Von Menschen und Schneemenschen
Spuren des Yeti in der neueren Literatur

von Michael Baumgartner

I
"Die Menschen im Himalaya kannten keine allzu große Neugier. Wenn nicht mehr zu erfahren war über den Yeti, dachten sie sich einfach etwas hinzu, und Touristen belogen sie ohnehin mit Vorsatz. Weltweit hatten Wissenschaftler bisher mehr als 1000 Namen gesammelt zu jenem Wesen, das unbekannt geblieben war und von dem die Sherpas am Lagefeuer immer neue Geschichten erzählten."
Reinhold Messner: Yeti, Legende und Wirklichkeit, S. 71

Vor nicht einmal zwei Jahren hat Reinhold Messner, seines Zeichens berühmtester Bergsteiger und jemand, der sich im Himalaya auskennt, das vorlaeufig letzte Buch ueber den Yeti veroeffentlicht. Darin wurde das Raetsel des Yeti angeblich aufgedeckt und alle im Schnee gefundenen Spuren, wohl die einzigen "echten Hinterlassenschaften", einer seltenen Baerenart, dem Chemo zugesprochen, alle Sagen und Legenden auf diesen zurueckgefuehrt. Der Schneemensch also ein Schneebaer? Laengst ist der Yeti als Mythos oder Legende in die Vorstellungswelt der westlichen Menschen eingegangen. Auch wenn Reinhold Messner mit der Autoritaet seines persoenlichen Einsatzes Spekulationen und Phantasien besonders der Europaeer den Boden entzogen haben mag, wird er als moderne Sagengestalt weiterleben. Auch in der religioes gepraegten Vorstellungswelt der Tibeter und anderer Bewohner des Himalaya wird der Yeti weiterexistieren. Dort war er schon immer vielgestaltig und unangreifbar verbunden mit realen Erfahrungen und Mythen zugleich. Bei den Sherpas gibt es nach "Namaste Yeti" von Christian Rätsch und Heinz J. Probst gleich drei Ausprägungen des Yeti, der anderswo auch Migo, Chemo oder Miti genannt wird: Der erste Yeti ist aus dem Menschengeschlecht hervorgegangen, der Unglück über den Menschen, der ihm begegnet, bringt und dessen Schrei schrill und furchterregend ist. Die zweite Yeti-Art tötet das Vieh der Menschen und trägt ein zotteliges Fell wie ein Yak. Der dritte, Miti genannt, nun hat es auf den Menschen abgesehen. Sie entführen oft Menschen in ihre Höhlen, besonders junge Mädchen, die dann begattet werden. Die Nachkommen gleichen dann eher dem rot und blondzotteligen Miti, dessen Füße auch nach hinten weisen sollen. Sie sind allgemein neidisch auf den Menschen und ahmen ohne Verständnis seine Gebräuche nach. Diese Überlieferungen der am Mount Everest Massiv lebenden Volkstämme sind zentral, denn auf sie wird immer wieder zurückgegriffen und in deren Siedlungsgebiet sind die meisten Erzählungen angesiedelt. Der Tourismus nach dem Zweiten Weltkrieg hat den Yeti erst bekannt gemacht. Seither bilden die Phantasiegestalt der zivilisierten Welt und der mythologisch-verschwommene und legendenhaft verbraemte Baer-Mensch eine unaufloesliche Einheit. Beide haben erst die Entstehung des Yeti als Name fuer viele Vorstellungen ermoeglicht und beide ergaenzen und bestaetigen sich bis zum heutigen Tage immer wieder gegenseitig. Warum der Yeti zu dem wurde, was er ist, darueber geben Erzaehler Auskunft, die die Begegnung des Menschen mit dem Schneemenschen in fantastische Geschichten zu kleiden wissen. Spekulationen und Sagen regten Erzähler (der phantastischen Genres schon immmer an). Dabei erlaubt ihnen die Freiheiten der Fiktion weiter zu gehen, konkreter zu werden als vermeintlich objektive Sachbücher. So interpretieren die Gestalt, die sowieso schon eine Projektionsfigur ist. In den siebziger Jahren ist der Yeti dann zu einem literarischen Sujet geworden.

II
"Er war etwas kleiner als ich; dunkles Fell bedeckte seinen Körper und Kopf, ließ jedoch das Gesicht frei - ein Fleck Rosa Haut, der im schwachen Licht ziemlich menschlich wirkte. Seine Nase war sowohl die eines Menschen als auch die eines Primaten - breit, aber aus dem Gesicht hervorstehend - und wirkte wie eine Erweiterung des Hinterhauptwulstes, der seinen Schädel von einer Schläfe zur anderen umzog. Sein Mund war breit und sein Kinn unter dem krausen Bart noch breiter, aber nichts lag außerhalb der Parameter, die für eine menschliche Erscheinung zutreffen."
Kim Stanley Robinson: Flucht aus Katmandu, S. 23

Der Yeti, mit dem es die beiden US-amerikanischen Touristenführer George Fergusson und Freds Frederiks in der Erzählung "Flucht aus Katmandu" von Kim Stanley Robinson zu tun haben, ist zweifellos real und biologisch materiell. Er wird jedoch nicht als wilder, "abscheulicher Schneemensch" ("abonible snowman" ist im Englischen eine Standardbezeichnung) geschildert, sondern als friedlich-schweigsamer Vertreter einer uralten Zivilisation. Dass er zivilisiert ist, beweist nicht allein der Anhänger um seinen Hals, sondern dass er sich intelligent verhält und entsprechend gekleidet in Katmandu nicht weiter auffällt (er schüttelt sogar einmal dem Ex-US-Präsident Jimmy Carter die Hand). In dieser humanen und amüsanten Geschichte gibt es aber auch den Grundkonflikt, der durch fast alle Yeti-Geschichten zieht: zu Beginn ist ein Yeti von einem ehrgeizigen Biologen, eingefangen worden, der gefördert von einem reichen Sonderling den Yeti als wissenschaftliche Sensation präsentieren will. Bevor dies jedoch geschieht, wird er von den Touristen-Führern und einem Tierschützer aus einem Hotel in Katmandu befreit werden, denn "wenn die Existenz des Yeti bestätigt würde, wäre es für beide [den Yeti und seine Umwelt, M.B.], katastrophal. Es würde eine Invasion von Expeditionen geben, Touristen, Wilderer... Yetis in Zoos, in Käfigen der Primatenzentren, in Laboratorien unter dem Messer, ausgestopft in Museen[...]" so der Naturschutz-Aktivist. In Roman "Yeti" von Nicholas Luard wird der Yeti gleich zu Beginn des Romans als intelligente Spezies eingeführt. Die Schneemenschen sind Individuen und haben Namen in ihrer eigenen Sprache. Sie haben noch die üblichen "tierische" Merkmale wie dichte Körperbehaarung, den Menschen überlegene Körperkräfte und einen viel besseren Geruchssinn: "Manu flehmte. [...] Erwachsene Schumbis [Yeti-Bezeichnung für Menschen, M.B.], insbesondere die Männchen, verströmen einen heißen ungesunden, widerwärtigen Geruch, der irgendwo zwischen Aas und der vibrierenden Aufladung der Luft unmittelbar vor dem Gewitter liegt, deshalb kann ihnen stets aus dem Weg gehen." (Luard, S. 59, 61) In einer ihrer Gemeinschaften gerät Jona, ein junges Mädchen, die ihren Paten auf eine botanische Himalaya-Expedition begleitet. In den Erzählungen der Sherpa hört sie erstmals vom Yeti. Als sie bei einem Schneesturm sich verirrt und in ein Tal stürzt, wo sie von Manu, dem jungen Yeti gefunden wird, erkennt sie in ihnen die Ungeheuer wieder, die ihren Alpträumen auftauchen. Aber die Begegnung therapiert sie von dieser Angst, mehr noch. Sie, deren Eltern in Scheidung leben und die relativ einsam aufwächst, wird in der Ur-Gesellschaft der Yetis erst richtig sozialisiert. Der Autor fabuliert unbekümmert, lässt das Mädchen viele Abenteuer mit den Yetis erleben, die einerseits in einem fruchtbaren, noch unentdeckten Tal leben, andererseits in Höhlen des Gebirges, wo ihr Lebensgrundlage von touristischen Aktivitäten bedroht ist. Es gibt in dieser Fantasiewelt auch Mischlinge, Yetis, die von entführten menschlichen Müttern geboren wurden. Sie bilden eine Gemeinschaft, die von einem verrückt gewordenen Bergsteiger angeführt wird. An diesen tritt der Pate heran, der verzweifelt seine Nichte sucht. Daraus ergibt sich der finale Konflikt des Romans. Ist "Yeti" ein exotisch-phantastischer Abenteuerroman, dem es nicht um wissenschaftliche Plausibilität ging, so bedient sich der Krimi- und Spannungsautor Philip Kerr des Genres des Science Thrillers, um dem Thema neue Seiten abzugewinnen. Jack Furness, ein bekannter US-amerikanischer Bergsteiger gelangt im Himalaya unter dramatischen Umständen in den Besitz eines vermeintlich fossilen Schädels eines Hominiden, eines Vormenschen gehört. Er schenkt ihn seiner Freundin, der Päläoanthropologin Stella Swift. Diese lässt das Alter überprüfen und erfährt, dass der Träger innerhalb der letzten 1000 Jahre gestorben sein muss. Gemeinsam organisieren sie eine Expedition der National Geograhic Society, in das Annapurna-Reservat, das in der Nähe der höchsten Gipfel des Himalaya liegt. Dass diese Expedition vor allem auf Anlass der CIA zustande kommt, weil man einen in dieser Gegend abgestürzten militärischen Beobachtungs-Satelliten auffinden will, davon erfahren sie jedoch erst, als der CIA-Agent ausrastet. Im Roman dient dieser Umstand als zusätzlicher Aufhänger für Spannung und Gefahr bei dieser Suche. Die Expedition hat Erfolg. Zuerst stößt man auf Spuren, dann begegnen sie unter lebensbedrohenden Umständen diesen Kreaturen selbst, dann gelingt es sogar ein Exemplar einzufangen. Kerr beschreibt sie als "mindestens zwei Meter groß, sehr untersetzt, generell einem menschlichen Wesen oder einem Gorilla ähnlich, aber rotbraunen kurzen Haar bedeckt, das eher einem Orang-Utan ähnelte. Der Kopf war sehr groß und spitz, das Gesicht unbehaart und flacher als das eines Menschen, aber nicht so flach wie das eines Affen."(S. 241) In diesem vormenschlichen Yeti mischen sich also äffische und menschliche Merkmale. Sie haben die gewaltigen Körperkräfte von Gorillas, sind aber intelligenter und verfügen auch über eine rudimentäre Sprachfähigkeit. Auf dem Höhepunkt des Romans im schwer zugänglichen Ursprungstal treffen sie ein zweites Mal auf den hinduistischen Asketen, der sich als Beschützer der letzten Yetis erweist. Sie retten die Yetis vor der höchst konkreten Gefahr der Plutoniumladung des Satelliten, die sie in eine tiefe Gletscherspalte werfen und später Die Haltung der drei Autoren zum Yeti ist vielschichtig. Sie spekulieren über ihn, geben ihm Gestalt und Identität, "retten" ihn aber gleichzeitig vor der Welt, um ihn als Faszinosum zu erhalten. Alle Romane erzählen auch von der Schönheit und Unwirtlichkeit dieser Erdregion. Während Robinson lässt seine Figuren im Himalaya Momente erleben lässt, "in denen die Welt eine gewaltige Kapelle zu sein scheint."(S. 17), bekommt Kerrs Expedition im Winter die volle Unwirtlichkeit zu spüren, als sie den Machhapuchhare, den heiligen Berg der Nepalesen, wo sie den Yeti vermuten, besteigen wollen: "Von einem Irrgarten instabil wirkender Eistürme, dornenscharfer Eiszapfen und vorborgener Abgründe umgeben, wirkte der Ort auf Swift fast, als habe ihn eine rachsüchtige Schneekönigen geschaffen, um ihr Vorankommen aufzuhalten."(S. 233) Die abweisende, ja gefahrvolle Hochgebirgslandschaft spielt immer eine wichtige Rolle. Sie gilt es zu überwinden, um zum Yeti zu gelangen, denn sie ist wie geschaffen, den Menschen zu vertreiben und bedrohte Arten zu schützen.

III
"Der verwandelte, sich zurückziehende Yeti vor dem ihm folgenden, ihn verfolgenden Menschen? Schloß sich so der Kreis? Erklärte sich so Pats Untergang, seine Geschichte, sein Mythos?"
Siegfried Fischer: Pat Parcham der Schneemensch, S. 238.

Wie nähern sich deutsche Autoren dem Yeti? Siegfried Fischer, ein Jugendbuch-Autor der DDR, geht das Thema noch sehr rational an. Er läßt seinen jungen Helden Maurice Vermorel seiner Freundin Beatrice, die ein geologisches Praktikum im Himalaya macht, nachreisen. Er hatte schon viel vom Yeti gehört und dort angekommen frägt und sucht er nach Beweisen. Der Autor lässt ihn viele Spuren nachgehen. Er stößt aber immer wieder auf natürliche Ursachen. Die angeblichen Beweise erweisen sich immer wieder als die Hinterlassenschaften von Dremos, der hiesigen Bärenart. Für die Sherpas freilich spielt das keine Rolle. Sie glauben, dass im Dremo, dessen ansonst dunkelbraunes Fell am Kopf rötlich ist, auch Pat Parcham, der Schneemensch stecken kann. Der Autor demaskiert den Volksglauben nicht als Aberglauben, wie wohl ihm die Mönche mit ihrem Einfluss auf die Bevölkerung und ihrer überheblichen Art suspekt ist. Frevel kommt mehr von einem sensationslüsternen Expeditionsteilnehmer und korrupten Beamten, die die seltenen und geschützen Bären jagen wollen. Der Yeti ist hier eher eine Symbolfigur für das Land. Ein Sehnsuchtsbild, eine Sagengestalt, das der aufgeklärte und gierige Westen praktisch nicht vereinnahmen kann, oder mit einem Begriff des wissenschaftlichen Sozialismus ausgedrückt, sich nicht aneignen kann. Aber auch Fischer kommt letztendlich bei der Interpretation der Legenden um den Yeti nicht um mythologische Vergleiche herum: "Dremo oder Pat, der mit dem roten Hut - glich wahrhaftig Janus, dem römischen Gott mit den zwei Gesichtern, der gleichermaßen in die Vergangenheit wie in die Zukunft schaute, ins Tierreich und ins Menschenreich..."(S. 238) Mystisch geprägt dagegen ist der Zugang von Werner Kopacka in seinem Roman "Das Tal des Yeti". Hier wird die Erforschung des Yeti mit der Suche nach der eigenen Identität, hier konkretisiert in dem überlegenen, aber verschwundenen Vater, verknüpft. Geheimnisvolle Dokumente werden im Arbeitszimmer seines Vater dem Sohn zugänglich. Sie berichten von einem Mönch, der bei der historischen Wanderung der Sherpa durch den Himalaya den Ruf des Yeti hört und den es dann in ein geheimnisvolles Tal verschlägt, wo er auf dessen Bewohner, dem Yeti, der hier ein Einzelwesen mit göttlicher Aura ist, trifft. So bricht der Sohn auf, um den Vater zu suchen, denn er glaubt, auch sein Vater habe dieses Tal gesucht. Aber seine Freundin, eine Ethnologin, die ihre Expedition mediengerecht zu vermarkten weiß, ist ebenfalls auf der Suche. Der Sohn gerät in die politischen Konflikte zwischen Tibetern und chinesische Besatzern. Er muss sich verstecken. Seine überaus ehrgeizige Freundin scheitert im Grenzgebiet. Am Ende einer langen Wanderung auf den Spuren er Sherpas, in dem er auch äußerlich tief in die Lebenswelt der Tibeter eindringt, nach Liebe und Leid, erreicht er das Tal des Yeti, wo er auch seinen Vater findet. Es ist ein Teil des Friedens, ein Ort, wie gemacht als Ziel einer langen Reise zu sich selbst zu seinen Wurzeln, zu seiner Bestimmung. Auch die Deutschen in "Der Schneemensch" von Jens Sparschuh führt die Suche in den Himalaya. Sparschuh hat die abstruse Verknüpfung der sogenannten Welteislehre mit der Gestalt des Yeti als Ursprungswesen und damit Ur-Verwandter der Arier, an die Himmler und seine Getreuen glaubten, aufgegriffen und darauf einen hintersinnigen Roman aufgebaut. Nun sind es Mitglieder der SS, genauer der Abteilung "Ahnenerbe", die Anfang der Vierziger Jahre eine geheime Expedition in den Himalaya, auf den Spuren des Yeti, unternehmen. Die Expedition durch Schnee und Eis selbst führt die Deutschen und ihren einheimischen Führer sehr schnell an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Am Ende glauben sie endlich Spuren gefunden zu haben - wobei es auch die eigenen sein könnten. Die Hauptfigur dreht durch, streift die Kleider und die Zivilisation ab - und wird zum "Yeti". Das "Erbe" ist also "durchgeschlagen". "Die Kälte kriecht an mir hoch - falsch. Ein verlogener Satz. Die Kälte - in mir. Es ist die Kälte, und ich bin ein Teil von ihr." (S. 313) Der Schneemensch als Wesen, das in Kälte und Isolation lebt, auch ein Bild für deutsche Befindlichkeit? Auf jeden Fall für die des "Helden", den man völlig verwahrlost aufgegriffen hat und den man ironischerweise mit "Werwölfen" in Verbindung bringt. Als solche wurden deutsche Soldaten bezeichnet, die hinter der gegnerischen Frontlinie kämpfen sollten, es ist aber auch der Name für einen anderen Tiermenschen. In diesem Zusammenhang soll kurz eine Satire vom bekannten Science Fiction-Autor und Herausgeber Wolfgang Jeschke erwähnt werden. Als Test und Werbung für ein neues Präparat, das unempfindlich gegen extreme äußere Einflüsse macht, erklettern zwei Experimentatoren Himalaya-Gipfel ohne Kleidung und andere Hilfsmittel. Am Ziel ihrer Klettertouren müssen sie feststellen, dass sie sich äußerlich in Yetis verwandelt haben. Es zeigt sich ein grundsätzlicher Unterschied zwischen den deutschsprachigen und den englischsprachigen Autoren. Die englischsprachigen Autoren beschreiben ihn als natürliches Wesen ohne jede übernatürliche oder gar mystische Aura. Die einheimischen Überlieferungen geben höchstens Hinweise auf seine Existenz, dienen als Quelle für Merkmale seiner äußeren Erscheinung. Mit der Erzählung werden die Mythen und Legenden dann ins Reich der Tatsachen geführt. Auch wenn der Yeti eine subjektive Erfahrung einiger weniger bleibt, er ist für die Figuren und den Leser zweifellos real. Ganz anders dagegen die deutschsprachigen Autoren. Sie betrachten den Schneemenschen als Teil von Weltanschauungen und Mythen. Er ist nicht ein Teil der Naturgeschichte, zumindest spielt das eine untergeordnete Rolle. Diese typisch deutsche Neigung zum Irrationalen wird aber von den Autoren sehr unterschiedlich umgesetzt. Siegfried Fischer nähert sich als Rationalist einer mythologisierten Legendengestalt, die für ihn ein Teil des Volksglaubens bleibt. Kopackas Held ist ein Sinnsucher, der sich durch Schriften leiten lässt. Hier gehört der Yeti zu einer entrückten Welt, die am Rande menschlicher Erfahrung liegt, und die doch sein Innerstes betrifft. Sparschuh dagegen spielt ironisch mit dem Irrwitz einer sich wissenschaftlich gebenden abstrusen Ideologie und lässt die Figuren ins Leere laufen. In fast allen Romanen und Erzählungen ringen Vertreter der Humanität, die den Yeti eher als Bruder sehen, den man nicht zum Objekt wissenschaftlicher Erkenntnis machen kann, mit Vertretern (auch wissenschaftlicher) Sensations- und Ruhmesgier. Und sie erhalten zuletzt Oberhand. Für die Öffentlichkeit bleibt der Yeti weiterhin geheimnisvoll, nur die Expeditionsteilnehmer oder Touristen haben etwas gefunden, machen Erfahrungen, die ihnen wichtiger sind als die wissenschaftliche Enträtselung dieses Verwandten der Menschheit. Sie können es leicht verschmerzen, dass für die Öffentlichkeit die Existenz des Yeti weiterhin Spekulationsobjekt bleibt. So ist das Mädchen Jona in "Yeti" von N. Luard durch die Erlebnisse bei den Yeti gereift und schützt diese nun, in dem sie sie verleugnet. Das macht auch die Mehrzahl der Expeditionsteilnehmer in "Esau", die fast alle vernünftiger wirken. Der Zusammenhalt gegen die bedrohliche und doch faszinierenden Hochgebirgswelt stellt selbst eine Ur-Erfahrung für sie dar. Die Expedition wird für sie zum intensiven Gemeinschaftserlebnis, zu dem auch die Todesnähe gehört. Die beiden Touristen-Führer in "Flucht aus Katmandu" leben sogar eine kurze Zeit lang mit dem Yeti. Auch Maurice Vermorel, ansonsten ein Schwerenöter, ist gereift. Kopackas Protagonist wächst über sich heraus und findet seine Bestimmung, er wird zu Hüter des paradiesischen Tales. Und eigentlich ist auch Sparschuhs Erzähler und Hauptfigur an seinem "Element" angekommen.

IV
"Wir hoffen, wenn wir etwas über den Yeti erfahren, mehr über uns selbst zu erfahren"
Esau, S. 228

Für Reinhold Messner geht es dem westlichen Menschen bei der Suche nach dem Yeti vor allem um die Menschwerdung, um seine Ursprünge. Der Yeti wird als Missing Link zwischen Affe und Menschen angesehen. Der Blick auf ihn ist immer auch einer auf den Ursprung des Menschen. Das liegt allen spekulativen Romanen zugrunde, die Autoren lassen ihre Vorstellungen von Ursprünglichkeit einfliessen. Christian Raetsch und Hans Juergen Probst sehen im Yeti kulturanthropologisch die asiatische Ausprägung des "Wilden Mannes"- Archetyps, der fast in jeder Kultur der Welt auftaucht. Man kann daher behaupten, dass der Yeti der wilde Mann der westlichen zivilisierten Welt wurde, da ihr eigener Wilde Mann Archetyp mit dem Verschwinden von Wildnis in Europa verlorenging. Der Yeti ist nicht der einzige Vorzeiter, der einzige "Wilde Mann", der Ursprünglichkeit zu vermitteln vermag. Autoren haben immer wieder den Menschen mit anderen Spezies, mit letzten Überlebenden von Seitenlinien der Evolution zusammentreffen lassen. Verstärkt wieder in jüngster Zeit. Science Fiction-Autoren tun sich hierbei besonders hervor. (Hier seien nur Roger McBride Allen "Weisen der Schöpfung" und Michael Bishop "Das Herz eines Helden genannt") Es erweist sich, dass der Yeti nur eine von vielen Kreaturen ist, wenngleich die promininenteste und überlieferungsreichste. Die Autoren wenden sich anderen Gebieten und wirklich existierenden Spezies, wie etwa dem Neandertaler oder dem Australopithecus zu. "Tal des Lebens" von Robert Darnton stellt zwischen beiden Gruppen einen Übergang dar. Hier stößt eine Expedition im Pamir im heutigen Kirgisistan auf Gesellschaften von Neandertalern, die unentdeckt Jahrtausende überlebt haben. Die Yeti-Legende spielt insofern eine Rolle, weil russische Forscher nach deren Ursprüngen auch in dieser Region, die zur selben Hochgebirgskette wie der Himalaya gehört, gesucht haben. Was den Mensch ausmacht, im Lebensumfeld der Vorfahren wird es deutlich. Unwillkürlich wird hier jedes Erleben mit der Aura des Ursprünglichen aufgeladen. Wie auch immer das Bild vom Yeti ausfällt, in den Begegnungen von Mensch und Schneemensch leuchtet das Menschliche auf. Dass wir Menschen sich seiner biologischen Wurzeln heutzutage immer wieder versichern müssen, wirft ein bezeichnendes Licht auf unsere Lebenswelt. Der Zivilisationsmensch scheint diese Rückbesinnung, Rückbezug immer mehr zu brauchen. Theorien von unserer Entstehung und den Ursprüngen unserer Kultur erreichen nichts. Es braucht die Literatur, denn sie weiß uns auch anzurühren. Nachbemerkung: Schneemenschen überall. Von einer religiös-mythischen Gestalt bis zu realen Figur in einem spekulativ phantastischen Roman ist es ein langer Weg. Nichts desto trotz ist es interessant, die Übersetzungsvorgänge und Transformationsvorgänge zu studieren. Aus einem Kulturkreis, der noch ein mythisches Weltbild besitzt und in der die Naturerscheinungen immer auch eine religiöse Bedeutung haben, werden Erfahrungen der Bedrohung und reale Gestalten mythologisch interpretiert. In der westlichen Zivilisation wird die Volkssage "wissenschaftlich" interpretiert, so dass man hinter den Erfahrungen reale Gestalten vermutet. Aber auch hier gibt es auf individueller Ebene Überzeugungen und Glaubensbildungen. Es sind persönliche Mythen um den Yeti, die sich nicht rational auflösen lassen.

Bibliographie:
Sekundärliteratur, Sachbücher:
Reinhold Messner: Der Yeti. Die Enträtselung einer Legende., Frankfurt/Main, S. Fischer 1997 (2. Aufl.).
Christian Rätsch u. Heinz J. Probst: Namaste Yeti - Geschichten vom wilden Mann. Knaur Taschenbuch Nr. 3801, München, 1985.

Primärliteratur (Romane und Erzählungen):
Robert Darnton: Das Tal des Lebens. Bertelsmann, Gütersloh 1989 auch Goldmann Taschenbuch Nr. 44090 unter dem Titel "Neandertal. Tal des Lebens", München 1998.
Siegfried Fischer: Pat Parcham der Schneemensch, Verlag das Neue Leben, Berlin 1976.
Wolfgang Jeschke: Yeti. In: ders.: (Hrsg.) Die Gebeine von Bertrand Russel, München Heyne Taschenbuch 4057, 1984.
Philip Kerr: Esau. Wunderlich. Reinbek b. Hamburg. 1997 (auch Rowohlt-Taschenbuch)
Werner Kopacka: Im Tal des Yeti. Nymphenburger, München 1997.
Nicholas Luard: Yeti (OT: Himalaya). Ehrenwirth, München, 1993. (auch Fischer Taschenbuch Nr. 13325, München 1996)
Kim Stanley Robinson: Flucht aus Katmandu. In: ders.: Flucht aus Katmandu. Bergisch Gladbach, Bastei-Lübbe Taschenbuch Nr. 24137, 1988.
Jens Sparschuh: Der Schneemensch. Kiepenheuer Witsch, Köln 1993.