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Die Zeitmaschine

Wenn der Urenkel von H.G. Wells und einer der angesagtesten Drehbuchautoren sich an das Werk machen, eine Remake des Klassikers "Die Zeitmaschine" zu drehen, dann darf man gespannt sein, zumal es eine Geschichte mit großen Anforderungen an Spezial-Effekte und Tricktechnik ist.
Bei einem Remake ist man immer geneigt, es mit dem Original, das ja wiederum nur eine interpretierende Verfilmung ist, zu vergleichen.
Aber "Die Zeitmaschine" des Jahres 2002 hat durchaus eine eigenständige Geschichte zu bieten. So hat der Zeitreisende Profil bekommen. Es ist der Wissenschaftler Alexander Hartdegen, der sich in seiner Zeit nicht sonderlich wohl fühlt, zu viele alte und gleiche Hüte. Er selbst ist das Klischee eines zerstreuten Professors und er ist kurz davor sich zu verloben. Man sieht gleich den Konflikt, die Begeisterung für Maschinen und die Liebe streiten miteinander. Als seine Freundin bei einem Überfall erschossen wird, stürzt er sich auf sein Zeitreise-Projekt. Er will in die Zeit zurückreisen, und tatsächlich kann er den Lauf der Zeit verändern, doch seine Verlobte wird von einem Automobil überfahren. (Siehe Konflikt Mensch -Technik). Er scheint die Zeit nicht ändern zu können, und sucht darauf eine schlüssige Antwort in der Zukunft.
Er unternimmt einen Sprung ins Jahr 2063. Hektisch geht es da zu; man hat den Mond kolonisiert. Im Museum für Technik, sucht er Informationen über das Wesen der Zeit. Doch er wird nur auf seine eigene Arbeit und auf Science Fiction verwiesen.
Er springt ein bisschen weiter in die Zukunft, und kommt pünktlich zum Untergang von New York, denn der Mond ist in Folge von atomaren Sprengungen zerbrochen und große Trümmer fallen auf die Erde: das ist das Ende der technisch-wissenschaftlichen Zivilisation, so scheint es. Hartdegen kann sich gerade noch in die Maschine retten. Aber er verletzt sich, die Datumsanzeige der Zielzeit verstellt sich und er landet in ferner, ferner Zukunft. Als Zuschauer nimmt man die ganzen natürlichen und geologischen Veränderungen der Region wahr, Eiszeiten, Vegetationswechsel. Hebungen und Senkungen des Meeresspiegels. Sehr eindrucksvoll, aber auch etwas willkürlich in der Anordnung.
Es ist eine tropische, paradiesisch anmutende Welt, bewohnt von einfältigen, aber glücklichen Menschen, die ihre Wohnungen wie Nester in Felsenschluchten bauen. Sie leben auf einer archaischen Kulturstufe. Wie gut, dass Hartdegen sich mit ihnen verständigen kann, denn oh Wunder, die "Sprache der Steine", festgehalten auf Inschriften aus der Zeit Hartdegens, wird bis ins Jahr 800. Jahrtausend weitergegeben.
Der Leser hat es gemerkt, wahrscheinlich und wissenschaftlich plausibel geht es in dem Film nicht zu. Das wird im Lauf der Handlung noch stärker. Denn das bibliothekarische Auskunftssystem, mit dem Hartdegen sich schon 2063 hat auseinandersetzen müssen, existiert in einer Höhle, obzwar leicht beschädigt, immer noch. Mara, die junge nette Frau, die aus freien Stücken Hartdegens Führerin geworden ist, macht ihn nur widerwillig mit der Nachtseite dieser Welt bekannt. Eine nicht näher bestimmte Bedrohung aller Eloi, die sich bald darauf als die Morloks, die zweite menschliche Spezies auf dem Planeten, heraustellt. Die Morloks sehen schrecklich vertiert aus, sie laufen oft auf allen vieren und haben übermenschliche Kräfte. Sie verschießen mit Blasrohren Pfeile, bestrichen mit einer zähen schwarzen Paste, wobei nie klar wird, wozu diese dient, der Lähmung der Betäubung oder gar der Tötung? Sehr effekthascherisch tauchen sie einfach aus den sandigen Boden auf, und verschwinden wieder in Treibsandtrichtern. Diesmal nehmen sie auch Mara mit. Aus dem Forscher wird ein Kämpfer, der Film hat hier seinen Bruch, Action ist angesagt, die malerischen, gefühligen Elemente treten zurück, Hartdegen steigt in die Unterwelt ab, ins Reich der Maschinen und der Morloks. Er findet bald heraus, was mit den Menschen geschieht: sie dienen den Morloks als Nahrung. Als er Mara findet, stellt sich heraus, dass er vom blassen telepathisch begabten Obermorlok (Jeremy Irons) schon erwartet wird. Der will ihm eigentlich nichts böses, sie führen sogar eine philosophische Diskussion, in der Hartdegen auch ein paar unangenehme Dinge hört. Er erhält die Möglichkeit zu verlassen, doch Hartdegen beschließt für die Eloi zu kämpfen, mit seiner Zeitmaschine, die ein ganz neues Einsatzfeld bekommt.

Das Ende, wen wunderts, es geht gut aus. Hartdegens Konflikt wird auch gelöst. Der Zuschauer wird leidlich unterhalten und zufriedengestellt, auch wenn er sich eigentlich mit niemanden so richtig identifizieren kann. Auch stoßen einem die Unwahrscheinlichkeiten ziemlich auf.
Der Film hat jedoch eine Geschichte zu bieten und das ist mehr als das Original. Und implizit trifft der Film sogar eine Aussage. Er verlässt sich nicht mehr auf das Faszinations-Potential des Stoffes allein, wie noch der Film von 1960, ein wissenschaftlicher Abenteuerfilm reinsten Wassers. Es stört nicht, dass Hartdegen ein persönliches Motiv bekommt, es ist eine Bereicherung, wiewohl damit auch den Konventionen und der Kommerzialität Rechnung getragen wird. Dass Amerika die Story sozusagen vereinnahmt hat, verwundert auch nicht weiter. Aber die Schwächen sind mit der Geschichte und der Zeit auch gewachsen. Die Science Fiction Elemente sind für einen Science Fiction Freund wenig befriedigend eingesetzt. Das Drehbuch vernachlässigt die SF-Grundlagen der Geschichte und untergräbt so ihre Glaubwürdigkeit. Die Umsetzung des Drehbuchs wirkt nicht überzeugend. Die Schauspieler bleiben blass. Jeremy Irons hat einen eindrucksvollen Auftritt in einer ziemlich schrillen Maske. Einen Obermorlok einzuführen, das hat den Film durchaus bereichert, es führte auch zurück zu H.G. Wells und seiner Faszination für die Evolution, seiner unideologischen Betrachtung der Natur des Menschen und ihr Entwicklung in der Zukunft.
Will man geistreich und spitzfindig sein, so kann man auch behaupten, dass der Konflikt der Geschichte auf der filmischen Ebene auch seine Entsprechung hat, zwischen Wissenschaft und menschlicher Entwicklung, wobei die Beziehungsgeschichte gesiegt hat, allerdings zum Nachteil der Geschichte. Und die Technik, die in der Geschichte auf den zweiten Rang verwiesen wird, hat den Film erst möglich gemacht, "siegt" letztendlich doch durch die Effekte und den technischen Aufwand, der immer präsent ist.
Bleibt die dritte Verfilmung abzuwarten, die es hoffentlich irgendwann geben wird. Die Vorlage hält noch viel bereit. Vielleicht heißt es in vierzig Jahren (zum Hundertsten Todestag Wells im Jahr 2046) wieder zurück zu den Wurzeln, zurück zur Vorlage.

(USA 2002, 97 Min., Regie: Simon Wells/Gore Virbinski, nach "Die Zeitmaschine" von H.G. Wells, Drehbuch: John Logan (unter Verwendung der Drehbuchs von David Duncan), Musik: Klaus Badelt, Darsteller: Guy Pearce, Robert Addy, Samantha Mumba, Orlando Jones, Jeremy Irons)

Michael Baumgartner