”, aus der leidgeläuterten, warmen Mütterlichkeit ihrer Reife “Der Rangierbahnhof” (1895), der voll tiefster Güte, voll tragischer Schönheit ist.

Klara Viebig (geb. 1860) steht den Problemen des eigentlichen Frauenromans fern; sie ist Naturalistin, die Schülerin Zolas.  Elementare Triebe und Gestalten, Massenleidenschaften und Massenszenen sind ihr Feld.  Die Eiffellandsthaft mit ihren wortkargen, düsteren Menschen, die —­ einmal geweckt in ihren Leidenschaften —­ furchtbar ausbrechen, gibt ihr die besten ihrer Romane:  “Das Weiberdorf”, “Vom Müllerhannes”, “Das Kreuz im Venn”.  Mit scharfer Beobachtung und sicherer Technik packt sie ihre Gestalten und Probleme von außen, mehr eine geschickte Schriftstellerin als formende Künstlerin.

Weit über die Welt der Frauenromane, über die Welt selber hinaus führen die Romane Ricarda Huchs (geb. 1864).  Ein durchaus romantisches Lebensgefühl, die Sehnsucht nach Unerreichbarem durchschimmert und durchglüht sie.  Aber das Unerreichbare ist hier nicht das Unendliche, sondern das Leben, das in all seiner Schönheit, Kraft und Vollkommenheit doch ein unaufhaltsames, stetiges Vergehen ist.  Obwohl alle wissen, wie traurig und flüchtig das Dasein ist, wie “es keinen Sinn hat, die Dinge so fest ans Herz zu schließen,

die wir nach einem bangen Augenblick wieder wegwerfen müssen und nie mehr sehen”, bleibt es doch aller “Bestimmung und Seligkeit, die himmelhohe Flamme des Lebens mit dem Strahl ihres Wesens zu nähren”.  “O Leben, o Schönheit!” singt es durch alle Dichtungen Ricarda Huchs.  Die “schauerliche Wollust, in der träumerisch spülenden Lebensumflut mitzuströmen”, ist die Inbrunst all ihrer Gestalten.  “Nimm uns Tote wieder, o Leben,” singen die Toten.  Der Tod selber singt dem Leben ein Liebeslied.

Eine romantische Natur —­ so steht Ricarda Huch in Reflexion und Bewußtheit außerhalb der Wirklichkeit.  Im Zeitalter der Romantik hätte sie sich sehnend dem Unendlichen zugewandt; im Zeitalter Nietzsches, Bergsons, Simmels lodert ihr Wollen und Sehnen in metaphysischer Glut zum Endlichen, zur Wirklichkeit, zum Leben zurück.  Das Leben wird ihr zum höchsten, zum einzigen Wert.  Ihre Gestalten sind Kinder der Reflexion und der Sehnsucht wie sie, oder ihr Wunsch und Gegenbild:  Kinder des Lebens.

Metaphysisch klingt —­ nach den noch knospenhaften “Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren” —­ die Musik von der Schönheit und Furchtbarkeit des Lebens in den Skizzen “Aus der Triumphgasse”, kosmisch klingt sie in “Von den Königen und der Krone”. Über diese metaphysische und kosmische Gelöstheit drängen die historischen Romane zur Wirklichkeit, zum plastisch Greifbaren, Festbeharrenden.  “Die Geschichten von Garibaldi” gestalten den Befreier Italiens zur herrlichsten Verkörperung, zum mystisch-gewaltigen Symbol des Lebens, das alle Lebenssehnsucht der Dichterin strahlend aufnimmt.  Wie “ein tragisches Vorspiel” zur siegreichen Erhebung der Garibaldi-Romane klingt “Das Leben des Grafen Frederigo Confalonieri”, des dem Tode verfallenen. im Kerker begrabenen Helden und Märtyrers.  In jenen hatte noch episch-plastischer und lyrisch-musikalischer Stil gewechselt, hier durchdringen sich beide, rein, ruhig, ausgeglichen.

Bald aber drängt die Sehnsucht zur Wirklichkeit Ricarda Huch auch aus dieser Gelöstheit zum einseitigen, seelisch-herbsten Bericht der drei Bände:  “Der Große Krieg in Deutschland”, die sie nicht mehr Roman, sondern “Darstellung” nennt.  Harte Gegenständlichkeit, strengste Unpersönlichkeit geben die unerschöpfliche Fülle des Dreißigjährigen Krieges, der Geschehnisse, der Völker, der Generationen.  Historisches, Kulturgeschichtliches, Religions-geschichtliches, Diplomatisches, Strategisches, Biographisches treibt in endloser Bilderfolge, in gleichgültigem epischem Strom vorüber.  Gestalten und Schicksale tauchen auf und sinken unter, ruhelos, übergraut von einem lastenden Himmel, der sich immer tiefer herabsenkt.  Der Strom der Individuation selber scheint an uns vorüberzuziehen und uns in erdrückender Traurigkeit die lähmende Frage Friedrich Spees zuzurauschen:  “Das eine hatte er erfahren:  unermeßlich weit war die Erde von Gott; und wenn sie nun, so fragte er sich zuweilen schaudernd, unerreichbar weit von ihm wäre?”

Aus der Wirklichkeit, die sie hier endlich gefunden, klagt der Dichterin das alte Lied ihrer Seele dunkel und erstarrt entgegen. —­

In der Geschichte den tieferen Sinn des Lebens zu suchen, den die zersetzte Gegenwart ihnen vorenthält, ist die Ausflucht mehrerer Epiker geworden, am bedeutsamsten für Wilhelm Schäfer (geb. 1868) im “Lebenstag eines Menschenfreundes”.  Wie in diesem Pestalozzi-Roman die Wanderung des unermüdlichen Volks- und Menschenfreundes durch Suchen, Irren, Leiden, Verspottung und Verrat zur neuen Menschlichkeit aufwärts dringt, als Landwirt, “Armennarr” und Schriftsteller, als Waisenvater und als Winkelschulmeister, bis endlich der Greis seinen Menschheitsweg erkannt und erkämpft und der europäischen Erziehung erschlossen hat, das ist in ergreifender, reiner Menschlichkeit, in epischer Schlichtheit und Klarheit dargestellt. die Tapferkeit

und Siegkraft dieses einzelnen und Vergangenes wird Vorbild und Aufgabe allen Künftigen.

—­ —­ —­ Gegenüber dem industrialisierten, von Großstädten zersetzten Norden Deutschlands ist der Süden reicher an Unmittelbarkeit, Menschlichkeit, Wurzelkraft geblieben.  Emil Strauß und Hermann Hesse wachsen aus diesem Zusammenhang.  Emil Strauß (geb. 1866) hat sich Heimat und Fremde, Baden und Brasilien, als Dichter, Bauer und Farmer vertraut und eigen gemacht.  Voll männlicher Klarheit und Tatkraft hat er mit dem Leben gerungen, ohne durch Enttäuschung, Leid und Krankheit niedergeworfen oder ungerecht zu werden.  In Freiheit, Liebe und Güte blieb er der Sieger.  Er sieht und zeichnet die Wirklichkeit in festen, sicheren Linien und überglänzt sie doch mit dem überirdischen Schimmer seines Humors.  Im “Engelwirt” schildert er einen Schwaben, der das Schicksal überlisten will, der —­ da ihm die eigene Frau keinen Erben schenkt —­ sich in schlauer Ausflucht an die Magd heranmacht.  Statt des Buben kommt aber ein Mädel, und Spott und Lächerlichkeit umschwirren ihn.  Gekränkt in seiner Schwabenschlauheit und -eitelkeit, geht er mit der Magd und dem Kind heimlich davon nach Brasilien, um dort noch übler genarrt, geprellt, geduckt zu werden.  Als die Magd stirbt, kehrt er kleinlaut und zerknirscht heim zur verlassenen Frau, die ihn ohne Staunen, ohne Vorwurf, mit einem schlichten, lächelnden Gruß empfängt, ihm das Kind abnimmt und in selbstverständlicher Fürsorge sich ihm widmet:  eine reife, rüstige, Gottfried Kellersche Frauengestalt, voll Freiheit und Wärme.  In “Kreuzungen” zeichnet Strauß die Entwicklung dreier junger Charaktere, de aus dem Zufall erster Anlagen und Verhältnisse sich in tapferen Zwisten lösen, ihre Lebens- und Wesensform selber schaffen und sich im Wirkungskreis der Menschheit einen Platz erobern.  Im “Nackten Mann” geht er in die Vergangenheit seiner Heimat zurück, ohne die Bedenken gegen den historischen Roman zu überwinden.  In “Freund

Hein” und im “Spiegel” aber kommt hinter der herben Gegenständlichkeit seiner Welt die tiefe Musik seiner Seele zum klingenden Ausdruck.  In “Freund Hein” zerbricht ein Gymnasiast, der in der Welt seiner musikalischen Berufung lebt, an den unnachsichtigen Forderungen einer wesensfremden Wirklichkeit.  Im “Spiegel” tönen wie eine zarte Kammermusik Erinnerungen aus dem Leben der Vorfahren auf, eine Lebensmusik von ebensoviel Seelentiefe als Seelenklarheit.

Je näher Hermann Hesse (geb. 1877) der Natur verbunden ist, desto weniger findet er sich in der zersetzten Formenwelt der Zivilisation zurecht Er fühlt sich heimisch in der Naivität des italienischen Landvolkes, der Sorgen- und Selbstlosigkeit des Landstreichers Knulp, der wie die Blumen. auf dem Felde Gott unmittelbar nahe ist.  Aus der Heimatlosigkeit der Welt flieht “Peter Camenaind” zu Boppi, dem armen Krüppel, der in seinem Fahrstuhl diesseits allen Lebenszwiespalts geblieben, der in Krankheit, Einsamkeit Armut und Mißhandlung nichts als Liebt und Güte gelernt und “sich ohne Scham schwach zu fühlen und in Gottes Hand zu geben”.  Und da Boppi stirbt, kehrt er von seinen “paar Zickzackflügen im Reich des Geistes und der sogenannten Bildung” in sein Heimatdorf, “den alten Winkel zwischen See und Bergen”, zurück.  In seiner Lade liegen die Anfänge einer Dichtung:  “Ich hatte den Wunsch, in einer größeren Dichtung den heutigen Menschen das großzügige stumme Lebe der Natur nahezubringen und lieb zu machen.  Ich wollte sie lehren, auf den Herzschlag der Erde zu hören, am Leben des Ganzen teilzunehmen und im Drang ihrer kleinen Geschicke nicht zu vergessen, daß wir nicht Götter und von uns selbst geschaffen, sondern Kinder und Teile der Erde und des kosmischen Ganzen sind.”

So spielen die ersten Bücher Hesses weniger zwischen Mensch und Mensch als zwischen Mensch und Natur.  Stimmung, Sehnsucht, Traum und Allgefühl, Wehmut und Einsamkeit

sind ihr Gehalt.  Die weichen Umrißlinien der Gestalten verschwimmen.  Aber über “Gertrud” und “Roßhalde” wächst Hesse zum “Demian”, der “die Geschichte seiner Jugend” zum Symbol des gegenwärtigen, suchenden und ringenden Menschenlebens gestaltet.  “Die Wertlosigkeit der heutigen Ideale” die Unwahrheit der heutigen Gemeinschaften, der Menschen, die alle “fühlen, daß ihre Lebensgesetze nicht mehr stimmen, daß sie nach alten Tafeln leben”, wird nicht in breitem, epischem Fresko, aber in der sehnsüchtigen Entwicklung eines Einzelnen dargestellt.  “Diese Welt, wie sie jetzt ist, will sterben, sie will zugrunde gehen und sie wird es.”  Aber aus ihrem Untergang, aus dem Getümmel und Grausen des Weltkrieges keimt eine neue Gemeinsamkeit.  “In der Tiefe war etwas im Werden.  Etwas wie eine neue Menschlichkeit.  Denn viele konnte ich sehen, und mancher von ihnen starb an meiner Seite —­ denen war gefühlhaft die Einsicht geworden, daß Haß und Wut, Totschlagen und Vernichten nicht an die Objekte geknüpft waren.  Nein, die Objekte, ebenso wie die Ziele waren ganz zufällig.  Die Urgefühle, auch die wildesten, galten nicht dem Feinde, ihr blutiges Werk war nur Ausstrahlung des Innern, der in sich zerspaltenen Seele, welche rasen und töten, vernichten und sterben wollte, um neu geboren werden zu können.”

DAS DRAMA

Das Wort Drama bedeutet Handlung, insonderheit Kulthandlung.  Denn das Drama entwickelte sich im alten Griechenland wie in den christlichen Staaten Europas aus den Tiefen der religiösen Weltanschauung und des Gottesdienstes.  Sein letzter Grund ist die leid- und geheimnisvolle Zweiheit, in die alles Leben zerspalten ist, in der es fremd, kämpfend und doch sehnsüchtig sich gegenübersteht:  der Gegensatz von Gott und Welt, Geist und Natur, Idee und Sinnlichkeit, All und Ich.  Nur ein Gott, der vom Himmel herniedersteigt, der die Qual und Zerrissenheit des Endlichen selber auf sich nimmt, Dionysos, Christus, vermag in seinem Gottmenschentum diese Gegensätze zu einen und zu lösen.  Sein Leiden und sein Triumph wird zum Inhalt der ersten Dramen:  aus den dionysischen Dithyramben wächst die griechische Tragödie, aus der Liturgie der katholischen Kirche das Weihnachts-, Passions- und Osterspiel des Mittelalters.  Mit der Renaissance wird an Stelle der kirchlichen die philosophische Weltanschauung Unter- und Hintergrund des europäischen Dramas.  Wie die geheimnisvolle Zweiheit und Gegensätzlichkeit des Lebens in den großen Systemen der Philosophen sich darstellt und deutet, wie bald dieser, bald jener der beiden Lebensgegensätze entwertet, dem anderen untergeordnet, so die Einheit erzwungen wird, dann aber wieder beide zur vollen Macht erstarken und in unausweichlichem, unerbittlichem Kampf sich gegenüberstehen:  das begleitet in unbewußter und bewußter Verbundenheit die

ideelle Entwicklung des deutschen Dramas.  Lessings Dramen wachsen aus Lebensgefühl und -deutung des Rationalismus, Schillers Dramen aus Kant, Kleist teilt den Gegensatz der deutschen Gefühlsphilosophie gegen Kant, um Hebbel braut die Atmosphäre Hegels, Richard Wagner findet sich in Schopenhauer.  Dann folgt der Zusammenbruch der großen philosophischen Systeme, der Vormarsch der naturwissenschaftlichen, materialistischen Weltanschauung in Deutschland.  Über die Nachfahren Schillers, über die Nachahmer des französischen Gesellschaftsstückes hebt sich seit 1888 Gerhart Hauptmann (geb. 1862) mit einem Drama neuen, eignen Stils.  Aus welchen weltanschaulichen Zusammenhängen, welchem Lebensgefühl war es gewachsen?

Als 1885 die süßlich-leere Epigonenzeit unserer Dichtung durch die literarische Revolution der Jungen abgelöst wurde, glaubten diese im “Naturalismus” eine neue Lebens- und Kunstanschauung gefunden zu haben.  Wilhelm Scherer verkündete:  “Die Weltanschauungen sind in Mißkredit gekommen. ...Wir fragen:  wo sind die Tatsachen? ...Wir verlangen Einzeluntersuchungen, in denen die sicher erkannte Erscheinung auf die wirkenden Kräfte zurückgeführt wird, die sie ins Dasein riefen.  Diesen Maßstab haben wir von den Naturwissenschaften gelernt...  Dieselbe Macht, welche Eisenbahnen und Telegraphen zum Leben erweckte, dieselbe Macht regiert auch unser geistiges Leben; sie räumt mit den Dogmen auf; sie gestaltet die Wissenschaften um; sie drückt der Poesie ihren Stempel auf.  Die Naturwissenschaft zieht als Triumphator auf dem Siegeswagen einher, an den wir alle gefesselt sind.”  Arno Holz und Johannes Schlaf glaubten dieser Weltanschauung, im “konsequenten Naturalismus” die entsprechende Kunstanschauung erobert zu haben:  “Die Kunst hat die Tendenz, wieder die Natur zu sein.  Sie wird sie nach Maßgabe ihrer jeweiligen Reproduktionsbedingungen und deren Handhabung.”  In den drei Skizzen des “Papa Hamlet”, dem Drama “Die Familie Selicke” schufen sie

ihrer Lehre die Leistung.  “Papa Hamlet” erschien unter dem Decknamen “Bjarne P. Holmsen”.  Ihm hat Gerhart Hauptmann sein erstes Drama “Vor Sonnenaufgang” (1889) zugeeignet, als “dem konsequentesten Naturalisten, in freudiger Anerkennung der durch sein Buch empfangenen, entscheidenden Anregung”.

In Wirklichkeit war diese Anregung, war der ganze konsequente Naturalismus weder für Gerhart Hauptmann, noch für irgendeinen Dichter von “entscheidender” Bedeutung; seine Lebens- wie seine Kunstanschauung war unhaltbar.  Von einer rein beschreibenden Wissenschaft, wie der Naturwissenschaft, kann man niemals zu einer Weltanschauung, zur Sinn- und Wertsetzung, vom Sein niemals zum Sollen vordringen.  Und ebensowenig ist ein bloßes Abkonterfeien des Lebens durch eine naturalistische Kunst möglich; schon der Erkenntnisprozeß ist —­ hat Kant dargetan —­ kein passives Abbilden, sondern ein Formen der Wirklichkeit; alle Kunst ist die Umsetzung der natürlichen in eine von Geist und Gefühl des Künstlers stilisierte Welt.

Mehr als die Formenwelt des Naturalismus, als seine unhaltbare Kunstanschauung haben Ansätze zu einer Lebensanschauung aus der Stoffwelt des Naturalismus Gerhart Hauptmann den Weg zu sich selber frei gemacht.  Dem Naturalismus der Form hatte sich fast überall der Sozialismus des Stoffs verbunden und in ihm die Keime eines neuen Gehalts:  des sozialen Mitgefühls.  Zu den ästhetischen waren ethische Tendenzen getreten.  Die Entwicklung der Industrie und der Großstadt, die Einflüsse Zolas, Ibsens, Tolstois hatte sie geweckt.  Von der erstarrten und zersetzten Ideen- und Formenwelt des dritten Standes, des Bürgertums, hatten sich die jungen Dichter in sozialem Mitleid zu der ringenden formbedürftigen des vierten Standes, den Arbeitern, gewandt.  Und hier war der Weg, der Hauptmann in seine Tiefen führte.

Schon seine erste veröffentlichte Dichtung, das Epos
“Promethidenlos” (1885), hatte sein soziales Verantwortungs-

und Mitgefühl bekundet.  Ergriffen rief sie den Armen und Elenden zu:  “So laßt in eurem Schmutz mich hocken —­ Laßt mich mit euch, mit euch im Elend sein.”  Und ein Gedicht von 1888 sprach die heilige Leidverbundenheit des Künstlers und Menschen aus: 

    Ich bin ein Sänger jenes düstren Tales,
    Wo alles Edle beim Ergreifen schwindet. —­ —­ —­
    Ihr, die ihr weilt in Höhen und in Tiefen,
    Ich bin ihr selbst, ihr dürft mich nicht beneiden! 
    Auf mich zuerst trifft jeder eurer Pfeile.

Daß diese Leidverbundenheit nicht nur sozialen, daß sie größeren:  metaphysischen Tiefen entwuchs, wurde der Urgrund des Dramatikers.  Obersalzbrunn, Hauptmanns Geburtsort, lag unweit der pietistischen Urgemeinden Gnadenfrei und Herrnhut.  Ihre christliche Innerlichkeit war ihm daheim und mehr noch im Hause seines Oheims zu Striegau, das den Sechzehnjährigen aufgenommen, zum Lebensgefühl geworden.  In ihr fühlte er sich dem Rationalismus und Materialismus, der leeren Kultur des technischen Zeitalters fremd.  Aus der Schein- und Außenwelt zog es ihn zur wahren, inneren Welt:  zur Welt der Seele.  Die aber offenbarte sich ihm nicht bei den Satten, Besitzenden, Hochmütig-Klügelnden, sondern bei den Armen im Geiste, den Ringenden und Leidenden.  In ihnen glühte der ewige Funke, und sie eroberten und behaupteten ihn im Sturm und Streit ihres Schicksals, nicht mindere Helden in diesem metaphysischen Kampf als die Heroen der großen Tragödie.  Ihnen fühlte sich der Dramatiker Hauptmann verbunden, nicht sozial nur, wie der Epiker Zola seinen Gestalten, sondern metaphysisch.  In ihrem Leid stellte er das Weltleid, in ihrem Kampf den Zwiespalt alles Lebens dar.

Die Dramen, in denen so das Stoffliche des Naturalismus und Sozialismus überwunden, in denen diese Weltanschauung Gestalt geworden ist, sind “Die Weber” (1892), “Hanneles Himmelfahrt” (1893), “Fuhrmann Henschel” (1898}, “Rose Bernd” (1903).

Der Aufstand der Weber im Jahre 1844 war Hauptmann aus Erzählungen des eigenen Großvaters, der noch Weber gewesen, vertraut.  Ein Buch Alfred Zimmermanns “Blüte und Verfall des Leinengewerbes in Schlesien” (1885) gab den persönlichen Einzelheiten geschichtlichen Zusammenhang.  Den Antrieb gab die soziale Erregung der Zeit.  Aber der Kampf der Weber wurde Hauptmann zum erschütternden Abbild alles Menschheitskampfes.

Wie hier die Fabrikanten und die Kreaturen der Fabrikanten bis zum jüngsten Lehrling den hungernden, verhungernden Webern entgegenstehen, hartherzig, hohnlachend, während die abgemergelten Kinder ohnmächtig zu Boden schlagen, während die entkräfteten Greise verwirrt werden und in Zungen reden, das bedeutet nicht mehr einen sozialen Zwiespalt, der mit Geld und Brot geschlichtet werden könnte, es bedeutet die metaphysische Einsamkeit alles Endlichen, das brückenlose Nichtverstehen und Mißverstehen von Mensch zu Mensch.  Und wenn nach not- und arbeitdumpfem Leben, am Rande des Grabes die alten Weber in weinendem, verzweifeltem Ingrimm ihre Knochenarme emporrecken:  “Das muß anderscher wer’n, mir leiden’s ni mehr!”, so ist das nicht der Kampfruf sozialer Rebellion, so ist das die Anklage Karl Moors:  “Menschen haben Menschheit vor mir verborgen, da ich an Menschheit appellierte,” so ist das der tragische Aufschrei der Rütliszene: 

    Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht: 
    Wenn der Gedrückte nirgend Recht kann finden,
    Wenn unerträglich wird die Last, greift er
    Hinauf getrosten Mutes in den Himmel
    Und holt herunter seine ewigen Rechte... 
    Der alte Urstand der Natur kehrt wieder,
    Wo Mensch dem Menschen gegenübersteht... 
    Wie stehn für unsre Weiber, unsre Kinder!

Den Unterdrückten Schillers wird wenigstens das Wort zur Befreiung, der Gedanke zur Erlösung.  Hin ist die Kreatur in der ganzen Dumpfheit und Gebundenheit des Endlichen.  Und wenn sie anmarschieren gegen ihre Peiniger:  “Am liebsten wär ich abgestiegen und hätte glei jed’m a Pulverle gegeben” —­ erzählt Chirurgus Schmidt, der vorüberfuhr —­ “Da trottelt eener hinter’m andern her wie’s graue Elend und verfiehren ein Gesinge, daß een’ fermlich a Magen umwend’t”; und wenn der greise Baumert als Rebell erscheint, von den paar Tropfen ungewohnten Alkohols unsicher, einen geschlachteten Hahn als höchste Siegestrophäe mitführend, und die Arme breitet:  “Brie—­derle —­ mir sein alle Brieder!”, so ist der trostlose Aufruhr der Menschheit gegen das Schicksal, der tragische Sehnsuchts-und Liebesruf aller Einsamen und Gehetzten niemals erschütternder symbolisiert.

Zur höchsten dramatisch-metaphysischen Gipfelung aber steigt der letzte Akt.  Da wendet sich der alte, fromme Hilse an seinen Sohn, der den Aufrührern zueilen will:  nein, er wird sich nicht empören, auch am Rande des Grabes nicht, er weiß, daß keine Hilfe und Erfüllung möglich ist in der Welt des Irdischen:  “Du hast hier deine Parte —­ ich drieben in jener Welt.  Und ich lass’ mich vierteelen —­ ich hab’ ne Gewißheet.  Es ist uns verheißen.  Gericht wird gehalten, aber nich mir sein Richter, sondern:  mein ist die Rache, spricht der Herr unser Gott.”  Gegen diesen Anwalt des Jenseits, der klaglos alle Leiden des Diesseits auf sich nimmt, der —­ wie je ein Schillerscher Held —­ “durch eine freie Aufhebung alles sinnlichen Interesses” die Tragik des Lebens überwinden will, kehrt sich seine Schwiegertochter, die unentwurzelbare, schicksalhafte Vertreterin des Diesseits:  die Mutter.  Nie hat ein Held Schillers oder Hebbels die tragische Wucht und Notwendigkeit seines Lebensgefühls gewaltiger dargetan:  “Mit Euren bigotten Räden... dadervon da is mir o noch nich amal a Kind satt gewor’n.  Derwegen

ha’n se gelegen alle viere in Unflat und Lumpem.  Da wurde ooch noch nich amal a eenzichtes Winderle trocken.  Ich will ’ne Mutter sein; daß d’s weeaß! und deswegen, daß ’d’s weeaß, winsch ich a Fabrikanten de Helle und de Pest in a Rachen ’nein.  Ich bin ebens ‘ne Mutter. —­ Erhält ma’ woll so a Wirml?!  Ich hab’ mehr geflennt wie Oden geholt von dem Augenblicke an, wo aso a Hiperle uf de Welt kam, bis d’r Tod und erbarmte sich drieber.  Ihr babt euch an Teiwel geschert.  Ihr habt gebet’t und gesungen, und ich hab’ mir de Fieße bluttig gelaufen nach ee’n eenzigten Neegl Puttermilch.  Wie viel hundert Nächte hab ich mir a Kopp zerklaubt, wie ich ok und ich keente so a Kindl ok a eenzicb Mal um a Kirchhof ’rumpaschen.  Was hat so a Kindl verbrochen, hä? und muß so a elendigliches Ende nehmen —­ und drieben bci Dittrichen, da wer’n se in Wein gebad’t und mit Milch gewaschen.  Nee, nee:  wenn’s hie losgeht —­ ni zehn Pferde soll’n mich zuricke halten.  Und das sag ich:  stirmen se Dittrichcns Gebäude —­ ich bin de erschte —­ und Gnade jeden, der mich will abhalten.”

Schiller hatte des überlieferten Stoffes und der überlieferten dramatischen Form wegen im “Wilhelm Tell”, seinem Drama der Volkserhebung, drei Handlungen (Tell-, Rütli-, Rudenz-Handlung) nebeneinander laufen lassen.  Hauptmann wagt es, die Masse der Weber zum dramatischen Helden zu machen und in einer gewaltigen Steigerung zum Gipfel zu führe.  Im üblichen Dramenbau wäre dies die Höhe des dritten Aktes.  Die “Peripetie” fehlt.  Aber in der Seele des Zuschauers drängen sich die zwei letzten, ungeschriebenen Akte:  sie sieht und leidet voraus, wie dieses Häuflein Menschheit umsonst gegen sein Schicksal aufstand, wie es ein paar Stunden sich frei und erlöst fühlen darf, um dann nur um so grausamer i de dumpfe, leidvolle Gebundenheit alles Endlichen zurückgeworfen zu werden.

Nur wenn Staub und Asche des Irdischen und Körperlichen verwehen, wird der göttliche Funke der Seele frei:  im

Tode oder im Traume.  Das vierzehnjährige “Hannele”, das vor seinem verkommenen brutalen Vater in den vereisten Dorfteich flüchtet, das sich nur fürchtet vor dem Leben, das so gern in den Himmel kommen möchte zur Mutter und zum lieben Herrn Jesus, das im gespenstig-grotesken Elend des Armenhauses in Fieberträumen sein Dasein erfüllt, ehe es zu Ende geht, wird zum erschütternden und erlösenden Bild der Menschenseele.  Wenig Dichtungen sind so innerst musikalisch wie diese Traumdichtung, die zwischen der Welt der Seele und der Wirklichkeit hin und her geht, unbehindert und schöpferisch.  Aus den gegebenen Elementen der kindlichen, dörflichen Seele, der Bibel, dem Märchen, dem Vater, der Mutter, dem Lehrer, baut sie eine Welt und Handlung auf, die alle tieferen Beziehungen, die den metaphysischen Sinn des Lebens in sich schließt.

In “Fuhrmann Henschel” geht das Gefühl von der dunklen Macht der Umwelt bis zur vollen Passivität.  Aber es ist nicht die Abhängigkeit vom Einzelnen, Zufälligen —­ wie im Schicksalsdrama alten Stils —­, die den Fuhrmann erdrückt, es ist die unentrinnbare tragische Verstrickung und Zwiespältigkeit alles Endlichen, die er dumpf erfühlt, gegen die jeder Widerstand unnütz ist.  Ein schlichter, hilfloser Mensch starrt durch die Fenster seiner Kellerwohnung in den nächtlichen Himmel, grübelt nach einer Schuld, die ihn zu Boden gerissen, und findet keine, grübelt nach einem Sinn hinter den Geschehnissen, die ihn fortdrängen, und findet keinen, und bäumt sich nicht auf und rächt sich nicht und geht still ins Dunkel:  “Ane Schlinge ward mir gelegt, und in die Schlinge da trat ich halt nein...  Meinswegen kann icb auch schuld scin.  Wer weeß ’s?!  Ich hätt’t ja besser kenn’n Obacht geben.  Der Teifel ist eben gewitzter wie ich.  Ich bin halt bloß immer grad’aus gegangen.”

Hauptmann hat den “Fuhrmann Henschel” in der ersten Sammlung seiner Werke unter die “Sozialen Dramen” eingereiht, obwohl dieser Titel eigentlich nur das erste, noch

tendenziöse seiner Dramen “Vor Sonnenaufgang” trifft Henschel steht weder sozial sonderlich tief —­ er ist Fuhrwerksbesitzer und hat einen Knecht unter sich —­, noch ist sein Schicksal durch seine soziale Stellung bedingt.  Auch “Rose Bernd” ist kein soziales Drama, wenngleich es so eingestellt ist.  Man möchte es in die Reihen der bürgerlichen Tragödien ordnen, zu Schillers “Kabale und Liebe” und Hebbels “Maria Magdalene”, zumal sich die Gestalt des Vaters in allen verwandt geblieben.  Und doch sprengt die tragische Gewalt des Hauptmannschen Dramas auch die bürgerliche Welt, ihre verhängnisvolle In-sich-Gebundenheit, und bricht zu den letzten Tiefen des Metaphysischen durch.  Aus naturhafter Frische und Lebenslust wird ein Bauernmädchen aufgescheucht von den Begierden der Männer, “verfolgt und gehetzt wie a Hund”, in Schuld und Meineid gejagt, bis es das Leben verneint und verflucht, bis es am Straßenrande sein Kind in der Geburt mit eigenen Händen erwürgt, nicht aus Furcht vor Schande:  “’s sullde ni laba!  Ich wullte ’s ni!! ’s sullde ni meinc Martern derleida! ’s sulldte duer bleib’n, wo’s hiegehert.”  Die Natur, das Leben selber verneint sich im tragisch-tödlichen Mitleid dieser Mutter.  In metaphysischer Einsamkeit und Größe ragt die Gefolterte gegen den tragischen Himmel des Seins:  “Das iis ane Welt... da sein Sie versunka... da konn’ Sie mer nischt nimeh antun dahier!  O Jees, ei ee kleen’ Kämmerla lebt Ihr mit’nanderl Ihr wißt nischt, was außern der Kammer geschieht!  Ich wiß! ein Krämpfen hab ich’s gelernt!  Da is... ich weeß ni.. all’s von mir gewichen... als wie Mauer um Mauer immerzu —­ und da stand ich drauß’n, im ganz’n Gewitter —­ und nischt mehr war unter und ieber mir.”

Immer wieder bricht dieser tragische Aufschrei aus Hauptmanns Dramen.  “Warum bluten die Herzen und schlagen zugleich?” —­ fragt Michael Kramer am Sarge seines Sohnes.  “Das kommt, weil sie lieben müssen.  Das drängt sich zur Einheit überall, und über uns liegt doch der Fluch der Zerstreuung.

Wir wollen uns nichts entgleiten lassen, und alles entgleitet doch, wie es kommt!” Aber aus dem tragischen Leid wächst die tragische Liebe. Über Gräbern und Leichen finden sich schmerzverkrampfte Hände.  Der Tod nimmt die Binde von den Augen, von den Herzen, ein milder Erlöser, “der ewigen Liebe Meisterstück”.

Im “Glashüttenmärchen”, “Und Pippa tanzt” (1906) ist die Sehnsucht des Endlichen Melodie geworden:  ein Schimmer aus der Heimat Tizians, ein Blütenkelch aus den Glasöfen Venedigs, eine wehende Flamme:  Schönheit!  Schönheit, nach der alle verlangend haschen, um die alle tanzen und werben, die dumpf gebundene Kreatur, der alte Huhn, wie der wissende, kühl- und hochentrückte, der greise Wann.  Dem sie zu eigen wird, Michel Hellriegel ist der reisende Handwerksbursche des deutschen Märchens, der treuherzige, unbefangene, der Träumer und Dichter, eigen erst als Schatten und Traum, ganz eigen erst dem Erblindeten, der die Augen nach innen aufschlägt, unbeirrt vom Wirrsal der Welt.

Einmal nur, im “Armen Heinrich” (1902), scheint die Liebe nicht erst im Tode zu siegen.  In Wahrheit ist auch hier mit dem Leben gezahlt:  Ottegebe, sein klein Gemahl, hat es zum Opfer gegeben für den Herrn und Geliebten, ist zu Salern unter dem Messer des Arztes gelegen.  Graf Heinrich hat sein Leben dagegen gegeben, als er ihr Opfer zurückwies, als er dem Messer des Arztes Einhalt bot.  Da ist der reine, gerade, ungebrochene Strom der Gottheit durch ihn hindurchgegangen, erlösend und auflösend, hat im Wunder der Liebe den Aussatz des Lebens geheilt und ihn aufgenommen “in das urewige Liebeselement”.

Vor der metaphysischen Leidens- und Liebestiefe solcher Werke müssen alle Versuche Hauptmanns, auch zur Gestaltung sinnlicher, heidnisch bejahender Lebenskräfte vorzudringen, unzulänglich bleiben, vom Rautendelein der “Versunkenen Glocke” zu Gerusind, “Kaiser Karls Geisel”, bis

zum “Ketzer von Soana”.  Ein Christusroman “Emanuel Quint.  Der Narr in Christo” (1910) ist die natürliche Frucht dieses Weltgefühls.  Ein Armer im Geiste, eines trunkenen Tischlers Stiefsohn, in dem Christus mächtig wird und wiederkehrt in die gegenwärtige Welt, um aufs neue verfolgt, verraten und gemartert zu werden.  Alles leidvolle Wissen, alle heilige Liebeskraft Hauptmanns ist in dessen Christusroman eingegangen, aber in der Dumpfheit seiner Umwelt entringt er sich nicht dem Sektierer- und Quäkerhaften, zur Höhe von Dostojewskis “Idiot”.

Wie aber Kleist von der tragischen Unbedingtheit seines Lebens und Schaffens ausruht in der sinnlichen Lebens- und Listenfülle des Dorfrichters Adam, in der humorvollen Gestaltung eines parodistischen Heldenkampfes, so ruht Hauptmann im freiem lächelnden Anteil an der amoralischen, ungebundenen, ungebrochenen Natur der Waschfrau Wolff.  An Kraft und Geschlossenheit des Aufbaus steht die Diebskomödie “Der Biberpelz” (1893) hinter dem “Zerbrochenen Krug” erheblich zurück; an Kraft und Fülle ihrer Hauptgestalt ist sie ihm nahe verwandt.

Mit “Pippa tanzt” (1906) beginnt die schöpferische Kraft Hauptmanns zu versiegen.  Alle späteren Dramen muten —­ wie auch die Erzählung “Der Ketzer von Soana” —­ nicht mehr ursprünglich, sondern literarisch an.  Es ist bedeutsam, daß “Pippa tanzt” zugleich das letzte Werk ist, das aus dem Boden der schlesischen Heimat wächst.  Nie war ein Dramatiker so tief, so schicksaltief der seelischen und sinnlichen Atmosphäre seiner Heimat verbunden.  Da er ihr entwächst in die Welt seiner literarischen Erfolge und Interessen, der allgemeinen deutschen und europäischen Geistigkeit, sterben seine tiefsten Wünsche ab.  Schon auf der Höhe seiner Kraft war ein großgeplanter Versuch mißlungen, eine Tragödie statt aus der Natur, der seelisch-sinnlichen Natur seiner Heimat, aus der Geschichte aufzubauen :  “Florian Geyer” (1896), die Tragödie des Bauernkrieges war trotz gewaltiger Einzelszenen

in der Überfülle des Stoffs und der Studien steckengeblieben.  Jetzt sucht Hauptmann in fränkischen, italienischen, griechischen, peruanischen Sphären seine verlorene Lebens- und Schaffenskraft wieder —­ vergebens:  er empfängt nur Leben aus zweiter Hand.

Hauptmanns gerader weltanschaulicher Gegensatz ist Frank Wedekind (1864-1918).  Ist Hauptmann der Anwalt der unterdrückten Seele, so ist Wedekind der Anwalt des unterdrückten Leibes und Fleisches.  Er wendet sich gegen “die Geringschätzung und Entwürdigung” des Fleisches, gegen jene, denen “der Geist das höhere Element, der absolute Herrscher” ist, “der jede selbstherrliche, revolutionäre Äußerung des Fleisches aufs unerbittlichste rächt und straft” ("Über Erotik").  In der Kindertragödie:  “Frühlings Erwachen” (1891) —­ neunzehn locker gereihten, kurzen Szenen im Stile Lenz’ und Büchners — gestaltet er die dunklen Wirren und Leiden der Pubertät, der aufwachenden sinnlichen Triebe, die von allen Seiten, von Eltern und Lehren, verleugnet, verdächtigt und mißleitet werden, Gymnasiasten und vierzehnjährige Schulmädel, die auf der gefährlichen Grenzscheide zwischen Kindheit und Reife weglos allein gelassen, aller Unruhe und allem Dunkel der neuen Lebensmächte preisgegeben und in Verbitterung, Tod und Selbstmord hinausgedrängt werden, Kämpfer, die an der Eingangspforte des Lebens fallen.  Im “Erdgeist” (1895) formt er dann die volle entfesselte Macht der Triebe.  In Lulu zeichnet er die “Urgestalt des Weibes” die schon in der Bibel, im Leben der Kirchenväter und Heiligen immer wieder als das dämonische, verführerische sinnliche Element des Lebens zerstörend auftaucht, die Schlange, “das wahre Tier, das wilde, schöne Tier”.  “Sie ward geschaffen, Unheil anzustiften, —­ Zu locken, zu verführen, zu vergiften, —­ Zu morden, ohne daß es einer spürt”.  Lulu nennt sie der eine, Nellie, Eva, Mignon der andere; sie hat keinen Namen, wie sie keinen Vater hat:  sie ist das Urelement der Schöpfung.  Jeder sieht

sie anders, legt seine Sehnsucht, seine Seele in sie hinein, behängt sie mit seinen Träumen und Phantasien.  Sie aber bleibt “die seelenlose Kreatur”.  Gleichgültig schreitet sie über das Leben der Männer hinweg, die ihr zu Füßen stürzen, immer neue Opfer fordernd, in rastloser Gier —­ bis sie demselben Dämon verfällt, der sie getrieben, und (im 2.  Teil der “Büchse der Pandora”) unter dem Messer Jack des Aufschlitzers endet.

Es war nicht leicht für Wedekind, diesem weiblichen Urbild sinnlicher Schönheit und Wildheit ein männliches zur Seite zu geben.  Mit der kulturellen Entwicklung ist die geistige Kraft zum eigentlichen Wesen des Mannes geworden.  Aber Wedekind ging in die Welt der Zirkusmenschen und Hochstapler, der elastischen Abenteurer, die in zäher Lebensgier durch Strom und Strudel jagen, untertauchen, nie untersinken, immer wieder in die Höhe kommen.  “Der Marquis von Keith” (1900) ist Wedekinds dramatisch stärkste Gestaltung dieses Typus.

In all diesen Dramen kann der Trieb, das Fleisch, nie gegen den Geist kämpfen, da er ihn nicht begreifen, nicht übersehen kann.  Vertreter des Geistes, die gegen das Fleisch auftreten —­ wie Lehrer und Pfarrer in “Frühlings Erwachen” —­, sind bloße Karikaturen.  Immer kämpfen Triebe gegen Triebe.  So kommt es nie zur Klärung und Lösung, sondern nur zur Katastrophe.  Der Aufstieg und Absturz des Ideendramas zerfällt hier nach der Zahl der Akte in ebenso viele parallele Krisen und Katastrophen.  Auch die Szenen, die Dialoge entwickeln sich eher in linearem Nebeneinander als in einem steigenden In- und Miteinander.  Denn diese triebhaften, “unbeseelten Kreaturen” sind ganz in sich gebunden, in die Einsamkeit alles Sinnlichen.  Sie reden nicht zueinander, sie sprechen aneinander vorbei.  Und so dunkelt über dieser lebensverlangenden, lebensbejahenden Triebwelt die heimliche Melancholie der unerlösten Kreatur, eine Tragik, die tiefer gründet als die äußeren Kämpfe ihrer Instinkte.

Die Bejahung und Verherrlichung des Fleisches, die dem jungen Wedekind quellende Natur ist, wird dem alternden zur Lehre, die er predig und verteidigt.  All seinen späten Gestalten gibt er sie in den Mund.  Das widerspricht aber dem Wesen dieser triebhaften Gestalten, die nicht über sich theoretisieren können.  So zerfällt die durchaus unnaturalistische, großumrissene, sinnenbunte Bildwelt Wedekinds in graue fanatische Deklamationen.

Zwischen den polar bestimmten Werten und Welten Hauptmanns und Wedekinds schwankt die ungewisse Welt Arthur Schnitzlers (geb. 1862).  Die Wiener Kultur, schon in Grillparzer voll unsicherer Selbstreflexion, ist ganz Ausgangskultur geworden:  ihre Ideenwelt hat den zwingenden Gehalt verloren, nur ihre Formen sind geblieben.  Mit ihnen drapiert und maskiert man sich, man spielt mit ihnen.  Das Leben selber wird zum Spiel.  In lächelnder Skepsis ist man sich dieses Spiels bewußt, sucht man es zu vervollkommnen und auszukosten.  Aber die Schwermut lauert über jenen Augenblicken, wo man des Spielens müde ist, wo man auf festem Ideen- und Lebensgrund ruhen möchte und nur erkennt: 

    Es fließen ineinander Traum und Wachen,
    Wahrheit und Lüge.  Sicherheit ist nirgends. 
    Wir wissen nichts von andern, nichts von uns. 
    Wie spielen immer; wer es weiß, ist klug.

In den sieben graziösen Dialogen des “Anatol” (1894) ist diese Skepsis und Müdigkeit, diese Selbstreflexion und weiche Selbstverhätschelung zum erstenmal Wort und Gestalt geworden.  Anatol, der junge, verwöhnte Dichter, der “leichtsinnige Melancholiker” der in tändelnden Abenteuern, in “zärtlicher Liebe ohne das Bedürfnis der Treue” sein Leben verträumt, der nur in Stimmungen lebt und so viel Mitleid mit sich selbst hat —­ keine moralische Forderung, kein Schicksal dürfte an diese Welt klopfen:  sie würde in Staub verwehen.  Aber da sie ganz in sich verbleibt, nehmen wir

lächelnd Anteil an ihrem weichen, morbiden Stimmungszauber, ihrer Liebenswürdigkeit und Gebrechlichkeit.

Die Melancholie, die aus dieser Welt steigt, kann sich nie zur wahren Tragik härten.  Auch aus den fröstelnden Schauern des “Einsamen Wegs”:  “Und wenn uns ein Zug von Bacchanten begleitet —­ den Weg hinab gehen wir alle allein”, weht weniger Lebenstragik als Lebemannstragik.  Aber wenn in diese Welt ein Vorstadtmädel gerät mit der ganzen frischen Innigkeit und Unbedingtheit seines Herzens, die Liebe gibt und sucht in dieser Welt der “Liebelei”, dann greift einfache Tragik ans Herz.  Christin’, die blasse Violinspielerstochter, die ihre Seele hingibt an den leichtsinnig-schwermütigen Menschen, der ihr auch in der tiefsten Stunde wehrt:  “Sprich nicht von Ewigkeit.  Es gibt vielleicht Augenblicke, die einen Duft von Ewigkeit um sich sprühen...  Das ist die einzige, die wir verstehen können, die einzige, die uns gehört”, wird zu einem holden Urbild, zu einem unvergeßlichen Klang, daraus die Innigkeit und Traurigkeit eines Volksliedes weht.

Die größeren Kompositionen Schnitzlers lehnen sich an fremde Stile, an Ibsen oder Shakespeare, lösen sich in epische Episoden oder zergehen in dialektische Konversationszenen, deren geistreich-schwermutvolle Feinheit die Menschen mehr verschleiert und verwischt als gestaltet.  Nur im “Grünen Kakadu” wird Schnitzler die Ausgangswelt, ja der Ausgangstag des ancien régime (der Tag des Bastillensturms) zum großen historischen Spiegel des Wiener Ausgangs.  Ein Irrspiel zwischen Sein und Schein, das den Verfall aller Werte, die Zersetzung aller Seele in grellen Blitzen gespenstig umleuchtet.  In einer Pariser Vorstadtspelunke improvisieren Schauspieler zur Aufpeitschung der hochadligen Gäste Verbrecherszenen, die gruselig Spiel und Wahrheit mischen.  Wie verfolgt stürzt einer herein und berichtet von seinem frische Taschendiebstahl, von einer Brandstiftung ein zweiter, einem Morde ein dritter, bis Henri, der Genialste Truppe, vorstürmt und aufschreit, er habe eben in der Garderobe den

Herzog von Cadignan, den Liebhaber seiner ihm gestern angetrauten Frau, niedergestochen.  Die Mitspieler halten es für Wahrheit, die Zuschauer für Komödie, einen Augenblick glauben beide an Wahrheit —­ während es jäh darauf erst Wahrheit werden soll:  der Herzog tritt ein und Henri tötet ihn wirklich.  Und indes der Wirt wie allabendlich eben noch in aufreizendem Spiel seine hochadligen Gäste als Schurken und Schweine begrüßt hat, die das Volk hoffentlich nächstens umbringen werde, dringen plötzlich die Bastillenstürmer ein und lassen an der Leiche des Herzogs die Freiheit leben.  Hier ist das Lebensgefühl des Ausgangs:  “Wir spielen immer; wer es weiß, ist klug”, schicksalhaft vertieft, das Schauspielertum des Lebens und der Bühne gespenstig gemischt.  Mit höchster künstlerischer Bewußtheit sind die Schauer und Wechsel dieses Irrspiels in die straffe Handlung eines Einakters gebannt.

Wenn für Schnitzler die Bedeutungslosigkeit der überkommenen Formen noch Lebensschicksal ist, für Hugo von Hoffmannsthal (geb. 1874) ist sie nur mehr literarisches Schicksal.  Allein in den ersten Dramen “Der Tor und der Tod”, “Der Abenteurer und die Sängerin” schwingt noch ihr Erlebnis:  Schwermut und Sehnsucht.  Das erste eine Dichtung des Neunzehnjährigen:  ein junger Mensch, der das Leben zum erstenmal ahnt, da er es lassen muß: 

    Was weiß ich denn vom Menschenleben? 
    Bin freiliche scheinbar drin gestanden,
    Aber ich habe es höchstens verstanden,
    Konnte mich nie darein verweben... 
    Stets schleppt ich den rätselhaften Fluch,
    Nie ganz bewußt, nie völlig unbewußt,
    Mit kleinem Leid und schaler Lust
    Mein Leben zu erleben wie ein Buch.

Aber, da er dem Tode, der ihn zu rufen kommt, entgegenhält:  “Ich habe nicht gelebt!” zeigt der ihm, was an Leben und Liebe sein gewesen:  unter den Geigenklängen des Todes

schweben die Schatten der Mutter, des jungen Mädchens, des Freundes vorüber, die einst in Sorge und Liebe sich um ihn mühten, ohne daß er ihrer geachtet.  Er war der “Ewig-spielende”, “der keinem etwas war und keiner ihm”.  Erst der Tod lehrt ihn das Leben sehen —­ die süße Schwermut eines Frühlingsabends webt um diese jungen, goethisierenden Verse; aus weich-verhangener Ferne träumt Musik.  Im “Abenteurer und die Sängerin” schimmern die Farben und Wunder Venedigs auf.  Auch hier eine ausgelebte Welt.  Auch hier ein Ewigspielender:  Casanova.  Fünfzehn Jahre nach einem seiner vielen Liebesabenteuer kreuzt dieser flüchtige Faltermensch die Lagunenstadt und sieht die einst Geliebte, die er zum Leben erweckt, die ihm glücklichste Stunden geschenkt, als Gattin eines anderen wieder und neben ihr seinen Sohn.  Wenige festliche Stunden, wenige in Traum, Süße, Wehmut und Erinnerung aufschimmernde Worte.  Und darüber die Schatten des Alters und der Vergänglichkeit.

Je mehr in den späteren Dramen Hoffmannsthals der Lebensgehalt versickert, desto üppiger wuchert ihre Form.  Die leere Lebensform des ausgehenden Wien wird zur leeren literarischen Form, einer üppigen barocken Form, die Leben aus zweiter Hand, aus Sophokles, Otway, Molière überrankt.  Der sittliche Gehalt der Sophokleischen Elektra, das tragische Rächeramt der Kinder an der eigenen Mutter, des Vaters Mörderin, wird —­ jenseits aller Weltanschauung —­ zu einer dekorativen, schwelgerischen, brandroten Orgie in Haß, Blut und Rache.  Bedeutsam bleiben —­ wie bei d’Annunzio, dem er nahekommt —­ die artistischen Werte Hofmannsthals:  sein Anteil an der Entwicklung deutscher Sprachkunst.

Klingt bei Hofmannsthal Wortmusik, bei Richard Beer-Hofmann (geb. 1866), dem dritten und tiefsten der Wiener, klingt Seelenmusik.  In hinreißendem Adagio entquillt sie seinem ersten Drama, dem “Grafen von Charolais” (1904), obgleich es einer alten englischen Vorlage Massingers und Fields unglücklich verbunden ist, obgleich es daher in zwei

Teile zerbricht, obgleich die Requisiten des alten Stücks, Leichen, Pfändung, Ehebruch, Mord, Selbstmord, sich peinlich häufen.  Da ist nicht mehr die Melancholie des Ästheten, da ist eine wehe Weisheit, eine milde Güte, eine dunkel-goldene Traurigkeit, aus Tiefen, die seit Gerhart Hauptmann keiner mehr durchmessen hat.  Nur das Vorspiel zu einem Dramenzyklus, zur “Historie von König David”, ist seitdem erschienen:  “Jaákobs Traum” (1918), eine symphonische Dichtung von einer seelischen und religiösen Gewalt, die sie hoch über die Zeit emporträgt.  Die Würde und Tragik der Berufung ist ihr Thema, Jaákobs Ringen mit Gott auf dem Berge Beth-El ihr biblischer Stoff.  Wenn der musikalischen und metaphysischen Gewalt dieses Vorspiels die Kraft der Menschengestaltung in der Trilogie entspricht, so wird Beer-Hofmann in schöpferischer Erneuerung alttestamentlicher Symbole der deutschen Dichtung das religiöse Drama erobern helfen.

Hauptmann und in minderem Grade auch Wedekind, Schnitzler, Beer-Hofmann erleben die Welt unmittelbar in weltanschaulichen Gegensätzen und in Gestalten, die sie verkörpern und ausfechten.  Fast allen jüngeren Dramatikern ist dieses überpersönliche, weltgroße Erlebnis fremd; sie erleben einseitig, subjektiv, nur vom Gefühl oder vom Intellekt aus, und so kommt es nur zu lyrisch-balladesken oder dialektischen Spannungen.

Herbert Eulenberg (geb. 1876) bleibt ganz in dumpfen Gefühl befangen.  Seine Helden sind immer die gleichen Typen und leben nur im Schwellen und Ausschwingen ihrer Gefühlsdurchbrüche.  Er erlebt nur in einer Richtung und nur in einem Menschen; die anderen Menschen sind ohne eigene Lebens- und Gegenkraft für Eulenberg wie für seine Helden.  Einsam steht der Eulenbergsche Mensch im All; fremde Mächte werden in ihm wach und jagen ihn in die dunkle Hölle seines Blutes und seiner Träume; sie verfolgen und erfüllen ihn, wachsen, rasen und toben in ihm, bis sie seine

Form zersprengen oder in vernichtenden Taten den Ausweg suchen.  Von außen her dringt nichts in diesen Vorgang ein.  “Ich höre nichts außer mir”, sagt einer der Helden; “ich brenne in mir ab”, ein anderer.  Die Gegenspieler sind keine ursprünglichen Gestalten, sind nur Blutbilder des eigenen Innern.  So wird kein Drama, so kommt es nur zu monologischen, lyrisch-balladesken Wirkungen, zu Farben und Stimmungen.

Der Gegenpol Eulenbergs ist Karl Sternheim (geb. 188I).  Er geht ganz vom Intellekt aus.  Er erlebt nicht, er erkennt nur.  Sein literarischer Ehrgeiz will stilisieren, zu Typen vordringen.  Aber einen Typus gewinnt er nicht durch Fülle und Verdichtung des Persönlichen, sondern durch Konstruktion und Illustration eines Begriffs.  Kurze Zeit weiß seine Beobachtung, seine literarische Erinnerung die Stilisierung durchzuführen, dann entgleiten und brechen die Linien, die Personen werden zu Karikaturen.  Eine Komödie wie “Der Snob” ist in ihrer inneren Unwahrheit, ihrer Literaten- und Theaterkunst, gar nicht so weit von Blumenthal und Kadelburg; sie ist nur geistreicher und boshafter.  Seiner Menschen-wie seiner Weltanschauung fehlt der organische Anteil, das Ethos, die Liebe.  Es genügt nicht, die Welt lächerlich zu machen.  Humor, nicht Witz ist das Zeichen des Schöpfers.  Jede Anschauung will im Zusammenhang einer Weltanschauung, jede Eigenschaft im Zusammenhang einer Seele, jede Verzerrung im Zusammenhang eines Ideals gedeutet und gestaltet werden.  Auch der Satiriker lacht und spottet nicht aus dem Gefühl billiger Überlegenheit, sondern aus dem Gefühl der Verantwortung und der Liebe.

Über Wedekind und Sternheim führt der Weg Georg Kaisers, (geb. 1878).  Auch er ist ein Intellektueller, ein ehrgeiziger Literat, ein Formenkünstler.  Ohne ein ursprüngliches Wesenszentrum überläßt er sich den wechselnden Strömungen der Zeit.  Von der Verherrlichung des Fleisches à la Wedekind ("Rektor Kleist”, 1905) gelangt er zum ideal platonisierten

Denkdrama “Die Rettung des Alkibiades” (1919).  “König Hahnrei” und die “Jüdische Witwe” stellen die tragischen Konflikte Tristans oder Judiths in frecher Jongleurkunst auf den Kopf.  “Die Bürger von Calais” wissen klug errechnete tragische Situationen rhetorisch auszukosten.  “Die Koralle” und “Gas” diskutieren die sozialen Probleme der Gegenwart.  An artistischem Können ist Kaiser Sternheim bald voraus; er ist reicher, beweglicher, energischer.  Aber es ist die Hast der Nerven, die Psychologie des Intellekts, die Technik des Films.  In den sozialen Dramen —­ der Sphäre der Massen und Maschinen —­ werden der Bau mathematisch, die Menschen mechanisch, die Sprache zum Telegramm.  Ein Druck auf die Feder —­ und das Werk läuft ab:  Rede und Gegenrede, Bewegung und Gegenbewegung.  Mit virtuoser Technik wird die ganze soziale Stoffmasse in diesem Rädertreiben zermahlen. —­ Und schließlich fallen in der “Rettung des Alkibiades” auch die Schemen dieser Gestalten; in Anlehnung an den platonischen Dialog wird das Menschenspiel zum Denkspiel, die Dramatik zur Dialektik.

Über diese Artisten ragt Paul Ernst (geb. 1866) an Ethos der Kunst- und Weltanschauung, aber ihre intellektuelle Gebundenheit weiß er nur ins Geistige, nicht ins Künstlerische zu lösen.  Er kommt vom naiven Naturalismus seines Freundes Holz und will mit Wilhelm von Scholz (geb. 1874), der von der Neuromantik und Mystik herkommt, einen “neu-klassischen” Stil im Drama begründen. Über Shakespeares individuelle Gestalten und Probleme will er zur reinen Typik der Griechen zurück.  Aber er ist ein Kunstdenker, kein Kunstschöpfer; er gibt geistige Grundrisse statt organischer Gestalten.  Tiefer im Lebensgrunde wurzelt Scholz, zumal in der zweiten Fassung seiner Tragödie “Der Jude von Konstanz” (1913), die der Hauch Hebbelscher Tragik durchweht.

Ein großes Drama wächst nur aus einer großen, ursprünglichen Weltanschauung.  Wie die Lebensformen der Mutterboden der epischen, so sind die Weltanschauungsformen der

Wurzelgrund der dramatischen Kunst.  Mit dem Weltkrieg brachen die Lebens- und Anschauungsformen des materialistischen und rationalistischen Zeitalters zusammen.  Aus seinem Chaos schrie die gemarterte Seele nach ihrem Recht.  Jünglinge ballten ihren Aufschrei zum “expressionistischen” Drama, Walter Hasenclever im “Sohn”, Richard Goering in der “Seeschlacht”, am stärksten Fritz von Unruh in “Ein Geschlecht”.  Lyrische Entladungen, Konfessionen, Predigten und Prophetien gaben sich dramatisch.  Des späten Strindbergs unnachahmliches Traum- und Seelendrama ("Traumspiel”, “Nach Damaskus”) wurde unbedenklich zum Vorbild genommen. Über den zerfallenen Formen recke sich der befreite, von Urgefühlen trunkene Mensch empor, der Mensch schlechthin, der sich eins weiß mit seinen Brüdern, nach Seele, nach Gott, nach einer neuen wahren Gemeinschaft des Geistes.  Aber ekstatische Schreie, rauschvolle Aufrufe, die Auflösung aller Lebensmächte in e i n trunkenes Urgefühl führen höchstens zur lyrischen Grundform.  Dies neue Menschheitsgefühl will erst in der Wirklichkeit erhärtet, vertieft und geklärt, in Zwieklang seiner Gegenmächte begrenzt und behauptet und in ursprünglichen Gestalten objektiviert sein, ehe es zu einem neuen Drama fruchtet.

DIE LYRIK

Die epische Dichtung hat bestimmte Lebensformen, die dramatische bestimmte Weltanschauungsformen zum Unter- und Hintergrund.  Der epische Dichter kann die Lebensformen nicht selber schaffen —­ sie sind die Voraussetzung seiner Kunst —­, der dramatische kann die Weltanschauungsformen höchstens mitschaffen, aus den gesamten ideellen Mächten seiner Zeit heraus.  Die Form der lyrischen Dichtung ist die Form der Persönlichkeit.  Der Lyriker ist unabhängig in seinem Schöpferwillen, alles wird ihm Stoff zu sich selber, Welt und Leben kristallisieren in seinem Ich.  So kann in einer zersetzten Zeit, im Kampf der Lebens- und Weltanschauungen der Lyriker zuerst zur reinen Form gelangen, als der Vorposten der neuen Menschheit.  Und dieses Ringen um den neuen Menschen, um das Bürgerrecht einer neuen Menschheit stellt die deutsche Lyrik der letzten Jahrzehnte dar.

1885 erschienen die “Modernen Dichtercharaktere”, eingeführt von den Aufsätzen Hermann Conradis (1862-1890) “Unser Credo” und Karl Henckells (geb. 1864) “Die neue Lyrik”.  Die Gedichtsammlung war die Absage an die Epigonenlyrik Geibels und Heyses, an die “losen, leichtsinnigen Schelmenlieder und unwahren Spielmannsweisen” Rudolf Baumbachs und Julius Wolffs.  Diese jungen Lyriker wollten “Hüter und Heger, Führer und Tröster, Pfadfinder und Wegeleiter, Ärzte und Priester der Menschen” werden.  Hermann Conradi gibt 1887 in den “Liedern eines Sünders” sein . lyrisches Bild.  Er war der Innerlichste unter den Jüngeren,

der Gärende, haltlos Ringende.  Er fühlte sich berufen, “die Gegensätze der Zeit in ihrer ganzen tragischen Wucht und Fülle, in ihren herbsten Äußerungsmitteln zu empfinden” und “voll Inbrunst und Hingebung die verschiedenen Stufen und Grade des Sichabfindens mit dem ungeheueren Wirrwarr der Zeit schöpferisch zum Ausdruck zu bringen”. Über-gang und Untergang sah er ringsum, sich selbst empfand und gestaltete er in seinen Romanen “Phrasen” und “Adam Mensch” als den Typus des Übergangsmenschen, in den eigenen Krämpfen spürte er die Krämpfe der Zeit, deren Krisis er 1889 in “Wilhelm II. und die junge Generation” ahnend kündete:  “Die Zukunft, vielleicht schon die nächste Zukunft:  sie wird uns mit Kriegen und Revolutionen überschütten.  Und dann?  Wir wissen nur:  die Intelligenz wird um die Kultur, und die Armut, das Elend, sie werden um den Besitz ringen.  Und dann?  Wir wissen es nicht.  Vielleicht brechen dann die Tage herein, wo das alte, eingeborene germanische Kulturideal sich zu erfüllen beginnt.  Vorher jedoch wird diese Generation der Übergangsmenschen, der Statistiker und Objektssklaven, der Nüchterlinge und Intelligenzplebejer, der Suchenden und Ratlosen, der Verirrten und Verkommenen, der Unzufriedenen und Unglücklichen —­ vorher wird sie mit ihrem roten Blute die Schlachtfelder der Zukunft gedüngt haben —­ und unser junger Kaiser hat sie in den Tod geführt.  Eines ist gewiß:  sie werden uns zu Häupten ziehen in die geheimnisvollen Zonen dieser Zukunft hinein:  die Hohenzollern.  Ob dann eine neue Zeit ihrer noch bedürfen wird?  Das wissen wir abermals nicht.”  Conradis Leben und Lyrik ist nie zur persönlichen Form gedrungen.  So tief er darum rang, die gärenden, brodelnden Elemente seines Wesens zur Einheit zu binden:  “Und ob die Sehnsucht mir die Brust zerbrennt:  —­ Auf irrer Spur —­ Läßt mich die Stunde nur —­ Am einzelnen verbluten.”

Karl Henckell, der zweite Herausgeber der “Modernen
Dichtercharaktere”, verlor sich vorläufig in die Stofflichkeiten

des Naturalismus und Sozialismus.  Er sang “Das Lied des Steinklopfers”, “Das Lied vom Arbeiter”, “Das Lied der Armen”, besang “Das Blumenmädchen”, “Die Engelmacherin”, “Die Näherin im Erker”, “Die Dirne”, “Die kranke Proletarierin”.  Er zeichnete billige satirische Gegenbilder im “Korpsbursch” im “Einjährig-Freiwilligen Bopf”, im “Leutnant Pump von Pumpsack” im “Polizeikommissar Fürchtegott Heinerich Unerbittlich”.  Er feierte “das ideale Proletariat”:  “Heil dir Retterheld der Erde —­ Siegfried Proletariat —­ leuchtend in der Kraft des Schönen.”  Er empfand sich als die “Nachtigall am Zukunftsmeer”.  Durch die jugendliche Rhetorik und stoffliche Befangenheit brach die —­ sozialistisch gefärbte —­ Überzeugung einer Zeitenwende, eines nahen Zusammenbruchs, einer neuen Zukunft.

Ärger noch in diese Stofflichkeit, in die nächsten Bilder und Phrasen der Zeit verstrickt blieb Arno Holz (geb. 1863) in seinem “Buch der Zeit”, “Lieder eines Modernen” (1885).  Er glaubte sich schöpferisch, wenn er die Großstadt, das Großstadtelend, den Großstadtmorgen, den Großstadtfrühling in wässerig strömende Reime und Strophen zwang.  Der “geheime Leierkasten”, den er später aus jeder Strophe zu hören glaubte, klingt überlaut aus diesen jugendlichen Versifizierungen.  Und es ist persönlich begreiflich, daß er 1899 schließlich in seiner “Revolution der Lyrik” Reim, Strophe und festen Rhythmus grundsätzlich verwarf und eine Lyrik proklamierte, “die auf jede Musik durch Worte als Selbstzweck verzichtet, und die, rein formal, lediglich durch einen Rhythmus getragen wird, der nur durch d a s lebt, was durch ihn zum Ausbruch ringt”.  Im “Phantasmus” schuf er dementsprechende, eindringliche, duft- und farbenreiche Stimmungsbilder und -bildchen.

In Julius Hart, Bruno Wille, John Henri Mackay, dem Schüler Stirners, und Ludwig Scharf ergänzte und steigerte sich die soziale Lyrik.  Richard Dehmel (1863-192o) vertiefte und beseelte sie.  Er war der Freund Detlev von Liliencrons

(1844-1909), des “Blutlebendigen, Lebensbeglückten”, Erdursprünglichen, der zwar durch den “Naturalismus” erst ganz zu sich selbst befreit wurde, aber stets reine, sinnenhafte Natur war und blieb, dem Kampf der neuen Ideen fremd, ein voller Ausklang der alten lyrischen Linie, der Droste, Kellers, Storms.  Liliencron kam der Entwicklung von Dehmels sinnlicher Anschauung zur Hilfe, wie Uhland einst dem jungen Hebbel.  Dehmel zerbrach die Kunstanschauung des “Naturalismus”:  Nie ahmt der Künstler die Natur nach.  “Weder die sogenannte äußere Natur, die Welt der Dinge, noch auch die innere, die Welt der Gefühle, will oder kann er zum zweitenmal, zum immer wieder zweitenmal, in die bestehende Welt setzen, in diese Welt der Wirklichkeiten.  Er will überhaupt nicht nachahmen; er will schaffen, immer wieder zum erstenmal.  Er will einen Zuwachs an Vorstellungen schaffen, Verknüpfungen von Gefühlen und Dingen, die vorher auseinander lagen, in der werdenden Welt unserer Einbildungen.”  Aus “chaotischen Lebenseindrücken” will er einen “planvollen Kosmos” schaffen, “nicht Abbilder des natürlichen, sondern Vorbilder menschlichen Daseins und Wirkens,” “überschauende Zeit-, Welt- und Lebenssinnbilder”.  So wird in Richard Dehmel zuerst der moderne Lyriker sich seiner Aufgabe bewußt, der sinkenden, zersetzenden Zeit neue Formen zu erobern, in der Form seiner Persönlichkeit und in heiliger Wirkung und Wechselwirkung, in immer weiteren Ringen über sie hinaus:  “Alle Kunstwirkung läuft schließlich auf das Wunder der Liebe hinaus, das sich begrifflich nur umschreiben läßt als Ausgleichung des Widerspruchs zwischen Ichgefühl und Allgefühl, Selbstbewußtsein und Selbstvergessenheit.”  Den Weg vom Ichgefühl, einem neuen, starken Ichgefühl, zu neu bewußten und vertieften Allgefühl sucht Dehmels Leben und Lyrik.  Vom sozialen Gefühl der Zeit geht er aus.  “Wie kann der geistige Mensch zur Herrschaft kommen, wenn er umgeben bleibt von Menschen, die nicht einmal der

Pflege des Körpers freie Zeit genug widmen können!  Kann denn das geistige Dasein sich steigern, wenn jedermanns Sinne voll geistiger Unlust sind?  Und kann der Geist des einzelnen wachsen, wenn kein geneinsamer Boden sich bildet, der seine Seele zum Wachstum anreizt?” Aus dieser leidenden Bruderliebe, aus diesem Wissen um das Verbundensein alles Volkslebens wachsen seine sozialen Gedichte “Zu eng”, “Vierter Klasse”, “Der Märtyrer”, “Jesus der Künstler”, “Bergpsalm”: 

    Dort pulst im Dunst der Weltstadt zitternd Herz! 
    Es grollt ein Schrei von Millionen Zungen
    Nach Glück und Frieden:  Wurm, was will dein Schmerz! 
    Nicht sickert einsam mehr von Brust zu Brüsten
    Wie einst die Sehnsucht, nur als stiller Quell;
    Hier stöhnt ein Volk nach Klarheit, wild und grell,
    Und du schwelgst noch in Wehmutslüsten?

Die beiden klassischen sozialen Lieder formen sich:  “Erntefeld” ("Es steht ein goldnes Garbenfeld”) und “Der Arbeitsmann” ("Wir haben ein Bett, wir haben ein Kind"). Über die Lebens- und Liebeseinheit des eigenen Volkes, durch die es “dem hunderttausendfachen Bann” der Lebensnot und -niedrigkeit entwächst, drängt Dehmels Traum und Leidenschaft zur Menschheitsstunde:  “Bis auch die Völker sich befrei’n —­ Zum Volk! —­ m e i n Volk, wann wirst du sein?” Und über die Menschheit hinaus stürmt sein Lebenswille ins Weltall:  “Wir Welt!” Das ist das letzte Ziel, die Durchdringung von Eins und All.  Den Weg führt uns die Liebe:  “Wer so ruht an einem Menschenherzen —­ Ruht am Herzen dieser ganzen Welt.”

Dieses Mysterium kündet der “Roman in Romanzen:  Zwei Menschen” dreimal 36 Gedichte und drei Vorsprüche zu je zwölf Zeilen, die zusammen wieder 36 Zeilen ergeben.  Alle Gedichte haben den gleichen Aufbau:  eine Naturschilderung als Einleitung, die Worte des Mannes, die Worte der Frau, ein paar Schlußzeiten, die in neuer Einheit die Seelenstimmung

zusammenfassen.  Diese Strenge der Gliederung schafft architektonische Schönheit, aber hemmt und verbaut auch.  Es kommt weder zur reinen epischen Erzählung noch zum reinen lyrischen Ausströmen. Überhaupt bleiben die epischen Elemente, die eigentliche Handlung, die Fülle der Schauplätze, bedenklich stofflich.  Hinreißend ist der ekstatische Überschwung der Grundstimmung, der zwei Menschen aus ihrer Einzelhaft, durch die Liebe, zur Verbundenheit mit der Natur, der Menschheit, dem Weltall, zum “Weltglück” führt, bis selbst der Tod sie nicht mehr schreckt: 

    Wir sind so innig eins mit aller Welt,
    Daß wir im Tod nur neues Leben finden.

So wächst Dehmels Ich-Bewußtsein in immer weiteren Kreisen zum Weltbewußtsein, nicht nur im Gefühlsrausch des Lyrikers, sondern im menschheitlichen Vorkampf.  Die Harmonien zwischen Mann und Weib offenbaren sich ihm nur darum so machtvoll, weil er abgründige Disharmonien durchlitten und durchschritten hat.  Seelische Helle wächst aus sinnlichem Dunkel.  “Die Verwandlungen der Venus” zeichnen —­ stofflich überlastet —­ diesen Weg der Läuterung:  “Aus dumpfer Sucht zur lichten Glut.”

Alle Menschheitsbeziehungen werden in ihrem Doppelspiel von Haß und Liebe, von Selbstbehauptung und Hingabe neu zur Frage gestellt.  Wie Mann und Weib sich gegenüberstehen, so Vater und Sohn.  Im Kampf der Generationen, der alten und jungen Weltanschauung ruft er als Vater —­ als erster Vater! —­ seinem Sohne zu: 

    Sei du!  Sei du! 
    Und wenn dereinst von Sohnespflicht,
    Mein Sohn, dein alter Vater spricht,
    Gehorch’ ihm nicht!  Gehorch’ ihm nicht!

Als der Weltkrieg ausbrach, da war es Dehmel, dessen tapferer Lebensglaube stets gewesen, durch die Zeit hindurch zur neuen Zeit und Form sich vorzuringen, Pflicht und Bedürfnis,

als einundfünfzigjähriger, ungedienter, gemeiner Soldat in das Heer zu treten und den Entscheidungskampf der neuen Menschheit mitzufechten:  “Die Begleitumstände sind allerdings scheußlich, aber das Hauptziel des Kampfes ist herrlich und heilig; denn wir wollen den Frieden auf Erden schaffen, a l l e n Menschen zum Wohlgefallen...  Etwas mehr Himmelsluft wird sich doch nach diesem reinigenden Sturm ausbreiten, bei uns selbst wie im ganzen Völkerverkehr.  Und was war der Hauptgrund, warum ich alternder Mann zur Waffe griff, nicht bloß aus Vaterlandsliebe und Abenteurerlust; da mein Körper noch kräftig genug dazu ist, muß ich ihn einsetzen für die geistige Zukunft.”  Als Soldat der neuen Menschheit ist er gestorben, an einer Venenentzündung, die er sich im Kriege zugezogen.

Das Kämpferpathos Dehmels, das anfangs dem jungen Schiller nah ist, bevorzugt die charakteristische vor der musikalischen Form.  Jeder Glätte in Bild, Rhythmus und Strophe setzt er herbe Eigenheiten entgegen.  Der vierzeiligen Strophe gibt er eine fünfte Zeile mit, ohne Reim, von besonderem Rhythmus.  Bild und Versform wirken oft geschmiedet und gehämmert.  Auch seine “impressionistischen” Naturbilder sind keine nachgiebige Eindruckskunst, sind Umwandlung üblicher, erstarrter Anschauungen in charakteristische, von innen bewegte Bilder.

In der Herbheit der inneren und äußeren Form ist ihm Paul Zech (geb. 1881) verwandt.  Soziales Ethos erfüllt und durchbebt sein bäuerisch-westfälisches Blut.  Einige seiner Väter schürften Kohle.  Er selber hat nach Vollendung seiner Studien in tiefster sozialer Verbundenheit nicht nur als Dichter, sondern zwei Jahre auch als Mensch, als Arbeiter, am Leben der Bergleute teilgenommen in Bottrop, Radbod, Mons und Lens.  In den Vers- und Novellenbüchern “Das schwarze Revier”, “Die eiserne Brücke”, “Der schwarze Baal” zieht sein Ethos die Machthaber, die Harthörigen und , Verblendeten vor Gericht, Güte und Menschlichkeit für alle

zu fordern.  Die Stoffwelt des jungen Naturalismus kehrt wieder:  Fabriken, Zechen, Sortiermädchen, Fräser, aber durchseelt von einem Ethos und Pathos, das aus religiösen Tiefen, aus Christi Herzen steigt und zur “Neuen Bergpredigt” berufen ist.  Dieser religiösen Menschheitsverbundenheit mußte der Weltkrieg, Welthaß und -gemetzel, die Zech als ungedienter gemeiner Soldat in den furchtbaren Kämpfen (Verdun und Somme) miterlebte, zum apokalyptischen Grauen, zur Sünde wider den Heiligen Geist werden.  Von den tausend Kriegslyrikern hat Zech allein von Anfang an den Krieg in seiner metaphysischen Bedeutung erlebt und gestaltet.  Seine Gedichtbücher “Golgatha” und “Das Terzett der Sterne” reißen den Krieg aus den historisch-politischen Verknüpfungen vor das Angesicht Gottes.

    Ewig sind wir Kain.  Unser Dasein heißt:  vernichten! 
    Käme tausendmal noch Christi Wiederkehr: 
    Immer ständen Henker da, ihn hinzurichten. 
    Fluch der Welt ist, daß uns Abel kindlos starb.

“Zweitausend Jahre noch nach Golgatha —­ Göttliche Jugend blutig auf der Bahre!” “Und immer neue Mütter stießen ihre Knaben —­ In immer helleren Scharen in das Feld —­ Als wär vernarrt die ganze Welt —­ Den Mord hinfort als Hausaltar zu habe? —...Daß du, Gekreuzigter, nicht von dem Holz —­ Herabsprangst und mit Geißeln auf die Menge hiebst —­ Und klein zurück auf ihren Ursprung triebst.”  “Seit jenen Tagen braust durch das verführte —­ Geschlecht ein schriller Ton —­ Wie ihn schon einmal ausstieß der verlorene Sohn.”  Aber den wilden Lärm der Schlachten überschwillt die Musik der Sterne, wenn im Dämmern der Nacht Gott aus den Mauerflanken anderer Erden ein Orgelhaus erbaut; dann lösen sich die erdengrauen Kämpfer aus Blut und Schlamm der Schützengräben ins Licht und Lied der Sterne und singen mit dem Brüderheer der Toten und den brausenden Stimmen der Wälder die große Schöpferfuge: 

    Zuletzt ist Gott nur noch alleine
    Zuckender Puls im All... 
    Weit über Wind und Wassern hämmert seine
    Urewigkeit wie Flügel von Metall.

Ist Zechs Menschenglaube und -liebe von alttestamentlichem, prophetischem Eifer der Klage, des Zorns, der Forderung, so ist Franz Werfels (geb. 1890), des Pragers, Liebe zur Welt und Menschheit weicher, inniger, mystischer.  Er stellt des Laotse Wort vor seine Gedichte:  “Das Allerweichste auf Erden überwindet das Allerhärteste auf Erden” und Dostojewskis Wort:  “Was ist die Hölle!  Ich glaube, sie ist der Schmerz darüber, daß man nicht mehr zu lieben vermag.”  Immer tiefer und reicher sprechen seine Gedichtsammlungen “Der Weltfreund”, “Wir sind”, “Einander” “Der Gerichtstag” die Lebens- und Liebesverbundenheit aller Kreaturen aus.  Nur als Erscheinung sind wir getrennt, im Wesen sind wir eins, eins in Gott.  Noch im ärmlichsten Menschen, im verachtetsten Tier und Ding ist Gott verborgen, ringt Gott nach Offenbarung.  Und diesen göttlichen Funken, diese göttliche Einheit hinter aller getrennten Erscheinung, hinter Armut, Eiter und Niedrigkeit zu suchen und zu lieben, ist unsere religiöse Aufgabe, ist der Sinn unseres Lebens:  “Wer sich noch nicht zerbrach —­ Sich öffnend jeder Schmach —­ Ist Gottes noch nicht wach. —­ Erst wenn der Mensch zerging —­ In jedem Tier und Ding —­ Zu lieben er anfing.”

So fleht der Dichter aus der Dumpfheit und Einsamkeit irdischer Gebundenheit:  “O Herr, zerreiße mich!” so braust der Bittgesang der neuen Menschheitsgemeinde: 

Komm, Heiliger Geist, du schöpferisch!  Den Marmor unserer Form zerbrich!  Daß nicht mehr Mauer krank und hart Den Brunnen dieser Welt umstarrt, Daß wir gemeinsam und nach oben Wie Flammen ineinander toben! —­ —­ —­ —­ Daß nicht mehr fern und unerreicht Ein Wesen um das andere schleicht, Daß jauchzend wir in Blick, Hand, Mund und Haaren Und in uns selbst dein Attribut erfahren.

Im Dichter wird dieses Gebet zuerst und zutiefst erfüllt:  “In dieser Welt der Gesandte, der Mittler, der Verschmähte zu sein, ist dein Schicksal,” kündet ihm der Erzengel —­ “Daß dein Reich von dieser Welt nicht von dieser Welt ist,” diese Erkenntnis, “ist, o Dichter, dein Geburtstag”.  Und so offenbart und erlöst der Dichter hinter der Welt der Erscheinung die wahre Welt.  Von der Welt der Armen, der Dienstboten, der Sträflinge, der Droschkengäule, der Nattern, Kröten und des Aases zieht er den täuschenden Schleier der Erscheinung und offenbart das Geheimnis Gottes.  Er will nichts sein als “Flug und Botengang” des Ewigen, “eine streichelnde Hand”, die allen einsam-ängstenden Kreaturen von der göttlichen Wärme und Liebe mitteilt.  Nicht die “Eitelkeit des Worts” nur die Reinheit und Güte der Seele gibt ihm die Macht zur Offenbarung und Erlösung:  “Der gute Mensch” ist der Befreier der Welt: 

    Und wo er ist und sein Hände breitet... 
    Zerbricht das Ungerechte aller Schöpfung,
    Und alle Dinge werden Gott und eins.

Nicht die Erscheinung zu fliehen und vor der Zeit abzustreifen, sondern die Erscheinung zu durchseelen, zu vergöttlichen, ist der Sinn der Schöpfung, nachdem sie einmal im Sündenfall der Vereinzelung von Gott abgefallen ist.  In der Welt will Gott offenbart und erlöst werden.  Ergreifend spricht sich das im “Zwiegespräch an der Mauer des Paradieses” aus, wo Adam, müde des Erscheinungswandels, zur alten paradiesischen Einheit in Gott zurückverlangt und ihn anfleht:  “Höre auf, mich zu beginnen!”, Gott aber weist ihn zurück in die Welt: 

    Kind, wie ich dich mit meinem Blut erlöste,
    So wart’ ich weinend, daß du mich erlöst.

Werfel ist ursprünglich, innig, oft franziskanisch-kindlich in seiner Religiosität; gerade, sicher und sehnend wächst seine Dichtung zum Himmel auf, wie ein gotischer Turm (erst im “Gerichtstag” gewinnt die Reflexion zersetzend Macht).  Rainer Maria Rilkes, des älteren Pragers (geb. 1875), religiöse Lyrik ist mehr die Zierart am Turm, die Fülle und Unruhe der gotischen Skulpturen, der Heiligen, Tiere und Ornamente.  Sie hat keine ursprüngliche, eigenmächtige Strebe- und Baukraft.  Rilke ist der Ausgang eines alten Kärntner Adelsgeschlechtes, verfeinert, müde, heimatlos.  In steten Reisen wechselte er zwischen Wien, München, Berlin, Rußland, Paris, Italien.  Er lebt wie seine Gestalten “am Leben hin” nicht ins Leben hinein, durchs Leben hin-durch.  Die tiefsten Offenbarungen gibt ihm nicht das unmittelbare Leben, sondern das mittelbare:  die Kunst.  Erst in den Worpsweder Malern und ihrer Atmosphäre wird ihm die seelische Bedeutung der Landschaft, erst in der Kunst und dem Künstler Rodin die religiöse Bedeutung des Menschen Erlebnis.  Rodin, bekennt er, habe ihn “alles gelehrt, was ich vorher noch nicht wußte, geöffnet durch sein stilles, in unendlicher Tiefe vor sich gehendes Dasein, durch seine sichere, durch nichts erschütterte Einsamkeit, durch sein großes Versammeltsein um sich selbst”.  Sein Buch über Rodin ist wohl sein tiefstes und reichstes Werk.  Wie Rodin, der Gotiker unter dem Bildnern, den menschlichen Körper auflöst in Seele, so löst Rilkes “Stundenbuch” mit den drei Büchern “Vom mönchischen Leben”, “Von der Pilgerschaft” “Von der Armut und vom Tode” die Körper und Dinge in Gott.  “Es gab eine Zeit, wo die Menschen Gott im Himmel begruben...  Aber ein neuer Glaube begann...  Der Gott, der uns aus den Himmeln entfloh, aus der Erde wird er uns wiederkommen.”  So offenbart Rilke Gott in den Kindern, den Mädchen, dem Volk, den Armen, den Bauern, der Landschaft, und mehr als in den Menschen in den Dingen:  “Weil sie, die Gott am Herzen hingen —­ Nicht von ihm fortgegangen

sind.”  Aber diese Offenbarung wächst nicht wie bei Werfel aus unmittelbarem Lebensanteil und -zwiespalt und heiliger Gewißheit, sie wächst aus der Sehnsucht des heimatlosen Zuschauers und Künstlers und aus dem Wissen um viele religiöse Vorstellungen und Symbole.  Ein russischer Mönch ist der Träger und Schreiber des Stundenbuches, und der ganze Stimmungsreichtum russischer Klöster, Kuppeln, Ikone, Gossudars wird genutzt.  Anderen religiösen Gedichtzyklen, wie den “Engelliedern” und den “Liedern der Mädchen an Maria” werden präraffaelitische Erinnerungen zu Stimmungsträgern.  Und die “Neuen Gedichte”, die in der Fülle ihrer Bilder die Beziehungen der individuellen Erscheinungen zu den letzten Prozessen und Formen des Daseins gestalten wollen, tun dies nicht aus der drängenden Einheit und Tiefe eines ursprünglichen Weltgefühls, sondern im seelischen oder gedanklichen Umkreisen eines Themas.  Oft gestaltete, künstlerisch schon reizvoll umspielte Themen locken Rilke besonders:  Abisag, David vor Saul, Pieta, Sankt Sebastian, Orpheus und Eurydike, Alkestis, Geburt der Venus, Eranna an Sappho usw.  In diesen Lebensbildern sucht und schafft die Seele sich Heimat, der das Leben selber sich verschließt.  Und sie bringt ihnen all ihre menschliche und künstlerische Feinfühligkeit und Bewußtheit als Gastgeschenk.  Frühzeitig hat Rilke sich seinen Sprachstil geschaffen von solcher Eigenheit, daß er die Grenze der Manier streift.  Unscheinbare Worte weiß er neu zu beseelen, verbrauchte Bilder auf ihren Ursinn zurückzuführen, Gleichnisse preziös auszubauen.  Durch Assonanz, Binnenreim und Häufung des Endreims weiß er der Sprache eine slawische Weichheit und Klangfülle zu geben.  Im letzten Gedichtbuch, der “Neuen Gedichte zweiter Teil”, gewinnt jedoch das Artistische bedenklich Raum.

Die Neigung zur Mystik ist Gefahr und Flucht für eine Zeit, die die Form der Persönlichkeit wiedergewinnen, nicht aufgeben soll.  Nicht ichflüchtig, sondern im tiefsten ichsüchtig

mußte der Lyriker werden, der zur Form der neuen Lyrik:  zur Form des neuen Menschen vordringen wollte.  Und wenn niemand durch die Zeit hindurch zu ihr drang, wenn selbst Richard Dehmel, dem stärksten Bildner, deren zersetzte Elemente bröckelnd in den Händen blieben, so konnte nur der die reine Form der Persönlichkeit, des neuen Menschen bilden, der es von Anfang an außer der Zeit und gegen de Zeit unternahm.  So ist die Persönlichkeit und Dichtung Stefan Georges (geb. 1866) Form geworden.

Der Wille zur Form war das Wesengesetz Georges von früh auf.  Er selbst weist darauf hin, daß ihm die Formkräfte des römischen Imperiums, des Katholizismus, der rheinischen Landschaft im Blute mitgegeben seien.  Zuerst wurde dieser Formwille ästhetisch seiner bewußt.  Die “Blätter für die Kunst” die er 1892 gegründet, förderten —­ beeinflußt von den Präraffaeliten und von französischen Lyrikern, wie Baudelaire, Verlaine, Mallarmé, Villiers —­ eine “Kunst für die Kunst”, sahen “in jedem Ereignis, jedem Zeitalter nur ein Mittel künstlerischer Erregung”.  Aber hinter diesem Willen zur ästhetischen Form rang und schuf bei George —­ nicht bei seinen Mitläufern —­ der Wille zu Lebens- und Wesensformen.  Und weil er diese in der eigenen Zeit nicht fand, weil aus deren zersetzten Elementen auch keine reinen Formen zu bilden waren, floh seine Seele “vorübergehend in andere Zeiten und Örtlichkeiten”, um dort die Urformen des Menschentums in ihrer Reinheit wieder zu suchen und bildhaft zu erneuern.  In Algabal, dem römischen Priesterkaiser, fand er sein antikes Gegenbild:  den Jüngling, den es verlangte, unabhängig von einer zergehenden Um- und Außenwelt ein Leben und Reich reiner Schönheit, reiner Formen zu schaffen: 

    Schöpfung, wo nur er geweckt und verwaltet,
    Wo außer dem seinen keine Wille schaltet,
    Und so er dem Wind und dem Wetter gebeut.

Der Schatten Ludwigs II. weht durch diese Strophen.  Aber an der Vermessenheit des Einsam-Überheblichen zerbricht diese Welt.  Aus dem Abseits und der Vereinzelung spätrömischen Herrschertums fliehen die “Hirtengedichte” in die mythisch geläuterten Urformen naturhaft schönen und reinen Menschentums, wie sie die Griechen zuerst gewahrt und gebildet haben.  Hier beginnt die tiefe Wesensverwandtschaft Georges mit der Antike deutlich zu wurden.  Das Christentum hatte in seiner Weltflüchtigkeit, seiner metaphysischen Sehnsucht und Wertung formsprengende Elemente in sich aufgenommen; nur im südlichen und rheinischen Katholizismus waren Himmel und Erde in Lebensfreude und Bildhaftigkeit eins geblieben.  Georges reinem Formenwillen konnte nur eine antikische Weltanschauung genugtun, in der Gott und Welt, Seele und Leib sich restlos durchdrangen, und in der Schönheit der Gestalt zur vollkommenen Form gelangen.  “Den Leib vergotten und den Gott verleiben”, das war ihm der Sinn alles Weltgeschehens, darin Natur und Kunst sich trafen.  Für diese religiöse Aufgabe bedurfte die Dichtung einer vollen Erneuerung ihrer Formsubstanz:  der Sprache.  Und von Anfang an hatte George sich darum gemüht, die epigonenhaft verbrauchten Elemente der deutschen Sprache neu zu schaffen.  Er war in den Geist und Klang von sieben fremden Sprachen eingedrungen.  In unermüdlichen Übersetzungen hatte er die deutsche Sprache bereichert, durchglüht und gehämmert.  Im “Algabal” war ihm die Sprache ganz zu eigen geworden; es waren keine übernommenen und verbrauchten Elemente mehr in ihr, sie war wieder ursprünglich, war imstande, seinen neuen reinen.  Wesens- und Lebensformen in reiner Sprachform Gehalt zu geben.

Nun war George stark genug, von seiner Flucht in die Welt der Geschichte zurückzukehren, nicht mehr Urbilder vergangener Zeiten zu erneuern, sondern Urkräfte zu bannen.  Im “Jahr der Seele” (1897) offenbart er Urformen der Natur.

Die Natur ist ihm kein Gegensatz zum Geist oder zur Seele, ist ihm die Lebenseinheit beider, ursprünglich und ewig wie die Antike, die keine entgötterte und entseelte Natur kannte.  So erschienen im “Jahr der Seele” die Urformen der Natur, die Jahreszeiten, in Bildern von räumlicher Gegenständlichkeit und Farbigkeit und zugleich tiefster Seelenhaftigkeit.  Die Seele sucht hier nicht —­ wie bei Goethe —­ die Natur, um an ihr sich zu finden und auszusprechen; beide sprechen sich in ursprünglicher, kosmischer Einheit aus.  Urformen der Natur offenbaren sich als Urformen der Seele, Urformen der Seele als Urformen der Landschaft.  So sind es keine Stimmungs-, sondern Schicksalsbilder, die diese Gedichte schaffen.  Die Fülle des Herbsttags hebt an, die reife Ernteruhe und -klarheit, der Friede der Erfüllung, den doch der Vers Hebbels schon ahnend durchschauert:  “So weit im Leben ist zu nah am Tod.”  Wie sind Seele und Landschaft eins in solchem Gedicht: 

    Wir schreiten auf und ab im reichen Flitter
    Des Buchenganges beinah bis zum Tore
    Und sehen außen in dem Feld von Gitter
    Den Mandelbaum zum zweitenmal im Flore.

    Wir suchen nach den schattenfreien Bänken,
    Dort, wo uns niemals fremde Stimmen scheuchten,
    In Träumen unsre Arme sich verschränken,
    Wir laben uns am langen, milden Leuchten.

    Wir fühlen dankbar, wie zu leisem Brausen
    Von Wipfeln Strahlenspuren aus uns tropfen,
    Und blicken nur und horchen, wenn in Pausen
    Die reifen Früchte an den Boden klopfen.

Erst nachdem George die Urformen der Geschichte und der Natur erlebt, erneuert und gebannt, ist er geläutert und gestählt zur Weihe der Berufung.  Jetzt erscheint ihm der Engel des “Vorspiels”:  “Das schöne Leben sendet mich an Dich —­ Als Boten.”  Der Geist des Lebens erscheint ihm jetzt, des “schönen Lebens”, dem alles Dasein reine Einheit

ist und klare Form.  Der hebt ihn zu sich auf die heilige Höhe der Sendung.  Die reinen Formen, die er bisher nur erfahren und erneuert —­ jetzt darf er sie am Urquell mit schauen und -schaffen; ein Leben der Weihe wartet seiner, in dem jede Stunde sich sinnvoll einordnen, schöpferisch rechtfertigen will.  Aber die Gnade der Berufung fordert das Opfer, die Hingabe, den ausschließlichen Dienst des Berufenen.  Aus irdischem Glück und menschlicher Wärme schreitet er zur Gipfelhöhe, Gipfeleinsamkeit, Gipfeleisigkeit.

“Georges Vorspiel ist nur Gedicht, gehorsam demselben strengsten Geheiß, das den Zarathustra erzwang:  dem Ich Gesetz und Heil des Lebens zu schaffen in gottblinder und weltwirrer Zeit, doch nicht für alle und keinen, sondern aus dem einen.  Ist ein Dichter mehr als bloß ein Ich, dann gilt es dadurch den anderen; und was ihn ruft, weckt auf die Ohren, die ihn vernehmen.  Soll er den Kreis füllen, so muß er die Mitte und die Strahlen halten, nicht dem Umfang nachlaufen.  S i c h gestalten, sich erfüllen, sich vollenden war Georges erstes Gebot, und das empfing er nicht vom Fernen, sondern vom Nächsten, seinem eigenen Herzen.  Doch eben dies Gebot war die Antwort auf die Frage des Lebens... und indem er sich erfüllte, als Dichter, indem er seine Form fand, seinen Streit ausfocht, sein Wort sagte, tat er, was an der Zeit war.  Dantes Gesetz hieß:  Schaue i Gott...  Goethes:  Werde Welt...  Georges:  Gestalte Leben.  Die Gefahren, Leiden, Wonnen und Pflichten dieses Gesetzes hat er im Vorspiel verkündet, von der Einweihung bis zur Vollendung.” (Gundolf.)

Erst der also Geweihte vermag aus dem Geist des Lebens den “Teppich des Lebens” (1900) zu zeichnen:  die geistigen Urbilder des Menschentums in Natur und Geschichte, “das Kräftereich europäisch-deutscher Menschenbildung in einzelnen Schöpfungsformen, von den erdgebundenen Anfängen bis zum geistigen Tun und Wirken der Genius”. (Gundolf.) Wie “ein Epos des Erdgeistes” beginnt die Reihe mit dem

mütterlichen Grunde alles Menschentums, der “Urlandschaft”, in der Mensch, Tier und Erde noch unbewußt und einig sind:  “Erzvater grub, Erzmutter molk, —­ Das Schicksal nährend für ein ganzes Volk.”

Zum erstenmal in dieser epischen Bilderfolge taucht in Georges Werk das Volk als Urform des Menschentums auf und als Urform seines Menschentums das deutsche Volk.  Im Vorspiel hatte der Geist des Lebens ihn aus den magischen Landschaften des Südens zu “den einfachen Gefilden”, der “strengen Linienkunst” der heimischen, rheinischen Landschaft geführt: 

    Schon lockt nicht mehr das Wunder der Lagunen,
    Das allumworbene, trümmergroße Rom,
    Wie herber Eichen Duft und Rebenblüten,
    Wie sie, die deines Volkes Hort behüten —­
    Wie deine Wogen —­ lebensgrüner Strom!

Jetzt ist ihm das Volk als Urform deutlich geworden, die ihn selber umfaßt, die Wesens- und Geschichtskräfte des deutschen Volkes.  Seine Sendung ist zur deutschen Sendung geworden:  Indem er die reinen Kräfte des deutschen Volkes in sich zur Gestalt bildet, wird er auch der Bildner seines Volkes sein. —­ —­

“Den Leib vergotten und den Gott verleiben”:  die Einheit von Welt und Gott, Natur und Geist, Leib und Seele war Georges Weltanschauung und -aufgabe.  Sie sollte und mußte er erleben, erschauen, erschaffen.  Das höchste Symbol dieser Einheit ist der Gott-Mensch.  Und wenn je die Menschheit dieses Symbols bedurfte zu ihrer Vollendung —­ George konnte sich nicht begnügen, seine Weltanschauung in zerstreuten Bildern zu schauen und zu schaffen; sie mußte sich ihm in einer Gestalt verdichten.  Das war die höchste Möglichkeit seiner Weltanschauung.  Und seinem Formsehnen und -willen war die höchste Möglichkeit auch die höchste Notwendigkeit.  So schaute und schuf er in Maximin, der geliebten Gestalt eines schönen, früh gestorbenen Jünglings

und Jüngers, das Bild des Gott-Menschen, darin die Welt vollkommen ward.

“Wir gingen”, heißt es in Georges Maximin-Rede, “einer entstellten und erkalteten Menschheit entgegen, die sich mit ihren vielspältigen Eingenschaften und verästelten Empfindungen brüstete, indessen die große Tat und die große Liebe am Entschwinden war.  Massen schufen Gebot und Regel und erstickten mit dem Lug flacher Auslegung die Zungen der Rufer, die ehemals der Mord gelinder beseitigte:  unreine Hände wühlten in eincm Haufen von Flitterstücken, worein die wahren Edelsteine wahllos geworten wurden.  Zerlegender Dünkel verdeckte ratlose Ohnmacht, und dreistes Lachen verkündete den Untergang des Heiligtums.”  Da erschien in Maximin der göttlich einfsch schöne Mensch, “Einer, der von den einfachen Geschehnissen ergriffen wurde und uns die Dinge zeigte, wie die Augen der Götter sie sehen.”  In ihm ward der erstarrten Zeit der Erlöser: 

    Die starre Erde pocht,
    Neu durch ein heilig Herz.

Die Gedichte auf das Leben und den Tod Maximins, seine Feier, Verklärung und Wirkung bilden die Gipfelhöhe des “Siebenten Rings” (1907).  Von ihr aus sind die “Gestalten” geschaut, der zweite Zyklus des Werkes, “der Aufruf der letzten gotteshaltigen oder gottesmörderischen Urwesen zur Wende der Gesamtmenschheit”. (Gundolf.) Im Vor- und Aufblick zu ihr ist in den “Zeitgedichten” die Gegenwart zu Gericht gerufen, verworfen in ihrer Fäulnis und Finsternis, gesegnet in den einsam ragenden Lichtgestalten, den Vorbildern:  Nietzsche, Böcklin, Leo XIII., denen Dante, Goethe, Karl August, die alten deutschen Kaiser sich in ewiger Lebendigkeit zugesellen:  Urformen höheren Menschentums, wie Held und Herrscher, Priester, Seher und Dichter usw.  Hier wird George Gewissen und Stimme der Zeit.

Im “Stern des Bundes” (1914) wird die Zeitschau, die in

den “Zeitgedichten” nur aus der Ahnung des Göttlichen geschah, aus seinem Schauen und Wissen gegeben.  Hier wächst George zum gewaltigen Richter und Propheten der Zeit empor.  Ein paar Monate vor Beginn des Weltkrieges hat er hier aus heiligen Höhen den chaotischen Untergang der zersetzten Zeit gesichtet und gerichtet: 

    Aus Purpurgluten sprach des Himmels Zorn: 
    Mein Blick ist abgewandt von diesem Volk. 
    Siech ist der Geist!  Tot ist die Tat!

In einer ungeheuren Vision sieht und hört er in gewitternden Lüften schreitende Scharen, klirrende Waffen, jubelnd drohende Rufe:  den “letzten Aufruf der Götter über diesem Land”.  Er sieht den maß- und haltlosen Bau der Zeit wanken und zusammenstürzen.  Er fühlt die furchtbare Gewißheit: 

    Zehntausend muß der heilige Wahnsinn schlagen,
    Zehntausend muß die heilige Sache raffen,
    Zehntausende der heilige Krieg.

Er hört sein Prophetenwort, seinen Schrei zur Umkehr verhallen, als wäre nichts geschehen.  Und im letzten, flammenden Gesicht sieht er den Herrn des Gerichtes: 

    Weltabend lohte...wieder ging der Herr
    Hinein zur reichen Stadt mit Tor und Tempel,
    Er arm, verlacht, der all dies stürzen wird,
    Er wußte:  kein gefügter Stein darf stehn,
    Wenn nicht der Grund, das Ganze sinken soll. 
    Die sich bestritten, nach dem Gleichen trachtend: 
    Unzahl von Händen rührte sich und Unzahl
    Gewichtiger Worte fiel und eins war not. 
    Weltabend lohte...rings war Spiel und Sang,
    Sie alle sahen rechts —­ nur er sah links.

Und als die Vision Wahrheit geworden, das Weltverhängnis niedergebrocben war, als immer noch “In beiden Lagern kein Gedanke —­ Wittrung —­ Um was es geht”, als aller Augen immer noch nur das strategische Hin und Her anstarrten, da kündete er in seinem Gedicht “Der Krieg” (1917): 

Der alte Gott der Schlachten ist nicht mehr.  Erkrankte Welten fiebern sich zu Ende In dem Getob. —­ —­ —­ Zu jubeln ziemt nicht:  kein Triumpf wird sein.  Nur viele Untergänge ohne Würde. —­ —­ —­ Keiner, der heute ruft und meint zu führen, Merkt, wie er tastet im Verhängnis, keiner Erspäht ein blasses Glüh’n vom Morgenrot.  Weit minder wundert es, daß so viel sterben, Als daß so viel zu leben wagt. —­ —­ —­ Ein Volk ist tot, wenn seine Götter tot sind.

Aber eben weil George von heiligen Höhen über die Zeit hinwegsah, sah er auch weiter, über den Zerfall und Untergang hinaus, mündete sein Kassandraruf in die heilig-liebende deutsche Verheißung: 

    Doch endet nicht mit Fluch der Sang.  Manch Ohr
    Verstand schon meinen Preis auf Stoff und Stamm,
    Auf Kern und Keim...schon seh’ ich manche Hände
    Entgegen mit gestreckt, sag’ ich:  O Land,
    Zu schön, als daß ich dich fremder Tritt verheere: 
    Wo Flöte aus dem Weidicht töne, aus Halmen
    Windharfen rauschen, wo der Traum noch webt
    Untilgbar durch die jeweils trünnigen Erben... 
    Wo die allbühende Mutter der verwildert
    Zerfallnen weißen Art zuerst enthüllte
    Ihr echtes Antlitz...Land, dem viel Verheißung
    Noch innewohnt —­ das drum nicht untergeht, —­ —­ —­
    Die ruft die Götter auf.

Der “Geist der heiligen Jugend unseres Volkes”, der —­ in Maximin göttliche Gestalt geworden —­ schon im “Stern des Bundes” verkündet und in Lehre und Liebe dort unterwiesen war, wird in Frommheit und Würde, Zucht und Opfer, Größe und Schöne die zerfallene Welt erneuern.

Als einziger einer zersetzten Zeit hat Stefan George seine

Wesenheit in Leben und Lyrik zur reinen Form geläutert, urbildlich erhöht und vollkommen gestaltet.  Mag das Gesetz seines Wesens wenigen gemäß sein —­ er ragt in die Zeit als Standbild des in sich Vollendeten, ein Vorbild jedem, das Gesetz seines eigenen Wesens zu ergründen, zu leben, zu formen und im eigenen göttlichen Keim die Kraft Gottes im entgötterten Europa zu befreien.

DEUTSCHE MUSIK DER GEGENWART

VON PAUL BEKKER

Was ist das:  deutsche Musik?  Fragt man einen Franzosen nach französischer, einen Italiener nach italienischer, selbst den Engländer nach englischer, den Amerikaner nach amerikanischer Musik, so wird die Antwort ohne jegliches Zaudern und Besinnen folgen.  Der Russe wird vielleicht einige Unterscheidungen machen zwischen rein nationaler und aus westeuropäischen Quellen befruchteter Kunst, aber auch er wird nicht zögern, etwa Tschaikowski trotz dessen Abhängigkeit von außernationalen Anregungen als Vertreter russischer Musik anzusprechen.  Und nun stelle man vielleicht in einer deutschen Musikzeitschrift die Frage:  Was ist deutsche Musik, welches sind ihre Vertreter!  Man wird ebensoviel einander widersprechende Antworten erhalten, wie die Erde Nationalitäten zählt.  Unter den Lebenden zum mindesten ist kaum einer, dessen Musik von allen Seiten als einwandfrei “deutsch” anerkannt würde.  Strauß, der den deutschen Namen am stärksten nach außen getragen hat, wird von den Bayreuther Siegelbewahrern in einem beträchtlichen Teil seines Schaffens als “undeutsch” abgelehnt, Pfitzners Musik wurde während des Krieges von Berlin aus als “undeutsch, weil zukunftsarm” gekennzeichnet, Reger gilt als verworren, Mahler und Schönberg sind Juden, also nicht diskussionsfähig, von Schreker in solchem Zusammenhange auch nur zu sprechen, wäre Lästerung.  Jeder dieser Komponisten hat seine eigene Anhängergruppe, ihre Hauptaufgabe ist, die Minderwertigkeit der anderen ihrem Idol gegenüber festzustellen, und die Worte “deutsch” und “undeutsch” spielen dabei die ausschlaggebende Rolle.

Man könnte sagen, daß eine Nation, die nicht vermag, verschiedenartige individuelle Eigenschaften ihrer eigenen Schöpferpersönlichkeiten in ihren Kulturbezirk einzuordnen, sehr enggefaßte Begriffe von ihren eigenen Fähigkeiten haben muß.  Man sieht schließlich, daß auf diesem Wege eine Erkenntnis überhaupt nicht möglich ist, daß es sich vielmehr bei solchen Streitereien um einen schmählichen Mißbrauch des Wortes und Begriffes “deutsch” handelt.  Eine Zusammenfassung, eine Einigung aller verschiedenartigen, aus einem Stamme erwachsenen Erscheinungen sollte es sein, ein trennendes Kampfmittel subjektiv kritischer Wertung ist es gegenwärtig geworden.  Gegen solche Mißdeutung eines kulturellen Sammelbegriffes zu einseitig parteiischer Nutzanwendung ist von vornherein Einspruch zu erheben, wenn ernsthaft und sachlich von deutscher Musik gesprochen werden soll.  Als deutsch gilt uns nicht diese oder jene subjektive Eigenheit des Künstlers, diese oder jene stilkritische Beschaffenheit des Werkes, auch nicht Gesinnung oder gar Tendenz des Schaffens.  Als deutsch gilt uns alles, was dem Kreise der deutschen Kultur entwachsen ist, in ihm seinen geistigen Nährboden gefunden, ihm eigene Früchte zugetragen hat und so seiner Erscheinung in der Welt neue Geltung, neue Form gewinnt.  Dieser Begriff des Deutschtums ist nichts unveränderlich Feststehendes, kein gegebenes Maß, dem alles unterworfen wird.  Es ist ein stetig Wechselndes.  Eben an dieser Fähigkeit des Wechselns der Erscheinung offenbart sich die innere Produktionskraft der nationalen Kultur.  Wie das Deutschtum Luthers ein anderes war als das Goethes und dieses wieder ein anderes als das Wagners oder Bismarcks, und jede dieser großen Kundgebungen deutschen Geistes verzerrt würde, wollte man sie mit dem Maß der anderen messen, so gilt auch für unsere Zeit keine Norm, sondern zunächst nur der Wert der Erscheinungen.  Erst aus aufmerksamer Betrachtung ihrer Vielfältigkeit und vorurteilsfreier Zusammenfassung aller

Strömungen vermögen wir das Deutschtum der Gegenwart zu erkennen, über sein Wollen und Können Klarheit zu gewinnen.

Der Franzose, der Italiener, der Engländer weiß dies, der Deutsche muß es noch lernen.  Daß wir gegenwärtig gerade in der Musik im Kampfe miteinander stehen um diese Grundkenntnis, ist ein bedeutsamer Zug unseres kulturellen Lebens.  Es mag hier unerörtert bleiben, wie weit politische Erbitterung zu solcher Trennung der Geister beigetragen hat, obschon die Tatsache, daß politische Momente überhaupt auf künstlerische Fragen Einfluß gewinnen konnten, als Symptom bedeutsam erscheint.  In Wirklichkeit ist die politische Abirrung nur Begleiterscheinung eines Kunstlebens, das nach irgendwelchen geistigen Richtpunkten sucht, weil es sich von seinen natürlichen Nährquellen abgeschnitten fühlt, weil es den tiefen ethischen Antrieb des Kunstwillens verloren hat.  Dieser Antrieb kommt aus dem Volk, aus dem Verlangen nach Formung der schöpferischen Kräfte des Volkes im Symbol des Kunstwerkes.  Solche Formung geschah, als Bach die Matthäuspassion, als Mozart die Zauberflöte, als Beethoven seine Sinfonien schrieb.  Aus dem Wunsch nach solchem Einklang von Volk und Künstler träumte sich der Romantiker Wagner in den Mythos der Vorzeit zurück, baute er Bayreuth, um dort sein “Volk” zu sammeln.  Dieses Bayreuth an sich war schon ein Zeichen, daß die Gesamtheit des Volkes nicht so auf den Künstler hörte, wie er es wünschte, daß es ihn in wesentlichem mißverstand und er, um sich nach seinem Willen vernehmbar zu machen, eine Auslese aufrufen mußte.  Rastlose Sehnsucht und gewaltige Tatkraft ermöglichten das Gelingen, das Kunstwerk wurde noch einmal zur Darstellung stärksten geistigen Gemeinschaftslebens, nicht mehr aus naiver Unbewußtheit, aber doch in imposanter Willensspannung und ohne Inanspruchnahme außerkünstlerischer Mittel.  Seit dieser letzten zusammenfassenden Tat aber ist der Riß

zwischen Volksgemeinschaft und Künstler scheinbar unüberbrückbar geworden.  Die heutige Verwirrung der Geister, der Streit um deutsche und undeutsche Musik, der Versuch, die Teilnahme an der Kunst durch Entfachung politischer Leidenschaften zu steigern, ist nichts als Bekenntnis der Ohnmacht, durch die Kunst selbst unmittelbar an die Seele des Volkes zu gelangen.  Statt des Volkes, statt der Gemeinschaft bietet sich dem Musiker die Öffentlichkeit.  Sie ist nicht imstande, aus sich heraus Impulse zu geben, sie ist nichts als eine Verbrauchsgenossenschaft.  Sie verlangt interessiert zu werden, die Wertung besorgt eine eigens dafür bestellte Fachkritik in den Sprechorganen der Öffentlichkeit:  den Zeitungen.  So ist die Musik aus einer Gemeinschafts-eine Fachangelegenheit geworden, für die nur der fachlich Interessierte verpflichtende Teilnahme hegt.  So wird die Basis, auf der das Werk des Künstlers ruht, verhängnisvoll eingeengt und gleichzeitig das von seinen Musikern verlassene Volk zur Befriedigung seines Musikverlangens dem Gassenhauer zugedrängt.

Man muß, um einen Blickpunkt für das Gesamtbild der heutigen deutschen Musik zu gewinnen, sich dieser Lage bewußt werden.  Es kommt zunächst nicht darauf an, zu untersuchen, welche Ursachen dieses Ergebnis herbeiführten.  Es kommt darauf an, den Sachverhalt selbst deutlich zu erkennen.  Erst von dieser Erkenntnis aus ist es möglich, die heut tätigen Kräfte richtig zu sehen und zu werten, ohne dabei dem persönlichen Geschmacksurteil die Entscheidung zu überlassen.  Dieses ist hier Nebensache.  Eine Bestandaufnahme der gegenwärtigen schöpferischen Kräfte, eine Aussage über “deutsche Musik der Gegenwart” kann nicht die Aufzählung einer Reihe subjektiver Meinungsäußerungen über einzelne namhafte Komponisten erstreben.  Sie muß fragen:  Wie steht die heutige Musik zu unserem Volkstum, welchen Beitrag bietet sie zum Kulturleben der Nation und damit der Menschheit?  Wo und wie lebt in der Musikerschaft

der Drang, über die spezialisierte Fachkunst hinaus zur prophetischen Erfassung und Deutung seelischer Grundkräfte, über die Wirkung auf die Öffentlichkeit hinweg wieder zum Organ des Volkes, zur Künderin von Gemeinschaftsideen emporzuwachsen?

Wie aber ist das Kriterium hierfür zu finden?  Wollte man sämtliche deutsche Komponisten und Musikästhetiker der Gegenwart befragen, ob ihnen nicht ein solches Ziel als erstrebenswert gilt und vorschwebt, so würde die Antwort zweifellos von allen Seiten bedingungslos bejahend lauten.  Und dies trotz der tiefgreifenden Wesensverschiedenheiten von Menschen, die einander hassen, verfolgen, verächtlich machen.  So verheerend wirkt im Deutschen das Subjektivistische der romantischen Lebens- und Weltidee, daß kein Bewußtsein der Zusammengehörigkeit, keine Erkenntnis des Gemeinschaftszieles die Begrenztheit des Individuellen zu überwinden, die Notwendigkeit verschieden gerichteter Willenskräfte achten zu lehren vermag.  In dieser Unfähigkeit, die Möglichkeit mehrerer gleichzeitiger und doch gegensätzlicher Lösungen einzusehen, liegt eine verhängnisvolle Erschwerung der Annäherung von Künstler und Volk.  Sie treibt den Schaffenden naturgemäß zu immer stärkerer Betonung persönlicher Einseitigkeit, sie verengt seinen Blick, sie läßt ihn den Begriff des Volkes nicht in der vollen Erfassung aller Kräfte, aller Lebensenergien, sondern in bewußt einseitiger Betonung individueller Wünsche, in gewollt ausschließlicher Hervorhebung besonderer Absichten suchen.  Diese fanatische Übertreibung des Subjektivistischen, diese Verkennung der natürlichen Bedingtheiten des Persönlichen ist die Hauptursache nicht nur der gegenwärtigen Zersplitterung der Kräfte, auch der Entfremdung der Kunst gegenüber dem Volke, ihrer allmählichen Entwurzelung.  Die Masse hat im Grunde kein Verständnis, sie hat —­ mit Recht —­ auch keine Teilnahme für die Kämpfe, die ausgefochten werden um Spezialfragen und über die nur die Studierten

mitreden können.  Das Volk fragt ebensowenig nach den Prinzipien der Kunstauffassungen, wie es nach dogmatischen Einzelheiten der Religionen fragt.  Es hängt der Religion an, die ihm Botschaft bringt vom Übersinnlichen, es verlangt nach der Musik, die an seine Seele greift und seinem Geiste Aufschwung gibt.  Das Theologengezänk aber der “Richtungen” ist ihm gleichgültig, und wenn solches übergreift auf die Produktion, macht es ihm diese verächtlich.  Was nützt demgegenüber der gute Wille, die wohlmeinende Absicht der Künstler, die bekehren und demonstrieren wollen, statt glauben zu machen!  Ihr Eifer ist nicht rein, denn es steht der Ehrgeiz der Propagandisten dahinter, ihre Kunst ist nicht überzeugend, denn ihr fehlt die Naivität des Absichtslosen.

Diese Naivität, diese Absichtslosigkeit, diese vorbehaltlose Überzeugungskraft des Naturnotwendigen ist das Kriterium für die Bedeutung des Kunstwerkes, für die Echtheit des Schöpferwillens.  Erst oberhalb solcher Voraussetzungen kann subjektive Wertung beginnen, die dann Frage des Geschmackes ist, an die entscheidenden Grundbedingungen aber nicht rührt.  Wenn wir die Kräfte der Gegenwart erforschen wollen auf ihr Verhältnis zum Volkstum, auf ihre Fähigkeit prophetischer Deutung seelischer Grundkräfte, auf ihre Berufung zur Kündung von Gemeinschaftsideen, so werden wir nicht nach ihrem ästhetischen Programm fragen, nicht nach ihren erzieherischen Tendenzen, auch nicht nach ihren stilkritischen Kennzeichen.  Wir werden fragen, wo und wie sich über diese persönlichen Merkmale hinaus ein schöpferischer Urtrieb betätigt, der, alles willensmäßig Bewußte weit hinter sich lassend, aus tiefstem Zwang des Müssens in absichtsloser Wahrhaftigkeit schafft und dadurch zum Wecker elementarer Gefühlskräfte wird.  Was solcher Fragestellung standzuhalten vermag aus dem großen Bereich deutschen Kulturgebiete, das ist deutsch, und das vermag entscheidende Auskunft zu geben

darüber, wie sich deutscher Geist der Gegenwart in der Musik darstellt.

Religiöse Grundlagen sind die einfachsten, für die Erfassung weitreichender Wirkungen sichersten Stützen des Kunstwerkes.  Sie umspannen Ideenkomplexe, die jeder ernsthaften Natur vertraut und zugänglich sind, mit denen zu beschäftigen immer das Verlangen der besten Menschen ist, und die zudem allen Graden persönlicher Bildung zugänglich sind.  Zeiten, in denen die Kirche den religiösen Drang zu befriedigen und in lebendige Kultformen zu fassen wußte, sind daher für jede Kunst, insbesondere für die Musik, stets Zeiten der Hochblüte gewesen.  Der Gregorianische Choral, das Werk der Niederländer, der alten Italiener mit Palestrina, in Deutschland der protestantische Choral, die Zeit der großen Kirchenkomponisten bis Bach sind Denkmäler dieses Zusammenwirkens von Kirche und Kunst.  Die unabmeßbare Kraft der Musik Bachs beruht zum nicht geringen Teil darauf, daß in ihr kirchlich religiöse Kultformen Grundriß, Aufbau und innere Führung der künstlerischen Schöpfung mitbestimmt haben.  Gewiß ist es richtig, das einzig das Genie Bachs eine solche Steigerung der gegebenen Kultformen ermöglicht hat, denn zahllose andere Musiker, die sich vor, neben und nach ihm ähnlich betätigten, sind heut vergessen.  Gewiß ist es ebenfalls richtig, daß wir heut auch Bachs kirchliche Musik nicht mehr aus der Gefühlseinstellung der konfessionell gläubigen Gemeinde aufnehmen.  Aber weder die Erkenntnis der Einzigartigkeit von Bachs Genie, noch der Hinfälligkeit der für ihn grundlegenden Kultformen verringert die Bedeutung der Tatsache, daß hier Genie und Kultus in gegenseitiger Durchdringung zu einem zeitlosen Ganzen emporgewachsen sind.  So unrichtig es wäre, Bach in seinen Passionen, Kantaten, Messen, Chorälen, Motetten etwa nur als Interpreten kirchlicher Formideen anzusehen, so falsch wäre es, die lebenspendende Kraft dieser Formen zu unterschätzen und die Dauer dieser Werke ausschließlich

als subjektive Leistung Bachs anzusehen.  Hier hatte ein starkes Gemeinschaftsgefühl aus der Kultur einer Zeit Voraussetzungen geschaffen, die nun der große Künstler erst recht erkannte und bis auf ihre höchste Tragkraft zu überbauen wußte.

Den Menschen der nachfolgenden Zeit fehlte diese feste Bindung.  Wohl blieb das religiöse Verlangen, aber die vereinheitlichende Zusammenfassung durch die Kirche, die lebendige kultische Form ging verloren.  An Stelle der kirchlich gläubigen Erfassung religiöser Werte trat unter dem Doppeldruck der Aufklärung wie der idealistischen Philosophie und Dichtung des ausgehenden 18.  Jahrhunderts kritisch gesinnte Ethik.  Sie gab der Musik die neue Fähigkeit der Leidenschart, des Sturmes, des individuellen Erlebens, der Beichte.  Sie stellte sie unter den Zwang der Gefühlskritik, gab ihr zur Aufgabe die unerbittliche Auseinandersetzung mit menschlichstem Geschehen, setzte als Ziel die Gewinnung und Erkennung des Menschen.  Mozarts Opern zeigen dieses Ziel in stofflicher Symbolisierung.  Darüber hinaus aber ist die seelische Voraussetzung aller Musik dieser Zeit mit ihrer Hauptschöpfung:  dem Formbau der Sonate Gestaltung kritischer Gefühlsauseinandersetzung und -erkenntnis.  In ihr liegt das religiöse Grundmotiv des Idealismus.  Beethovens Werke in ihrer Gesamtheit sind musikalische Kulthandlungen.  In den verinnerlichten Formen der Kammermusik, in den über die Kirche hinausstrebenden Messen, selbst in der Oper, am stärksten zusammenfassend aber in den Sinfonien lebt als treibende Urkraft der ethische Erkenntnis- und Bekenntnisdrang des deutschen Idealismus, die Religiosität, die nicht mehr Kirche, nicht mehr Dogma ist, sondern die Offenbarung des Göttlichen nur aus der Gefühlskraft der menschlichen Seele empfängt.  Diese ethische Religiosität war ebenso Eigentum aller geistigen Menschen des ausgehenden 18.  Jahrhunderts, wie Bachs kirchliche Gläubigkeit das seiner Zeitgenossen.  Der Idealismus schuf seine musikalische Kultform

im Konzert mit allen Verschiedenheiten seiner Formgattungen, gab gleichzeitig der bis dahin auf Luxus- oder niedrig volkstümliche Wirkungen begrenzten Oper den weiten Horizont allmenschlichen Geschehens.  Aus vorher unbekannten Bezirken des Fühlens und Erlebens hatten sich neue Gemeinschaften der Menschen geformt, der religiöse Trieb hatte eine äußerlich dem Kirchlichen schroff abgewandte, der geistigen Schwungkraft nach aber höchster Glaubensfähigkeit ebenbürtige Gestaltung gefunden.

Dieser emporflammende Auftrieb der entdogmatisierten und doch tiefgläubigen Seele brach zusammen in der Romantik.  Es ist das entscheidende Kennzeichen der den größten Teil des 19.  Jahrhunderts beherrschenden romantischen Bewegung, daß sie sich nicht fähig erwies, dem religiösen Problem eine neue, eigenkräftige Gestaltung zu geben.  Der religiöse Impuls der Romantik äußerte sich zunächst in einseitiger Weiterführung des kritischen Elementes, dem gegenüber der seelische Anschwung des Idealismus mehr und mehr erlahmte.  Das Ergebnis war teils eine sich in Einzelheiten materialistischer Art zerfasernde wissenschaftliche Empirie der Beobachtung, teils eine dieser Nüchternheit abgewandte, auf religiöse Symbole der Vergangenheit zurückgreifende Mystik.  Naturalismus und Mystizismus sind dementsprechend die geistigen und seelischen Grundlagen auch der romantischen Musik.  Zu organischer Einheit zusammengefaßt erscheinen sie im Gesamtwerk Richard Wagners, in dieser Kunst der Synthese, die einer religionssuchenden, doch innerlich glaubensunfähigen Zeit statt des Gemeinschaftserlebnisses den Gemeinschaftsrausch gibt und sich dafür der Kultform des religiösen Dramas in ästhetischer Verkleidung bedient.  Der Romantik mit ihrem Mangel eigener Kraft des Schauens und Bauens geht die Naivität ursprünglichen Schöpfertums verloren.  In die Vergangenheit zurücktaumelnd, greift sie deren absichtslos geformte Symbole auf und verwendet sie in bewußter Reizsteigerung zu Mitteln

absichtsvoller, durch reflektive Kunst planmäßig gestalteter Wirkungen.  Was Nietzsche zuerst als das Dionysische, später als das Schauspielerische an Wagners Kunst empfand, war in Wahrheit ihr Rauschhaftes, das ihn anfangs hinriß, dann abstieß.  Aus der instinktiven Abwehr gegen diesen Rauschtrank entsprang alle Opposition gegen Wagner.  Und doch war dieser Rausch der Wagnerschen Kunst nichts von der älteren und gleichzeitigen Romantik grundsätzlich Verschiedenes, nur ihre äußerste Steigerung.  Alle romantische Kunst, “Freischütz” nicht minder als “Tristan” ruht auf der Grundwirkung der Hypnose, der Suggestion, auf der Idee des Traumes.  Sie setzt die Unwirklichkeit als Grundlage des Geschehens voraus, bedient sich aber in der äußeren Gestaltung mit nachdrücklicher Betonung einer naturalistischen Logik des Geschehens.  In solcher Auffassung der künstlerischen Welt als einer Welt bewußten Scheines, absichtlicher Sinnestäuschung lag ein tiefer Widerspruch zur Kunst des Idealismus.  Für diesen war die Kunst Steigerung, schwunghafte Erhöhung des realen Seins, kein Gegensatz, sondern durch geistige Hochspannung gewonnene Sphäre vervielfachter Lebensenergie.  Die idealistische Kunstauffassung war Ergebnis einer im tiefsten Grunde bejahenden, den Mächten des Lebens innerlich überlegenen Weltanschauung.  Der Romantik fehlt diese Überlegenheit.  Sie ist pessimistisch, weil sie sich dem Leben nicht gewachsen fühlt, sie bedarf des Traumes, um der Wirklichkeit zu entfliehen.  Die Kunst ist ihr das Narkotikum, das den Traum heraufzaubert, und weil diese Kunst als Surrogat des Lebens dient, so muß sie mit allen Mitteln der Sinnestäuschung illusionistischen Zwecken dienstbar gemacht werden.  Illusionistisch ist die Bühne der Romantik, ist die Faktur ihrer Technik.  Die Psychologie wird in den Dienst des Kunstwerks gestellt, das Prinzip des Leitmotives ist das stärkste Kunstmittel einer illusionistisch gerichteten Phantasie.  Der bestimmende Einfluß poetisch programmatischer Vorstellungen auf das sinfonische

und instrumentale Schaffen beruht gleichfalls auf dem Streben nach Übertragung real glaubhafter Vorgänge in künstlerische Wirkungen.  Das Leben sinkt für den Romantiker immer mehr zur Unterlage der Kunst herab, diese selbst wird ihm zum Inbegriff eigentlichen Lebens und damit auch zur Religion.  Unvermögend, das reale Sein zu zwingen, flüchtet der romantische Künstler in die Traumwelt des künstlerischen Scheins, gestaltet sie mit allen Mitteln der Kunst zum Abbild einer gewünschten Wirklichkeit und gewinnt aus der Anbetung dieses selbstgeschaffenen Idols Befriedigung seiner weltlichen und überweltlichen Sehnsucht.

Damit hatte die Musik, namentlich die dramatische Musik, scheinbar über alles Frühere hinaus eine noch nie erreichte Steigerung religiöser Bedeutsamkeit erreicht.  Sie war nicht nur, wie bei Bach, künstlerische Verklärung gegebener Kultformen, sie stellte nicht nur, wie in der Zeit des Idealismus, die Übertragung ethischer Erkenntniskritik in unkirchliche Formen beseelter Geistigkeit dar.  Sie war jetzt selbst Erkenntnis, selbst Religion geworden.  Diese Steigerung war indessen nur scheinbar.  Was die Kunst an Selbstherrlichkeit gewann, büßte sie an umfassender Kraft und seelischer Wahrhaftigkeit ein.  Diese zur bewußten künstlerischen Wirkung sterilisierte Religiosität trug in sich weder die überzeugende Ursprünglichkeit des menschlichen Glaubenserlebnisses noch den emporreißenden seelischen Aufschwung des entkirchlichten und doch gottesahnenden Idealismus.  Die romantische Religiosität war zu einer Angelegenheit der Ästhetik geworden, ihre Abwendung vom Leben entzog ihr die fließenden Kräfte dieses Lebens.  Wagner glaubte, das Volk zu suchen, er fand den Bayreuther Patronatsverein.  Er fand das gebildete Publikum, daß sich am Rausch seiner Ekstasen religiös zu erbauen meinte und nicht fähig war, zu erkennen, daß hier Symbole einer entseelten Religiosität zu dekorativer Schaustellung arrangiert waren.

Auf der deutschen Gegenwart lastet das Erbe der Romantik.  Der Rauschtrank der romantischen Kunst hat die Geister verwirrt und seelisch niedergebrochen.  Einige meinen, er müsse immer wieder erneuert werden, sie glauben in der Fortführung der Hypnose, in der Aufrechterhaltung der Kunst als des Narkotikums den einzigen Weg zu sehen.  Sie teilen mit der Vergangenheit die Scheu vor dem Leben, die Realität erscheint ihnen sinnlos und schlecht.  Es ist die Gruppe jener Künstler, die neuerdings in Hans Pfitzner ihren Wortführer gefunden hat.  Man darf, will man die symptomatische Bedeutung solcher Erscheinungen nicht verkennen und unterschätzen, ihren Worten nicht unmittelbare Widerrede, ihren Taten keine absolute Kritik entgegensetzen.  Sie sind Opfer einer Vergangenheit, deren Blendkraft Generationen getäuscht und zermürbt hat.  Ihre Hysterie ist ein Teil unserer eigenen Schwäche, weit entfernt, uns zu unfruchtbarem Widerspruch aufzureizen, zeigt sie uns die zersetzende Nachwirkung der romantischen Lüge an dem erschütternden Beispiel entnervter Talente.  Ein heißer Drang zum Glauben, ein bedingungsloser Fanatismus sucht Erfüllung von der Kraft einer Theatersonne, unfähig zu erkennen, daß dieses künstliche Licht nur geschaffen ist, um zu täuschen, eine Welt des Scheines zu erhellen, eine Gemeinschaft der Lebensflüchtlinge anzulocken.  Aber diese hingebungsvolle Bewunderung, diese selbstvergessene Anbetung des großen Scheines, dieser Traum von der Herrlichkeit des Vergangenen ist ein tiefer Wesenszug des deutschen Charakters.  Je ärmer und reizloser die Kunst dieser Männer wird, je mehr sie sich in schemenhafte Phantasterei und mystischen Dunst verliert, um so mehr erkennen wir hier ein ursprünglich werthaltiges Gut deutscher Art:  die Verehrung des erdhaft Heimischen, des geschichtlichen Werdens.  Es liegt ein religiöser Zug verborgen in der bedingunglosen Anbetung des Blutes, der Art, der Gesinnung, und so wenig solche Verherrlichung des Gewesenen geeignet ist, Erkenntnis zu schaffen, dem Blick die Kraft wahrhaften Durchdringens zu geben, so wenig kann

man sie aus dem Charakter des Deutschtums streichen.  Als Kunstbekenntnis ist sie der leichtesten Eingänglichkeit sicher, sie erspart selbständiges Denken, bietet nichts Eigenes, verlangt nur Anerkennung des historisch Gegebenen.  Diese Religion der Haus- und Nationalgötter, deren Heiligkeit bedingt wird durch ihre Herkunft, gehört zu den populärsten Bekenntnissen im heutigen Deutschland und zählt eine große Gemeinde.  Es ist eine an sich durchaus unreligiös Religion, aber sie gibt den suchenden Menschen ein Etwas, an das sie glauben können, sei dieses Etwas auch nur ein Fetisch.

Dieses Suchen, dieses Glaubenwollen, dieses starke Durchbrechen des religiösen Bedürfnisses ist das auffallendste Kennzeichen der Gegenwart im Vergleich mit der unmittelbaren Vergangenheit.  Es zeigt sich nicht nur an dem Versuch, dem künstlerischen Nationalismus religiöse Bedeutung zu geben, es zeigt sich auch an der Entwicklung anderer Geistesrichtungen innerhalb der gegenwärtigen Musik.  Aus der illusionistischen Tendenz der romantischen Musikauffassung hatte sich allmählich ein intellektuell hochstehender Naturalismus entwickelt, sein talentmäßig stärkster Repräsentant ist Richard Strauß, die lebendigste und bewegungskräftigste deutsche Musikbegabung seit Wagner.  Bei Strauß ist bis zu den Werken seiner besten Manneszeit, “Heldenleben” “Domestika” und “Rosenkavalier”, der Sinn nur auf intellektuelle Gemeinschaft, auf die Überzeugungskraft der richtigen Beobachtung, auf die Freude an der Selbstsicherheit der naturalistischen Darstellung gerichtet.  Aus der Kraft des Wurfes, mit der hier die materialistische Wirkung der Kunst erfaßt wurde, ergab sich die Unmittelbarkeit des Eindruckes.  Der Rausch kam nicht mehr, wie bei der älteren Romantik Wagners, aus der Ekstase eines Scheinerlebnisses.  Er war lediglich Freude an der hinreißenden Beherrschung der illusionistischen Darstellungskunst, deren Objekt im Hinblick auf seine Anregungskraft für das Talent des Künstlers gewählt wurde.

Dieser Naturalismus, der mehr und mehr zur deskriptiven Virtuosität herabsank, hat neuerdings versucht, sich durch Anlehnung an die Symbolik des Idealismus einen ethischen Anschwung zu geben.  Vom “Rosenkavalier” an über “Ariadne” und “Josefslegende” bis zur “Frau ohne Schatten” tritt in Stoffwahl und künstlerischer Behandlung bei Strauß eine unverkennbare Bezugnahme auf Mozart zutage, eine Bezugnahme, die freilich nirgends über die Bedeutung der archaisierenden Stilanlehnung hinausgelangt, weil die Strauß- sche Kunst ihrer An der Gefühlserfassung nach unlösbar verwurzelt ist in den Boden der Romantik.  Auch diese Lebensäußerung deutschen Geistes in der gegenwärtigen Musik ist nicht zu unterschätzen.  Sie zeigt die Beweglichkeit, den spekulativen Unternehmungssinn, die technische Phantasie eines expansiv gerichteten, auf äußere Aktivität gestellten Willens.  Ihrer bekenntnismäßigen Bedeutung nach erscheint sie freilich vorwiegend Ausdruck eines Materialismus, der seine religiös ethische Schwäche unter dem Reichtum äußerlich reizvoller Bilder zu verbergen sucht und dabei doch mehr und mehr der Skepsis des Ästhetentumes verfällt.

Der Traum als Mittel der Vergangenheitserinnerung war das Ziel auch jener Kunst, die im Anschluß an die ältere Romantik durch Vertiefung des gemütvoll Innigen, durch strengen Ernst und beschauliche Sammlung der Gefühlskräfte das Rauschharte der theatralischen Gebärde Wagners zu vermeiden suchte.  Brahms ist die eigenkräftigste, durch Festigkeit und herbe Geschlossenheit des Willens imposanteste Erscheinung dieser Art, Reger ihr unruhvollst bewegter problematischer Ausklang.  Es ergab sich aus der inneren Willensrichtung dieser Kunst, daß sie sich ausschließlich konzertmäßigen Formen zuwenden und diese unter bewußter Betonung ihres formalistischen Charakters einer gesteigerten Intimität des Gefühlslebens, damit zugleich einer Verengung ihres äußeren Wirkungskreises zuführen mußte.  Der Wesenscharakter dieser Kunst dräng zur Hausmusik.  Er enthüllt

sich am freiesten in der Kammermusik und der auf intern begrenzte Wirkungen berechneten Vokallyrik.  Wo er dem Monumentalen zustrebte, näherte er sich dem akademischen Formalismus, der schematisch konstruierten, nicht frei gewachsenen Form.  Das Positive lag in der inneren Bezugnahme auf die wertvollen Kräfte eines konservativ beschaulichen Gefühlslebens, das sich nicht zu erweitern, nur zu bewahren strebt.  Die Schwäche war bedingt durch bewußt rückschauende Tendenz, durch stille, aber hartnäckige Abwehr gegenüber allen Versuchen, neue Grundlagen, neue Ausgangspunkte seelischen Gemeinschaftslebens zu finden.

Solche neuen Grundlagen und neuen Ausgangspunkte des Seelischen treten dagegen mit überraschender Bestimmtheit zutage in der Musik Anton Bruckners. Ähnlich wie Brahms steht auch Bruckner in naher innerer Beziehung zum Volkstum.  Nur ruht diese Beziehung nicht auf bewußter Archaisierung, traumhafter Zurückführung der Gefühlsart auf eine innerlich als altertümlich empfundene Art der Ausdrucksgestaltung.  Sie ergibt sich aus natürlich freier, menschlich spontaner Unmittelbarkeit, ist reines Erlebnis ohne irgendwelche stilistische Bewußtheit.  Als individuelle Erscheinung ist Bruckner in seiner Weltfremdheit, seiner Mischung von Bauer und Mönch eine fast mittelalterliche Natur, als Künstler stellt er unter allen anderen Typen seiner Zeit die erste im wahrhaften Sinne modern gerichtete Persönlichkeit dar.  Er steht der Wagner-Nachfolge sowohl in ihrem krampfhaften Verlangen nach weltfeindlicher Hypnose wie in ihrer ästhetenhaften Symbolspielerei ebenso fern wie der versonnen rückblickenden Vergangenheitsträumerei der formalistisch akademischen Romantik.  Er ist ein gläubiger Mensch, dessen unkomplizierte Religiosität sich an dem weihevollen Glanz und der Autorität eines unkritisch empfangenen Katholizismus zur Erhabenheit aufrichtet.  Gläubigkeit ist für ihn kein Rausch, keine Sehnsucht, kein Spiel, sie ist eine unerschütterliche, jenseits aller Zweifel stehende Tatsache.  Sie gibt ihm

Naivität und Kraft der großen Form, gibt ihm die Fähigkeit der Gemeinschaftsbildung, die hier wieder aus der Wucht des wahrhaftigen Erlebnisses erwächst.  In Bruckners Musik tritt zum erstenmal seit dem Verblassen des Idealismus der wirkliche Mensch mit seinem Drang zur nicht künstlich vorgetäuschten lebendigen Wirklichkeit hervor.  Der Traum als Ziel der Kunst wird überwunden, ein starkes Gefühl ist wieder erwacht, das den Erscheinungen der Realität gewachsen und fähig ist, sie formend zu gestalten.  Die Quellen dieses Gefühles weisen wieder zurück auf die Kirche:  Orgelklang, Hochamtsfeier, liturgisches Zeremoniell sind die Grundlagen für Bruckners Phantasieleben.  Man könnte an eine gewaltig hervorbrechende Nachblüte spezifisch katholischer Kunst denken.  Aber hier tritt gleichzeitig ein so kerniges, bei aller Gebundenheit persönlich gerichtetes Menschentum zutage, daß die kirchliche Bezugnahme nur Fundament und innere Richtlinie bleibt für eine kühn und frei in die Welt des Erdhaften hinausgebaute Kunst.

Was Bruckner von der Basis einer strenggläubigen, durch inbrünstige seelische Erfassung und urwüchsige Einfalt bezwingenden volkstümlichen Kirchlichkeit aus begann, das vollendete Mahler.  Bruckner wie Mahler entstammten dem Traumlande der Romantik, in ihnen vollzog sich das Erwachen der Seele zu einer neuen Lebensgestaltung aus der Kraft eines neuen Lebenswillens, eines positiv gerichteten Aktivitätsdranges.  Empfing Bruckner noch die innere Anregung und Beschwingung seiner Phantasie aus der frommen Erfassung katholischer Glaubenssymbole, so drang Mahler aus der konfessionell umschriebenen Gedankenwelt vor in die Sphäre der reinen Naturanbetung.  Das Blühen und Werden, das Keimen und Vergehen alles Seienden, das Wunder der zeugenden und schaffenden Liebe, das Geheimnis des Lebens und Sterbens der Natur, alles, was gleichnishaft in den Symbolen der kirchlichen Lehre dargestellt war, erschien jetzt wieder in unmittelbarer Anschauung gespiegelt, nur in

das Symbol des Kunstwerkes übersetzt.  Eine Welt glaubenstiefer und doch unkirchlicher Religiosität tat sich auf, ähnlich wie einst bei den Künstlern der idealististischen Zeit und doch ganz anders erschaut.  Nicht mehr Erkenntnis ist das Ziel, nicht mehr Kritik weist den Weg.  Der individualistische Hang, der Trieb zur Befreiung der Persönlichkeit und ihrer Werte, der die individualistische Bewegung getragen und im subjektivistischen Traumbild geendet hatte, ist erloschen.  Jetzt wechselt er in das Streben nach Überwindung der individuellen Begrenztheit, nach Eingliederung des einzelnen in das Ganze.  Die Natur in der unbemessenen Vielheit ihrer Erscheinungen wird zum höchsten Sinnbild der Totalerfassung schöpferischer Kräfte.  Der Mensch, nicht mehr kritisches Geistwesen, sondern vegetabilisches Naturwesen, steht inmitten dieses Ganzen, nur ein Teilchen davon, pflanzenhaft erdgebunden und doch wieder Unsterbliches in sich tragend, höchste Inkarnation göttlicher Urkraft, soweit er sich kosmisch zu empfinden und zu erkennen vermag.  Die Gemeinschaft wird auch künstlerisch wieder zur Quelle einer neuen Formidee:  die Gemeinschaft nicht der Gläubigen, nicht der Erkennenden, nicht der vom romantischen Zaubertraum Berauschten, auch nicht der nationalistisch Gesinnten, ästhetenhaft Interessierten oder der Vergangenheitsträumer.  Es ist eine höhere Gemeinschaft, die alle:  Gläubige, Idealisten und Romantiker umfaßt, von allen ein Teil in sich trägt und es mit den übrigen zu neuer Gesamtheit einigt.  Es ist die Gemeinschaft der Menschen als Geschöpfe einer Gottheit der Liebe, aus deren ahnender Erfassung alles Problematische sich löst, alles Individuelle verschwindet, alles Schicksalhafte überwunden wird.  In dieser Verkündung der Liebe als der höchsten schaffenden Macht, in dieser Anschauung des Menschen nur als Teiles eines sozial bedingten Ganzen lag die neue religiöse Botschaft, lag die neue aktive Gestaltung tief drängenden Menschheitsverlangens, lag die befreiende Tat, die aus der Traumsphäre der Romantik hinausführte in die

Wirklichkeit lebendigen Lebens, sie bejahend und in der Kunst zu formbewußter Gestaltung zwingend.

Es war ein deutscher Musiker, der diese Tat vollbrachte und damit der deutschen Musik wieder ein hohes Ziel stellte, ihr einen neuen Gefühlsgehalt gab.  Neu freilich nur im Hinblick auf die innerer Begründung.  Dem Ergebnis nach deckte sich diese kosmische Religiosität mit der christlichen Gemeinschaftsidee wie mit der Menschheitsliebe der idealistischen Humanitätszeit.  Alle drei sind Auseinandersetzungen mit dem Gemeinschaftsproblem, verschiedenartig in der Begründung, übereinstimmend aber im Resultat der Bejahung des Lebens in der Gemeinschaft, der Überwindung des Individuellen, der tätigen Zusammenfassung aller Kräfte.  Mit dem erneuten Durchbruch zu diesem Ziel hatte die deutsche Musik wiederum ihre Berufung und Fähigkeit zur Weltmacht erwiesen, ihre Stellung als Künderin höchster Menschheitsideen bestätigt.

* *
*

Zum zweitenmal wurde die sinfonische Form Gefäß der gestaltenden Idee, jetzt nicht wie bei Beethoven vorwiegend auf die abstrakt instrumentale Sprache beschränkt, sondern stark durchsetzt, zum Teil beherrscht vom vokalen Ausdruck.  Die Sphäre des Geschehens war dem sinnlich faßbaren Erlebnis nähergerückt, die Vorstellungswelt dieser Kunst lag mehr im Bereich des irdisch Erkennbaren, Gleichnishaften.  Dagegen war sie ferngerückt dem Naturalismus und Illusionismus der Romantik, und darin lag der tiefe Wesensunterschied sowohl gegenüber der gleichzeitigen Programmusik als auch der Oper.  Die Oper war ihrem Ursprung nach dem unbefangensten, kindlich buntesten Sinnenspiel zugewandt.  Im Gegensatz zu den auf andächtig religiöse Vereinigung gerichteten musikeigenen Formen war sie der Verherrlichung der Freude gewidmet, das Fest des Dionysos und des Eros.  Künstliches Erzeugnis bewußten Luxustriebes, als Formerscheinung

abhängig von den Bedingtheiten verschiedenartigster, organisch unverbundener Wirkungsmittel, unterworfen dem gesellschaftlichen Einfluß der Verbraucher, war sie die unrealste, durch willkürliche Mischung der Gestaltungselemente zwitterhafteste musikalische Kunstgattung.  Sie hat in den verschiedenen Ländern verschiedenartige Ausprägung erfahren, hat in Italien eine Entwicklung nach der musikhaft sinnlichen, in Frankreich nach der schauspielhaft bühnenmäßigen, in Deutschland nach der gedanklich dramatischen Seite hin genommen.  Aber sie ist stets Erzeugnis und Spiegelung des Luxuswillens, der Laune, der phantastischen Willkür geblieben.  Das bedeutet keineswegs Verkennung oder Unterschätzung ihres Kunstwertes.  Man kann die Oper gewiß nicht streichen aus der Geistesgeschichte der letzten Jahrhunderte, sie ist die bezeichnendste Auswirkung des Spieltriebes.  Aber nur als solche kann sie erfaßt werden, im Gegensatz zum gesprochenen Drama, dessen äußere Form sie spielend nachahmt, wie sie jede andere der an ihr beteiligten Künste:  Gesang, Instrumentalmusik, szenische und figürliche Darstellung gewissermaßen in eine absolut unlogische Sphäre überträgt.  Je reiner sie diesen Charakter des phantastisch parodistischen Spieles wahrt, um so vollkommener wird sie als Kunstwerk wirken.  Der unvergängliche Zauber der Oper Mozarts ruht in der tiefen Übereinstimmung, aus der hier Sinnenfreude, Spieltrieb, jeglicher Realität abgewandte Phantastik zur tiefsten Erfassung menschlicher Lebenstriebe und Willenskräfte gelangen.  Die irrationale Form wird zur Spiegelung eines irrationalen Seins außerhalb aller Bedingtheiten der Wirklichkeit.  Nicht nur die stofflichen Erscheinungen der Oper Mozarts:  Handlung, Charaktere, äußere Aneinanderreihung der Begebenheiten sind dem illusionistisch gerichteten Verstande unfaßbar.  Die musikalische Formung vor allem:  das Ausströmen des Gefühles durch die monodramatische Gesangsarie, das gleichzeitige Ineinanderweben der Stimmen im Ensemble, die vielgliedrigen, lediglich

aus Kontrast- und Steigerungswirkung des musikalischen Ausdruckes entwickelten Finalebauten —­ dies alles zusammen ergab eine Kunst, der gegenüber jede rationalistische Forderung zum Spott werden mußte.  Hier war denkbar höchste Freiheit des gestaltenden Geistes, restlose Überwindung der stofflichen Materie, reine Anschauung des Spieles freier Phantasiekräfte, eine vollkommene idealistische Welt als verklärtes Symbol der realen.  So konnten hier die großen bewegenden Ideen der damaligen Menschheit:  die Probleme der Befreiung der Persönlichkeit dargestellt werden an menschlichen Elementartypen der Figaro-, Don-Juan-, Cosi fan tutte-Sphäre.  So konnte in der Zauberflöte im Rahmen eines Kinderspieles das Ziel aller humanitären Kultur:  die Menschheitsvereinigung durch Freundschaft, Liebe und Weisheit zu herrlichster Erfüllung in der Kunst gebracht werden.

Die nachfolgende Zeit hat niemals die einzigartige Musikernatur Mozarts verkannt.  Niemand hat für den Genius Mozart tieferes Gefühl und Verehrung gehabt als Wagner.  Aber die Form der Mozartschen Oper, diese freieste Gestaltung des Unwirklichen, Unwahrscheinlichen, erschien ihm unvollkommen, mußte ihm unvollkommen erscheinen —­ gerade der Eigenschaften wegen, die über die Würdigung von Mozarts bloßem Musikertum hinaus die kulturelle Größe seiner Künstlerschaft bestimmen.  Die Romantik glaubt sich über die Urbestimmung der Oper, über die artbestimmenden Grundlagen der Gattung hinwegsetzen zu können.  Sie versuchte der Oper das zu nehmen, worin ihr Wesen wurzelte:  den Charakter des Spieles.  Sie versuchte, dieser auf heiterster Sinnenspannung, auf lebhaftestem Reiz der Bilder, auf schmeichelnder Phantastik der Gefühlserregung beruhenden Kunstform das zu geben, was ihr niemals innerhalb ihres unmittelbaren Wirkungsbezirkes eigen gewesen war:  die religiöse Weihe des großen Dramas.  Das Wesen der Oper als dramatischer Erscheinung beruht auf bewußter Unwahrscheinlichkeit, auf parodistischer Einstellung gegenüber allen

Realitäten.  Selbst die Reformen Glucks, zu Unrecht als Vorarbeiten für Wagner angesehen, ließen den Grundcharakter der Oper als Gattung unberührt.  Sie bezogen sich lediglich auf die stärkere Hervorhebung der lyrisch musikalischen Wirkungen gegenüber gesanglich virtuosen Effekten.  Ob ernste oder heitere, ob tragische oder komische Oper, dies war gleichgültig für die Auffassung des Typs, aus dem die Oper Mozarts als ideale Zusammenfassung aller Kräfte hervorwuchs.  Dieses lyrisch phantastische Erosspiel war in allen Bedingtheiten seines Wesens Erzeugnis der Renaissance, weitergebildet von Menschen, deren sinnlich empfindsame und erfindungsreiche Natur hier ein neues Feld für ihren sensualistischen Spieltrieb fand.  Der Versuch, von dieser Spielgattung aus den Weg zu bahnen zum kultischen Drama der Antike, bedeutete nicht nur eine neue Mißdeutung der Antike, entstellender noch als der klassisch geglättete Antikenbegriff des Idealismus.  Er bedeutete die unwahrhaftige Theatralisierung kultischer Dinge, ihre Herabsetzung zu Requisiten opernhafter Wirkungen und, damit verbunden, die falsche Überhöhung einer in sich organisch geschlossenen Kunstgattung durch das steigernde Pathos des dramatischen Affektes.

Die romantische Form des musikalischen Dramas, wie es sich in der Theorie darstellt, ist im Hinblick auf das Wesen der Gattung, das vollendet in der Oper Mozarts erscheint, eine Abirrung der Oper auf Gebiete, die außerhalb des Charakters der Gattung liegen, und auf denen sie nie Wurzel fassen konnte.  Soweit Werke solcher Art in die Breite wirken wie bei Wagner, beruht die Wirkung in Wahrheit doch auf dem Spielcharakter der Oper.  Er ist auch im musikalischen Drama nur scheinbar überwunden und lebt da weiter, wo es die lebendige Wirkung zeugt.  Aber er lebt unter falschem Namen und falscher Einschätzung seines Wesens.  In dieser Vortäuschung unwahrer Werte liegt die Gefahr des Erbes der romantischen Oper für die Gegenwart.  Es gilt zunächst, die Unmöglichkeit der Oper als Form bewußt kultischer Dramatik

klar zu erkennen.  Es gilt gleichzeitig, die falsche Geringschätzung des Spieltriebes als eines gleichsam im höheren Sinne nicht vollwertigen Schaffensimpulses abzutun, zu erkennen, daß dieser Spieltrieb, sofern er vermeidet, sich aus falschem Ehrgeiz dramatisch zu maskieren, aus sich selbst heraus zur Erreichung wahrhaftigerer Ziele befähigt ist, als das höchstgeschraubte dramatische Pathos sie zugänglich macht.  Es gilt, formelhaft gesprochen, in der Oper Mozarts nicht nur die geniale Musiker-, sondern gerade die geniale Künstlernatur zu erkennen.  Nicht nur in der Oper Mozarts, sondern in der Oper überhaupt die Idealgattung des Phantasiespieles, das, frei von allen dogmatisch ethisierenden Nebenabsichten, aus lebendigstem Widerschein buntester Lebensfarben und Sinnesreize den ins Märchenhafte überspiegelten Abglanz des Realen, Bewußten, Gewollten gibt.

Es ist lehrreich, zu beobachten, wie sich andere Völker mit diesem Problem der Oper abgefunden haben.  Der romantischen Rauschsuggestion, der dramatisch zugespitzten Illusionsoper zunächst ebenso unterworfen wie die Deutschen, haben Italiener und Franzosen die Gefahr einer bewußten Überbetonung der dramatischen Zweckhaftigkeit der Oper zu vermeiden gewußt.  Bei beiden Nationen ist in der äußeren Anlage, namentlich des Textes, ein auffallend realistisch naturalistischer Zug bemerkbar.  Er beeinflußt auch die Art der musikalischen Gefühlseinstellung und normalen Faktur.  Bizets “Carmen” ist das Muster der psychologischen Oper, Verdis derbe Sinnlichkeit saugt sich fest an der Unmittelbarkeit elementar erfaßter Bühnenvorgänge und überträgt diese Emotionen mit naiver Drastik in seine Musik.  Bei beiden größten Opernkomponisten ihrer Nationen aber bleibt die dramatische Einkleidung stets Mittel zum Zwecke des Musizierens.  Das Drama gewinnt weder in der Theorie noch in der Praxis die Vorherrschaft.  Der Musiktrieb als der eigentliche und wahrhafte Spieltrieb dominiert, und selbst den Nachfolgern Verdis ist die veristische Fassung des Dramas nur ein

Mittel, ihre kurzatmige Musikbegabung schnell und durchgreifend zur Geltung zu bringen.  Bei Gounod, Massenet, Saint Saëns ist der normale Sinn von vornherein in viel zu hohem Maße konventionell beeinflußt, um die Wahl zwischen Oper und musikalischem Drama je ernsthaft zweifelhaft zu machen, und auch der ins bewußt Ästhetenhafte abschweifenden jungfranzösischen Schule ist trotz der literarischen Geschmacksverfeinerung die Oper stets die primär musikalische Kunstform.

Nur in Deutschland hat sich unter der gewaltigen Nachwirkung von Wagners Theorien eine seltsame moralästhetische Auffassung vom Wesen des musikalischen Dramas herangebildet.  Auf ihre tieferliegenden, innerorganischen Ursachen betrachtet, ist sie das Zeichen nachlassenden Produktionsvermögens.  Als Lehre aber hat sie schweren Schaden gestiftet durch Verkennung und Herabsetzung kunsteigener Grundwerte der Oper zugunsten eingebildeter religiös ethischer Qualitäten des musikalischen Dramas.  Das eigentlich Belastende und Schädigende dieser Geistes- und Urteilswendung lag nicht in der Tatsache, daß eine große Anzahl schwacher oder mittlerer Talente sich getrieben fühlte, Musikdramen zu schreiben.  Es lag auch nicht nur in der ästhetischen Begriffsverwirrung, die den Blick für wesentliche Vorzüge der Kunstgattung und damit für die Schöpfungen ganzer Epochen trübte, dafür künstlerischen Belanglosigkeiten hohe sittliche Wertung angedeihen ließ.  Dies wären zunächst Schädigungen gewesen, die nur die Kunst als solche betrafen.  Der verhängnisvollste, in die allgemeine Volkskultur übergreifende Nachteil war, daß hier die auf Täuschung, Spiel, Schein, im sittlichen Sinne auf bewußter Unwahrhaftigkeit beruhende Welt des Theaters als wahr, echt, lebendig, als Trägerin und Künderin der höchsten ethischen Norm ausgegeben wurde.  Das Gefühlsleben der Menschen orientierte sich innerlich an diesen Erscheinungen einer vorgespiegelten Lebenswahrheit.  Es mußte unecht, unwahrhaftig werden, weil

es sich zum Sklaven seines eigenen Phantasieerzeugnisses machte und von diesem Gesetze empfing, statt, wie es der ursprüngliche Spielcharakter der Gattung forderte, sie ihm zu erteilen.  Das theatralisch Komödiantische, das so vielfach in der deutschen Öffentlichkeit der letzten fünfzig Jahre sich bemerkbar macht, die Neigung zu falschem Pathos und schlechter Rhetorik sind nicht zum mindesten Nachwirkungen einer Lebensauffassung, die ihre Gesetze aus der Oper empfängt.

Wir stehen heut der Romantik fern genug, um die Größe ihrer künstlerischen Leistungen unbefangen würdigen zu können.  Was uns von ihr trennt und zur Kritik zwingt, ist nicht diese oder jene Einzelheit im fachlich entwicklungsmäßigen Sinne, ist auch nicht Widerspruch gegen individuelle Begabungen.  Es ist grundsätzlich die durchaus entgegengesetzte Auffassung vom ethischen Charakter des Kunstwerkes.  Die Romantik übertrug ihn in den Stoff, in die Form, in das künstlerische Sujet selbst.  Mit allen Mitteln genialer Beharrlichkeit und Tatkraft materialisierte sie ihn, unterwarf ihn dadurch allen Hemmungen und Täuschungen der Materie, erhob ihn selbst zum bewußten Träger der künstlerischen Idee.  In diesem Gegensatz von absichtsvoller Ethik des Stofflichen und zwanglos unbewußtem Ethos des idealistischen Spieles wurzelt der Kontrast Wagner-Mozart, wurzelt der Widerspruch der heutigen Generation gegen die tendenziöse Kunstauffassung und -lehre Wagners, wurzelt die Abwendung vom kultischen Musikdrama, die erneute Neigung zum Erosspiel der Oper.

Es gibt gegenwärtig drei deutsche Opernkomponisten, in deren Schaffen der Widerstreit der Meinungen klar zutage tritt:  Hans Pfitzner, Richard Strauß, Franz Schreker.  Pfitzner ist der bedingungslose Anhänger von Wagners Lehre, deren spekulative Züge er in seinen drei Musikdramen “Der arme Heinrich”, “Die Rose vom Liebesgarten” und “Palestrina” in fanatischer Einseitigkeit zu den äußersten Konsequenzen

geführt hat.  Die Vorherrschaft der stofflichen Ethik, die bei dem großen Bühnenpraktiker Wagner ungeachtet aller Theorien doch stets im Rahmen des bühnensinnlich Wirksamen bleibt, greift bei Pfitzner schließlich auch das organische Leben des Dramas an, das aus vorsätzlicher Askese immer theaterfremder wirkt.  Es ist bezeichnend, daß in “Palestrina” keine einzige Frauenfigur erscheint.  Das Mönchtum dieser Kunst geht bis zur Verbannung des Eros von der Bühne.  Unbemerkt bleibt der grausame Widerspruch, daß eine scheinbar alle profanen Bedingtheiten überwindende Kunst sich der Mittel einer Gattung bedient, deren Wesen der wechselvollsten Sinnlichkeit der Form unlösbar verhaftet ist.  Richard Strauß ist sich der Theaternatur der Oper wohl bewußt.  Sein Schaffen ist auf stilkünstlerischen Ausgleich von Drama und Oper gerichtet unter allmählich immer stärker betonter Annäherung an den älteren Formtyp.  Soweit ein Problem dieser Art die Lösung auf experimentellem Wege zuließ, ist sie ihm in mehreren Fällen, nie einheitlich, wohl aber für beträchtliche Teile innerhalb eines Werkes, geglückt.  Das lebhafte, temperamentbeschwingte Musiziertalent Straußens, seine hinreißende, aus starkem Augenblicksimpuls schöpfende Überredungsgabe, die unmittelbare Gegenständlichkeit seiner Tonsprache, dies alles, verbunden mit außergewöhnlicher, treffsicherer Formgewandtheit, macht seine großen Erfolge erklärlich und berechtigt.  In einer Zeit allgemeiner Geschmacksunsicherheit und Talentarmut war er der einzige, der sich mit unbekümmerter Frische und reflexionsloser Begabungskraft dem musikalischen Naturalismus zuwandte und als echtes Weltkind dem Geist der Zeit stets zu geben wußte, was dieser bedurfte.  Solche in allem Technischen und Artistischen meisterliche Anpassungsgabe konnte allerdings immer nur zu Augenblickslösungen, zu Gegenwartserfolgen gelangen.  Sie konnte in ihrer allerseits verbindlichen Art niemals zu einer im Wesenhaften eigenen und neuen Erfassung des Opernproblems gelangen.  Die stilistischen Verkleidungs-

und Verwandlungskünste auch des stärksten Formtalentes waren günstigstenfalls nur geeignet, zu erreichen, daß die romantische Auffassung der Oper als des kultischen Dramas keine Gefolgschaft mehr fand, keine innere Werbekraft mehr übte, ohne daß es gelungen wäre, ihr einen selbständigen neuen Operntyp entgegenzustellen.

Erst mit dem Auftreten Franz Schrekers hat sich hier eine Wandlung vollzogen.  Das Bemerkenswerte der Erscheinung Schrekers liegt nicht in Einzelzügen seiner Musikerbegabung, so sicher und stark sich diese aus konventionellen Anfängen zur Erringung individueller Eigenwerte durchzusetzen vermochte.  Es liegt auch keineswegs in auffallenden Besonderheiten stilistischer Art, an denen Bezugnahme auf die jungromanische Kunst namentlich in Melodik und Harmonik auffällt, gesteigert durch üppige koloristische Phantasie und großlinige architektonische Gestaltungsgabe.  Aber mit all diesen Eigenschaften wäre Schreker nur einer unter mehreren.  Seine Ausnahmestellung ergibt sich aus anderem.  Zum erstenmal seit Jahrzehnten ist hier eine Reihe von Werken geschaffen, die jenseits aller Tendenzmacherei und spekulativen Theorie, jenseits auch jeglicher Stilkünstelei und jeglichen Formexperimentes steht.  Erwachsen ist sie aus gänzlich vorbehaltloser, naiver Erfassung der Oper als eines Spielstückes für eine ungebunden schweifende Phantasie, der als Richtlinie lediglich ein kühner, naturhaft elementarer Theaterinstinkt dient.  Schreker sieht die Bühne nicht als Kanzel, auch nicht als Ort geistreicher Unterhaltung.  Er sieht sie mit der Unbefangenheit des Kindes, dem sich hier eine Welt zauberhaftester Unwahrscheinlichkeiten, unbegrenzter Möglichkeiten des Unmöglichen öffnet, die nur von Künstlers Gnaden ihr Sein empfangen und um so stärker reizen, je lebensferner sie sind.  Schreker sieht die Opernbühne wieder mit dem Auge des irrational empfindenden Phantasiemenschen.

Aus dieser Grundeinstellung ergibt sich der Unterschied

nicht nur gegenüber der doktrinären Ideenoper Pfitzners oder der intellektuell bedingten Geschmackskunst Straußens.  Auch andere zeitgenössische Kunst, wie die Eugen d’Alberts oder neuerdings die Opernmusik des jungen Erich Wolfgang Korngold steht im Gegensatz zur Theorie des Wagnerschen Dramas und zielt auf den Theatereffekt.  Aber hier ist dieser mit bewußter Methodik als Wirkungsfaktor herangezogen.  Es werden wieder periodisierte Melodien und geschlossene Formen geschrieben, weil das Prinzip des Leitmotives und des deklamatorischen Stiles verbraucht erscheint.  Schreker ist gegenüber diesen auf das Praktische im Sinne der Lebensklugheit und des Erfolges zielenden Begabungen eine naturwüchsige Kraft.  Seine Beziehung zur Bühne ruht nicht auf irgendwelchen Erwägungen der Zweckmäßigkeit, sie ist elementaren Ursprunges.  Seine vier Opern “Der ferne Klang”, “Das Spielwerk”, “Die Gezeichneten”, “Der Schatzgräber” sind Erfolge nicht nur im Sinne des Kassenberichtes einer Spielzeit, sondern der geistigen Bewegung.  Sie geben der Musik auf der Bühne wieder ihr ursprüngliches, durch keinerlei Dienstbarkeit gegenüber dramatischen Absichten behindertes Recht des freien Phantasiespieles.  Sie gewinnen ihr damit das im Laufe des 19.  Jahrhunderts verlorene Heimatgebiet zurück und führen so die Ausdrucksmittel der Oper wieder ihrer natürlichen Bestimmung zu.  Es ist denkbar und nicht unbegreiflich, daß manche Menschen einer vorwiegend auf kritisch intellektuelle Bildung erzogenen Generation solche Kunst als für ihre Begriffe von Kultur nicht ausreichend ablehnen.  Damit wäre sachlich nichts bewiesen, nur die Zuverlässigkeit dieses Kulturbegriffes in Frage gestellt.  Vom Standpunkt einer abstinenten Geschmacksbildung aus wird die Oper wegen der unorganischen Vielheit ihrer Mittel stets ein nicht ganz vollwertiges Kunstgebilde sein.  Einheitlichkeit gewinnen kann sie nur durch den Musiker, der diese Buntheit der Mittel als natürliche Quellen seiner Phantasie empfindet und fruchtbar macht, nicht aber das Ganze durch

Prinzipien und Theorien regelt oder stilisiert.  Solcherart ist Schrekers Musik.  Als dramatische Gebilde bedeuten seine Opern das Gegenteil dessen, was etwa dem gesprochenen Drama notwendig und wesenseigentümlich ist.  Der Musik aber öffnen sie den Bezirk, auf dem sie sich als Element der Bühnenwirkung entwickeln kann, ohne von ihrem ureigenen Wesen etwas aufzugeben, ohne sich selbst zugunsten eines anderen Zweckes opfern oder begrenzen zu müssen.

Dieses ureigene Wesen der Musik ist das Beziehungslose, das verstandesmäßig Unfaßbare, nicht zu Greifende.  Will man das Verhältnis der Gegenwart zur unmittelbaren Vergangenheit, zum 19.  Jahrhundert kurz kennzeichnen, so kann man es nennen den Kampf gegen den Rationalismus der Romantik.  Der Rationalismus war bedingt durch das Illusionsbedürfnis der Romantik und dieses wiederum durch ihre Resignation gegenüber dem Leben, aus der die Auffassung der Kunst als des Gegensatzes zum Leben, als des großen Täuschungsmittels, als des Lebenssurrogates erwuchs.  Solche Auffassung mußte notwendig in der Theorie zur Kunstideologie, in der Praxis zur Wirklichkeits-Imitation führen.  Das Unbeziehbare des klanglichen Erlebnisses wurde in allerlei Beziehungen gesetzt:  die Oper mußte predigen, philosophieren, moralisieren, zum mindesten psychologischen Anschauungsunterricht geben.  Die Sinfonie wurde der freien Poesie gewidmet, sie stellte dar, wobei es im Wollen und Ergebnis gleichgültig war, ob das Dargestellte ein direkt bezeichneter dichterischer Vorwurf war oder eine bewußt erfaßte formalistische Idee.  Wie es aber der Oper und der Sinfonie erging, so auch den intimeren Gestaltungsformen der Vokal- und Instrumentalmusik:  dem Lied, dem Chorgesang, der Solo- und Kammermusik verschiedenster Art.  Das Lied, durch Schubert aus zopfiger Beengtheit zur freiesten Spiegelung individuell erfaßten seelischen Gemütsgeschehens erhoben, wurde durch Schumann, Jensen, Franz zur Stimmungsschilderung abgeschwächt.  Bei Brahms erscheint es unter Neigung zu volkstümlich

vereinfachender Formung, bei Hugo Wolf und seinen neudeutschen Nachkommen wird es zur psychologischen Kleinstudie —­ ohne daß Komponisten und Hörern die damit verbundene Entseelung des Lyrischen zum Bewußtsein gekommen wäre.  Das Vernunftgemäße, auch in künstlerischer Fassung stets irgendwie dem rein logischen Begreifen Zugängliche war unausgesprochene Voraussetzung für die Anerkennung des Kunstwerkes.  Dieses selbst blieb nur Dokument des Talentes, etwas durch Musik auszudrücken, was dem Inhalt nach ein Andersbegabter ebenso oder ähnlich auf anderem Wege gesagt hätte.  So zerfloß hier, wie in der Sinfonie und der Oper, das Musikeigene.  Das Interesse wurde fachlich begrenzt, vorwiegend auf das Wie der Darstellung hingelenkt.  Die Kammermusik der Romantik einschließlich ihres gehaltvollsten Teiles:  der Brahmsschen Kammermusik bestätigt dies.  Formalistischer Bau, Faktur des musikalischen Satzes, klanglich koloristische Fassung, Art und Entwicklung der Gefühlsdarstellung sind gegeben durch die klassischen Vorbilder, das äußerlich Strukturelle vorwiegend durch Beethoven, das lyrisch Empfindungsmäßige mehr durch Schubert.  Dieses Erbe wird nun in kleine Individualitätsgebiete aufgeteilt.  Die gegebenen Grundmaße ästhetischer, musikalischer Art bedeuten gewissermaßen ein festes, geistiges Wirtschaftsgut, das nun aus dem Bereich des Urschöpferischen, wo jene großen Geister es gefunden, in die kleine, irdisch bewegte Welt als fertige Tatsache übernommen und verarbeitet wird.

Entwicklungsmäßig gesehen ist solcher Verlauf natürlich und richtig, sein Wert und seine Bedeutung liegt in der allmählichen Zugänglichmachung und Durchdringung der Ideen primär schaffender Künstler.  Wenn wir etwa die gesamte Kammermusik nach Beethoven bis zur folgenden Jahrhundertwende auffassen als Mittel, durch variierende Einzelausführung die gewaltige Masse der Hinterlassenschaft Beethovens zunächst stofflich zu zerlegen und zu konsumieren,

um dadurch den Zugang zu ihrer höheren Geistessphäre allmählich zu gewinnen, so wäre mit solcher Auffassung etwa die geschichtliche Mission der romantischen Kammermusik bezeichnet.  Damit ist aber zugleich gesagt, daß ihr selbst die urzeugende Kraft abgeht, ja eigentlich mit Bewußtsein außerhalb ihres künstlerischen Wollens gehalten wird, und daß sie, unter Vermeidung eigener Stellungnahme und Auseinandersetzung mit den Grundproblemen musikalisch schöpferischer Gestaltung, den gegebenen Darstellungsapparat materialisierte, ihn als Schema im technischen Sinne behandelte und ausbaute.  Auf diese Art konnte bei ausreichendem Einfühlungs- und Anpassungstalent noch manches an sich recht beachtliche Musikstück entstehen.  Die Gebiete, die Beethoven und Schubert in ihrem Ideenflug abgesteckt hatten, boten Raum genug für Sondersiedlungen.  Aber das eigentlich Wertschaffende:  die Kraft und der elementare Zwang, aus dem heraus die idealistisch klassische Kunst überhaupt erst die Regel ihrer Gestaltungsart gefunden hatte, mußte bei den Nachfolgenden notwendigerweise fehlen.  Die Gesetzlichkeit einer bestimmten Ausdruckstechnik, der der schöpferische Gedanke noch vor seiner Geburt untergeordnet war, die Einspannung des Gefühlsablaufes in feste Normen unterstellt auch auf diesem Gebiet Gefühl und Phantasie den Forderungen des Verstandes und des erklärungfordernden Bewußtseins.  Bezeichnend dafür ist Pfitzners Schaffenstheorie.  Nach ihr zerfällt die Entstehung des Musikstückes in die Empfängnis des thematischen Einfalles und in dessen handwerklich formale Verarbeitung.  Solche Theorie ist nur möglich bei Auffassung der Form als eines gegebenen Schemas, bei Verkennung des organischen Eigenlebens der Form aus dem Zwang selbständigen Gestaltungstriebes, bei freiwilliger Beschränkung der Schaffenstätigkeit auf individuelle Variierung als unveränderlich genommener Typen.  Das Primäre der musikalischen Konzeption wird auf den melodisch thematischen Brocken des Einfalles beschränkt,

der dann das Objekt rationalistischer “Durchführung” bildet —­ eine Auffassung des Schaffensvorganges, die nicht nur Erzeugnis spekulativer Phantasie ist, sondern wahrhaftige Charakteristik einer bis in die Gegenwart hinein üblichen und anerkannten Praxis.

Wie nun in der großen sinfonischen Form ein zeiteigenes religiöses Gemeinschaftsgefühl als neue Grundlage gewonnen wurde, wie in der Oper an Stelle bewußter ethisch dramatischer Tendenz der irrationale Spieltrieb wieder hervordrängte, so hat dieser Zug zum Außervernunftmäßigen, zum ursprünglich Musikhaften der Musik, zur reinen Gefühlskundgebung auch die Elemente der Tonsprache ergriffen, aus denen sich Vokal- und Kammermusik formen.  Er hat hier, auf dem geistigsten, intimsten Ausdrucksgebiet die radikalste Umwälzung hervorgerufen, zeigt am schärfsten oppositionelle Haltung gegenüber der unmittelbaren Vergangenheit, ist in den Ergebnissen einstweilen erheblich problematischer als in der Sinfonie und Oper.  Er läßt aber gleichzeitig die entscheidenden Grundfragen der künstlerischen Wesensrichtung in klarster Eindeutigkeit hervortreten und gibt damit eigentlich die letzte Auskunft über die Gegensätzlichkeit der Anschauungen, den Wechsel der Zielsetzung.  Sinfonie und Oper sind in stärkerem Maße stoffgebunden.  Wirken auch in ihnen die gleichen Probleme, so sind sie doch von der begrifflichen Seite her leichter zu fassen.  In der Kammermusik fallen alle Bindungen nach außen fort.  Es bleibt nur die Auseinandersetzung mit dem zu innerst Wesenhaften der Musik, wie es hier in Klang, Stil und Form zutage tritt.

In diesen eigentlichen Elementen der Musik aber ist mehr und anderes lebendig, als die Fachästhetik gemeinhin gelten läßt.  In ihnen wirkt und aus ihnen spricht die geistige Grundkraft der Zeit überhaupt, der sie angehören, und aus deren innerstem Gefühlstrieb sie ihre Gesetze empfangen.

* *
*

Wenn wir die in den beiden letztvergangenen Jahrhunderten zurückgelegten Wege der musikalischen Gestaltungsart überblicken, so zeigen sich zwei große, deutlich getrennte Entwicklungsgebiete:  das des polyphonen und das des homophonen Ausdruckes.  Die Gegensätze sind dem Prinzip nach nicht neu, sie waren schon im Mittelalter vorhanden, wenn auch im einzelnen anders geformt.  Allgemein gesprochen, ohne damit bestimmte historische Umgrenzungen festlegen zu wollen, kann man sagen, daß Zeiten mit vorwiegend religiös gerichtetem Geistesleben in der Musik der Polyphonie, solche mit verweltlichter Interessenrichtung der Homophonie zuneigen werden.  Die letzte große polyphone Kunst der Neuzeit war die Musik Bachs.  Die Polyphonie —­ Vielstimmigkeit —­ ist eine Kunst der linear bewegten Fläche.  Das artistische Problem liegt in der Vereinigung von organischer Selbständigkeit der Einzelstimme mit strenger Gebundenheit des Ganzen.  An dieser zusammenfassenden Kraft, an dieser Fähigkeit, die reichste Mannigfaltigkeit linearer Sonderbewegung in einen großen Totalkomplex zu vereinen, bewährt sich die polyphone Kunst des Meisters.  Was er schafft ist entstanden aus der Vorstellung der Gesamtheitswirkung, ist bestimmt, ohne Verlust seiner Eigenheit sich zu überindividueller Erscheinung zusammenzuschließen.  Der Unterschied der stimmlichen Einzelwesen ist lediglich Unterschied der Lage, des Klanges, der Bewegungsschnelligkeit, dem Charakter nach sind alle gleich, gehören alle der gleichen Gefühlsdimension an, sind sie Linien, die sich nach dem Gesetz des Bewegungsimpulses ineinanderschlingen, schneiden, zum Ornament formen, ohne je die reale Sinnlichkeit der Linie, die Festigkeit des individuellen Seins zu verlieren.  Als Sprachmittel ist die Orgel mit der reichgegliederten und doch im Charakter gleichartigen Fülle ihrer Klangschichtungen das typische instrumentale, der vielstimmige Chor mit seinen artverwandten Stimmindividuen das vokale Ausdruckselement der Polyphonie.

Die homophone Kunst, die schon zu Bachs Zeit und dann immer mächtiger empordrängt, hebt die Gebundenheit der Vielheit, hebt die Wirkung durch Zusammenwachsen der Organismen zur überindividuellen Erscheinung auf.  Alle Kraft, aller Wille, alles Leben konzentriert sich auf eine Einzelstimme, die Führung nimmt, das Typenhafte abstreift und subjektive Bestimmtheit erhält.  Die Flächenhaftigkeit der nebeneinandergelagerten Linien verschwindet, da nur noch eine dominiert.  Unter dieser aber bildet sich ein magischer Raum, eine neue Dimension der Tiefe, gewonnen durch Schichtung geheimnisvoll beziehungsreicher Tonstufen:  die Harmonie.  Die mit jedem Ton gleichzeitig erklingenden Obertöne werden als seine Ergänzung empfunden und festgehalten, diese vertikale Tonreihe gibt jetzt der gestaltenden Phantasie entscheidende Anregung.  Der Klang gliedert sich in Hauptton und Nebentöne, jener als Leitpunkt der Melodie, diese als begleitender harmonischer Untergrund.  An Stelle des geometrisch flächigen tritt das akustisch räumliche Tonsystem, an Stelle der Linienbewegung die durch Wechsel der Tiefenbewegung wirkende Harmonie.  Mit dieser Veränderung der Tonvorstellung zugleich vollzieht sich eine entsprechende Umgestaltung des Klangempfindens.  Der Unterschied von melodischem Hauptton und harmonischen Begleittönen bedingt auch ein anderes System der Klanggruppierung.  Der farbige Reiz des Klanges kommt zu selbständiger Geltung.  Gegenüber dem Streben nach Zusammenfassung möglichst gleichartiger Charaktere in der polyphonen Musik herrscht jetzt der Drang nach Gleichzeitigkeit heterogener Klangelemente, deren verschiedenartig abgestufte Lichtwirkungen die Vorstellung des räumlichen Übereinander steigern.  In gleichem Maße und aus gleichem Bedürfnis erhält die bis dahin vorwiegend auf einfache, primitive Kontraste gestellte Dynamik lebendig bewegte Durchbildung.  Das Orchester, diese Vielheit des Ungleichartigen, wird das wichtigste Instrument

der melodisch homophonen Kunst, soweit andere Sprachmittel herangezogen werden, geschieht es stets unter Mischung verschiedenartiger Klangcharaktere.  Im Streichquartett, der reinsten Klangeinheit der homophonen Kunst, ist zunächst die dominierende Stellung der Oberstimme, die begleitende, lediglich harmonisch füllende Funktion der übrigen selbstverständlich und wird erst in den späteren Quartetten Beethovens zu gesteigerter Subjektivierung und klanglicher Gegensätzlichkeit der Einzelstimmen umgewandelt.

Den Anfang dieser großen, mit den tiefsten Regungen der zeitlichen Geistesgeschichte unmittelbar verbundenen Umwälzung bildet das Generalbaß-Zeitalter, so genannt nach der Gewohnheit, nur die melodische Linie und die Baßstimme aufzuzeichnen, während die erforderlichen harmonischen Füllstimmen durch Ziffern angedeutet und bei der Aufführung improvisatorisch hinzugesetzt wurden.  Man kann diese Methode, deren naive Praxis deutlich die Unterscheidung zwischen Wichtigem und minder Wichtigem spiegelt, gewissermaßen als Beginn der musikalischen Aufklärung bezeichnen.  Zeitlich ist sie schon vor Bach vorhanden, wird auch von ihm selbst verwendet, erlangt aber vorherrschende Bedeutung erst mit dem endgültigen Durchbruch des homophonen Stiles, als Vorbereitung und Übergang zur Gewinnung der harmonischen Vorstellungsart.  Diese ist das eigentliche Ausdrucksgebiet der Zeit des klassischen Idealismus.  Hier hat die melodische Oberstimme unumschränkte Freiheit, reichste Bewegungskraft, vollendeten Persönlichkeitswert gewonnen.  Keine Gebundenheit mehr, keine vorbewußte Bezugnahme auf ein überindividuelles Ganzes ist vorhanden die typenhafte Einzelformung hat sich zu schärfster Subjektivierung gesteigert.  Es herrscht die Melodie, als unmittelbare Spiegelung des Persönlichkeitsbewußtseins, periodisch umgrenzt, physiognomisch von äußerster Bestimmtheit des Schnittes.  Diese Melodie ist empfangen aus dem Vorgefühl der Harmonie.  Die innere Bewegung der Harmonie, ihr gesetzmäßiger

Ablauf gibt die inneren Richtpunkte für die Melodie, ähnlich und doch ganz anders wie in der Polyphonie die konstruktive Idee der Gesamtform den Wuchs des thematischen Gedankens beeinflußte.  Dieser thematische Gedanke der polyphonen Musik war bei allem Eigenwert ein Partialgedanke, die Melodie dagegen, namentlich der frühklassischen Zeit bis zu Mozart, ist in sich geschlossen, fertig, ein lebendiges, organisch gegliedertes, selbständiges Wesen.  So offenkundig ihre Gestaltung aus der Einbeziehung des Harmoniegefühles mitbedingt ist, so zweifellos ist doch der bestimmende Zug des rein melodischen Impulses, die Unterordnung der Harmonie vorzugsweise zur Stützung und Bekräftigung der melodischen Erscheinung.

Melodie im Sinne der großen klassischen Kunst, wie sie am reinsten bei Mozart, vorbereitend bei Haydn, abschließend bei Beethoven und Schubert erklingt, ist das musikalische Symbol der freien Persönlichkeit, die künstlerische Formung höchsten Individualitätsbewußtseins.  Man kann die Gesetze. ihres Baues durchforschen, man kann sie stilistisch kopieren.  Aber keine noch so starke melodische Erfindungsgabe einer späteren Zeit kann ihre Wirkung annähernd erreichen, weil ihr Geheimnis nicht in spezifisch musikalischen Gesetzen liegt, sondern in der Gewalt des Ethos, dem sie entsprungen ist.  Dieses Ethos zwang die Harmonie zur Dienstbarkeit gegenüber der melodischen Individualität.  Sie blieb Trägerin der Kraft, sie durchdrang in der Hochblüte der klassischen Kunst den harmonischen Unterbau bis in die feinsten Verästelungen, so daß in den späteren Quartetten Beethovens die harmonische Fügung der Stimmen durch freieste melodische Auflockerung fast bis zur Polyphonie gesteigert wird, ja teilweise zu deren Formenbau zurückkehrt:  in Mozarts Jupiter-Sinfonie und “Zauberflöte"-Ouvertüre, in Beethovens Ouvertüre “Weihe des Hauses” im Finale der Neunten Sinfonie, vor allem in den drei großen B-Dur-Fugen:  der Sonate op. 106, des Credo der “Missa”, des Streichquartetts

op. 130.  Doch ist diese Übereinstimmung der melodisch homophonen mit der polyphonen Kunst nur äußerlich stilistischer Art.  Aus einer ins Grandiose gesteigerten melodischen Phantasiekraft heraus wird die Linienkunst der alten Polyphonie hier dem harmonischen Bewußtsein dienstbar gemacht, aus der Flächendimension in die Tiefendimension übertragen, auf solche Art diese mit konstruktiver Klarheit füllend:  Kundgebung höchstgesteigerter Persönlichkeitskraft, deren melodischer Wille Höhe und Tiefe der Klangwelt durchdringt und mit tätiger Schaffensenergie nach seinem Bilde gestaltet.

Linear sich entfaltende Polyphonie mit dem Ziel flächenhafter Ausbreitung und Zusammenfassung, melodische Homophonie, gestützt auf den imaginären Unterbau der harmonisch räumlichen Tiefe waren zwei in sich grundverschiedene Arten der Klanggestaltung, schöpferische Kundgebungen zweier in sich selbständiger, mit eigener Kraft des Schauens und Formens begabter Zeitalter.  Der Romantik fehlt diese Fähigheit eigenschöpferischen Bildens.  Wie hinsichtlich der Stoffbehandlung, wie hinsichtlich der geistigen Problemstellung, ist sie auch in bezug auf spezifisch klangmusikalische Formung eine Niederbruchserscheinung im Gefolge des Klassizismus.  Die beherrschende melodische Kunst, dieses Siegelzeichen der festen Persönlichkeit, geht ihr verloren.  Wohl bleibt ihr Musikempfinden melodisch orientiert, aber die Melodie verliert die feste, in sich ruhende Geschlossenheit der klassischen Melodik.  Der Schwerpunkt sinkt unter die melodische Oberfläche in die Harmonik, diese trägt jetzt den Bewegungsantrieb in sich.  Bei den Klassikern erscheint das ganze musikalische Gebilde in unmittelbarer plastischer Gegenständlichkeit, Melodik als formbestimmender Umriß, Harmonik als füllende Körperhaftigkeit.  Nun wird die Harmonik zur innerlich führenden Kraft, und die Melodie zeigt in ihrem Verlauf mehr und mehr nur den Wellenschlag der harmonischen Innenbewegung, Wagners Begriff der

“unendlichen Melodie”, die “mit einer einzigen harmonischen Wendung den Ausdruck auf das Ergreifendste umstimmen kann,” ist die natürliche und richtige Kennzeichnung einer Musikempfindung, deren Zentrum in der Vorstellung und Betonung der harmonischen Wirkung liegt, deren Melodik daher mehr und mehr zur Verknüpfung der Harmonien wird.  Nicht nur bei Wagner und Liszt, auch bei Schumann, Spohr, Marschner, Weber, selbst bei dem klassizistisch eklektischen Mendelssohn ist diese Gestaltung der Melodie aus dem Willen der Harmonie erkennbar.  Sie steigert sich bei Brahms, den Wagner- und Liszt-Epigonen bis zur völligen Abhängigkeit des mehr und mehr zur Andeutung verflüchtigten melodischen Gedankens voll der dominierenden harmonischen Konzeption.  Es bedarf kaum des Hinweises, daß, gerade wie sich bei Bach in Einzelfällen bereits häufig Beispiele melodischer Homophonie finden, so auch bei den Klassikern, namentlich bei Beethoven und dem innerlich bereits stark romantisierten Schubert, die Harmonie gelegentlich führend und ausdrucksbestimmend hervortritt.  Aber abgesehen davon, daß solche Fälle im Hinblick auf das Gesamtwerk Ausnahmen bedeuten, zeigt sich auch bei genauer Betrachtung, daß selbst hier der bestimmende Grundimpuls melodischer Natur ist.  Die Klangvorstellung, aus der die Musiker des klassischen Idealismus schöpfen, läßt sich bezeichnen als harmonisierte Melodik, die der Romantiker als melodisierte Harmonik.

In solcher Gegenüberstellung liegt zunächst keine Wertung.  Sie ergibt sich erst, wenn man Sinn und Folge dieser Wendung betrachtet.  Der Sinn war der gleiche wie in der romantischen Bewegung überhaupt:  Abkehr von der Realität, von der Gegenständlichkeit des Fühlens, wie sie sich in der Formung der selbsteigenen, geschlossenen Melodie aussprach, Flucht in die Unwirklichkeit, in die magische Phantastik des harmonischen Raumes, dessen Unbestimmtheit durch die zu ständigem Wechsel, plötzlicher Umstellung und Überraschung führende Chromatik noch gesteigert

wurde.  Die Harmonie, die sich nicht, wie in der polyphonen Kunst, als sekundäre Folge ergibt, auch nicht, wie in der klassischen Homophonie, dienender Unterbau der melodischen Gestalt, sondern Herrin und Führerin ist, bedeutet als ästhetisches Phänomen die Verlegung des Gefühlszentrums in eine spekulative Sphäre.  Belebt wurde sie durch eine allmählich bis ins kleinste sich erstreckende motivische Gliederung, aus deren sinnvollem Ineinandergreifen sich ein künstlich organisches Gegenbild der Wirklichkeit ergab.  Wagner macht sich Schopenhauers romantische Musikästhetik zu eigen:  die Musik ist Spiegelung aller Objektivierungen des Willens, von der niedersten bis zur höchsten Stufe.  Alles ist innerlich aufeinander bezogen durch die Harmonie, und oben schwebt als letzte Bindung der einigende melodische Faden.  Schopenhauer exemplifiziert zwar nicht auf Wagner, auch nicht auf die Klassiker, sondern auf Rossini.  Seine Betonung der primären Bedeutung der Melodie zeigt seine Herkunft vom Idealismus, in seiner Auffassung vom Wesen der Harmonie aber ist er durchaus der an die Vorstellung des imaginären musikalischen Raumes und seines innerorganischen Lebens gebundene Romantiker.

Dies ist der Sinn der romantischen Wendung zur melodisierten Harmonik:  die Gewinnung der musikalischen Raumvorstellung zum Aufbau einer illusionistisch bewegten Klangwelt als Widerspiel und Korrektiv der Realität.  Die Folge war eine ständig zunehmende Überschätzung des Wesens und der Bedeutung der Harmonie, die für den Romantiker schließlich der Inbegriff des Wesens der Musik überhaupt wurde.  In seiner Schrift “Die neue Ästhetik der musikalischen Impotenz” gibt Hans Pfitzner eine entwicklungsphilosophische musikgeschichtliche Skizze, in der er eine scharfe Grenzlinie zieht zwischen der Zeit, wo Musik nur Wissenschaft gewesen, und der Zeit, wo sie Kunst geworden sei.  Als Kennzeichen des Übergangs von der Wissenschaft zur Kunst wird genannt der Augenblick, in dem “der Geist der Musik

endlich das so lange vorenthaltene Kleinod” herausgab, “den Teil seines Wesens, in dessen Besitz die Musik zum erstenmal in der Welt als selbstherrliche Kunst auftreten konnte:  die Welt der Harmonie”.  Es ist hinzuzusetzen, daß Pfitzner den Beginn der harmonischen Musikauffassung wesentlich früher ansetzt, als es hier geschieht, nämlich schon im späten Mittelalter, daß er also Unterschiede zwischen polyphoner, melodisch homophoner und harmonischer Musikempfindung nicht annimmt.  Indessen handelt es sich nicht darum, über Notwendigkeit und Berechtigung dieser Abgrenzungen zu sprechen.  Bezeichnend ist lediglich die Tatsache, daß der Epigone der Romantik in der Harmonie schlechthin das Wesenhafte der Musik erblickt, daß es ihm “äußerst schwer, wenn nicht unmöglich ist, sich eine wahrhafte homophone Tongestalt vorzustellen”, daß bei ihm eben jegliches Musikempfinden an die bewußt oder unbewußt mitschwingende Harmonie gebunden ist.  Das ist als subjektives Bekenntnis zweifellos wahr und richtig und erklärt alle weiteren Folgerungen, die Pfitzner aus seiner ästhetischen Grundanschauung zieht.  Falsch daran ist nichts als die These selbst von der Harmonie als dem Urwesen der Musik, falsch in bezug auf die Bezeichnung der frühmittelalterlichen Musik als bloßer Wissenschaft und das Nichtvorstellbare einer homophonen Tongestalt:  gäbe es kein anderes Denkmal der musikalischen Frühzeit als den Gregorianischen Choral, so wäre der unwiderlegliche Gegenbeweis erbracht.  Aber auch in der Neuzeit ist die harmonische Musikvorstellung als richtunggebende Empfindungsart erst zuletzt mit allen Symptomen einer Nachblüte zur Geltung gekommen.  Wer in ihr das Wesenhafte der Musik überhaupt erkennt, der freilich muß unvermeidlich, selbst wenn es heute keine andersgerichtete Musik gäbe, wenn also eine Opposition gar nicht in Frage käme, zur ästhetischen Erkenntnis eines Unterganges kommen.  Denn wirklich:  diese Welt der Harmonie, dieses kunstvolle, praktisch und theoretisch zur vollkommensten Organik

entwickelte Phantom einer musikalischen Raumvorstellung, dieses Illusionsgebilde, dessen imaginäre Realität Verstand und Spekulation zu denkbar höchster rationaler Gesetzmäßigkeit ausgebaut haben —­ es geht wahrhaft unter, geradeso, wie die Romantik untergeht, deren merkwürdigste und eigentümlichste Schöpfung es ist.

Die Welt der Harmonie geht unter —­ aber die Welt der Musik bleibt bestehen.  Beide sind nicht identisch, und die Zeit der harmonischen Musikempfindung ist im Ablauf des geistigen Werdens nur eine Episode der Musikgeschichte, nicht einmal eine selbständige, sondern eine Ableitung, eine Wucherung der melodisch homophonen Musik.  Was sie der Romantik innerlich zugehörend und konform erwies, war der starke spekulative Anreiz, den ihr Ausbau dem Verstande bot, war der Grundzug rationeller Vernünftigkeit, der ihr nicht nur äußerlich, sondern rein gefühlsmäßig aufgeprägt war und ebendarum schematisch formalistische Bildungen außerordentlich begünstigte, ja ihnen noch den Charakter besonderer Ehrwürdigkeit und Tugend gab.  An und in diesen Bildungen ist nun die Welt der Harmonie erstarrt.  Sie vermag sich nicht mehr aus ihnen zu lösen, weil sie in Wahrheit gar keine Welt ist oder war, sondern nur eine Insel in der Welt, deren Umkreis nun erkannt ist und deren Geheimnisse durchforscht sind.  Auf dieser Insel stehen wir heut und spähen in die Weite, um den Weg zu neuen Küsten und Ländern zu erforschen.  Der Kompaß, der dahin führen soll, ist das Bewußtsein der irrationalen Natur der Musik.  Aus diesem Bewußtsein erwächst die Abwendung von der Harmonie als Grundlage der Klangempfindung.  Diese Harmonie hatte in ihrer Entwicklung die Verbindung mit dem gefühlsmäßigen Quell musikalischen Lebens verloren, sie hatte sich zu einer Massenhäufung von “Systemen” verhärtet —­ keine Art der Klanganschauung hat eine solche, fast unübersehbare Menge von Systemen hervorgebracht, hat die Denkart der Menschen derart auf dogmatische Gebiete abgeleitet.  Es gilt nun, diese

lebendige Dogmatik der Harmonielehren als Lehren nicht etwa nur des technischen Satzes, sondern vor allem als Zwangsschienen des Empfindungsvermögens abzustreifen.  Es gilt, darüber hinaus den Weg zu einer neuen, dem Verlangen nach außervernunftmäßiger Klanganschauung und -gestaltung entsprechenden Kunst zu finden.

Hier stehen wir gegenwärtig, und in der gekennzeichneten Aufgabe, der Gewinnung einer im Wesen neuen Art der Musikanschauung überhaupt liegt alles beschlossen, was die Musik an Teilproblemen anderer Art bietet.  Gemeinschaftsgefühl, religiöses Bewußtsein, Symbolik des Spieles, alles dies sind ins Begriffliche gewendete Ausstrahlungen des zutiefst musikeigenen Problems unserer Gefühlsauffassung der Musik.  Die Fragen des Stiles, der Form, der klanglichen Fassung sind gleichfalls an sich nicht primärer, entscheidender Art.  Auch ihre Lösung ist bedingt durch die Art, wie wir Musik als Phänomen an sich empfinden, aus welcher Einstellung des Gefühles wir sie erfassen.

Wir sind Suchende.  In dieser Tatsache des Suchens mag mancher im [sic] Zeichen zeitlicher Schwäche sehen.  “Alles Neue und Originelle gebieret sich von selbst, ohne daß man danach suchet”, hat Beethoven gesagt.  Es war zweifellos richtig —­ für Beethoven, und wir dürfen, ohne uns zu schämen, zugestehen, daß unter uns gegenwärtig kein Beethoven lebt.  Aber wir dürfen auch hinzusetzen, daß Kolumbus Amerika nicht entdeckt hätte, ohne es zu suchen.  Wir dürfen sogar weiter sagen, daß er eigentlich etwas Ganz anderes suchte als Amerika, daß er von diesem Erdteil gar nichts wußte, ja daß er ihn in Wirklichkeit auch nicht entdeckt hat, sondern einer Täuschung verfiel —­ und daß er doch die kühnste Entdeckernatur war, vor deren Namen und Tat die Geschichte innehält.  Was ihn trieb, war der Zwang zur neuen Welt.  In der Kraft, mit der er dieses Muß des Zwanges zur Tat wandelte, lag das Entscheidende seiner Größe, nicht im unmittelbaren realen Ergebnis.  Wir sind in der Lage der Kolumbuszeit.

Die Säfte der alten Welt sind vertrocknet, sie stirbt, ihre gläubigen Einwohner sagen es selbst, und wir müssen einsehen, daß sie recht haben.  Aber wir hängen nicht so an ihr, wir fühlen uns ihr nicht so verbunden, daß wir mit ihr sterben wollen.  Im Gegenteil, wir sind der Meinung, daß sie wohl tut, zu sterben, weil ihre Zeit um ist und wir den Glauben haben an die neue Welt, obwohl wir sie noch nicht sehen.  In der Tatsache dieses Glaubens an das Unbekannte liegt etwas, das mehr ist als lediglich negative Opposition gegen das Bestehende, etwas, das der bisherigen Zeit fremd war, uns ihr überlegen macht und uns die Überzeugung gibt, daß die Fahrt sein muß, weil eben der Glaube es befiehlt.  Ob wir nun Indien auf dem andern Wege um die Welt erreichen, oder vielleicht ein ganz neues Land, das können wir nicht sagen.  Wir wissen nur, daß wir fahren müssen, nicht aus Abenteurerlust, sondern unter dem Gebot der inneren Verheißung.  In der Erfüllung dieses Gebotes liegt unsere Sendung.

So verlassen wir die alte romantische Welt der Harmonie.  Der Blick wendet sich zurück auf das, was vor ihr war.  Die schöne Idealwelt des Klassizismus erkennen und verehren wir in all ihrer Hoheit, die Sinfonien Haydns, die Opern Mozarts, die Quartette Beethovens sind Bestandteile unsres Menschentums, die wir nicht hergeben könnten, ohne uns selbst zu vernichten.  Aber diese Welt ist fertig.  Sie hat die freie Persönlichkeit, die große Melodie der Menschen gebracht.  Was darüber hinaus lebendig und triebkräftig an ihr war, hat auf eben den Weg geführt, den wir jetzt verlassen.  Der Mensch als Einzelwesen hat als Objekt der Kunst alles gegeben, wag er zu geben vermochte, von der reinen Zusammenfassung stärkster Schwungkräfte des Geistes bis zur leidvollen Selbstzersetzung.  Psychische und akustische Vorgänge entsprechen einander:  die Harmonie, diese merkwürdige Auseinanderlegung des Haupttones in die gleichzeitig klingenden Nebentöne ist als Klangphänomen eine Zersetzungserscheinung, die die plastische Kraft der Melodik

von innen her zerstört.  Dieser Zerstörungskeim lag in der klassischen Kunst der melodischen Homophonie eingeschlossen, ähnlich wie die immer höher gesteigerte Individualbelebung schließlich zur Auflösung der Polyphonie geführt hatte.  Nun haben wir den Kreis des Einzelwesens umschritten und ausgeforscht, das Individuum als solches ist wieder einmal im Lauf der Menschheitsgeschichte erkannt.  Es hat von sich allein aus nicht mehr viel oder gar nichts mehr zu geben auf lange Zeit hinaus, wir haben kein Interesse mehr an ihm, seinen Gesetzen, seinen Intimitäten.  Die Gattung, der Typus, die Gesamtheit rückt wieder vor, das menschlich Gemeinsame tritt an die Stelle des persönlich Besonderen, die Wage des Gefühles senkt sich wieder nach der anderen Seite:  vom melodisch harmonischen Individualismus zum polyphonen Kollektivismus.  Freilich zielt diese Umschaltung nicht auf Wiederaufnahme der alten polyphonen Kunst.  In diesem Fall wäre sie nichts anderes als ebenfalls romantische Stilkünstelei, die nur statt auf Mozart auf Bach Bezug nimmt.  Es handelt sich vielmehr um einen neuen, elementar bedingten Durchbruch der polyphonen Musikauffassung, die als solche der vorklassischen Zeit nähersteht als der klassischen, im übrigen ihrer stilgesetzlichen Besonderheit nach von der Polyphonie Bachs mindestens ebenso weit entfernt ist wie diese etwa von der polyphonen Kunst des Mittelalters.  Die zwischen zwei derartigen geistesartlich verwandten Epochen liegenden Erlebnisse und Ausblicke sind Erfahrungen, die nicht vergessen werden können.  So sicher der subjektivistische Auflösungsprozeß der harmonischen Empfindungsart nicht mehr im Mittelpunkt des musikalischen Fühlens steht, so bedeutsam wirken doch seine Ergebnisse auf die sich neu heranbildende Art der Musikauffassung nach.

Das hier angeschlagene Problem ist keines einer einzelnen Nation, sondern der Menschheit.  Die große Krise, in der wir stehen, die Erkenntnis der Notwendigkeit einer Änderung unserer Gefühlseinstellung gegenüber allen Erscheinungen

des Seins, der Überwindung des Individuums, der Erfassung von Leben und Welt aus einem Mittelpunkt außerhalb unsrer selbst ist eine Aufgabe, die schon ihrer Natur nach nicht auf nur ein Volk beschränkt bleiben kann.  Wir sehen auch überall gerade in der Musik der Völker alter und neuer Kultur Ansätze zu einer Entwicklung im angedeuteten Sinn.  Wir sehen sie aber in der deutschen Musik besonders auffallend.  Sicherlich nicht nur, weil wir ihr am nächsten stehen.  Kein Volk hat das Erlebnis der Romantik mit so starker, gläubiger Intensität in sich aufgenommen, keines ist so bis auf die tiefsten Wurzeln seines Wesens davon ergriffen worden.  Keines hat dieser Entwicklung zum Individualismus und Subjektivismus so mannigfaltige, reiche Früchte abgewonnen und —­ bei keinem hat der geistige Zersetzungsprozeß, die Krankheitserscheinung der Romantik so verheerende Folgen gehabt.  E ist begreiflich, daß daher auch gerade aus der deutschen Musik der erste und stärkste Vorstoß gegen die romantische Kunst erfolgte, der ihn in gedanklichem Phantasiespiel vorbereitete, ist der Deutsch-Italiener Busoni, der ihn führte, ist Arnold Schönberg.  Gleich Mahler und Schreker ist auch Schönberg ein Abkömmling der Romantik, der in seinen Anfangswerken mit vollem Bewußtsein die vielleicht reichste, phantasievollste Harmoniewelt der Epigonenzeit aufbaute.  Aber eben diese Leichtigkeit der Weiterbildung überkommener Gesetzmäßigkeiten hat in ihm früh den kritischen Trieb geweckt, hat die Erkenntnis geschärft für das konventionell Gebundene dieser Kunst.  Was Mahler durch seine vorwiegend ethisch religiöse, Schreker durch die elementare Triebhaftigkeit seiner sinnlichen Phantasie fand, das erreichte Schönberg durch die unerbittliche Schärfe und fanatische Härte seiner kritischen Fragestellung.  Der kühnste, rücksichtsloseste Intellekt der Nachromantik erkannte die intellektuelle Bedingtheit dieser Kunstart.  Auf dem Gebiet vernunftmäßig geregelten Musizierens floh er in das Bereich der beziehungslosen, rein phantastisch bewegten

Musik, die aus der Übersteigerung des Subjektivismus diesen überwindet, aus der spekulativen Zerfaserung der Harmonie diese aufhebt, aus der atomisierenden Auflösung des Einzelnen, Besonderen wieder zur Erfassung des Allgemeingültigen, Typischen, Menschlichen gelangt.  Es ist das, was nach Abstreifung des Individuellen übrigbleibt, im Gegensatz zu der älteren Typenauffassung, vor der das Persönliche als eigenberechtigt noch gar nicht bestand.  Dementsprechend ist Schönbergs Musik im Vergleich zu der visuell flächenhaft empfundenen, wuchtig klaren Ornamentik der Bachschen Polyphonie auf Erfassung des seelisch Essentiellen gerichtet, mehr Gefühlsvibration als -darstellung.  Das Polyphone an ihr ist mehr Mittel als Zweck.  Es ergibt sich nicht aus dem Willen des Zusammenschlusses, sondern des irregulären Nebeneinander, das die Harmonie nicht mehr kennt und die Stimmen aus der räumlichen Tiefe wieder in die lineare Parallele zu bringen sucht.  Das Ziel aber, die Idee der Einigung, ist nicht eigentlich kollektivistischer Art, es ist nicht Vielstimmigkeit im Sinne der alten, organisch gebauten Polyphonie.  Es ist vielmehr eine Einstimmigkeit im absoluten Sinne, entharmonisierte Melodik freiester Art, Projizierung aller Bewegungskräfte des Gefühls in eine einzige Linie, die polyphone Mannigfaltigkeit des Stimmklangs, individualisierende melodische Geschlossenheit und harmonisches Raumgefühl in einem vereinigt.

Die verwirrende, scheinbar mißtönende Polyphonie des Schönbergischen Satzes ist in Wahrheit nichts anderes als das Suchen nach dieser Einstimmigkeit höchster Art, als der Versuch, den Klang immer mehr auf das Urwesenhafte zu beschränken, ihn aller einengenden Subjektivismen zu entkleiden, ihn lediglich zum Symbol des auch formal im Verstandessinne Unfaßbaren, des psychologisch nicht Deutbaren, des Irrationalen zu machen.  Damit gelangt die Musik durch das Mittel der Polyphonie wieder zu einer Homophonie zurück, von der der romantische Musikästhetiker meint, daß

man sie sich in Wahrheit überhaupt nicht vorstellen könnte.  Und doch liegt in der Aufgabe, diese Vorstellungsgabe zu gewinnen, der Kern der musikalischen Probleme unserer Zeit.  Je mehr wir erkennen, daß die Kurve der musikalischen Bewegung tatsächlich dauernd in absteigender Linie läuft, daß alles, was uns das 19.  Jahrhundert gebracht hat, Produkt ständig zunehmender Materialisierung, Steigerung der Mittel unter Vergessen oder theatralischer Vortäuschung der seelischen Grundkräfte bedeutet, um so stärker wird der Drang nach Abstreifung all dieser artifiziellen Auswüchse, nach Vereinfachung, nach Rückgewinnung der ursprünglichen Naturkraft des musikalischen Klanges.  Solche Vereinfachung ist nicht zu finden durch Reduzierung der üblichen Mittel, nicht durch eigensinniges Festhalten an einem gegebenen historischen Schema, auch nicht durch stilistische Verkleidungskünste.  Sie setzt voraus völlige Umstellung der seelischen Grundkräfte, aus denen die Musik erwächst, Wille und Fähigkeit, Musik überhaupt außerhalb aller Konvention als Formung elementarer Gefühlskraft, als Naturlaut zu erkennen.  Um zu solcher reinen Homophonie zu gelangen, müssen wir fähig werden, die absolute Linie nicht als Teilornament eines polyphonen Gewebes, nicht als Führerin oder abgrenzende Umkleidung der harmonischen Bewegung, sondern als selbständige Ausdrucksgestaltung höchst potenzierter Kraft zu empfinden.  Dies ist wohl die Richtung, in die Schönbergs Schaffen deutet.  Wenn wir überhaupt an die Möglichkeit des Weiterlebens der Musik oberhalb der blöden Gewohnheit und des gedankenlosen Betriebes glauben, so können wir es nur in der Richtung der prophetischen Kunst Schönbergs für denkbar halten.

* *
*

Man pflegt in Deutschland den Deutschen im allgemeinen als musikalisch hervorragend begabt und das deutsche Volk als auf musikalischem Gebiet vor allen anderen ausgezeichnet

anzusehen.  Wie weit solche Ansicht der Wirklichkeit entspricht, wäre genau wohl nur durch vergleichende Statistik festzustellen.  Zunächst ist die Tatsache unzweifelhaft, daß Franzosen und Italiener eine sehr hochstehende geschichtliche Musikkultur, die Russen eine außerordentlich eigentümliche Kirchen- und Volksmusik aufzuweisen haben, und daß der Durchschnittstyp des Italieners, Tschechen, Russen an natürlicher Musikalität dem Deutschen mindestens gleichkommt.  Dem Talent und der produktiven Veranlagung nach dürfte es vielleicht schwerfallen, den Vorrang der Deutschen zu beweisen.  In einer Beziehung aber scheinen sie sich gegenüber anderen, ähnlich begabten Völkern hervorzutun:  in der Art nämlich, wie ihre Musik zum unmittelbaren Abbild ihrer Geistesgeschichte wird, wie sie alle Wandlungen der Volksseele in sich aufnimmt, sie widerspiegelt, ja aus ihnen eigentlich die Impulse ihres Seins empfängt.  Die Musik anderer Völker ist wohl ebenfalls Wandlungen unterworfen, aber dies sind Wandlungen des Geschmackes, und so mannigfache Verschiedenheiten es etwa innerhalb der italienischen oder französischen Oper der beiden letzten Jahrhunderte gibt, so sind dies im Grunde genommen nur Unterschiede des Zeitstiles, der Einkleidung.  Gleich bleibt sich stets die durch nationales Temperament bedingte Auffassung der Musik als unmittelbarer Sprache der Sinne, des Blutes, des Formwillens.  Für den Deutschen dagegen ist die Musik angewandte Metaphysik.  Dies gilt nicht nur für den betrachtenden Beobachter, es gilt für den Schaffenden wie für den Aufnehmenden, es gilt für jeden Deutschen.  Diese metaphysische Einstellung zur Musik ist eine der grundlegenden, logisch nicht zu erklärenden Eigenschaften des Volkscharakters oder der Volksseele.  Sie wird ebenso offenbar am einfachsten Lied wie an der kompliziertesten Kunstmusik, und sie ist es, nicht irgendwelche konventionelle Eigenheit der Faktur, die der deutschen Musik ihr eigentümliches Gepräge, ihre Sonderstellung innerhalb der Kunst aller Völker gibt.  An sinnlicher Wärme

des Blutes wird uns stets der Italiener, an Klarheit und logischer Beherrschtheit der Gestaltung stets der Franzose überlegen sein.  Das Übersinnlich-Unaußsprechbare, der Wille zum Transzendenten, die Verwebung feinster Probleme des Geisteslebens mit den Gesetzen der Klangformung, die Empfindung des Klanges überhaupt als metaphysischen Symboles ist die bezeichnende Eigenheit der deutschen Musik.

Schon daraus ergibt sich ihr Angewiesensein auf Zuflüsse von außen.  Es ist nie zu befürchten, daß solche Zuflüsse sie schädigen, ihrer Originalität berauben könnten.  Abgesehen davon, daß es eine schwache Originalität wäre, die sich nur durch gewaltsame Absperrung zu halten vermag, wird die deutsche Musik niemals ernstlich fähig sein, fremdländische Muster wirklich zu kopieren.  Sie kann gar nicht anders, als die ihr zugetragenen Gefühls- und Formanregungen aus der ihr eigentümlichen metaphysischen Grundeinstellung erfassen, sie also in eine völlig andersgeartete Vorstellungs- und Empfindungssphäre übertragen.  Andererseits macht gerade diese Art der Grundeinstellung steten Zufluß blut- und formgebender Kräfte von außen her erforderlich.  Wir sind auch als musikalische Kulturträger kein Volk der Selbsterzeuger, wir sind ein Volk der Verarbeiter.  Wo je im Lauf der gesamten Geschichte die deutsche Musik einen Höhepunkt erreicht hat, da hatte sie auf fremdvölkischem Material aufgebaut.  Wegen dieses außernationalen Ursprunges und wegen der metaphysischen Steigerungskraft der deutschen Musik sind solche Höhepunkte zugleich Höhepunkte der musikalischen Kunst überhaupt geworden.  Wo aber die deutsche Musik durch den Gang der Ereignisse nach außen abgeschlossen wurde, da ist sie blaß und schwach geworden, ihre Metaphysik hat der Unterlage einer lebendigen Physis entbehrt.

So ist die deutsche Musik unmittelbar dem deutschen Geistesleben im tiefsten Sinne verknüpft und spiegelt dessen Wandlungen ihrer metaphysischen Natur nach in unerbittlich genauer Schärfe.  Zur Führung berufen, der letzten Abklärung

fähig und zugewandt, vermag sie zu diesen höchsten Eigenschaften ihres Wesens nur im Durchgang durch andere zu gelangen.  National bedingt, ist sie nach Gesinnung und Auswirkung eine europäische Kunst, in ihr leben und kämpfen die Probleme des europäischen oder schlechthin des Menschentums überhaupt.  Der große Niederbruch hat sie gepackt und mitgerissen wie kaum eine andere Zeiterscheinung der Geistesgeschichte.  Was im heutigen musikalischen Leben Deutschlands vor sich geht, ist das getreue, im einzelnen ins Groteske verzerrte Abbild unseres allgemeinen Lebens.  Es wird gekämpft nicht nur um Überzeugungen und Urteile, es wird gekämpft um Gesinnung und Macht, es wird gekämpft nicht mit Einsichten und Gründen, sondern mit Terror und Lüge, es wird gekämpft nicht um sachliche Werte, sondern um persönliche Interessen, und das Was und Wie all dieser Kämpfe ist eine grobe Karikatur der Dinge, deren reiner Name mißbraucht wird.

Aber in dieser Musik lebt hinter allen Trugmasken, heut noch fern dem Tage, Erkenntnis der tiefsten Notwendigkeit geistiger Erneuerung.  Es lebt der Glaube an das Kommende, das andere, das mit Namen nicht zu nennen ist, und dessen Dasein doch innerlichst erspürt wird.  Es lebt die Idee, daß nicht nur Untergang, sondern auch Aufgang bevorsteht, es lebt die Vorstellung des unbekannten Gottes.  Gerade in der deutschen Musik ist sie lebendig, zieht sie ihre starken Spuren, wirkt sie mit wachsender prophetischer Kraft.  Sie hat uns die Fähigkeit des Glaubens, de Überzeugung von der Notwendigkeit dieses Glaubens als seelischer Voraussetzung aller Offenbarung gebracht.  Das ist ihre stärkste Leistung.  Der Erfüllung müssen wir noch harren, bis wir selbst ihrer fähig sind.

DIE DEUTSCHE PHILOSOPHIE DER GEGENWART

VON MAX SCHELER

Vom “Volksverband der Bücherfreunde” und dem Herausgeber aufgefordert, auf engem Raum ein Bild zu geben von der gegenwärtigen deutschen Philosophie, ist der Verfasser sich bewußt, daß der Gegenstand mehr wie je als ein im Werden befindlicher betrachtet werden muß.  Die Tendenz auf Zersprengung vorhandener, lange bewährter Formen, die in den Sphären des sozialen Lebens, der Kunst (Expressionismus) und der Wissenschaft (Relativitätslehre) mit seltsamer Gleichzeitigkeit auftritt, ist auch in der Philosophie der Gegenwart weit größer, als es der erste Augenschein lehrt.  Die besondere Absicht, die der sonst solchen Zusammenfassungen wenig geneigte Verfasser mit diesen Zeilen verbindet, ist, einem größeren Bildungskreise die Möglichkeit zu geben, sich durch eigene Gedankenarbeit in diejenigen Leistungen der gegenwärtigen Philosophie tiefer einzuarbeiten, die er nach eigenem philosophischen Urteil für die triebkräftigsten und zukunftsreichsten hält.  Die menschliche und nationale Selbstbesinnung nach dem tiefgreifenden Zusammenbruch unseres Staates und unserer bisherigen gesellschaftlichen Ordnungen vollzieht sich in der Philosophie in der höchsten und durchgeistigtsten Form.  Richtungen und Wege zu ihr mögen daher indirekt auch auf diesen Blättern mitbezeichnet werden.  Es wird dem Verständnis dienlich sein, wenn der Verfasser schon hier am Anfange in vager Weise die formale Gestalt der Art von Philosophie bezeichnet, auf die hin das Beste der gegenwärtigen Arbeit zielt.  Insofern behauptet er:  Eine universale, durch die nationalen Mythen nicht gebundene, mit traditionalistischen

Schulstandpunkten und ihren terminologischen Geheimsprachen prinzipiell brechende S a c h philosophie, die auch die metaphysischen Weltanschauungsfragen in den Grenzen, in denen es Philosophie im Unterschied zur Religion allein vermag, in kritischer und vorsichtiger Weise wieder einer Lösung zuzuführen sucht, beginnt sich unter der methodischen Leitung des Satzes vom Primat des Seins vor dem Erkennen in der Gegenwart von den verschiedensten Seiten her aufzuarbeiten.  Der Subjektivismus, erkenntnistheoretische Idealismus, Relativismus, Sensualismus, Empirismus und Naturalismus wird im Aufbau dieser Philosophie langsam ü b e r w u n d e n, und es wird wie von selbst eine Wiederanknüpfung der Philosophie stattfinden an die großen Traditionen jenes objektiven Ideenidealismus, der etwa bis zu Beginn des 19.  Jahrhunderts das europäisch-christliche Denken immer noch notdürftig zusammenhielt —­ eine Wiederanknüpfung, die um so wertvoller sein dürfte, als sie ungewollt und aus der schlichten Untersuchung der Sachprobleme der Philosophie selbst sich ergibt:  gleichzeitig aber das neue positive Wissen, das die Einzelwissenschaften erarbeitet haben, in sich aufnimmt.  Diese Philosophie wird nicht sein wollen die D e s p o t i n der Einzelwissenschaften, wie in der sogenannten “klassischen” Epoche der deutschen Spekulation (z.  B. Hegel), noch bloße D i e n e r i n der Einzelwissenschaften (als Erkenntnistheorie und Methodologie), sondern wird in dem daseinsfreien “W e s e n” aller Seinsgebiete der Welt einen selbständigen, n u r der Philosophie zugänglichen G e g e n s t a n d besitzen, den sie mit eigenen Methoden zu erkennen unternimmt.

Will man die Philosophie der Gegenwart verstehen, so wird man sie auf den größeren Hintergrund der Philosophie des 19.  Jahrhunderts mit ihren Phasen projizieren müssen.  Die Merkmale der G e s a m t g e s t a l t der Philosophie des 19.  Jahrhunderts sind gegenüber der Philosophie des 17. und 18.  Jahrhunderts die folgenden: 

Die Philosophie des 19.  Jahrhunderts zeigt erstens eine weitgehende n a t i o n a l e Verengung.  Der Denkverkehr der europäischen Nationen, wie er uns etwa in einer Figur wie Leibniz gegenwärtig ist, wird durch die steigende Ausbildung des nationalen Selbstbewußtseins und des nationalen Mythos erheblich geschwächt.  Besonders in Deutschland wird mit Kant, obzwar dieser große Geist sich selbst noch vollständig als Bürger der kosmopolitischen Gelehrtenrepublik fühlt, eine Denkrichtung angebahnt, die die deutsche Philosophie in starkem Maße aus der christlich-europäischen Tradition herauslöst und ihr einen national-partikularistischen Charakter auf viele Jahrzehnte hin erteilt.

Ein zweites Merkmal ist die wachsende V i e l h e i t der philosophischen Standpunkte, Schulen, Sekten.  Indem die Philosophie in der ersten Hälfte des 19.  Jahrhunderts einen vorwiegend geschlossenen S y s t e m charakter annimmt und damit weit mehr als früher persönlich gebundener wird ("Romane der Denker” nannte es Sophie Germaine), in der zweiten Hälfte aber umgekehrt sich in Einzelwissenschaften aufzulösen oder als deren bloße Dienerin zu konstituieren suchte, geht beidemal der Gedanke “einer” s e l b s t ä n d i g e n Philosophie, an der Generationen und Völker g e m e i n s a m zu bauen haben, verloren.

Ein drittes Merkmal, das für die d e u t s c h e Philosophie besonders aufdringlich ist, ist die diskontinuierliche antithetische Entwicklung.  Während sich die Philosophie der Neuzeit bis zum 19.  Jahrhundert im großen Ganzen, um wenige Grundfragen bemüht, kontinuierlich entfaltete, ist das 19.  Jahrhundert von Diskontinuität, Abbruch, plötzlicher Wiederanknüpfung an ältere Gedankenrichtungen durchzogen.  Der Zusammenbruch der deutschen Spekulation nach Hegels Tod, die zeitweise Herrschaft des Materialismus in den Jahren von 1840 bis 1860, die Wiederanknüpfung an Kant (Neukantianismus), an Thomas von Aquin (Neuthomismus), später an Fichte und Hegel sind dafür nur die sichtbarsten

Beispiele dieser Diskontinuität.  Die Reaktions- und Restaurationsphilosophie der Romantik versuchte mit ganz subjektivistischen und unmittelalterlichen Methoden mittelalterliche I n h a l t e und W e r t e wiederzugewinnen, um auf diese Weise rein antithetisch und reaktiv die gewaltige zusammenhängende Vernunfts- und Menschheitskultur des 18.  Jahrhunderts zu überwinden.  Bis zu Schopenhauer, Nietzsche, E. Rohde, J. Burckhardt, E. von Hartmann, ja bis zu O. Spengler hat die romantische Bewegung einen tiefgehenden Z w i e s p a l t in das philosophische Denken des 19.  Jahrhunderts hineingelegt, der bis heute unüberbrückt ist.  Aller gegenwärtige “Irrationalismus” (Bergson, Theosophie usw.) knüpft wieder an sie an.  Aus der Verbindung von Ausläufern der romantischen Bewegung mit der durch die Kenntnis des Sanskrit (in Deutschland zuerst verbreitet durch W. von Humboldt) erschlossenen Weisheit des Ostens (insbesondere Indiens) ist auch das gegenüber der Philosophie des 17. und 18.  Jahrhunderts gänzlich n e u e Element des metaphysischen, ethischen und geschichtsphilosophischen P e s s i m i s m u s (Schopenhauer, E. von Hartmann, Mainländer, Spir, in anderer Richtung Nietzsche in seiner ersten Phase) hervorgegangen.  Auch der zuerst im Pessimismus erfolgende Eintritt der Philosophie des O s t e n s in die Geschichte des europäischen Denkens (in Deutschland besonders durch Paul Deußens “Geschichte der indischen Philosophie” verbreitet), ist ein s p e z i f i s c h e s Merkmal des 19.  Jahrhunderts.  Durch die im Krieg erfolgte stärkere Berührung der deutschen Bevölkerung mit dem Osten ist diese Bewegung noch gewaltig gefördert worden (Neubuddhismus, Theosophie, Anthroposophie); auch die Überwindung des “Europäismus” in der Geschichtsauffassung (der Hegel und Comte noch gemeinsam ist), das heißt der Methode, an die ganze Entwicklung der Weltgeschichte europäische Maßstäbe und geschichtliche Bewegungsformen anzulegen, ist in dieser Bewegung stark in Frage gesetzt worden.  Indem

die Romantik ferner das Studium der positiven Religionen in die Sphäre der allgemeinen Bildung hineintrug, hat sie auch die konfessionellen Bindungen des philosophischen Denkens gegenüber dem 18.  Jahrhundert wieder bedeutend verstärkt.  Sie hat ferner auf viele Jahrzehnte hin die philosophische Arbeit so einseitig auf das Studium der Geschichte der Philosophie hingerichtet, daß ein Mann wie Kuno Fischer sagen konnte:  “Geschichte der Philosophie treiben heißt selbst philosophieren.”  Während Kant noch meinte, das “wäre ein armseliger Kopf, dem die Geschichte der Philosophie seine Philosophie ist”, hat der historische R e l a t i v i s m u s in der Philosophie bis in die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein die philosophische Arbeit aufs stärkste niedergehalten.  Erst die Philosophie der letzten beiden Jahrzehnte ging daran, diesen Historismus zu überwinden.  Freilich nur in maßvoller Weise:  denn auch in den Forschern, bei denen sich die Philosophie, abgesehen von Erkenntnistheorie, in bloße Weltanschauungs l e h r e auflöst, d. h. in Typologie und Psychologie der Weltanschauung (W.  Dilthey, M. Weber, K. Jaspers, H. Gomperz, O. Spengler) ist der aus der Romantik entsprungene Historismus noch stark gegenwärtig.  Und nur in anderer, naturalistischerer Form erscheint er wieder bei den Neupositivisten (E.  Mach, Levy-Brühl und anderen), die selbst die Denkformen und Denkgesetze soziologisch aus Traditionen und Erblichkeit herleiten wollen.

Ein letztes Merkmal der Philosophie des 19.  Jahrhunderts ist es, daß sie aus Biologie, Geisteswissenschaften und der seit Fechner in die Philosophie eingegangenen Disziplin der experimentellen Psychologie weit stärkere Antriebe empfangen hat als die Philosophie des 17. und 18.  Jahrhunderts, deren Probleme überaus einseitig durch die mathematischen Naturwissenschaften Galileis und Newtons gebunden und bestimmt waren.

Auf diesem allgemeinen Hintergrund der Gestaltung der Philosophie des 19.  Jahrhunderts überhaupt gewinnt die gegenwärtige Philosophie Deutschlands ein um so größeres Interesse, als ihre bedeutsamsten Erscheinungen, obzwar weitgehend genährt durch das gesamte Gedankengut der Philosophie des 19.  Jahrhunderts, sich in vieler Hinsicht in scharfem Gegensatz zu dieser Gestaltung befinden.  Die Philosophie der Gegenwart strebt danach, den mehr oder weniger a n a r c h i s c h e n Zustand zu überwinden, der —­ diese Merkmale zusammengeschaut —­ das allgemeinste unterscheidende Moment der Philosophie des 19.  Jahrhunderts ausmacht.  Dies wird die folgende Darstellung genauer erhellen.

Wir behandeln im folgenden nur die deutsche Philosophie der Gegenwart.  Um so mehr müssen wir uns klarmachen, daß die deutsche Philosophie das Übergewicht, das sie vor hundert Jahren in der Welt besaß, längst verloren hatte.  Der größte internationale Einfluß ist, wie K. Österreich in Hinnebergs “Kultur der Gegenwart” I/6, 3.  Auflage, treffend bemerkt, von der französischen Philosophie in den letzten Jahrzehnten ausgegangen.  Der Einfluß Bergsons und der Einfluß W. James’ läßt sich mit keinem Einfluß eines Deutschen vergleichen.  Andererseits wirkt die ältere deutsche Spekulation, insbesondere Hegel, im Ausland (besonders England, Amerika, Rußland, Italien) auch heute noch stärker als irgendein nachhegelscher deutscher Denker —­ mit Ausnahme vielleicht Nietzsches.  Trotzdem waren die internationalen Beziehungen der deutschen Philosophie zum Auslande vor dem Krieg in starker Zunahme begriffen, und es ist aus manchen Anzeichen zu erhoffen, daß sie sich auch bald wiederherstellen werden.

Will man die gegenwärtige deutsche Philosophie zur ersten Übersicht in gewisse G r u p p e n ordnen und zugleich einige ihrer allgemeinen Charakterzüge hervorheben, so sind es vor allem d r e i Gegensätze, nach denen man diese Gruppierung vollziehen kann.

Der erste ist der höchst unerfreuliche Gegensatz einer nur engste Kreise berührenden streng wissenschaftlichen Fach- und Universitätsphilosophie und einer unmethodischen, wenig strengen, mehr oder weniger aphoristischen, aber weiteste Bildungskreise suggestiv in Bann haltenden “philosophischen Literatur”.  Im Gegensatz zur Philosophie des 18.  Jahrhunderts, zum Zeitalter Kants und Hegels, aber auch noch im Gegensatz zum Zeitalter Fechners und Lotzes, vermochte die akademische Philosophie das geistige Interesse größerer Bildungskreise bis vor kurzem n i c h t zu gewinnen.  Um so mehr vermochte das aber eine philosophierende Literatur, deren Hauptexponent und Vorbild Nietzsche gewesen ist, eine Literatur, die ohne Verbindung mit der strengen Wissenschaft unmethodisch und weit unter der Niveauhöhe der großen Philosophie der Vergangenheit, in subjektiv persönlicher Form Meinungen und Werturteil ausspricht.  Hierher gehören z.  B. Erscheinungen wie R. Steiner, Johannes Müller, O. Spengler, W. Rathenau, Graf Keyserling, H. Blüher, die philosophierenden Mitglieder des George-Kreises und andere mehr.  Dieser Z e r f a l l in zwei so gänzlich verschiedenartige Gattungen von “Philosophie” steht in scharfem Gegensatz zu allen philosophisch p r o d u k t i v e n Zeiten, und er muß vor allem aufgehoben werden, wenn die deutsche Philosophie sich aus der Anarchie des 19.  Jahrhunderts wieder erheben soll.  Das ist nur möglich, wenn zwei Arten von akademischer Philosophie langsam in den Hintergrund treten, die bisher an den deutschen Universitäten noch stark in Herrschaft sind.

1.  Die traditionalistischen Standpunkts- und Schulphilosophien.  Sie machen sich alle dadurch kenntlich, daß sie ihre eigene Namengebung mit dem Worte “Neu” beginnen (z.  B. Neukantianer, Neuthomisten, Neufichteaner, Neuhegelianer), als wollten sie nach dem Gesetz:  Lucus a non lucendo damit sagen, daß das, was sie lehren, etwas altes ist.  Eigen ist diesen philosophisch-akademischen Richtungen das, was das Wesen

jeder “Scholastik” ausmacht:  daß man sowohl in der Arbeit an den Sachproblemen in Übereinstimmung mit einer historischen A u t o r i t ä t (wenigstens im “wesentlichen”) zu bleiben sucht, andererseits aber die Meinung dieser Autorität immer so interpretiert, daß man noch sagen kann, die eigenen Sachforschungen stimmten mit ihrer Meinung überein.  Diese fortgesetzte Angleichung von Sachforschung und historisch-philologisch interpretierter Meinung eines Philosophen h i n d e r t aber ebensowohl echte und reine Sacherkenntnis wie echtes historisches Verständnis.  Am weitesten in dieser “scholastischen” Methode sind heute merkwürdigerweise nicht die sogenannten “Neuscholastiker” gegangen, sondern die Neukantianer, deren Sachforschungen wie geschichtliche Leistungen (besonders H. Cohen, P. Natorp, E. Cassirer) trotz ihrer mannigfachen Anregungskraft diesen Charakterzug durchgehends verraten.  Eng verbindet sich Schulerstarrung, Anschauungs- und Wirklichkeitsfremdheit und eine geheime verzwickte Terminologie (die alle großen Philosophen der Geschichte n i c h t gekannt haben, und die schon von vornherein eine dicke Wand zwischen Philosophie und Bildung setzt) mit dem bezeichneten “scholastischen” Charakter.  Erst mit Edm.  Husserls “Logischen Untersuchungen” hat eine standpunkt f r e i e , nicht traditionalistische S a c h philosophie wieder in breiterem Maße eingesetzt, wenn auch Männer wie Franz Brentano, Rehmke, Driesch, B. Erdmann, Stumpf auch schon vor Husserls Auftreten die Philosophie in diese Richtung geleitet haben.

Ein zweiter Grund für das Auseinanderfallen der deutschen Philosophie in methodisch strenge Sachphilosophie und “philosophische Literatur” ist in der Tatsache zu sehen, daß die gegenwärtige deutsche Philosophie jahrzehntelang, wie Lotze sich ausdrückte, nur “die Messer zu wetzen pflegte, ohne zu schneiden”, daß sie, herausgewachsen aus dem sogenannten Neukantianismus (Otto Liebmann, Albert Lange,

H. Cohen, P. Natorp), der nach dem Zusammenbruch der deutschen Spekulation die Philosophie zuerst wieder an deutschen Hochschulen möglich machte, sich aufs einseitigste, auf Erkenntnistheorie und Methodologie beschränkte und sich dabei im Grunde nur als Dienerin der Einzelwissenschaften fühlte.  So übertrug sich der Fachcharakter auch auf die Philosophie, deren Wesen es doch gerade ausschließt, ein “Fach” n e b e n anderen zu sein.  So gab sie nicht nur ihre zentralste und ihre wesentlichste Disziplin, die Metaphysik, meist völlig preis, sondern hatte außerdem zu dem übrigen geistigen Leben der Nation, zu den Problemen des Staates, der Gesellschaft, zu Kunst und Dichtung, zur Religion und zum Problem der Gestaltung und Bildung der geistigen Persönlichkeit kaum irgendeinen Zugang mehr.  Die Übernahme einer großen Anzahl von Lehrstühlen durch Vertreter der “jungen experimentellen Psychologie” befestigten diesen Zustand noch mehr, zumal diese junge und verheißungsvolle neue Wissenschaft sich erst in den letzten Jahren ihrer Entwicklung auch den höheren geistigen Funktionen zuwendete oder doch durch gewisse, in ihr erwachsene Probleme, z.  B. durch das Gestaltproblem, wieder stärkeren Anschluß an die philosophischen Fragen gewann.  Auf seiten der “philosophischen Literatur” aber wurde der echten Philosophie nicht minder Abbruch getan:  einmal dadurch, daß man in ganz unsachlicher und subjektivistischer Weise seinen Einfällen die Zügel schießen ließ, das Geistreiche und Blendende an die Stelle des Wahren, die Suggestion an die Stelle der Überzeugung im sokratischen Sinne setzte; ferner dadurch, daß man in mehr oder weniger gnostischer, die Selbständigkeit der Religion und der Mystik gegenüber der Philosophie total verkennender Weise die Philosophie von aller strengen W i s s e n s c h a f t loslöste und sie zu einer Sache von S e k t e n machte, die, im Gegensatz zu den akademischen Schul- und Standpunktsphilosophien, sich um das rein persönliche, echte oder scheinbare Charisma einer starken Natur

gruppierten.  So entstanden Sekten aller Art, die besonders zu nennen nicht notwendig ist.  So ist es auch verständlich, daß das im 19.  Jahrhundert fast verloren gegangene W e s e n der Philosophie in der Gegenwart erst wieder aufgesucht werden mußte (siehe E. Husserl:  “Philosophie als strenge Wissenschaft”, Logos Bd.  I, Heft I; siehe auch M. Scheler:  “Vom Ewigen im Menschen”, Bd.  I, “Vom Wesen der Philosophie").

Ein zweiter Gegensatz durchquert die gegenwärtige Philosophie in d e r Richtung, ob sie in ihren Problemen mehr geistes- oder naturwissenschaftlich orientiert ist.  Das wird in der folgenden Darstellung scharf hervortreten im Gegensatz sowohl der neukantischen und der südwestdeutschen Schule als in den Gegensätzen der einzelnen selbständigen Sachdenker.  Auch dieser Gegensatz ist ein Zeichen dafür, daß wir eine u n i v e r s a l e Philosophie noch nicht besitzen:  denn eine solche muß b e i d e n großen Daseinsgebieten, und zwar durch Vermittelung des selbständigen Sachgebietes der inneren und äußeren B i o l o g i e , ihr gleichmäßiges Interesse zuwenden und darf sich nicht als bloße “ancilla scientiae” zum einseitigen Vorspann e i n e r dieser Teile der Wissenschaften machen. Überhaupt ist nichts der Philosophie abträglicher als die bis vor kurzem in unserem Lande immer wieder erneuten Versuche, von den Gegebenheiten und Grundbegriffen einer Einzelwissenschaft her, das g a n z e Weltproblem lösen zu wollen.  Solches geschah z.  B. im sogenannten Psychologismus durch eine gänzlich unberechtigte Ausdehnung der Begriffe, “psychisch” oder “Bewußtsein”:  in der Energetik Ostwalds durch eine Verabsolutierung des Energiebegriffes, im Empfindungsmonismus Ernst Machs durch eine falsche Verabsolutierung des Empfindungsbegriffes; in gewissen Richtungen der “Lebensphilosophie” in einer falschen Ausdehnung und Verabsolutierung des Begriffes Leben, in der neukantischen Marburger Schule in einer falschen Verengung des Erkenntnisbegriffes auf mathematische

Naturwissenschaft.  Die Philosophie hat, von einer Lehre über die Grundarten der G e g e n s t ä n d e ausgehend und von dem Satze, daß sich alle Methoden nach der Natur, der Gegenstände zu richten haben (und nicht die Gegenstände nach Methoden), einen wahren Ausgleich zwischen den verschiedenen wissenschaftlichen Interessenrichtungen und methodischen Denkrichtungen herbeizuführen, die Wissenschaften auf dem Boden einer selbständigen philosophischen und allseitigen Erkenntnistheorie zu ordnen und in gegenseitige fruchtbare Beziehung zu setzen.  Sie hat nach wie vor zwar nicht eine die Einzelwissenschaften erdrückende Despotin wie zur Zeit Hegels zu sein, noch weniger aber ihre Dienerin, sondern “Königin” in jenem legitimen letzten Sinn, der die wohlerworbenen Rechte der Fachwissenschaften von einem eigenen, eben nur philosophischen Standpunkt aus s e l b s t ä n d i g würdigt und achtet und sie für das Ganze unseres Weltbegriffes und unserer Weltanschauung fruchtbar macht.  Die Philosophie des 17. und 18.  Jahrhunderts, die Philosophie des Descartes und Leibniz vermochte gerade darum so häufig auch den Einzelwissenschaften R i c h t u n g zu geben und ihnen fruchtbare Anregung zu erteilen, weil sie im engen Konnex mit den Wissenschaften (und nicht losgelöst von ihnen, wie unsere Literatenphilosophie) sich nicht einseitig damit zufrieden gab, bloß zu formulieren, was die “Voraussetzungen der Einzelwissenschaften” seien und welche Methoden sie selbst anwenden.  Die gegenwärtige Überwindung der Galilei-Newtonschen Naturansicht durch die vier großen naturwissenschaftlichen philosophischen Fermente unserer Zeit die Elektronentheorie, die Einsteinsche Relativitätstheorie, die Plancksche Quantentheorie und die positiv-wissenschaftlichen und neuvitalistischen Versuche, den Organismus mit übermechanischen Agenzien zu erklären, sollten J e d e m zeigen, was aus einer Philosophie werden muß, die nur objektiv logische Voraussetzungen einer fälschlich verabsolutierten Wissenschaftsstufe zu suchen pflegt.  Sie

hört mit der Überwindung dieser Wissenschaftsstufe eben auf, irgendeine Bedeutung zu haben.  Nur dann, wenn die Philosophie einen e i g e n e n G e g e n s t a n d und eine e i g e n e Methode besitzt allen einzelnen Seinsgebieten gegenüber, die als solche auch die positiven Wissenschaften erforschen, wird sie mehr sein können als die bloße Eule der Minerva der positiven Wissenschaft; und nur, wenn sie die S a c h e n selbst, nicht nur die Wissenschaft über die Sachen als bloße “Erkenntnislehre” sich zum Gegenstand setzt (freilich mit Einschränkung auf ihr daseinsfreies Wesen, ihre e s s e n t i a), kann sie der positiven Wissenschaft auch geben, anstatt bloß von ihr zu nehmen.

In Hinsicht auf einen dritten Gegensatz, der auch die gegenwärtige Philosophie noch unabhängig von einzelnen Sachproblemen bestimmt, nämlich dem Gegensatz der religiösen Traditionen (katholische und protestantische Philosophie), ist das Erfreuliche zu vermelden, daß dieser Gegensatz, der streng genommen in der Philosophie überhaupt keinerlei Rolle zu spielen hätte, auch tatsächlich stark zurückgetreten ist.  Kant und seine von der Theologie ausgegangenen spekulativen Nachfolger hatten der deutschen Philosophie einen, geschichtlich gesehen, einseitigst protestantischen Charakter erteilt.  Die katholische Philosophie oder, besser gesagt, die Philosophie des katholischen Kulturkreises ging, abgesehen von ganz wenigen Erscheinungen der Romantik (z.  B. Franz Baader, Deutinger, Froschammer), ihre Wege völlig für sich, und es bestand bis vor kurzem keinerlei tiefere Berührung zwischen den Forschergruppen beider Konfessionen.  Der von der Enzyklika “Aeterni patris” im Jahre 1897 von Leo XIII. angeregte Neuthomismus, der durch die Löwener Schule des belgischen.  Kardinals Mercier auch eine für die modernen wissenschaftlichen Probleme etwas geöffnetere Form erhielt, hat den Gegensatz der philosophischen Richtungen beider Kulturkreise für viele Jahre hin noch erheblich gesteigert.  Und je mehr die deutsche Philosophie sich durch

Kant einseitig bestimmt erwies und die Weisungen Leos XIII. (der wohl an erster Stelle an eine einheitliche philosophische Unterweisung der P r i e st e r gedacht hat und, wie er selbst auf die Frage der Franziskaner versicherte, keineswegs das thomistische System zur allverbindlichen Norm für alle philosophischen Studien erheben wollte) gegen die Absichten des großen Papstes wie eine Art Dogmatisierung der thomistischen Philosophie interpretiert wurden, desto schärfer und unüberbrückbarer wurde der Gegensatz.  Von den älteren deutschen Philosophen vermochten nur H e r b a r t in seiner Schule gläubige Anhänger beider Konfessionen zu vereinigen (z.  B. Otto Willmann).  Dieser Zustand hat sich in der Gegenwart weitgehend verändert.  Besonders durch die direkten und indirekten Einflüsse Franz Brentanos und des von E. Husserl wiederentdeckten großen Logikers Bolzano, die beide noch in starker geistiger Kontinuität mit den großen Geistern der Scholastik philosophierten; ferner durch Husserl und die von ihm angeregten Forscher; endlich auch durch den starken Abbau des erkenntnistheoretischen Idealismus und durch das Wiedererwachen des erkenntnistheoretischen Realismus ist ein erfreulicher Denkverkehr zwischen den Philosophen der beiden Konfessionen in Gang gesetzt worden.  Auch der Einfluß der österreichischen Philosophie (besonders Martys, Meinongs) auf die deutsche hat in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen. Über die stärkere und lebendigere Berührung der Philosophen beider Konfessionen auf metaphysischem und religionsphilosophischem Ge-biet wird im einzelnen später noch zu berichten sein.  Dagegen hat der Einfluß der naturalistischen und freidenkerischen Weltanschauungsformen auf die Philosophie (die ja nicht minder wie Katholizismus und Protestantismus im 19.  Jahrhundert längst “Tradition” geworden sind) in der Philosophie der Gegenwart stark abgenommen.  Haeckels und seiner Gesinnungsgenossen Philosophie hat in Deutschland nur in den M a s s e n , nie unter den eigentlichen Philosophen irgendwelche

Bedeutung erlangt.  Aber auch weit höher gerichtete und freiere Formen der naturalistischen Philosophie haben heute an Bedeutung stark verloren.  Die Ostwaldsche Energetik, die in ihrem naturwissenschaftlichen Teile durch die moderne Atomistik wieder vollständig verdrängt ist, hatte für die theoretische Philosophie bedeutende Folgen nicht entwickelt.  Der Positivismus, der aus Frankreich und England in gewissen Ausläufern auch zu uns gekommen war (E.  Mach, Avenarius, Ziehen), zählt noch einige Anhänger, auf die wir später zurückkommen; er mußte aber der erkenntnistheoretischen realistischen Lehre und der dem Sensualismus und der Assoziationspsychologie ganz entgegengesetzten Entwicklungsrichtung der modernen Psychologie mehr und mehr weichen.

Die gegenwärtige Philosophie enthält zu einem großen Teile die Entwicklungsstadien des 19.  Jahrhunderts noch als gegenwärtige Schichten in sich.  Das gilt an erster Stelle von den Nachwirkungen älterer philosophischer S y s t e m e.  Wir wollen, von den ältesten Schichten beginnend, die gegenwärtige Philosophie nunmehr betrachten, um, von ihnen fortschreitend, bei den neuesten Versuchen zu endigen.

Eines geringen Anhangs und einer steigend geringen Achtung auch bei der heute philosophierenden Jugend erfreut sich der naturalistische Monismus, der geschichtlich an die Zeit von Ludwig Büchners “Kraft und Stoff” (das von 1854 bis 1904 21 Auflagen erlebte) anknüpft.  Gleichwohl muß dieses System hier genannt werden, nicht um seiner inneren Bedeutung willen, sondern weil es durch seine kaum abzuschätzende Verbreitung weniger in der deutschen Arbeiterschaft als im kleinen Mittelstand eine große Wirkung auf das deutsche Geistesleben gehabt hat.  E r n s t H a e c k e l s “Welträtsel” waren bereits in den Jahren 1899 bis 1914 in mehr als 300 000 Exemplaren verbreitet und in 24 Sprachen übersetzt.  Der deutsche Geist war im Ausbau der naturalistischen Philosophie zu allen Zeiten wenig produktiv;

während in Frankreich und England die naturalistische Philosophie mit schärfstem Geist und der Form nach in strenger wissenschaftlicher Methode von Männern vertreten wurde, die, meist auf der Höhe der sozialen Stufenleiter stehend, sie in weltmännischer Form und nicht unbedeutendem Stil vertraten, ist der deutsche Materialismus und Monismus meist überaus grob, borniert und unwissenschaftlich gewesen.  Seine Vertreter waren meist (wie schon Karl Marx bemerkt hat) “kleinbürgerliche”, in Stil und Lebensform untergeordnete, philosophisch dilettierende Ärzte und Naturforscher, die ohne Kenntnis der Geschichte des europäischen Denkens und ohne Überschau über den Kosmos der Wissenschaften, aus der Ecke ihrer zufälligen Interessen herauß sogenannte “Konsequenzen der Naturwissenschaft” zogen.  Diese Charakteristik gilt auch für den wirksamsten Vertreter dieser Richtung, Ernst Haeckel (geb. 1834).  Seine “Welträtsel” (1899) und seine “Lebenswunder”, zuletzt sein Buch über Kristallseelen sind philosophisch so gut wie wertlose Erzeugnisse.  Mit Recht sagte Fr. Paulsen in einer Rezension der “Welträtsel”, die in den “Preuß.  Jahrbüchern” erschien:  “Ich habe mit brennender Scham dieses Buch gelesen, mit Scham über den Stand der allgemeinen Bildung und der philosophischen Bildung unseres Volkes.”  Nicht minder scharf war das Urteil, das E. Adikes mit den Worten fällte:  “Haeckel ist eben durch und durch Dogmatiker; darin steht er mit Büchner auf einer Stufe; als Naturforscher überragt er ihn weit, als Philosophen sind beide völlige Nullen.”  Der russische Physiker Chwolson zeigte in einer besonderen Schrift, wie völlig unfähig Haeckel war, auch nur den Sinn der einfachsten Grundsätze der theoretischen Physik, wie z.  B. des Satzes von der Erhaltung der Energie oder gar des zweiten Wärmesatzes (den er einfach “verwirft”) zu verstehen.  Der bekannte Ameisenforscher Wasmann hat in einer besonderen Schrift, “Haeckel als Kulturgefahr”, auch seine entwicklungstheoretischen Leistungen genügsam gekennzeichnet.

Über den sachlichen Inhalt seiner Philosophie hier noch einmal zu sprechen, fehlt jeder Anlaß[1]).

  [1] Vgl. neben den genannten kritischen Werken O. Külpe: 
  “Philosophie der Gegenwart”, 6.  Aufl., und A. Messner: 
  “Philosophie der Gegenwart” (1918).

In Form eines Versuches der Zurückführung alles Wirklichen mit Einschluß des organischen Lebens, des Seelenlebens und der geistigen Tätigkeiten auf letzte qualitative Grundarten der E n e r g i e und ihre Umwandlungsformen vertrat Wilhelm Ostwald (geb. 1855), Professor der physikalischen Chemie, den naturalistischen Monismus.  Seine Vorlesungen über “Naturphilosophie” waren, soweit es sich um die Philosophie der anorganischen Natur handelt, überaus anregend.  Ostwald versuchte, den Begriff der Materie völlig auszuschalten.  Die Masse der Mechanik ist ihm nur ein Kapazitätsfaktor der mechanischen Energie, der gleichgeordnet eine Wärme, ein Licht, eine Gestalt, eine magnetische und elektrische, eine chemische und psychische Energie zur Seite stehen.  Diese Energie a r t e n sind nicht, wie es die atomistisch-mechanische Naturansicht wollte, aufeinander zurückzuführen; sie sind ähnlich wie in der qualitativen Elementarlehre des Aristoteles letzte Gegebenheiten, die nur in formal quantitativen Austauschbeziehungen zueinander stehen.  “Alles, was wir Materie nennen, ist Energie; denn sie erweist sich als ein Komplex von Schwereenergie, Form und Volumenenergien, sowie chemischen Energien, denen Wärme- und elektrische Energien in veränderlicher Weise anhaften.”  Trotzdem verfiel Ostwald in den Irrtum, die Energie, einen bloßen dynamisch interpretierten Beziehungsbegriff, selbst zu einer Substanz zu hypostasieren.  Nicht minder war es vollständig unbegründet, auch das Psychische in die Energiearten einzureihen, obgleich ihm die Grundvoraussetzung, als natürliche Energieart zu gelten, die Meßbarkeit, fehlt und der ichartige monarchische Aufbau der Bewußtseinserscheinungen im Widerspruch zu dieser Auffassung steht.  Völlig ungelöst blieb auch das Problem des organischen

Lebens, ebenso ungelöst wie innerhalb der mechanischen Lebenslehre.  Aber auch innerhalb des Anorganischen bewährte sich die Energetik auf die Dauer nicht.  Die Kritik, die insbesondere Boltzmann und W. Wundt an den “Vorlesungen” geübt haben, ist durch die Entwicklung der Naturwissenschaften, insbesondere durch den glänzenden Sieg der Atomistik und der mechanischen Wärmelehre durchaus bestätigt worden.  Ganz und gar unzureichend aber sind de Versuche Ostwalds gewesen (s. bes.  “Philosophie der Werte"), die Probleme der Ethik, der Gesellschaft, der Zivilisation und Geschichte auf dem Boden der “Energetik” zu verstehen.  Daß an die Stelle des kategorischen Imperativs der “[sic] energetische Imperativ :  “Vergeude keine Energie, verwerte sie” treten soll, mutet fast wie ein schlechter Scherz an.  Und nicht minder mutet so an eine Erklärung, die Ostwald auf dem Hamburger Monistenkongreß von 1911 gibt, in der es heißt:  “Denn alles, was die Menschheit an Wünschen und Hoffnungen, an Zielen und Idealen in den Begriff ‘Gott’ zusammengedrängt hatte, wird uns von der Wissenschaft er-füllt.”  Ostwalds rein technologische Betrachtung der Weltgeschichte, die, der deutschen Organisationssucht ein philosophisches Mäntelchen umhängend, jede geschichtliche Aufgabe zu einer “Organisationsaufgabe” macht, ist so kindlich, daß sie eine Kritik kaum verdient; nicht minder seine Meinung, das ästhetische Gefühl und die Kunst hätten nur soweit Bedeutung, als sie der wissenschaftlichen Arbeit Pionierdienste leisten, und es werde darum bei reifender Wissenschaft die Kunst einmal völlig aus der Welt verschwinden.  In der Soziologie hat Ostwald einen ernsten Schüler gehabt, de noch stark in die Gegenwart hineinwirkt.  Es ist der Wiener Soziologe und Vorsitzende des Österreichischen Monistenbundes R u d o l f G o l d s c h e i d.  Sein Werk über “Höherentwicklung” und “Menschenökonomie” hat sowohl der Bevölkerungslehre wie der Sozialpolitik reiche und wertvolle Anregungen vermittelt, wenn auch sein einseitig durchgeführter

Versuch, den Menschen selbst (ähnlich wie in der Sklavenwirtschaft) rechnungsmäßig als bloßen Wirtschaftswert einzustellen und eine möglichst sparsame Verwendung dieses “Wertes” zu fordern, soziologisch unhaltbar ist.  Eine Auflösung der Ethik in Ökonomie hat Goldscheid nie versucht.  Ein bedeutender Vertreter des Monismus, der auch in der Gründung und Entwicklung des Monistenbundes eine große Rolle gespielt hat, war der kürzlich verstorbene Wiener Psychologe und Ethiker Friedrich Jodl.  Sowohl sein “Lehrbuch der Psychologie” wie vor allem seine großangelegte “Geschichte der Ethik” sind wertvolle und anregende Bücher, wenn sie auch in einseitiger Weise allen freidenkerischen und antikirchlichen Bestrebungen einen ihnen auch wissenschaftlich nicht zukommenden überragenden Wert beilegen.  Wie sehr die ganze philosophische Richtung des Monismus von p o l i t i s c h e n, d. h. außerphilosophischen Tendenzen beherrscht ist, beweist ihr am 1.  Januar 1906 erfolgter Zusammenschluß zu der Organisation des “Deutschen Monistenbundes”.  Ostwald schloß den ersten Hamburger Kongreß mit dem Satze:  “Ich eröffne das monistische Jahrhundert”; sein Ehrenvorsitzender war E. Haeckel, sein Vorsitzender der Bremer Pastor Albert Kalthoff, der, stark von Nietzsche angeregt, an den Junghegelianer Bruno Bauer anknüpfend, die historische Existenz Christi in seinen Schriften geleugnet hatte, und in loser Berührung mit den linksliberalen Pastoren Jatho und Traub den christlichen Kirchen eine scharfe Kampfansage stellte.  Wider den Monismus gründete[sic] dann im Jahre 1907 der Kieler Naturforscher J. Reinke und E. Dennert den sogenannten “Keplerbund”, der sich umgekehrt die Aufgabe setzte, die Vereinbarkeit der modernen Naturwissenschaft mit der theistischen Weltanschauung zu erweisen.  Sehr mit Unrecht ist die Verbreitung der monistischen Weltanschauung häufig der Sozialdemokratie und ihren Führern zugeschrieben worden.  Geistesgeschichtlich ist diese Auffassung grundfalsch.  Die Führer des Monismus

standen politisch zumeist den nationalliberalen Anschauungen sehr nahe (z.  B. Haeckel selbst), und bei vielen von ihnen findet sich sogar eine ausgeprägte alldeutsche Tonart.  Wie tief Karl Marx und Engels auf den Materialismus des deutschen Kleinbürgertums herabblickten, ist aus ihren Äußerungen genugsam bekannt.

Während die monistische naturalistische Denkrichtung eigentlich nur kulturhistorisches und für die deutsche Mentalität vor dem Kriege bestimmendes Interesse bietet, sind die anderen heute noch lebendigen philosophischen Systeme auch rein philosophisch von Bedeutung.  Das gilt gleich sehr von der Wirkung Fichtes, Hegels und Schellings wie von jener Lotzes, Fechners, E. von Hartmanns, R. Euckens und W. Wundts.  Diese Systeme können hier nicht geschildert werden:  nur was sie für die g e g e n w ä r t i g e Philosophie als mitbestimmende Momente noch bedeuten, sei kurz erwähnt.  Die geringste Wirkung von all den Genannten hatte merkwürdigerweise in Deutschland der zeitlich nächste letzte große Systematiker der deutschen Philosophie, Wilhelm Wundt.  Als Darstellungen seines Systems sind empfehlenswert O. Külpe in der “Philosophie der Gegenwart”, E. König:  “W.  Wundt”, 1909 und R. Eisler:  “Wundts Philosophie und Psychologie”, 1902.  Ein Grund für die geringe Wirkung des ausgezeichneten Forschers und Gelehrten in der Philosophie mag darin gelegen sein, daß seine Erkenntnistheorie und seine Metaphysik beiderseits an großer Vagheit und Unbestimmtheit leiden, das Ganze seiner Philosophie aber trotz seiner Überladenheit mit Gelehrsamkeit etwas überaus Farbloses und Blutloses besitzt.  Auch ein häufiges Schwanken (z.  B. zwischen Idealismus und Realismus in der Erkenntnistheorie, zwischen psychophysischem Parallelismus als metaphysischer Hypothese und methodologischer Maxime, zwischen Relativismus und Absolutismus in der Ethik, Theismus und Willenspantheismus in der Lehre vom Weltgrund) mag gleichfalls zu dieser Unwirksamkeit beigetragen haben.

R u d o l f E u c k e n, der schon an der Grenze steht zwischen wissenschaftlicher Philosophie und jener früher charakterisierten philosophischen Erbauungsliteratur, hat eine weit stärkere Wirkung als Wundt entfaltet sowohl in Deutschland, wie im Auslande; ein deutliches Zeichen davon ist in letzterer Hinsicht der Nobelpreis.  Dieser Denker ist von gleichbedeutenden Kritikern sehr verschieden beurteilt worden.  Die einen sehen in der Verbindung von Prediger, Metaphysiker und Forscher, von homo religiosus und Denker, die Eucken darstellt, etwas besonders Wertvolles und weisen hin auf den reichen intuitiven Gehalt seines Werkes; die anderen beklagen den Mangel an Anatomie in seinen Gedanken, die Unverbundenheit seiner Philosophie mit den Wissenschaften, die unmethodische Art seines Denkens und die große Unbestimmtheit und Vagheit des eigenartigen persönlichen Stiles seiner Darstellung.  Mögen beide in gewissem Maße recht haben, so kommt Eucken vor allem das entschiedene V e r d i e n s t zu, in einer Zeit, da die Philosophie zu einer bloßen Anmerkung zu den positiven Fachwissenschaften zu werden drohte, ihre Ansprüche festgehalten zu haben, eine Metaphysik und gleichzeitig eine den Menschen formende Lebensanschauung zu geben.  Ausgegangen von F. A. Trendelenburg (gest. 1872), eine Zeitlang auch Schüler Lotzes, hat Eucken mit starker Anknüpfung an Fichtes Tatidealismus seinen “Idealismus des Geisteslebens” zu begründen unternommem.  Sein bedeutendstes Werk (leider am wenigsten gelesen) ist das 1888 erschienene “Die Einheit des Geisteslebens in Bewußtsein und Tat der Menschheit” in dem er seine personalistisch-theistische Philosophie nicht durch Sachuntersuchungen der philosophischen Probleme, sondern aus einer Kritik des Panlogismus Hegels und des Naturalismus hervorwachsen läßt.  In den “Lebensanschauungen der großen Denker” und der “Geistigen Strömungen der Gegenwart” (ursprünglich “Grundbegriffe der Gegenwart"), die der wissenschaftlichen Philosophie

noch am nächsten stehen, nimmt er aus der Geschichte der Philosophie das wesentlich “Lebensanschauliche” heraus und legt es im Sinne seiner Philosophie aus.  Die Bücher “Der Kampf um einen geistigen Lebensinhalt”, “Der Wahrheitsgehalt der Religion”, “Erkenntnis und Leben” und “Grundlinien einer neuen Lebensanschauung” wiederholen in immer neuen Wendungen dieselben Grundgedanken.  Das Wertvolle dieser Gedanken ist weniger in ihrer sehr mangelhaften theoretischen Begründung gelegen als in ihrer das Bewußtsein der Selbständigkeit des Geistes trotz aller tiefempfundenen und in der endlichen Erfahrung unlösbaren Konflikte des menschlichen Daseins energisch aufweckenden Kraft.  Eucken war in einem überwiegend praktisch-materialistischen Zeitalter einer der stärksten S e e l e n e r w e c k e r, die Deutschland besessen hat.  Reinsten germanischen Blutes (Friese), besitzt er in seltener Weise Vorzüge und Fehler des germanischen Geistes:  eine ahnungsvolle Intuition übersinnlicher Realitäten, ein energisches Festhalten dieser Realitäten inmitten tiefst empfundener Widerstände der “Welt” gegen die Verwirklichung der geistigen Forderungen; aber auch alle Vagheit und Nebelhaftigkeit, Unbestimmtheit und Dunkelheit nordischen Geistes.  Das “Geistesleben”, das bei ihm zwischen historischer Realität und metaphysischer Potenz eigenartig in der Mitte schwebt, wird von dem natürlichen Seelenleben, das der Mensch mit dem Tiere teilen soll, scharf unterschieden.  Es soll in “noologischer Methode” (eine eigentümliche Erweiterung der Methode Kants) nicht durch Introspektion, sondern an seinen W e r k e n und Systemen des Lebens ("Syntagmen”) studiert werden.  Es soll nicht nur in jeder Einzelseele, sondern auch in den großen kollektiven Gruppen der Geschichte als selbständig tätig aufgefaßt werden.  Trotzdem soll es in scharfem Gegensatz zum Hegelschen Panlogismus nur durch tätige Ergreifung des Einzelmenschen diesen zur “Persönlichkeit” und zur “Wesensbildung” erhöben.  So ist Eucken im letzten

Grunde mehr theistischer Personalist als Pantheist, obgleich eine starke pantheistische Ader seine Philosophie durchzieht.  Mit Methoden, die denen Pascals in den “Pensées” ähnlich sind, sucht Eucken mit starker Heranziehung dessen, was er für den relativen Wahrheitsgehalt der naturalistischen und pessimistischen Systeme hält, zu zeigen, daß dieses “Geistesleben” in der Welt verloren und in letzter Linie bedeutungslos ist, wenn es nicht aus einem geistigen W e l t g r u n d e immer neu schöpferisch herströmend und in die Menschenseelen einquellend verstanden und geschaut wird.  Während die ältere Philosophie die Vernunft des Menschen zum Reiche der “Natur” rechnete und ihr das Reich der “Übernatur”, der “Gnade” entgegensetzte, wird die zum Geistesleben erweiterte Vernunft des Menschen bei Eucken selbst etwas “Über-natürliches”.  Das macht den g n o s t i s c h e n Charakter der Euckenschen Philosophie aus, die Religion und Metaphysik in einem für sie beide unstatthaften Sinne vermischt.

Die Philosophie Fechners, der durch seine Begründung der Psychophysik neben Wundt als der eigentliche Begründer der Experimentalpsychologie gelten muß, hat auf die gegenwärtige Philosophie eine nur geringe Wirkung ausgeübt.  Sein Versuch, die Empfindung als psychische Größe nachzuweisen und sie durch die Einheit des eben merklichen Empfindungsunterschiedes zu messen, ist sowohl nach seinen methodologischen Voraussetzungen als nach seiner psychologischen Voraussetzung hin (man könne die Empfindung unabhängig von den Aufmerksamkeitsschwankungen überhaupt im Bewußtsein vorfinden) fast allgemein zurückgewiesen worden.  Stark wirkte zeitweise seine Lehre vom psychophysischen Parallelismus, die, wie wir noch sehen werden, freilich in der Gegenwart gleichfalls an Einfluß stark verloren hat.  Seine eigentliche Metaphysik der “Tagesansicht” und der Allbeseelung hat leider lange nicht die Anregungskraft ausgeübt, die ihr meines Erachtens innewohnt.  Auch die nächststehenden Forscher, wie Ebbinghaus

und Wundt, haben diese Seiten seiner Philosophie meist als bloße “Poesie” und Begriffsdichtung abgelehnt.  Was allein bis heute einen Einfluß ausübt, ist der auch von E. von Hartmann aufgenommene Gedanke einer “induktiven Metaphysik”.  Sie beruht bei Fechner auf den beiden Grundsätzen, daß, was in einem Teile der Welt als unauflösbare Grundart des Seienden enthalten ist, auch im Ganzen enthalten sein müsse (Mikrokosmos-und Makrokosmoslehre), und daß wir vermittels der Analogie in der Lage seien, unser Wissen über das unmittelbar und mittelbar in der Erfahrung Gegebene kontinuierlich zu erweitern.  Diesen Gedanken haben auch viele moderne Metaphysiker, so Külpe, Driesch, Stern, Becher, Scheler und andere, aufgenommen.  Eine starke Wirkung hatte Fechners teleologische Ganzheitsbetrachtung der E r d e als des besonderen Leibes und Ausdrucksfeldes einer Erdseele in der modernen Geographie.  In diesem Sinne sind Ratzels Arbeiten und noch mehr die gegenwärtigen Arbeiten des Wiener Kulturgeographen Hanslick stark von Fechner beeinflußt.  Wie immer man über Fechners Resultate urteilen mag, es muß als eine recht unerfreuliche Tatsache bezeichnet werden, daß die stets tiefsinnigen und sinnreichen Betrachtungen dieses seltenen Geistes, die dazu in Stil und Ausdruck für weitere Kreise der Gebildeten geschrieben sind, so sehr wenig gelesen werden.  Daß ein Haeckel so viel und ein Fechner so wenig in Deutschland gelesen wurde, ist eine für die Mentalität des deutschen Volkes vor dem Kriege recht charakteristische Tatsache.

Hermann Lotze (1817-1881) wirkt in die Gegenwart insbesondere nach zwei Richtungen herein:  einmal durch seine “Logik” (auch in der “Philosophischen Bibliothek” erschienen . 1912), deren Kapitel “Über die platonische Ideenlehre” auf die neukantischen Schulen und auch auf Husserl stark gewirkt hat, und durch seine Lehre von der psychophysischen Wechselwirkung.  Außer diesen beiden Bestandteilen seiner Philosophie und abgesehen von seinen Wirkungen auf die Psychologie

(besonders seine Theorie der Lokalzeichen) hat nur noch der metaphysische Gedanke Lotzes eine stärkere Wirkung geäußert, daß eine Wechselwirkung zwischen einer Vielheit von Dingen nur möglich sei, wenn ein und dasselbe ganze, aber von ihnen unterschiedene Seiende, in allen gemeinsam tätig und von allen gemeinsam reizbar sei.  Diesen Gedanken hat z.  B. auch Driesch in seine “Wirklichkeitslehre” aufgenommen.  Lotzes großes geschichtsphilosophisches Werk “Mikrokosmos” (5.  Auflage 1909) hat wohl wegen seines allzu gewundenen ziselierten und koketten Stiles nicht die Wirkung geübt, die ihm vermöge seines Gedankengehaltes zugekommen wäre.  Für den Fortschritt einer Philosophie der Biologie waren Lotzes Artikel über “Lebenskraft” und über “Seele und Seelenleben” in Wagners “Handwörterbuch der Physiologie” in denen er für Physiologie und Biologie eine strenge Durchführung der mechanistischen Methode fordert (um dann erst dem Ganzen des Weltmechanismus hinterher eine ideale und teleologische Bedeutung zu geben), nach meiner Ansicht starke Hindernisse.  Sie gaben der in unserem Lande besonders stark verbreiteten mechanistischen Lebensauffassung, besonders bei den Naturforschern, ein gutes Gewissen —­ das eine aufrichtige und genaue Betrachtung der Tatsachen nicht im entferntesten gerechtfertigt hätte.  Die stark kokette und süßliche Christlichkeit Lotzes konnte in religiöser und theologischer Hinsicht tiefere Geister nicht gewinnen.  Immerhin haben insbesondere seine Lehre von Wert und Werturteil auf die Ritschl-sche Theologie und Dogmatik stark eingewirkt, wenn sie sich freilich hier auch meist mit neukantischen und positivistischen Voraussetzungen verbanden.  In der Ästhetik endlich wurde Lotze durch seine Lehre von der “Einfühlung” auch auf die letzten bedeutenden Einfühlungsästhetiker der Gegenwart, auf Lipps und Volkelt, erheblich wirksam.

Die einzige Persönlichkeit, deren geistige Spannweite alle philosophischen Antriebe des 19.  Jahrhunderts umfaßte und

dazu alle Fortschritte der positiven Natur- und Geisteswissenschaften in ihr System einzuordnen suchte, die einzige zugleich, die den tiefgehenden inneren Bruch zwischen der deutschen Spekulation und der einseitigen Herrschaft der Spezialwissenschaften nicht mitgemacht hat, war E d u a r d v o n H a r t m a n n (1842-1906).  Es ist eine der merkwürdigsten Tatsachen in der deutschen Geistesgeschichte, daß dieses reifste, durchdachteste, alle Wissensgebiete und die Religion umfassendste Gedankensystem, welches die zweite Hälfte des Jahrhunderts überhaupt hervorbrachte, nach anfänglichem Tageserfolg der “Philosophie des Unbewußten” (1869) auf die wissenschaftliche Philosophie zunächst kaum eine Wirkung ausgeübt hat.  Der große Denker versuchte vergebens, einen Ruf an eine deutsche Universität zu erhalten.  Gewiß besteht der Grund nicht nur in der allgemeinen Metaphysikscheu der Zeit und der einseitigen Herrschaft neukantischer und positivistischer Richtungen; ein Teil der Gründe liegt auch in der Eigenart der Philosophie Hartmanns und der Persönlichkeit ihres Urhebers selbst.  Bei aller Kraft logischer Organisation großer Stoffmassen, bei all seinem ungeheueren Wissen und seiner Gelehrsamkeit gebrach dem Forscher ein unmittelbares originäres Verhältnis zur Welt.  Seine Philosophie ist mehr eine überaus kunstvolle Verbindung von philosophischen Gegebenheiten (Schelling, Hegel, Schopenhauer, Lotze, moderne Naturwissenschaft und Psychologie) als ein neues Wort.  Darin bildet er den größten Gegensatz zu Schopenhauer, der an logisch-synthetischer Kraft ihm weit unterlegen ist, aber, wie er selbst an seinen Verleger schrieb, den unmittelbaren “Eindruck”, den die Welt auf ihn gemacht, in seiner Philosophie schon als Jüngling wiedergab.  Auf Hartmanns System kann hier nicht eingegangen werden.  Sein in Karlsruhe lehrender Schüler Arthur Drews hat die beste Darstellung von ihm gegeben:  die bekannten, von Hartmann selbst verfaßten “Grundrisse” führen am besten in es ein.  Um so merkwürdiger

ist es nun aber, daß die g e g e n w ä r t i g e Philosophie begonnen hat, die großen Werte auszuschöpfen, die in seinem Werke zweifellos vorhanden sind.  Abgesehen von den bedeutenden Leistungen seines Schülers A. Drews und einigen Antrieben, die er dem vielversprechenden Leopold Ziegler gegeben hat (vor kurzem hat sich dieser freilich in einer kritischen Schrift, “Hartmanns Weltbild”, ganz von Hartmann abgewandt, indem er, ohne dem Denker gerecht zu werden, seine Lehre sehr einseitig an den Ansichten Rickerts mißt), hat sich W. Windelband für die Bedeutung Hartmanns ein-gesetzt.  Besonders ist es seine “K a t e g o r i e n l e h r e”, sein subtilstes und gewaltigstes Werk, das sowohl auf Windelband als auf Rickerts Schüler, E. Lask, stark gewirkt hat.  Die Unterscheidung der “Reflexionskategorien” von den “Spekulativen Kategorien” die Unterscheidung ferner der drei Wirklichkeitssphären, der phänomenalen, objektiv realen und metaphysischen Sphäre, die Auffassung, daß die Relationskategorie der Ausgangspunkt der Ableitung a l l e r Kategorien sein müsse, die Ansicht, daß die Kategorien die Ergebnisse unterbewußter synthetischer Kategorialfunktionen seien, die nur in ihrem Ergebnis in das Bewußtsein hereinfallen (ihr hat sich auch G. Simmel in seinem Kantbuch angeschlossen), hat stark auf die Kategorienlehre der Gegenwart eingewirkt.  Ferner erscheint Hartmann als einer der ersten Vorkämpfer des nunmehr siegreich vordringenden erkenntnistheoretischen R e a l i s m u s gegenüber allen Formen des Bewußtseinsidealismus.  Hier war es besonders J. Volkelt, der in seinen Arbeiten “Über Erfahrung und Denken” und “Die Probleme menschlicher Gewißheit” die Hartmannsche Auffassung übernommen hat, daß unsere überall diskontinuierliche und durchbrochene, rein passive Bewußtseinswelt durch die Realsetzung einer außerbewußten Natur und die Setzung unter- und unbewußter psychischer Seins- und Wirksphären gedanklich ergänzt werden müsse, um einen rationellen Zusammenhang zu bilden.  So wenig

ich diese Richtung der Begründung des Realismus für aussichtsreich halte, scheint mir der gegenwärtige Gang zum Realismus doch von diesen Vorkämpfern stark abhängig.  Auf den heute ungemein wirksamen Denker Hans Driesch hat E. von Hartmann in mehreren Richtungen eingewirkt:  1. mit durch Volkelts Vermittlung in erkenntnistheoretischer Hinsicht; 2. in der Auffassung, daß es keine b e w u ß t e n “Akte und Tätigkeiten” gebe, diese vielmehr zu dem rein passiven Bewußtseinsinhalt erst hinzu erschlossen seien (siehe Driesch:  “Erkennen und Denken"); 3. in der Lösung des Problems der möglichen Koexistenz der mechanischen Zentralkräfte und Gesetze mit Gestalt und Richtung bestimmenden, mechanischen, unbewußten Oberkräften, durch deren Annahme der gewöhnliche Naturbegriff zwecks Erklärung der Lebenserscheinungen eine Erweiterung erfährt; 4. auch Hartmanns Lehre, daß es einen Parallelismus zwischen bewußten seelischen Erscheinungen, erschlossenen seelischen Tätigkeiten und den die organischen Formen und die Bewegungsreaktion der Organismen bestimmenden Tätigkeiten der vitalen Oberkräfte gebe, ist von Driesch und in einiger Modifikation auch von dem Referenten übernommen worden.  Auch die gegenwärtige starke Bewegung zu einer r e a l i s t i s c h e n P s y c h o l o g i e im Unterschiede von bloßer Bewußtseinspsychologie (Külpe, Scheler, M. Geiger, Driesch, in gewissem Sinne auch S. Freud, W. Stern) ist zuerst in E. von Hartmanns Lehre in die Erscheinung getreten.  Wesentliches von Hartmann übernommen hat ferner auch W. Stern in seinen originellen und zukunftsreichen Arbeiten “Person und Sache” und “Die menschliche Persönlichkeit”.  Besonders in der Annahme psychophysisch indifferenter zieltätiger Kausalfaktoren, die sich gleichzeitig in den physiologischen Vorgängen und Reaktionen, wie in den Bewußtseinsprozessen auswirken, steht Stern Hartmann nahe.  Die methodische Auffassung der Metaphysik als induktiver und nur wahrscheinlichen Erkenntnis, die nur gradweise über die

Realsetzungen der positiven Wissenschaften hinausgeht und das falsche Idol, gegen das Kant kämpft, das Idol einer absolut gewissen und apriorischen Begriffsmetaphysik, verwirft, hat unter den gegenwärtigen Metaphysikern viele Anhänger.  Die naturphilosophischen Lehren Hartmanns, besonders soweit sie sich auf die anorganische Welt beziehen, sind dem heutigen Wissensstande der Physik nicht mehr angepaßt; was aber nicht ausschließt, daß seine Kraftzentrenhypothese, nach der aller Stoff nur eine bewußtseinsideale Erscheinung ist, in modifizierter Form wieder zu Ehren kommt.  In der Religionsphilosophie hat Hartmann den sogenannten “konkreten Monismus” vertreten, der dem substanzialen Weltgrund ein logisches und alogisch-dynamisches Attribut zuschreibt, aus deren Kooperation und Widerstreit der gesamte Weltprozeß erklärt werden soll.  Durch A. Drews sind diese Gedanken auch in die allgemeine m o n i s t i s c h e Bewegung eingeflossen.  Den Wert dieser pessimistischen, Hegel, Schopenhauer und den späten Schelling verknüpfenden Metaphysik können wir ebensowenig als zukunftsreich erachten, als die willkürlichen geschichtsphilosophischen Konstruktionen Hartmanns, nach denen Paulus der Stifter des Christentums gewesen sei, und nicht in der Persönlichkeit Christi, sondern in den pantheistisch ausgedeuteten I d e e n d e r Gottmenschheit und der Erlösung das eigentliche Wesen des Christentums getroffen sei.  A. Drews ist in seiner “Christusmythe” von diesen Anregungen Hartmanns her dazu gekommen, das Christentum als eine Schöpfung der allgemeinen Religionsgeschichte verstehen zu wollen und die historische Existenz Jesu ganz zu leugnen.

Die zweitälteste Schicht der gegenwärtigen Philosophie besteht in den an K a n t anknüpfenden erkenntnistheoretischen Denkrichtungen.  So sehr sich nach meiner Ansicht diese Denkrichtungen in unaufhaltsamem Niedergang befinden, nehmen sie, dem Gesetz der historischen Trägheit folgend, doch noch einen sehr erheblichen Raum in der deutschen

akademischen Philosophie ein.  Mit Ausnahme der jüngsten, der durch Nelson erfolgten Wiedererweckung der Philosophie des Jenenser Physikers und Philosophen Jakob-Friedrich Fries, stammen sie alle aus der Zeit, da die deutsche Philosophie in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts durch den Rückgang auf Kant (zuerst O. Liebmann “Zurück zu Kant”) sich wieder ein akademisches Existenzrecht zu erwerben suchte.  Es sind v i e r Hauptgruppen kantianisierenden Denkens, die unter uns noch lebendig sind.  Der neukritizistische Realismus ist besonders von Alois Riehl vertreten worden in seinem Werk “Der philosophische Kritizismus” und in seiner schönen und klaren “Einleitung in die Philosophie der Gegenwart”.  Das “Ding an sich”, das die Marburger und Badener Schule vollständig ausscheiden, wird von Riehl als kausativer Faktor, auf dem die Materie der Empfindung beruhen soll, festgehalten.  Unser Verstand erzeugt nicht das Sein der Gegenstände, sondern gibt nur ihrem Gegenstandsein die apriorische Form.  Die logisch-synthetische Einheit des Bewußtseins ist nach Riehl die oberste Voraussetzung für die Gegenstände der Erfahrung.  Ihm entspricht das synthetische Identitätsprinzip, von dem auch die Kausalität (ähnlich wie bei Herbart und Lipps) nur eine bestimmte Anwendung auf zeitliche Geschehnisse sein soll.  Die Zeit- und Raumlehre Kants sucht Riehl mit den modernen empiristischen Theorien der Entstehung des Zeit und Raumbewußtseins zu versöhnen.  Die O r d n u n g e n des zeitlichen und räumlichen Auseinander und Nacheinander werden nach ihm nicht durch die Anschauungsformen von Raum und Zeit, sondern durch die Dinge an sich selbst bestimmt.

Neben der theoretischen Philosophie, die hier ausschließlich auf Erkenntnistheorie und Logik der exakten Wissenschaften beschränkt erscheint, gibt es noch eine Philosophie als “Weisheits- und Weltbegriff” die dem Menschen ein sittliches Ideal vor die Seele stellt.  Aus der praktischen

Philosophie Kants hebt Riehl ausschließlich die Autonomie der Persönlichkeit hervor, verwirft aber den kategorischen Imperativ; nicht minder verwirft er die gesamt religiöse Glaubens- und Postulatentheorie Kants.  Metaphysisch nennt sich auch Riehl “Monist” (kritischer Monismus), indem er annimmt, daß das Psychische und Physische nur zwei Betrachtungsweisen ein und derselben Wirklichkeit sind, die uns in ihrem Wesen unerkennbar ist und durch die Religionen nur auf Grund verschiedener sittlicher Lebenserfahrungen verschiedenartig ausgewertet wird.  Riehl wirkt in der gegenwärtigen Philosophie nur wenig mehr.  Angeregt von ihm sind Hönigswald und E. Spranger.

Die weitaus w i r k s a m s t e, an bedeutenden Persönlichkeiten reichste und vielseitigste neukantische Richtung ist auch gegenwärtig noch die von Hermann Cohen gegründete Schule von Marburg.  Hermann Cohen (1842-1918) hat sich durch eine Reihe kanthistorischer und kantphilologischer Schriften hindurch erst sehr langsam zu einem eigenen, großangelegten System hindurchgearbeitet, mit dem er in seinen drei Werken:  “Logik der reinen Erkenntnis”, “Ethik des reinen Willens” und “Ästhetik des reinen Gefühls” wenige Jahre vor seinem Tode hervorgetreten ist.  Zweifellos ist Cohen der herrschende Geist der Schule, freilich darum nicht auch derjenige, der am meisten in die Breite gewirkt hat.  Seltsame Vorzüge und Fehler vereinigte er in sich.  Auf dem Hintergrund einer patriarchalischen, ehrfurchtgebietenden Denkerwürde, durch die allein schon er den Schüler leicht mit der Überzeugung erfüllte, daß der Weltlogos in ihm selber und in jedem, der ihm folge, tätig sei, hebt sich sein philosophisches Werk ab.  Talmudischen Scharfsinn verbindet er mit einer seltsamen Dunkelheit, ja häufigen Abstrusität der Darstellung, auch in diesem Punkte dem stark auf seine Auffassung des Ding-an-sich-Begriffes wirksamen Moses Maimon nicht unähnlich.  Aber diese beiden Eigenschaften sind nicht die stärksten und wesentlichsten seiner Natur.  Was

ihn vor allen anderen Mitgliedern der Schule auszeichnete, das war eine freilich nur stellenweise in Vortrag und Werken hervorbrechende, Kant wahrhaft kongeniale Plastik des geistigen Schauens und der Darstellung; eben der Zug an Kant, der Goethe bei Lektüre der “Kritik der Urteilskraft” veranlaßt haben mag, zu sagen, “man trete in ein helles Zimmer”, wenn man Kant lese.  Dazu ging ein mächtiges, echtes und ernstes, sittliches Pathos von ihm aus.  Wenige erkannten so wie er die Niedergangszeichen des Wilhelminischen Zeitalters, die Vergötzung von Macht und Geld, von Nation und Staat.  Die ganze Reinheit und Klarheit der Denkweise des Kantianismus der Männer der Befreiungskriege schien in ihm, lebendig geworden und in seiner Person vor der Zeit anklagend zu stehen.  Diese Denkweise verband sich aber merkwürdigerweise bei ihm mit einem sehr bewußten Judaismus.  Freilich mit einem Judaismus, der, auf dem Ethos der Propheten des Alten Bundes beruhend, nicht nur alle ritualistischen und nomistischen Elemente des Judentums, nicht nur alle mystischen und pantheisierenden kabbalistischen Elemente die sich ihm später ansetzten, sondern auch den historisch gegebenen Theismus von ihm abstreiften.  Die Gottesidee war Cohen nur der Garant der “Einheit der Menschheit” und gleichzeitig ein notwendiges sittliches Vernunftideal.  Von Karl Marx und den deutschen sozialistischen Theoretikern hatte er, ähnlich wie schon A. Lange (s. s.  “Arbeiterfrage"), eine Reihe Grundsätze in sein ethisches und soziales System aufgenommen; besonders den von ihm aus dem Nationalen ins menschheitlich Abstrakte erhobenen jüdischen Messianismus, nach dem alles geschichtlich Gegebene nur von einem sittlichen Zukunftsideal her aufgefaßt und beurteilt werden kann; das verband ihn mit Marx, der diesen Messianismus nur unter seiner dogmatischen ökonomischen Geschichtsauffassung verhüllt hatte.  Nur so ist es zu verstehen, daß auf dem Boden des Marburger Kantianismus auch eine neue theoretische Fassung des Sozialismus

erwuchs, die besonders von Eduard Bernstein (Revisionismus), von Paul Natorp, von Vorländer und in manchen Kreisen der “Sozialistischen Monatshefte” vertreten wurde.  An H. Cohen schloß sich Paul Natorp an, der in seinen Schriften die neukantische Lehre zwar weit klarer und für eine philosophische Schulbildung eindeutiger und systematisierter vertrat als der Meister, aber weder dessen Tiefe noch dessen Schwung nahekam.  Als dritter bedeutendster Vertreter der Schule ist Ernst Cassirer zu nennen, der in seinen geschichtlichen und systematischen Werken der neukantischen Lehre vielleicht den schärfsten, präzisesten und gegenwärtig wirksamsten Ausdruck gegeben hat.

Der Marburger Kantianismus weicht von dem historischen Kant in sehr weitgehendem Maße ab.  Vollständig wird verworfen die Realsetzung eines Dinges an sich.  Cohen interpretiert Kant dahin, das Ding an sich sei bei Kant nur eine didaktische Anpassung an den naiven Realismus des Lesers; in Wirklichkeit bedeute diese Wortverbindung nur einen “Grenzbegriff unserer Erkenntnis” nämlich das Fernziel eines unendlichen Erkenntnisprogresses.  Diese Auffassung ist der von Maimon sehr ähnlich.  Daß sie historisch als Kantinterpretation falsch ist, duldet heute keinen Zweifel.  Indem so eine transzendente Wirklichkeit nicht nur nach ihrer Erkennbarkeit, sondern auch nach ihrem Dasein geleugnet wird, wird der Boden frei für einen neuen E r k e n n t n i s — und W a h r h e i t s b e g r i f f, den nach der Marburger Lehre Kant aufgestellt habe.  Erkennen bedeute nicht Abbildung, aber auch nicht zeichenartiges Bestimmen einer vorhandenen Gegenständlichkeit und Realität, sondern es bedeutet ideales “Erzeugen und Formen des Gegenstandes” selbst.  Der Gegenstand sei nicht gegeben, sondern seine Erzeugung sei unserem Verstande nach den ihm einwohnenden Gesetzen aufgegeben.  Die Naturgegenständlichkeit ist hiernach also ein ausschließliches Werk, freilich ein endlich nie vollendbares Werk, des denkenden Verstandes.  Gegenständlichsein und Realsein

heiße für einen Inhalt nichts anderes, als gesetzlich gedacht sein und im System der Gedanken und ihrer Relationen eine bestimmte Stelle haben.  Aber von welcher Gegebenheit ausgehend, erzeugt so der Verstand die Naturgegenstände?  Nach dem historischen Kant, auch nach Riehl und der südwestdeutschen Schule, ist ein anschaulicher Gehalt, die “Materie der Empfindung”, gegeben.  Anders nach H. Cohen.  Er erklärt:  “Wir fangen mit dem Denken an”; nichts darf dem Verstande gegeben sein, wenn er alles durch sich selbst erst bestimmen und erzeugen soll.  “Empfindung” sei ein Ausdruck, der selbst erst mit Hilfe der Kausalrelation und des Reizgedankens zu definieren sei als dasjenige, was an unserem Wahrnehmungsgehalt reizbedingt sei; also können Empfindungen nicht gegeben sein; auch sie sind ein gesuchtes X, ein “Problem des Verstandes”.  Soll damit gesagt sein, daß der Verstand, so etwa wie bei Hegel, rein aus sich heraus die ganze Welt erzeuge?  Das ist kaum die Meinung H. Cohens.  Einmal gibt auch er zu, daß in der natürlichen Weltanschauung Dinge, Ereignisse, Raum, Zeit und Kausalität irgendwie gegeben seien, und zwar als bewußtseinsjenseitig; aber das macht das Eigentümliche der neukantischen Lehre aus, daß im Unterschiede zum historischen Kant die Erfahrung der natürlichen Weltanschauung und die wissenschaftliche Erfahrung s c h r o f f getrennt und auseinandergerissen werden.  Die Wissenschaft hat hiernach dem Gehalt der natürlichen Weltanschauung gar nichts zu entnehmen, auch nicht die Daseins f o r m e n und Strukturen dieser natürlichen Wirklichkeit, geschweige ihren Gehalt.  Umgekehrt muß vielmehr die natürliche Weltanschauung und ihr Inhalt ihrerseits durch die Wissenschaft als physiologisches, psychologisches resp. biologisch zweckmäßiges Gesamtprodukt aus ursprünglichen Denksetzungen erklärt werden, die ihr —­ konsequent —­ also nicht entnommen sein können.  Ferner kommt es zu dem zweideutigen Satze H. Cohens:  “Nichts ist dem Denken gegeben,” und das Denken erzeuge erst im Urteil

des infinitesimalen Ursprungs die Realität nur dadurch, daß Cohen Existieren eines Gegenstandes, Gegenstandsein eines Seienden, Gegebensein und Bestimmtsein einander gleichsetzt.  Das Apriori Kants soll, das wahr der ursprüngliche Wurzelpunkt der Marburger Lehre, nur im “transzendentalen” Sinne genommen werden, d. h. hier freilich nicht nur als objektiv logische Voraussetzung für die Möglichkeit der mathematischen Naturwissenschaft und ihrer Gegenstände, sondern wenigstens nach der Auslegung des späteren Systems auch als eine Grund l e g u n g, die unser Denken immer neu zu legen tätig ist.  Die “Grundlage” wird also hier zur “Grundlegung”.  Auch die “Kategorien” sind nach der Marburger Lehre nicht etwa feste, auf einer Tafel ein für allemal zu bestimmende Schienen, in denen unser Denken laufen muß, sondern sie selbst sind eine prinzipiell unabgeschlossene Reihe reiner Denk e r z e u g u n g e n zum Ziele, je nach der gegebenen Problemlage, den unendlichen Prozeß der Wissenschaft fortzufahren.  Nicht nur Ding an sich und Empfindungsgegebenheit fallen hier im Gegensatz zum historischen Kant weg, sondern auch die “Anschauungsformen” sowie die kantische Scheidung von formaler Logik, transzendentaler Logik und Theorie des Wahrnehmungs- und Erfahrungsurteils.  Die Anschauungsformen von Raum und Zeit werden für Cohen und Natorp Denkkategorien; sie lösen sich in einer an Leibnizer Lehre gemahnenden Weise in ein System idealer Relationen auf, und die gesamte Mathematik soll, von Funktionentheorie und Algebra angefangen bis zur Geometrie, streng kontinuierlich ohne Heranziehung von intuitiven Minima, ausschließlich als strenges apriorisches Denkerzeugnis betrachtet werden.  Ferner fällt nach den Lehren der Marburger Schule der Unterschied zwischen Realwissenschaften und Idealwissenschaften vollständig dahin.  Auch die theoretische Physik erscheint hier vollständig formalisiert (nicht minder in anderer Richtung Rechtsphilosophie und Kunstphilosophie).  Der ganze Erkenntnisprozeß

der “Wissenschaft” —­ ein Begriff, der hier aufs einseitigste und noch einseitiger bei Kant an der mathematischen Naturwissenschaft orientiert ist, und zwar an der mathematischen Naturwissenschaft des newtonschen Zeitalters —­ wird hier in anschauungsfreies Denken, und zwar in erzeugendes Denken aufgelöst.  Alle Gegenstands- und Seinsprobleme werden künstlich in M e t h o d e n p r o b l e m e verwandelt.  So auch der Unterschied des Psychischen und Physischen.  Ein nicht zu übertreffender Scientivismus, der an die Stelle der Weltbegreifung ausschließlich die Begreifung der einen zusammenhängenden, den Kosmos aus dem Chaos erst e r z e u g e n d e n Wissenschaft rückt, ist eines der Hauptmerkmale der Marburger Philosophie.  Die Rechtsphilosophie hat sich z.  B. nicht direkt mit dem Rechte, die Kunstphilosophie nicht direkt mit der Kunst zu beschäftigen, sondern mit der Möglichkeit der Rechts- und Kunst w i s s e n s c h a f t.  Die Wissenschaft selbst, die, wie Cohen sagt, in “gedruckten Büchern” vorliegt, ist also allein das für den Philosophen Urgegebene; sie erscheint hier wie vom Himmel gefallen.  Auf die Art, wie von diesem Standpunkt aus das System der Kategorien hergeleitet wird, kann hier nicht ein gegangen werden.  Die genannten Cohenschen Grundideen haben N a t o r p und C a s s i r e r sowie die übrige große Schülerschaft weiterentwickelt.  Ein zweifelhafter Vorzug der Schule ist der Reichtum und die Vielseitigkeit ihrer Interessen.  Sie übertrifft hierin weit die übrigen Kantschulen.  Natorp hat die Idee Cohens, zunächst in erkenntnistheoretischer Hinsicht, besonders in drei Richtungen weiterentwickelt:  1. in bezug auf die Theorie der mathematischen Naturwissenschaft, besonders in seinem Buche “Die Grundlagen der exakten Naturwissenschaft”; 2. in seiner, einer erkenntnistheoretischen Fundierung der Psychologie dienenden “Allgemeine Psychologie”; 3. in der Richtung der Ethik und Sozialpädagogik.  Eine kurze geschickte Zusammenfassung seiner Ansichten hat er gegeben in den “Wegen zur

Philosophie” unter dem Titel “Philosophie” 1918.  Eine Art Geschichtsphilosophie des deutschen Volkes entwickelte er während des Krieges in seinem Buche “Deutscher Weltberuf”.  Ferner hat Natorp in seinem Werke über Platon versucht, die platonische Lehre mit Abstreifung alles dessen, was er bei Platon für “mythisch” hält, so zu deuten, daß an den “Ideen” Platons jeder dingliche Charakter verschwindet und sie als bloße “Gesetze”, die unser denkender Geist selbst zur Grundlegung des Wirklichen hervorbringt, erscheinen.  Schon mit diesem Werke, aber in vielleicht noch höherem Maße in den großen historischen Werken Ernst Cassirers über Leibniz und über “Geschichte der neueren Erkenntnistheorie” (in 3 Bänden) hat die Marburger Schule einen Weg beschritten, dessen fast einzigartig konsequente Verfolgung zwar ihrem eigenen System einen mächtigen geschichtlichen Halt zu geben scheint, der sich aber für eine objektive geschichtliche Auffassung der Philosophiegeschichte nach meiner Ansicht als geradezu ruinös erwiesen hat.  Diese geschichtliche Auffassung der Philosophiegeschichte ist geleitet von der an Hegel gemahnenden Idee, daß die Geschichte der philosophischen Ideen eine strenge logische K o n t i n u i t ä t und einen streng logischen Sachfortschritt darstelle, bei dem die philosophierenden Personen, ihr ursprüngliches charakterologisches Verhältnis zur Welt, ferner Religion, soziale Formen und Klassen, Interessen und Leidenschaften überhaupt keinerlei Rolle spielen.  Abgesehen von dieser rein fiktiven unerwiesenen Voraussetzung werden in den geschichtlichen Werken der Marburger Schule die behandelten Denker fast ausschließlich nach ihrer logischen und erkenntnistheoretischen Seite hin gewürdigt.  Dies tritt in Natorps Platonbuch wie in Cassirers Leibnizbuch mit ganz unsagbarer Einseitigkeit hervor.  Die Leibnizsche Metaphysik, die genau so der Ausgangspunkt seiner Logik, wie die Metaphysik des Aristoteles der Ausgangspunkt des “Organon” gewesen ist, wird von ihm so gut wie hinweginterpretiert.  Und

genau so ergeht z.  B. Descartes in der “Geschichte des Erkenntnisproblems”.  Mit vollem Recht hat jüngst Ernst von Aster in seiner kürzlich erschienenen “Geschichte der Erkenntnistheorie” (1921), die ein wahres und objektives Bild der Dinge an Stelle der Marburger Konstruktionen zu geben sucht, diesen Marburger Vergewaltigungsversuchen der Geschichte zugunsten ihres Systemes scharfen Widerstand entgegengesetzt.  Das erkenntnistheoretische Hauptwerk Cassirers heißt “Substanzbegriff und Funktionsbegriff” (1910).  Es enthält eine Erkenntnistheorie der Mathematik, theoretischen Physik und Chemie und soll zeigen, wie an Stelle der Herrschaft der Substanzkategorie und der begrifflichen Umfangsverhältnisse in der Entwicklung der neueren Wissenschaften mehr und mehr eine Denkweise getreten sei, die alle Substanzen als bloße hypothetische und nie endgültig zu bestimmende Ansatzpunkte zuerst erfaßter funktioneller Abhängigkeiten ansieht und eine Logik der Relationen an Stelle der Aristotelischen Subsumptionslogik setzt.  Schöne, zum Teil auch wahre und tiefe allgemeine Bildungsbücher hat ferner Cassirer während des Krieges uns geschenkt in seinen Arbeiten “Freiheit und Form” und “Idee und Gestalt”, in denen die Entwicklung der deutschen Dichtung in einige ihrer Hauptgestalten (Goethe, Schiller, Hölderlin, Kleist) nach der Einheit ihrer Struktur und Form mit der philosophischen Entwicklung des deutschen Geistes betrachtet werden (siehe besonders den wertvollen Aufsatz “Goethe und die mathematische Naturwissenschaft").  In der Rechtsphilosophie hat R u d o l f S t a m m l e r in seinen Büchern “Wirtschaft und Recht” und “Das richtige Recht” den neukantischen Gedanken Ausdruck gegeben, ferner hat auch der Österreicher Jurist Kelsen diese Philosophie zur Grundlage seiner Arbeiten gemacht.  Eine bekannte Kritik Max Webers von Stammlers Wirtschaft und Recht (siehe “Zeitschrift für Sozialpolitik”) und ein eben erschienenes Buch des Bonner Juristen Kaufmann haben die ungemeinen Schwächen dieser Rechtstheorie

treffend aufgedeckt (siehe E. Kaufmann, “Kritik der neukantischen Rechtsphilosophie”, 1921).  Die Biologie suchte N. Hartmann in einer Sonderschrift den neukantischen Grundsätzen zu unterwerfen, ein sehr zukunftsreicher Forscher, der sich aber neuerdings von der Marburger Schule weit abgewandt und einer mehr ontologischen Denkrichtung zugewendet hat, die er nicht ohne Einfluß der Phänomenologie genommen haben dürfte.

Jünger unter den gegenwärtigen Kantschulen ist die “Badische” oder auch “Südwestdeutsche Schule”.  Sie ist begründet von W. Windelband, fand ihren größten und wirksamsten Systematiker in Heinrich Rickert, als dessen wichtigster Schüler, aber auch in gewissem Sinne schon Überwinder, der im Kriege zum Leide der deutschen Philosophie gefallene zukunftsreiche Emil Lask gelten muß.  Nahe stehen dieser Schule vermöge ihres gemeinsamen Ausgangspunktes von J. G. Fichte auch Paul Hensel und der auch von Hegel stark beeinflußte Jonas Cohn; in etwas weiterer Entfernung aber der erheblich selbständige, an der Harvard-Universität in Amerika lehrende, während des Krieges gestorbene Hugo Münsterberg.  Z w e i Dinge unterscheiden diese Schule scharf von jener Marburgs.  Während die Marburger Schule sich aufs einseitigste an der mathematischen Naturwissenschaft zu orientieren suchte, sind es die historischen und Kulturwissenschaften, die den Interessenkreis dieser Schule vor allem beherrschen.  Die Geschichte ist Rickert das “Organon der Philosophie”.  Zweitens ist es ein bereits durch J. G. Fichte hindurchgesehener Kant, dessen Lehren hier weiterentwickelt werden.  Das erste Moment hat seinen Hauptgrund darin, daß der Schöpfer dieser Schule, W. Windelband, an erster Stelle Philosophiehistoriker war.  Auf diesem Boden hatte Windelband bedeutende Leistungen aufzuweisen, die freilich auch weitgehender Kritik offenstehen und ihr zum Teil auch wirklich verfielen.  In seinem Platonbuche z.  B. gibt er nach meiner Meinung dem Ideal des Guten bei Platon

eine Deutung, die durchaus fichteisch und kantisch und das gerade Gegenteil von platonisch ist.  Fast überall, wo er über mittelalterliche Philosophie sprach, verfällt er, wie Baeumker und seine Schüler zeigten, tiefgreifenden Irrtümern.  Systematisch ist Windelband zuerst hervorgetreten mit seiner Doktordissertation “Über den Zufall”, ferner mit seiner Rektoratsrede “Über nomothetische und ideographische Wissenschaften”, die den Ausgangspunkt für Rickerts Geschichtstheorie in seinem Buche über “Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung” gebildet hat, ferner in seinen zwei Bänden “Präludien” in seiner “Einleitung in die Philosophie”, in Arbeiten zur Kategorienlehre und in seinem Buche “Über Willensfreiheit”.  In seiner Schrift über den Zufall findet sich noch der französische Philosoph und Mathematiker Cournot zitiert, der meines Erachtens zuerst die Behauptung aufgebracht hat, daß es objektives, aber in gesetzmäßige Beziehungen unauflösbares Wirkliches gebe, das zwar dem Kausalprinzip, sofern es konkrete Kausalität fordere, nicht aber dem Gesetzesprinzip unterworfen sei; ferner, daß es die Geschichte mit diesem, objektiv zufälligen Sein, im Unterschiede von allem gesetzmäßigen Sein und Geschehen zu tun habe.  Derselbe Gedanke findet sich übrigens v o r jener Rede Windelbands auch bereits bei Harms und ferner in Hermann Pauls “Prinzipien der Sprachgeschichte”.  Streng systematisch zu begründen versuchte ihn aber erst H. Rickert in dem obengenannten Werke.  Rickert ging dabei aus von einer bestimmten Theorie der Begriffsbildung, die er in kritischer Auseinandersetzung mit dem Logiker Sigwart gewann.  Diese Begriffstheorie ist streng nominalistisch und hat mit jener der Positivisten, z.  B. E. Machs, eine große Ähnlichkeit.  Der Begriff soll sein eine “Überwindung der extensiven und intensiven unendlich reichen Mannigfaltigkeit”, die jeder noch so einfache Teil des unmittelbar erlebten Wirklichen enthalte.  Den auf diese Weise gebildeten Begriffen und nicht minder den analog gebildeten Gesetztsrelationen, in die sich

in letzter Linie auch die Begriffe sollen auflösen lassen, kommt “Geltung” zu, nicht aber Wirklichkeit oder Realität.  Neben dieser Betrachtungsart ein und desselben, unter die Kategorie der “Gegebenheit” ursprünglich gefaßten formfreien “Stoffes der unmittelbaren Erlebnisse” soll es aber noch eine prinzipiell entgegengesetzte Richtung der Betrachtung und des Denkens geben.  Sie sucht nicht die Mannigfaltigkeit durch Allgemeinbegriffe zu überwinden, sondern diese Mannigfaltigkeit durch Bildung von Individualbegriffen immer genauer als “Individuum” und als Ganzes und Teil zu bestimmen.  Individuum und Allgemeines sollen also das Ergebnis von zwei entgegengesetzt gerichteten Formungen und Betrachtungsweisen ein und derselben Materie der Erfahrung sein, freilich so, daß die kategoriale Form des Individuums (Rickert führt sie als eine neue Kategorie in das Kategoriensystem Kants ein) “k o n s t i t u t i v e” Bedeutung für dc Wirklichkeit besitze, während der Gesetzeskategorie nur “regulative” Bedeutung zukomme.  Die letzte Wurzel des Unterschiedes von Naturwissenschaften und Geschichtswissenschaften soll nun ausschließlich in diesen zwei Betrachtungsweisen gelegen sein.  Man muß wohl beachten, daß die Betrachtungsweisen nicht k o o r d i n i e r t sind.  Da die Kategorie des Individuums konstitutiv ist (und mit ihr auch die Kategorie der konkreten Kausalität), ist die Weltwirklichkeit p r i m ä r nicht “Natur”, sondern “Geschichte”.  Und was wir “Natur” nennen, ist in letzter Linie nur ein allgemein abstrakter Auszug aus dieser konkreten einmaligen Wirklichkeit, der nicht notwendig wäre, wenn unser Geist so umfassend wäre, a l l e s individuell Wirkliche im g a n z e n Reichtum seiner Mannigfaltigkeit erfassen zu können.  Dadurch erhält die Geschichtswissenschaft einen metaphysischen Vorzug vor der Naturwissenschaft.  Diese philosophisch ganz unbegründete Behauptung ist nur eine ganz willkürliche logische Scheinrechtfertigung einer aus allen Äußerungen dieser Schule hervorgehenden primären geringen

Wertung der Naturwissenschaft und insbesondere aller Natur p h i l o s o p h i e.  Diesem Begriff der Naturwissenschaft wird von Rickert außerdem die von ihm ganz unkritisch rein mechanisch sensualistisch aufgefaßte Psychologie eingeordnet.

Ein zweites Merkmal des historischen Gegenstandes soll außer der individualisierenden Betrachtung des Wirklichen nach Rickert die Beziehung dieses Wirklichen auf ein System allgemein gültiger Werte sein.  Erst diese Beziehung soll aus der unermeßlichen Fülle des individuell Wirklichen dasjenige auswählen, was —­ sei es in positiver oder in negativer Wertrichtung —­ “kulturell bedeutsam” ist.  Die allgemeingültigen Werte werden durch die Philosophie festgestellt; ja, die Philosophie wird bei Windelband und Rickert geradezu als die “Wissenschaft von den allgemeingültigen Werten” definiert.  Gegen diese neue “Logik der Geschichte”, an deren Erweiterung, Kritik und Ausbau sich auch G. Simmel und H. Maier, ferner Troeltsch und Max Weber beteiligt haben, sind die eingehendsten und meiner Meinung nach treffendsten kritischen Einwände von Erich Becher in seinem Buche “Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften (1921) erhoben worden.  Auch F. Krüger hat in seinem wertvollen Buche “Über Entwicklungspsychologie” (1915) viel Treffendes gegen Rickerts Begriff der Psychologie gesagt.  Beide angegebenen Merkmale können den geschichtlichen Gegenstand nicht umgrenzen.  Auch die Naturwissenschaft muß, z.  B. in der Geographie, in der Mondkunde, vor allem aber im ganzen Gebiet der Naturkunde überhaupt, individualisierend vorgehen, und auch in den verschiedenen geschichtlichen und historischen Geisteswissenschaften gibt es weitgehend Gesetzlichkeit und typische Entwicklungsabfolge von Erscheinungsreihen.  Nur wenn man ferner mit Rickert die mechanische Naturansicht mit Einschluß des Biologischen und einer ausschließlichen sensualistischen Assoziationspsychologie als die einzig wahre Naturwissenschaft bereits willkürlich voraussetzt, auf geistesgeschichtlichem Boden

aber alle Versuche, neben der verstehenden Geschichte auch eine erklärende und zugleich phasengesetzliche Geschichtserkenntnis zu geben, völlig verwirft, kann man auf Rickerts Meinung kommen.  Weder läßt sich der ontische Gegensatz des geistig-psychischen Seins und der äußeren Naturtatsachen, der übrigens durch die e i g e n g e s e t z l i c h e n Erscheinungen des organischen Lebens vermittelt wird, in einen bloßen Unterschied von “Betrachtungsweisen” verwandeln; noch läßt sich mit Fug behaupten, die Psychologie habe für die Geschichte keine Bedeutung (siehe hierüber Krüger).  Auch die Wertbezogenheit ist nicht w e s e n t l i c h für das geschichtlich “Bedeutsame”; es genügt dazu die Größe der Wirkungsfähigkeit eines Tatbestandes.  Die eigentlichen Probleme der Geschichtserkenntnis, die Frage nach den mannigfaltigen Erkenntnisarten und Realsetzungsgründen fremden Bewußtseins und das von W. Dilthey so tief aufgenommene, von E. Spranger und von dem Schreiber dieser Zeilen weitergeführte Problem des geschichtlichen “Verstehens” sind durch Rickert gar nicht ernstlich berührt.  Die Erkenntnistheorie der Südwestdeutschen Schule hat ihr Hauptwerk in Rickerts “Gegenstand der Erkenntnis” (3.  Auflage, Tübingen 1915).  In ihrem Mittelpunkt steht ein erkenntnistheoretischer Idealismus, der aber nicht extremer Rationalismus und Logizismus wie jener der Marburger ist, sondern zugleich die alogischen und arationalen Fundamente gegebener Erlebniswirklichkeit anerkennt.  Der erkenntnistheoretische Realismus wird am Anfang mit den denkbar billigsten Mitteln in den drei Formen des Kausalschlusses, des Interpolations- und des voluntativen Realismus (Dilthey, Frischeisen-Köhler) zu widerlegen gesucht.  Alles Seiende und Gegenständliche soll seinen anschaulichen Fundamenten nach “Inhalt eines Bewußtseins überhaupt” sein, das Rickert durch ein negatives Verfahren, durch das er den natürlichen Ichbegriff (pssychophysisches Subjekt, psychologisches Subjekt, erkenntnistheoretisches Subjekt) immer weiter zu beschränken

sucht, gewinnt.  Die Fehler dieses Verfahrens können hier nicht aufgewiesen werden; auch der Widersinn nicht, ein sogenanntes “überindividuelles Ich”, das weder eine Außenwelt, noch ein Du, noch einen Leib sich gegenüber hat, anzunehmen.  Der eigentliche “Gegenstand der Erkenntnis” soll nun weder bestehen in einem bewußtseinsjenseitigen Seienden noch in einem bewußtseinsimmanenten Gehalt der anschauenden Akte; vielmehr soll das, was wir “Gegenstand” nennen, auf ein “transzendentes Sollen”, d. h. auf die Forderungen zurückgeführt werden, über das Bewußtseinsgegebene bestimmte Arten von U r t e i l e n zu fällen und es in diesen Akten mit kategorialen Formen zu umkleiden.  Dieser Gedanke ist von Fichte übernommen, der ja auch das “Sollen” dem Sein, das Gewissen dem Wissen, die sittliche Forderung der theoretischen Erkenntnis vorhergehen läßt.  In seinem letzten Werk “System der Philosophie” (1.  Band) hat Rickert nichts wesentlich Neues seinen früheren Arbeiten hinzugefügt.

Übersieht man das Ganze dieser Schule, so kommt ihr gegenüber der Marburger Philosophie nur e i n zweifelloser Vorzug zu.  Sie erkennt g e g e b e n e Bestände überhaupt an; sie macht nicht den Versuch, die ganze Welt in reine Denkbestimmungen aufzulösen; aber sie tut dies leider auch unter weitgehender Preisgabe der Rechte des Denkens und verfällt so in einen “Nominalismus”, der sich von dem Nominalismus etwa E. Machs und der Positivisten nur der Färbung der Darstellung nach unterscheidet.  In jeder anderen Hinsicht ist die Schule der Marburger Lehre weit unterlegen.  An Stelle des ungemeinen Reichtums und einer bewunderungswürdigen Vielseitigkeit der Marburger Gedankenwelt treten hier einförmige schematisierende Wiederholungen von ein paar überaus ärmlichen und dürren Grundgedanken, die sich, verbunden mit der aufgeblähten, von J. G. Fichte ererbten, Icharroganz dem gesamten Universum gegenüber vergeblich bemühen, eine ganze Philosophie zu tragen.  Der sogenannten “Kultur” (selbst die Religion wird hier auf ein

fadenscheiniges “Norm- und Kulturbewußtsein” in letzter Linie zurückgeführt) wird eine Rolle und eine Bedeutung im Ganzen des Weltgetriebes zugesprochen, sie ihr nicht im entferntesten zukommt.  Eine Naturphilosophie ernst zu nehmender Art, eine tiefere Fundierung der Psychologie oder irgendwelche Leistungen auf diesem Gebiet besitzt die Schule überhaupt nicht und kann sie gar nicht besitzen, da sie ihren Jünger von vornherein mit tiefster Verachtung gegen die Wunder der Natur erfüllt.  Natur ist hier genau wie bei Fichte im Grunde nur “Material” für ein leeres Kulturgetue, das seinen letzten Sinn haben soll in frei in der Luft schwebenden rein formalen “Werten” und “Geltungen”.  Die falsche Meinung, es ließe sich der Wertbegriff auf ein Sollen zurückführen und “Wahr” und “Falsch” seien nur Werte n e b e n anderen, ist von Meinong, dem Verfasser (siehe “Formalismus in der Ethik”, 2.  Auflage), und zum Teil auch von E. Lask, der eben starb, als er die grobmaschigen Schematismen seiner Lehrer zu überwinden anfing, widerlegt worden.  Es muß geradezu als ein kulturpsychologisches Problem gelten, wie diese l e e r s t e der deutschen Kantschulen in unserem Lande so starke Verbreitung finden konnte.  Ich sehe seine Lösung vor allem darin, daß sie der herkömmlichen historischen Richtung in der deutschen Geschichtswissenschaft das philosophische R e c h t ihrer Existenz immer neu bestätigte und jedes satte Genügen an den herkömmlichen Methoden “philosophisch” rechtfertigte; ferner darin, daß die Aneignung jener paar Formeln über Wert und Sein und generalisierende und individualisierende Betrachtung mit Ausscheidung aller echt philosophischen Probleme der Metaphysik, der Naturphilosophie, der Psychologie, der Ethik und Ästhetik nur ein Minimum von Denkarbeit kostete und doch gleichzeitig den Adepten mit dem Bewußtsein erfüllte, nun ein ganzer Philosoph zu sein. (Vgl. auch hierzu W. Windelband:  “Die Philosophie im deutschen Geistesleben des 19.  Jahrhunderts”, 1909.) Weit tiefer faßte die

Probleme der Weltlehre und der Erkenntnistheorie, der Psychologie und der Geisteswissenschaften der gleichfalls von Fichte ausgegangene Hugo Münsterberg in seinen “Grundzügen der Psychologie” und in einer “Philosophie der Werte”.  Er versuchte aus rein erkenntnistheoretischen und methodologischen Forderungen heraus (freilich überkonstruktiv und mit fichteischer Gewalttätigkeit) eine strenge Assoziationspsychologie zu versöhnen mit der Anerkennung einer primär nur gewerteten “Lebenswirklichkeit” (der eigentlichen metaphysischen Sphäre), die nur zu gewissen methodischen Zwecken technischer Daseinsbeherrschung in einen äußeren Naturmechanismus “umgedacht” werde.  Von diesem Mechanismus müsse in der erklärenden Philosophie auch das Psychische als abhängig gedacht werden.  Von ihr verschieden ist jedoch eine subjektivierende Aktpsychologie, die Grundlage der Geisteswissenschaften sei.

In einem loseren Verbande mit beiden Kantschulen stand auch Georg Simmel, der sich von einer anfänglich mehr positivistisch eingestellten Denkrichtung über die Problematik Kants hinweg schließlich zu einer “Lebensphilosophie” durchrang, deren Ergebnis er in dem nach seinem Tode im Nachlaß erschienenen Werke “Lebensanschauung, vier metaphysische Kapitel” darstellte.  Der Aufsatz “Über den Tod” ist das Tiefste und Reifste, was dieser eigenartige und weit über die deutschen Grenzen hinaus anregende Denker geschrieben hat.  Auch sein Aufsatz über “Das individuelle Gesetz”, in dem er ähnlich wie Schleiermacher und der Verfasser in seiner “Ethik” neben “allgemeingültigen moralischen Werten” auch “individualgültige”, d. h. eine je individuell sittliche Bestimmung des Menschen darzutun sucht, hat die Ethik bedeutend gefördert.  Seiner durch Bergson angeregten letzten “Lebensphilosophie” die dunkel, unbestimmt und verworren bleibt, kann ein gleicher Beifall nicht gezollt werden.

Die vierte von Leonhard Nelson begründete Kantschule, die einen reichen Kreis von Forschern aller Disziplinen unter

sich vereinigt, hat ihre Ansichten besonders in den zahlreichen Werken ihres Begründers und in den “Abhandlungen zur friesischen Schule” dargelegt.  In scharfem Gegensatz zur “transzendentalen” Auffassung des kantischen Apriori, von dem Cohen ausging, wird hier die Lehre vertreten, daß wir nur auf dem Wege anthropologischer Selbstbesinnung mit Hilfe eines Verfahrens der Reduktion der gegebenen Wissenschaften die obersten Grundsätze der Vernunft feststellen können.  Von einem “Vertrauen in die Vernunft” ausgehend, das ein rein subjektiver Akt bleibt, müssen die obersten evidenten Einsichten, nach denen wir das Gegebene in mittelbarem, Denken bearbeiten, nicht “erzeugt”, sondern nur als ursprünglicher Besitz unseres Geistes enthüllt werden.  Die Voraussetzung dieser Schule ist die Existenz einer unmittelbar anschauenden Vernunft, deren Grundsätze teils anschaulich (mathematische Grundsätze), teils unanschaulich (z.  B. Kausalprinzip) evident sind, und die durch das reduktive Verfahren weder “deduziert” noch “konstruiert” sondern allein für die Selbstbesinnung als evident enthüllt werden müssen.  So muß der apriorische Besitz unseres Geistes nicht auf apriorische, sondern auf aposteriorische Weise gefunden und entdeckt werden.  Eine “Erkenntnistheorie” im üblichen Sinne, sofern sie die “Möglichkeit der Erkenntnis” erst aufweisen will, ist nach Nelson ein sinnloses Unternehmen; denn nur auf Grund schon gewonnener evidenter Erkenntnis können wir anderweitige Erkenntnis einer Prüfung und Kritik unterwerfen.  Von dieser an Fries anknüpfenden theoretischen Basis aus hat die Schule eine überaus rege und, wie auch derjenige, der ihr fernesteht, sagen muß, s e h r wertvolle, sowohl positiv schöpferische als kritische Tätigkeit entfaltet.  Sie hat die Theologie stark befruchtet (siehe Bousset und vor allem Rudolf Otto, dessen ausgezeichnetes Werk über “Das Heilige” von der Schule stark bestimmt ist).  Sie hat auf dem Boden der Philosophie, der Mathematik und der exakten

Naturwissenschaft eine sehr rege Tätigkeit entfaltet; sie hat in Kronfeld einen Vertreter gefunden, der nach ihren Grundsätzen die Erkenntnislehre der Psychiatrie eingehend bearbeitet und gefördert hat.  Vor allem aber hat ihr charaktervoller und geradsinniger Urheber L. Nelson auf dem Boden der Rechts- und Sozialphilosophie achtungswerte Werke hervorgebracht (siehe besonders “Die Rechtswissenschaft ohne Recht").  In überaus scharfsinniger, freilich allzusehr im Formalismus Kants steckenbleibender Art und Weise wird hier mit Reinheit und Mut die Majestät des Rechtsgedankens auf Grund evidenter Vernunfteinsichten gegen alle Verdunkelungen durch Rechtspositivismus und der in der Jurisprudenz stark herkömmlichen Machtlehre vertreten.  Auch das große Werk Nelsons “Vorlesungen über die Grundlagen der Ethik” ist besonders in seinen kritischen Teilen von großem Scharfsinn.  Gegenüber Kant wird neben dem “Pflichtgemäßen” ein “Verdienstliches” anerkannt, und die Liebe und das Ideal der “schönen Seele” freilich mehr als ästhetischer denn ethischer Wert in die Grundkategorien des menschlich Wertvollen eingefügt.  In ihrer politischen Tendenz vertritt die Schule einen radikalen Liberalismus der geistigen Individualität, den sie gerne auch an die konfuzianische Weisheit des chinesischen Ostens anzulehnen sucht.

Überblickt man das Ganze dieser vier Kantschulen, wird man mit Verwunderung vor der Tatsache stehen, die Kantianer immer noch über den Sinn der Lehre ihre Meisters streiten, und noch mehr darüber, daß so grundverschiedene Geistesarten auf demselben Boden des Kantianismus überhaupt möglich sind.  Daß aus der Starrheit dieser Schulkreise heraus d i e Philosophie, wie wir sie oben als erstrebenswert bezeichnet hatten, hervorwachsen werde, glauben wir bei allem Wertvollen, das besonders die Marburger und die Friesschule geleistet haben, nicht.  Die ungeheuren Literaturmassen, die sich in den letzten Jahrzehnten mit Interpretation, Fortführung, Neugestaltung der kantischen Philosophie

beschäftigt haben, stehen auf alle Fälle zu den Förderungen, welche die Philosophie durch sie erhielt, in gar keinem sinnvollen Verhältnis.  Wenn man dazu erwägt, daß die Grundpositionen Kants (ich rechne dazu seinen Ausgangspunkt von der newtonschen Naturlehre, seine Lehre, das Gegebene sei nur ein “Chaos von Empfindungen” und alles, was Ordnung und Beziehung, Einheitsform und Gestalt am Gegenstand der Erfahrung sei, müsse durch funktionsgesetzlich geregelte Verstandestätigkeiten in den Gegenstand erst hineingekommen sein, ferner seine Annahme der prinzipiellen Erklärbarkeit der Natur auf Grund der Prinzipe der Mechanik) heute der schärfsten und nach meiner Meinung der strengsten Widerlegung verfallen sind, so wird man nur von einer neuen untradionalistischen S a c h philosophie —­ einer Philosophie, die nicht von einer historischen Autorität ausgeht, sondern höchstens retrospektiv auf Grund ihrer gewonnenen Erkenntnisse sich auch einer philosophiegeschichtlichen Tradition eingeordnet weiß, Wertvolles und Dauerndes erwarten dürfen.

Einen weit geringeren Einfluß als die kantische Philosophie übt auf die Philosophie der Gegenwart der Positivismus und sein neuester Ableger, der von den Amerikanern Peirce und W. James und dem Engländer Schiller, in gewissem Sinne auch von Fr. Nietzsche (siehe besonders “Der Wille zur Macht”) angeregte, für das engere Gebiet der naturwissenschaftlichen Erkenntnistheorie auch von Henri Bergson angenommene sogenannte “Pragmatismus” aus[1]).  Der

  [1] W. James:  “Der Pragmatismus (Philosophisch-Soziologische Bücherei
  Bd. 1:  F. C. S. Schillers “Humanismus” (derselben Sammlung, Bd. 25; ferner
  W. James:  “Das pluralistische Universum”, übersetzt von J. Goldstein (Bd. 33).

europäische Positivismus hat seinen Ursprung und Hauptsitz in Westeuropa; Bacon, D. Hume, D’Alembert, Condorcet, A. Comte, J. St. Mill, H. Spencer, Taine und Buckle waren seine bedeutendsten geistigen Väter.  In der gegenwärtigen deutschen Philosophie hat er so wenig wie in der deutschen Philosophie überhaupt eine allseitige, alle Gebiete der

Philosophie umfassende Vertretung gefunden.  Als strengere Positivisten können unter den Älteren für die Erkenntnistheorie nur E. Mach und Avenarius, in der unmittelbaren Gegenwart der aus der Psychiatrie zur Philosophie gekommene selbständige und originelle Forscher Theodor Ziehen gelten.  Eine größere Anzahl von Forschern sind stärker von ihm beeinflußt, so z.  B. der kürzlich verstorbene Benno Erdmann (siehe besonders seine “Logik”, 1.  Band, 2.  Auflage).  In seinen älteren Arbeiten ist auch A. Riehl, ferner Hans Cornelius, der Humesche und Machsche Gedankengänge mit Kants Erfahrungstheorie eigenartig verquickt hat (siehe Cornelius:  “Transzendentale Systematik”, 1916), vom Positivismus bestimmt.  Als ein dem Pragmatismus, freilich mit mehr Nietzschescher als angelsächsischer Färbung, näherstehendes Werk muß die “Philosophie des Als-ob” von H. Vaihinger angesehen werden.  Unter den jüngsten Erkenntnistheoretikern steht Moritz Schlick ("Allgemeine Erkenntnislehre”, 1918) freilich mit realistischem Einschlag dem Positivismus vermöge seines extremen Nominalismus (Erkennen sei nur “eindeutiges Bezeichnen und Ordnen der Gegenstände”) nahe.  In der Ethik und Religionsphilosophie lehrte Jodl einen monistisch modifizierten Positivismus.  In der Soziologie und Geschichtsphilosophie steht ihm Müller-Lyer, L. von Wiese, W. Jerusalem (siehe “Die Phasen der Kultur”, “Einleitung in die Philosophie”) und R. Goldscheid nahe. wesentlichste Basis des deutschen Positivismus ist eine sensualistische Erkenntnistheorie und ein Versuch, die Denkkategorien psychologisch oder soziologisch geschichtlich herzuleiten.  Die Auffassung, daß die kategorialen Formen nicht Seinsformen, die Denkgesetze nicht Seinsgesetze seien, teilt der Positivismus mit den Kantianern.  Während aber jene die apriorische Struktur unseres Denkens nur auffinden oder, wie die Marburger, immer neu aus ursprünglicher Denkfunktion rein erzeugen wollen, bemüht sich der Positivismus nach humeschem Muster, sie auf dem Boden einer beschreibenden

(oder bei manchen selbst genetischen) Psychologie und Soziologie zu verstehen.  Die sensualistische Auffassung, daß der gesamte Inhalt der natürlichen und wissenschaftlichen Erfahrung auf Sensationen und deren Residuen, resp. auf die Verknüpfung dieser Residuen nach den Assoziationsgesetzen zurückführbar sei, das Denken aber auf Zeichengebung und Abfolge ähnlicher Vorstellungsbilder in letzter Linie beruhe, macht die eigentliche erkenntnistheoretische These des Positivismus aus.  Ihr entspricht dann die F o r d e r u n g, aus der Wissenschaft alles das auszuscheiden, was über aufweisbare Empfindungselemente und über die Funktionalbeziehungen von deren Komplexen hinausgehe.  Jeder asensuelle und übersensuelle u r s p r ü n g l i c h e Bestand im Gegebenen der Erfahrung, der nur durch ein ursprüngliches, von Bildern nicht ableitbares eigengesetzmäßiges D e n k e n (oder andere geistige Funktionen, wie Intuition, kognitives Fühlen usw.) zu erfassen wäre, wird bestritten.  Alle “Substanzen” und “Kräfte” und alle sinnlich nicht aufweisbaren Inhalte und Realsetzungen solcher müssen aus der Wissenschaft in letzter Linie ausgeschieden werden:  sofern man aber mit Substanz- und Kraftbegriffen in ihr operiert, kommt diesen Operationen genau so wie den in der Wissenschaft verwandten allgemeinen Begriffen und Gesetzen nur die ökonomische Bedeutung zu, mit Bildvorstellungen zu sparen ("Prinzip der Denkökonomie").  Mit dieser Auffassung verbindet sich eine streng nominalistische Lehre vom begrifflichen Denken, die in Deutschland am schärfsten durch H. Cornelius ("Einleitung in die Psychologie"), E. von Aster und neuerdings von Schlich durchgeführt worden ist (zur Kritik dieser Lehre vergleiche E. Husserl:  “Logische Untersuchungen”, Band 2).  In der Realitätsfrage hat sich der deutsche Positivismus (mit Ausnahme von Schlick) im Unterschied von jenem Spencers im wesentlichen ablehnend verhalten.  Die Existenz der Welt ist ihm nur der “geordnete Inbegriff ihrer Wahrnehmungsmöglichkeiten”.  Avenarius

hatte die Gegenstände, Bewußtsein, Seele, Ich auf eine ursprüngliche Täuschung zurückgeführt, die durch Introjektion eines Umgebungsbestandteils (z.  B. wahrgenommener Baum) in den Mitmenschen (als “immaterielles Abbild” des Baumes) und erst sekundär auch in das erkennende Ausgangssubjekt noch einmal “hineinverlegt” worden sei (s.  Avenarius:  “Der natürliche Weltbegriff").  E. Mach, der mehr von idealistischer Seite her kam, nahm letzte qualitative Seinselemente an (blau, rot, hart, Ton usw.), die, wenn sie in ihrem gegenseitigen Zusammenhang und in den Abhängigkeiten ihrer möglichen Komplexveränderungen untereinander betrachtet werden, “Natur” heißen; “Empfindungen” aber, wenn sie und ihre Komplexänderungen betrachtet werden in Abhängigheit von den physiologischen Vorgängen des Organismus.  Auch das “Ich” ist ihm nur ein solcher relativ konstanter Komplex von Seinselementen.  Eine vorzügliche Kritik dieser “Ich"- lehre gibt K. Österreich in seinem Buch “Phänomenologie des Ich”.  Der Unterschied von Psychisch und Physisch soll hiernach kein Unterschied der Materie und der Gegenstände sein, sondern nur ein Unterschied in der Betrachtung der Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den Seinselementen.  Mach hat diese Lehre in seinen großen Werken zur Geschichte der Naturwissenschaft (Geschichte der Mechanik, des Satzes von der Erhaltung der Arbeit, der Wärmelehre) und in seinem letzten, sehr wertvollen und lehrreichen Werke “Erkenntnis und Irrtum” auch geschichtlich zu unterbauen gesucht.  Die moderne mechanische Naturansicht hat nach seiner Meinung nur in dem historischen Z u f a l l ihren Grund, daß man die Bewegungserscheinungen fester Körper zeitlich zuerst studierte (Galilei), um dann, nach dem Prinzip:  Erklären heiße nur “relativ Unbekanntes auf zuvor Bekanntes” zurückzuführen, auch die übrigen Naturerscheinungen auf Bewegungsgesetze fester Dinge zurückzuführen.  Tatsächlich aber bestehe kein Seinsunterschied zwischen “primären” und “sekundären” Qualitäten.  Besonders die Bedeutung

denkökonomischer A n a l o g i e n und Bilder für den wissenschaftlichen Fortschritt hob er nach dem Vorgang englischer Physiker (Maxwell, Lord Kelorn, Clifford) in seinen geschichtlichen Werken und in “Erkenntnis und Irrtum” stark hervor.  Aber alle diese “Bilder” müssen zugunsten strenger, rein mathematisch formulierter Funktionsgesetze eines Tages wieder aus der Wissenschaft ausgeschieden werden, wenn sie den neuen Beobachtungen nicht mehr genügen.  Auch der modernen Relativitätstheorie Einsteins hat E. Mach durch seine Kritik Newtons, besonders seiner Lehre von der absoluten Bewegung vorgearbeitet (siehe Geschichte der Mechanik).  Diese Auffassung der Arbeit der Naturwissenschaft ist in neuester Zeit von Planck ("Einheit des physikalischen Weltbildes"), Stumpf, Külpe, ferner von allen realistischen und kantischen Schulen mit Recht scharf bekämpft worden (siehe besonders C. Stumpfs Akademieabhandlung:  “Zur Einteilung der Wissenschaften”, 1906).  Vor allem aber war es Ed. Husserl, der die nominalistischen Begriffstheorien des Positivismus in den “Logischen Untersuchungen”, Band 2, einer überaus einschneidenden Kritik unterzog.  Die ernstesten Versuche, die Gegner des Nominalismus und Sensualismus, die heute den Positivismus immer mehr zurückgedrängt haben, zu widerlegen, haben von diesem Standort aus Ziehen in seiner “Psychophysiologichen Erkenntnistheorie” und seinem kürzlich erschienenen sehr wertvollen “Lehrbuch der Logik” (1920) und E. von Aster unternommen.  Daß es ihnen aber geglückt sei, die positivistischen Positionen zu halten, glaubten wir nicht.  Der schärfste Gegner ist dem Positivismus neuerdings entstanden in der “Phänomenologie”, obzwar diese Denkrichtung mit ihm das Gemeinsame hat, den Aufweis aller Begriffe in letztfundierenden Anschauungsgegebenheiten zu fordern.  Aber eben dabei erwies es sich, daß der Gehalt des originär Anschaubaren unvergleichlich r e i c h e r ist als dasjenige, was durch sensuelle Inhalte und ihr[sic] Derivate (und

deren fernere psychische Verarbeitung) an ihm denkbar sein mag.  Zu welchen gewagten Annahmen und immer verwickelter werdenden Hypothesen der Positivismus greifen muß, um seine Lehre durchzuführen, zeigt auch das letzte scharfsinnige Werk Benno Erdmanns über “Grundzüge der Reproduktionspsychologie” (1920).

Wenn der Positivismus im Erkennen nur ein zweckmäßiges mäßiges Bezeichnen gegebener Sachen sieht, so geht der P r a g m a t i s m u s von einer etwas anderen Auffassung aus.  Er behauptet, daß alles Erkennen nur die Bedeutung habe, ein Bild der Dinge zu geben, so geartet, daß seine “Folgen” uns zu Handlungen führen, die bestimmte praktische Bedürfnisse befriedigen.  Der “Sinn” eines Gedankens falle zusammen mit dem Inbegriff aller möglichen praktischen Verhaltungsweisen, die er “leiten” und “führen” könne; und “wahr” sei ein Gedankengebilde dann, wenn diese Reaktionen gattungsnützlich seien und uns in der praktischen Beherrschung der Dinge weiterführen.  Peirces “Erkenntnis” wird hier ähnlich wie bei den Marburgern selbst zu einem “Formen” und “Gestalten” einer zunächst völlig indifferenten chaotischen Masse von Gegebenheiten (James, Schiller).  Der letzte Beweis z.  B. für den Wahrheitswert der Naturwissenschaft ist die M a c h t, die sie uns über die Natur gibt, also Technik und Industrie; die Arbeit an den Dingen gehe überall der Erkenntnis vorher und die Erkenntnis zeige in letzter Linie nur die R e g e l n auf, nach denen unsere Bearbeitung der Welt praktisch reüssiere.  In Deutschland ist diese völlig unhaltbare, allen Wahrheitsernst untergrabende amerikanistische Theorie —­ besonders widerlich, wenn sie zur Rechtfertigung des Daseins Gottes und der Religion angewandt wird, wie sie in W. James’ “Mannigfaltigkeit der religiösen Erfahrung” —­ mit einer eigenartigen Modifikation, die von Nietzsche herrührt (siehe besonders “Wille zur Macht"), von Hans Vaihinger vertreten wurde.  Die “Modifikation” besteht in folgendem:  Während die angelsächsische

Theorie des “Pragmatismus” die Lautverbindung “wahr” geradezu als “praktisch brauchbar” definiert , hält Vaihinger im Grunde den a l t e n Wahrheitsbegriff fest, schränkt aber das unmittelbar “Wahre” ein auf das, was an einer Wortintention nur in reinen Empfindungen gedeckt ist.  Alles, was darüber hinausragt —­ seien es Kategorien, Grenzbegriffe (z.  B. ideales Gas, Adam Smiths “eigensüchtiges Wirtschaftssubjekt” usw.), seien es unanschauliche theoretische Setzungen (z.  B. Äther, aber auch Gott, unsterbliche Seele), das heißt das denkbar Verschiedenartigste und logisch Verschiedenwertigste —­ faßt Vaihinger unter den Begriff “Fiktion” zusammen; so ergibt sich in letzter Linie die Lehre, daß die F i k t i o n sozusagen der tragende Grund und Sinn der Welt selber sei, und daß zwischen Erkenntnis und Dichtung (Vaihinger war von A. Lange ausgegangen und erweitert im Grunde nur dessen an Fr. Schillers philosophischen Gedichten gewonnene “Begriffsdichtungs"gedanken von der Metaphysik auch auf die exakte Wissenschaft) im letzten Grunde nur der einzige Unterschied sei, daß die e i n e Fiktion praktisch brauchbar sei, die andere nicht und nur der Betrachtung und dem ästhetischen Genusse diene.  Dazu trat, wie gesagt, der Einfluß Nietzsches.  Dies ist der einzige konstatierbare Einfluß, den Nietzsche, der ja auch den “Wert der Wahrheit” in Frage gezogen hatte (siehe schon “Unzeitgemäße Betrachtungen”) und im Willen zur Wahrheit nur eine Abart des “Willens zur Macht” sah, auf die rein theoretische Philosophie in Deutschland ausgeübt hat.  In einzelnen wissenschaftstheoretischen Ausführungen ist Vaihingers Werk sehr anregend.  Die Art, wie es die bekannten kantischen Als-ob-Wendungen und insbesondere die religionsphilosophische Postulatenlehre Kants interpretiert, halten wir mit W. Windelband für historisch grundirrig.  Nach unserer Meinung haben diese Wendungen (z.  B. man solle auf den kategorischen Imperativ hören, “als ob” er ein göttliches Gebot wäre) nur den Sinn, die sittlich praktische M o t i v i e r u n g der Realsetzung

Gottes von Motivierung durch theoretische Begründung scharf zu unterscheiden.  Die Realsetzung selbst ist aber auf diesem Wege bei Kant genau so ernst gemeint wie die Realsetzungen durch theoretische Erkenntnis; ja noch ernster —­ nämlich im Sinne von metaphysischer, nicht nur empirischer Realität; der Gedanke der “Fiktion” oder gar bewußter Fiktion liegt unseres Erachtens Kant völlig fern.  Als Ganzes stellt nach unserer Meinung das Werk Vaihingers den größten Mißgriff dar, den die deutsche Philosophie in den letzten Jahrzehnten getan hat.  Um so interessanter ist seine starke Verbreitung —­ ein wenig erfreulicher Ausdruck für die Mentalität weiter Kreise.

Den neukantischen und positivistischen Schulen hat sich in den letzten Jahren eine im Wachsen befindliche r e a l i s t i s c h e erkenntnistheoretische Richtung entgegengestellt, die zugleich den Übergang bildet zu einer Reihe höchst bedeutsamer Versuche der W i e d e r e r w e c k u n g d e r M e t a p h y s i k (siehe dazu Peter Wust:  “die Auferstehung der Metaphysik").  Diese Erscheinung ist nicht nur auf Deutschland beschränkt; auch in Frankreich, England und Amerika sieht sich der erkenntnistheoretische Idealismus und der positivistische Sensualismus immer mehr in den H i n t e r g r u n d gedrängt. (Vgl. dazu K. Oesterreich[sic]:  “Die philosophischen Strömungen der Gegenwart".) Die neurealistischen Richtungen (einen Übergang zu ihnen bilden Riehl, Volkelt und E. v.  Hartmann) gehen in ihrer Art der Begründung des Realismus freilich noch weit auseinander.  Im großen ganzen lassen sich unterscheiden die Formen des altscholastischcn Realismus, des kritischen Realismus und des intuitiven und voluntativen Realismus.  Gerade die historisch älteste dieser realistischen Formen, der scholastische Realismus, gewinnt in gewissem Sinne gegenwärtig wieder neues Interesse.  Wie ich schon sagte, ist es ein eigentümliches Zeichen der letzten Philosophie, daß überhaupt die scholastische Philosophie in

lebendigen Denkverkehr mit der modernen Philosophie getreten ist.  Ein Grund dafür ist, daß die moderne Philosophie auf ganz verschiedenen Punkten rein aus sich selbst heraus auf manche scholastische Positionen gekommen ist.  So gleicht zL.  B. der Versuch Bergsons, in seinem Buche “Gedächtnis und Materie” zu zeigen, wie ein ursprünglich unmittelbar gegebenes S e i n in die Menschenerfahrung erst eingeht, um in ihr nach einer Reihe von Richtungen deformiert zu werden; gleichen ferner die amerikanischen neurealistischen Versuche (F.  J. E. Woodbridge, E. B. Mc Gilvary u. a.) methodisch dem altscholastischen Vorgehen, die Erkenntnis ihrem Wesen nach auf ein Seinsverhältnis, d. h. die Teilnahme eines Seienden an einem anderen, zurückzuführen.  Bergsons und anderer Versuche (auch Meinong und H. Schwarz in seinem Buche “Die Umwälzung der Wahrnehmungshypothesen” wären hier zu nennen), die Lehre von der O b j e k t i v i t ä t der Sinnesqualitäten wieder neu zu begründen, haben gleichfalls erkenntnistheoretisch in die Nähe der scholastischen Positionen geführt.  H. Driesch kam durch seine modifizierte Wiedereinführung des aristotelischen Entelechiebegriffs in der Bearbeitung der Probleme des organischen Lebens gleichfalls der Scholastik weit entgegen.  Andererseits hat die scholastische Philosophie in den letzten Jahren auch in unserem Lande Vertreter gefunden, die es wohl verstanden, sich der modernen Probleme von ihrem Standort aus scharfsinnig zu bemächtigen.  Abgesehen von den neuen Erschließungen und Interpretationen bisher unbekannter Teile der mittelalterlichen Philosophie, die wir an erster Stelle Grabmann (siehe besonders seine höchst wertvolle “Geschichte der scholastiscben Methode” und seine Neueditionen) und den Forschungen Baeumkers und Baumgartens und dieser beider Schüler verdanken, sind auch selbständigere systematische Denker auf scholastischem Boden neuerdings hervorgetreten, so z.  B. der verdiente E. L. Fischer, ferner Lehmen und besonders J. Geyser, der

in seinen der Psychologie, der Logik, der Erkenntnistheorie und der Metaphysik gewidmeten Arbeiten, ferner in seinem Buche über Husserl und eine Verknüpfung ("Neue und alte Wege der Philosophie”) der scholastischen Lehre mit der modernen Philosophie anstrebt.  Das große psychologische Sammelwerk von Fröbes und die Arbeiten des aus der Külpeschen Schule hervorgegangenen Experimentalpsychologen Lindworsky (besonders “Das schlußfolgernde Denken”, 1916, “Experimentelle Psychologie”, 1921) haben ferner die scholastischen Positionen mit der ganzen Experimentalpsychologie eng verknüpft.  In erkenntnistheoretischer Hinsicht sind freilich die Neuscholastiker in Deutschland mehr dem sogenannten “kritischen Realismus”, der eine reale Welt erst mittels schließender Denkakte gewinnen will, zugeneigt, als dem altscholastischen Standpunkt, der schon in der Sinneswahrnehmung eine unmittelbare Erfassung realer Gegenstände erblickt und der überdies auf das Problem der modernen Philosophie:  “Wie kommen wir zu einer realen Außenwelt?” von seinem Ausgangspunkte im Grunde gar nicht kommen kann, da er im Gegensatz zur modernen Philosophie (seit Descartes) von der primären Gegebenheit eines Seienden ausgeht und von ihm auch erst durch die Scheidung das ens reale vom ens intentionale die Möglichkeit von Bewußtsein und Erkenntnis verständlich machen möchte.  Aber auch der altscholastische Realismus hat gegenwärtig eine alle wesentlichen Tatsachen der Sinnesphysiologie und Sinnespsychologie und alle bisher für die sogenannte sekundäre Natur aller oder einiger Sinnesqualitäten vorgebrachten Argumente berücksichtigende, sehr scharfsinnige und beachtenswerte Darstellung gefunden in Josef Gredts beiden Büchern:  “De cognitione sensuum externorum”, Rom 1913, und in deutscher Sprache in dem kürzlich erschienenen “Unsere Außenwelt, eine Untersuchung über den gegenständlichen Wert unserer Sinneserkenntnis” (1921).  Der vom Verfasser vertretenen realistisch gerichteten Phänomenolgie ist

trotz verschiedenen Ausgangspunktes der Standpunkt Gredts, nach dem auch der kritische Realismus, wenn er einmal die Gegenständlichkeit und Realität der unmittelbaren Sinneserkenntnis leugnet, notwendig in die Konsequenzen des vollständigen Idealismus getrieben werde, ähnlicher als der sogenannte “kritische Realismus” vieler Neuscholastiker (z.  B. Mercier, Hertling und Geyser).  Schon Otto Liebmann hatte einmal bemerkt, daß alle Ergebnisse der Naturforschung im Begriffssystem der aristotelischtn Metaphysik und Erkenntnislehre Platz hätten.  Und in der Tat ist es ein großes Vorurteil, zu meinen, die Fortschritte einer ihrer Grenzen eingedenken positiven Wissenschaft könnten o h n e Zuhilfenahme rein philosophischer Wesenuntersuchungen über metaphysische und erkenntnistheoretische Fragen überhaupt etwas Letztes entscheiden.  Der ausgezeichnete französische mathematische Physiker und Historiker der theoretischen Physik, Pierre Duhem (sein Werk:  “Geschichte der physikalischen Theorien”, ist mit einer Vorrede von E. Mach auch in deutscher Sprache erschienen), hat Liebmanns Gedanken gewissermaßen in großem Maßstabe ausgeführt.  Duhem suchte zu zeigen, daß gerade bei einer strengen mathematischen Formalisierung der theoretischen Physik die aristotelische Metaphysik mit der modernen Physik wohl vereinbar sei.  Er hat stark auf den auch philosophisch bei uns wirksamen französischen Mathematiker H. Poincaré gewirkt ("Wissenschaft und Hypothese”, “Der Wert der Wissenschaft"), ist aber, mit ihm verglichen, der weitaus tiefere erkenntnistheoretische Denker.

Den k r i t i s c h e n Realismus haben mit sehr verschiedenartiger Begründung in neuester Zeit eine große Reihe von deutschen Forschern neu zu begründen gesucht.  Es seien hier genannt B. Erdmann, Meinong, Stumpf, Dürr, Oesterreich[sic], Messer, Störring, Freytag, Schlick, Becher, Troeltsch und vor allem O. Külpe in seinem zweibändigen (der zweite Band ist 1920 aus dem Nachlaß von Messer herausgegeben worden)

Werke “Die Realisierung, ein Beitrag zur Grundlegung der Realwissenschaften”; ein dritter Band steht noch in Aussicht.  Der Külpesche Versuch ist ohne Zweifel der ausgedehnteste, eingehendste und strengste, der seitens der kritischen Realisten zur Begründung ihrer These unternommen worden ist.  Külpe gliedert die Hauptfrage in vier Unterfragen, deren Beantwortung er je einen Band widmen wollte:  1.  Ist eine Setzung von Realem möglich? 2.  Wie ist eine Setzung von Realem möglich? 3.  Ist eine Bestimmung von Realem möglich? 4.  Wie ist eine Bestimmung von Realem möglich?  Nach einer ausgezeichneten und tiefdringenden kritischen Durchmusterung und Widerlegung der verschiedenen Formen des erkenntnistheoretischen Idealismus und positivistischen “Wirklichkeitsstandpunktes” im ersten Band untersucht Külpe im zweiten Band die in der Wahrnehmung und die in rationalen Grundsätzen und ihrer denkenden Anwendung gelegenen Gründe und endlich die “gemischten Gründe” für die Setzung einer Realität.  De Prüfung der sechs rationalen Gründe ergibt deren Insuffizienz.  Man kann weder von der induktiven Regelmäßigkeitsvoraussetzung (wie z.  B. Becher), noch durch Schluß auf eine transzendente Ursache unserer Wahrnehmung, noch vom Ich auf ein vermeintlich begrifflich notwendig dazugehöriges Nichtich, noch von der bloßen (gegen Berkeley und W. Schuppe festgehaltenen) Widerspruchslosigkeit des Gedankens einer bewußtseinsunabhängigen Welt, noch vor dem Transzendenzbewußtsein unserer Denkakte (z.  B. auch Erinnerungsakte) aus (wie es W. Freytag versuchte), noch von der ökonomischen Zweckmäßigkeit der Annahme einer realen Außenwelt auf deren Existenz schließen.  Auch die in der Wahrnehmung im Unterschiede zu den “Vorstellungen” gelegenen immanenten Merkmale lassen nicht ohne weiteres eine reale Welt annehmen (wie es der altscholastische Realismus will); erst die “gemischten Gründe” sollen zum Ziel führen.  Die Außenwelt müsse gesetzt werden:  erstens als “Bedingung des von dem

psychophysischen Subjekt in der Wahrnehmung Unabhängigen und als das Substrat der vorgefundenen selbständigen Gesetzlichkeit der Wahrnehmungen”.  Külpes Versuch bezieht sich nicht nur auf die Realität der Natursetzung, sondern umfaßt auch das Problem einer von der Beschreibung der Bewußtseinserlebnisse verschiedenen Realpsychologie, ferner auch das Problem der Realität des Vergangenheits-und Fremdbewußtseins und damit auch des Realitätsproblems in den Geisteswissenschaften.  Wie immer man zu Külpes Werk im einzelnen stehen mag (der Verfasser kann sich nicht überzeugen, daß, wenn w e d e r in der Wahrnehmung für sich noch im Denken für sich Gründe zur Annahme einer realen Welt gelegen sind, sie in einer bloßen “Mischung” beider Momente gelegen sein könne), so verdient die ausgezeichnete Arbeit des vortrefflichen, für die Wissenschaft viel zu früh heimgegangenen Forschers doch die allerernsteste Beachtung und Würdigung.

Der Richtung des intuitiven Realismus ist zuzuzählen vor allem die auch in Deutschland stark wirksame Philosophie H. Bergsons, ferner der in dem Buche “Die Grundlegung des Intuitivismus” niedergelegte Standpunkt des beachtenswerten russischen Philosophen Losskij.  Obgleich der Realismus in der Weise dieser beiden Forscher aus dem Grunde nicht durchführbar sein dürfte, da uns Intuition, soweit es eine solche neben mittelbarem Denken und Sinneswahrnehmung gibt, nur d a s e i n s f r e i e s W e s e n (und Wesenszusammenhänge) geben kann, verdienen doch auch ihre Lehren ernstlichste Beachtung.  Für die Existenz des fremden Bewußtseins überhaupt ohne Existenzsetzung eines bestimmten so oder anders beschaffenen Ichs nahmen neuerdings auch Scheler (siehe “Formalismus in der Ethik” und sein Buch “Über Sympathiegefühle”, Anhang) und in etwas anders gefärbter Weise J. Volkel (siehe sein Buch “Über das ästhetische Bewußtsein”) intuitive Evidenz in Anspruch.  Für die Begründung einer R e a l p y s c h o l o g i e

traten außer Külpe auch ein Scheler (siehe “Idole der Selbsterkenntnis” in “Abhandlungen und Aufsätze"), M. Geiger und H. Driesch ("Fragment über den Begriff des Unbewußten und die psychische Realität”, 1921).

Die Richtung des v o l u n t a t i v e n R e a l i s m u s ist vor allem —­ ich sehe hier ab von ihren historischen Vorformen bei Maine de Biran, Bouterweek und Schopenhauer —­ in neuester Zeit in einer Akademieabhandlung von Dilthey, Frischeisen-Köhler (siehe “Wissenschaft und Wirklichkeit”, 1912), Scheler und E. Jaensch ("Über die Wahrnehmung des Raumes”, Anhang) vertreten worden.  Nach dieser Auffassung führt erst das unmittelbare Widerstandserlebnis irgendwelcher Gegenstände als wirklicher und möglicher “Widerstände” zur Setzung einer Realität überhaupt.  Erst die Zuweisung eines in seinem Sosein schon bestimmten Gegenstandes in die zuvor schon gegebene S p h ä r e d e s R e a l e n ist von der Einreihbarkeit des Gegenstandes in gesetzliche Beziehungszusammenhänge (je nach dem Wesen der Gegenstände verschiedener Artung) abhängig.  Analog sind nach Scheler die fünf Sphären:  “Außenwelt” Innenwelt”, “Leib”, “Fremdbewußtsein”, “Gottheit”, in de ein bestimmtes Reales hineingesetzt wird, als Sphären jedem endlichen Bewußtsein “vor” jeder bestimmten Erfüllung mit Inhalten unmittelbar anschaulich gegeben.

Dem Denken kommt nur die Rolle zu, die Daseinsbestimmung einer bestimmten Realität vorzunehmen, soweit solche über die unmittelbare Erfahrung hinausgeht.

Viel zu wenig beachtet ist nach Meinung des Verfassers innerhalb der engeren Philosophenkreise die ungemeine Befruchtung, die für alle Gebiete der Philosophie von der g e g e n w ä r t i g e n Psychologie mit Einschluß der Experimentalpsychologie auszugehen vermöchte, wenn ein tieferes Verständnis und eine größere gegenseitige Beachtung ihrer Arbeiten zwischen Philosophen und Psychologen stattfände.  Dieselbe Forderung stellten neuerdings E. Jaensch, Krüger,

Marbe, ferner die Schulen von C. Stumpf und Külpe.  Die moderne Psychologie begann ihr Werk mit einseitiger Untersuchung der Empfindungstatsachen und mit Problemen der Größenmessung.  Da diese Art der älteren Experimentalpsychologie sich bald eine Reihe philosophischer Lehrstühle anzueignen wußte, entstand in den engeren Philosophenkreisen ein gewisser Arger und, damit verbunden, auch eine weitgehende Nichtbeachtung ihrer Arbeiten.  Man sagte:  Diese neue Psychologie ist eine Spezialdisziplin der Naturwissenschaft; sie sei der Medizin und Sinnespsychologie zuzuweisen und habe mit Philosophie gar nichts zu tun oder doch nicht mehr wie irgendeine andere Spezialwissenschaft; darum gebührten ihr auch keine philosophischen Lehrstühle.  Am schärfsten und im anmaßendsten Tone haben die Vertreter der Südwestdeutschen Schule dieser Meinung häufig Ausdruck gegeben. (Vgl. hierzu die treffenden Schilderungen dieser Dinge bei Fr. Krüger, “Über Entwicklungspsychologie”, 1918.) Die zeitweise Herrschaft einer sogenannten “Psychologie ohne Seele” und einer strengen sensitivistischen und assoziationspsychologischen Auffassung der seelischen Tatsachen (die z.  B. noch wesentliche Grundlage ist den in der Einzelbeobachtung ausgezeichneten Arbeiten über “Das Gedächtnis” von G. E. Müller in seinem großen Werke über “Das Gedächtnis”) schien eine Zeitlang dieser Haltung neue Gründe zuzuführen.  Dazu blieben die langwierigen, philosophischen Streitigkeiten über “psychophysischen Parallelismus” und “Wechselwirkung”, die nur von allgemeinsten “Prinzipien”, sei es der Erkenntnistheorie, sei es neugefundener physikalischer Wahrheiten ausgingen, (z.  B. Vereinbarkeit des seit den Arbeiten von Rubner und Atwater auch für den organischen Austausch von Nahrung und Arbeit nachgewiesenen Satzes von der Erhaltung mit einer psychophysischen Wechselwirkung) nicht nur überaus unfruchtbar, sondern, was noch weit schlimmer war, ohne jeden fühlbaren Anschluß an die T a t s a c h e n f o r s c h u n g

der empirischen und experimentellen Psychologie.  Nun haben sich aber diese Verhältnisse mit der Zeit so g r u n d s ä t z l i c h und t i e f gewandelt, daß die antipsychologische Haltung vieler Philosophen jeder sinnvollen Grundlage entbehrt.  Der sogenannte “Psychologismus”, der für die Philosophie eine Zeitlang eine Gefahr scheinen mochte, ist beute grundsätzlich abgetan.  Die Entwicklung zeigte ferner, daß, wie auch B. Erdmann in seiner “Reproduktionspsychologie” treffend betont hat, eine wirklich vollständige Ablösung der Psychologie von der Philosophie gar nicht möglich ist.  Selbst bei den elementarsten Untersuchungen über Empfindungstatsachen (siehe z.  B. den besonders von Köhler geförderten Streit über die Existenz “unbemerkter Empfindungen"), ferner in allen Fragen, welche nicht aufeinander zurückführbaren G r u n d a r t e n s e e l i s c h e r V e r k n ü p f u n g e n es überhaupt gebe, läßt sich die Philosophie gar nicht ausschalten.  Auch die Meinung, es ließe sich eine empirische Psychologie errichten ohne bestimmte, erkenntnistheoretische oder metaphysische Überzeugungen über das “Ich”, und sein reales Substrat hat sich gerade durch die Arbeiten der gegenwärtigen Philosophie und Psychologie als ganz falsch erwiesen.  Die “Psychologie ohne Seele” gehört heute bereits der Geschichte an und nicht minder die Herrschaft der Meinung, die Psychologie könne sich mit der Schilderung bloßer Bewußtseinserscheinungen begnügen, und es könne zwischen diesen selbst ein reales kausales Band aufgefunden werden.  Da ferner die moderne Psychologie sich längst von der einseitigen Empfindungsforschung abgewandt hat und mit unter Anregung der Husserlschen logischen Arbeiten sich der experimentell unterstützten systematischen Selbstbeobachtung (bei der nicht der Versuchsleiter, sondern die psychologisch geschulte Versuchsperson die psychologische Beobachtung und Erkenntnis vollzieht im Gegensatz etwa zu bloßen sogenannten Reaktionsversuchen) auch der höheren psychischen Funktionen des Wollens (N.  Ach,

Lindvorsky) und des Denkens (Külpe, Bühler, Störring, Lindworsky, Selz, Grünbaum) zugewandt hat, besteht nicht der mindeste Grund mehr, die Experimentalpsychologie etwa der Sinnespsychologie oder der Medizin oder überhaupt der “Naturwissenschaft” zuzuweisen.  Die von Dilthey, ferner von der Phänomenologie und von K. Jaspers (siehe seine “Psychopathologie” und sein neuestes Werk über “Psychologie der Weltanschauungen”) auch mit in de Psychiatrie hineingetragene Frage, wie sich die “Sinnzusammenhänge” des Seelenlebens von den “psychophysischen Kausalzusammenhängen” unterscheiden, und welche der beiden Arten von Psychologie (verstehende oder erklärende Psychologie) Grundlage für die Geisteswissenschaften sei, hat die Psychologie wieder in allerengste Verbindung mit der Philosophie geführt.  Die von Chr.  Ehrenfels und Cornelius auf dem Boden einer philosophischen Psychologie angeregten Probleme einer autonomen G e s t a l t g e s e t z l i c h k e i t der ursprünglichsten psychischen Gegebenheiten sind von Külpe, Bühler, Wertheimer, Koffka, Benussi, Gelb, Köhler und anderen in überaus wertvollen und für de Philosophie überaus wichtigen experimentellen Arbeiten so intensiv gefördert worden, daß die Philosophie sehr übel daran täte, wollte sie sich um diese Dinge nicht ernsthaft kümmern.  Wie sehr die hier neuaufgedeckten Tatsachen und Probleme auch für die philosophische Klärung des Problems von Körper und Seele wichtig sind, zeigt die auf seinen Bewegungsarbeiten ursprünglich fußende neue Theorie von Wertheimer, daß als gehirnphysiologische Grundlage auch jeder einfachsten Wahrnehmung (die stets durch einen Aufmerksamkeitsfaktor mitbedingt und, nach ihrem Inhalt hin betrachtet, nie bloß “reine Empfindung”, sondern immer schon “Gestalt” ist), ein sogenannter “Querprozeß” zwischen den gereizten Nervenenden der Gehirnrinde notwendig sei.  Als eine neue sehr zu begrüßende Sammelstelle der neuen gestaltpsychologischen Richtung erscheint jetzt die eben gegründete Zeitschrift

“Psychologische Forschung” (Springer 1921), besonders von Koffka, Köhler, Wertheimer, Goldstein, Gruhle, Köhler, der den Fragen der Relations- und Gestalterfassung auch auf dem Boden der Tierpsychologie in seinen auf der Station von Teneriffa gemachten optischen Versuchen an Affen nachgegangen ist (Schriften der Preußischen Akademie, Jahrgang 1915 und 1918 physik.-math.  Klasse).  Köhler hat durch sein neuestes Buch über “Physische Gestalten” (1921) das Wertheimersche Problem einem höchst bedeutsamen und für die gesamte Naturphilosophie wichtigen Zusammenhang eingereiht, indem er auch auf rein physikalischem Boden (Elektrostatik) nach einer selbständigen Gestaltgesetzlichkeit (die sich in summenhafte Kausalität nicht auflösen läßt) A n a l o g i e n für psychischen Gestalten aufsuchte.  Endlich ist seit Brentanos “Psychologie vom empirischen Standpunkt” das insbesondere von E. Husserl und Karl Stumpf “Erscheinungen und Funktionen” (1906) neu aufgegriffene Problem entstanden, ob und wie weit A k t e u n d F u n k t i o n e n eine von “Erscheinungen” unabhängige variable Natur und Gesetzmäßigkeit besitzen und eine ganz neue Richtung der “Psychologie”, die sogenannte Aktpsychologie, hat sich an diese Arbeiten angeschlossen.  T. Konstantin Oesterreich hat sich in seinem grundlegenden Werke zur “Phänomenologie des Ich” ihr angeschlossen.  Es gibt nach meiner Meinung kein wichtigeres und dringlicheres Desiderat für die künftige Philosophie und Psychologie als eine eingehende philosophische Durchleuchtung der durch die Resultate der verschiedenen psychologischen Diszipline gewonnenen Tatsachenerkenntnisse.  Der Verfasser hat es sich mit zu einer Hauptaufgabe gesetzt, in einer Arbeit, die er unter der Feder hat, diese Dinge zu fördern.  Endlich verdienen auch neue Z w e i g e, die in den letzten Jahren aus der Psychologie hervorgewachsen sind, genaue philosophische Beachtung.  So die Pathopsychologie, die durch den Krieg (Kopfschüsse und Gehirnverletzungen) mächtig gefördert wurde,

die neuere Tierpsychologie, die von W. Stern angebahnte differentielle Psychologie, die zukunftsreiche “Entwicklungspsychologie” Krügers, nicht minder auch die Religionspsychologie und die erst neuerdings besonders von Oesterreich, Dessoir, Driesch endlich auch in Deutschland aufgegriffenen Tatsachen und Probleme der Parapsychologie, d. h. der Psychologie der sogenannten okkulten Phänomene (siehe dazu besonders Oesterreich:  “Probleme der Parapsychologie” und sein Buch über “Besessenheit”, ferner Max Dessoir:  “Das Jenseits der Seele").  Die Forscher, die sich gegenwärtig in der Richtung auf eine philosophische Durcharbeitung des neuen mächtig angewachsenen psychologischen Erkenntnismaterials bewegen, sind vor allem E. Husserl, W. Stern, E. Jaensch, Wertheimer, Köhler, Grünbaum, Lindworsky, Scheler, Driesch, Selz, Kronfeld, Koffka, Th.  Haering.  Wir sind überzeugt, daß auf diesem Wege sich eine weit tiefer gehende, freilich auch erheblich kompliziertere abschließende Theorie über den Z u s a m m e n h a n g v o n L e i b u n d S e e l e ergeben wird, als es durch die leeren Prinzipienstreitigkeiten der Vergangenheit über Wechselwirkung und Parallelismus je der Fall sein konnte.  Schon jetzt scheiden sich meines Erachtens drei nicht weiter aufeinander zurückführbare Gruppen von Verknüpfungsarten und Gesetzen geistig psychischer Geschehnisse (resp.  Akte):  1. die mechanisch assoziativen, 2. die biopsychischen, bei denen es allein konkrete zielmäßige Ganzkausalität gibt, 3. die poetischen Intentionalgesetzlichkeiten, denen überall parallele Gegenstands-(resp.  Wert-) gesetzlichkeiten entsprechen.

Wenden wir uns nun den jüngsten Schichten der gegenwärtigen Philosophie, die zum größten Teil erst im 20.  Jahrhundert ihren Ursprung haben oder doch in ihm ihre stärkere Auswirkung fanden, zu, so sind es weniger geschlossene S c h u l e n als einzelne Persönlichkeiten, welche der Philosophie die Richtung auf einen neuen Sachkontakt und gleichzeitig auf den Wiederaufbau der Metaphysik gegeben

haben.  Einen Übergang zu dieser neuen Artung von Philosophie bildet Wilhelm Dilhey (1833-1912) und die Forschergruppe, die von ihm ausgegangen ist.  Dilthey selbst war zeit seines Wirkens von geschichtlichen und philosophischen Interessen gleichzeitig bewegt.  Eine in manchen Zügen dem romantischen Geistestypus verwandte, ungemein reiche, zarte, genialische, aber auch problematische Natur (selten schloß er ein Werk ganz ab), schüttelte er in seiner Entwicklung nur langsam und nie vollständig die Ketten des historischen Relativismus von sich ab.  Aber was er in seinen stets tiefdringenden, gelehrten und vor hellen intuitiver Erkenntnisgesichten erfüllten Abhandlungen gab, das trug, gleichgültig, ob er sein Grundproblem, “die Kritik der historischen Vernunft”, ob er philosophiegeschichtliche oder literatur-und kunstwissenschaftliche oder philosophiesystematische Probleme behandelt, stets reiche Frucht.  Auf sein bereits der Geschichte angehöriges Werk, das jetzt in seinen noch nicht ganz herausgegebenen gesammelten Schriften vorliegt, kann hier nicht eingegangen werden.  Alle heutigen Versuche, eine “verstehende Psychologie” aufzubauen (Jaspers, Spranger, Scheler, Nohl, Schmied-Kowarcik und auch die hierhergehörigen Versuche der jüngeren Phänomenologen), wären ohne seine Wirksamkeit undenkbar gewesen.  In seinem Versuche, die Erkenntnistheorie von “der Totalität des menschlichen Wesens” her, nicht nur von dem “verdünnten Saft bloßer Denktätigkeit” aus aufzubauen und (hierin den Positivisten ähnlich) die Erkenntnistheorie eng zu verbinden mit einer historischen Phasen- und einer Typenlehre der menschlichen Erkenntnis- und der philosophisch-metaphysischen Weltanschauungsformen, hat er in Frischeisen-Köhler seinen Hauptschüler gefunden.  Sein Interesse an der Typologie der geistigen G e s t a l t e n des Menschentums, das er in zahlreichen Aufsätzen bekundet hat, und seine Ideen auf diesem Gebiet haben besonders Eduard Spranger stark angeregt.  Sprangers jetzt in zweiter erheblich erweiterter Auflage erschienenes

Buch über “Lebensformen” (1921) ist eine der reichsten und feinsinnigsten Abhandlungen verstehender Psychologie und zugleich typologischer angewandter Ethik, die wir auf diesem Gebiete besitzen.  G. Wisch hat in seiner “Geschichte der Selbstbiographie”, die freilich noch unvollendet ist, ein Problem ergriffen, das für die Frage der Abhängigkeit der Selbstauffassung des Menschen von seiner geschichtlichen Umwelt und den in ihr herrschenden Wertstrukturen von großer Bedeutung ist.  H. Nohl hat Diltheys Ideen über die Weltanschauungstypen in der Philosophie, der dauernde Typenunterschiede des Menschentums entsprechen sollen und die in der Geschichte sich gleichsam mit nur immer neuem Erkenntnisstoff, der wachsenden Menschenerfahrung gemäß, ausfüllen, mit Glück auf das Gebiet des Studiums der künstlerischen Darstellungsformen übertragen.  Der Metaphysik gegenüber verhielt sich Dilthey bis zu seinem Lebensende skeptisch.  Er hielt sie im Gegensatz zur positiven Wissenschaft und zum religiösen Bewußtsein für eine nur historische Kategorie, die einmal völlig aus der Geschichte ausscheiden werde.  Das vor allem macht gleichzeitig seine Verwandtschaft und seinen Gegensatz zum Positivismus aus, dessen geschichtsmethodische und philosophische Anschauungen er mit den deutschen, aus der Romantik entsprungenen Geschichtsauffassungen eigenartig zu verknüpfen suchte (siehe besonders “Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften”, 1910).  Allen seinen Schülern wußte er mehr zu vermitteln als bloße Lehre —­ auch etwas von seiner eigenen bedeutenden geistigen Form und Gestalt.  Obgleich ihm Genauigkeit und Strenge in der Erkenntnistheorie fehlte, wie überhaupt eine letzte klare Basis für seine rein philosophischen Bestrebungen, hat er die Theorie der Geisteswissenschaften doch ungleich mehr befruchtet als die Südwestdeutsche Schule.  Schon durch seine andersgeartete Problemstellung, die nicht “Logik der Geisteswissenschaften” (es gibt nur e i n e Logik), sondern die materialspendenden

Quellen des historischen Denkens, d. h. die verschiedenen Stufen und Arten des V e r s t e h e n s fremden Erlebens, in den Mittelpunkt der Untersuchung gerückt hat, ist sein Unternehmen dem der Badischen Schule weit überlegen.

Die bedeutsamste und wirksamste philosophische Bewegung der Gegenwart ist von der Jahrhundertwende ab in der sogenannten “P h ä n o m e n o l o g i e” aufgetreten.  Das Wort darf vor allem nicht mit dem sogenannten “Phänomenalismus” (d. h. der Lehre z.  B. Kants, daß wir nur “Erscheinungen”, nicht die Dinge selbst erkennen) in Beziehung gebracht werden.  Nicht der Gegensatz von “Wesen” und “Erscheinung”, sondern der schon in der Scholastik als “grundlegend erkannte Gegensatz” von “existentia” und “essentia”.  “Wesen” und “Dasein” beherrscht das Denken dieser Forschergruppe; ferner deutet das Wort “Phänomenologie” an, daß es sich bei der Aufsuchung der in der Welt realisierten Wesenheiten (essentiae) vor allem um unmittelbar anschaulichen A u f w e i s handeln soll.  Den Ausgangspunkt für diese Bewegung, die sich freilich in ihrem schwer durchschaubaren und auch aus Raummangel nicht zu schildernden Ablauf von überaus verschiedenen geschichtlichen Einflüssen genährt hat, bildete das Werk Edmund Husserls “Logische Untersuchungen”, 2 Bände (2.  Aufl. 1921).  Der erste Band dieses überaus wirksamen Werkes galt einer Neubegründung der Logik.  Jede Art von Empirismus, Psychologismus, Relativismus, Anthropologismus, Subjektivismus, den die herkömmliche Logik in sich aufgenommen hatte, wurde bis in seine letzten Schlupfwinkel verfolgt und aus der Logik zu entfernen versucht.  Die logischen Wahrheiten sind nach Husserl streng evidente Gegenstandswahrheiten, die von aller Konstitution und etwaiger Veränderung der menschlichen Natur u n a b h ä n g i g sind.  So war es vor allem der siegreiche Kampf gegen den bei J. St. Mill, Sigwart, Erdmann, Wundt und auch bei der sogenannten “normativen Logik” noch vorliegenden “Psychologismus”, dem das Werk seine große

Wirksamkeit verdankte.  Obgleich dieser Band an erster Stelle reine Sachuntersuchung ist, hat er doch historische Anknüpfungspunkte; sie liegen, wie Grabmann gezeigt hat, schon in der Scholastik, soweit sie die platonisierende Richtung einhält (z.  B. bei Bonaventura).  Ferner haben Leibniz und sein später bis zu Husserls Wiederentdeckung völlig unbekannter Schüler, der große Logiker und fruchtbare Mathematiker Bolzano, der den Urteilsakt und den Satz “Ansich” als ideale Seinseinheit unterschied, ferner auch Lotze in seinem Logikkapitel über die “Platonische Ideenlehre” und Herbart in seinen logischen Bestrebungen analoge Ideen ausgesprochen.  Die vollständige Vernachlässigung, ja der prinzipielle Ausschluß der Aktseite der Denkgebilde, und die im 1.  Band herrschende Vorstellung, es könne unser Denken ohne Schaden für die Logik sogar etwa rein assoziationspsychologisch verstanden werden, läßt sich freilich n i c h t durchführen.  Husserl selbst hat schon in seinem zweiten Bande diese Auffassung im Grunde stillschweigend zurückgenommen.  Erst der zweite Band des Werkes brachte Untersuchungen, die in die Richtung der späteren Phänomenologie geführt haben, die indes hier noch mit deskriptiver Psychologie des Denkers identifiziert wird.  Die zwei wichtigsten Bestandteile dieses zweiten Bandes bestehen in der ausgezeichneten und strengen Widerlegung aller seit Locke, Hume und Berkeley von einem großen Teil der modernen Philosophie bis zur Gegenwart fast wie selbstverständlich aufgenommenen nominalistischen Bedeutungs- und Begriffstheorie und in der sechsten Untersuchung, betitelt “Elemente einer phänomenologischen Aufklärung der Erkenntnis”, die in ihrem zweiten Abschnitt den wichtigsten Begriffsgegensatz der “sinnlichen und kategorialen Anschauung” einführt, der nach meiner Meinungen u n m i t t e l b a r s t e n Ausgangspunkt für die Entstehung der Phänomenologie gebildet hat.  Als der Verfasser im Jahre 1901 in einer Gesellschaft, die H. Vaihinger in Halle den Mitarbeitern der “Kantstudien” gegeben

hatte, Husserl zum erstenmal persönlich kennenlernte, entspann sich ein philosophisches Gespräch, das den Begriff der Anschauung und Wahrnehmung betraf. der Verfasser, unbefriedigt von der kantischen Philosophie, der er bis dahin nahestand (er hatte eben schon ein halbgedrucktes Werk über Logik aus diesem Grunde aus dem Druck zurückgezogen), war zur Überzeugung gekommen, daß der Gehalt des unserer Anschauung Gegebenen ursprünglich weit reicher sei als das, was durch sinnliche Bestände, ihre genetischen Derivate und logische Einheitsformen an diesem Gehalt deckbar sei.  Als er diese Meinung Husserl gegenüber äußerte und bemerkte, er sehe in dieser Einsicht ein neues fruchtbares Prinzip für den Aufbau der theoretischen Philosophie, bemerkte Husserl sofort, daß auch er in seinem neuen, demnächst erscheinenden Werke über die Logik eine analoge Erweiterung des Anschauungsbegriffes auf die sogenannte “kategoriale Anschauung” vorgenommen habe.  Von diesem Augenblick an rührte die geistige Verbindung her, die in Zukunft zwischen Husserl und dem Verfasser bestand und für den Verfasser so ungemein fruchtbar geworden ist.  Einen starken Zuwachs erfuhr die phänomenologische Bewegung in ihrer ersten Werdezeit dadurch, daß der ausgezeichnete und scharfsinnige Münchener Psychologe Th.  Lipps durch die Einwirkung der “Logischen Untersuchungen” einen weitgehenden Umschwung seines ganzen Denkens erfuhr, der sich in seinen letzten Arbeiten klar kundtat.  Diesen Umschwung machten seine hervorragendsten Schüler M. Geiger, A. Reinach, Pfänder und die ihnen nahestehenden jüngeren Forscher nicht nur mit, sondern sie schlossen sich, über Lipps überhaupt hinausgehend, den Husserlschen Positionen weitgehend an.  So kam es schließlich zur Errichtung einer Sammelstelle für die phänomenologische Forschungsrichtung im “Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische Forschung”, von dem bisher fünf Bände bei Niemeyer in Halle erschienen sind.

Die Phänomenologie ist weniger eine abgegrenzte Wissenschaft als eine neue philosophische E i n s t e l l u n g, mehr eine neue T e c h n e d e s s c h a u e n d e n B e w u ß t s e i n s als eine bestimmte Methode des Denkens.  Nur so wird es verständlich, daß die phänomenologische Bewegung nicht im selben Sinne die Einheit einer S c h u l e hervorgebracht hat, wie etwa die früher behandelten Kantschulen solche darstellen.  Aus dem gleichen Grunde kann Phänomenologie nicht im selben Sinne als objektiver Wissensgehalt g e l e h r t werden, wie die Gedanken dieser Schulen.  Nur durch fortgesetzte Ü b u n g dieser Bewußtseinshaltung ist es möglich, in die Ergebnisse der Phänomenologie tiefer einzudringen und selbst in ihr fortzuschreiten.  Aus demselben Grund gehen auch die einzelnen, von Husserl angeregten Forscher und Forschergruppen in den R e s u l t a t e n viel weiter auseinander als die Angehörigen jener genannten Schulen, ohne doch darum ihre fühlbare Einheit, die eben in jener gemeinsamen neuen B e w u ß t s e i n s h a l t u n g liegt, verlieren zu müssen.  Husserl selbst spricht, diese Bewußtseinshaltung charakterisierend, von einer “phänomenologischen Reduktion”; sie besteht darin, daß auf der Gegenstandsseite aller möglichen Gegenstände (physischer, psychischer, mathematischer, vitaler, geisteswissenschaftlicher Gegenstände) von dem zufälligen h i c e t n u n c D a s e i n d e r G e g e n s t ä n d e abgesehen und auf ihr pures W a s, das heißt ihr “W e s e n” hingeblickt wird; daß ferner analog der den Gegenstand erfassende intentionale Akt, aus dem psychophysischen Lebenszusammenhang des individuellen Menschen, der ihn vollzieht, gleichsam herausgelöst und gleichfalls nur nach seiner essentiellen Wasbestimmtheit charakterisiert wird.  Diesen wesenserfassenden Akt, den unser geistiges Bewußtsein von Etwas vollzieht, nennt Husserl “Wesenschau” und behauptet, daß alle möglichen Theorien über das positive Wirkliche in solchen Wesenseinsichten und in Einsichten in solche Notwendigkeitsbeziehungen, die im G e h a l t e dieser

“Wesen” selbst fundiert sind, ihren letzten tragenden Grund besäßen.  Alle Wesenseinsichten, ob sie nun von psychischen oder von physischen oder von mathematischen Gegenständen handeln, sind, obgleich sie weder auf “eingeborenen Ideen” beruhen noch (wie nach Kant) bloße Funktionsgesetzlichkeiten der geistigen Akte, das heißt “Verstandsgesetze”, ausdrücken gegenüber allem zufällig Wirklichen objektiv a priori gültig.  Denn was immer von dem Wesen irgendwelcher Gegenstandsbereiche wahr ist und gilt, das muß auch gelten für alle möglichen Gegenstände dieses Wesens, soweit sie der zufälligen Daseinssphäre angehören.  So begründet die Phänomenologie einen n e u a r t i g e n A p r i o r i s m u s, der nicht nur die rein formalen Sätze der Logik und der Axiologie in ihren verschiedenen Unterdisziplinen (Ethik, Ästhetik usw.) umfaßt, sondern auch materiale Ontologien entwickelt.  Die Sphäre des apriorischen Wissens ist also in der Phänomenologie unvergleichlich reicher als im formalen Apriorismus Kants.  Auch darin unterscheidet sich die Phänomenologie von Kants Lehre, daß sie das proton pseudos Kants verwirft, es müsse alles, was an Gegebenem n i c h t sensuell sei, erst durch eine hypothetisch angenommene, synthetische konstruierende Tätigkeit des Verstandes oder des Anschauens in den Erfahrungsgegenstand hineingekommen sein.  Sie sucht das “Gegebene” überall möglichst s c h l i c h t , v o r u r t e i l s l o s und r e i n in möglichst dichte Anschauungsnähe zu bringen, um es dann durch phänomenologische Reduktion in sein W e s e n zu erheben.  Das Apriori hat hier also keinen f u n k t i o n e l l e n S i n n mehr. (Freilich schwankt Husserl in seiner letzten Schrift “Ideen zu einer phänomenologischen Philosophie” wieder über diesen fundamentalen Punkt.) Das Apriori ist, wie auch eine seiner Unterarten die kategorialen Formen, vielmehr Gegenstandsbestimmtheit, die von u n s e r e n Begriffen vom Apriori nicht genau zu unterscheiden ist.  Ferner stellt das Apriori nicht mehr ein geschlossenes S y st e m von Einsichten dar, die

sich voneinander herleiten ließen, sondern kann im Laufe der Entwicklung des Wissens immer neu vermehrt werden.  Auch der Gegensatz von Erfahrung und Denken, um den die großen Richtungen der neuzeitlichen Philosophie, “Rationalismus” und “Empirismus”, kreisen, ist hier von der Schwelle der Philosophie abgewiesen.  Mit Recht hat Husserl immer wieder hervorgehoben, daß die Phänomenologie nicht nur die Einlösung sei alles Wahren, was die kontinentale rationalistische Richtung der Philosophie uns gegeben hat, sondern auch in gewissem Sinne die Einlösung aller Ansprüche des Positivismus.  Auch das, was a priori evident ist, verdankt einem e r f a h r e n d e n (die Phänomenologie sagt hier “schauenden"), nicht einem schaffenden, formenden, konstruierendem Verhalten des Subjektes seine Erkenntnis, nur mit d e m Unterschied von aller Erkenntnis zufälliger (hic et nunc) Wirklichkeiten, daß das Ergebnis schauender Erfahrung durch die Q u a n t i t ä t der “Fälle”, an denen Erfahrung sich vollzieht, nicht modifiziert werden kann.  Nicht daher dem “Erfahren” überhaupt, sondern nur der Methode der B e o b a c h t u n g und der i n d u k t i v e n V e r a l l g e m e i n e r u n g an beobachtenden Fällen steht das phänomenologische Erfahren und “Schauen” gegenüber.  Auch die Phänomenologie setzt so der Philosophie die Aufgabe, für alle ihre Disziplinen die a p r i o r i s c h e n W e s e n s — u n d I d e e n s t r u k t u r e n , die als objektiver Logos die gesamte Weltwirklichkeit durchflechten und (im Sinne der Gültigkeit) beherrschen, aufzudecken und alle positiven Wissenschaften und ihre materialen Seinsbereiche in dieser Struktur gemeinsam zu verwurzeln.  Sie kann, geschichtlich gesehen, auch als eine Erneuerung eines i n t u i t i v e n P l a t o n i s m u s angesehen werden, freilich mit vollständiger Beseitigung der platonischen Ideenverdinglichung und aller mythischen Beisätze.  Und es ist wohl verständlich, daß von dieser ihrer Eigenart her die Phänomenologie neuerdings auch mit der gesamten p l a t o n i s c h — a u g u s t i n i s c h e n Philosophie der patristischen

und frühmittelalterlichen Philosophie, zum Teil aber auch mit dem Aristotelismus, stärkere Fühlung genommen hat.  Freilich gehen in der Beantwortung sehr wesentlicher philosophischer Fragen und nicht weniger in der Auffassung und Methode der Phänomenologie selbst die ihr nahestehenden Forscher oft weit auseinander.  Abgesehen von den Weltanschauungsgegensätzen unter den Phänomenologen, der zum Teil in verschiedenen religiösen Auffassungen gegründet ist, treffen wir z.  B. eine mehr systematisch gerichtete und eine mehr auf Einzeluntersuchungen gerichtete Tendenz in der Phänomenologie.  So wertvoll viele dieser Einzeluntersuchungen sind (besonders diejenigen Alexander Pfänders), so muß sich die Phänomenologie doch hüten, zu dem zu werden, was ich andernorts “Bilderbuchphänomenologie” genannt habe; ferner bestehen Gegensätze in der Auffassung jener, die, wie einst Husserl selbst, die Phänomenologie der beschreibenden Psychologie zu nahe rücken (z.  B. Jaspers, Katz und Andere) oder hier doch nur ihre Fruchtbarkeit sehen wollen und jenen, die sie vor allem als a p r i o r i s c h e W e s e n s e r k e n n t n i s irgendwelcher —­ auch nicht bewußtseinimmanenter —­ Gegenstände auffassen.  Am tiefsten aber ist der Gegensatz unter den Phänomenologen in den erkenntnistheoretischen Fragen.  Er ist dadurch besonders gesteigert worden, daß E. Husserl in seinem letzten Werk über “Ideen” usw. sich dem erkenntnistheoretischen Idealismus Berkeleys und Kants, sowie der Ichlehre Natorps wieder bedeutend genähert hat und die Phänomenologie nur als Wesenslehre von den B e w u ß t s e i n s s t r u k t u r e n (die durch zufällige Erfahrungen unwandelbar sind) auffaßt; gleichzeitig aber, ähnlich wie Kant, diese Bewußtseinsstrukturen zu Voraussetzungen auch der Gegenstände der Erfahrung selber macht.  Auch ihm werden so die Gesetze der Erfahrung der Gegenstände zugleich Gesetze der Gegenstände aller möglichen Erfahrung ("kopernikanische Wendung” Kants).  Diese eigenartige Wendung Husserls, nach der auch bei Aufhebung

aller Dinge ein “a b s o l u t e s B e w u ß t s e i n” erhalten bliebe, ist fast von allen den von ihm angeregten Forschern a b g e l e h n t worden und sie ist zugleich ein Haupthindernis für den Aufbau einer Metaphysik auf wesenstheoretischer Basis.  Die Einwirkung der Phänomenologie auf die Philosophie der Gegenwart erstreckt sich auf alle philosophischen Disziplinen.  Auf Ethik, Wertlehre, Religionsphilosophie und verstehende Psychologie hat die phänomenologische Einstellung in seinen Forschungen auch der Verfasser angewandt (siehe “Der Formalismus in der Ethik”, “Phänomenologie der Sympathiegefühle”, “Abhandlungen und Aufsätze”, “Vom Ewigen im Menschen"); nach der Seite der Philosophie der Mathematik und der Grundlegung der Ästhetik Moritz Geiger (siehe Jahrbucharbeiten); nach der psychologischen und logischen Seite Alexander Pfänder (siehe gleichfalls Jahrbuch); nach der erkenntnistheoretischen und rechtsphilosophischen Adolf Reinach, ein überaus tiefgründiger und zukunftsreicher Forscher, der zum Schaden für die deutsche Wissenschaft im Kriege gefallen ist. (s. seine eben jetzt bei Niemeyer in Halle erschienenen, in einem Band zusammengefaßten Abhandlungen).  Aber weit über diesen älteren und engeren Forscherkreis hinaus hat die Phänomenologie nicht nur eine Anzahl höchst zukunftsreicher jüngerer Forscher in ihren Reihen (hier seien nur D. von Hildebrand, Heidegger, Frau Connad-Martius, A. Koyré, W. Schapp, Leyendecker, E. Stein genannt), sondern hat weit darüber hinaus auch auf die gesamte Wissenschaft unserer Zeit stark eingewirkt.  Aus der Südwestdeutschen Schule hatte sich ihr E. Lask, von Marburg her hat sich ihr N. Hartmann genähert.  Brunswigg hat, von ihr ausgehend, ein wertvolles Buch über Psychologie der Relationen und eine für die Kantkritik wertvolle Schrift geschrieben.  P. F. Linke hat die Phänomenologie für die Expenmcntalpsychologie fruchtbar zu machen gewußt (siehe “Grundfragen der Wahrnehmungslehre”, 1918).  Der theoretische Physiker und Mathematiker Weyl hat sein ausgezeichnetes

Buch über die Relativitätstheorie Einsteins gleichfalls auf phänomenologischer Basis aufgebaut.  Auch die Diltheyschule hat sich ihr, wie übrigens Dilthey kurz vor seinem Tode selbst, in mannigfacher Hinsicht genähert.  Driesch ist in seiner “Ordnungslehre” weitgehend von ihr beeinflußt worden; auch auf de scholastische Philosophie blieb sie, wie Geysers “Alte und neue Wege der Philosophie” zeigen, nicht ohne Einfluß.  Obgleich viele fundamentale Fragen der Philosophie in ihr noch ungeklärt sind, darf doch erhofft werden, daß von der Phänomenologie aus sich allmählich ein E i n h e i t s b o d e n d e r B e t r a c h t u n g f ü r d i e g a n z e P h i l o s o p h i e entwickelt, von dem aus eine neue universale Sachphilosophie, wie wir sie anfangs forderten, sich entfalten kann.

In Oesterreich kommt die Brentanoschule (Marty, Höfler, Meinong) aus eigenen Antrieben einigen der phänomenologischen Tendenzen weitgehend entgegen.  Marty, der Brentano am nächsten steht, ist vor wenigen Jahren gestorben; sein höchst wertvoller Nachlaß, besonders seine ausgedehnten Untersuchungen zur Sprachphilosophie und eine die Probleme von Raum und Zeit betreffende Arbeit ist vor kurzem bei Niemeyer (Halle) erschienen.  Meinong, dessen geistige Entwicklung und Leistung am besten durch sein im Buch “die deutsche Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen” gegebene, sehr schön geratene und jetzt nach seinem Tode besonders wertvolle Selbstdarstellung kund wird, hat in seiner neubegründeten “Gegenstandstheorie” gleichfalls das Ideal einer daseinsfreien aprioristischen Gegenstandserkenntnis entworfen, die seine Schüler, besonders Mally, weiter ausgebaut haben.  Der Unterschied der Gegenstandstheorie von der Phänomenologie bleibt gleichwohl tiefgehend.  Der Gegenstandstheorie fehlt vor allem der i n t u i t i v e C h a r a k t e r der Phänomenologie.  In seinem letzterschienenen Buche über “Emotionale Präsentation” hat sich Meinong in der in diesem Buche neu behandelten

Theorie der Werte und Wertungen dem Standpunkt erheblich genähert, den der Verfasser in seiner Ethik vertreten hat.

Große Verwandtschaft, besonders mit der erkenntnistheoretischen realistisch gerichteten Phänomenologie weist ferner das Werk eines Mannes auf, der, viel zu wenig beachtet, einer der gründlichsten und originellsten Denker unter den gegenwärtigen Philosophen darstellt.  Ich meine Johannes Rehmke, der in seiner “Grundwissenschaft” in seiner “Logik” und in seiner “Psychologie” gleichfalls von dem als “gegeben Gehabten” ausgeht und eine Ontologie des Gegebenen und seiner Grundformen zur Basis aller theoretischen Philosophie macht (siehe auch seine Selbstdarstellung in dem obengenannten Werke).  Freilich blieb Rehmkes Einfluß bisher auf kleine Kreise beschränkt, so daß sie die Würdigung, die sie verdient, noch lange nicht gefunden hat.

Unter den selbständigen Einzelpersönlichkeiten, die in der gegenwärtigen Philosophie hervorragen, sind besonders als W i e d e r e r w e c k e r d e r M e t a p h y s i k vier Namen zu nennen:  W. Stern, H. Driesch, H. Schwarz und E. Becher.

Alle Wiedererwecker der Metaphysik sind erkenntnistheoretische Realisten; alle wollen sie keine Metaphysik “aus reinen Begriffen” (Kant), sondern eine Metaphysik, die auf dem Boden der Erfahrungswissenschaft ruht, aber gleichzeitig in einer apriorischen Bedeutungslehre ein Sprungbrett besitzt, um mit Hilfe der Methode der Analogie über das direkt und indirekt Erfahrbare der positiven Wissenschaften noch hinauszugehen.  Die Richtung der modernen metaphysischen Versuche geht im allgemeinen auf eine Neubegründung des T h e i s m u s hinaus.  Ohne bewußte historische Anknüpfung nähert sich die Metaphysik so der deutschen Theistenschule der 50er und 60er Jahre (Weiße, Ulrici, H. Fichte, Lotze).  So gehören Külpe, H. Schwarz, Brentano, Ehrenfels, Scheler, Driesch, Oesterreich, Becher, Jellinek, Stern unter den Vertretern der modernen Metaphysik der theistischen Gedankenrichtung an, wie verschieden sie

auch je ihren Theismus und Personalismus begründen.  Es ist also ein besonderes Merkmal der gegenwärtigen Metaphysik, daß sie im scharfen Gegensatz zur Metaphysik der klassischen Epoche (noch mit Einschluß E. von Hartmanns) auffällig u n p a n t h e i s t i s c h und stark p e r s o n a l i s t i s c h ist.  Ich habe a.a.O. (siehe “Vom Ewigen im Menschen”, Band 1) gezeigt, wie der moderne Pantheismus sich einmal durch die Entwicklung vom akosmistischen zum naturalistischen Pantheismus (Hegel bis zum modernen Modernismus), sodann durch Aufnahme immer neuer i r r a t i o n a l e r Faktoren in den Weltgrund (Schelling, Schopenhauer, von Hartmann, Bergson) in immer größerem Maße selbst zersetzt hat.  Auch ist es wohl begreiflich, daß in einer so chaotischen und leidenden Zeit wie der unsrigen der Pantheismus (im Grunde eine Denkweise harmonisierend gerichteter synthetischer und abschließender Kulturzeitalter) keinerlei s e e l i s c h e A t m o s p h ä r e besitzt.  Eine dritte Tendenz der modernen Metaphysik ist die Aufnahme der biologischen Grundfragen in das Zentrum der metaphysischen Probleme und eine gewisse, nach meiner Meinung zu starke Neigung, die metaphysischen Fragen besonders von dieser Seite her zu lösen (Bergson, Driesch, Stern).

Neben dem Gottesproblem ist von der modernen Metaphysik auch die Seelenfrage und das Problem der Willensfreiheit eingehender behandelt worden.  Auch in der Seelenfrage hat die theistische und antipantheistische Auffassung der Seele als selbständiger, tätiger Substanz wieder größeren Anhang erhalten (Stern, Driesch, Oesterreich, Külpe, Scheler, Becher).  Vor allem aber ist die tiefgehende Wandlung des modernen metaphysischen Denkens an der Stellungnahme führender Forscher zum Problem der Willensfreiheit kenntlich.  Während vor etwa zehn Jahren die mannigfachen Formen des “Determinismus” in fast ausschließlicher Herrschaft standen, treten gegenwärtig eine große Reihe bedeutender Forscher für die Lehre von der F r e i h e i t d e s m e n s c h l i c h e n

Willens ein.  Es seien hier genannt James, Bergson, K. Joël, dem wir ein besonders tiefgehendes Buch über die Frage verdanken, Driesch, H. Münsterberg, Scheler, N. Ach, der in seinem Buche “Der Wille und das Temperament” mit am meisten getan hat, um die Willenstatsachen experimentell-psychologisch zu erklären, steht gleichfalls der Lehre vom freien Willen nahe.

Unter den genannten Metaphysikern, die diese allgemeine Richtung einhalten, dürfte Stern, Becher und Driesch die größte Bedeutung zukommen.  William Stern, dessen Hauptwerk “Person und Sache” noch unvollendet ist, versucht den Begriff der “Person” als ein psychophysisch indifferentes, zieltätiges Aktionszentrum zur Grundlage der Metaphysik zu machen —­ eine Auffassung, die manches mit der Personlehre des Verfassers, wie er sie in seinem Buche über Ethik entwickelt hat, gemeinsam hat, in anderer Richtung aber an Driesch und von Hartmanns konkreten Monismus erinnert.  Das wertvolle Buch Sterns enthält auch eine sehr beachtenswerte Auseinandersetzung mit der passivistischen und mechanistischen Biologie und der gleichsinnigen Assoziationspsychologie, die einer scharfsinnigen und weittragenden Kritik unterworfen werden.  Sterns “teleomechanischer Parallelismus” der alle formalmechanischen Beziehungen im Universum nur als M i t t e l s y s t e m e für zwecktätige unbewußte Akte und Kräfte faßt, in denen sich eine Hierarchie zwecktätiger “Personen” verschiedener Seins- und Wertstufen immanent auswirken, ist ein sehr beachtenswerter Gedanke.  Freilich erscheint uns Sterns Vorgehen bislang noch zu dogmatisch, auch ist bei Stern übersehen der Wesensunterschied von “Geist” und “Leben”, der hier in einen bloß graduellen Unterschied aufgelöst wird.  Erich Becher, der von der Naturphilosophie herkommt, ragt hervor durch seine wertvollen naturwissenschaftlich-synthetischen Arbeiten (siehe seine “Naturphilosophie” in Hinnebergs “Kultur der Gegenwart"), die allerdings eines selbständigen philosophischen Ausgangspunktes

ermangeln und noch zu sehr der Methode des Positivismus huldigen, naturwissenschaftliche Resultate bloß nachträglich in eine Synthese zu bringen.  In seinem Werk über “Gehirn und Seele” und vor allem in seinem Buche über “Die fremddienliche Zweckdienlichkeit in der Natur” (die er an den Gallenbildungen erläutert) hat er die Anfänge einer Metaphysik entwickelt.  Sie gewinnt ihren Abschluß in der Annahme eines “überindividuellen Psychischen”, das die Erfahrungen und funktionellen Anpassungen des Organismus während seines Lebens verwertet und alle jene Erscheinungen verständlich machen soll, die auf eine E i n h e i t des organischen Lebens in allen Arten und Gattungen hinweisen (neben der fremddienlichen Zweckdienlichkeit, Ähnlichkeit von Organbildungen bei stammesgeschichtlicher weitgehender Verschiedenheit, Tatsachen der Sympathie, Erklärung all derjenigen Entwicklungserscheinungen, die weder lamarckianistisch, n o c h darwinistisch erklärbar sind, Erblichkeit funktionell erworbener Eigenschaften, die gleichwohl vom I n d i v i d u u m als solchem nicht erworben sein können usw.).  Zu einem noch selbständigeren, einheitlicheren und geschlosseneren Aufbau einer Metaphysik, die gegenwärtig großen Einfluß gewinnt, ist Hans Driesch gelangt, Er hat jüngst seine Gedanken im Aufsatz “Mein System und sein Werdegang” (siehe “Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen”, Band 1) kurz zusammengefaßt.  Driesch kam von der Naturforschung aus (Entwicklungsmechanik) in die Philosophie; seine Hauptleistung stellt auch heute noch dar seine “Philosophie des Organischen” (die eben in zweiter Auflage erschienen ist, bedeutend vermehrt und erweitert), ein Werk, das zweifellos die bedeutendste naturphilosophische Leistung darstellt, welche die deutsche gegenwärtige Philosophie besitzt.  Driesch versucht hier aus einer an der Hand der modernen Entwicklungsmechanik, die er selbst stark förderte, gewonnenen Analyse der Formbildung des Organismus und einer Analyse der Handlung des Organismus

s t r e n g e B e w e i s e für seinen neuartigen “Vitalismus” zu erbringen.  Bei aller Formbildung und allen überreflexmäßigen “Handlungen” des Organismus müsse ein Agens tätig sein, dem ganz bestimmte Merkmale und eine ganz bestimmte gesetzmäßige Wirksamkeit zugeschrieben werden.  Es heißt als hypothetischer Wirkfaktor der Handlungen “Psychoid”, als dynamischer Wirkfaktor der Formbildungen “Entelechie” (was indes keine strenge Identität mit dem aristotelischen Entelechiebegriff bedeutet).  In seiner eigentlichen Metaphysik sucht nun aber Driesch zu zeigen, daß nicht nur das “Psychoid” mit der “Entelechie” in der metaphysischen Wirklichkeitssphäre identisch seien, sondern daß auch die unserem kontinuierlichen “Selbst” zugrunde zu legende, aus den passiven Bewußtseinserscheinungen erschlossene reale Seele mit dem durch rein objektive Naturbetrachtung gewonnenen entelechialen und psychoidealen Faktor identisch sei.  Diesen Gedanken hat Driesch besonders in seinem Werk “Leib und Seele”, in dem er den psychomechanischen Parallelismus (besonders durch eine Mannigfaltigkeitsbetrachtung) widerlegt, ausgeführt.  Eine er-kenntnistheoretische und logische Basis für diese Metaphysik hat Driesch entwickelt in seiner “Ordnungslehre” und in seinem Buch “Erkennen und Denken”; die Gesamtheit seiner metaphysischen Gedanken hat er zusammengefaßt in seinem Buche über “Wirklichkeitslehre”.  Ausgehend von einem “methodischen Solipsismus”, entwickelt er in einer besonderen “Selbstbesinnungslehre” zuerst ein apriorisches System von Bedeutungen und d e n k m ö g l i c h e n Beziehungsformen.  In der Art, wie dies geschieht, ist er durch Husserl und Meinong stark beeinflußt.  Sein Gegenstandsbegriff ist von Meinong übernommen.  Die Schwäche der Driesch’schen Metaphysik (von ihren Mängeln, dem fast vollständigen Übergehen sowohl der sittlichen als der geistig historisch-gesellschaftlichen Wirklichkeit als Daten auch für die Metaphysik abgesehen) scheint mir weniger in seinen

höchst wertvollen biologischen Positionen als in seiner Naturphilosophie des Anorganischen zu liegen, in der er einem Mechanismus, der einem veralteten Stande der theoretischen Physik entspricht, huldigt.  Ferner kommt auch bei ihm, ähnlich wie bei Stern, der Unterschied der spezifisch g e i s t i g e n Akte und ihrer autonomen Gesetzlichkeit gegenüber dem biopsychischen Tatsachenbereich n i c h t zu seinem Rechte.  Dadurch entsteht die Gefahr eines pantheistisch gefärbten Allvitalismus, der durch seine neuesten Ausführungen in der “Philosophie des Organischen” über “Einheit und Pluralität” der Entelechien, in denen er stark der Einheitslehre zuneigt, noch größer geworden ist.  Jedoch kann bei diesem entwicklungsreichen und großzügigen Denker über die endgültige Gestaltung seiner Philosophie in diesen Punkten noch nichts Sicheres ausgesagt werden.

Die unmittelbarste Einwirkung vielleicht, welche die großen Weltereignisse auf den Gang der deutschen Philosophie ausgeübt haben, haben ohne Zweifel an erster Stelle die R e l i g i o n s p h i l o s o p h i e und die P h i l o s o p h i e d e r G e s c h i c h t e u n d G e s e l l s c h a f t erfaßt.  Sowohl die gewaltige r e l i g i ö s e Bewegung unserer Tage wie der Hiatus der europäischen Geschichte (und die Gesamtheit von Bestrebungen zu sozialer Neuformung) mußten auch die Philosophie stark in ihren Bereich ziehen.  Religiöse Bewegung und religionsphilosophisches Denken stehen heute in stärkster Wechselwirkung.  Auf die religiösen oder gar kirchlichen Bewegungen selbst können wir hier nicht eingehen (siehe hierzu meinen Aufsatz über “Friede unter den Konfessionen” im “Hochland” und mein Buch “Vom Ewigen im Menschen”, Band 1).  Will man der gegenwärtigen religiösen Bewegung ein allgemeines Merkmal zuerteilen, so wird man vor allem von einer Hypertrophie m y s t i s c h e r Tendenzen in allen Sonderarten der religiösen Bewegung und auf allen Gebieten (Philosophie, Kunst, Dichtung) reden können.  Diese Bewegung umfaßt sowohl den katholischen und den protestantischen

Kulturkreis als jene Kreise, die eine “neue Religion” wollen.  Die gesamte mystische Bewegung steht stark unter dem Einfluß des Ostens, so der großen russischen religiösen Denker (Tolstoi, Dostojewski, Mereschkowski, Solowjew), aber auch der indischen und chinesischen alten Weisheitslehren (siehe z.  B. die Wirksamkeit R. Tagores), Die immer stärker anwachsende anthroposophische Bewegung R. Steiners, deren Ideen auch die philosophisch von Driesch stark beeinflußten, in vieler Hinsicht sehr wertvollen Gedanken des physikalischen Chemikers K. Jellinek in seinem lesenswerten Buche “Das Weltengeheimnis” eigentümlich färben, steht gleichfalls unter östlichem Einfluß (z.  B. Wiederverkörperungslehre, der auch H. Driesch nahesteht).  Die expressionistische Kunst der Gegenwart, die im “Weißen Reiter” auch einen vorwiegend katholischen Ausdruck gefunden hat, steht gleichfalls stark unter diesen östlichen Einflüssen.  Am befremdlichsten wirkt hierbei die mystische Bewegung innerhalb des protestantischen Kulturkreises, um so mehr, als die vorwiegende protestantische Theologie, besonders die Schule A. Ritschls, vor den Kriege aller Mystik äußerst abhold war und in ihr überall “katholisierende Tendenzen” witterte.  Der Ausspruch Harnacks:  “Ein Mystiker, der nicht katholisch würde, sei ein Dilettant” ist für die ältere Stellung der protestantischen Theologie in schärfstem Gegensatz zur Gegenwart charakteristisch.  Sehr häufig verbindet sich die östlich gefärbte Mystik unserer Tage, die man mit Recht in eine geschichtliche Parallele einerseits mit dem unseren Zeitalter so ähnlichen Hellenismus der Spätantike, andererseits mit den Nachwirkungen des Dreißigjährigen Krieges in Deutschland (Auftreten des Pietismus) gesetzt hat, auch mit einer östlichen Orientierung in der Politik (siehe z.  B. die Schriften des Heidelberger Philosophen H. Ehrenberg und die Arbeiten E. Rosenstocks).  Es ist noch fraglich, wie weit die Gesamtheit dieser Erscheinungen als bloße Flucht der Seele aus den Wirren der Zeit und wie

weit sie als p o s i t i v e Ausgangspunkte einer neuen lebendigen Religiosität zu werten sind.  Bisher hat das Ganze noch einen stark chaotischen Charakter.  Innerhalb des katholischen Kulturkreises, in dem gegenwärtig eine große geistige Regsamkeit wahrzunehmen ist, stellen sich die mystischen Tendenzen noch am geformtesten dar und werden außerdem durch eine ihnen in gewissem Sinne entgegengesetzte Bewegung, die von den Benediktinern inaugurierte “liturgische Bewegung” in Schranken gehalten.  Hier bemüht man sich vor allem, “wahre und falsche Mystik” zu unterscheiden (siehe besonders die Aufsätze von A. Mager in der “Benediktinischen Monatschrift” und im katholischen Sonderheft der “Tat”; für die liturgische Bewegung siehe vor allem die vom Abt J. Herwegen herausgegebene Schriftenreihe “Ecclesia orans”, besonders R. Guardini:  “Vom Geist der Liturgie").  Trotz des tiefen inneren Gegensatzes der mystischen, mehr an das Mittelalter und die Gotik anknüpfenden Bewegungen und der liturgischen a l t k i r c h l i c h e n Bewegung gewinnen beide Tendenzen eine Art Einigung wieder dadurch, daß manche katholischen Denker auch in der Philosophie und Theologie stärker an die mystischer gefärbte platonisch-augustinische Auffassung anknüpfen, die mit den liturgischen Bestrebungen ja auch den alt- und frühkirchlichen historischen Grundcharakter teilen.  In der Philosophie ist auf religionsphilosophischem Boden dieser sich allenthalben wieder stärker regende A u g u s t i n i s m u s (freilich stark modifiziert) auch mit der Phänomenologie (die, wie bemerkt, ja selber stark platonisch orientiert ist) in Verbindung getreten durch das Werk des Verfassers “Vom Ewigen im Menschen”, Band 1, in dem versucht wurde, sowohl der Metaphysik als der Religionsphilosophie (das letztere durch Aufrechterhaltung eines selbständig religiösen und unmittelbaren Faktors in der religiösen Gotteserkenntnis) eine neue Selbständigkeit zu geben ("Konformitätssystem von Glauben und Wissen").  Auf ganz anderem philosophischen Boden (mit

Anknüpfung an die modernen Kantschulen) hat J. Hessen den “augustinischen Gottesbeweis” wieder zu Ehren zu bringen versucht, und auch Switalsky hat ihm in seinen Arbeiten wieder ein größeres Recht eingeräumt, als die vorwiegend thomistische Richtung ihm bisher gewährte.  Auch diese Tendenz ist wohl verständlich sowohl aus dem a l l g e m e i n e n Streben wieder stärker an frühkirchliche geistige Erscheinungen anzuknüpfen, als vor allem auch daraus, daß es sich heute nicht darum handeln kann, so wie zu Zeiten des Thomas von Aquin das relative R e c h t von Natur und Vernunft gegenüber einer stark im Übernatürlichen versunkenen mächtigen und einheitlichen christlich erfüllten Welt sicherzustellen, sondern u m g e k e h r t darum, eine ganz und gar in das Weltliche und Materielle versunkene weltanschaulich tiefpartikularisierte Gesellschaft Gott und die göttlichen Dinge wieder geistig nahezubringen.  An Stelle der bloßen “ars demonstrandi”, die erfahrungsgemäß nur dort überzeugt, wo traditioneller Glaube den Menschen bereits beherrscht, tritt hier eine “ars investigandi et inveniendi” und gleichzeitig die alte anselmische Lehre, daß das religiöse Bewußtsein und das Haben seines Gegenstandes (Gottesidee) dem philosophisch-wissenschaftlichen Bewußtsein und der ihr entsprechenden Weltgegebenheit gesetzlich (wenn auch geschichtlich mit ganz variablem Inhalt) vorhergeht (im Sinne des anselmischen “Credo, ut intelligam").  Auch mit H. Newman, dessen “Grammatik der Zustimmung” eben von Th.  Haecker neu übersetzt wurde, und dessen Schriften gegenwärtig auch in katholischen Bildungskreisen stark gelesen werden, steht diese Bewegung in mannigfacher Verbindung (vgl. auch die Zeitschrift “Brenner”, in der sich religiöse Gedanken verschiedener Konfessionen begegnen).  Auch die bemerkenswerten Reden des Tübinger Dogmatikers Adam über “Glauben und Wissen”, “Religion und Gegenwart” verraten die geschilderten Gedankenmomente.  Ihr praktisches Gewicht und ihre soziale Parallele erhält diese neuere katholische Denkrichtung

durch die sich in den katholischen Bildungskreisen immer stärker durchsetzende Überzeugung, daß die Religion sich in einer Zeit, in der die gewaltigen Stützen der Kirche durch den Staat zusammengebrochen sind, und in der sich der Glaube zu r e i n i g e n hat von allen ständischen und klassenmäßigen Amalgamierungen, in die ihn die verflossene Geschichte gebracht hatte, vor allem innere Selbständigkeit und Unabhängigkeit von den Interessenstrukturen der Politik und Wirtschaft gewinnen müsse, um wieder eine praktisch lebendige Kraft auf das Leben zu gewinnen.  Aus demselben Grunde sucht man in bezug auf geschichtliche Vorbilder innerhalb des katholischen Kulturkreises an solche Zeiten und Persönlichkeiten anzuknüpfen, in denen die Religion aus ihrer eigenen inneren Kraft heraus (ohne Stütze von irgendeiner anderen Macht) neue soziale Bewegungen e i n g e l e i t e t oder doch mit ihrem Geiste durchhaucht hat.  Das von D. von Hildebrand herausgegebene Buch “Der Geist des heiligen Franziskus” will in diesem Sinne die franziskanische Bewegung nach allen in Betracht kommenden Richtungen charakterisieren.

Innerhalb des p r o t e s t a n t i s c h e n Kulturkreises deuten mehrere Erscheinungen gleichfalls auf den neuen religiösen Geist der Zeit hin.  Der weitgehenden soziologischen Umformung der Behälter und Wirkungsweisen des protestantischen Geistes (die keineswegs, wie man so oft irrig meint, ein Nachlassen auch seiner K r a f t und seiner Wirksamkeit zu bedeuten braucht) —­ man kann sie kurz als Tendenz zu Sekten, Kreis-Ordensbi1dungen um irgendeine charismatisch erscheinende Persönlichkeit herum charakterisieren —­ entspricht eine Reihe religionsphilosophischer und theologischer Neuerscheinungen, welche starke Beachtung verdienen.  Hier sind vor allem die tiefgreifenden und wirksamen Arbeiten von R. Otto (siehe “Das Heilige”, 2.  Auflage), ferner von H. Scholz “Religionsphilosophie (1921), die Arbeiten des Hallenser Dogmatikers Heim, die mannigfachen

Schriften Fr. Heilers (siehe “Das Gebet” und “Buddistische Versenkungsstufen”, “Das Wesen des Katholizismus"), die mystische Wert- und Religionsphilosophie von H. Schwarz “Das Ungegebene”, Tübingen 1921, zu nennen.  Auch die Arbeiten von K. Oesterreich über “Religionspsychologie” und die neue große Arbeit über denselben Gegenstand von J. K. Girgensohn, ferner als überkonfessionelle Sammelstelle religionspsychologischer Bestrebungen die “Zeitschrift für Religionspsychologie” mögen hier aufgeführt sein, obzwar diese Erscheinungen weniger religiös als rein wissenschaftlich bedeutsamen Charakter besitzen.  Den größten Einfluß von diesen Arbeiten hatten ohne Zweifel die Schriften von Otto und Heiler.  Otto betrachtet die Werte des Heiligen und Göttlichen, die er in der ersten Hälfte seines Buches rein phänomenologisch untersucht, auf ihre Wesensbestandteile und scheidet sie in rationale (z.  B. Güte, Wissen usw.) und irrationale.  Als irrationale Grundwerte, die sich nicht so, wie die Kantschulen meinen, in “allgemeingültige Vernunftwerte” oder deren Steigerung ins “Unendliche” oder “Vollkommene” auflösen lassen, nennt Otto das “Numinose”.  Er zerlegt das ihm entsprechende Gefühl in das “Kreaturgefühl” in das “mysterium tremendum” das dem Heiligen den Charakter des Schauervollen, Übermächtigen und Energischen verleiht, in das Moment des geheimnisvollen “ganz anderen” und in das Moment des magisch anziehenden “fascinosum”.  Er verfolgt alle diese dem Göttlichen konstitutiv eigenen “irrationalen” Elemente durch das Alte und Neue Testament und durch Luthers Schriften hindurch und gibt am Schlusse eine Art religiöser Erkenntnistheorie, die an die von Fries modifizierte Kategorienlehre Kants anknüpft.  Eine Kritik seiner Aufstellungen habe ich auch in meinem Buche “Vom Ewigen im Menschen” gegeben (siehe auch E. Troeltsch in den “Kantstudien").  Die Bestrebungen nach einer freien religiösen Mystik sind innerhalb des Protestantismus durch dieses Buch

stark gesteigert worden.  Heiler gab in seinem Buche über “Das Gebet” eine überaus großzügige, gelehrte und auch phänomenologisch und psychologisch überaus anregende Studie, die nur den Fehler hat, daß sie mit Hilfe gewisser von der Ritschlschen Theologie entlehnter Kategorien, besonders der Kategorie des “prophetischen” und “mystischen Gebets” viele Erscheinungen des religiösen Lebens vergewaltigt.  Das beste Buch Heilers ist das Buch über “Buddhistische Versenkungsstufen”, in dem er diese Stufen feinsinnig phänomenologisch erörtert und nur ihre T e c h n i k noch zu wenig beschreibt.  Sei prinzipienlos und historisch nach rein individuellen und subjektiven Eindrücken geschriebenes Buch über das “Wesen des Katholizismus”, das zugleich eine erstaunliche Verherrlichung der im “Gebet” gerade als “unevangelisch” verurteilten katholischen Mystik und gleichzeitig eine herbe Anklage gegen die gegenwärtige Kirche darstellt, sucht nach Harnacks Vorgang das Ganze des Katholizismus als “Synkretismus” aus fünf Bestandteilen zu erweisen; sie sollen bestehen im Evangelium, dem römischen Reichs- und Rechtsgedanken, dem jüdischen Legalismus und seiner Kasuistik, den paganisch-magischen Faktoren (Messe) und der nach Heiler auf den Orient zurückgehenden hellenischen Philosophie und Mystik.  Die Methode der Betrachtung ist hier im wesentlichen diejenige Harnacks.  Das religiöse, bei Heiler vorherrschende, aber von seinen Stimmungen stark abhängige “Ideal” soll gegeben sein in dem, was er in seiner Anlehnung an den schwedischen Bischof Soederbloem die “Evangelische Katholizität” nennt. —­ Die “Religionsphilosophie” von H. Scholz, die besonders in ihren kritischen Partien ausgezeichnet geraten ist, will ähnlich wie R. Otto und in mancher Hinsicht auch ähnlich wie der Verfasser in seinem Werke “Vom Ewigen im Menschen” die Religion auf eine besondere F o r m d e r r e l i g i ö s e n E r f a h r u n g gründen, die aber nicht allen Menschen zukommen soll.  Auch dieses Werk nimmt seinen Ausgangspunkt vor

allem in dem Wesen der m y s t i s c h e n Gotteserfahrung und sucht von hier aus die Religion mit dem Ganzen des menschlichen Geisteslebens in innere Beziehung zu setzen.  Auch K. Oesterreich hat in seiner Schrift “Über die religiöse Erfahrung” dieselbe Methode und denselben Ausgangspunkt wie die genannten phänomenologischen vorgehenden Forscher.  Überblickt man diese und andere hier aus Raummangel nicht genannten Erscheinungen der protestantischen Religionsphilosophie und Theologie und vergleicht sie mit den augustinisch gefärbten Arbeiten innerhalb des katholischen Kulturkreises, so eröffnet sich eine A u s s i c h t, die nach meiner Meinung von größter Tragweite ist.  Es ist die Aussicht auf eine mählich fortschreitende Einigung der Forscher verschiedener Konfessionen über die Grundfragen wenigstens der natürlichen Theologie und der Religionsphilosophie.  Solange auf der einen Seite einseitigster Kantianismus, auf der anderen Seite ein ausschließlicher Thomismus traditionalistisch herrschten, war auch der bloße V e r s u c h einer solchen Einigung völlig ausgeschlossen (siehe dazu auch R. Eucken:  “Kant und Thomas, der Kampf zweier Welten").  Den W e r t einer solchen Einigung aber wird man nicht gering anschlagen dürfen, denn es würde dadurch der widersinnige Zustand, den ich a. a.  O. als einen “Skandal der Philosophie und Theologie zugleich” bezeichnet habe, aufgehoben, daß in der nicht auf positiver Offenbarung und Tradition beruhenden sogenannten “natürlichen Gotteserkenntnis” (die jedem Menschen spontan zugänglich sein soll) gerade am m e i s t e n der bloße historische Traditionalismus herrscht, und daß die konfessionell verschiedenartigen religiösen Bildungskreise in der natürlichen Theologie und Religionsbeurteilung eher n o c h w e i t e r auseinandergehen als in den Fragen der positiven Theologie und der Glaubensbekenntnisse.

Auch innerhalb der theoretischen und praktischen Führerschaft der deutschen Sozialdemokratie sind gegenwärtig

Versuche bemerkenswert, das religiöse Problem einer neuen Durchforschung zu unterziehen, die von der marxistischen überkommenen Lehre, der gemäß die göttlichen Dinge nur ein phantastisches “Aroma” sein sollen, das als “Begleiterscheinungen” ökonomischer Herrschaftsverhältnisse aus der “bürgerlichen Gesellschaft” aufsteigt (Marx), prinzipiell abweichen.  Noch sehr fadenscheinig ist die Religion in Paul Göhres “Der unbekannte Gott” gefaßt, dagegen haben Radbruch, Maurenbrecher, mehrere Freunde der “Sozialistischen Monatshefte”, die theoretischen Vertreter des Bundes sogenannter “religiöser Sozialisten” Ansichten geäußert, die, wie immer man sie beurteilen mag, eine neue Stellung auch der sozialdemokratischen Arbeiterklasse zu den Problemen der Religion ankündigen.  Da nach unserer Meinung jeder religiös nicht an das höchste Gut und Gott glaubende Mensch, und jede Klasse solcher Menschen ein nachweisbares S u r r o g a t des höchsten Gutes in Form eines zu einem “Götzen” gestempelten endlichen Wertes (heiße er Geld, Nation, Zukunftsstaat oder sonstwie) besitzen, wird der vermutlich bald vollständig einsetzende, schon heute (siehe das neue sozialdemokratische Parteiprogramm) sehr weitgehende Verzicht auf die Verwirklichung der Ideale des Kommunismus und des “Zukunftsstaates” (an die ein gewaltiges Maß eschatologischer Religiosität gleichsam festgebunden war) einen l e e r e n Raum in der Seele der Arbeiterklasse schaffen, der ihre Disposition für die Aufnahme echt religiöser Güter bedeutend steigern dürfte.  In diesem Sinne hat sich auch Otto Baumgarten in seinem Buche “Der Aufbau der Volkskirche”, das die Möglichkeit des Aufbaus einer protestantischen Volkskirche an Stelle einer bloßen “Pastorenkirche” eingehend und feinsinnig erwägt, ausgesprochen.

Nicht minder tief greifen, wie gesagt, die Wirkungen der Weltereignisse auf die geschichtsphilosophischen und soziologischen Neuorientierungsversuche der Gegenwart ein.  Alle größeren geschichtsphilosophischen Versuche der

europäischen Geschichte, die wir kennen, die Versuche Augustins und Johanns von Freising, die Versuche Vicos, Bossuets, Hegels und Comtes haben ihren Ursprung in Zeitaltern, die nach großen, die Verhältnisse tief umformenden Geschichtswendungen, gleichsam eine Besinnung der Menschheit über den bisherigen Verlauf ihrer Geschichte anregen.  Der Französischen Revolution wohnte in diesem Sinne die mächtigste Anregungskraft für geschichtsphilosophische Besinnung ein, und so ist es kein Wunder, daß gerade gegenwärtig die geschichtsphilosophisch m a t e r i a l e B e t r a c h t u n g der Dinge eine neue Auferstehung gefeiert hat.  Zum Teil knüpfen diese Versuche an Gedanken an, die schon vor dem Kriege wieder eine Rolle zu spielen begannen.  Kaum ein geschichtsphilosophischer Versuch der Gegenwart zeigt sich z.  B. nicht irgendwie durch Nietzsches starke Anregungen bedingt.  Ferner fühlt man überall die Ideen Burckhardts, wie er sie in seinen “Weltgeschichtlichen Betrachtungen” entwickelt hat, die Auffassungen von Dilthey, Troeltsch, Hegel und Hartmann noch lebendig.  Der grundlegende Gesichtspunkt, welcher der gegenwärtigen Geschichtsphilosophie ihr b e s o n d e r e s Gepräge verleiht, ist vor allem der Gegensatz zwischen Dekadenz oder Erneuerungsmöglichkeit der europäischen Menschheit und dazu die noch mögliche Aufgabe und Rolle “Europas” im zukünftigen Weltgetriebe.  Schon diese Frage führt wie von selbst dazu, die E n g e und B e d i n g t h e i t der spezifisch europäischen Maßstäbe und europäischen Denkformen in allen bisherigen Geschichtsauffassungen und -beurteilungen immer tiefer zu erkennen.  Diesen Fragen gegenüber sind heute die mehr formalen Probleme der Geschichts e r k e n n t n i s weitgehend zurückgetreten.  Oswald Spengler hat dem auf alle Fälle starken Wurfe seines “Untergang des Abendlandes” in seinem Aufsatz über “Pessimismus?” eine sehr eigenartige Interpretation nachfolgenlassen (der zweite Band des “Untergangs” wird demnächst erwartet).  Seine D e k a d e n z l e h r e ist in

seinem “Untergang” weniger tiefgehend als sensationell vertreten.  Die ungeheure Wirkung dieses Buches und der aufregende Neuheitseindruck, mit dem es entgegengenommen wurde, ist psychologisch nur aus der N i e d e r l a g e Deutschlands im Kriege zu verstehen.  Aber außerdem ist er nur begreiflich daraus, daß das große Publikum offenbar keine Ahnung davon hatte, wie sehr diese Dekadenzlehre bereits durch anderweitige Forscher vorbereitet war.  Graf Gobineau, J. Burckhardt, Fr. Nietzsche, F. Tönnies, E. Hammacher (siehe sein Buch:  “Grundprobleme der modernen Kultur"), M. Scheler (siehe “Ressentiment im Aufbau der Moralen"), W.Sombart —­ sie alle hatten ja, wenn auch mit weitgehend verschiedener Begründung und Fundierung, im Grunde der These gehuldigt, daß sich das Abendland des 19.  Jahrhunderts im Niedergang befinde.  Der Kreis Stefan Georges dachte in derselben Richtung.  E. von Hartmanns universaler Geschichtspessimismus zielte gleichfalls auf eine geschichtsphilosophische Dekadenzlehre hin.  Nur das satte Behagen der deutschen Oberklassen während des Wilhelminischen Zeitalters konnte diese warnenden Stimmen über hören lassen und den Schein erzeugen, daß man über Fortschritt und Aufstieg Europas so einig sei, wie es etwa Hegel und in anderer Form und Art die Positivisten Comte und Spencer gelehrt hatten.  Freilich maßten sich alle diese genannten Denker n i c h t an, astronomisch voraussagen zu können, was in Zukunft sein und geschehen werde, so wie es Spengler auf Grund seiner vermeintlichen vagen Phasen- und Gleichzeitigkeitsgesetze getan hat, nach denen z.  B. Buddhismus, Stoizismus und Sozialismus innerhalb der Phasenabfolge der indischen, römischen und modernen Zivilisation “gleichzeitig” sein sollen.  Es genügte ihnen so wie es allein möglich und sinnvoll ist, von Niedergangstendenzen zu reden, deren Realisierung durch die ursprüngliche Freiheit der menschlichen Persönlichkeit oder doch durch arationale Geschichtsfaktoren auch prinzipiell umgebogen

werden könne.  Eine solche “Freiheit” kennt Spengler nicht, er betrachtet die großen Kulturen, die er an sich mit Recht als eine ursprüngliche Vielheit ansieht (siehe hierzu auch des Verfassers Abschnitt “Die Einheit Europas” in seinem Buche “Genius des Krieges"), wie Pflanzenvegetationen, die aus der “mütterlichen Landschaft” herauswachsen, dann einen Prozeß des Aufblühens, Alterns und Sterbens durchlaufen.  Diese biologischen Analogien sind aber auf die Geschichte unanwendbar.  Wertvoll dagegen ist der Versuch Spenglers, a l l e Sphären der geschichtlichen Güterwelt (Wissenschaft, Künste, Staatsformen usw.) auf die Einheit einer “Kulturseele” zurückzubeziehen, und ihre Strukturidentität aufzuweisen.  Die Durchführung des Gedankens, den auch Dilthey, Duhem (siehe “Geschichte der physikalischen Theorien"), Scheler und andere längst aufgenommen hatten, ist indes oft überaus spielerisch und willkürlich (vergleiche dazu das Heft des “Logos” indem sich eine Reihe von Forschern mit Spengler beschäftigen).  Zur Kritik Spenglers ist schon eine kleine Literatur erschienen, aus der ich Th.  Haerings “Die Struktur der Weltgeschichte” (1921), die Schrift von H. Scholz “Zum Untergang des Abendlandes” (1920) und Götz Briefs “Untergang des Abendlandes, Christentum und Sozialismus” (1920), Kurt Breysigs “Der Prophet des Untergangs” hervorhebe.  Ganz wesenlos, verworren, unbestimmt und überdies aus den mannigfaltigsten verschwiegenen Anregungen zusammengeflossen sind die philosophischen und erkenntnistheoretischen V o r a u s s e t z u n g e n des Buches.  Sie enthalten einen Relativismus, der sich im tiefsten Gegensätze befindet zu aller ernsthaften gegenwärtigen Philosophie, und sind nur ein letzter Nachklang des romantischen Historismus der Vorkriegszeit und seiner verantwortungslosen, sich in alles und jedes “einfühlenden” schauspielerischen Verwandlungskunst —­ Haltungen, von der heutigen J u g e n d mit Recht scharf zurückgewiesen werden.  Wenn wir nicht glauben, daß Spenglers Werk

seinen Tageserfolg, stark mitbedingt durch die psychischen Dispositionen eines geschlagenen Volkes, dessen gegenwärtiges Elend und Niedergangsgefühl gleichsam wie von einem gewissen “Troste” vergoldet scheint, wenn sich auch das Ganze des Abendlandes, dessen Teil es ist, in einer absteigenden Richtung befindet (so daß man gewissermaßen sagen kann auch jetzt wieder:  “Deutschland in der Welt voran” —­ wenn auch in absteigender Richtung —­ überdauern wird, so erhoffen wir um so Wertvolleres von anderen wichtigen Erscheinungen der gegenwärtigen Soziologie und Geschichtsphilosophie.

Das Grundbuch der deutschen Soziologie wird noch auf lange Zeit hinaus Ferdinand Tönnies’ “Gemeinschaft und Gesellschaft” bleiben, das erst langsam seine volle Bedeutung auswirkt.  Max Weber, dessen Werke jetzt gesammelt erscheinen, hat uns noch kurz vor seinem Tode mit seinen großangelegten religionssoziologischen Untersuchungen über die Religionsformen Chinas, Indiens und der verschiedenen kirchlichen Bildungen des Christentums beschenkt, die sich seiner ungemein wirksamen Untersuchung über die Bedeutung der calvinistischen Religiosität und systematischen Selbstkontrolle für die Ausbildung des “kapitalistischen Geistes” würdig angereiht haben.  Die Bedeutung der Weltreligionen für die soziale Struktur der Völker und für ihre Wirtschaftsgesinnung ist in diesen Untersuchungen überaus großartig hervorgetreten.  Nimmt man noch hinzu die bekannten “Soziallehren der christlichen Kirchen von E. Troeltsch und die Untersuchungen von P. Honigsheim “Über den Einfluß des Jansenismus auf die französische Sozial- und Wirtschaftsgeschichte” so ist in diesen Arbeiten ein bedeutendes, zusammenhängendes Bild entstanden von der soziologischen Bedeutung der Religion überhaupt (vgl. auch des Verfassers “Abhandlungen und Aufsätze").  In anderer Richtung hat Werner Sombart in seinen Kapitalismusbüchern und seinem “Bourgeois”, vor allem aber in der neuen Auflage seiner “Grundlagen des modernen Kapitalismus” nun eine s y s t e m a t i s c h e

A n o r d n u n g aller Kausalfaktoren für die Entstehung der Phasen des modernen Kapitalismus gegeben, die den älteren Einwänden gegen seine Aufstellungen weitgehend standhält.  Sein zu erwartendes Buch über die geistesgeschichtlichen Bedingungen des modernen Sozialismus, zu dem er sein bekanntes “Sozialismus und soziale Bewegung” umzuarbeiten im Begriffe ist, wird über die Entstehung besonders der marxistischen Theorien neues Licht verbreiten.  Die neuen, in den Schriften der Kantgesellschaften herausgekommenen Untersuchungen von E. Troeltsch über die bisherigen Formen der Soziologie seit Comte und über die dialektische Methode Hegels haben gleichfalls über die Entstehung des Gegensatzes unserer deutschen Geschichtsauffassung von der bei den Westvölkern vorliegenden Auffassung uns wichtige Einsichten erschlossen.  Erwägt man dazu, daß die gesamte marxistische Soziologie (siehe dazu die neueren Arbeiten von J. Plenge, Lederer, Cunow, Lensch, Schumpeter, Renner, R. Michels, Max Adler und anderer) sich in der tiefgehendsten Krisis befindet, in der sie sich seit der Auseinandersetzung von Lassalle und Marx befunden hat, so wird man die langsam beginnende geschichtsphilosophische und soziologische Auseinandersetzung der sozialistischen und bürgerlichen Soziologie und Geschichtsauffassungen nicht gering anschlagen dürfen.  Was uns gegenwärtig vor allem notwendig ist, das wäre eine neue, auf der Gesamtheit der durch diese Literatur erschlossenen empirischen Einsichten fußende T h e o r i e d e r h i s t o r i s c h e n K a u s a l f a k t o r e n, die insbesondere die O r d n u n g ihrer Wirksamkeit genau bestimmt und feststellt, und die zugleich mit allen bisherigen Einseitigkeiten, vorwiegend spiritueller und naturalistischer Geschichtsauffassungen, endgültig bricht.  Der Verfasser ist damit beschäftigt, in einem demnächst erscheinenden Buche über die Gesellschafts- und Geschichtslehre des “Solidarismus” eine solche Theorie zu entwickeln. —­

Wenn man die ungemeine, nur noch mit dem Zeitalter Kants und Hegels vergleichbare, g e i s t i g e R e g s a m k e i t auf dem Boden der Philosophie im gegenwärtigen Deutschland (von der diese Zeilen ein schwaches, durch den Raum engbegrenztes Bild geboten haben) mit dem vergleicht, was gegenwärtig in den Ländern der Sieger auf diesem Boden geschieht, so ist —­ wie alle, die vom Ausland zu dem Verfasser nach Köln kommen, bezeugen —­ der Abstand ein u n g e h e u e r g r o ß e r.  Dieser Eindruck ist, wenn man noch hinzunimmt, was trotz des neuen Elends des Bibliothekswesens und der geringen Aufwendungen, die seitens des Staates für die Wissenschaft und ihre Institute heute allein möglich sind, auch auf dem Boden der Naturwissenschaften und der Erfindungen geleistet wird, so stark, daß an ihm allein schon das tiefgesunkene Selbstgefühl und Selbstwertgefühl der Nation s i c h w i e d e r a u f z u r i c h t e n v e r m a g.  Ein Volk, das im größten Elend seiner politischen und ökonomischen Lage zu einer solchen Fülle geistiger Anstrengungen und Leistungen fähig ist, kann nicht zugrunde gehen.  Einem in gewissem Sinne tragischen Grundgesetze der deutschen Geschichte gemäß (das man preisen oder beklagen mag) wird auch diesmal die Nation; gerade aus ihren tiefsten Leiden und Nöten heraus, mit neuen und frischen Energien, die ihr aus der dunklen Tiefe ihrer durch kein Geschick zerbrechlichen Seele zufließen, mit neuem Wagemut wieder zu den ewigen Sternen ihrer eigentlichen “Bestimmung” greifen.  Der Philosophie kommt dabei die nicht zu unterschätzende Rolle zu, die einseitige Verfachlichung und Spezialisierung, in die das deutsche Volk vor dem Kriege so sehr versunken war, daß ihm die auch zu einer gesunden und einheitlichen Politik und zur Führung des Krieges notwendige spontane Einigungsbereitschaft und Einigungsbefähigung weitgehend gebrach, allmählich aufzulösen und damit beizutragen, eine neue, einheitlichere geistige Bildungsgestalt dem deutschen Menschen aufzuprägen.

RELATIVITÄTSTHEORIE

VON A. SOMMERFELD

VORTRAG, GEHALTEN IN EINEM ZYKLUS GEMEINVERSTÄNDLICHER EINZELVORTRÄGE, VERANSTALTET VON DER UNIVERSITÄT MÜNCHEN, SOMMER 1921

Konrad Ferdinand Meyer läßt im “Hutten” den alten
Pfarrer von Ufenau sagen: 

    Erfahrt, daß unter uns, die wir bemüht
    Um die Natur sind, ei Geheimnis glüht! 
    Mit hat’s ein fahr’nder Schüler anvertraut. 
    Neigt euch zu mir!  Man sagt’s nicht gerne laut. 
    Ein Chorherr lebt in Thorn, der hat gewacht,
    Bis er die Rätsel deutete der Nacht. 
    Herr Köpernick beweist mit bünd’gem Schluß,
    Daß —­ staunet —­ unsre Erde wandern muß!

Dasselbe Staunen, das vor 400 Jahren die Menschheit bei der Kunde von der Umwälzung des Kopernikus erfaßte, ist heute lebendig, wo es sich um eine neue Umwälzung im Weltbilde handelt, vergleichbar der kopernikanischen, ja vielleicht mit ihren erkenntnistheoretischen Wurzeln noch tiefer reichend.  Dasselbe geheimnisvolle Dunkel wie damals —­ “man sagt’s nicht gerne laut” —­ umweht die neue Theorie von Raum, Zeit und Schwere.  Wird es mir gelingen, das Dunkel in etwas zu lichten?  Ich weiß nur zu gut, daß dies ohne die sichere Leitschnur des mathematischen Gedankens letzten Endes unmöglich ist.  Für viele meiner Behauptungen werde ich den Beweis schuldig bleiben müssen, da er sich nur aus der vollen Kenntnis der physikalischen Tatsachen und zum guten Teil nur mit den Hilfsmitteln der mathematischen Rechnung erbringen ließe.  Ich muß zufrieden sein, wenn ich Ihnen eine Vorstellung von den Problemen und von den Gedankengängen, die zu ihrer Lösung führen, geben kann.  Etwas genauer möchte ich dann darauf eingehen, wie

es mit der erfahrungsmäßigen Prüfung der neuen Lehre steht.  Insbesondere werde ich von der Sonnenfinsternis des Jahres 1919 zu sprechen haben.  Während in Fachkreisen das Interesse an der Relativitätstheorie seit 15 Jahren lebendig ist, datiert das allgemeine Aufsehen und die Popularität der Theorie erst von ihrer Bestätigung durch diese Sonnenfinsternis.

    “Ihr meint, wie sitzen ruhig hier?  Erlaubt,
    Wir schweben, wie von Adlerkraft geraubt” —­

so fährt der Pfarrer von Ufenau zu reden fort.  “Wir sitzen ruhig hier.”  Und doch drehen wir uns, so belehrt uns Kopernikus, um die Erdachse mit einer Geschwindigkeit von einigen hundert Metern in der Sekunde; gleichzeitig bewegt sich die Erde und wir mit ihr um die Sonne mit einer Geschwindigkeit von 30 km in der Sekunde, also hundertmal schneller, als der Schall die Luft durcheilt.  Und die Sonne selbst bewegt sich gegen die Fixsterne und führt die Erde und uns selbst “wie mit Adlerkraft” fort.  Von diesem ganzen zusammengesetzten Bewegungsvorgang spüren wir nichts, es sei denn, daß wir mit genauen Hilfsmitteln ausgerüstet sind, um an den Sternen Beobachtungen zu machen.  Wir müssen daraus schließen:  Bewegung an sich ist nicht beobachtbar, sie ist an sich nichts.  Nur relative Bewegung können wir konstatieren.  Und weiter:  Der Raum ist an sich nichts, das Fortschreiten im Raum betrifft keine wirkliche Tatsache.  Es gibt keinen absoluten Raum.  Der Raum existiert nur durch die in ihm enthaltenen Körper und Energien.  Ein Fortschreiten im Raum ist nur zu messen am Rauminhalt und läßt sich überhaupt nur denken relativ zu den raumerfüllenden Körpern und Energien.

Dies ist das Relativitätsprinzip der klassischen Mechanik.  Es bildet seit 200 Jahren die Grundlage für das Studium der himmlischen und irdischen Bewegungen.  Der genaue Ausdruck

dieses ältesten Relativitätsprinzips lautet:  Es ist unmöglich, festzustellen, ob sich ein System von Körpern als Ganzes in Ruhe oder in gleichförmig geradliniger Bewegung befindet, sofern wir nur innerhalb dieses Körpersystems Erfahrungen anstellen und keine Merkmale außerhalb desselben beobachten können.  Wir können also nichts von der fortschreitenden Bewegung der Erde bemerken, wenn wir keinen Ausblick nach dem Fixsternhimmel haben.  Mit der drehenden Bewegung der Erde ist es allerdings zunächst anders, sie fällt nicht unter das Relativitätsprinzip der klassischen Mechanik, da bei ihr die Richtung der Geschwindigkeit fortgesetzt wechselt.  In der Tat können wir sie durch Pendelbeobachtungen auf der Erde messen oder an der Abplattung der Erde nachweisen.  Wir werden hierauf zurückkommen, wenn wir das allgemeine, über die klassische Mechanik hinausgehende Relativitätsprinzip entwickelt haben werden.

Gehen wir von der Mechanik zur Optik über.  Die Erscheinungen des Lichtes beruhen, wie wir heutzutage wissen, auf der Ausbreitung elektromagnetischer Felder.  Die Optik und Elektrodynamik glaubte einen L i c h t ä t h e r nötig zu haben, einen feinen materialisierten Raum, in dem sich die Lichtwirkungen ausbreiten sollten.  Hiernach wäre es denkbar, absolute Bewegung im Raum als Bewegung gegen den Lichtäther durch Lichtstrahlen nachzuweisen.  Ein Lichtstrahl, der sich im Sinne der Erdbewegung, diese überholend, fortpflanzt, sollte sich relativ zur Erde langsamer fortpflanzen als ein Lichtstrahl, der senkrecht zur Erdbewegung fort-schreitet.  Das Relativitätsprinzip wäre damit durchbrochen und die absolute Bewegung der Erde im Raum nachweisbar.  Der Versuch ist mit außerordentlicher Schärfe von M i c h e l s o n angestellt worden und lieferte kein Anzeichen der Erdbewegung.  Es hätte keinen Zweck, wenn ich Ihnen den Michelsonschen Versuch näher schildern wollte.  Die Überzeugung von seiner bindenden Kraft könnte ich Ihnen

doch nicht beibringen, ohne mich in experimentelle Einzelheiten zu verlieren.  Der Versuch ist so schwierig und verlangt so außerordentliche Hilfsmittel, daß er nur zweimal durchgeführt worden ist.  Hier, wie in vielen anderen Punkten, muß ich auf Ihren guten Glauben an die Zuverlässigkeit der physikalischen und astronomischen Messungen rechnen können.  Der Michelsonsche Versuch und andere weniger genaue Erfahrungen zeigen also, daß das Relativitätsprinzip zu Recht besteht, daß absolute Bewegung auch nicht optisch als Bewegung gegen den Lichtäther nachgewiesen werden kann.  Daraus folgt weiter, wie Einstein hervorhob, daß der Lichtäther keine reale, beobachtbare Existenz besitzt.  Er ist nicht physikalisch, sondern metaphysisch, ein verkappter absoluter Raum und als solcher irreführend.

Aber noch weiter:  Die Lichtfortpflanzung findet statt in Raum und Zeit.  Sie hat, von der im Sonnensystem fortschreitenden Erde aus gemessen, dieselbe Geschwindigkeit, wie sie von der Sonne aus gesehen werden würde, die doch an der Erdbewegung nicht teilnimmt.  Wir nennen allgemein B e z u g s s y s t e m ein physikalisches Laboratorium, welches mit Maßstäben und Uhren zu Raum- und Zeitmessung ausgerüstet ist.  Dieser Hörsaal ist ein Bezugssystem, da ich in ihm die jeweilige Lage eines bewegten Körpers durch seine Abstände von dreien seiner Begrenzungsebenen und durch die Angaben einer Uhr bestimmen kann.  Drei solche Abstände nennt man die R a u m k o r d i n a t e n des betrachteten Punktes, die zugehörige Zeitangabe kann man seine Zeitkoordinate nennen.  Wir haben es hier mit einem irdischen Bezugssystem zu tun.  Wir können uns aber auch ein entsprechendes Bezugssystem auf der Sonne oder auf einem gegen die Erde bewegten Eisenbahnzuge denken.  Die allgemeinen Tatsachen der Lichtfortpflanzung zeigen nun, daß sich das Licht in jedem Bezugssystem in gleicher Weise ausbreitet, nämlich in Kugelwellen mit der gleichen Lichtgeschwindigkeit, unabhängig von dem Bewegungszustande der

Lichtquelle gegen den Beobachter.  Das scheint widerspruchsvoll zu sein.  Denn wenn wir eine Kugelwelle, die sich im irdischen Bezugssystem ausbreitet, von der Sonne aus betrachten, so würde auf der Vorderseite (das sei diejenige Seite, nach der die augenblickliche Geschwindigkeit des Erdkörpers gerichtet ist) zur Lichtgeschwindigkeit noch die Erdgeschwindigkeit hinzukommen; auf der Rückseite der Welle würde sich die Erdgeschwindigkeit von der Lichtgeschwindigkeit abziehen.  Die Vorderseite der Welle würde also, von der Sonne aus gesehen, schneller fortschreiten als die Rückseite.  Das widerspricht dem Relativitätsprinzip und den optischen Erfahrungen.  Die Lichtwelle weiß nichts davon, ob sie zum Bezugssystem der Erde oder der Sonne gehört.  Jedem Beobachter erscheint sie als Lichtwelle von der gleichen Fortpflanzungsgeschwindigkeit.

Der Widerspruch löst sich dadurch, daß wir auch die Zeit ihres absoluten Charakters entkleiden.  Jedes Bezugssystem hat seine eigene Zeitskala.  Es gibt keine absolute universale Zeit.  Die Mechanik leugnete den absoluten Raum, ließ aber die absolute Zeit bestehen; sie konnte es tun, ohne in Schwierigkeiten zu geraten, weil sie nicht über so exorbitante Geschwindigkeiten wie die Lichtgeschwindigkeit verfügt.  Die Optik und Elektrodynamik verlangen auch die Relativierung der Zeit.  Auch die Zeit ist an sich nichts.  Sie besteht nur vermöge der sich in ihr abspielenden Ereignisse.  Diese Ereignisse, z.  B. eine Lichtwelle, sind real und objektiv; die Beurteilung des zeitlichen Ablaufs aber hängt vom Standpunkt des Beobachters, vom Bezugssystem ab.  Daraus folgt weiter:  Es gibt keine absolute Gleichzeitigkeit.  Zwei Ereignisse, die in meinem Bezugssystem gleichzeitig sind, sind vom Standpunkte eines relativ gegen mich bewegten Bezugssystems aus nicht gleichzeitig.  Wenn ich mir einmal erlaube (in Fig. 1), Zeit und Raum durch zwei Richtungen in der Zeichenebene darzustellen,

Figure 1

so sind die beiden Ereignisse A und B gleichzeitig im Bezugssystem (Raum —­ Zeit); A ist aber früher als B im Bezugssystem (Raum - — — Zeit), welches durch die punktierten Achsen dargestellt wird.  Diese bildliche Darstellung, die hier nur als Gleichnis aufgefaßt werden möge, gibt sogar den wirklichen Sachverhalt zahlenmäßig wieder, wenn wir auf der Zeitachse mit einem im Verhältnis der Lichtgeschwindigkeit vergrößerten Maßstab messen, wobei dann die in der Figur durch die Strecke a b dargestellte Ungleichzeitigkeit nur als winzig kleine Zeitdifferenz erscheint.

Ein anderes Beispiel:  Von der Erde löst sich in einem bestimmten Augenblick ein ihr gleiches Abbild los und entfernt sich von ihr mit einer gewissen Geschwindigkeit.  Zwei Zwillinge, A und B, werden in diesem Augenblick geboren, A bleibt auf der Erde, B wird auf ihr Abbild ausgesetzt.  Sie entwickeln sich auf den beiden identischen Sternen bei identischen Lebensverhältnissen in genau identischer Weise, aber in verschiedenem Zeitmaß.  Wenn A irgendwie Kunde von B erhält, findet er, daß B langsamer lebt, daß er in seinem Lebensalter und in seinen Lebensschicksale immer etwas hinter A zurückbleibt.  Dasselbe konstatiert B von A; A ist jünger als B vom Standpunkte des B, B ist jünger als A vom Stand-punkte des A.

Es wurde kürzlich vorgeschlagen, das Wort Relativitätstheorie zu ersetzen durch Standpunktslehre.  Das Wort ist gut; es verdeutscht und verdeutlicht den wesentlichen Inhalt der neuen Auffassung.  Wenn wir den Standpunkt wechseln, indem wir ihn von der Erde auf ihr Abbild verlegen oder auf einen über die Erde fahrenden Eisenbahnzug, sehen wir, was an unserem Weltbilde vom Standpunkt abhängt, also gewissermaßen subjektive Zutat ist, und was vom Standpunkte

unabhängig ist, also in den Dingen liegt.  Raum und Zeit sind vom Standpunkte abhängig oder relativ; auch die Auffassung zweier Ereignisse als gleichzeitig ist es.  Aber die Ereignisse selbst sind wirklich, ebenso wie die Tatsache einer sich ausbreitenden Lichtwelle oder wie ein Menschenleben.  Dabei ist jeder Standpunkt zulässig und gleichberechtigt mit jedem anderen.  Es gibt keinen bevorzugten Ätherstandpunkt oder Erdstandpunkt oder Sonnenstandpunkt:  daß die Erscheinungen von jedem Standpunkte gesehen miteinander harmonieren, trotz mancher Paradoxien, und niemals in wirkliche Widersprüche geraten können, zeigt die mathematische Ausführung der ganzen Lehre.

Man wolle den Sinn des Wortes Relativität ja nicht so deuten, als ob alles Geschehen vom Standpunkte des Beobachters abhinge, als ob alles subjektiv wäre.  Gerade der Wechsel des Standpunktes läßt erst das Naturgesetz in seinem unveränderlichen Kern hervortreten.  Die Relativitätstheorie hat nicht nur eine negative, wegräumende, sie hat vor allem eine positive, aufbauende Seite.  Als positive Aufgabe der Standpunktslehre wollen wir ausdrücklich statuieren:  Die Gesetzmäßigkeit in der Natur als einen “Felsen aus Erz” aufzurichten, der hinüberragt über die wechselnden Erscheinungsformen von Raum und Zeit, der von allen Standpunkten aus zu sichten ist für denjenigen, dessen Auge mit dem Fernblick des mathematischen Organs ausgerüstet ist.  Die Aufräumung alles metaphysischen, unbeobachtbaren Absoluten war ein großes Verdienst der neuen Theorie.  Aber die Aufrichtung des für alle Standpunkte und Bezugssysteme Gültigen, Bleibenden und Unabhängigen war ihr größeres Verdienst.  Mathematisch erreicht die Theorie dieses, indem sie die Unveränderlichkeit (Invarianz) der die Naturgeschehnisse beschreibenden Gleichungen gegenüber beliebigen Transformationen derjenigen Hilfsgrößen (Koordinaten von Raum und Zeit, Feldstärken, Energien) nachweist, durch die wir die Naturgeschehnisse beschreiben.

Das ist gerade der Unterschied zwischen Mach und Einstein, dem Vorarbeiter und dem Vollender des Relativitätsgedankens.  Bei Mach war der Blick auf das Negative gerichtet.  Er wollte das Gestrüpp entfernen, das den Ausblick auf die Wirklichkeit versperrt, das Vorurteil eines absoluten Raumes und einer absoluten Zeit.  Aber ihm entschwand bei dieser nützlichen Rodearbeit unter den Händen der Glaube an die Festigkeit der Naturgesetze.  Er sagt einmal:  “Die absolute Exaktheit, die vollkommen genaue eindeutige Bestimmung der Folgen einer Voraussetzung besteht nicht in der sinnlichen Wirklichkeit, sondern nur in der Theorie.”  Die Naturgesetze werden ihm zu ökonomischen Maßnahmen, zu Ordnungsschematen, in die sich die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen bequem unterbringen läßt.  Aber das ist es nicht, was wir brauchen.  Naturgesetze von so unbestimmter und formalistischer Art wären kaum der Mühsal und Aufregung des Forschens wert.  Der tastende Naturforscher, der auf dunklen Wegen nach einem geahnten Ziel strebt, braucht einen helleren Leitstern als die Machsche Lehre.  Positivismus heißt diese Lehre bei seinen Nachfolgern, trotzdem ihr Verdienst wesentlich in der Negation des Unbeobachtbaren liegt.  Einstein denkt anders.  Das Negieren des Metaphysischen ist ihm nur das Mittel, um den Weg frei zu bekommen zur höchsten Bejahung der Naturgesetze, zu ihrer invarianten Gültigkeit, unabhängig von jedem Standpunkte.  Es ist charakteristisch, daß die Positivisten den halben Einstein, den abbauenden, begeistert loben, den anderen Einstein, den aufbauenden, aber nicht anerkennen wollen.  Ich hatte kürzlich einen ausgiebigen Briefwechsel mit einem geistvollen Vertreter des Positivismus, einen Briefwechsel, der natürlich zu keiner Einigung führte.  Zum Schluß schrieb ich dem Kollegen:  “Wenn Sie uns nicht die Exaktheit der Naturgesetze lassen, kann es zwischen uns keinen wirklichen Frieden, sondern nur eine achtungsvolle gegenseitige Duldung geben.”

Wir sind mit unseren letzten Äußerungen schon hinübergeglitten von dem Gedankenkreis der ursprünglichen, speziellen Relativitätstheorie zu der allgemeinen, voraussichtlich endgültigen Theorie; jene datierend von 1905, diese von 1915.  Jene ließ nur die gleichförmig und geradlinig bewegten Bezugssysteme als berechtigt zu, diese erkennt jeden Standpunkt an und verwendet grundsätzlich alle möglichen Bezugssysteme zur Beschreibung der physikalischen Erscheinungen, also beliebig gedrehte und beschleunigte Bezugssysteme, veränderliche Maßstäbe und beliebig laufende Uhren.  Sie behauptet, daß die Naturgesetze ihre Form beibehalten auch bei so allgemeiner Beschreibung, wenn wir nur von Anfang an den richtigen, hinreichend verallgemeinerten mathematischen Ausdruck der Naturgesetze wählen.  Ein wichtiger Schritt auf dem Wege zu dieser allgemeinsten Auswirkung des Relativitätsgedankens war M i n k o w s k i s vierdimensionale Zusammenfassung von Raum und Zeit.

Die Zeit hat eine Ausdehnung, der Raum drei; beide zusammen haben vier Dimensionen, das heißt:  zur Fixierung eines Raumzeitpunktes, zur Beschreibung eines Ereignisses in Raum und Zeit sind vier unabhängige Zahlen erforderlich, von denen drei die räumliche, eine die zeitliche Lage angeben.  Minkowski spricht von der v i e r d i m e n s i o n a l e n W e l t als der Zusammenfassung von Raum und Zeit.  Es lassen sich auf diese vierdimensionale Welt die Gesetze der gewöhnlichen dreidimensionalen Geometrie übertragen, teils in zeichnerischer, teils und besonders erfolgreich in rechnerischer Verallgemeinerung.  Ich kann von Ihnen nicht verlangen, daß Sie sich eine vierdimensionale Welt vorstellen sollen.  Denn ich kann es selbst nicht.  Aber wir können uns leicht eine zweidimensionale Welt vorstellen.  Nehmen Sie einmal an, daß Sie als denkendes Wesen mit all Ihren Erfahrungen und Sinnen in eine Ebene gebannt wären.  Dann gäbe es für Sie kein Oben und Unten, sondern nur ein Nebeneinander.  In dieser ebenen Welt

können sich Lichterregungen als Kreise, wie die Wellen auf einer Wasseroberfläche, fortpflanzen.  Sie können in der Ebene Erfahrungen sammeln und sich eine Geometrie aufbauen, die E u k l i d i s c h e G e o m e t r i e der Ebene, wie wir sie in der Schule gelernt haben.  Aber Sie können niemals zu der Vorstellung z.  B. eines Würfels gelangen.  Sie können auf einer Geraden Ihrer Ebene ein Lot innerhalb der Ebene errichten, aber Sie können sich nicht anschauungsgemäß ein Lot auf der Ebene vorstellen, weil es für Sie nichts außerhalb Ihrer Ebene gibt.  Wenn Sie aber als Flächenwesen hinreichende mathematische Phantasie haben, so können Sie doch begrifflich von Ihren zwei zu drei Dimensionen fortschreiten.  Sie brauchen nur statt Ihrer zwei Koordinaten in der Ebene drei Koordinaten als Rechnungsgrößen einzuführen und können das Lot auf der Ebene durch Gleichungen in diesen drei Koordinaten beschreiben, von denen Sie sich allerdings nur zwei richtig vorstellen können.  In demselben Verhältnis wie diese Flächenwesen zur dreidimensionalen Euklidischen Raumgeometrie, stehen wir zur vierdimensionalen Weltgeometrie.  Wenn wir sie uns auch nicht vorstellen können, so können wir doch in ihr denken und rechnen.  Insbesondere können wir uns ebene und räumliche Ausschnitte aus dieser Welt konstruieren, die dann wieder unserer Anschauung zugänglich sind.

Im dreidimensionalen Raum ist uns die Erscheinung der perspektivischen Verkürzung geläufig.  Diese Tischplatte erscheint mir von der Seite gesehen schmäler, als von oben gesehen. (Der Positivist, dem die Empfindungen selbst das letzte und einzige sind, würde sogar sagen:  sie ist von der Seite gesehen schmäler als von oben gesehen.) Unter dasselbe Bild der perspektivischen Verkürzung, wenn wir es auf die vierdimensionale Welt übertragen, lassen sich alle die seltsamen Folgerungen bringen, die die Relativitätstheorie gezogen hat.  Ein gegen den Beobachter bewegter Körper erscheint in der Bewegungsrichtung verkürzt (Lorentz-

Kontraktion als einfachste Erklärung des Michelson-Versuches).  Der Zeitablauf in einem gegen den Beobachter bewegten Bezugssystem erscheint diesem Beobachter verlangsamt (Aufhebung der Gleichzeitigkeit, Verjüngung eines unserer beiden Zwillinge vom Standpunkte des anderen).  Die Masse eines Körpers, z.  B. eines Elektrons, das sich gegen den Beobachter bewegt, erscheint diesem vergrößert, nämlich größer als einem Beobachter, der auf dem bewegten Körper selbst seine Beobachtungsgeräte aufstellt und die Masse des für ihn ruhenden Körpers mißt.  Dieses Gesetz von der Massenveränderlichkeit des Elektrons wurde zum Prüfstein der ursprünglichen speziellen Relativitätstheorie.  Zuerst bestritten, hat es sich im Laufe der Jahre mit immer größerer Genauigkeit als wahr herausgestellt, am schärfsten in den Feinsten Äußerungen bewegter Elektronen, in den Spektren der einfachsten Atome.  Seitdem darf der Vorstellungskreis der speziellen Relativitätstheorie als experimentell gesichert gelten; seitdem haben wir uns in der vierdimensionalen Minkowskischen Welt wohnlich eingerichtet und wissen uns in ihren zum Teil paradox verzerrten Anblicken zurechtzufinden.

Aber ich muß leider noch höhere Anforderungen an Ihre Abstraktion stellen.  Denn nun muß ich Ihnen zeigen, wie Einstein die alte Rätselkraft der Gravitation in sein System eingearbeitet hat.  Die Gravitation war seit Newton in der Formel des Newtonschen Gesetzes:  “proportional den wirkenden Maßen, umgekehrt proportional dem Quadrat ihrer Entfernungen” erstarrt.  Darüber hinaus hatte sich aus unseren täglichen Erfahrungen über die Erdschwere oder aus den Beobachtungen der Astronomen über die Gravitationswirkungen zwischen den Gestirnen nichts über ihre Wirkungsweise ergeben.  Unter allen Kräften hatte sich die Gravitation allein als momentane Fernwirkung behauptet.  Erst Einstein konnte ihr neue beobachtbare Seiten abgewinnen.  Ich will Ihnen nicht den Weg schildern, wie Einstein nach manchen

Kreuz- und Quergängen zum Ziel gekommen ist, sondern nur das Ziel selbst schildern, zu dem er gelangt ist.

Stellen wir uns wieder auf den Standpunkt unseres Flächenwesens, aber versetzen wir uns diesmal nicht in eine Ebene, sondern in eine gekrümmte Fläche, z.  B. auf eine Kugel.  Wir können uns nicht aus der Kugeloberfläche entfernen, wir können nichts außerhalb der Kugeloberfläche wahrnehmen, weder dringt irgendeine Kunde vom Äußern noch vom Innern der Kugel zu uns.  Es gibt auch jetzt für uns kein Oben und Unten, sondern nur ein Nebeneinander.  Unsere Welt ist wie vorher nur zweifach ausgedehnt.  Sie ist in diesem Falle übrigens nicht unendlich groß, sondern sie schließt sich im Endlichen.  Es gibt keine Geraden in unserer Welt, sondern nur gewisse geradeste Linien.  Das sind im Falle der Kugel die größten Kreise, z.  B. die Meridiane von irgendeinem Pol aus, aber nicht die Parallelkreise.  Stoßen wir einen Massenpunkt in der Ebene an, so läuft er in einer geraden Linie.  Stoßen wir ihn in gleicher Weise auf der Kugel an, so läuft er, sich selbst überlassen und von keinen äußeren Kräften beeinflußt, in einer geradesten Linie, in einem größten Kreise um die Kugel herum.  Die natürlichen kräftefreien Bahnen sind in der gekrümmten Fläche die geradesten Linien, wie sie in der nicht gekrümmten Ebene die geraden Linien sind.  Konstruieren wir uns in der Kugelfläche eine Geometrie, so wird sie von der gewöhnlichen Euklidischen Geometrie verschieden.  Auf der Kugeloberfläche haben wir den einfachsten Fall der sogenannten Nicht-Euklidischen Geometrie.  Während es in der Euklidischen Geometrie bekanntlich heißt:  Die Winkelsumme im Dreieck ist gleich zwei Rechten, heißt es in der Nicht-Euklidischen Kugelgeometrie:  Die Winkelsumme im Dreieck ist größer als zwei Rechte.  Konstruieren wir z.  B. ein Dreieck aus lauter geradesten Linien auf folgende Weise:  Wir gehen vom Nordpol N auf einem Meridian bis zum Äquator, diesen entlang um ein Viertel seines Umfanges und abermals auf

Figure 2

einem Meridian zum Pol zurück, das letzte Stück im entgegengesetzten Sinne zu den eingezeichneten Pfeilen, auf deren Bedeutung wir später zurückkommen.  Jeder Winkel dieses Dreiecks ist ein Rechter (in der Figur mit R bezeichnet), die Winkelsumme gleicht drei Rechten, also größer als zwei Rechte, wie es unser Satz von der Winkelsumme in der Nicht-Euklidischen Geometrie verlangt.

Alle diese Behauptungen sind bequem durch die Anschauung zu kontrollieren.  Aber nun kommt ein Schritt, zu dem eine gewisse intellektuelle Unerschrockenheit gehört.  Unser Flächenwesen soll sich im Anschluß an seine Kugelfläche begrifflich einen dreifach ausgedehnten Raum konstruieren, der dieselben Eigenschaften hat wie seine Kugelfläche, in dem z.  B. der Nicht-Euklidische Satz von der Winkelsumme allgemein gilt, und in dem alle geradesten Linien in sich zurücklaufen, also keine geraden Linien sind.  Einen solchen “gekrümmten Raum” können wir uns nicht vorstellen; und doch müssen wir uns begrifflich und rechnerisch in ihm orientieren.  Und mehr noch, wir müssen zu einer gekrümmten v i e r d i m e n s i o n a l e n W e l t fortschreiten und nicht nur zu einer gleichmäßig, nach Art der Kugel gekrümmten Welt, sondern zu einer Welt von w e c h s e l n d e n K r ü m m u n g s v e r h ä l t n i s s e n.

Was hat nun dieser seltsame geometrische Vorstellungskreis mit der Gravitationstheorie zu tun?  Gehen wir zunächst nochmals der besseren Übersicht wegen in unsere flache, nur zweifach ausgedehnte Welt zurück.  Die Fläche sei zwar im allgemeinen und ungefähren eben, also nicht gekrümmt; sie habe aber Buckel, gekrümmte Auswölbungen an solchen Stellen, wo sich Massen befinden.  Jede Materie

ist Sitz mannigfacher Energieformen, chemischer und physikalischer Energien, welche in der Bindung der Atome untereinander und in dem Aufbau der Atome stecken.  Statt Materie können wir daher auch allgemeine Energie im weitesten Sinne des Wortes sagen. Überall, wo sich physikalische Ereignisse abspielen und daher Energie lokalisiert ist, insbesondere in den Stellen stärkster Energiekonzentration, der greifbaren Materie, soll unsere flache Welt ausgewölbt sein, mehr oder minder, je nachdem wir es mit größerer oder geringerer Energiekonzentration zu tun haben.  Betrachten wir insbesondere zwei solcher Buckel:  einen von überwiegender Wölbung, den wir Sonne nennen, und einen kleinen Buckel, den wir Planet nennen.  Wir geben letzterem einen Anstoß und lassen ihn durch unsere Welt laufen.  Wäre der Sonnenbuckel nicht da und alles eben, so würde sich unser Planet auf gerader Bahn bewegen.  Das Vorhandensein des Sonnenbuckels hat zur Folge, daß er sich statt dessen auf einer geradesten Bahn bewegt.  Diese weicht von der Geraden um so mehr ab, je näher der Planet an die Sonne herankommt.

Sie sehen hiernach bereits, wie sich dieses zweidimensionale Gleichnis zur Gravitationstheorie verhält.  An den Stellen großer Energiekonzentration ist die Raumzeitstrukur eine singuläre, gekrümmte. die geradesten Bahnen in der Nähe solcher Stellen weichen weit ab von den geraden Bahnen; sie verhalten sich annähernd so, wie wir es aus der alten Gravitationstheorie her wissen, als Keplerellipsen.  Dabei haben wir nicht nötig, eine besondere Gravitationskraft einzuführen.  Bahnen, die lediglich unter dem Einfluß der Gravitation durchlaufen werden, sind kräftefreie, geradeste Bahnen; ihre Krümmung spiegelt nur die durch die Energieanhäufung bewirkte Weltkrümmung wider.  Der Ausgangspunkt der Relativitätstheorie bleibt dabei durchaus erhalten.  Raum und Zeit sind an sich nichts.  Sie erhalten ihre Eigenschaften, ihre Struktur erst durch die in ihnen enthaltenen physikalischen Energien aufgeprägt.

Figure 3

Die Bahnen sind nach dieser Gravitationstheorie angenähert Keplerbahnen, aber nicht genau.  Das Newtonsche Gesetz ergibt sich nur in erster Näherung; bei genauerer Rechnung treten Abweichungen auf.  Die Ellipse ist keine geschlossene, sondern eine langsam sich drehende, eine solche von fortschreitendem Perihel. (Perihel heißt bekanntlich der Punkt größter Sonnennähe auf der Planetenbahn.) Die Figur zeigt in sehr Übertriebenem Maßstabe diesen Perihelfortschritt.  Er ist um so stärker zu erwarten, je näher der Planet der Sonne kommt, also beim Merkur, dem sonnennächsten der Planeten am stärksten.  Nach den Beobachtungen und Rechnungen der Astronomen tritt nun in der Tat beim Merkur eine Perihelbewegung auf, die sich nach der Newtonschen Theorie nicht erklären läßt.  Sie beträgt hier 43 Bogensekunden im Jahrhundert; das will sagen, daß erst nach 30 000 Jahrhunderten die Merkurbahn in ihre Anfangslage zurückgekehrt erscheint.  Bei den sonnenferneren Planeten, z.  B. bei der Erde, ist das Fortschreiten des Perihels dagegen unmeßbar klein.

Gerade diesen Wert von 43 Sekunden im Jahrhundert ergab nun die Einsteinsche Rechnung auf Grund seiner neuen Auffassung der Gravitation.  Man beachte wohl:  der Einsteinsche Gedankengang nahm seinen Ausgang von erkenntnistheoretischen Forderungen, hatte nirgends eine Unbestimmtheit oder Lücke, wußte von Hause aus nichts vom Merkurperihel und führte doch zwangläufig auf den astronomischen Beobachtungswert.

Ich darf nicht verschweigen, daß eine kritische Überprüfung der astronomischen Angabe von 43 Sekunden, die Herr Kollege Großmann kürzlich durchgeführt hat, diesen Wert unsicherer erscheinen läßt, als die Astronomen bisher annahmen.  Der wahrscheinlichste Wert liegt nach Herrn Großmann etwas tiefer als 43 Sekunden.  Bis die Astronomen sich hierüber geeinigt haben werden, kann man also nur sagen, daß die neue Gravitationstheorie jedenfalls die Größenordnung der Merkur-Perihelbewegung richtig wiedergibt.

Figure 4

Wir kehren zu unserem Bilde des Sonnenbuckels in der zweidimensionalen flachen Welt zurück.  Statt eines Planeten jagen wir jetzt einen Lichtstrahl an der Sonne vorbei.  Auch dieser läuft auf einer geradesten Bahn; bei fehlender Weltkrümmung würde er eine gerade Bahn beschreiben.  Auch hier wirkt, wie bei dem Planeten, die Krümmung des Raums in der Sonnennähe so, als ob eine Anziehung von der Sonne auf den Lichtstrahl ausgeübt würde, als ob der Lichtstrahl nach der Sonne hin fiele.  Man denke an die analogen, aber im Grunde doch wesensverschiedenen Verhältnisse bei der atmosphärischen Strahlenbrechung, wo sich der Lichtstrahl in der Erdatmosphäre ebenfalls krümmt.  Was wir hier zu erwarten haben, zeigt die nächste Figur.  Der Stern A, der sein Licht hart an der Sonne vorbeischickt, erscheint dem Erdbeobachter nicht in A, sondern wegen der gekrümmten Form des Lichtweges in der Verlängerung des Strahlenendes, d. h. an der Stelle B des Himmelsgewölbes.  Sonnennahe Sterne zeigen also eine scheinbare Ablenkung vom Sonnenrande fort.  Natürlich läßt sich diese Ablenkung nur bei einer t o t a l e n S o n n e n f i n s t e r n i s beobachten, weil sonst das Sternlicht vom Sonnenlicht überstrahlt wird.

Figure 5

Am 29.  Mai 1919 fand eine Sonnenfinsternis statt, die in Brasilien total war.  Deutschland war von ihrer Beobachtung ausgesperrt, England rüstete zwei Expeditionen aus.  Die Ergebnisse sind mir zugeschickt worden.  Die Konstellation war besonders günstig, weil 7 verhältnismäßig helle Sterne in Sonnennähe standen.  Unser Bild in Figur 5 stellt die verdunkelte Sonne mit ihrem leuchtenden Strahlenkranze, der Korona, dar.  Die 7 Sterne sind durch kleine Kreise markiert.

Von den Sternen aus sind die Ablenkungen als gerade Strecken aufgetragen, wie sie theoretisch nach Einstein sich errechnen; sie verlaufen in radialer Richtung und sind für die sonnennäheren Sterne größer als für die sonnenferneren.  Der Maßstab ist dabei viele tausendmal übertrieben.  Am Sonnenrande ist die theoretische Ablenkung nur 1,7 Bogensekunden, d. h. so klein, daß wir sie in unserem Bilde gar nicht einzeichnen können; im doppelten Abstande von der Sonnenmitte ist die Ablenkung noch halbmal kleiner.  In demselben übertriebenen Maßstab sind nun auch die beobachteten Ablenkungen als Striche mit einer Pfeilspitze eingetragen.  Die wirklichen Ablenkungen auf der photographischen Platte sind nur unter dem Mikroskop auszumessen und überhaupt nur indirekt festzustellen.  Außer der Sonnenfinsternisaufnahme selbst wurde eine Aufnahme einige Wochen nach der Sonnenfinsternis gemacht, zu einer Zeit, wo sich die Sonne aus der fraglichen Gegend des Fixsternhimmels entfernt hatte. Überdies wurde eine dritte Vergleichsplatte aufgenommen, die in das photographierende Fernrohr verkehrt, d. h. mit der Glasseite nach außen, mit der Schichtseite nach innen eingelegt war.  Diese Vergleichsplatte konnte dann mit den beiden Bebachtungsplatten, der bei der Sonnenfinsternis und der nach derselben aufgenommenen, Schicht auf Schicht zur Deckung gebracht werden.  Die Ablenkungen der Sterne sind durch dieses indirekte Verfahren unter dem Mikroskop ausgemessen und nach dem Ausgleichsverfahren rechnerisch ermittelt worden.  Wie unsere Figur zeigt, stimmen die so gewonnenen empirischen Ablenkungen aufs überraschendste mit den theoretischen überein.  Sie zeigen nicht nur, wie diese annähernd die radiale Richtung vom Sonnenmittelpunkte nach außen hin (was zum Teil durch das angewandte Ausgleichsverfahren bewirkt wird, also noch nicht ohne weiteres beweisend wäre), sondern sie zeigen auch durchweg fast dieselbe Größe und die von der Theorie geforderte Größenabnahme bei zunehmender Entfernung des Sterns von der Sonne.

Figure 6

Dies wird besonders überzeugend im nächsten Bilde dargetan, welches dem englischen Originalbericht entnommen ist.  Nach oben hin sind die Sternablenkungen, nach rechts hin die reziproken Abstände vom Sonnenmittelpunkte aufgetragen, mit denen die theoretischen Ablenkungen proportional gehen.  Die Abnahme der Ablenkung mit zunehmender Entfernung von der Sonne wird theoretisch durch die stark ausgezogene Gerade dargestellt.  Die wirklichen Beobachtungspunkte (durch starke Punkte wiedergegeben) liegen dieser Geraden äußerst nahe, viel näher als der punktierten Geraden, welche nach einer älteren, nicht konsequenten Theorie Einsteins die Sternablenkung darstellen würde.  Man wende nicht ein, daß die Ablenkung des Sternortes durch die Sonnenatmosphäre bewirkt sein könnte.  In so großen Entfernungen, wie sie hier in Frage kommen, ist die Sonnenatmosphäre einfach belanglos.  Die astronomischen Sachkundigen sind sich darüber einig, daß die Beweiskraft der englischen Sonnenfinsternisaufnahmen bündig ist.

Das Ziel jeder Wissenschaft ist, nach einem schönen
Worte des Mathematikers Jacobi, die Ehre des menschlichen
Geistes.  Der 29.  Mai 1919 wird für alle Zeiten ein
Ehrentag des menschlichen Geistes bleiben.

Neben dem Merkurperihel und den Sonnenfinsternisbeobachtungen gibt es noch ein drittes Kriterium für die Einsteinsche Gravitationstheorie:  die Rotverschiebung von Spektrallinien, die auf der Sonne entstehen, gegenüber den Spektrallinien des gleichen Stoffes, wenn sie unter irdischen Verhältnissen hervorgerufen werden.  Man kennt, seitdem es eine Astrophysik gibt, die Erscheinung des sogenannten Dopplereffektes.  Sie besteht in der Verschiebung eines Spektrums nach der roten Seite hin bei Sternen, die sich von der

Erde entfernen, in einer Verschiebung nach der violetten Seite bei Sternen, die auf die Erde zukommen.  Die Größe dieser Verschiebung entspricht der Geschwindigkeit, mit der sich der betreffende Stern von uns fort oder auf uns zu bewegt.  Man pflegt daher auch die von Einstein vorhergesagte Rotverschiebung im Sonnenspektrum durch eine Geschwindigkeit zu charakterisieren, die im Dopplereffekt dieselbe Rotverschiebung bewirken würde, und zwar beträgt diese Geschwindigkeit 0,6 Kilometer in der Sekunde.

Über den physikalischen Grund dieser Rotverschiebung sei hier nur soviel gesagt, daß er natürlich nicht wie der gewöhnliche Dopplereffekt in einer relativen Bewegung der Sonne gegen die Erde, sondern in dem Gravitationsfelde der Sonne liegt.  Dieses ist außerordentlich viel stärker als das Schwerefeld der Erde.  Die Rotverschiebung entspricht direkt dem Unterschied der Schwere an der Sonnenoberfläche und Erdoberfläche.

Figure 7

Das geeignetste Versuchsobjekt zur Prüfung dieses Effektes bilden Linien der sogenannten Zyanbanden.  Merkwürdigerweise konnten die mit den besten Hilfsmitteln ausgestatteten amerikanischen Sternwarten keine systematische Verschiebung dieser Linien nach der roten Seite nachweisen.  Die Bonner Physiker Grebe und Bachem haben aber erst gezeigt, mit welcher Vorsicht man beim Vergleich der Sonnenlinien und der Linien aus irdischen Lichtquellen vorgehen muß, um sichere Resultate zu erhalten.  Beide Spektren enthalten nicht nur die in Rede stehenden Zyanlinien, sondern daneben ein Gewirr von Linien anderen Ursprungs, die sich jenen überlagern.  Photometriert man ein solches Spektrum, d. h. stellt man die Lichtintensität in ihrer Abhängigkeit von der Wellenlänge durch ein Schaubild dar, so entsteht eine Zackenkurve nach Art eines Gebirgskammes.  Nur solche Linien sind einwandfrei, die im Schaubild durch eine isolierte Zacke dargestellt werden; wenn eine Erhebung fremden Ursprungs in der Nähe liegt, fälscht sie die Lage

der Hauptzacke und macht sie zur Untersuchung der Rotverschiebung ungeeignet.  Bei diesem kritischen Vorgehen erwiesen sich von 36 gemessenen Zyanlinien nur 9 als unverdächtig und brauchbar.  Nach R. T. Birge ist die Auswahl sogar noch weiter zu beschränken auf zwei von diesen Linien.  Und siehe da:  Wenn alle verdächtigen Linien ausgeschaltet und nur die 9 bzw. 2 tadellosen benutzt werden, so ergibt sich der richtige Betrag der Rotverschiebung, wie er von Einstein vorhergesagt wurde, nämlich rund 0,6 Kilometer in der Sekunde.

Figure 8

Ich möchte noch ein letztes Beispiel zur Sprache bringen, welches zwar nicht als Prüfstein der Einsteinschen Gravitationstheorie, wohl aber als Mittel zu ihrer Veranschaulichung wertvoll ist.  Wir wissen, daß ein Kreisel, der aufgezogen ist und keinen äußeren Kräften unterliegt, bestrebt ist, seine Richtung im Raume beizubehalten.  Unsere Erde ist ein solcher Kreisel von gewaltigen Ausmessungen.  Freischwebend im Raum würde er die Richtung seiner Drehachse nicht ändern.  In Wirklichkeit beschreibt die Erdachse in langsamstem Tempo einen Kegel um die Normale zur Erdbahnebene (Ekliptik).  Figur 8 zeigt die Erde mit eingezeichneter Erdachse in ihrem Umlauf um die Sonne und deutet in ihrer Stellung am weitesten rechts den Kegel an, den die Erdachse

im Verlauf vieler Umläufe beschreibt.  Der Kegel wird erst in 26 000 Jahren vollständig durchlaufen, in jedem Jahr beträgt die Winkelverlagerung 50 Sekunden (Präzession der Äquinoktien).  Nach der gewöhnlichen Auffassung rührt diese Verlagerung der Erdachse von der Anziehung der Sonne auf den am Äquator wulstförmig aufgetriebenen Erdkörper her, also daher, daß die Erde kein kräftefreier, sondern ein von der Sonnengravitation beeinflußter Kreisel ist.  In der Einsteinschen Theorie aber ist die Gravitation keine äußere Kraft; die Gravitationsbahnen der fortschreitenden sowohl wie der drehenen Erdbewegung verlaufen kräftefrei als geradeste Bahnen im gekrümmten Raume; die Erdachse sollte also im Schwerfelde sich selbst parallel bleiben.  Was aber heißt:  sich selbst parallel bleiben im Nicht-Euklidischen Sinne, bei gekrümmter Raumstruktur?

Wir ziehen nochmals unsere Figur 2 zu Rate.  Wir gehen jetzt vom Nordpol aus zunächst auf unserem ersten Meridian äquatorwärts und halten dabei stets einen geraden Stab vor uns hin.  Zweifellos bleibt er bei dieser Wanderung sich selbst parallel, da er dabei ja dauernd in die Richtung einer geradesten Bahn, in den Meridian, weist.  Im Äquator angelangt, steht er senkrecht zu diesem.  Soll er sich selbst parallel bleiben, so muß er dauernd senkrecht zum Äquator gehalten werden, solange wir den Äquator abschreiten.  Gehen wir auf dem zweiten Meridian zum Pole zurück, so bleibt unser Stab wieder sich selbst parallel, wenn er dauernd die Richtung dieses Meridians einhält.  Kommen wir in den Pol zurück, so hat sich, wie unsere Figur zeigt, unser Stab um einen rechten Winkel gedreht, trotzdem er dauernd mit sich parallel war!  Nehmen wir statt des

Stabes einen Kreisel zur Hand, so stellt sich dessen Drehachse selbst so ein, wie wir soeben die Stabachse richteten; es gilt also für den Kreisel das gleiche wie für unseren Stab:  Trotzdem er mit sich parallel bleibt, schließt er nach beendetem Umgang einen Winkel gegen seine Anfangslage ein.  Der Grund liegt in der Krümmung der Kugelfläche.  Bei einem Umgang in der Ebene, das heißt:  wenn wir ein ebenes Dreieck mit einem Kreisel in der Hand umschreiten, würde von einer Winkelverlagerung des Kreisels keine Rede sein.

Die Anwendung auf das Problem der Erdachse ist unmittelbar einleuchtend.  Dem Umgang um das Kugeldreieck entspricht bei der Erde ihr jährlicher Umgang um die Sonne, der Kugelkrümmung die von der Sonne bewirkte gekrümmte Raum-Zeit-Struktur.  Indem die Erdachse nach einem Umgang um die Sonne in den Frühlings-Tagundnachtgleichenpunkt zurückkehrt, schließt sie einen Winkel mit sich ein.  Dieser beträgt zwar nicht, wie in unserem Beispiel, einen Rechten, sondern nur 50 Sekunden, hat aber dieselbe Bedeutung wie jener, er zeigt uns nämlich an, daß der umlaufene Flächeninhalt der Erdbahn nicht eben, sondern gekrümmt war.  Man sieht, wie schön und einfach sich die ältere Auffassung, nach der die Gravitation als äußere Kraft wirkt, in die neuere Auffassung umsetzt, nach der sie sich nur auf dem Wege über die Verkrümmung der Welt äußert.  Beide Auffassungen sind im Ergebnis gleich; nur insofern, als die neue Auffassung eine Korrektion am Newtonschen Anziehungsgesetz mit sich bringt, eine Korrektion, die sich z.  B. in der Perihelbewegung des Merkur äußerte, wird auch die nach Einstein berechnete Winkelverlagerung der Erdachse bei ihrem jährlichen Umgang um die Sonne ein wenig verschieden von der nach Newton berechneten ausfallen.  Doch betrifft diese Verschiedenheit nur die höheren Dezimalen der angegebenen Zahl von 50 Sekunden.  Als Kriterium für oder wider Einsteins Gravitationstheorie wird also diese Erscheinung nicht dienen können, insbesondere deshalb nicht, weil

zu ihrer praktischen Verwertung eine anderweitige Kenntnis der Mondmasse erforderlich wäre.

Hiernach kehren wir von Sonne, Mond und Sternen zu unserem Standpunkt auf der rotierenden Erde zurück.  Nach unserem Relativitätsglauben ist jeder Standpunkt berechtigt, auch derjenige auf einem rotierenden Bewegungssystem.  Die Naturgesetze gelten für diesen Standpunkt ebenso wie für jeden anderen, wenn wir sie nur hinreichend allgemeingültig gefaßt haben.  Ja, es entsteht die Frage:  Was heißt überhaupt rotieren?  Hat es einen Sinn, von der rotierenden Erde zu reden, wenn Sonne und Fixsterne nicht da Wären, an denen wir die Rotation der Erde doch erst wahrnehmen können?  Würde es nicht wieder einen absoluten Raum oder einen Äther voraussetzen, gegen den die Drehung gedacht wird, wenn wir von der Erddrehung schlechtweg, ohne Beziehung zum Sternhimmel, sprechen wollten?  Wie aber steht es dann mit den Folgen der Erddrehung, den Fliehkräften, die wir bei der Drehung des Foucaultschen Pendels oder die wir in der Abplattung der Erde beobachten?  Wenn die Erddrehung nur relativ zu den Gestirnen gedacht werden kann, nur durch Vorhandensein äußerer Massen ermöglicht wird, so können auch die Fliehkräfte der Erddrehung ihre Existenz nur dem Vorhandensein der Gestirne verdanken, sie müssen als Wechselwirkungen zwischen diesen und den Massen der Erde aufgefaßt werden.

Bis zu diesem fundamentalen Schluß war Mach gekommen.  Durch ihn hat er Einstein den Weg bereitet.  Mach stellte eine Frage und Einstein beantwortete sie.  Er beantwortete sie zugleich mit seiner Antwort auf die Rätselfrage der Gravitation.  Die Gravitation erwies sich als eine Scheinkraft, de ihren Grund in der Raumstruktur hat.  Auch die Fliehkräfte sind Scheinkräfte oder Trägheitskräfte, die nach Newton ihren Grund in dem absoluten Charakter der Rotation haben würden.  D i e s e n Grund können wir

nicht gelten lassen.  Aber stellen wir uns auf den Standpunkt des gedrehten Bezugssystems.  Wenn äußere Massen und Geschehnisse vorhanden sind, die an der Drehung nicht teilnehmen, so wandern diese gegen das Bezugssystem.  Da sie ihrerseits eine Verzerrung der Raumstruktur bedingen, de mit ihnen umläuft, erscheint die Raumkrümmung vom gedrehten System aus anders als ohne Drehung.  Diese vom Standpunkt abhängige Änderung der Raumkrümmung bedingt Scheinkräfte, die wir mit der Gravitation auf eine Stufe stellen können.  Diese Scheinkräfte sind die Fliehkräfte der Erdumdrehung.  Wären aber Massen und Geschehnisse außerhalb der Erde nicht vorhanden, so könnten Fliehkräfte nicht auftreten; die im Raum isolierte Erde könnte sich, physikalisch gesprochen, nicht drehen, das heißt:  sie könnte keine beobachtbaren Anzeichen ihrer Umdrehung verraten.

Die Wesensgleichheit von Schwerkräften und Trägheitskräften, auf die wir so geführt worden sind, findet ihre überzeugende Bestätigung in der Gleichheit von schwerer und träger Masse.  Vor hundert Jahren durch Bessels Pendelbeobachtungen bewiesen, hat diese Identität zweier scheinbar verschieden definierter Größen viel zu wenig Beachtung gefunden.  Erst jetzt sind uns die Augen geöffnet, sie richtig zu sehen und sie in Zusammenhang zu bringen mit der Erneuerung unserer Zeit-Raum-Auffassung und mit der Vertiefung aller Naturgesetze. —­

Was würde nun unser Pfarrer von Ufenau zu dieser Wendung der Dinge sagen, wenn sie ihm ein fahrender Schüler des zwanzigsten Jahrhunderts anvertrauen würde?  Würde er glauben, daß Herr Köpernick umsonst gewacht hat?  Sicherlich nicht.  Der Wechsel des Standpunktes, den Kopernikus vornahm, war der erste Schritt zur Wahrheit.  Der Erdstandpunkt des Ptolemäischen Systems mußte zuerst einmal aufgegeben und durch den Sonnenstandpunkt des Kopernikanischen ersetzt werden.  Indem Kopernikus Sonne und Fixsterne

stillstehen und die Erde wandern hieß, erhielt er ein vereinfachtes Weltbild.  Die Raumkrümmung wird von diesem Standpunkt aus so gering wie möglich, der Raum erscheint so euklidisch, als es nach Lage der Sache sein kann.  Deshalb wird der Kopernikanische Standpunkt für alle Zeiten dem rechnenden Astronomen und dem beobachtenden Erdbewohner die besten Dienste leisten.  Aber dieser Standpunkt ist nicht mehr der einzig mögliche.  Es ist zwar sehr unpraktisch, aber nicht mehr falsch zu sagen:  Die Erde ruht und die Sonne wandert. —­ Darüber hinaus sehen wir mit E i n st e i n den wahren und endgültigen Standpunkt darin:  alle Standpunkte souverän zu umfassen, je nach der besonderen Aufgabe den Standpunkt besonders zu wählen und zu der Überzeugung vorzudtingen:  Die Natur ist, unabhängig von dem wechselnden menschlichen Standpunkte, immer gleich groß und gleich gesetzmäßig.

GEGENWARTSFRAGEN DES DEUTSCHEN WIRTSCHAFTSLEBENS

VON UNIVERSITÄTSPROFESSOR DR. GOETZ BRIEFS (WÜRZBURG)

  Anmerkung:  Der Aufsatz wurde Ende August 1921 abgeschlossen.  G.B.

Wer dieses Thema liest, möchte leicht geneigt sein, es umzuändern in:  die Fraglichkeit des deutschen Wirtschaftslebens.  Und wer sich mit dem vollen Ernst dieser Fraglichkeit erfüllt hat und sieht, welche Zusammenhänge heute von der Wirtschaft in alle anderen deutschen Lebens gebiete bis in die Kultur, in die politische Freiheit und das Volksleben ausstrahlen, möchte wohl von der Fraglichkeit des deutschen Lebens im ganzen sprechen und die düstersten Zukunftsbefürchtungen daran anschließen.

Zu jäh ist für uns alle dieser Titanensturz, den Volk und Reich seit jenen tragischen Juli- und Augusttagen 1914 erlebt haben.  Wir sind wie betäubt vom Sturz.  Wir wissen nur eines:  Nicht am Boden liegen bleiben!  Sonst ist Ehre, Reich und Volk auf immer verloren.  Wo standen wir?  Wo stehen wir?  Das sind die festen Punkte, an denen wir Richtung nehmen, um uns zunächst einmal mit der vollen Schwere dessen zu erfüllen, was geschehen ist, und um an ihnen zu ermessen, was nun geschehen soll.

Wo standen wir?  Wir jüngere Generation kennen aus eigenem Erlebnis der Vorkriegszeit nur das starke, stolze Reich, das im Inneren Einigung und Blüte, nach außen schimmernde Wehr und hohe Geltung besaß.  Die Reibungen unseres innerpolitischen und wirtschaftlich-sozialen Lebens schienen uns Wachstumsschmerzen, die keinen verschonen, aber mit denen man fertig wird.  Unsere Weltgeltung stand auf der Stärke einer gewaltigen Kriegsmacht und einer Wirtschaftsmaschine

von unerhörter Leistungsfähigkeit, aber auch auf sozialen Kulturtaten und geistigen Leistungen, die vorbildlich waren.  Mit diesen Eindrücken von Macht, Größe und Reichtum erfüllte sich unsere Seele.  Wer von uns draußen war, sah auf allen Meeren, in allen Ländern die Zeichen eines aufstrebenden, gewerbefleißigen, “in allen Künsten und Hantierungen geschickten” Volkes, das im Herzen Europas saß und von dort aus das Reich seines wirtschaftlichen und technischen Unternehmungsgeistes aufbaute.  Das war das Deutschland der jüngsten Vorkriegsgeneration.  Ihre Väter und Großväter noch hatten das andere alte Deutschland gekannt, jenes Deutschland, das weltpolitisch und weltwirtschaftlich nicht viel mehr als ein geographischer Begriff, “Provinz” war; jenes Deutschland, dessen Getreideausfuhr der Londoner Produktenbörse den Namen “Baltic” gab, jenes bäuerlich-handwerkerliche Deutschland, das oft genug auslaufende fremde Schiffe mit Sand als Ballast befrachten mußte, weil ihm Waren zur Ausfuhr fehlten, jenes Deutschland, dessen Vorstellung für Gladstone noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts verbunden war mit Ärmlichkeit, Spießbürgertum, viel Militär und einem Bündel von Kleinstaaten.  Und greift man nun zurück auf die ersten Jahrzehnte des 19.  Jahrhunderts, dann taucht man in die schwere Luft eines kontinentalen bäuerlich-handwerkerlichen Volkstums ein, das politisch nicht zu eigener Form kam, dessen Ohnmacht im Konzert der Völker mit seiner Zersplitterung wetteiferte, und das im ganzen mehr Objekt als Subjekt der hohen Politik war.  Wenn in jenen Zeiten der deutsche Name in fremden Landen respektvoll genannt wurde, dann war es um der Werte des G e i s t e s willen.  Wer von den großen Geistern unserer klassischen Zeit war Prophet und Seher genug, vorauszuschauen, was aus diesem Volke im Laufe zweier oder dreier knapper Generationen werden sollte!  Wer von ihnen h o f f t e auch nur auf jene Wendungen in unserem Geschick, die wir als Volk bald nahmen?  Dem Briten die See, dem

Franzosen das Land, dem Deutschen das Reich des Geistes:  das war jene nicht etwa schmerzvoll den Tatsachen entnommene, sondern aus innerstem Bewußtsein gewertete Teilung der Erde, die Schiller in einem seiner Gedichte vor Augen hat.  Freilich:  das konnte der Dichter wohl nicht ahnen, daß das “Luftreich der Gedanken” der Boden sein werde, auf dem der beispiellose deutsche Aufstieg in der zweiten Hälfte des 19.  Jahrhunderts reifen würde.  Man möge in dem trefflichen Buche:  “Die deutsche Volkswirtschaft im 19.  Jahrhundert” selbst nachlesen, was Sombart mit großer Meisterschaft der Darstellung zu erzählen weiß von dem Leben der dritten Generation vor uns, von ihrem Schaffen und Mühen, von der Kleinheit —­ und so schien uns wenigstens in den reichen Tagen der Vorkriegszeit —­ Ärmlichkeit dieses Lebens!  “Eine an Dürftigkeit grenzende Einfachheit” allerorten, in Wirtschaft und Staat, im privaten Leben und in der Gesellschaft!

Beengt, klein, dürftig blieb im ganzen genommen das Dasein unseres Volkes bis in hohe Jahrzehnte des 19.  Jahrhunderts.  Gewiß, es kamen schon stärkere Impulse; im Westen und Süden regte sich industrielles Leben, das in Friedrich List den genialen Anwalt seiner Bedeutung für das ganze Volkstum fand.  Aber der eigentliche Aufmarsch der deutschen Wirtschaft zu jener Stärke und Geltung, in deren Bewußtsein wir aufgewachsen sind, liegt sehr erheblich später.  Noch in den sechziger Jahren hatten wir eine stärkere Getreideausfuhr als Einfuhr; erst 1873 verschwand der letzte Getreideausfuhrüberschuß, der Weizenüberschuß.  Es war damals noch nicht die Konkurrenzunfähigkeit der deutschen Landwirtschaft die Ursache der Einfuhrüberschüsse bei Getreide, sondern die verstärkte Hinwendung der Landwirtschaft zum Kartoffel-, Futtermittel- und Rübenbau.  Aber diese Wendung leitete eine wirtschaftliche Umwälzung ein:  an der Zuckerrübe wurde eine der ersten und blühendsten deutschen Industrien wach, auf den Kartoffelböden des Ostens entstand eine landwirtschaftliche Nebenindustrie

(Brennereien und Stärkefabriken) von großer Bedeutung.  Im Westen und Süden entwickelte sich im Anschluß an eine alte Tradition des Gewerbefleißes eine Industrie der Textilien, des Eisens und der Kohle; sie hatte jahrzehntelang einen schweren Stand gegenüber der hochentwickelten englischen Industrie wie auch gegenüber dem französischen und belgischen Wettbewerb, der teilweise mit Ausfuhrprämien arbeitete.  Aufschwungsimpulse von größter Bedeutung waren die Reichseinigung, die Kriegsentschädigung von 1870 und das gehobene Nationalgefühl, das nach dem glorreichen Kriege durch das deutsche Volk ging.  Die Bevölkerung wuchs von Jahrzehnt zu Jahrzehnt in starken Rhythmen, das industrielle Leben entfaltete sich, wenn auch über Wellentäler von Depressionen weg, so doch im ganzen stark und nachhaltig; die Schutzzollgesetzgebung von 1879 kräftigte jenes Doppelfundament der deutschen Wirtschaft, Industrie und Landwirtschaft gegen die vom Weltmarkt her drohenden Erschütterungen.  Wenn schon in den letzten Jahrzehnten des 19.  Jahrhunderts die deutsche Industrie- und Reichtumsentfaltung den ausländischen Beobachtern so überraschend —­ und gestehen wir auch das, in mancher Hinsicht überstürzt und gewaltsam —­ vorkam, so waren das nur Auftakte zu jener ungeheuren, fast möchte man sagen:  elementaren Expansion, die mit dem neuen Jahrhundert einsetzte.

Drei Züge kennzeichnen diesen neuen Abschnitt der deutschen Wirtschaftsentfaltung:  das Aufschießen von Riesenbetrieben, zumal in der Kohlen- und Eisenindustrie, in der chemischen und Elektrizitätsindustrie; weiterhin der Organisationsprozeß der deutschen Wirtschaft in Gestalt von Betriebskombinationen, Kartellen, Syndikaten, Interessengemeinschaften usw.; und drittens das Vordringen der wissenschaftlich fundierten Industriewirtschaft, mit anderen Worten:  der wirtschaftlichen Auswertung naturwissenschaftlicher Forschungen einerseits, andererseits des Aufbaues von Betrieben und Unternehmungen nach Methoden, die wissenschaftlich auf

ihre höchste Zweckmäßigkeit ausgeklügelt sind.  Während Großbetriebe, Kartelle und Truste Ergebnisse von Tendenzen sind, die alle moderne Wirtschaft in fast allen Ländern kennzeichnen, ist der Weg zur Wirtschaft über die Wissenschaft ein spezifisch deutscher Weg gewesen; seine geistigen und sittlichen Voraussetzungen lagen nur hier in der Stärke und Reinheit vor, die nötig waren, ihn zu beschreiten und zu erobern.  Jedenfalls ist das Schrittmaß der deutschen Wirtschaftsentwicklung unter dem Antrieb jener neuen Organisationsformen und Produktionsmethoden so schnell, daß in seinem Gefolge schwerwiegende Erscheinungen im Inneren des deutschen Volkskörpers auftauchten.  Noch schwerer wiegende nach außen!

Ein wachsendes Volk auf schmaler Rohstoffbasis!  Was das wachsende Volk an Nahrung und Kleidung brauchte, konnte der deutsche Boden allein nicht hergeben; die Einfuhr mußte über eine Million Tonnen Brotgetreide und für eine Milliarde Mark (Goldmark!) Futtermittel zuschießen; dazu Milliardenbeiträge für Wolle, Baumwolle, Erze usw.  Wir könnten diese wenigen Angaben noch vermehren um den Hinweis auf den stark anwachsenden Tonnengehalt unserer Handelsflotte, die Ausweise unserer Banken, die deutsche Kapitalanlage im Auslande, unsere Steuerkraft und vieles andere mehr.  Doch genug der Zahlen!  Sie sind heute schmerzvolle Erinnerungen.  Wer sich sinnfällig den Unterschied des damaligen und des heutigen Deutschlands vergegenwärtigen will, überlege nur einen Augenblick den Wert der Mark von heute gegenüber dem der alten Goldmark.  Der Unterschied redet eine Sprache, die auch der Einfältige versteht.

Und doch müssen wir noch einmal vom alten Deutschland reden, ehe wir uns dem armen Deutschland unserer Tage zuwenden, und zwar nach einer doppelten Hinsicht.  Ein Volk, das keine Hoffnung mehr sieht und auf Generationen hinaus Wüstenwanderung vor sich hat, gibt sich auf.  Haben wir

dazu Anlaß?  Wir hätten Anlaß dazu, wenn alle Wurzeln unserer Vorkriegsblüte verdorrt wären.  Stellen wir fest, welches diese Wurzeln waren. 1.  La n d als Grundlage von Ackerbau und Viehzucht, Land als Fundstätte von Rohstoffen und Kraftquellen, Land als räumliche Grundlage von Leben und Wohnen.  Nach allen drei Richtungen haben wir schmerzvollste Verluste erlitten, aber keine, die nicht mehr oder minder zu mildern wären. 2.  Die natürliche Lebenskraft der N a t i o n:  Arbeitskraft, Geschlechtsverteilung, Altersaufbau, Gesundheit.  Auch hier sind schwere Einbußen zu verbuchen, aber wiederum keine, die nicht auszugleichen oder zu ertragen wären. 3.  K a p i t a l k r a f t, Vermögensmacht, Reichtum, “Wohlstand”:  hier liegt die gewaltigste Einbuße vor, diejenige auch, die am wenigsten von heute auf morgen ausgeglichen werden kann.  Hier ist Anlaß, in der Tat von einer hochgradigen Verarmung zu reden.  Teils ist sie eine Folge der Erschöpfung unserer Reichtumsquellen durch den Krieg, teils der Ausplünderung und Ausraubung durch den Frieden.  Wenn es heute ein “Proletariervolk” im Sinne eines Volkes, das in Dürftigkeit von der Hand in den Mund lebt, gibt, dann sind w i r e s.  Wir sind das Proletariervolk, auf das für Jahrzehnte hinaus ungeheuerliche Verpflichtungen gelegt sind.  Wir sind ein verarmtes, ausgeraubtes Volk, das noch von seiner Hände Arbeit und von seiner Armut Fabelsummen in Gold ausgepreßt bekommt.  Hier liegt der Punkt, wo die Wirtschaftslage in das allgemeine Leben des ganzen Volkes auf Jahrzehnte hinaus empfindlich einzuschneiden droht.  Alle Kultur, alle Zivilisation, alle Bildung des Geistes und des Herzens, alle soziale Fürsorge, alle gute Verwaltung, alle Schaffung von Recht und Sicherheit hängt mit tausend Fäden an der Wirtschaftsblüte; sie entscheidet über das Leben ungeborener Geschlechter, und vor allem darüber, ob der junge Aufwuchs der Nation an Leib und Seele verkrüppelt und verwildert aufwächst oder nicht; sie entscheidet darüber, ob Mitteleuropa zurücksinkt in die stumpfe Dumpfheit und

Stickigkeit einer geistig und physisch elenden Volksmasse, und weiterhin darüber, ob sich damit die Nachtschatten über ganz Europa senken.  Denn man kann nicht das Mittelstück eines Kultur- und Zivilisationszusammenhanges mit frevlen Händen herausbrechen und sich dabei einbilden, das könnte den Anschlußstücken in Ost und West von Vorteil sein.  Die wirtschaftliche Erschöpfung bei gleichzeitiger Überbürdung mit Verpflichtungen ist der Boden der schlimmsten Gegenwartsbefürchtungen; an diesem Punkte kann a l l e s fraglich werden.  Ob die Befürchtungen sich verwirklichen, hängt ab von der Freiheit, die man unserer Arbeitskraft, unserer Unternehmungslust und unserem Erfindergeist im fremden Lande gewähren wird, und hängt nicht zuletzt ab von der tätigen Hilfe in Gestalt von Krediten, Rohstoffvorschüssen und vor allem Verpflichtungserleichterungen, die uns das Ausland gewährt 4.  S i t t l i c h e E i g e n s c h a f t e n:  Arbeitswilligkeit, Arbeitsfreude, Arbeitsdisziplin, Sparsamkeit, Genügsamkeit, Wille zum Vorwärtsstreben, Mut zum Leben.  Wer will behaupten, daß diese Eigenschaften, die gewiß zeitweise getrübt und in manchen Einzelgruppen heute noch geschwächt sind, im ganzen unerträglich gelitten hätten?  Nur interessierte Böswilligkeit oder Unverstand kann derartiges behaupten.  Festzustellen ist wohl, daß das Maß der Leistungen nicht so stürmisch und ungezügelt ist wie früher.  Aber das hat seine besonderen Gründe in schlechter Lebenshaltung, wirtschaftlichen Beengungen durch den Friedensvertrag und seine Folgen und ist übrigens zu einem Teil eine verständliche Reaktionserscheinung auf de ungeheueren Anforderungen der letztem sieben Jahre. 5.  D e r d e u t s c h e S t a a t.  Sicher war das alte Staatsgefüge mit seiner inneren Ordnung, seiner Stärke und Macht nach außen ein gewichtiger Hebel wirtschaftlichen Aufstiegs.  Zweifellos hat die allgemeine Heerespflicht Eigenschaften geweckt und gefördert, Sachverhalte geschaffen, die der Wirtschaft zugute kamen.  Was ein starker, politisch unabhängiger Kultur- und Machtstaat

der Wirtschaft zu bieten vermag, weiß kein Volk besser als das deutsche.  Wir müssen uns mit dem Gedanken vertraut machen, daß unser Staat von heute so schwer nach außen und innen zu tragen hat, so überbürdet ist mit Aufgaben und toten Lasten, daß ihm die Wirtschaft eher helfen muß, als er der Wirtschaft helfen kann.  Das sind Folgen des Krieges und des Friedens, Folgen aber auch der gerade in Deutschland so weit verbreiteten Neigung, in allen Nöten des Lebens nach dem Staate zu rufen.  Und doch ist es nicht so, wie mancher wohl gelegentlich denken möchte, als ob der Staat von heute nur eine tote Last unserer Wirtschaft sei.  Auch heute lebt die Wirtschaft auf dem Boden des staatlich gesicherten Rechtes und der staatlich gewährleisteten Ordnung.  Und vor jedem vorschnellen Urteil sollte man bedenken:  Das Staatsgefüge in Deutschland hat eine ungeheuere Anspannung und Probe ausgehalten, ohne unterzugehen!  Gewiß, es hat sich neue Formen geschaffen; es ringt in manchen Hinsichten noch mit sich selbst und den neuen Verhältnissen —­ aber das Wesentliche ist gesichert:  im neuen Staate sind die Unterlagen des Wirtschaftslebens und die Voraussetzungen eines wirtschaftlichen Aufbaues gegeben.  Es ist Aufgabe des Staates, auf seinem Gebiete der Wirtschaft aufzuhelfen; es ist Aufgabe der Wirtschaft, mit ihren Mitteln den Staat zu stützen.  Die Vorstellung, es könne eines von beiden o h ne e das andere gedeihen, ist eine gefährliche Illusion.

Das ist der e i n e Blick auf das alte Reich, ein Blick, der uns vergegenwärtigen sollte, wieviel noch von den Pfeilern der alten Macht und Größe steht und Tragkraft besitzt für den Neubau.  Und nun der andere Blick auf das alte Reich:  wieviel von den Nöten, Sorgen und Schwierigkeiten unserer Gegenwart lagen in ihm schon mit zugrunde!  Aus der Tiefe seiner Armut könnte es einem kommenden Geschlecht einmal scheinen, als ob in den glanzvollen Jahrzehnten des Kaiserreiches eitel Friede und Wohlfahrt in Deutschland geherrscht habe.  Und ein Geschlecht, das in seinen Tagen die

Fehden blutdürstiger Matabelestämme auf europäischem, politisch zerkleinertem Boden zu erleben glauben wird, könnte vielleicht einmal denken, der europäische Friede vor dem Kriege sei eitel Völkerfreundschaft gewesen.  Solche Auffassungen haben mit der Wahrheit sehr wenig gemein.  Das von jeher an Gegensätzen und Spannungen so reiche deutsche Leben hat auch unter dem zweiten Kaiserreiche den inneren Frieden nicht gefunden.  Gewiß trat der alte Bruch zwischen Nord und Süd für das Bewußtsein der jungen Generationen als eine praktisch erledigte Angelegenheit, deren gefühlsmäßige Restbestände allmählich ganz erlöschen werden, zurück; auch war nach dem Einschwenken in der Kulturkampfpolitik der konfessionelle Gegensatz kein auseinanderreißendes Element mehr, soviel Kraft er im übrigen noch verschlingen mochte.  Aber dafür ging der Riß der w i r t s c h a f t l i c h — s o z i a l e n G e g e n s ä t z e in Gestalt des Klassenkampfes durch unser Volk.  Wie die moderne Wirtschaftsverfassung, zumal in ihrer hochgesteigerten deutschen Gestalt, Besitz und Verfügung über die Produktionsmittel von der Arbeit an ihnen trennt, so schichteten sich auch politisch und sozial die Gruppen.  Hier Besitz und wirtschaftliche Machtverfügung, dort Nichtbesitz und ausführende Arbeit; hier stärkste soziale Geltung mit erhöhten politischen Rechten und Ansprüchen, dort tatsächliche soziale Mindergeltung und politische Minderberechtigung; hier die relativ dünnen Schichten, die mit Stolz Besitz und Bildung berufen konnten, dort die ungeheueren Massenheere der Arbeiterschaft, besitzlos, hungrig nach Bildung und Wissen.  Das war der Sachverhalt, der den Ausgangspunkt gefährlicher innerer Spannungen abgab, der den Trennungsstrich zog durch das Volk, und der, so schien es manchmal, zwei feindliche Völker auf einem Boden und in einem Staatsverbande zusammenhielt.  Wenn schon festzustellen ist, daß der schärfste Radikalismus von beiden Seiten sich allmählich abstumpfte, und wenn schon zugegeben werden muß, daß die staatliche Sozialpolitik

sehr viel zur Milderung der Konflikte tat, so traf doch noch der plötzliche Kriegsausbruch in eine Spannung der Gegensätze, die nicht unbedingte Sicherheit gab, daß die Zusammenfassung aller Kräfte nach außen restlos gewährleistet, der Burgfriede nach innen gewahrt sei. —­ Und noch eine Frage der Vorkriegszeit ragt in unsere Gegenwart hinein, doppelt und dreifach verschärft.  Es ist Tatsache, daß unser Volkswachstum, getragen von dem gigantischen Aufschwung unserer Wirtschaft, mit der Folge der Überflügelung aller übrigen europäischen Wirtschaften politisch unsere Lage erschwerte.  Gegnerschaften, die das alte Deutschland von vor 1870 nie herausgefordert hatte, forderte das hochindustriell entwickelte Deutschland heraus.  Verständliche Besorgnis, Machtgier und Racheinstinkte schlugen vor dem Bilde des wirtschaftlich so gewaltig sich reckenden Deutschland zur verzehrenden Flamme empor und führten Staaten zu feindlichem Bund zusammen, deren Lebensinteressen an sich gegeneinanderstanden.  Es wird sich zeigen, wie die Wirtschaftslage auf die politische Konstellation heute unheilvoll nachwirkt, teils infolge des Friedens und des Londoner Ultimatums, teils als Folge unserer trotz Kriegsverlust äußerlich scheinbar intakten Wirtschaft.

Man hat gesagt. der Versailler Vertrag sei die Urkunde des neuen Europas.  Unser Volk weiß und fühlt es Tag für Tag, daß er allerdings die haß- und infamiegesättigte Urkunde s e i n e s Lebens ist.  Seine Einzelheiten wollen wir nicht betrachten; aber was er im gröbsten für uns bedeutet, bedarf der Skizzierung.  Er raubt uns ganze Länder und Provinzen. 6,7 Millionen Hektar Fläche schneidet er in Ost und West aus dem deutschen Gebietskörper heraus.  Er nimmt uns alle Kolonien.  Fast 6 Millionen Menschen, von denen die Mehrzahl Deutsche sind und deutsch fühlen, spricht er mit oder ohne Abstimmung fremden Völkern zu.  Außerdem

werden 32 000 Quadratkilometer unseres Staatsgebietes langjähriger Besetzung und feindlichen Eingriffen unterworfen, die wiederum auf 6,5 Millionen Menschen ihr Zwangsjoch legen.  Suchen wir uns zu vergegenwärtigen, was nur diese wenigen Bestimmungen des Friedensvertrages wirtschaftlich besagen.  Eine Regierungsdenkschrift hat berechnet, daß ohne Berücksichtigung der Abstimmungsgebiete 14,9% unserer Ackerfläche durch die Abtretungen verloren gehen.  Naturgemäß bedeutet das stärkste Einbuße an landwirtschaftlichen Erträgen, um so mehr, als die verlorenen Ostgebiete geradezu die Korn- und Kartoffelkammern des Reiches darstellten.  Man hat berechnet, daß 19% der Roggenernte, je 20% der Gersten- und Kartoffelernte und teilweise noch höhere Prozentzahlen bei anderen Produkten mit der Abtretung jener Gebiete unserer Volksernährung verloren gegangen sind.  Also rund ein Fünftel der deutschen Ernährungsgrundlage!  Dazu der Verlust an unserem stark verminderten Viehstapel.  Diese Einbußen verstärken sich dadurch, daß in jenen abgetretenen Gebieten nur 13,3% der deutschen Bevölkerung wohnten. 3,6 Millionen Menschen durchschnittlich könnten von den Ü b e r s c h ü s s e n der verlorenen Provinzen ernährt werden, wenn man jene Mehl- und Kartoffelrationen zugrunde legt, die 1920 zugeteilt wurden.  Mit anderen Worten:  Die Schwierigkeit der deutschen Volkswirtschaft, ihre Menschen zu ernähren, ist heute, zur Zeit ihrer allgemeinen Verarmung und Belastung, weitaus größer als in jenen reichen Tagen der Vorkriegszeit!  Um so mehr, als durch den Raubbau während des Krieges die Erträge der Böden und das Schlachtgewicht unserer Viehstapel erschreckend zurückgegangen sind.  Problem:  bei verminderter Fläche und ab gewirtschafteten Böden die Bedarfsversorgung einer nicht im gleichen Umfange zurückgegangenen Bevölkerung zu gewährleisten.  Und wir müssen noch hinzufügen:  den Bedarf einer Bevölkerung, die teilweise entkräftet ist durch die mangelnde Ernährung, die 1,7 Millionen ihrer kräftigsten Männer

verloren bat, die 1,5 Millionen ganz oder teilweise erwerbsunfähiger Kriegsbeschädigter zu versorgen hat, und deren Kaufkraft für die Erzeugnisse des Auslandes ins Bodenlose zusammengefallen ist.  Das ist eine Bergeslast, die der Friedensvertrag auf uns wälzte; unsere landwirtschaftliche Eigenversorgung ist völlig unzureichend; an ihr und an unserem verbliebenen Wohlstand gemessen, sind wir ein übervölkertes Land.

Mancher mag geneigt sein, das nicht so tragisch zu nehmen.  Er erinnert an die wachsenden Millionen der Vorkriegszeit, für die ja auch die Eigenversorgung des deutschen Bodens nicht auslangte, und tröstet sich damit, unsere I n d u s t r i e müsse den Überschuß an Menschen ernähren.  Doch so einfach liegen die Dinge nicht mehr.  Zunächst ist die Quote der heute auf die Industrie angewiesenen Menschen verhältnismäßig größer als damals.  Und weiterhin kann die Industrie die Menschen nur dann ernähren, wenn sie 1.  Ausfuhrmöglichkeiten hat, die auf G e g e n l e i s t u n g e n beruhen, und 2. wenn ihre eigene Kraft nicht gelähmt ist.  Zum ersten Punkt sei in diesem Zusammenhange nur kurz bemerken, daß die geschmälerten Ausfuhrmöglichkeiten der deutschen Industrie von heute im größten Umfange o h n e Gegenleistung sind.  Es sind großenteils einseitige Leistungen, die direkt oder indirekt auf Konto der Reparation laufen und in diesem Umfange tote Lasten unserer Wirtschaft darstellen, für die in Deutschland zwar Millionen fronden, von denen aber keiner leben kann.  Davon abgesehen aber hat der Friedensvertrag auch die Grundlagen unserer Industrie erheblich geschmälert.  Schätzungsweise ein Viertel unserer deutschen Kaliförderung ging mit Elsaß-Lothringen verloren; wichtiger als der Förderverlust ist der Verlust der Monopolstellung, die Deutschland auf dem Kalimarkte hatte. 79% unserer vor dem Kriege geförderten Eisenerze —­ das Rückgrat unserer Industrie und jeden industriellen Lebens —­ sind durch den Verlust Lothringens und den Zollausschluß Luxemburgs

dahin; ungefähr 9% unserer Kohlenförderung ist, wenigstens für 15 Jahre, durch die Abtrennung des Saargebietes uns entzogen; ungefähr zwei Fünftel unserer Kohlengesamtförderung wäre verloren, wenn Oberschlesien an Polen fällt[1].

  [1] Das ist inzwischen geschehen, indem der Völkerbund gerade die
      industriereichen Teile Oberschlesiens Polen zusprach.

Das Ruhr-, Wurm- und mitteldeutsche Kohlengebiet ist alles, was uns verbleibt.  Aber auch deren Förderung steht nicht zu unserer freien Verfügung.  Der Friedensvertrag belastet uns auf in Jahre mit Lieferungen an die Entente, die sich auf über 40 Millionen Tonnen stellen.  Das Spaaer Abkommen hat dann diese Phantasieforderung ermäßigt.  Da uns auch die freie Verfügung über die oberschlesische Kohle seit der Besetzung des Landes genommen ist, ruht die schwere Last der Versorgung auf dem Ruhrrevier.  Diesem Anfordern war weder die alte Belegschaft gewachsen, noch langten die Förder-und Verkehrseinrichtungen.  Die Wirkung war eine doppelte:  Es mußten die Belegschaften vermehrt und die Verkehrsmöglichkeiten gesteigert werden —­ was nur mit ungeheueren Opfern seitens des Reiches zu machen war (Wohnungsbauten, Löhne, Lebensmittelzuschüsse) —­, und es mußten deutsche Betriebe in ihrem Kohlenverbrauche sich beschränken, oft genug gar die Arbeiter entlassen und stillliegen, weil die Zwangslieferungskohle vorgeht.  Das waren zeitweise geradezu katastrophale Zustände, die an das Mark unseres industriellen Lebens rührten.  Heute ist in der Tat die Rohstoffdecke zu knapp geworden, an Kohle, an Zinkerzen, an Blei usw.  Heute hat der deutsche Osten noch weniger als bisher die Möglichkeit, seine Menschen festzuhalten, während das Ruhrrevier schlimmer als je bisher mit Anforderungen für die deutsche Wirtschaft aller Provinzen belastet und für deren Erfüllung mit Menschen unerwünscht dicht belegt werden muß.  Das sind Verschiebungen, die unsere industrielle Basis erschüttern, uns außerstande setzen, unsere Menschen selbst zu ernähren, und

die natürlich uns vorher zum Aussetzen unserer Vertragsleistungen an die Entente zwingen —­ mit der Wirkung umübersehbarer politischer Folgen!

Das sind nicht die einzigen Beschneidungen unseres Daseins durch den Friedensvertrag.  Der Vertrag raubt das deutsche Volk mit einer Gründlichkeit und Schamlosigkeit nach allen Richtungen hin aus, in der sich Haß, Brutalität und Pharisäertum zu einer widerlichen Fratze verbinden.  Kein Guthaben im Auslande, kein Schiffspark, kein Kabel, keine Ansprüche, Rechte und Privilegien, keine Patente und keine Gebrauchsmuster werden übersehen.  Und um die ganze Schamlosigkeit dieses Raubzuges wird der Pharisäermantel der vergeltenden Gerechtigkeit gelegt.  Alle gerechte Entrüstung ändert nichts daran, daß die wertvollen Posten unserer Wirtschaft in Gestalt von wirtschaftlichem, militärischem und maritimem Rüstzeug allesamt verloren sind, und daß die Sieger sich auf deutschem Boden und in der deutschen Wirtschaft Rechte zwangsmäßig usurpiert haben, die die an sich schon schmale Basis des deutschen Bodens und der deutschen Hoheitsrechte unerhört verengen.  In richtiger Erkenntnis der Sachlage schrieb die englische Zeitschrift “Nation” vom 22.  März 1919:  “Es gibt Leute in und außer Europa, die, wenn sie vom Frieden sprechen, Diebstahl meinen.  Sie möchten Deutschland seine Bergwerke stehlen, seine Kabel, Kanäle, Kohlen, Land, Schiffe, Kredit, Industrien, Patente, Handelsgeheimnisse; sie möchten seine Grenzsteine verschieben und seine offene Brust allen Feinden an allen Ecken und Enden preisgeben.  Das wäre das Ende von Europas Zivilisation.”

Gerade die letzterwähnten Verluste müssen den Versuch, durch verstärkte industrielle Tätigkeit wiederum zu Atem und Leben zu kommen, aufs stärkste gefährden.  Fünf Jahre war uns der Weltmarkt entfremdet.  In dieser Zeit reifte einerseits der amerikanische und japanische Weizen im Welthandel, industrialisierten sich andererseits manche Auslandsmärkte, um für jetzt und in Zukunft unabhängig zu sein von

Versorgungsstörungen auf Grund europäischer Verwicklungen.  Typische Beispiele:  Holland und Dänemark legen sich Eisenhütten zu, Schweden baut seine Hütten- und Stahlwerke aus, Amerika entwickelt eine große Farbenindustrie, Argentinien und Brasilien bemühen sich um industrielle Selbstversorgung auf wichtigen Gebieten.  Während des Krieges wurde gerade von England eine intensive Zerstörung aller deutschen Überseeinteressen vorgenommen, bis zur Vernichtung der Geschäftsbücher, der Aufstellung schwarzer Listen, des geistigen Diebstahls an deutschen Patenten und Geschäftsmethoden und vor allem bis zur Verzerrung des deutschen Antlitzes vor der Welt zur Fratze, mittels einer Lüge und Verleumdung zu systematischen Kampfmitteln erhebenden beispiellosen Hetzpropaganda.  Wer will ermessen, welche Barren gerade der Raub des deutschen guten Namens dem deutschen Handel und Gewerbefleiß in der ganzen Welt bereiten muß?  Wer will auf Milliarden aufzählen, was uns die raffinierte Bearbeitung der öffentlichen Meinung in aller Herren Länder durch das feindliche Kabelmonopol gekostet hat und noch kostet?  Dieser Verlust des deutschen guten Namens vor aller Welt gehört sicher mit zu den schlimmsten Kriegsverlusten.  Es wird unserer zähesten und unermüdlichsten Arbeit bedürfen, allmählich durch diese Berge von Verleumdung, Haß und Vorurteil zu dringen, die sich schlimmer als eine Blockade um uns legen und uns das moralische Recht und das wirtschaftliche Leben unerträglich schmälern.  Hier hilft uns die doch zu offensichtige Brutalität und Ungerechtigkeit des Friedensvertrages, hier hilft uns das allmähliche Wachwerden des Anstands- und Wahrheitsempfindens in allen edlen Geistern aller Nationen.  “Von nun an müssen wir uns der Aufgabe widmen, diesen Schandfleck des Versailler Vertrages von dem guten Namen Englands auszulöschen.” ("Daily Herald”, 10.  Mai 1919.)

Bis zum 1.  Mai 1921 sollte nach Bestimmung des Friedensvertrages die sogenannte Wiederherstellungssumme, die aber

in der Art, wie sie berechnet wird, tatsächlich eine Kriegsentschädigung darstellt, festgelegt werden.  Es ist bekannt, daß diese Summe durch das Londoner Ultimatum diktiert und die deutsche Unterschrift unter sie erpreßt wurde.  Gefordert wurde vom deutschen Volke ein Gesamtbetrag von 132 Milliarden Goldmark, abzahlbar in jährlichen Raten von 2 Milliarden, zuzüglich 26% des Wertes unserer Ausfuhr in Gold, dazu Leistungen auf Grund von Ausgleichsforderungen und Besatzungskosten, deren Höhe nicht festgelegt ist, aber in die Goldmilliarden geht.  Die furchtbare Last dieser jährlichen Zahlungen erstreckt sich nach den festgesetzten Verzinsungs-und Tilgungsgrundsätzen auf weit mehr als ein Menschenalter.  Diese wenigen Daten umschließen die Schuldknechtschaft eines ganzen Volkes und sind von einer Härte, wie sie in aller Geschichte unerhört ist.

An der Wiege solcher Friedensbedingungen hat weder die politische noch die wirtschaftliche Vernunft gestanden.  Das haben die leider so wenigen Einsichtigen in allen Ländern deutlich ausgesprochen.  Auf den inneren Widersinn dieser Entschädigungsforderungen wies vor allem die englische Zeitschrift “The Nation” hin, die das Problem ganz richtig faßte:  entweder zahlt Deutschland jene Unsummen, dann nur, indem es uns die Ausfuhrmärkte ruiniert und uns wirtschaftlich aufs äußerste bedrängt; oder wir unterbinden ihm unsere Märkte, dann kann es nicht zahlen.  Durchaus zutreffend!  Es wird ja niemand im Ernst glauben, aus dem deutschen Boden selbst ließen sich jene Summen herausstampfen, sie sind eben nur beschaffbar, wenn die deutsche Arbeit für fremde Völker sie erst hereinholt und zur Verfügung stellt.  Aber auch das ist richtig:  Werden de Forderungen nicht erfüllt, dann drohen politische Zwangsmittel in Gestalt von Neubesetzungen, Sanktionen, die unserer politischen Selbständigkeit den letzten Rest geben, die eine dauernde Gefährdung des europäischen Friedens sind, und die mit dem Zerbruch des Reiches enden könnten.  Der

Reichskanzler Wirth hat das zutreffend formuliert:  “Wir kämpfen mit unserer Arbeit um unsere Freiheit als Volk und Staat.”

* *
*

Das ist der furchtbare äußere Rahmen unseres Daseins.  Aus ihm heben sich deutlich die Probleme heraus:  Wie heilen wir im Lande selbst die furchtbaren Wunden des Krieges?  Wie bringen wir die Mittel auf zur Erfüllung der ungeheueren Verpflichtungen nach außen?  Welche wirtschaftlichen und sozialen Weiterwirkungen schließen sich an die Erfüllung dieser Aufgaben bzw. an den Versuch ihrer Erfüllung an?

Die Not im Lande selbst ist sehr vielgestaltig.  Sie äußert sich als Gefährdung der physischen Volkskraft und Volksgesundheit und tritt im einzelnen in Erscheinung als mangelnde Ernährung weiter Kreise, Mangel an Kleidung und Wäsche, fehlende Wohnungen, ungenügende Wohnungseinrichtungen.  Ein Ausdruck dieser Not sind die Sterblichkeitsstatistiken und die Ausweise der Krankenkassen.  Die Ursachen dieser Not sind die Erschöpfung unseres Wohlstandes durch den Krieg, die starke Herunterwirtschaftung unseres Sachkapitals, die Aushungerung unserer Böden, die Aufzehrung der privaten Vorräte und Ausstattungen, die Leistungen an die Entente auf Grund von Waffenstillstand und Friedensvertrag, der Aufkaufshunger für alle möglichen, teilweise sehr gut entbehrlichen Auslandsgüter nach dem Kriege.  Diese Aufzählung wäre ungenau, wenn sie an jenen Schädigungen des Volksvermögens vorbeiginge, die mit der Gebietsbesetzung, mit Streiks und Aussperrungen, mit böswilliger Wertvernichtung und Revolten zusammenhängen.  Unleugbar haben auch einige Bestimmungen des neuen Arbeitsrechtes Schädigungen mit sich gebracht.  Im großen Ganzen hat die Volkswirtschaft noch nicht jene Umschichtung der Berufe und Rückschichtung der Bevölkerung weg von

den Städten erreicht, die der neuen Wirtschaftslage entsprechen:  das sind weitere Quellen vielgestaltiger Not.  Im weiteren darf nicht übersehen werden, daß die Auflösung des alten Heeres, von Teilen der alten Bürokratie, die Rückwanderung Deutscher aus verlorenen Gebieten und die Vernichtung vieler Rentner-, Mittelstands- und Kleinexistenzen des bürgerlichen Lebens durch Krieg und Kriegsfolgen die Schleusen der Not in weiteren Schichten geöffnet haben.  Eine Denkschrift der Regierung, die für die Londoner Verhandlungen fertiggestellt wurde, beziffert das deutsche Volkseinkommen gegenwärtig auf 234 Milliarden Papiermark == ungefähr 22-23 Milliarden Goldmark.  Vor dem Krieg berechnete man das Volkseinkommen auf 43 Milliarden Goldmark!  Daraus ergibt sich die gewaltige Senkung des Realeinkommens des Volkes —­ und von diesem so geminderten Realeinkommen sollen die Leistungen an die Entente und die Steuern für Reich, Länder und Gemeinden aufgebracht werden!  Hier steht die elementare Bedingung unseres Daseins als Volk und Staat vor uns:  wir müssen a l l e Produktivkräfte aufs ä u ß e r s t e anspannen, um das physische Leben und die politische Freiheit zu erhalten.  Unsere Existenz steht auf der Schneide der äußersten Wirtschaftsergiebigkeit.  Daraus die Forderung, alle sachlichen und geistigen Voraussetzungen gesteigerter Produktivität anzuspannen, allen überflüssigen Verbrauch zu meiden.

Was brauchen wir zur Steigerung der Produktion?  Zunächst natürlich Rohstoffe.  Als deren Quelle kommen in Betracht die natürlichen Rohstofflagerstätten und die Landwirtschaft.  Erstere sind die Kohlen- und Erzadern, die Gesteine und sonstige industriell verwertbaren Güter, die das Bodeninnere birgt.  Ihnen gegenüber —­ als den durch Abbau erschöpfbaren Gütern —­ stehen die landwirtschaftlich in regelmäßiger Wiederkehr erzeugten Güter.  Nach beiden Richtungen hin haben wir beträchtliche Einbußen erlitten durch Gebietsverluste, Raubbau und Belastung mit Abgaben.

Mit dem Rest muß umso schonender umgegangen werden; denn die Bodenschätze sind entweder überhaupt nicht künstlich vermehrbar, oder nur durch Mehraufwand von Arbeit und Kapital.  Abbau und Anbau stehen außerdem auf der Spitze der Rentabilität.  Wenn wir schon vor dem Kriege eine starke Einfuhr von Erzen, Kohle und Ölen hatten, von Nahrungsmitteln, Futtermitteln, Textilien und Rohstoffen aller Art, so können wir sie heute noch viel weniger entbehren.  Wir brauchen die Einfuhr, weil das Ausland vielfach ergiebigere Fundstätten und Böden hat und daher billiger liefert.  Wir brauchen sie, weil sie Bestandteil neuer Ausfuhr werden, nachdem sie durch deutsche Arbeit zu fertigen Produkten veredelt sind.  Im Grade der Einfuhr verschulden wir uns; aber diese Verschuldung ist so lange unbedenklich, als ihr deutsche Gegenleistungen in Gestalt rentabler Ausfuhr gegenüberstehen.  Unvermeidlich ist, daß große Einfuhrposten für de Deckung des notwendigen, seit dem Kriege so stark vernachlässigten Eigenbedarfs des deutschen Volkes hereinkommen.  Das bedeutet zunächst eine Belastung der Zahlungsbilanz oder eine Verschuldung durch Kredite; in jedem Falle müssen auch diese Beträge durch Ausfuhr oder durch andere geldwerte Gegenleistungen gedeckt werden, entweder aus laufenden Wirtschaftserträgen oder aus der Substanz des Volksvermögens.  Wenn einsichtige Wirtschaftspolitiker schon vor dem Kriege den starken Materialverbrauch beklagten, die Zerstörung lebendiger menschlicher Arbeit durch ein unwirtschaftliches Vergeuden von Rohstoffen, so gilt das heute natürlich zehnfach.  Rohstoffe sind kristallisierte Arbeitsstunden, Arbeit ist unser wertvollstes Kapital.  Fahrlässigkeit, Böswilligkeit und Unverstand zerstören nach einem Worte Friedrich Naumanns mehr als Feuersbrunst und Überschwemmung.  Dieses Gebot wirtschaftlichster Rohstoffverwertung hat zwei Seiten:  das Haushalten mit dem Material der M e n g e und der G ü t e nach.  Wer verwaltet unsere Rohstoffe?  Drei große Stoffverbraucher kennen wir: 

die Betriebe in Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft, die Haushaltungen und die öffentlichen Verbände.  Bezüglich der Haushaltungen ist ohne weiteres klar:  vom Geschick vorwiegend der deutschen Hausfrau hängt es ab, wie mit den Verbrauchsgütern gewirtschaftet wird.  Das ist teilweise eine Erziehungsfrage.  Wie viele Hausfrauen haben sich je über zweckmäßige Stoffverwendung Gedanken gemacht?  Tausende von Frauen, nicht nur aus Arbeiterkreisen, verwirtschaften ohne Ahnung von den Folgen ihres Ungeschickes Milliardenwerte.  Das ist teilweise auch eine Folge der Frauenberufsarbeit.  Wer die Verhältnisse in den Arbeiterfamilien der Industriereviere kennt, weiß, daß die erwerbstätige Frau die kürzesten Methoden der Haushaltsführung vorzieht und vielfach gerade wegen ihrer Berufstätigkeit vorziehen muß.  Neben den Schäden, die die Frauenberufsarbeit für das Familienleben und die Erziehung mit sich bringt, liegen in der unwirtschaftlichen Stoffverwendung bedenkliche volkswirtschaftliche Seiten der Frauenberufsarbeit.  Was die Materialverwertung der öffentlichen Verbände anlangt, so hat die Kriegszeit dort in erschreckendem Maße gezeigt, wie wenig hier den Anforderungen einer vernünftigen Bewirtschaftung Rechnung getragen wurde.  Die bureaumäßige Verwaltung von öffentlichen Betrieben und Verbrauchseinrichtungen hat eben nicht jene Motive zum sparsamen Haushalten und jene scharfen Kontrollmöglichkeiten, die die Privatunternehmung hat.  Dem rein verwaltungsmäßig gerichteten Sinn fehlt vielfach die Einsicht in die wirtschaftliche Bedeutung sparsamster Materialverwertung.  Aber selbst in der privaten Unternehmung sind nicht ohne weiteres die Garantien für sparsame und zweckmäßige Rohstoffverwendung gegeben.  Zwar drängt das Interesse der Unternehmung am möglichst hohen Geldertrag auf äußerste Zweckmäßigkeit und Ergiebigkeit in der Verwendung aller Produktionselemente; aber hier ist es wiederum eine Frage der Erziehung und der Einsicht der Arbeitskräfte, ob sie mit den ihnen anvertrauten

Wirtschaftsgütern möglichst schonend umgehen.  Keine Aufsicht kann das eigene Mitbesorgtsein der Arbeiter ersetzen.  Dieses Mitbesorgtsein zu wecken und zu erhalten, ist großenteils eine Sache der Erziehung, des Verantwortungs-und Gemeingefühls und der Einsicht.  Hier mündet die Aufgabe des Rohstoffschutzes unmittelbar in ethische und soziale Voraussetzungen.  Die zweckmäßige Rohstoffverwendung in der privaten Unternehmung ist gleichzeitig eine Frage der Betriebsgröße, der Betriebsorganisation und der Produktionsweise.  Die objektiv stärkste Möglichkeit wirtschaftlicher Produktion hat der kombinierte Großbetrieb, der sich in der Produktion einstellt auf normalisierte und typisierte Erzeugnisse.  Wieviel nach dieser Richtung in Deutschland noch fehlt, beweisen die Klagen führender Industrieller und zünftiger Volkswirte.

Rohstoffökonomie ist also Haushalten mit den Unterlagen unseres Daseins.  Neben der Verfügung unserer Sachgüter ist die wichtigste dieser Unterlagen die l e b e n d i g e A r b e i t s k r a f t.  Das volkswirtschaftliche Ziel hat Rathenau in Anbetracht unserer Lage einmal dahin zusammengefaßt:  “Ea ist nötig, ...den Wirkungsgrad menschlicher Arbeit so zu steigern, daß eine verdoppelte Produktion die Belastung zu tragen vermag und dennoch ihre Hilfskräfte besser entlohnt und versorgt werden.”  Das ist durchaus richtig.  Wenn das Kapital, mit dem wir neu anfangen, im wesentlichen unsere Arbeit ist, dann muß mit dieser Arbeit sparsam umgegangen werden.  Sie darf nicht vergeudet werden durch Produktion von entbehrlichen Gütern, sie darf nicht durch Raubbau abgewirtschaftet werden.  Es müssen alle technischen, organisatorischen und sozialen Voraussetzungen geschaffen werden, um die möglichst große Produktionssteigerung durch möglichst sparsamen Arbeitsaufwand zu erreichen.  Auch hier wieder die Voraussetzung:  Bildung und Erziehung der heranwachsenden Geschlechter, Erfüllung mit Einsicht in den Ernst der Verantwortung für das Ganze, Abwehr aller

Neigung zu einem resignierten Versinken in die stumpfe
Fron für den laufenden Tag.

Diese Aufrechterhaltung unserer Arbeitskultur und Wirtschaftshöhe ist wiederum gebunden an stoffliche Unterlagen, nämlich an den ausreichenden S u b s i s t e n z f o n d s der Nation.  Man spricht gewöhnlich davon, es müsse genügend “Kapital” vorhanden sein, um die Arbeits- und Wirtschaftskultur wie übrigens die Gesamtkultur des ganzen Volkes, die ja immer irgendwie an sachliche Unterlagen gebunden ist, zu erhalten.  Die Quelle dieses Kapitals aber ist die Differenz zwischen Volkseinkommen und Verbrauch, mit anderen Worten:  das nichtverbrauchte “ersparte” Volkseinkommen.  Von zwei Seiten her kann diese Kapitalbildung gefördert werden:  von der Erhöhung des Volkseinkommens durch erhöhte Produktion und von der Minderung des Verbrauches her.  Unsere Lage zwingt uns, beide Wege zu beschreiten:  die Produktion aufs äußerste zu steigern, den Verbrauch an allem Entbehrlichen möglichst zurückzudrängen.  Das wird für Jahrzehnte unser Schicksal sein, ein Schicksal, dessen Härte nur dadurch erträglich ist, daß es uns die Aussicht gibt, die Einheit des Reiches und des Volkes durch alle Fährlichkeiten des verlorenen Krieges und des Friedens hindurch zu retten.  Die besondere Schwierigkeit unserer Kapitalneubildung liegt darin, daß sie mit ungewöhnlichen Belastungen zu rechnen hat.  Die Belastungen bestehen in den geschilderten Zahlungsverpflichtungen gegenüber der Entente, in der gewaltigen Steuerlast, in der ungünstigen Entwicklung des Außenhandels (der im vergangenen Jahre mit zweieinhalb Goldmilliarden p a s s i v war!), ferner in der Ungunst der Einkommensverteilung.

Bei sotanen Dingen ist alles, was unsere Wirtschaftserträge erhöht, eine Daseinserleichterung, eine neue Gewähr unseres physischen und kulturellen Lebens.  Das gilt für alle Seiten unserer Wirtschaft, für Landwirtschaft, Gewerbe, Industrie und Verkehr.  In der Landwirtschaft zumal spielt es

eine besondere Rolle.  Hier sind die Erträge gegenüber der Vorkriegszeit sehr stark gesunken, hier ist außerdem die Quelle unseres dringendsten Bedarfes, der Ernährung.  Das landwirtschaftliche Betriebskapital ist während des Krieges scharf heruntergewirtschaftet worden, es bedarf jetzt der Erneuerung.  Kredite müssen der Landwirtschaft zufließen, die sie im Kriege glaubte abstoßen zu können oder nicht mehr zu benötigen.  Durch Düngemittel aller Art, durch Meliorationen, durch Maschinen müssen die Böden wieder in den alten hochgepflegten Zustand gebracht werden.  Der Viehstapel muß ergänzt werden.  Das landwirtschaftliche Bildungswesen darf um keinen Preis vernachlässigt werden.  Was uns diese Forderungen erheben läßt, ist die einfache Tatsache, daß der stark abgewirtschaftete Zustand der Landwirtschaft im Interesse der Allgemeinheit, des Staates, des Volkes in Stadt und Land und nicht zuletzt auch des Fiskus saniert werden muß, ehe er wiederum ein tragender Pfeiler unserer Wirtschaftsblüte werden kann.  Erst bei solcher Intensivierung der landwirtschaftlichen Erzeugung besteht die Aussicht, daß der Strom von Menschen, welcher im Gefolge des Krieges den Städten zugeflutet ist und dort die Not vermehrt, wiederum vom Lande aufgenommen werden kann.  Wie bedeutsam eine solche Rückwanderung ist, ergibt sich ohne weiteres; sie entlastet den Arbeitsmarkt, entlastet den Fiskus von der Erwerbslosenfürsorge, sie entlastet die städtische Fürsorge, sie mildert die Schärfe unserer sozialen Not und sie beseitigt jenes Übel, das schon vor dem Kriege auf dem Lande vielfach anzutreffen war, nämlich die Leutenot.

Wenn die wesentliche Aufgabe der deutschen Landwirtschaft darin besteht, in möglichst weitem Umgange den Nahrungsbedarf unseres Volkes zu erstellen, so hat die Industrie demgegenüber eine verwickeltere Aufgabe.  Sie soll einesteils den starken Verbrauch an Industrieerzeugnissen decken, den das Inland hat; sie soll aber andererseits die Grundbedingung unseres Daseins gewährleisten, nämlich die

aktive Zahlungsbilanz.  Deren Hauptbestandteil war von jeher die Handelsbilanz, das heißt das Wertverhältnis der Wareneinfuhr zur Warenausfuhr.  Heute sind die anderen Bestandteile der deutschen Zahlungsbilanz ungefähr auf den Nullpunkt reduziert; wir haben keine Gewinne mehr aus Frachten für das Ausland, unsere Erträgnisse aus der Kapitalanlage im Auslande sind mitsamt den Kapitalien fast ganz verloren, unsere Gewinne aus Vermittlung und Versicherung für fremde Völker sind dahin.  Nach all diesen Richtungen haben wir nur noch Passiva.  Und trotzdem besteht unabweisbar das Ziel:  Herstellung einer aktiven Zahlungsbilanz!  Die Handelsbilanz muß die dazu erforderlichen Wertüberschüsse der Ausfuhr über die Einfuhr erbringen.  Wir müssen, ob wir wollen oder nicht, Exportwirtschaft treiben.  Unsere landwirtschaftlichen Erzeugnisse brauchen wir selbst, also kann der Überschuß der Ausfuhr über die Einfuhr im großen ganzen nur industriell erwirkt werden.  Zwei Gesichtspunkte sind entscheidend:  die Ausfuhrfähigkeit unserer Industrie einerseits, die Aufnahmefähigkeit und Aufnahmewilligkeit der fremden Märkte andererseits.  Was zunächst die Ausfuhrfähigkeit unserer Industrie anlangt, so ist sie teils eine Frage des Preiskurants, das heißt:  des billigeren deutschen Angebots, teils ein Produktionsproblem:  Haben wir Güter, die das Ausland unbedingt erwerben will?  Haben wir Überschüsse, die für die ausländische Nachfrage zu Gebote stehen?  Bezüglich der ersten Frage ist festzustellen, daß manche Tatsachen uns günstige Aussichten im Wettbewerb bieten.  Der Wert des deutschen Geldes, gemessen am Gelde der ausländischen maßgebenden Gläubigerstaaten, steht sehr tief.  Niedrige Wechselkurse aber bedeuten eine Prämie und einen Anreiz für die Ausfuhr.  Unsere Lebenshaltung ist relativ weniger reich und kostspielig wie die der fremden Konkurrenzwirtschaften.  Die Arbeitsfähigkeit und Arbeitswilligkeit unserer Bevölkerung hat sich vergleichsweise schneller erholt als die der meisten

anderen Völker.  Außerdem waren deutsche Waren im allgemeinen so wohl beleumundet in der ganzen Welt, daß Nachfrage nach ihnen ohne weiteres wahrscheinlich ist.  Aber übersehen wir nicht die Hemmungen unserer Überlegenheit im Preisgebot!  Wir mußten unsere Industrie viel eingreifender als die anderen kriegführenden Nationen auf einen neuen Friedensstand umstellen; technisch und organisatorisch ist diese Aufgabe schnell und glänzend gelöst worden, aber sie verschlang viele Arbeitskräfte und viele Kapitalien.  Manche Industrien hatten im Laufe des Krieges Schulden in fremder Währung aufgenommen; der rapide Fall des deutschen Geldwertes steigerte den Belauf der Schulden ins Phantastische und bewirkte neue Kosten der Abdeckung oder Umwandlung.  Die rastlose Anstrengung der Kriegsarbeit hat in vielen Industrien keine Kräfte und keine Zeit frei gelassen zu Reparaturen, Materialergänzungen, Erneuerung des Sachkapitals; das mußte alles nachgeholt werden.  In den Zeiten der Umwälzung nach dem Kriege häufen sich die Streiks, die Wertzerstörungen, die Lohnforderungen; das Arbeitstempo ließ nach; all das erscheint als Produktionskosten wiederum im Warenpreis.  Und nicht zuletzt legt die Steuergesetzgebung der Industrie ungeheuere Lasten auf, die natürlich Preissteigerungen im Gefolge haben.  Der gewaltige Anreiz zu großen Gewinnen, der nach dem Kriege im Abverkauf von Betriebseinrichtungen und in der Angleichung der Inlandspreise an den Weltmarkt lag, wirkte sich auch in den gestiegenen Preisen aus.  Nicht zuletzt bot der Warenmangel des erschöpften Inlandsverbrauchs die Möglichkeit, unter dem Anreiz des Dividendenhungers den Preisstand scharf zu erhöhen.  Auch die Verteuerung der Produktion durch die Einfuhr fremder Rohstoffe und durch das damit verbundene starke Valutarisiko wirken in die Richtung steigender Preise.  Nach einer Periode grenzenloser Schleuderverkäufe ins Ausland, die direkt nach dem Kriege einsetzte, kam die Gegenwirkung:  die Preishöhe vieler deutscher Industrieprodukte

lag zeitweise über den entsprechenden Auslandspreisen.  Die Folge davon war stockende Ausfuhr, das heißt Gefährdung des Zieles der aktiven Handelsbilanz.  Im ganzen hat der Druck auf unsere Wechselkurse dafür gesorgt, daß die Ausfuhrprämie nicht verschwand.  Aber wie prekär die Sachlage ist, zeigt sich regelmäßig bei selbst geringfügigen Steigerungen unserer Wechselkurse:  es setzt in diesen Fällen eine Stockung der Ausfuhr und eine Steigerung der Einfuhr ein, also ein ganz bedenklicher Sachverhalt.  Der hin- und hergehende Wertstand des deutschen Geldes gefährdet für den deutschen Unternehmer alle Grundlagen der Kalkulation, bringt ein spekulatives Moment in die ganze Wirtschaft hinein und wirft uns aus einer Periode der Schleuderverkäufe und der stockenden Rohstoffeinfuhr in die andere stockender Ausfuhr und der Überschwemmung mit Auslandsware.  Das Verlangen, den Urheber dieser Zustände, nämlich den wilden Wechselkurs, zu binden, ist ebensooft erhoben wie als zunächst aussichtslos abgelehnt worden.  Deutschland ist ohne Unterstützung der kapitalsstarken Gläubigerstaaten völlig außerstande, eine solche Festlegung des Wechselkurses vorzunehmen.  Nur mit Hilfe ganz gewaltiger Kredite und einer vorläufig noch sehr unwahrscheinlichen vernünftigen Gebahrung der Entente in der Reparationsfrage könnten stabile Wechselkurse eingerichtet und durchgehalten werden.

So steht es um die Aussichten der deutschen Industrie im internationalen Preiskampf!  Eine andere Frage ist die, ob wir Güter haben, die das Ausland unbekümmert um den Preis haben muß oder haben will.  Das gilt gewiß bei einer Anzahl von hochwertigen Erzeugnissen, zumal der chemischen, optischen und elektrotechnischen Industrie; es gilt auch in einigem Umfang für Kali.  Aber auf eine Anzahl solcher Erzeugnisse hat der Friedensvertrag die Hand gelegt und sie uns in großen Mengen auf “Reparation” abgefordert.  Andererseits sind manche Erzeugnisse, für die Deutschland vor dem Kriege einen unbestrittenen Markt besaß, in der

Zwischenzeit von fremden Industrien aufgegriffen und hergestellt worden.  Immerhin hat auch heute noch ein gewisses Marktgebiet starken Druck und starke Neigung zum Verbrauch deutscher Produkte.  Und nun die weitere Frage, haben wir Überschüsse frei für die Ausfuhr?  Wir rechnen nicht in diese Überschüsse dasjenige hinein, was auf Reparationsrechnung zwangsweise geliefert werden muß.  Diese Posten tragen zur Aktivierung der Handelsbilanz nichts bei, so beträchtlich sie an Wert sein mögen.  Im Gegenteil, sie verschlechtern unsere Bilanz, denn soweit ausländische Rohstoffe und ausländische Arbeit direkt oder indirekt in ihnen kristallisiert sind, müssen sie erst mit teuren Kosten angeworben werden.  Sehen wir also von dieser Art Ausfuhr ab, so fällt zunächst auf, daß bestimmte Industrien ihre Ausfuhrüberschüsse verloren oder stark gemindert haben.  Das gilt für bedeutsame Industrien landwirtschaftlicher Rohstoffverarbeitung, beispielsweise für die Zuckerindustrie, deren Ausfuhr früher mehrere hundert Millionen Goldmark einbrachte; es gilt ebenso für die Branntweinindustrie.  Es gilt aber auch für die Kohlenausfuhr.  In die gleiche Richtung wirkt das zollpolitische “Loch im Westen”, das uns den Warenüberdruck der fremden Märkte vielfach auf Schleichwegen in unser Land pumpt, deutsche Industrien, besonders im besetzten Gebiete, lahmlegt und uns mit einer Sorte Einfuhrwaren beglückt, die nach dem Stande unserer Verarmung besser draußen blieben.  Der Verlust von Industrien im abgetretenen Gebiet, die Materiallieferungen an die Entente auf Grund des Waffenstillstandes und des Friedens, die starke Beschäftigung für den Aufbau der Eigenwirtschaft und der Rückgang der Leistungen an Menge und Güte, die Stillegung mancher Betriebe bringen erhebliche Minderungen der Überschüsse mit sich.  Die Ausfuhrabgaben, die Kontrolle der Ausfuhr und die Unübersichtlichkeit der fremden Absatzgebiete infolge des Abbruches alter eingefahrener Wirtschaftsbeziehungen wirken in die gleiche Richtung.

So weit die Ausfuhrfähigkeit der deutschen Industrie.  Und nun die andere Seite:  die A u f n a h m e f ä h i g k e i t und A u f n a h m e w i l l i g k e i t des Auslandes!  Hier sind Anreizmomente für den Bezug deutscher Produkte vorhanden:  ihre Billigkeit, ihre Güte, ihre teilweise Monopolstellung.  Aber lassen wir die Gegentendenzen nicht aus dem Auge.  Der Krieg wäre für England verloren, wenn er nicht mit einer Zurückwerfung der deutschen Industrieausfuhr endigte.  England hat im Kriege Zeit gehabt, unsere Auslandsmärkte zu verwüsten, viele Neutrale haben sich auf den englischen und amerikanischen Lieferanten umgestellt, haben sich auf einzelnen Marktgebieten unabhängig gemacht.  Die meisten Länder haben ihre Zölle erhöht, manche Länder haben zum Schutz ihrer eigenen Produktion zu sehr drastischen Abwehrmitteln gegen die fremde Einfuhr gegriffen.  In den ehemals feindlichen Ländern sorgt der mit Leidenschaft geschürte Nationalismus dafür, daß der deutschen Ware die Wege weithin versperrt werden.  Manche Rohstoffländer sind während des Krieges zur Verarbeitung übergegangen und spüren geringe Neigung, ihre mit Opfern großgezogene Verarbeitungsindustrie durch Ausfuhr von Rohstoffen der fremden Konkurrenz auszusetzen.  Die ganze Welt ist beträchtlich ärmer geworden und hat ihren Verbrauch auf einen tieferen Durchschnittsstand setzen müssen.  Die Erwerbslosenheere sind heute eine internationale Erscheinung und erschweren die Rückhehr in die Bahnen des offenen, freien Welthandels, selbst wenn die maßgebenden Kreise den Willen dazu hätten.  Die Neigung, nur solche Erzeugnisse auszuführen, in denen hochwertige Arbeit verkörpert ist, hat starke Antriebe erhalten mit der Wirkung, daß unsere Waren, deren Güte und Art geradezu auf der stark konzentrierten Arbeit aufgebaut war, verschärftem Wettbewerb begegnen.  So ist es erklärlich, daß in der Ausfuhr verhältnismäßig starke Rohstoff- und Halbfabrikatposten anzutreffen sind.  Die Gefahr lauert im Hintergrunde:  ein Sinken unseres gewerblichen Könnens,

unserer Wirtschaftskraft dem Auslande gegenüber, sinkende Lebenshaltung, sinkende Kultur, sinkende politische Bedeutung.  Das scheint weit ausgeholt, ist aber drohender Ernst.  Der Rückfall auf vorwiegende Rohstoff- und Halbfabrikatausfuhr könnte uns auf ein enges kontinentales Dasein zurückwerfen.

Man muß die großen Linien ins Auge fassen, um diesem Pessimismus nicht zu erliegen.  Gewiß, wir vertrauen auf die unversiegliche Lebenskraft unseres Volkes, auf seinen Unternehmungsmut, auf seine hohe Geistigkeit.  Aber ein Faktor von ebenso großer Bedeutung ist die Herzlage Deutschlands inmitten des Kontinents.  Wir sind die Durchfahrtsstraße von Ost nach West, von der Atlantis zum Baltischen Meer; wir sind das Zwischenglied zwischen Westeuropa und dem Osten, das wirtschaftliche Glacis Englands und Amerikas, dessen industrielles Leben immer noch im Osten, zur Atlantis staut, und nicht im Westen! —­ nach Mittel- und Osteuropa.  Man hat im Haß des Krieges und im Rausch des Sieges geglaubt, uns durch neue Handelswege, deren Linien um uns herum zu legen seien, aus dem großcn Zuge des internationalen Verkehrs auskapseln zu können, ein Versuch, der keine geringere Bedeutung hat, als uns wirtschaftspolitisch aus der Herzlage Europas an seinen Rand zu drängen.  Aber beim Versuch ist es geblieben.  Wenn der Osten wieder für ruhige wirtschaftliche Entwicklung Sinn und Zeit hat —­ und das wird auch einmal wieder der Fall sein —­, dann ist Deutschland das Mittelstück Europas; und die vollen Vorteile dieser Lage werden ihm zugute kommen u n t e r d e r V o r a u s s e t z u n g, daß es sich nicht selbst ausschaltet und daß es politisch selbständig bleibt.  Der industrielle Bedarf von Ost und Südost stößt irgendwie immer zunächst auf uns, und den Valuten jener Länder gegenüber sind wir trotz aller Hemmungen anderer Art leistungsfähiger als die valutastarken Industrieländer.  Hier im Osten und Südosten erschließen sich unserer wirtschaftlichen Pioniertätigkeit neue Kontinente,

reiche Rohstoffgebiete.  Wenn sie mit Vernunft und in weitherziger Berücksichtigung der Interessen jener Länder und Völker selbst ausgebaut werden, so eröffnet sich eine neue Zukunft für die deutsche Wirtschaft.  Für die Richtigkeit dieser Erwägungen spricht die Tatsache, daß fremde Kapitalien in großem Umfange die deutsche Industrie befruchten, zeigt das handelspolitische Interesse, das allenthalben in der Welt für unsere Wirtschaft besteht.  Sorgen wir dafür, daß dieses Interesse kein Interesse der “Pleitegeier” an der Ausschlachtung eines alten soliden, ehemals blühenden Handelshauses wird!  Das ist nur dann möglich, wenn wir alle Kräfte anspannen, die politische Freiheit und die Einheit des Reiches zu bewahren.  Wenn das Mittel dazu die angestrengte Arbeit des ganzen Volkes ist, gut! so müssen wir sie auf uns nehmen.  Vor dem Kriege war es die freie, gesunde Kraft eines stark wachsenden Volkes, wagender Kaufleute und Unternehmer, die uns den Weg in die Weltwirtschaft gehen hieß; heute ist es der Kampf um Freiheit und Einheit!

Dieser Weg hat gewiß seine Gefahren.  Die Hoffnung der Entente auf bare Zahlungen und Naturalleistungen hat uns wider alle wirtschaftliche Vernunft in die Kette der Diktate geschlagen.  Heute zeigen sich die Folgen:  Wenn wir zahlen wollen, müssen wir erst verdienen; wenn wir aber verdienen wollen, müssen wir erst die fremden Märkte aufsuchen.  Unsere Ausfuhr aber und die Devisenaufkäufe zum Zwecke der Zahlung beginnen heute schon, unseren Gegnern empfindliche Wirtschaftsstörungen zu bereiten.  Da taucht die Sphinx der Zukunft auf:  Die Entente hat in Hinsicht auf das Friedensdiktat ein zweiseitiges Interesse:  ein Gläubigerinteresse und ein Produzenteninteresse.  Diese beiden Interessen stehen in Widerspruch.  Beispielsweise:  Wenn wir die im Friedensvertrag auferlegten 200 000 Tonnen Schiffsraum für England bauen, dann liegen die englischen Werften still, und die Arbeitskräfte müssen entlassen werden.  Wenn wir die zwangsweise Kohlenlieferung durchführen, dann feiert der englische

Bergarbeiter, oder er streikt, weil der Rückgang der Kohlenpreise die englischen Bergherren zwingt, die Löhne zu senken.  Diese Gegensätze sind heute klar herausgearbeitet.  Man faßt sie nur nicht grundsätzlich an, sondern versucht mit einer Politik der kleinen Mittel sich an ihnen vorbeizudrücken.  Eines Tages aber wird die Härte der Gegensätze ihre Lösung verlangen.  Entweder man saugt uns aus durch bare Zahlungen, dann müssen wir die Märkte mit allen Mitteln erobern und das feindliche Produzenteninteresse schädigen; oder man verwehrt uns die Märkte, dann können wir nicht zahlen, und das feindliche Gläubigerinteresse ist getroffen.  Auf diesem Punkte laufen sich die Diktate tot an den wirtschaftlich unausweichbaren Zusammenhängen.  Was soll dann geschehen?  Das stärkere Gläubigerinteresse liegt bei Frankreich, das den geringeren Industrialismus und den stärksten Anteil an unseren Zwangszahlungen (52%) hat; das stärkere Produzenteninteresse liegt bei England, das den gesteigerten Industrialismus und den geringeren Anteil (22&) an unseren baren Leistungen hat.  Welches Interesse wird durchdringen, das französische Gläubiger- (Rentner-) Interesse oder das englische Produzenten- (Arbeiter-) Interesse?  Hier eröffnen sich Entscheidungen, die für unser Schicksal unerhört wichtig sind.  Zu einem Teil haben wir es in der Hand, sie zu beeinflussen.  Unser Interesse kann nicht mit Frankreich gehen, solange Frankreich in uns ein Beutestück sieht, eine politische Masse, deren Liquidation nicht brutal genug betrieben werden kann.  Wir stehen wieder an dem Kreuzungspunkt —­ nur mit viel schlechterem Einsatz —­, an dem wir schon einmal standen, den wir damals aber in seiner Tragweite nicht genügend begriffen:  vor der Steuerung des Kurses ins englisch-deutsche Einvernehmen, oder —­ auf noch weiteren Aspekt gestellt —­ vor der Steuerung des Kurses in das anglosächsisch-deutsche Einvernehmen.  Oder welcher andere Weg sollte noch offen sein?  Auf die russische Karte jetzt schon zu setzen, erscheint verfrüht; außerdem kann bei unserer

Kapitalschwäche und der starken Interessierung der anglosächsischen Wirtschaftsmacht an Rußland diese russische Karte nur im Rahmen einer deutsch-anglosächsischen Verständigung geschlagen werden.

Verschiedentlich mußten wir darauf hinweisen, daß unsere politische Freiheit in den schmalen Resten, in denen sie überhaupt noch besteht, auf der Schneide der Erfüllung von Diktaten steht.  Diese Erfüllung aber ist ein fiskalisches Problem, eine Frage des Steueraufkommens des ganzen Volkes.  Die Steuerleistung aber ist letzten Endes eine Frage der Wirtschaftskraft.  Das Elend der deutschen Wirtschaft aber spiegelt sich im Elend der deutschen Finanzen.  Das Elend der Finanzen ist nun nicht erst eine Erscheinung von heute; seit 1876 hat das Reich so ziemlich fortwährend in Finanzverlegenheiten gelebt.  Ein Hauptgrund dafür war der Aufbau des Reichsfinanzwesens und hier besonders die Verteilung der Steuerkompetenzen zwischen Reich und Bundesstaaten.  Das Reich hat eine Steuerdomäne, die fast ausschließlich aus indirekten Abgaben und aus Zöllen bestand.  Die direkten Steuern, das Rückgrat jeder gesunden Finanzwirtschaft, lagen unter Verschluß der Einzelstaaten und wurden von ihnen eifersüchtig gehütet.  Die Einkünfte des Reiches aus Betriebsverwaltungen waren recht geringfügig im Verhältnis zu dem, was die großen Bundesstaaten aus ihrem Staatsbesitz zogen.  Das war eine verhängnisvolle Fehlkonstruktion der Reichsfinanzen.  Im Frieden war sie deswegen noch erträglich, weil das Reich doch bekam, was es brauchte, nur sehr umständlich, unter großer Erregung der öffentlichen Meinung und nicht immer sehr zweckmäßig.

Die v e r h e e r e n d e Wirkung dieser Fehlkonstruktion zeigte erst der Krieg.  Die Folge der Verteilung der Steuerkompetenzen nach der alten Reichsverfassung war die, daß das R e i c h, der Träger der H a u p t l a s t des Krieges, die

d ü r f t i g s t e n und r ü c k l ä u f i g s t e n E i n n a h m e q u e l l e n besaß, während die Bundesstaaten, die die Last des Krieges ja gar nicht zu tragen hatten, die ertragreichsten und stabilsten Steuerquellen unter Verschluß hatten.  Die Abneigung, eine entschlossene starke Kriegssteuerpolitik nach englischem Muster einzurichten, ließ nur den einen Ausweg:  den Krieg mit S c h u l d e n zu führen.  Was an Kriegssteuern dann seit 1916 kam, kam zu spät und zu zaghaft.  Man rechnete im Grunde immer nur mit dem siegreichen Ausgang des Krieges, wollte auch die Durchhaltestimmung im Volke nicht gefährden, fürchtete sich vor dem Wachwerden alter Parteigegensätze; kurz und gut, man finanzierte den Krieg mit Schulden.  Das Resultat war:  steigende Schulden des Reiches, steigende Inflation, sinkende Wechselkurse, steigende Löhne und Warenpreise, steigende Kosten der Kriegsführung, steigende Reichsverschuldung, neues Sinken der Wechselkurse, neues Steigen der Löhne und Warenpreise und so fort.  Eine Schraube ohne Ende, oder vielmehr eine Schraube mit einem sehr dicken Ende:  Reichsüberschuldung, Wohlstandsvernichtung breitester Kreise, goldene Zeit für alle Schieber, schwerste Not in breitesten Kreisen, Verschärfung der sozialen Gegensätze, schleichende Enteignung gerade der Kreise, die vor und im Kriege dem Staate Kredit gegeben hatten.  Eine beispiellose Umschichtung der Vermögen ist vor sich gegangen, und die staatliche Finanzpolitik hat ihr ebensowenig wie die Wuchergesetzgebung zu steuern vermocht.

Zur Verdeutlichung des Bildes seien einige Zahlen angegeben.  Die Reichsschuld betrug vor dem Kriege 5,4 Milliarden Mark; sie bezifferte sich September 1918 auf 133,4 Milliarden, September 1919 170,9 Milliarden, September 1920 283,7 Milliarden.  Die schwebende Schuld des Reiches betrug am 31.  Juli 1914 300 Millionen Mark Schatzanweisungen; sie stieg bis Dezember 1918 auf 55,1 Milliarden und endete am 30.  Juni 1921 mit 214,2 Milliarden.  Der Umlauf an Banknoten

gravitierte vor dem Kriege um 1,5 Milliarden, dazu kamen vergleichsweise geringe Beträge an umlaufenden Reichskassenscheinen.  Der Umlauf an Noten betrug nach dem Ausweis vom 11.  August 1921 77,6547 Milliarden; zu dieser ungeheueren Papierzettelschuld kommt noch ein Umlauf an Darlehenskassenscheinen von rund 8,22 Milliarden.  Daß zur selben Zeit der Wert des deutschen Geldes gegenüber dem ausländischen vollvaluten Geld ins Abgrundtiefe gestürzt ist, ist nicht verwunderlich.  Während vor dem Kriege 100 holländische Gulden rund 169 Mark kosteten, kosteten sie am 12.  August 1921 rund 2560 Mark[1].  Diese Zahlen genügen zur Illustration.  Sie erhalten erst ihr volles Relief, wenn man die Zwangsleistungen an die Entente noch hinzurechnet.

  [1] Seit Abschluß des Aufsatzes haben sich die Verhältnisse
      wesentlich ungünstiger entwickelt.  Der Guldenkurs steht
      im Dezember 1921 nahe an 7000, der Umlauf an Geldzeichen
      hat die hundertste Milliarde längst hinter sich
      gelassen!

Das ist die Sachlage, der sich der Fiskus gegenübersah.  Sie erforderte Finanzreformen allergrößten Stiles.  Wir befinden uns seit Kriegsende zwar fortwährend in den Reformen, aber deutlich heben sich zwei gewaltige Reformperioden heraus:  die grundlegende, heute abgeschlossene Reform von 1919 bis 1920, und die zweite Reformetappe, deren Vorbereitung und Anfänge eben sichtbar werden.  Was bedeutet die Reform von 1919/20?  Sie schafft einen fiskalischen Unitarismus, der in seinen politischen Folgen gemildert wird durch Artikel 8 der Reichsverfassung; dieser verpflichtet das Reich, auf die Lebensfähigkeit der Länder Rücksicht zu nehmen.  Sie schafft eine einheitliche Reichssteuerverwaltung, sie gibt einheitliche Richtlinien der Steuerveranlagung und -erhebung, deren Zweck es ist, die “Steuerinseln” zu beseitigen und dadurch dem Grundsatz der steuerlichen Gerechtigkeit zu dienen.  Sie gibt dem Reiche das Gesamtsystem der ertragreichen und anpassungsfähigen direkten Steuern.

Sie läßt den Ländern und Gemeinden einige Ertragssteuern und beteiligt sie im übrigen mit bestimmten Anteilen am Ertrag der Reichseinkommensteuer, der Reichserbschaftssteuer, der Umsatzsteuer, der Körperschaftssteuer und der Grunderwerbssteuer.  Entsprechend diesem Eingriff des Reiches in alte Steuerrechte von Ländern und Gemeinden entlastete es die Länder und Gemeinden durch Übernahme beträchtlicher Schuldverpflichtungen auf sich selbst.  Es gehört zu den wesentlichen Verdiensten dieser Reformperiode, daß das alte Bismarcksche Projekt der Reichseisenbahnen nun verwirklicht wurde.

Man mag zu den Einzelheiten dieser Reform stehen wie man will:  das ganze Reformwerk ist eine ungeheuere Leistung, deren volle Segnung erst erkennbar wird, wenn unsere Wirtschaftslage sich einigermaßen erleichtert.  Dr. Respondek stellt sie in seinem Buche “Die Reichsfinanzen auf Grund der Reform von 1920” sogar in Parallele zu der Stein-Hardenbergschen Reform.  Ob diese Parallele treffend ist, muß die Zukunft zeigen.

Versenken wir uns einen Augenblick in die Haushaltsrechnung des Jahres 1920!  Der “Ist-Etat” des Reiches zeigte beim Abschluß des Rechnungsjahres (31.  März 1921) folgendes Bild:  Die Reichseinnahmen aus Steuern, Abgaben, Gebühren, Zöllen bezifferten sich auf 27,7 Milliarden.  Die Ausgaben, betrugen netto 73,7 Milliarden.  Dazu treten an Schuldzinsen des Reiches 10,4 Milliarden, an Zuschüssen des Reiches in den Betriebsverwaltungen (Reichseisenbahn, Reichspost), 18,2 Milliarden.  Mithin Totalausgabe 102,6 Milliarden.  Die Differenz zwischen Ausgaben und Einnahmen, 74,9 Milliarden, mußte demnach auf neue Schulden genommen werden.  Die schwebende Schuld wuchs auf 184,127 Milliarden an.  Der Voranschlag für 1921 zeigt folgende Ziffern:  Einnahmen 46,9 Milliarden, einmalige Ausgaben 1,368 Milliarden, fortdauernde Ausgaben 45,579 Milliarden.  Dazu kam ein Nachtragsetat von 1,5 Milliarden.  Es balanciert also der ordentliche

Etat mit 48,459 Milliarden auf der Einnahme- und Ausgabeseite.  Daneben außerordentliche Ausgaben:  59,68 Milliarden; von diesen ungedeckt und auf schwebende Schulden zu nehmen:  49,18 Milliarden.  In dieser Summe von 59,68 Milliarden stecken nach Voranschlag rund 18,8 Milliarden Zuschüsse für Betriebsverwaltungen (Eisenbahn, Post).  In den erwähnten Summen des ordentlichen Etats sind noch keine Aufwendungen für Reparationen eingeschlossen; ihre Gesamtsumme wurde bei der Beratung in der Kommission des Reichstages mit 53 Papiermilliarden jährlich veranschlagt.  Ein schwankender Posten von hohem Belauf sind die Besatzungskosten; sie sind mit 8,5 Milliarden angesetzt.  Alles in allem ist der heute errechenbare Fehlbetrag 110 Milliarden Mark.  Der erschreckende Zug ist das Anwachsen der schwebenden Schuld.  Das Reich kontrahiert sie in Gestalt von Schatzanweisungen, die an die Reichsbank begeben werden; diese schießt dem Reiche dafür Noten vor.  Mit Noten bezahlt das Reich seine Verpflichtungen an Schuldzinsen, an Gehältern, Löhnen usw.; diese Noten kommen also als zusätzliche nominelle Kaufkraft in den Verkehr, nicht weil der Verkehr sie verlangt, sondern weil das Reich zahlen soll und ungenügende Einkünfte hat.  So senken sie den Geldwert, steigern die Preise und Löhne, drücken die Valuta und führen alle die Risiken, Gefahren und Hemmungen des Wirtschaftslebens mit herauf, die sich an solche Währungszustände anzuschließen pflegen.

Diese Sachverhalte lassen eines ganz deutlich werden:  die Notwendigkeit n e u e r R e f o r m e n.  Das erste und ursprüngliche Problem ist dieses:  Wie bringen wir laufende Einnahmen und laufende Ausgaben zur Deckung?  Die weitere Frage ist:  Wie bringen wir die Reparationssummen auf?  Und die dritte Frage lautet:  Wie stärken und stabilisieren wir unseren Geldwert?  Wenn man diese Probleme an den oben entwickelten Zahlen mißt, spürt man Neigung, zu glauben, es bandele sich um die Quadratur des Zirkels.  Breite

Strömungen im Volke, und was viel mehr besagen will, ernste sachverständige Kreise glauben nicht an die Möglichkeit, diesen furchtbaren Anforderungen gerecht zu werden.  Grundsätzlich ist zu sagen, daß alles v e r s u c h t werden muß, unseren Verpflichtungen nach außen und nach innen nachzukommen und die Reichsfinanzwirtschaft zu sanieren.  Die Gefährlichkeit der Aufgabe versteht an folgendem Beispiel auch der Laie.  Das Reich könnte hohe Milliardenausgaben sparen, wenn es die Lebensmittelzuschüsse beseitigte, wenn es die Zuschüsse zu den Betriebsverwaltungen aufhebt, wenn es höhere Kohlenpreise durch Erhöhung der Kohlensteuer veranlaßt.  Aber was ist die Wirkung?  In all diesen Fällen gewinnt das Reich auf der einen Seite als F i s k u s, was es als B e t r i e b s v e r w a l t u n g und als Lohn- und Gehaltszahler wiederum wenigstens zum großen Teile drauflegen muß.  Das ist der Punkt, an welchem sich zeigt, daß mit den üblichen Mitteln der Steuererhöhung schlechterdings nicht mehr durchzukommen ist.

Mit dieser Erkenntnis sind die Voraussetzungen der zweiten großen Reformetappe gegeben.  Ihre maßgebenden Gesichtspunkte sind, soweit sich das bisher beurteilen läßt, die folgenden:  Zunächst Entlastung des Reiches von bestimmten Aufwendungen des außerordentlichen Haushaltes; dahin rechnen die Zuschüsse zur Verbilligung der Lebensmittel (8,6 Milliarden), zu den Betriebsverwaltungen (18,8 Milliarden), für den Bau von Bergmannswohnungen (1,5 Milliarden), eventuell für Erwerbslosenunterstützung (1,3 Milliarden).  Weiterhin eine Reform der Einkommensteuer und die Veredelung des Notopfers in eine drei zu drei Jahren zu erhebende Vermögenszuwachssteuer; die Erhöhung einer Anzahl indirekter Abgaben und Zölle liegt auf der Linie alter steuerlicher Methoden.  Neu ist der Gedanke, die Unterschiede zwischen Auslands- und Inlandspreisen durch ein Erhöhung der Kohlensteuer zu erfassen; neu —­ wenigstens für die deutsche Finazgeschichte —­ der Gedanke, das Reich

durch eine Art Genußschein an den werbenden Sachwerten der Nation mit zu beteiligen.

Dieser Vorschlag einer direkten Wirtschaftsbeteiligung des Reiches hat vieles für sich.  Die papierene Blüte unserer Wirtschaft hängt eng mit der Finanznot des Reiches zusammen.  Die Erzeugung lädt in weitem Umfange auf die Preise ab, was sie an Lasten zu tragen hat.  Das Reich wird von diesen Preissteigerungen, deren wichtigste Ursache seine Schuldenwirtschaft ist, in größtem Stile mit betroffen.  Es half sich bisher durch neue Schuldaufnahmen und neue Steuern, aber immer liefen die Preise voraus, hinkte der Fiskus nach.  Die Schwäche des Fiskus und die relative Stärke der Wirtschaft stehen in gefährlicher Wechselbeziehung.  Ganz zutreffend kennzeichnet die “Frankfurter Zeitung’ (Nr. 604 vom 16.  August 1921) die Lage:  Mittelstand und Festbesoldete können durch keine nach der Leistungsfähigkeit abgestufte Steueraktion so schwer geschädigt werden wie durch eine unzureichende Reform.  Das gilt in hohem Maße auch für Handel und Industrie.  Unsere Wirtschaftskreise sollten heute, so paradox es klingt, vor zu hoher Steuerbelastung weniger besorgt sein als vor zu geringer.  Denn auf die Dauer wird die Notenpresse sie immer noch unbarmherziger ausquetschen als die Steuerschraube.  Das Reich ist eben heute kein außerhalb der Wirtschaft stehender “Zweckverband” mehr, an den geringe Summen abgeführt werden, damit er seine begrenzten Funktionen erfülle, sondern das Reich ist heute mit der Wirtschaft zu einem dichten einheitlichen Körper verwachsen.  Gibt man ihm nicht, was es braucht, so zerstören seine Notauswege langsam aber sicher das Leben der Nation.

So ist es verständlich, daß das Reichswirtschaftsministerium sich grundsätzlich zum Steuerprogramm und zu den Reparationslasten äußerte.  Nach den Angaben in der oben zitierten Nummer der “Frankfurter Zeitung” betont eine neue Denkschrift des Reichswirtschaftsministeriums vor allem die Notwendigkeit eines Gesamtprogramms, das die Reparationsleistungen

und ihre Aufbringung durch Ausfuhrüberschüsse und Devisenkäufe mit dem Ziel der Kräftigung der Wirtschaft durch höchste Rationalisierung, mit der inneren Finanzierung der Reparationslasten und mit den notwendigen sozialpolitischen Übergangsmaßnahmen in organische Verbindung bringt.  Das wirtschaftspolitische Ziel sei die Aktivierung der Handelsbilanz, die Beschränkung der Einfuhr an allem Entbehrlichen, die Hereinholung der vollen Gegenwerte der Ausfuhr durch Einstellung der wirklichen volkswirtschaftlichen Selbstkosten, die Beseitigung der Reichszuschüsse, der Abbau der Zwangswirtschaft, die Tiefhaltung der Preise auf dem Kohlen- und Wohnungsmarkt.  Damit würden die mühelosen Zwischengewinne verschwinden, die deutsche Wirtschaft würde auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig; höchste Wirtschaftsleistungen, höchste Erzeugung und höchstwertige Ausfuhr würden gesichert.  Die Umsatzsteuer, die Erhöhung der Zölle und eine Aufwandssteuer würden den entbehrlichen Verbrauch beschränken; die Zwischengewinne, die bei der Anpassung an den Weltmarktpreis abfallen, könnten für die Zwecke der Reparation erfaßt werden.  Die Übergangszeit erfordere sozialpolitische Maßnahmen:  Planmäßige produktive Verwendung der erwerbslosen und freiwerdenden Arbeitskräfte für den Ausbau der Verkehrsmittel, der Wasserkräfte und für die Erfordernisse des Baumarktes.

Die Denkschrift untersucht im weiteren die Frage, ob das Reich, nötigenfalls zum Zwecke der Verpfändung an das Ausland, die Substanz der Sachwerte erfassen soll.  Der Ausbau des Notopfers könnte den Fehlbetrag im Etat nicht decken.  Die Erfassung der Substanzwerte in der Wirtschaft erscheine deswegen zweckmäßig, weil sie tragkräftig, weniger fluchtfähig und derart erfaßbar seien, daß das Betriebskapital nicht gefährdet werde.  Notwendig sei die dinghafte Sicherung des Ertragsanteils und seine Kapitalisierung.  Den Verfassern der Denkschrift schwebt eine Beteiligung des Reiches mit 20% der Substanzwerte der Wirtschaft vor, unter dinglicher

Sicherung.  Damit werde die Deckung der Fehlbeträge im Etat für de ersten Jahre erleichtert und eine Grundlage für Auslandskredite erzielt.  So lange sollten die deutschen Sachwerte bei organisierter Beleihung den Fehlbetrag in der Goldbilanz des deutschen Außenhandels decken, bis die deutsche Wirtschaft sie planmäßig durch erhöhte Sachleistungen auf dem Weltmarkte abdecken könne.  Den Gesamtbetrag, den das Reich durch die übernommenen Sachwerte für seine Zwecke verfügbar machen könne, berechnet die Denkschrift auf 382 Papiermilliarden.  Der Erfolg dieser Aktion wäre eine Minderung der Inflation infolge der Ablösung der Grundschulden mit allen daran anschließenden günstigen Weiterwirkungen auf die Wechselkurse, die Preise und die Löhne; auch würde die Nachfrage des Reiches auf dem Devisenmarkte (für Reparationszahlungen) gemindert werden durch die Möglichkeit, auf der Basis der dem Reiche verpfändeten Vermögenssubstanz Auslandskredite zu erlangen.

Ohne uns auf eine Kritik dieser Vorschläge im einzelnen einzulassen, sei nur so viel bemerkt:  Wenn diese Ideen sich durchsetzen, dann ist eine Bahn beschritten, an deren Ende möglicherweise die “Staatswirtschaft” steht.  Oder um das vielgebrauchte, wenig eindeutige Wort zu nennen:  die Sozalisierung.  “Beim ersten sind wir frei, beim zweiten sind wir Knechte”, das muß all denen gesagt werden, die den vorgeschlagenen Weg der Reichswirtschaftsbeteiligung bejahen, aber nicht seine Folgen in den Kauf nehmen wollen.  Die Dinge haben ihre eigene Logik, und hat man sie einmal zum Ausspielen ihrer Logik gebracht, dann haben sie Durchschlagskraft und Beharrung genügend gewonnen, ihren Weg selbst weiter zu suchen.  Die Anhänger der liberalen Wirtschaftsidee der wirtschaftlichen Freiheit der Privatinteressen, die diese Entwicklung der Dinge mit höchstem Mißtrauen betrachten, übersehen allzuleicht, daß auch in der f r e i e n Entwicklung der Wirtschaft Tendenzen sich herausgebildet haben, die auf “Wirtschaftsherrschaft” hinauslaufen und

teilweise schon eine echte, von privaten Wirtschaftsgewalten ausgeübte Wirtschaftsherrschaft darstellen.  Rathenau sprach ganz zutreffend von der Herausbildung “wirtschaftlicher Herzogtümer”, deren Leiter die maßgebenden Köpfe der Industrie, der hohen Bankwelt und des Handels sind.  Die B i n d u n g der alten “elementaren” und liberalen Wirtschaftswelt ist aus sozialen und weltwirtschaftspolitischen Gründen im Anzug.  Der Prozeß verstärkt sich mit seinem eigenen Wachstum.  Es fragt sich bloß, ob der Staat sich in tatenlosem Zusehen vor Tatsachen stellen lassen will, oder ob er eine Politik einschlägt, deren grundsätzliches Motiv de Wahrung von Allgemeininteressen ist.  Bis jetzt steht die Sache so, daß die Wirtschaft in der organisierten und ins riesenhafte zusammengeballten Form den inneren G e i s t d e r f r e i e n K o n k u r r e n z w i r t s c h a f t, nämlich die Abstellung auf private Interessen, beibehalten hat.  Das Interesse des Staates und des Volkes in seiner Allgemeinheit ist meines Wissens noch von keinem der gewaltigen Wirtschaftskonzerne öffentlich und grundsätzlich als Richtschnur des Handelns anerkannt worden.  Wir haben den Glauben verloren, daß das freie Schaltenlassen von Privatinteressen durch irgendeinen mystischen Zusammenhang “von selbst” zum Besten der Allgemeinheit und des Staates tendiere.  Wir sehen die Gefahren für das politische und soziale Gemeinwesen zu deutlich, als daß wir diese Dinge getrost sich selbst überlassen könnten. —­

Aber was sollen wir tun, um die Dinge nicht sich selbst zu überlassen, um sie herauszubringen aus dem Getriebe reiner Privatinteressen?  Da erhebt sich die Stimme, die wir seit drei Jahren so ausgiebig gehört haben:  man sozialisiere, man tue es bald und gründlich!

Wer genau zuhört, wird merken, daß dieser Ruf die innere Sicherheit und Überzeugungswärme stark verloren hat, die ihn noch vor zwei-drei Jahren auszeichnete.  Das hat seine guten Gründe.  Was St. Simon seinerzeit von England sagte,

dieses Land mache zum Nutzen aller Völker einen gewaltigen Versuch —­ nämlich den Versuch der freien industriellen Verkehrswirtschaft —­, das können wir heute von Rußland sagen:  Dieses Land hat zur Lehre für alle Völker ein gewaltiges Experiment angestellt, hat versucht, der marxistisch-soziaistischen Idee so, wie seine Wortführer sie verstanden, den Leib der Wirklichkeit zu gehen.  Der Versuch hat eine alte Wirtschafts- und Gesellschaftsverfassung in tausend Scherben geschlagen, hat eine neue aufgebaut, aber, wie sich mehr und mehr herausstellt, keine Verfassung idealer Erfüllung, sondern der Gewalt, des Schreckens, der Wirtschafts- und Kulturvernichtung, der Not und des Hungers.  Vieles am Mißerfolg ist auf spezifisch r u s s i s c h e Rechnung zu setzen:  auf die mangelnde Industrialisierung des Landes, auf die schlechte Organisation der Verwaltung, auf die Unbildung des Volkes, auf die Weite der Landräume, auf die übereilte Gewaltsamkeit des Prozesses, auf die Mißachtung geistiger und sittlicher Vorbedingungen, auf die Direktion der Handlungen durch den toten Buchstaben des orthodoxen Marxismus unter Vergewaltigung aller Wirklichkeit.  Vieles geht auf den verlorenen Krieg und auf die Absperrung des weiten Reiches vom Auslande zurück.  Wenn wir das alles in gebührende Rechnung stellen, bleibt ein unbeglichener Rest:  und er argumentiert g e g e n die Idee der Sozialisierung —­ das Wort im strengen Sinne einer Überführung aller Produktionsmittel in öffentliche Hand unter Zentralisierung der Wirtschaftsverfügung und Zuteilung der Wirtschaftserträge verstanden.  Sein Argument lautet:  Die Aufgabe ist zu groß, um bureaukratisch und zentralistisch gelöst zu werden; das Wirtschaftsleben ist zu vielgestaltig, um auf den Leisten von Verordnungen gespannt zu werden; es gibt zu viel natürliche Unberechenbarkeiten in den Grundbedingungen aller Wirtschaft, die sich den Paragraphen und noch mehr der Gewalt entziehen; und nicht zuletzt:  der primäre Wirtschaftsfaktor Mensch ist zu sehr —­ Mensch, um jenes äußerste an

Pflichtgefühl, Verantwortung und Arbeit, das eine ertragreiche Wirtschaft verlangt, aufzubringen, w e n n er nicht den Erfolg f ü r s i c h s e l b s t unmittelbar sieht.  Das eigene Interesse ist der stärkste Hebel aller wirtschaftlichen Energien —­ dieser Satz wurde vor 150 Jahren von Adam Smith ausgesprochen; er wird so lange gelten, wie Menschen Menschen sind.  Nur die besondere Fassung, die Smith ihm gab, ist zu eng:  dieses Eigeninteresse ist nicht notwendig das unmittelbare Eigeninteresse jedes einzelnen.  Es kann auch weitergreifen, es kann Stände, Körperschaften, Selbstverwaltungsorganisationen erfassen.  Es reicht so weit, wie gewertete und erlebte Gemeinschaft reicht.  Es hört immer da auf, wo das Fremde anfängt, dasjenige, was der einzelne nicht als unmittelbar —­ sei es beruflich, sei es standesmäßig, sei es familienmäßig oder freund-nachbarlich —­ zu sich gehörig empfindet.  Aber schon in diesem Bereich finden sich leicht Abschwächungen der Verantwortungsfredigkeit und des Pflichtgefühls.  Man wendet ein, der Z w a n g könne die Gemeinschaftsgesinnung ersetzen und ihre wirtschaftlichen Auswirkungen erzielen.  Das ist ein Irrtum.  Zwang und Gewalt sind keine Bindungen von innen, sondern Grenzen von außen.  Ihre Reichweite ist beschränkt; wir sehen es am russischen Beispiel, wir erlebten es am eigenen Leibe in der Kriegswirtschaft.  Eine Grenze von außen bedeutet immcr gleichzeitig eine Prämie auf Grenzüberschreitung, und deren Möglichkeit ist immer gegeben.  Sie unterhöhlt das ganze Gefüge, während die klappernde Mühle von Verordnungen und Strafbestimmungen leeres Stroh drischt.  Der radikale Vcrsuch, mit G e w a l t die sozialistische Gesellscafts- und Wirtshaftsidee durchzusetzen, führt notwendig zur Lähmung der Wirtschaft durch Abdrosselung der Wirtschaftsenergien und zur Erstickung aller Initiative durch Bureaukratie.  Pflichtgefühl und Verantwortung für das Ganze hängen nicht an der Koppel du Polizeidieners.

Mit dieser Ablehnung der allgemeinen und zentralistischen

Sozialisierung ist das Sozialisierungsproblem jedoch nicht erschöpft.  Wir sahen bis jetzt nur seine Grenzen.  Nur auf dem Boden einer Gemeinschaftsgesinnung ist Gemeinschaftswirtschaft möglich.  Diese Gemeinschaftsgesinnung aber kommt nicht von oben, durch Verordnung, sondern nur von unten, aus sittlichen Grundvorstellungen bei Gemeinsamkeit des Lebens und Erlebens.  Wir sahen das andere:  Sachliche Vorbedingungen sind unerläßlich; sie liegen aber von Gewerbe zu Gewerbe verschieden und sind selbst innerhalb der einzelnen Gewerbe mannigfach gelagert.  Diese Verschiedenheit der sachlichen Vorbedingungen macht die Forderung der allgemeinen Sozialisierung zu einer unmöglichen, das heißt nach aller vernünftigen Erwägung fehlschlagenden Lösung.  Sie nötigt uns, über die Herrschaft der Phrase und der wohlmeinenden, aber unverständigen Köpfe hinauszukommen, den vernünftigen Kern der Sozialisierungsidee zu retten vor ihren eigenen schlecht beratenen Freunden.  Die ganze Sozialisierungsaktion löst sich auf in eine Fülle von schwierigen Einzelproblemen.  Die erste und zweite Sozialisierungskommission hat dieses Ergebnis gezeitigt und die Schwierigkeit der ganzen Frage ins hellste Licht gerückt.  Sozialisierung ist aus einer marxistischen Verheißung und einem sozialistischen Dogma eine Organisationsfrage der Wirtschaft geworden.

Heute ist man sich allenthalben darüber klar, daß unsere äußeren und inneren Daseinsbedingungen jene Formen und jene Verfassung der Wirtschaft fordern, die technisch und wirtschaftlich die leistungsfähigsten sind.

Damit taucht das Problem der wirtschaftlichen F o r m b i l d u n g auf.  Es ist unbegreiflich, daß man drei kostbare Jahre hat verstreichen lassen, ohne durch organisatorische Versuche brauchbare Formen der Betriebsverfassung herauszufinden.  Es macht einen kümmerlichen Eindruck, zu sehen, wie festgerannt man auf diese oder jene Form der Arbeits-und Betriebsverfassung ist.  Man übersieht dabei, daß reiche

Bauformen nötig und zweckmäßig sind.  Eine Wirtschaftsverfassung ist kein Militärrock, der auf jeden passen muß.  Die Formen der kapitalistischen Unternehmung sind sehr vielgestaltig, aber alle auf ihre Art zweckmäßig.  Warum will man nicht Grundtypen gemeinwirtschaftlicher Unternehmungsform herauswachsen lassen?  Wer nicht die bornierte Auffassung hat, es könne nur diese oder jene (natürlich gerade von ihm vertretene!) Form in Betracht kommen, wird zugeben, daß eine Vielgestalt der Verfassungen denkbar ist, die den gemeinwirtschaftlichen Ansprüchen gerecht wird ohne jene Energien zu ersticken, die auf dem Boden der Selbstverantwortung gedeihen.

Das wird zumal derjenige zugeben, der in die inneren psychologischen Antriebe des Sozialisierungsverlangens geschaut hat.  Woher stammt unsere Arbeiterbewegung, woher stammen ihre Wirtschaftsideale und Gesellschaftsanschauungen?  Unzweifelhaft aus der Abwehr gegen die Arbeitsverfassung, die Arbeitsmethoden, die Ertragsverteilung und die gesellschaftliche Stellung der Handarbeit in unserer modernen Wirtschaft.  Wer das nicht im Auge behält, sieht das ganze Problem der Sozialisierung und des Sozialismus falsch.  Skizzieren wie die Punkte, die die Arbeiterschaft veranlassen, die moderne Wirtschafts- und Gesellschaftsverfassung mit so ungeheurem Nachdruck abzulehnen.  Die Arbeit ist im kapitalistischen Betrieb fremdbestimmte Arbeit an fremden Arbeitsmitteln, für fremden Ertrag, unter fremdem Kommando, gegen einen Lohn, der die Besitzlosigkeit des Arbeiters und damit seine erzwungene Einordnung in das kapitalistische Arbeitsverhältnis dauernd und erblich macht.  Sie ist mechanisierte Teilarbeit, die keine Persönlichkeitswerte braucht und verträgt.  Sie ist weiterhin Arbeit von Massen, und zwar von Betriebsmassen, wie auch Großstadtmassen.  Die Arbeiterschaft als Ganzes stand gesellschaftlich und staatsbürgerlich nicht in der Geltung und Achtung, die sie nach ihrer Bedeutung für Wirtschaft, Staat

und Gesellschaft beanspruchen zu können glaubte.  Zu diesen objektiv feststellbaren Quellen der Abneigung gegen die moderne Wirtschaftsverfassung kommen als weitere die spezifisch proletarischen, vom Marxismus formulierten und genährten Klassen- und Wertgefühle der Arbeiterschaft.  Aus diesem Gesamtkomplex der Empfindungen und Anschauungen floß die Sozialisierungsidee, der Zukunftsstaatgedanke, die bewußte und gewollte Gettohaftigkeit des Proletariats in weltanschaulichen und sozialen Hinsichten.  Der Grundgehalt des Widerstandes gegen den Kapitalismus war die Revolte des lebendigen Menschen dagegen, bloßes Mittel zu sein für privatwirtschaftliche Zwecke und für ein höchstes Produktionsideal.

Wer das bedenkt, sieht de notwendig zweiseitige Lösung des Sozialisierungsproblems.  Die eine Lösung ist die wirkliche und wahrhaftige Überführung dazu geeigneter Betriebe in de öffentliche Hand oder in gemischtwirtschaftliche Betriebsform oder in Selbstverwaltungskörperschaften —­ alle drei unter Anteilnahme und Mitbestimmung der Arbeiter; beziehungsweise die Beteiligung der Arbeiter an den Erträgen der Unternehmung in der einen oder anderen Form —­ Kleinaktie, Gewinnbeteiligung, auch arbeitergenossenschaftliche Führung und Übernahme von Betrieben.  Die andere Lösung des Sozialisierungsproblems ist unvermeidlich die:  es muß die Stellung des Arbeiters im Wirtschaftsprozeß selbst geändert werden.  Er muß Mitbestimmungsrecht in gewissem Rahmen haben; er muß mit dem Betriebe enger verwachsen, als es bisher der Fall war; er muß gegen die Konjunkturgefahren, gegen Betriebsunfälle, gegen Alter und Invalidität, gegen Ausbeutung geschützt werden.  Die soziale und rechtliche Geltung der Arbeiterschaft muß auf ihr richtiges Maß gebracht werden.  All das, damit er selbst lebendige Verantwortung für den Betrieb und Pflichtgefühl der Arbeit gegenüber aufbringen könne!  Das ist nicht nur eine sozialpolitische Notwendigkeit, es ist vor allem ein wirtschaftspolitisches

Erfordernis.  Nur so wecken wir Verantwortung und Pflichtgefühl, nur so durchdringen wir die Wirtschaft bis in de kleinsten Zellen mit diesen Eigenschaften.

Ein gewichtiger Teil der Gesetzgebung hat sich seit der Revolution mit Reformen in dieser Richtung befaßt.  Zunächst die Reichsverfassung selbst.  Sie stellt die Arbeitskraft unter den besonderen Schutz des Reiches.  Sie gewährleistet das freie Vereinigungsrecht für jedermann, für alle Berufe.  Sie verspricht ein einheitliches Arbeitsrecht und einen entschlossenen Ausbau der Sozialpolitik.  Sie nähert sich dem Gedanken des Rechtes auf Arbeit durch die Bestimmung, daß es jedem Deutschen ermöglicht werden solle, durch wirtschaftliche Arbeit seinen Unterhalt zu erwerben, und sichert für die Notfälle der Arbeitslosigkeit den Unterhalt zu.  Sie bringt allerdings auch zum Ausdruck, daß jeder Deutsche die sittliche Pflicht habe, seine geistigen und körperlichen Kräfte für das Wohl der Gesamtheit einzusetzen.  Konkreter werden die Bestimmungen der Verfassung hinsichtlich der Anerkennung der Gleichberechtigung von Arbeitern und Angestellten bei der Regelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen.  Ein Aufbau von Betriebsräten und Bezirksräten, sowie einige auf Gemeinwirtschaft zielende Bestimmungen sind verfassungsrechtlich festgelegt.

Diese verfassungsrechtlichen Ankündigungen haben teilweise bereits ihre Verwirklichung erlebt.  Wir erwähnen in diesem Zusammenhange das neue Recht der Tarifverträge und der Schiedsgerichte, und vor allem das Betriebsrätegesetz.

Noch ehe die Reichsverfassung die Gedanken der Gemeinwirtschaft und die Richtlinien der sozialen Befriedung festlegte, hatten die Verbände der Arbeitgeber und Arbeitnehmer sich zusammengefunden, um auf einer neuen Grundlage die kommenden Schwierigkeiten der Nachkriegszeit durch gemeinsame Vereinbarungen zu bewältigen.  Schon im November 1918 erschien die sogenannte “Vereinbarung”; in ihr anerkennen die Vertreter der Arbeitgeberverbände die

Gewerkschaften als berufene Vertretung der Arbeiterschaft, in ihr wird jede Beschränkung der Koalitionsfreiheit untersagt, und der Arbeitsfriede in Gestalt allgemeiner tarifvertraglicher Regelung, der Arbeitsausschüsse, der Schlichtungs-und Einigungsämter grundgelegt.  Auf diese Vereinbarung erfolgte im Dezember 1918 die Errichtung der sogenannten Arbeitsgemeinschaften.  Man hat diese Vereinbarung nicht mit Unrecht die Magna Charta der Arbeiterschaft im neuen Deutschland genannt.  Sie verwirklicht gewerkschaftliche Forderungen, um die jahrzehntelang umsonst gekämpft worden ist.  Sie führt Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände zusammen zu paritätischer Entscheidung all der Fragen, die das Arbeitsverhältnis betreffen.  Wenn auch heute schon feststellbar ist, das[sic] längst nicht alle Blütenträume gereift sind, die an die Vereinbarung, die Arbeitsgemeinschaften und das Betriebsrätegesetz anschlossen, so ist doch der eingeschlagene Weg g r u n d s ä t z l i c h r i c h t i g und wird sicher nicht mehr aufgegeben werden für das zweifelhafte Linsenmus wilder Kampfauseinandersetzungen —­, deren Last und Folgen würden auf beide Teile vernichtend zurückfallen.  So können wir hoffen, nach Zeiten stärkster sozialer Konflikte und Spannungen allmählich alte Gegensätze abzubauen, den Weg zum sozialen Frieden zu finden.  Was der Glanz der deutschen Macht, der Stolz auf das nach außen einige Vaterland und der Schimmer blendenden Reichtums nicht vermochten, das wird, so hoffen wir, als ein Werk der deutschen N o t zustande kommen:  die Einigung Deutschlands nicht nur nach Verfassungsparagraphen, sondern aus der Einheitsgesinnung und aus dem Einheitswillen des ganzen Volkes heraus!

Wir brauchen brauchen diesen unbeirrbaren Einheitswillen, um als Volk und als Staat durch die trostlose Nacht des nationalen Unglücks hindurchzukommen.  Wir sind nicht mehr Herren im Lande, weder staatsrechtlich —­ das einzige Souveränitätsrecht, das der Friedensvertrag uns gelassen hat, ist nach den

Worten van Calcers das Recht, Krieg zu erklären; ein platonisches Recht für ein Volk, das man entwaffnet hat, und das nach allen Richtungen unter Kontrolle steht —­ noch wirtschaftlich.  Durch ungeheuere Verpflichtungen sind wir zum Lohnarbeitervolk geworden; die Last der Reparationen, die Ausgeschöpftheit unseres Wohlstandes nötigen uns, die Betriebsmittel unserer Lohnarbeit sogar noch vom valutastarken Ausland uns erstellen zu lassen.  Wir brauchen Aufbau-und Betriebskapitalien, unsere Kapitalbildungskraft ist minimal, und so droht uns die Gefahr, daß unsere Industriewerte vom ausländischen Kapital “überfremdet” werden.  Milliardenbeträge an Mark, aufgenommen vom Ausland, strömen zurück; Milliardenbeträge an Schatzanweisungen, Obligationen und Industriewesen müssen ins Ausland verzinst werden.  Der Dollar, das Pfund Sterling, der Gulden und der Frank bemächtigen sich unserer Industriewerte, unserer Häuser, unseres Grundbesitzes, unserer Vorräte.  Das ist ebenso schmerzlich wie unabwendbar; wir brauchen das fremde Kapital.  Es kommt darauf an, es nicht der Menge nach, sondern seinem Macht- und Verwaltungsanspruch nach zu begrenzen oder, wie Professor Schumacher das neuerdings ausdrückte, es zu “entgiften”, den Strom dieser Kapitalien zu regulieren.  Gewiß wäre es wünschenswert, wenn diese ausländischen Kapitalien die wenigst bedenkliche Anlage in Deutschland wählen würden, wenn sie dem G r u n d b e s i t z zuflössen.  Aber das ist wenig wahrscheinlich.  Die Anlage, die sie suchen, und in der die meisten Gewinne locken sind eben die Industriewerte; und unsere Regulierung dieser Kapitalzuwanderung ist damit beschränkt auf das Aushilfsmittel der Vorzugsaktie.  Im übrigen stehen wir dem Prozeß so lange mit gebundenen Händen gegenüber, als die Reparationslast und die Steuern unsere Sparkraft lähmen.

Aufkauf unserer Werte durch das valutastarke Ausland
—­ Abschöpfung unserer Arbeitserträge durch Steuern zu
Zwecken der Reparation:  das heißt wirklich das Licht an

zwei Enden anzünden!  Die Unhaltbarkeit dieser Sachlage anerkennen selbst führende Wirtschaftspolitiker aus dem Ententelager.  Unter ihnen erwähnen wir Van der Lip und Keynes.  Der Engländer Keynes, der in seinem bedeutungsvollen Buche über den Versailler Vertrag ein großes Maß an ruhiger Vernunft bewies, äußert sich in neuerlichen Aufsätzen in der “Industrie- und Handelszeitung” über die Fähigkeit Deutschlands, die ihm aufgelegten Lasten zu tragen.  Er kommt zu einem negativen Ergebnis.  Er sieht im Londoner Diktat eine provisorische Abmachung, die schon im nächsten Jahre ihre Unzulänglichkeit zeigen werde.  “An einem bestimmten Zeitpunkt, der zwischen Februar und August 1922 liegt, muß Deutschland der unvermeidlichen Zahlungsunfähigkeit erliegen.  Nur bis dahin reicht die Schonzeit, die gewährt wird.”  Diese Ansicht stützt Keynes auf eine Untersuchung der Handelsbilanz, des deutschen Staatshaushalts und des deutschen Volkseinkommens.

Diese Darlegungen, deren sachliche Richtigkeit nicht bestritten werden kann, die höchstens die eine Frage offen lassen, ob der von Keynes genannte Termin gerade der richtige ist, zeigen uns, in welch gefährlichem Fahrwasser das lecke Schiff der deutschen Wirtschaft schwimmt.  Das Echo, das sie in England und Frankreich vielfach gefunden haben, beweist, wie machtvoll heute die Idee der Gewaltpolitik unter Abweisung aller Vernunftserwägungen und aller sittlichen Begriffe in den Köpfen der Sieger herrscht.  Man sieht nur Goldmilliarden, die mit dem Rechte Shylocks erpreßt werden müssen; aber man sieht nicht die Abgründe, die vor ihnen liegen.  Die geistige und sittliche Einheit Europas ist vor dem nationalen Machtrausch und vor der Habgier der heute, zumal in Frankreich, führenden Schichten ein Schrei in die Wüste.  Gerechtigkeit in der Behandlung großer, wehrloser Völker ein leerer Paradespruch für Bankette, das Drapeau, mit dem Gewalttat und Eroberungsgier zugedeckt werden.  Der Geist Richelieus ist wieder lebendig geworden, am

Rhein und im Osten; nur ruft er heute keine Türken herbei, sondern Schwarze und Braune aus allen Himmelsstrichen und mobilisiert die slawische Welt gegen uns.  Wir sind heute das ungedeckte Glacis des elementar gegen Europa vordringenden Slawentums.  Dürfen wir hoffen, daß die unwiderlegliche Logik der Geschichte selbst die Einsichtslosigkeit beheben, den verbrecherischen Übermut dämpfen wird?  Müssen die Trostlosigkeiten dauernder politischer Unruhen und chronischer wirtschaftlicher Verarmung erst die ganze Welt schütteln und erschüttern, ehe der Satz begriffen wird, daß kein Volk auf die Dauer davon leben kann, daß es das andere unter die Füße tritt und ausraubt!  Wahrlich, wir haben unser gutes Gewissen wiederbekommen an all den Furchtbarkeiten und Greueln, die man uns seit dem Waffenstillstand zugefügt hat.  Mit diesem guten Gewissen haben wir die neue Pflicht für das gequälte und leidende Europa übernommen, der Gerechtigkeit und der Ansicht breite Tore in uns und allen zu öffnen, die in Europa und in der Welt noch guten Willens sind.  Das sei im Dunkel der gegenwärtigen Stunde unser Trost, daß wir nie zu so großer Mission geläutert und berufen waren, wie wir heute sind!

..................

This etext was prepared by Martin C. Doege <mdoege@compuserve.com>