Michael Bishop
Das Herz eines Helden

(Ancient of Days, 1995) Dt. Erstausgabe, Heyne Taschenbuch Nr. 5967, Heyne 1998, Titelbild: Attila Boros, übersetzt von Christian Mähr, ISBN 3-453-13990-9, 507 Seiten

Cover von Michael Bishop 'Das Her eines Helden'In seinem Roman "No enemy but time" (bei Heyne als Tb mit dem Titel "Nur die Zeit zum Feind" erschienen) hat Bishop seinen Menschen in die Urzeit zu menschenähnlichen Vorfahren geschickt. In diesem Roman ist es umgekehrt, hier verschlägt es einen Australopithecus in die amerikanische Provinz der Gegenwart. Er ist womöglich der einzige Überlebende seiner Spezies, der es gelungen ist in einem unterirdischen Höhlensystem in Ostafrika relativ unbehelligt die Neuzeit zu erreichen. In Amerika gelingt es einer Künstlerin, in deren Grundstück der Vormensch auf der Suche nach Eßbarem eindringt, ihn an die Kultur zu gewöhnen, sich selbst mit diesem Affenmenschen vertraut zu machen, so dass sie sich immer näher kommen. Adam, wie dieser genannt wird, ist sehr gelehrig, bald benimmt er sich wie ein Mensch, lernt sogar lesen und schreiben. Das eröffnet ihm die menschliche Geisteswelt. Später lässt er sich auch noch am Kiefer operieren, damit er auch sprechen kann. Der Erzähler, der Ex-Mann der Frau sieht das mit Sorge und anfangs auch mit Eifersucht. Er ist ein sehr gemischter Charakter, der seine Vorbehalte überwindet und sich später auch mit Adam anfreundet.
Durch einen Zeitungsbericht von einem abgewiesenen Anthropologen wird diese Beziehung publik. Das ruft auch die Einwanderungsbehörde auf den Plan. Doch die Künstlerin und der Affenmensch haben inzwischen geheiratet und die Ehe auch vollzogen, so dass Adam kein illegal Eingewanderter mehr ist.
Aber auch den örtlichen Cu-Clux-Klan ruft das auf den Plan, die in Adam einen Untermenschen und die Ehe einen Verstoss gegen die gottgegebene Ordnung sehen. Ein Mordanschlag schlägt fehl und ein Clan-Mitglied stirbt dabei.
Als das Paar längst bekannt ist und die Öffentlichkeit nicht mehr scheut, wird ihr Baby entführt. Der Entführer will die Scheidung. In einer dramatischen Aktion wird der Verbrecher gestellt, doch für das Baby ist es zu spät. Von da an wendet sich Adam von der menschlichen Kultur ab, seine Bemühungen um Akzeptanz führt er nicht mehr weiter.
Mit seiner Frau unternimmt er eine Reise zu einer karibischen Insel, einer der Zwischenstationen der Verschleppung der Australopithecen, wo er nach seinen Artgenossen sucht. Es wird eine Reise zu den gemeinsamen Wurzeln, bei der auch Voodoo-Riten eine Rolle spielen.
Bishop hat sich in diesem Roman dem "mainstream" geöffnet. Nicht weil der Roman in der Gegenwart angesiedelt ist, sondern in der Erzählweise. Es ist ein Kunstgriff, den Ex-Mann, einen Restaurantbesitzer erzählen zu lassen. Für ihn haben wissenschaftliche Fragestellungen nur eine marginale Bedeutung. Die zentrale Fragestellung, was einen Menschen ausmacht, wird vor allem an der Entwicklung von Adam deutlich. Durch seine "Vermenschlichung" tritt seine fremde, seine kreatürliche Eigenständigkeit als Australopithecus zurück. Auch wenn er es nicht schafft, als Mensch akzeptiert zu werden, sein vormenschliches Leben bleibt im Dunkeln.
Bishop nimmt sich hier künstlerische Freiheiten heraus, denn ob ein Australopithecus mit nur 2/3 Gehirnkapazität eines Menschen ihm ebenbürtig sein kann, ist mehr als fraglich.
Es gelingt Bishop ein fast episches Garn zu spinnen. Man kann die Handlung sehr gut nachvollziehen, sie ist aber dennoch nicht vorhersehbar. Die Charaktere sind glaubwürdig. Für den SF-Leser mag die Erzählweise des Stoffes eher ungewohnt sein, lesenswert ist der Roman allemal.

(Rezension von Michael Baumgartner)

zurück
erster Satz
Liste