Nika Bertram
Der Kahuna-Modus

Originalausgabe Hardcover, Eichborn (Eichborn.Berlin) Frankfurt 2001, Cover und Illustrationen von L.G.X. Lillian Mousli, 3-8218-0697-4, 331 S., 39.80

Nadine ist Comic-Zeichnerin und lebt mir ihrer Freundin in einer deutschen Stadt. Dann begann sie sich zu verwandeln und nun ist sie in einem seltsamen Zwischenwelt, eine Art Jenseits, eine andere Dimension sein kann, für sie aber nur eine mit einem Milchnebel gefüllte Kammer ist. Dort hat sie die Aufgabe ihre Lebensgeschichte niederzuschreiben, was den Großteil des Romans ausmacht. Aber sie kann die Milchkammer auch wieder verlassen, das tut sie denn auch am Ende des Romans. Der Roman springt deshalb assoziativ zwischen dem Erzählen und dem erzählten Handlung hin und her am Anfang zumindest, dann lässt das die Dramaturgie nicht mehr zu.
Am Anfang steht ein seltsames Erlebnis in der Bretagne bei einem Besuch von Verwandten. Sie wacht an einem Strand auf und glaubt an Land gespült worden zu sein. Im Zustand der Niedergeschlagenheit wird sie von einer Metamorphose heimgesucht, sie wird zu einer Ratte, geht ganz in der Existenz der Ratte auf. Zurückverwandelt in ihre menschliche Gestalt, kommt sie in der Wohnung der Biologie-Laborantin Ary, die sie als Ratte gefunden hat, zu sich. Ary wird ihre Vertraute. Doch Nadine kann danach nicht mehr so richtig Fuß fassen in ihrem alten Leben und ihre Beziehung zur Freundin Susan, die wieder mit Nadines Halbbruder Arthur zusammenlebt, kann sie retten. Die beiden wollen heiraten, weil Susan schwanger ist, jedoch nicht von Arthur, sondern von Nadine! Langsam beginnt Nadines Identität immer mehr zu verschwimmen. Zu alle dem wird auch noch von Nick Raven bedrängt, die sie wie eine Figur in einem Film, der ihr Leben sein soll, behandelt. Und im Moment ist Nadine dabei, völlig aus der Rolle zu fallen.
Nadines Verwandlungen gehen weiter. Dazwischen taucht sie immer mal in der "Realität" auf, doch für sie wird der Platz immer enger. Sie vermag zwar ihre Verwandlungen immer besser zu kontrollieren, doch wird sie von ihrer Umwelt als immer bedrohlicher empfunden.
Man darf nicht zu viel erzählen, die Wiedergabe verkürzt das Unglaubliche nur zu einer Kette von kuriosen Ereignissen. Manchmal verschwimmen wildwuchernde Metaphorik, die oft Science Fiction und Horror Motive aufgreift, Traumerlebnisse und reales Geschehen miteinander, erzeugen so eine Atmosphäre, die die Grenzen der Erfahrungswelt durchlässig werden lassen.
Der Erzählfluss wirkt wild und ausufernd und doch ist der Roman in sich abgerundet. Auf den verschiedenen Levels kommen immer neue Erzählerstimmen dazu, die neue Aspekte hinzufügen. So bleibt der Leser bei der Stange, auch wenn es nicht immer leicht ist, den Wendungen zu folgen. Der Sprache wirkt unangestrengt, der Stil passt sich den Erzählerstimmen an.
Das Wort "Genre Fucking", (auch wenn es nur aus einer Laune heraus entstanden ist) im Sinne von "Ausnutzen" passt zu dieser wilden phantastischen Kraft des Romans. Die Energie speist sich nicht aus dem der Hochliteratur eigenen Drang, von Menschen und deren Beziehungen erzählen und so bewältigen zu wollen, sondern aus der Auseinandersetzung mit der Popkultur (zu der auch der Cyberpunk gehört), mit der verwalteten (Waren)Welt, die von Apparaten und Maschinen beherrscht wird, die aber dem Menschen Entfaltung seiner selbst verheißt, die Unmögliches wahr werden zu lassen verspricht, aber letztendlich doch dem einzelnen seine Chancenlosigkeit zeigt. Das Phantastische ist skandalös, denn hier sprengt das "Monster" Nadine alle Grenzen, es breitet sich in alle Zustände aus, sie wird alles, Tier, Mann, Frau, Filmfigur, Mischwesen, Fabelwesen, Datenbündel, Kopie ihrer selbst, und vieles davon gleichzeitig. Das entscheidende dabei ist, dass sie die Veränderungen annimmt und in ihren verschiedenen Existenzen aufzugehen versucht, auch wenn diese nicht dauerhaft sein können. Dieses Aufbegehren auch in und mit der Sprache gegen das Vorhandene, teilt "Der Kahuna-Modus" auch mit der Social-Beat Bewegung. Da ist es nicht verwunderlich, dass Bertram sich auch an Poetry Slams (erfolgreich) beteiligt hat.
Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass der Roman auch noch illustriert ist. Die Comic-Zeichenerin Lillian Mousli, die auch schon zu "Harry und der Glimmung" von Philip K. Dick (Edition Phantasia) Bilder beigesteuert hat, hat einen auf den ersten Blick grob wirkenden Zeichenstil. Doch auf den zweiten ist jedes Bild ausdruckstark.

Ein herausragender Roman, allen Phantastik-Freundinnen wärmstens empfohlen.

zurück
erster Satz
Liste