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Iain Banks |
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OT: Consieder Phlebas, 1989, Heyne Tb 4609, München 1989, Aus dem Englischen von R. Hundertmarck, 656 Seiten, 16.90 DM |
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Anläßlich der sogenannten Wehrmachtsausstellung sagte Jan Philipp Reemtsma, Krieg sei ein Gesellschaftszustand. In der Tat handelt es sich um einen Ausnahmezustand der Gesellschaft, in der sich eine dichotome Sicht der Welt entwickelt, die notwendig dafür ist, dass die Protagonisten am Leben bleiben. Diese schwarz-weiße Sichtweise in Freund und Feind bringt es mit sich, daß man latent psychotische Verhaltensweisen kultiviert und häufig diejenigen überleben, die der Umwelt gegenüber am misstrauischsten sind. Worte wie Freundschaft oder Loyalität gelten in Kriegszeiten nur noch bedingt, Opportunismus ist an der Tagesordnung. Menschen, die sich starr auf eine Seite schlagen, pflegt man dann gerne als Fanatiker zu bezeichnen. Krieg ist nicht auf die menschliche Rasse beschränkt, wenn man sich im Bereich der Science Fiction bewegt. Im Gegenteil. Die SF-Literatur lebt geradezu davon, sich auszumalen, was geschieht, wenn Fremdrassen in kosmische Kriege hineingezogen werden oder diese maßgeblich selbst in Szene setzen. Meistens sind solche Konflikte die Hintergrundfolie für sogenannte "space operas", deren goldene Zeiten schon lange Vergangenheit sind. 1989 machte ein neues Talent auf der Science-Fiction-Bühne der Weltliteratur durch ein solches Werk in Deutschland auf sich aufmerksam. Iain Banks, heute längst durch viele Romane etabliert, damals jedoch noch unbekannt in Deutschland, schrieb sich mit seiner Space Opera "Bedenke Phlebas" an die Spitze der SF-Bestseller. Worum geht es darin? Die Hintergrundfolie dieses Romans ist, wie oben erwähnt, ein Krieg, konkret: der interstellare Konflikt zwischen den beiden Machtsphären der insektoiden riesenhaften Idiraner, die man als fundamentalistische Gotteskrieger ansehen kann auf der einen und der sogenannten KULTUR auf der anderen Seite. Die KULTUR, eine metastasenhaft ausufernde Föderation vielfältiger humanoider und nonhumanoider raumfahrender Völker, technologisch erstaunlich weit fortgeschritten und fähig, selbst ganze Welten (sogenannte Ringe, Orbitale, Sphären, Wanderer u. ä.) zu bauen, mit zum Teil kontinentgroßen Raumschiffen, deren Besatzungsstärke in die Millionen geht, ist eine hedonistische Zivilisation. Sie transportiert die Botschaft, daß nichts statisch ist und alles durch Technologie erreichbar sein kann, inklusive extremer Langlebigkeit, Veränderung des eigenen Genoms, Umkrempeln planetarer Gesellschaftsordnungen, religiöser Dogmen und ähnlichem. Kurz gesagt: nichts ist ihr heilig, Leichtlebigkeit ist ihr Programm. Die strikt hierarchischen, kategorisch durchorganisierten und religiös ideologisierten Idiraner sehen in ihnen den Feind schlechthin und beginnen einen beispiellosen Konflikt, in dem die KULTUR Schritt für Schritt zurückweicht. Denn die KULTUR ist Meister im Unterwandern, nicht darin, militärisch Kämpfe zu führen. In einer Zivilisation, in der selbst Roboter und elektronische Gehirne vollwertige Mitglieder der Gesellschaft sind (manche halten sie für die Herren der KULTUR und die organischen Wesen nur für bessere Götzendiener), besteht die größte Stärke darin, sich auf die eigenen Ressourcen zurückzuziehen und auf Zeit zu spielen. Die geldlose KULTUR sieht das mit der Zeit aber als äußerst aufwendig an und ersinnt Mittel und Wege, den Kampf abzukürzen. Ein solches Mittel wird von einem einsamen Fabrikschiff entworfen, das seine letzte Erfindung, ein spezielles Computerhirn, noch rasch in ein schrottreifes Schiff packen kann, damit ihm die Flucht vor den Idiranern gelingt. Das klappt auch - aber das Gehirn kann mit seinem letzten Manöver eine Welt erreichen, die nahezu vollständig von der Außenwelt abgeschottet ist: Schars Welt, ein Planet der Toten. Die einzigen Wesen, die hier Zugang erhalten, sind die Wandler, ein Volk von Gestaltwandlern, die aus einem früheren Krieg übriggeblieben sind. Es gibt nur sehr wenige von ihnen - und sie befinden sich nahezu alle im Dienst der Idiraner. Die Insektoiden trachten natürlich auch danach, den Krieg zu beschleunigen - zu ihren Gunsten. Sie schicken den Wandler Bora Horza Gobuchul, den einzigen verfügbaren, der auch schon einmal auf Schars Welt lebte, in den Einsatz. Der ist jedoch sofort zuende, bevor er eigentlich begonnen hat: das idiranische Kampfschiff wird von einem KULTUR-Kontaktschiff attackiert und Horza findet sich im Weltraum treibend wieder. Das erste Raumschiff, das vorbeikommt, ist die arg ramponierte winzige CLEAR AIR TURBULENCE unter ihrem psychotischen Kapitän Kraiklyn, der, grob gesagt, ein Söldnerführer über eine Crew mit außerordentlich vielen Macken ist. Kraiklyns Leute sind eigentlich eine Art technologischer Aasgeier. Überall da, wo es etwas zu plündern gibt, wo zerstört und gemetzelt wird, tauchen sie auf, um abzusahnen ("schnell rein, schnell raus"). Kurzentschlossen plant Horza, den Kapitän zu übernehmen, sprich: zu töten und ihn zu mimen. Aber dazu muss erst einmal der geeignete Moment kommen... Für Horza beginnt eine Kette turbulenter und auch erotischer Abenteuer, die letzten Endes zu einer psychischen Zwangslage besonderer Art führen... Indem Banks einen "Außenseiter", der obendrein die KULTUR verabscheut, als Protagonisten nimmt, schafft er es, ein sehr interessantes Bild der KULTUR zu zeichnen. Gleichzeitig verteidigt Horza die Einstellung der Idiraner und schafft im Leser ein Gefühl des Verständnisses für sie. Es kristallisiert sich rasch heraus, daß beide Mächte eigentlich nicht in dem Sinne "böse" oder "aggressiv" sind, wie man sie sich nach dem althergebrachten, eingangs zitierten Schwarz-Weiß-Schema wünscht. Die Welt, die Banks beschreibt, ist, wiewohl auf der Grundlage eines Krieges basierend, der die Welt polarisieren sollte, keineswegs einfach. Das macht die Geschichte sowohl komplex als auch realistischer als manch andere Darstellung von Kriegen, ob man sich nun in der Geschichtsschreibung, der Politik oder anderen Science Fiction-Romanen befindet. Ich fühlte mich bei den Beweggründen der Idiraner und der KULTUR an die Grundlagen des Ersten Weltkriegs erinnert und an die Behauptung, sie seien alle nur in den Krieg "hineingeschlittert". Das würde Banks auch seine Protagonisten sagen lassen können. Neben der reinen Handlung, die ausgefeilte psychologische Charaktere aufweist, vermag auch die ethisch-moralisch-philosophische Dimension des Romans zu überzeugen, die den Leser zum Nachdenken animiert. Und die ausgezeichnete Übersetzung der leider viel zu früh verstorbenen Rosemarie Hundertmarck macht "Bedenke Phlebas" wirklich zu einem Lesevergnügen der besonderen Art, an dem niemand, der ernsthaft an Science Fiction interessiert ist, vorbeigehen sollte... (Rezension von Uwe Lammers, Braunschweig, den 19. November 1999) |
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