Frankensteins Mutter
Anmerkungen zu Person und Werk von Mary Wollstonecraft Shelley

von Michael Baumgartner

Mary Shelleys Talent und der Wille, es auch zu pflegen, kamen nicht von ungefähr. Ihr Vater war der anarchistische, atheistische und rationalistische Philosoph und Schriftsteller William Godwin. Die Mutter, Mary Wollstonecraft war die erste Frauenrechtlerin und eine engagierte Publizistin. Sie starb kurz nach der Geburt ihre Tochter. Mary Shelley las das Werk ihrer Mutter meist an deren Grab, wenn sie sich der Fuchtel ihrer Stiefmutter entziehen wollte. Das Grab der Mutter war auch der Ort, an dem sie sich mit ihrem Liebhaber und späteren Ehemann Percy B. Shelley heimlich traf.

Percy B. Shelley war ein romantischer Rebell von großer politischer Naivität, der sich mit der ganzen Welt verbunden fühlte. Er war ein großer Dichter, der aber immer von seinen Gläubigern verfolgt wurde. Ein sprunghafter und überwacher Geist, der mit seiner Rednergabe und seiner attraktiven Erscheinung die Frauen für sich einnehmen konnte. Ein adliger Renegat, dem es nie eingefallen wäre, mit seiner Arbeit seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Er führte Mary ins Reich des Schöpferischen, und förderte sie in vielerlei Hinsicht. Ihre Liebe wog alle Widrigkeiten und Probleme, die das gemeinsame Leben brachte, auf. Sein früher Tod jedoch war für sie eine Tragödie. So lange sie lebte, bewahrte sie sein Herz in einer Urne bei sich auf.

Eigentlich ist es kein Wunder, dass Mary Shelley mit "Frankenstein" uns ein unheimliches Werk geschenkt hat. Bei den Umständen konnte nichts anderes entstehen: Ein Alptraum über einen Mann, der ein künstliches Wesen zusammenflickt. Ein Wettbewerb von Dichtern als Anreiz, aus diesem Traum eine Erzählung zu machen. Die Vorliebe von Percy Shelley für das Unheimliche. Ihre eigene Lektüre von Schauerromanen. Die Erfahrungen als Mutter, deren Kinder bis auf eines im Babyalter starben, und als Tochter, von der der Vater nichts wissen will, weil sie sich seinem Willen entzogen hat und gar mit einem bereits verheirateten Mann zusammenlebte.

"Frankenstein" ist das Werk einer 19jährigen, die eine Sache, die moderne Medizin und die Erzeugung von künstlichem Leben, moralisch betrachtet, ohne viel davon zu verstehen. Die Medizin mit ihrem lateinischen Fachvokabular und den durch Leichenöffnungen gewonnenen Erkenntnissen ist schon damals der unmittelbaren Verständlichkeit und dem Alltagsleben entrückt worden. Da ist es nur folgerichtig, dass Frankensteins Arbeit eine magische und geheimnisvolle Aura umgibt.

Frankenstein zeigt einen Menschen in der Revolte. Alle Menschen sind gut und irgendwie edel, selbst die Kreatur, doch am Ende sind alle tot, gemordet oder an indirekt durch den Kampf Frankensteins mit seinem Geschöpf zu Tode gekommen.

Viktor Frankensteins Streben ist im Sinne von Camus' Existenzialismus absurd, ein Akt des Aufbegehrens gegen das Schöpfungsmonopol Gottes.

Den Roman kann man als Kritik am Modell des romantischen Rebellen, verkörpert auch von Percy B. Shelley und Lord Byron, verstehen. Manche Literaturwissenschaftlerinnen sprechen gar von der feministischen Kritik an der Romantik. Überhaupt wurde das Werk in alle unterschiedlichen Richtungen interpretiert, unter anderem auch als Kritik an und als Auseinandersetzung mit der französischen Revolution und ihren Folgen.

Aus der heutigen Sicht wirkt die Bezeichnung "Schöpfer" für Viktor Frankenstein eher unzutreffend. Viel eher trifft das Wort "Bastler" auf ihn zu, denn er bedient sich ja nur schon vorhandener Teile und auch der mysteriöse Lebensfunke ist schon in der Natur enthalten.

Vieles ist an "Frankenstein oder der moderne Prometheus" seltsam oder zumindest ungewohnt für den heutigen Leser, die heutige Leserin. So besteht der Roman aus einer Reihe von Briefen, die ein junger Forscher, der eine Nordpolexpedition unternimmt, an seine Schwester schreibt. Nur kann er sie denn je abschicken, da er weit von der nächsten menschlichen Ansiedlung entfernt ist?


Der Roman ist auch nicht besonders gut durchkomponiert. Er enthält einige Unwahrscheinlichkeiten und eine große Abschweifung. Diese ermöglichen jedoch erst die Handlung. Das, was die Menschen vielleicht am meisten interessiert hat, nämlich das "Wie" der Erschaffung der Kreatur, wird gerade mal mit einem Abschnitt eher vage beschrieben. Da nimmt es nicht Wunder, dass die Theateraufführungen und die Filme gerade bei diesem Schöpfungsakt so viel Phantasie entwickeln, wenn sie bei anderen Aspekten des Werkes eher versagen.

Die Kritik an der Wissenschaft, die in ihrem forschenden Tatendrang sich über alle Bedenken hinwegsetzt, nur ihrem Ziel ergeben, ist aktuell geblieben, sie wurde im Verlauf der Geschichte immer aktueller. "Frankenstein" wird allein deswegen nicht in Vergessenheit geraten.

Alle anderen Werke Mary Shelleys fielen jedoch der Vergessenheit anheim. Allein der Roman "The Last Man" hat es geschafft, auch noch in unserem Jahrhundert gelesen zu werden. Die Geschichte Lionel Verneys, eines Mannes im 21. Jahrhundert, der als einziger die Pest überlebt, die alle anderen Menschen dahinrafft. Die enge Verschränkung von privaten Schicksal und politischen gesellschaftlichen Entwicklungen zeichnet diesen Roman aus, ebenso die Konsequenz, mit der Mary Shelley den Untergang der Zivilisation schildert. Zugleich hat Mary Shelley ihr Gefühl der Verlassenheit und den Schmerz über den Tod so vieler Menschen in ihrer Nähe zu einem gigantischen Untergangsszenario gesteigert.

Frankenstein lebt und ist gesund. Der Stoff ist ein Mythos geworden und das Monster hat sich selbständig gemacht, es hat nun den Namen seinen Schöpfers übernommen, was durchaus folgerichtig ist, und inspiriert die AutorInnen immer noch. Frankenstein ist ein Archetyp, den heute jedes Kind kennt. Mary Shelley ist dagegen so gut wie unbekannt. Diese Anmerkungen haben diesem Umstand hoffentlich etws

Editorische Notiz: Dieser Text wurde in BWA# 168, September 1998 zum 200jähren Geburtstag von Mary W. Shelley veröffentlicht, diese Version ist im Dezember 2002/ Januar 2003 für die Homepage des SFCBW überarbeitet worden.