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Intro:
Spätestens seit der Vergabe des von phantastik.de
ausgelobten Phantastik-Awards am 21.10.2000 ist Roman Sander, der Herausgeber der im
Blitz Verlag veröffentlichten Anthologie KONTAKTE (ISBN: 3-932171-18-7), gewaltig
aufgefallen. KONTAKTE enthielt nicht nur einen UFO-Artikel von SFCBW-Mitglied Albrecht
Fritsche, was die Anthologie für den SFCBW natürlich GLEICH interessant machte,
sondern heimste einen ehrenhaften 4. Platz als beste Original-Anthologie ein, und gleich
zwei der darin enthaltenen Geschichten wurden als beste deutsche Kurzgeschichten 1999
prämiert: Michael Iwoleits "Nimrod" kam auf Platz 1, Horst Pukallus`
"Lockentenschnitzer von Beteigeuze XIV" auf Platz 3.-
Mich hat interessiert: Wer ist Roman Sander? Und
so kam, was kommen musste: Markus Weber ermittelte und bekam tatsächlich einen
Gesprächstermin, bei dem es dann ganz locker und offen zuging:
Markus Weber:
Roman, erst mal herzlichen Glückwunsch zum
Phantastik-Award 1999 für Deine Anthologie KONTAKTE, und auch für Deine glückliche
Hand bei der Storyauswahl! - Wer ein bisschen aufpasst, der hat Dich ja schon vor KONTAKTE
im Phantastischen bemerkt: Du hast in dem SF-Magazin STAR VISION einen langen Artikel
über RAUMSCHIFF PROMET lanciert, hast für den PERRY RHODAN-REPORT geschrieben,
und unserer Spione aus den für gewöhnlich gut informierten Kreisen haben
uns darüber in formiert, dass Du auch zusammen mit Hans Kneifel eine Lexikon-Broschüre
zur DRAGON-Buchserie herausgegeben und sie größtenteils auch selbst verfasst
hast. Trotzdem weiß man in der Szene kaum was von DIR. Erzählst Du uns ein
bisschen was zu Deiner Person? Wer bist Du, wie bist zu zur Science Fiction und Fantasy
gekommen?
Roman Sander:
Daß man nicht über mich weiß, ist ganz gut so und soll
auch so bleiben. Es genügt, wenn man mich nach dem beurteilt, was man von Zeit
zu Zeit zu lesen bekommt. Deshalb auch hier nur so viel: Ich bin ein Mann mittleren
Alters, Journalist, und ich lese Science Fiction und Fantastik seit meiner Schulzeit,
denn nicht Anderes kann mir diese Weise der Vision und diese Freiheit der Fantasie
bieten! Selbst auf der unanspruchslosesten Ebene macht das noch unbändigen Spaß
beim Lesen, und auf höchster Ebene ist die SF die einzige Literaturform, die den
ganz speziellen Anforderungen unserer Zeit gewachsen ist
MW:
Mit dem Fandom hattest und hast Du aber eher weniger
am Hut, oder? Warum?
RS:
Ich hasse die typisch deutsche Vereinsmeierei, die Stammtischphilosophen
und jene Typen, die das Fandom benutzen, um sich selbst in den Vordergrund zu spielen.
Ich kann gut ohne das alles auskommen.
MW:
Schreibst Du selber auch - ich mein` jetzt, außer
Artikeln? Wann kommt der erste große Roman Sander - Roman?
RS:
Nie! - Ich kenne meine Grenzen und beschränke mich deshalb auf journalistische
Arbeiten.
MW:
Zurück zu deiner Anthologie KONTAKTE bei Blitz.
Wie muss man sich als interessierter Laie die Entstehung einer solchen Sammlung vorstellen,
grad in der heutigen Zeit, wo doch alle Profis in den Verlagen jammern, Storybände
würden sich nicht verkaufen? Wie läuft das normalerweise ab - Kontakt mit
Verlag und Autoren, Auswahl der Stories? Wieviel Zeit kostet das? Wie gehst Du vor?
Worauf muss man als Anthologist in heutiger Zeit achten?
RS:
Im Idealfall würde das folgendermaßen laufen: Kontaktgespräche
mit dem Verlag, man einigt sich auf ein Thema oder was auch immer, Auswahl der Geschichten
nach eigenem Gutdünken, und dann nimmt der Herausgeber oder die entsprechende
Abteilung des Verlages den Kontakt mit den Autoren bzw. deren Agenten auf, um die Rechte
zu erwerben.
In der Wirklichkeit sieht das etwas anders aus: Der Verleger hat bereits
Material, das er "verbraten" will, der Verleger will ganz bestimmte Autoren
drin haben; jeder, der irgendwie mit dem Buch befasst ist, will mitreden und anderes
Material hinein bringen; das Buch soll immer billiger werden, als eigentlich möglich,
weil sich ja "Anthologien nicht verkaufen", und sich auch gar nicht verkaufen
können, so lange man mit dieser Haltung daran geht und keine Power in Promotion
und Werbung steckt. - Na ja, und am Schluss steht man mit einem Buch da, das völlig
anders ist, als man das eigentlich wollte.
MW:
Also gibt es Vorgaben der Verlage: Bitte, Herr Sander,
denk an die wirtschaftliche Situation des Verlages, demgemäß bitte viel
Action, möglichst viel Sex, usw.?
RS:
Ja, die gibt es! Allerdings sieht das meist so aus, dass man vorn herein
für eine bestimmte Zielgruppe arbeiten muss. An dieser wiederum orientiert sich
die Auswahl der Geschichten. Im Falle des Blitz-Verlages lag es allerdings nur an -
verständlichen - finanziellen Gründen, dass ich im Grunde aus zwei Büchern
eines machen musste. Ich hätte gern eine Sammlung mit Einzelgeschichten gemacht
- möglichst moderne Sachen, Post-Cyberpunk etc. - und eine UFO-Sammlung. Am Ende
ist halt ein recht kurzes Buch daraus geworden, was allerdings den Vorteil hatte, dass
ein sehr gutes Niveau herrschte.
MW:
In unserem telefonischen Vorgespräch hast Du
Dich über die Preisvergabe an Michael Iwoleit und Horst Pukallus zwar gefreut,
aber auch gesagt, dass Deine persönliche Lieblingsgeschichte in KONTAKTE eine
ganz andere sei. Welche? Und warum?
RS:
Meine Lieblingsgeschichte ist NOTSTAND von Decker & Hahn. Die hat
für mich am meisten "Biss", Gefühlstiefe und Originalität.
MW:
Das ist doch die, in der ein gewisser Herr Hitler
mit Hüttler angesprochen wird und sich dann gleich mal dagegen verwehrt.. überhaupt,
Stichwort Adolf Hitler. Was hält der SF-Profi Roman Sander von der Entwicklung
im realen Deutschland des Jahres 2000? Von "Deutsche Leitkultur"-Diskussionen,
"Ausländer raus"-Parolen, von wieder brennenden Synagogen, von Ausländern,
die von braunen Dumpfbacken totgeschlagen werden, von Dörfern in der Lausitz,
die laut "Panorama" schon so ganz und gar in der Hand von Neonazis sind,
dass Nicht-Nazi-Jugendliche schon die Ausnahme sind und entsprechend angemacht werden?
RS:
In bin erbittert über das was hier abgeht? Manchmal denke ich, man
sollte diese Typen in Länder abschieben, wo dieselbe Intoleranz herrscht, die
sie vertreten und wo man die Deutschen nach wie vor hasst! Dann könnten die all
jene Gefühle einmal von der anderen Seite des Zauns her erleben.
Aber natürlich ist das Thema Minderheiten und Ausländerpolitik
viel diffiziler und um echte politische Problematik von Ideologie zu trennen, müsste
man ein Buch schreiben...
MW:
Schwer, danach den Weg zurück zur Phantastik
und zum Büchermachen zu finden..!
Vorausgesetzt, Du hättest völlig freie
Hand (und müsstest auf Wirtschaftlichkeit usw. überhaupt keine Rücksicht
nehmen) - wie sähe Deine ULTIMATIVE Anthologie aus? Welche Themen würdest
Du nehmen? Welche Autoren?
RS:
Die ultimative Anthologie gibt es nicht! Man kann sie höchstens daran
messen, in wie weit sie der gestellten Thematik gerecht wird.
Generell wünsche ich mir, dass eine Anthologie mehr ist, als nur
eine lose Geschichtensammlung, dass also ein verbindendes Element vorhanden ist, so
dass dem Leser hinterher nicht nur einzelne Geschichten im Gedächtnis bleiben,
sondern auch eine gewisse "Persönlichkeit" des gesamten Buches.
Und die Auswahl der Autoren richtet sich ganz nach der Thematik und dem
Geschmack des Herausgebers - da kann ich nicht pauschal irgendwelche Namen nennen.
MW:
Und welche phantastischen Lieblingsautoren hat der
private Roman Sander?
RS:
Die Liste wäre ziemlich lang... ich müsste die Autoren nach
Epochen einteilen - nein, das führte zu weit. Ich kann nur ein paar nennen, die
mir gerade in den Sinn kommen, weil ich sie einfach mag, ohne jetzt eine ausgefeilte
Begründung geben zu wollen: Conan Doyle, Fritz Leiber, Theodore Sturgeon, Alfred
Bester, Charles G. Finnley, H.P. Lovecraft, Jack Williamson, J.R.R. Tolkien, Micheal
Moorcock, Dan Simmons, Neal Stephenson...
MW:
Das sind jetzt alles Amis oder Engländer..
RS:
Von den deutschen Schreibern mag ich Wolfgang Jeschke und Martin Eisele.
MW:
Der Martin war auch schon mal im SFCBW..
RS:
Hätte er besser mal ein paar Bücher geschrieben, in dieser Zeit...
MW:
Werd`s ihm ausrichten. Verrätst Du mir noch
ein paar Deiner nicht-phantastischen Lieblingsautoren?
RS:
Ditto. Das geht von Oscar Wilde über Kurt Tucholsky, Hemigway...
ach komm, erspar mir weitere Aufzählungen. Es gibt so viele..
MW:
Aber weil wir schon bei den Namen sind: Wie schaffte
es Albrecht Fritsche ausgerechnet mit einem UFO-Artikel in Deine KONTAKTE-Anthologie?
(Sooo bekannt ist er ja noch nicht geworden, mit seinem bei CORIAN veröffentlichen
Interview-Buch..)
RS:
Fritsche wurde mir empfohlen, und so gab ich ihm den Auftrag, diesen Artikel
zu schrieben. Er hat mich nicht enttäuscht, und ich würde gern mal wieder
mit ihm arbeiten.
MW:
Albrecht! Hast Du das vernommen? *räusper*
Aber wieder ernsthaft: Was hältst du als Profi von der in letzten Jahren boomenden
deutschen Phantastik-Kleinverlagsszene (Blitz, Maldoror, Alien Contact-Bücher,
Zaubermond oder gar die Hary-Productions?) Ist das eine Chance für die deutsche
SF? Oder gibt's da noch andere Chancen?
RS:
Die sind ganz wichtig. Hier bekommen deutsche Talente die Chance, Ihre
Stories und Bücher zu veröffentlichen, hier erhalten sie den Schliff, den
man benötigt, um professionell zu arbeiten... nun, und der eine oder andere dieser
Verlage wird seinen Weg ganz bestimmt machen. Vor allem eben der Blitz-Verlag ist schon
sehr weit gediehen und kann eine führende Rolle in der gesamten deutschen Phantastik
übernehmen.
MW:
Kurz vor'm Finale noch eine Frag zu Deinem tollen
DRAGON-Lexikon. Wird's so eine gelungene Who's who-Ausgabe auch für die ebenfalls
bei Weltbild angelaufene MYTHOR-Buchserie geben?
RS:
Wahrscheinlich schon. Und ich freue mich auf die Arbeit - so was macht
mir einfach Spaß!
MW:
Und neben all diesen Aktivitäten: Gibt's schon
ein - spruchreifes - neues Roman-Sander-Anthologie-Projekt?
RS:
Es gibt mehrere Projekte. Aber solange keine Verträge existieren,
will ich darüber nicht reden, das muss du verstehen.
MW:
Klar. Zum Schluss: Welche Frage hättest DU
Dir noch gestellt? Und wie hättest Du diese beantwortet?
RS:
Die Frage wäre: Gibt es irgend ein Traumprojekt, das Du gern durchführen
würdest? Und die Antwort darauf: Ja - ein SF-Anthologie mit ausschließlich
im Auftrag geschriebenen Geschichten zu einem bestimmten Thema, original in Farbe illustriert,
mit einer beliegenden CD (Musik, eine der Geschichten vorgelesen, eine in Hörspielfassung,
Kurzfilm...) - Aber welcher Verlag würde so etwas finanzieren?
Und, allgemeiner, ein Buch mit Geschichten über die Welt in dreißig
Jahren, verfasst von den berühmtesten Autoren der Gegenwart, dessen Einnahmen
der UNIFCEF gestellt würden. Na ja, Träume...
MW:
Roman - herzlichen Dank, dass Du mir trotz Deiner
Arbeit die Zeit für die Beantwortung meiner Fragen genommen hast! Und weiter viel
Erfolg! |